Ich lerne noch: Tsurezuregusa

Yoshida Kenko

Wenn ich allein und in Muße bin, sitze ich den ganzen Tag vor meinem Tuschkasten und schreibe alles, was mir durch den Kopf geht, ohne Zusammenhang und ohne eine bestimmte Absicht auf. Dabei ist mir immer recht wunderlich zumute.

Das schrieb der Mönch Yoshida Kenko um 1300 in Japan. Seine Gedanken sind in dem Büchlein Tsurezuregusa niedergeschrieben.
Auch ich sitze und schreibe, allerdings nicht vor meinem Tuschkasten. Der moderne Tuschkasten ist der angebissene Apfel. So denke ich auch wieder nach über den Satz: Ich lerne noch!
Yoshida Kenko hat auch darüber nachgedacht, ob man, während man noch lernt, schon in der Öffentlichkeit auftreten sollte. Ich finde seine Gedanken dazu so interessant und so modern, dass ich sie gerne hier wiedergeben möchte.

Man scheint allgemein der Auffassung zu sein, diejenigen, die eine Wissenschaft oder Kunst erlernen, sollten sich vor anderen, solange sie noch ungeschickt sind, nicht allzusehr zeigen, sondern erst dann hervortreten, wenn sie es nach langer Arbeit in aller Stille zu einiger Vollkommenheit gebracht haben, denn dann würden sie einen viel stärkeren Eindruck machen.
Selbst noch ungelenkk und unfertig sich unter Meister begeben, nicht verlegen werden, wenn man verspottet und verlacht wird, sondern unbekümmert und mit aller Kraft weiterarbeiten – dies allein ist der Weg, auch ohne angeborenes Talent dem Misserfolg zu entgehen.
Wer so vorgeht, wird, wenn er nicht erlahmt, bald die Begabten übertreffen, die sich um nichts mehr bemühen.
Diejenigen, die man jetzt als berühmt preist, sind früher oft Stümper genannt worden, und ihre Schwächen waren zahllos. Wer unter steter Beachtung aller Vorschriften in seiner Wissenschaft oder Kunst sorgfältig und fleißig weiter fortschreitet, wird also schließlich, wenn er nicht plötzlich leichtsinnig wird, ein hochgelehrter Mann und Lehrer von vielen Tausenden sein. Dies gilt für alle Künste und Fertigkeiten in gleichem Maße.

Wie heißt es doch so schön in Teemeister Rikyu’s zweitem Lehrgedicht, in dem er vom unentwegten Lernen, dem narai-tsutsu spricht?

ならひつゝ見てこそ習へ習はずに よしあしいふは愚なりけり
Naraitsutsu mitekoso narae narawazu ni yoshiashi iu wa.
Fort und fort lernen durch sehen und lernen; Törichtes „gut oder schlecht“ reden ist Nicht-lernen.

Rikyu spricht hier vom Lernen – narai und nicht von Üben. Auch das Üben ist eine Art von Lernen. Wenn ich immer und immer wieder bestimmte Formen übe, mache ich jedesmal eine neue Erfahrung. Es ist etwas anderes, ob ein Anfänger die Form übt oder einer mit einer zwanzigjährigen Erfahrung. Ich erfahre mich im Üben immer neu, obwohl ich immer die selbe Form übe. So ist auch das Üben ein Lernen.
Aber das fortgesetzte Lernen geht noch darüber hinaus. Es übt nicht lediglich eine bestimmte Form, es bringt stets neue Erfahrungen und Erkenntnisse über die Sache und über mich selbst.

Üben oder lernen bringt uns weiter auf dem Weg in unserer Kunst und zu uns selbst. Dabei müssen wir uns gegenüber immer kritisch bleiben. Nur so lassen wir nicht nach im Lernen.
Aber dummes Kritisieren und Besser-wissen heißt, dass wir den Weg verloren haben!

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