Sakura Sakura

Soweit das Auge reicht –
Kirschblüten und Weidenzweige
Bunt vermischt –
Frühlingsbrokat ist wahrlich
Nun die Hauptstadt selbst. 

Kokin Wakashu

Kaum ein Ereignis versetzt die Japaner in höhere Aufregung als die erste Kirschblüte im Jahr. Einmal war ich zu den Feierlichkeiten zum Totengedenktag des großen Teemeisters Sen no Rikyu (+ 1591) in der Urasenke Teeschule in der alten Kaiserstadt Kyoto. Hunderte von feierlich gewandeten Teelehrerinnen und Teelehrer waren gekommen, um gemeinsam des Todestages zu gedenken. Es war ein kalter Frühlingstag mit eisigem Wind. Der Großmeister legte die Holzkohlen aufs Feuer und fügte eine kleine Kugel mit Dufthölzern hinzu. Der ganze Raum füllte sich mit dem zarten Duft nach Kirschblüten, obwohl weit und breit keine einzige Blüte zu sehen war. 

Nach Ende der Feierlichkeiten verließen wir die historischen Teeräume und gingen ins Freie zu einem benachbarten Tempel. Plötzlich ertönten schrille Schreie. Erschrocken lief ich hin, um zu helfen. Aber da standen einige Teelehrerinnen verzückt unter einem Kirschbaum. Die allererste Blüte war gerade in dem Augenblick aufgebrochen, als sie aus den Teeräumen kamen. Mit schrillen Entzückensschreien versammelte sich eine riesige Schar von Teelehrerinnen und kommentierte diese erste Blüte im Jahr: „Genau in dem Augenblick, als wir von der Totenfeier kamen, brach die erste Kirschblüte auf!“

Dieses Jahr
erlebt die Kirschblüte
Zum ersten Mal den Frühling –
Ich wünschte, dass sie niemals
zu lernen brauchte, was fallen heißt

Kokin Wakashu

Tatsächlich sehen die Japaner in der vergänglichen Schönheit der Kirschblüten ein Sinnbild für den Tod mitten in der Blüte des Lebens. Entlang der Bachläufe werden gerne Kirschbäume gepflanzt. Wenn dann die vergänglichen Blüten den Bachlauf dicht mit den abgefallenen Blütenblättern bedecken, dann ist das fast noch schöner als die Pracht der Blüten an den Bäumen. Beim kleinsten Windstoß wirbeln die Blütenblätter im Wind. Dieser Hana Fubuki  – Blütenschneesturm bedeckt das Haupt und das ganze Gewand, das zu einem Hana Goromi, einem blütenbedeckten Zengewand wird. 

Wenn es regnet, fallen die Blütenblätter auf das dunkelgrüne Moos unter den Bäumen und färben es rosa. Welch wundervoll schwermütiger Anblick der Schönheit in der Vergänglichkeit!

Überall in den Städten feiern die Japaner diese vergängliche Schönheit. Man trifft sich in den Parks unter den Kirschbäumen. Dort werden blaue Plastikbahnen ausgebreitet und man trinkt Sake und genießt das mitgebrachte Essen.  Damit auch ja niemand die vergängliche Pracht verpasst, werden im Fernsehen ausführliche Lageberichte gesendet. Dort wird mit genauen Karten gezeigt, wo im Land gerade eben die Kirschblüte beginnt und wo sie ihren Höhepunkt hat. Dann reisen tausende von Menschen zu den Brennpunkten des Hanami, der Kirschblütenschau. 

Einer der berühmtesten Orte ist Yoshino in den Bergen südlich von Osaka. Dort hatte schon um 900 ein Mönch wilde Bergkirschen gepflanzt. Wenn dann der Schnee auf dem Berggipfel schmilzt, färbt sich der gesamte Berg weiß rosa wie mit Schnee bedeckt. Obwohl der Berg weitab von den Städten liegt, man stundenlang mit dem Zug unterwegs ist und dann noch mit der Seilbahn auf den Berg fahren muss, ist der Ort so dicht mit Menschenmassen bedeckt, dass man kaum einen Schritt vorwärtsgehen kann. Überall in den Menschenmassen trifft man die Yamabushi, die „Bergasketen“ in ihren seltsamen Gewändern und manchmal kann man hören, wie sie ihre riesigen Muschelhörner blasen. Früher einmal war der Berg der Rückzugsort des Tenno. Damals war es zu einem Krieg zwischen den südlichen und nördlichen Zweig der Tenno Familie gekommen. Viele Adlige zogen mit dem Tenno nach Yoshino, aber immer hatten sie Heimweh nach der alten Kaiserstadt Kyoto. Eine junge Adlige, deren Eltern gestorben waren, musste Yoshino verlassen und lebte als Dayu, als adlige Unterhaltungsdame in Kyoto. Immer hatte sie eine unstillbare Sehnsucht nach Yoshino. Darum gab man ihr den Namen Yoshino. Einmal besuchte sie in Kyoto den Tempel Kiyomizu, der auch berühmt ist für seine Kirschblüte. Sie klagte vor Heimweh nach Yoshina, aber beim Anblick der Kirschblüten sprach sie den berühmten Satz: „Auch hier ist Yoshino!“ Zuhause ist dort, wo die Kirschen blühen.

Der Hauptschrein der Kaiserstadt ist ebenfalls berühmt für die Kirschblüte. Wenn man den Garten durch ein rotes Shinto Tor betritt, ist man überwältigt von der unglaublichen Fülle der Kirschblüten. In allen Formen und Farben blüht es von weiß über rosa bis rot. Die Luft ist erfüllt vom Blütenschneesturm und das Haupt wird weiß von Kirschblüten. Der Weg durch den Garten macht eine leichte Biegung über eine kleine Anhöhe und plötzlich steht man in einem Zengarten. Keine einzige Blüte. Nur das beständige Grün uralter Kiefern und tote, abgestorbene Bäume, die mit ihren bizarren Formen die Landschaft prägen. Es gibt genau eine einzige Stelle auf der Anhöhe, an der man beide Gärten sehen kann. Schaut man zurück, so sieht man die bunte Welt der Vergänglichkeit, schaut man nach vorn, die gelassene und erhabene Welt der Unvergänglichkeit. 

Dieser Gegensatz zwischen der wilden Schönheit der Vergänglichkeit und der ruhigen Gelassenheit ist für Japaner derart prägend, dass sie sogar ihr Silbenalphabet nach einem alten Gedicht anordne, in dem jede Silbe ihrer 50 Laute genau einmal im Gedicht vorkommen.

              iro.ha nioedo chirinuru.o wa.ga yo tare zo tsune naran ui.ga yo tare zo tsune naran ui.no oku yama kyô koete asaki yume miji ehi.mo sezu  

Die Farben sind noch frisch, doch sind die Blätter, ach, schon abgefallen!
Wer denn in unserer Welt wird unvergänglich sein?

Pope in Griechenland II

Vor vielen Jahren habe ich über Papageorgios geschrieben, dem Popen in Lachania, dessen Frau eine kleine Taverne betreibt. Man sieht oft Popen, die in der Taverne bedienen oder gar selbst kochen, denn das Gehalt das die unstudierten Priester bekommen, reicht in der Regel nicht aus, um den Lebensunterhalt zu bestreiten. Nur die studierten Priester, die entweder in größeren Städten oder in höheren Ämtern arbeiten, müssen nicht unbedingt dazu verdienen.

papageorgios
Papageorgios – Papas in Rente

Inzwischen ist Papageorgios achtzig Jahre alt geworden und im Ruhestand. Ein neuer Priester feiert die Gottesdienste- da muss dann der alte Pope nicht mehr in die Kirche gehen. EIN Pope im Gotteshaus reicht aus. Eigentlich sagt man besser ‚Papas‘ und nicht Pope, das klingt ehrfürchtiger.

Aber Papageorgios – so lautet sein Familienname und nicht sein Titel ist doch eher ein ganz und gar schlichter Pope. Und Chrissie steht immer noch hinter dem Herd und kocht mit Begeisterung. So muss ich auch dieses mal nicht verhungern obwohl ich den ganzen Tag an meinem Buch über die japanischen Haiku schreibe. Das Buch wird auch ein ganzes Kapitel über Lachania enthalten mit lauter Haiku, die hier entstanden sind.

Chrissie in ihrer Taverne

Shakuhachi in Lachania



Das alte Haus singt
gemeinsam mit dem Bambus
von fremden Welten

Shakuhachi in Lachania

Ich wohne jetzt in einem Haus, das der holländischer Musiker ’Jerry‘, der sich in Lachania niedergelassen hatte, zusammen mit seiner Frau Jutte liebevoll restauriert und eingerichtet hatte. Persönlich war ich ihm nie begegnet, jedenfalls nicht bewusst. Leider ist er vor ein paar Jahren gestorben. Aber seine Frau Jutta, die in München in der unmittelbaren Nachbarschaft meiner früheren Wohnung zur Schule gegangen war, hatte ich oft getroffen. Denn die beiden hatten neben dem Haus, in dem ich damals immer wohnte, ein altes Haus restauriert, das sie an Freunde vermieteten. Und so waren wir zu unmittelbaren Nachbarn geworden, die sich hin und wieder über die Mauern hinweg unterhielten.
Abends spielte ich oft im uneinsehbaren Innenhof meines Hauses bis spät in die Nacht Shakuhachi. Einmal hatte ich fast die ganze Nacht mit dem stürmischen Wind um die Wette gespielt, der im Kamin heulte und schrie: Houuuh – jaiiih. Damals habe ich den Text :Klang und Stille geschrieben. Manchmal hatte ich das Gefühl, dass draußen Leute zuhörten, aber ich war viel zu sehr in das Spiel vertieft, um darauf zu achten.
Jetzt erzählte mit Jutta, dass Jerry von meinem Spiel so beeindruckt war, dass er sich selbst mehrere Shakuhachi besorgte und das Spiel erlernte. Ohne Lehrer ein echt schwieriges Unterfangen!
Vielleicht bekomme ich seine Shakuhachi, die derzeit in Berlin sind. Auf jeden Fall möchte ich im nächsten Frühjahr hier in Lachania ein Seminar halten mit Praxis und Theorie im Shakuhachi – Spiel. Vielleicht spielen wir dann ein Jerry Gedenkkonzert mit seinen Instrumenten? Wer weiß?
Interessenten können sich jetzt schon melden.


Zenmeister Dogen: Das Drehen der Blume

Zenmeister Dōgen: Das Drehen der Blume

Zenmeister Dōgen Zenji (1200 – 1253) ist vielleicht einer der größten Denker der Menschheit.
Sein Nachteil ist, dass er nicht im alten Griechenland, dem Heimatland der Philosophie gelebt hat, sondern im mittelalterlichen Japan in einer vergleichsweise friedlichen Zeit. Er hat seine Werke in der altjapanischen Sprache verfasst, die auch in Japan nur mit Schwierigkeiten verstanden wird. Außerdem schreibt Meister Dōgen aus und für die Erfahrung des Zen. Dennoch sind seine Gedanken überraschend modern und zeitlos und können uns auf unseren Wegen in ein meditatives Leben bereichern.

Sein Hauptwerk trägt den Titel Shōbōgenzō – Schatzkammer des wahren Dharma-Auges.
In dem Kapitel Udonge – Die Udumbara Blüteerzählt er die Geschichte von der Weitergabe der Lehre durch Gautama Buddha, der eine Blüte hochhält und dreht. Bei dieser Gelegenheit spricht Gautama das Wort Shōbōgenzō – Schatzkammer des wahren Dharma-Auges.
Dogen nennt die Blüte 優曇華Udonge, im Sanskrit heißt sie Udumbara.
In Indien dachten die Menschen, dass die Udumbara Blüte nur etwa alle 3000 Jahre erscheint und meistens von den Menschen unerkannt blüht. Deshalb scheint es so, dass in unserem Weltalter niemals mehr die Udumbara Blüte erscheinen wird, aber das ist keineswegs so. Sie erscheint in jedem Augenblick, den wir achtsam erleben.

Die Udumbaru ist eine indische Feige, die Ficus racemosa. Es ist eine Besonderheit der Feigenbäume, dass die Blüte im Inneren der Frucht geschützt blüht, sodass man sie von außen nicht sehen kann. Mehrere Blüten erscheinen gleichzeitig und bilden innerhalb der Fruchtknospe das Fruchtfleisch aus. Richtet man den Blick nur nach Außen, so kann man die Blüte der Udumbaru niemals sehen. Man muss nach innen schauen, um sie zu erkennen. Dann aber erkennt man, dass sie eigentlich überhaupt nicht selten ist, sondern das in jedem Fruchtkörper der Feige Dutzende Blüten verborgen sind. Wir müssen nur unsere gewöhnlichen Augen schließen und mit dem ‚wahren Dhama-Auge‘ schauen.
Die Übergabe der Lehre beschreibt Dōgen in der freien Wiedergabe eines alten Sutra:

»Vor einer Versammlung von tausenden Anwesenden auf dem Geiergipfel hielt der Tathagata (der Weltgeehrte Gautama Buddha) eine Udumbara-Blüte empor, drehte sie wortlos in seinen Fingern und machte mit seinen Augen ein Zeichen. In diesem Augenblick erschien ein Lächeln
auf Mahakasyapas Gesicht und der Weltgeehrte sprach:
»Ich habe die ‚Schatzkammer des wahren Dharma-Auges‘ (Shōbōgenzō) und den wunderbaren Geist des Nirvana. Ich übertrage sie an Mahakasyapa.«

Buddha dreht die Blüte in den Fingern, so wie er das Rad der Lehre dreht. Er dreht die Blüte, so wie man sich auf dem Weg übt, das heißt, unterwegs ist auf dem Weg zu sich selbst. Wenn die Udumbara Blüte nur die Knospe einer Feige ist, so ist die eigentliche Blüte im Inneren verborgen. Kein Wunder, dass niemand, der nur auf das Äußere schaut, die Geste Buddhas versteht. Warum dreht er eine Feigenknospe in den Fingern? Hat er nicht auch unter einem Feigenbaum gesessen, als er ‚erwacht‘ ist?
Wer seine ‚bisherigen Augen verliert‘, dem öffnet sich ein neuer Blick auf die Welt und die Wirklichkeit. Sein gewöhnliches Auge, das nur Gewöhnliches sieht, wird zum wahren Dharma – Auge und es erblickt den Kern des Geheimnisses.

»Das Drehen der Blume bedeutet, dass die Blume die Blume dreht, und zwar als Pflaumenblüte, als die Blüten und Blumen im Frühling, als die Blüten im Schnee, als die Lotosblüten.«

Die Blume dreht die Blume? Es ist da niemand mehr, der sie dreht, niemand macht etwas. Sie dreht sich ganz von selbst. Eigentlich ist das Drehen der Blume die gesamte Wirklichkeit, die jetzt mit einem erwachten Blick wahrgenommen wird.

»Letztlich ist das Drehen der Udumbara – Blüte nichts anderes, als die Berge, Flüsse und die Erde, die Sonne und der Mond, der Wind und der Regen, die Menschen, die Tiere, die Gräser, die Bäume und die mannigfaltigen Dinge, die sich jetzt und hier offenbaren. Leben und Sterben, Kommen und Gehen sind so vielfältig und strahlend klar wie die Blume.«

So ist Dharma, japanisch gesprochen Hō – zwar die Lehre Buddhas und das Buddha-Gesetz, nach dem Alles Leiden ist und es ein Erwachen aus dem Leiden gibt. Aber Buddhas Lehre ist nicht ausgedacht, sie sagt nichts anderes, als die Wirklichkeit der Welt
insgesamt. Dharma sind dann einfach die ‚zehntausend Dinge‘ in ihrer Gesamtheit – Berge und Flüsse, Götter und Menschen, Tod und Vergänglichkeit, leidende Wesen und Freiheit vom Leiden.

Wenn wir in der Lage sind, die scheinbar gewöhnlichen Dinge des Alltags mit wachen Augen wahrzunehmen, dann geschieht eine Verwandlung – mit der Welt, den Dingen und uns selbst.
Dann ist das Gewohnte nicht mehr das Gewöhnliche, sondern das erstaunlich Geheimnisvolle, das immer und überall geschieht und das wir frei von Stress und Angst ganz einfach nur mit unserem Herzen wahrnehmen.

Die Übergabe der wahren Schatzkammer des Dharma-Auges geschieht nicht nur einmalig, in dem Augenblick, als Gautama Buddha die Blüte auf dem Geierberg in den Fingern dreht. Dōgen mahnt denn auch:

»Vergesst das Drehen der
Blume des Tathagata auf dem Geierberg!«

Es kommt nicht darauf an, einen vielleicht einmal in einem historischen Augenblick geschehenen Vorgang zu wissen und zu verehren. Jeden Augenblick, in dem ein Buddha die Blume dreht, ist der Augenblick der Übertragung, JETZT im Augenblick.
Können nur Buddhas die Blume drehen? Aber vielleicht ist jeder, der achtsam die Welt wahrnimmt, ein Buddha?!
Jeder, der sich bemüht und auf dem Weg übt, ist ein übender Buddha – so sagt Meister Dōgen.
Ein Anfänger auf dem Weg kann vielleicht noch nicht so lange sitzen wie jemand, der viel Erfahrungen mitbringt und er plagt sich mit Schmerzen. Aber er ist – in dem Augenblick, in dem er übt – ein übender Buddha, der die Blüte dreht und die Lehre weitergibt.
Immer und immer wieder!

Kürzlich hatte ich Besuch von einem jungen Mann, der Zuflucht vor seinem stressigen Beruf suchte. Ich zeigt ihm, wie man atmet und bat ihn, ganz einfach nur auf dem Stuhl zu sitzen, ins Tal zu blicken und absichtslos den Schmetterlingen auf der Wiese zuzuschauen. Nach einer halben Stunde wachte er wie aus einer Trance auf: »Es ist ganz unglaublich, wie einfach das ist!« Ja, es ist einfach. Wir müssen nur für einen Augenblick zurücktreten und die Welt ohne Termindruck oder ohne gehetztes Machen-Müssen betrachten. Dann erscheint das Drehen der Blume, ’so wie die Schmetterlinge im Frühling tanzen‘. Immer wieder neu!

Wir wollen wieder einmal die Blume drehen und uns mit der Schrift Shōbōgenzō befassen.
Dazu gibt es am Benediktushof ein Seminar: Shinjin gaku Dō – Den Weg mit Leib und Geist lernen.
Dazu werden wir nicht nur Texte von Meister Dōgen lesen und gemeinsam interpretieren, sondern auch verschiedene Übungsformen von der Zen – Meditation über Teezeremonie bis hin zur Zen – Shakuhachi leibhaftig erfahren.
Vorkenntnisse sind nicht erforderlich, lediglich die Bereitschaft, sich auf die gemeinsame Erfahrung einzulassen

Ort: Benediktushof

Beginn: Freitag, 17.08.2018, um 18:00 Uhr

Ende: Sonntag, 19.08.2018, um 13:00 Uhr

Kursprogramm Benediktushof

Anmeldung am Benediktushof

Unterricht im Teeweg und Zen-Shakuhachi und Zen – Meditation
auch im August wie üblich nach individueller Vereinbarung.
Im September bin ich für zwei Wochen in Griechenland. An meinem Buch über das Daodejing des Laotse weiterarbeiten, Shakuhachi in einer alten byzantinischen Kirche aufnehmen und – last not least – im Meer schwimmen gehen.
Bei Bedarf werde ich in dem kleinen Dorf im nächsten Frühjahr ein Seminar mit Shakuhachi Unterricht und Zen – Meditation organisieren. Anfragen sind schon jetzt möglich.


Zenmeister Dōgen: Sein – Zeit

Zen-Meister Dōgen und das Üben der Zeit.

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Vor ewigen Zeiten – als ich noch ein Student der Philosophie war, kam ein Japaner in unser Seminar über Heideggers „Sein und Zeit“ an der Münchner Universität. Zu unser aller Überraschung kannte er sich perfekt aus in „Sein und Zeit“ und er konnte den Inhalt nicht nur in Fachterminologie, sondern auch in einem Alltagsdeutsch ohne eine einzige heideggersche Wendung erklären.
Er kam aus Kyoto und hatte dort bei Prof. Tsujimura, einem letzten Vertreter der Kyoto – Schule der Philosophie studiert. Diese Schule versuchte, westliche Philosophie und die Erfahrungen im Zen miteinander zu verbinden.
Bald saßen wir in einer kleinen privaten Gruppe beieinander und versuchten, Texte des Zenmeisters Dōgen aus dessen Werk Shōbōgenzō, der „Schatzkammer des wahren Dharma-Auges“ zu übersetzen. Wir mühten uns mit dem Kapitel Genjō kōan ab. Aber von einem anderen Kapitel ging eine noch größere Faszination aus, dem Ū-JI, etwa SEIN -ZEIT. Tsujimura hatte eine Übersetzung veröffentlicht, aber die las sich wie reiner Heidegger, und man muss die Übersetzung eigentlich erst aus dem Heideggerschen ins Deutsche übersetzen. Aber hier war ein Denken eines japanischen Zenmeisters aus dem 13. Jahrhundert, das sich scheinbar mit dem zeitgenössischen Denken Heideggers traf.
Heideggers Hauptwerk heißt „Sein und Zeit“, ein kleines Spätwerk nannte er „Zeit und Sein“. Gibt das Sein die Zeit oder gibt die Zeit das Sein?

Alle Dinge „wechseln und werden“ wie Hölderlin sagt. Manchmal rast die Zeit, und wir spüren, dass „wir keine Zeit haben“, manchmal dehnt sie sich endlos und wird vielleicht sogar zur langen Weile oder zur Langeweile. Manchmal reißt sie auch, indem sich die Dinge in rasender Geschwindigkeit, die sich unserer Kontrolle entzieht, verändern oder verschwinden. So erleben wir die Zeit im ständigen Wechsel der Dinge. Aber wenn wir uns hin setzen, die Augen schließen und still werden – gibt es dann keine Zeit mehr, weil wir den Wandel der Dinge nicht mehr erleben? Ist die Zeit nur die Wandlung der Dinge ausserhalb von uns selbst? Doch, die Zeit läuft weiter. Manchmal können wir wirklich still werden und spüren, wie die Zeit scheinbar langsamer wird. Manchmal aber drängt es uns weiter: – keine Zeit mehr, ich muss wieder aus der Stille zurück, weil noch so viel zu erledigen ist!
WAS ist dann die Zeit, wenn wir sie nicht an der Änderung der Dinge außen erleben? Wir erleben Zeit ja offenbar nicht, weil sich die Dinge ändern, sondern wir erfahren die Änderung der Dinge, weil wir in uns das Vergehen der Zeit spüren. Ist die Zeit ein inneres Drängen, ein dem Menschen innewohnender „Sinn“?
Wissenschaftler haben Versuche gemacht, bei denen Menschen in eine tiefe Höhle in einem Berg lebten, ohne jeden Kontakt zur Außenwelt. Sie konnten dort tun, was sie wollten. Licht einschalten, lesen, Essen zubereiten oder schlafen. Zur Überraschung der Wissenschaftler kam dabei heraus, dass alle Versuchsteilnehmer in etwa einen 25 stündigen Zeit Rhythmus hatten und bei behielten. Ist die Zeit in unseren Zellen programmiert? Erleben wir Zeit, weil wir alt und älter werden? Ist Zeit Lebens – Zeit? Spüren wir das Drängen der Zeit, weil wir spüren, dass wir noch leben MÜSSEN, dass unbedingt noch dies oder das getan werden sollte? Wir leben nur, wenn wir die Dinge innerhalb der Zeit erledigen. Aber wer oder was gibt uns diese Zeit vor? Ist es unsere eigene Bestimmung oder unser Geschick?

Zenmeister Dōgen und die Zeit

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Zenmeister Dōgen (1200 – 1253)

Zenmeister Dōgen beginnt das Kapitel Ū-JI mit einem Gedicht:

古佛言

有時 高高峯項立
有時 深深海底行
有時 三頭八臂
有時 丈六八尺
有時 挂杖拂子
有時 露挂燈籠
有時 張三李四
有時 大地虚室

Ein alter Buddha sagt:

Zu einer Zeit (Ū-JI) auf dem hohen, hohen Berggipfel stehen,
zu einer Zeit auf dem tiefen, tiefen Meeresgrund gehen.
Zu einer Zeit der dreiköpfige, achtarmige Wächtergott,
zu einer Zeit der bald 16 Fuß und bald acht Fuß große Buddha.
Zu einer Zeit Stab und Wedel,
zu einer Zeit Pfeiler und Gartenlaterne,
zu einer Zeit Hinz und Kunz,
zu einer Zeit große Erde und leerer Himmel.

(Übersetzung: Ryõsuke Ōhashi)

Das Wort Ū-JI 有 時, das hier als „zu einer Zeit“ übersetzt ist, besteht aus zwei Worten und aus zwei Schriftzeichen. Es kann im Chinesischen und Japanischen in dieser Zusammensetzung „manchmal“ bedeuten, aber der philosophische Gehalt der Gedanken Dōgens verbietet diese Übersetzung. Das erste Zeichen U wird als Sein oder Haben gelesen. Normalerweise unterscheiden wir in unser Sprache Haben und Sein. Wie oft versuchen, wir uns über das Haben zu bestimmen. Wenn der Nachbar ein größeres oder schnelleres Auto fährt als ich selbst, kann das möglicherweise an meinem Selbstbewusstsein kratzen. Wer ist DER, dass der sich ein schnelleres Auto leisten kann?
Darum ist es in vielen Firmen ein ungeschriebenes Gesetz, dass man kein größeres Auto fährt, als der Vorgesetzte. Und der Vorgesetzte bekommt den besseren Bürostuhl mit Armlehnen, während wir uns mit einem kleinen, lehnenlosen begnügen müssen. Sogar im Zenkloster spielt diese Bestimmung des Seins durch das Haben eine Rolle. In dem Gedicht heißt es: „Zu einer Zeit Stab und Wedel“. Stab und Wedel sind die Insignien des Abtes. Wenn er die trägt, hat jeder im Kloster mit absolutem Gehorsam ohne jeden Widerspruch das zu tun, was der Abt anordnet. Wer Stab und Wedel HAT, der IST der Abt und die absolute Autorität!

Aber welche Weisheit liegt in dem Bild, mit dem das chinesische U (Sein / Haben) geschrieben wird. Es zeigt eine Hand, die den Halbmond greift. Wir können zwar nach dem Mond greifen. Wenn wir die richtige Perspektive unserer Sehweise wählen, gelingt es sogar, den ganzen Mond mit unserer Hand zu greifen. Aber das ist nur unsere sehr subjektive Sichtweise. Der Mond ist viel zu weit weg, um ihn greifen zu können. Aber wie oft meinen wir, etwas fest im Griff zu haben, nur um kurze Zeit später zu erkennen, dass wir einer sehr subjektiven Sicht und einer Illusion erlegen sind. Selbst wenn wir den Mond greifen könnten, so ist der Mond doch in ständiger Veränderung. Man kann genau diesen Mond in diesem Augenblick nicht fest halten – schon hat er sich wieder verändert. Wir versuchen, unser Sein zu sichern, indem wir es z.B. „versichern“. Wir versichern unser Leben, indem wir eine Lebensversicherung abschließen. Aber ist dadurch unser Leben wirklich „sicher“ geworden? Das Einzige, was wir versichern können, ist der finanzielle Verlust. Aber was ist, wenn uns unersetzliche, lang geliebte Dinge verloren gehen. Können wir die wirklich mit Geld ersetzen?

Ist es wirklich so, dass wir uns durch das „Haben“ bestimmen? Das Haben unterscheidet uns von den Anderen. Wir bestimmen uns aus unserem Verhältnis zu den Anderen. Ich habe Stab und Wedel, du musst tun, was ich sage. Ich bin reich, du bist arm; ich bin klug, du bist dumm.

Die Zeit: Üben der Zwölf Stunden

Das zweite Wort in Ū-JI ist Ji 時, die Zeit. Das Schriftzeichen zeigt als Bild die Sonne, der zweite Teil des Schriftzeichens ist das Lautzeichen, das zeigt, dass dieses Wort als JI gesprochen werden muss. Verwirrend wird es, wenn wir ein Lexikon der alten japanischen Sprache zu Hilfe nehmen. Ji bedeutet:
Zeit, Jahreszeit, Vierteljahr, Doppelstunde, Stunde, Frist, richtige Zeit, Gelegenheit, zeitgemäß, jetzt, derzeit, zeitig, von Zeit zu Zeit, mit der Zeit, während, als, damals, ständig, immer, und schließlich sogar: Wetter.
Kurz nach dem angeführten Gedicht schreibt Dōgen:

[Dies – dass alles jeweilige Zeit ist – ist] anhand der gegenwärtigen
zwölf Tageszeiten zu üben und zu erlernen.

WAS ist da zu üben und zu erlernen? Wir sind doch ohnehin immer in der Zeit. Niemand kann sich aus der Zeit heraushalten. Aber unser Verhältnis zur Zeit ist gespalten. Rilke schreibt in den Duineser Elegien, dass wir Menschen immer schon „zu spät“ auf „teilnahmslosem Teich“ landen. Die Tiere, so meint Rilke „wissen die rechte Zeit“, wir Menschen dagegen sind meisten „zu spät“ oder manchmal auch zu früh. Bevor wir den Verlauf der Dinge richtig erkennen, und unser Gemüt frei machen von unseren Vorurteilen und unserem Haften am Gewohnten, ist die rechte Zeit vorüber: Wir sind wieder einmal zu spät! Wir SIND nie in der rechten Zeit, wir müssen üben, uns dorthin zu begeben.

Das Üben

Was aber heißt „üben“? Wenn wir etwas üben, dann wiederholen wir einen ganz bestimmten Vorgang ganz bewusst immer wieder. Wir tun jedes mal wieder das Gleiche, aber jedes mal bringen wir ein Stück von Erfahrung aus dem Übungsprozess, den wir vorher durchlaufen haben in die Übung ein. Übung ist bewusste, stete Wiederholung eines Vorganges, der sich stets während der Übung zwar als der selbe erweist, aber immer anders erfahren wird. Wenn wir uns im täglichen Trott des Alltags befinden, so üben wir die Zeit nicht ein, weil uns der Trott nicht bewusst wird. Nur, wenn wir uns der Zeit jeweils ganz und gar bewusst werden, üben wir in der Wiederholung. Sonst ist die Wiederholung ein endloses Laufrad der Routine; aus dem wir nie wieder frei werden können. Rilke schreibt in den Duineser Elegien:
Was bleibt ist eine verzogene Gewohnheit, der es bei uns gefiel und darum blieb sie.
Die Gewohnheit ist „verzogen“ wie ein ungehorsames Kind und sie ist verzogen und schief, weil sie nicht mehr passt. Aber sie blieb uns treu und wir verhalten uns nach dieser Gewohnheit, obwohl sie schon längst keinen Sinn mehr macht. Weit entfernt, den Augenblick bewusst zu „üben“, verhalten wir uns weitgehend unbewusst nach den verzogenen Gewohnheiten. Diese Wiederholung verschleißt und vernutzt uns im täglichen Trott und in Routine.

Was sind die zwölf Stunden, von denen Dōgen spricht? Die Zeit im alten China – und dem folgend auch in Japan – war in zwölf Stunden eingeteilt, sechs Nacht- und sechs Tagstunden. Die Tagstunden wurden, wie übrigens auch bei uns in unserem alten Europa, mit der Sonnenuhr gemessen. Der Tag hatte zwischen Sonnenauf- und Untergang sechs Stunden (in Europa 12), die Nacht ebenfalls sechs Stunden. Ganz klar ist die Stunde eines Sommertages sehr viel „länger“ als die Stunde einer Sommernacht. Und umgekehrt ist die Winter Tagesstunde viel kürzer, als die Nachtstunde. Das entspricht vollkommen dem natürlichen Lebensrhythmus der Menschen. Die langen Sommer-Tagesstunden sind erfüllt mit Tätigkeiten auf dem Felde. Die kurze Nacht dient der Ruhe. Im Winter, wenn die Natur ruht, ruht auch der Mensch. Die Stunden seiner Aktivität sind sehr viel kürzer, als die der Ruhe. Die alte Zeiteinteilung ist eine Einteilung von gelebter Zeit, nicht eine abstrakte Zeit, die mit der Uhr gemessen wird. Mit der Uhr kann man keine Lebenszeit „messen“. Die zeigt nur sinnlose, gleichmäßige Abschnitte von Zahnrädern, die sich drehen. Als bei uns die mechanischen Uhren aufkamen, bestand lange das Problem, dass die Uhren ständig „falsch“ gingen, denn sie zeigten nie die „richtige“ Zeit an. Man musste die mechanischen Uhren immer wieder mit einer Sonnenuhr auf die „richtige Zeit“ einstellen. Selbst mit der Sonnenuhr können wir nicht wirklich Zeit messen, sondern nur die Tagesstunde. So sagt Dōgen:

Obwohl Länge und Ferne, Kürze und Nähe der zwölf Tageszeiten noch nie gemessen [wurden],
nennt [man] sie [dennoch] die zwölf Tageszeiten.

Länge und Ferne, Kürze und Nähe der Tageszeiten hängen von unseren Hoffnungen oder Befürchtungen ab, sie sind nicht in Stunden oder Bruchteilen von Stunden messbar. Wenn ich etwas sehnlich herbeiwünsche, dehnt sich die Zeit scheinbar unerträglich lang und manchmal „vergeht die Zeit wie im Flug“. Wenn ich Tee in einer Zeremonie bereite, erlebe ich keine Länge oder Kürze der Zeit, nur den Augenblick. Wie lange eine Zeremonie gedauert hat, könnte ich nicht sagen. Wenn Kinder ganz in ihrem Spiel aufgehen, haben sie keine Zeit mehr, sie SIND ganz und gar im Augenblick.

Eigenschaften der Tageszeiten

Abgesehen davon, dass man die Länge und Kürze einer Zeit nicht messen kann, ist eine Stunde zur Zeit des Sonnenaufganges eine völlig andere Zeit als eine Stunde um den Sonnenuntergang. Schon einige Zeit vor dem Sonnenaufgang wird es kalt. Die Nachttiere begeben sich zur Ruhe, die Tagesvögel beginnen mit ihrem Gesang. Allmählich wird die Natur wach und die Tautropfen auf dem Gras glitzern im frühen Morgenlicht, ehe sie sich im Morgennebel auflösen. Langsam beginnen die Menschen sich zu regen und ihren Tagesgeschäften nachzugehen.
In der Schrift Namboroku sagt der Teemeister Rikyu, dass man sich zu der Zeit vom Lager erheben soll, wenn die Vögel beginnen, zu singen. Dann soll man den Teeraum reinigen und anschließend Wasser aus dem Brunnen schöpfen. Das ist dann die Stunde des Tigers. Diese Wasser heißt in China die „Blüte des Brunnens“. Es macht gesund und stark. Wasser dagegen, so sagt Rikyu, das man in der Stunde des Hasen, also etwas vor dem Sonnenuntergang schöpft sei „giftig“! So hat die Natur unterschiedlichen Charakter zu den verschiedenen Tagesstunden. In den Morgenstunden bricht alles auf zu den Tagesgeschäften, in den Abendstunden kehren alle Wesen heim in die Stille.

Die griechische Dichterin Sappho schreibt in einem berühmten Gedicht:

Esperos – bringst alles heim, was der Morgenstern zerstreute,
Bringst Schafe heim, bringst Ziegen heim,
bringst weg von der Mutter die Tochter.

Alles kehrt müde und satt vom Tag heim in die Stille, nur die Tochter verlässt die Mutter, um, gerufen vom Abendstern, der Venus, zu ihrem Geliebten zu gehen und sich den Taten der Liebe zuzuwenden. Das entspricht dem Charakter der Nachtstunden. So hat eine Stunde des Morgens einen völlig anderen Charakter, als eine Stunde des Abends. Dies ist nicht messbar, aber dennoch ist gerade das die Zeit!

Üben des Alltags

Was aber heißt es, wenn Dōgen sagt, die Zeitlichkeit der Erscheinungen ist anhand der gegenwärtigen zwölf Tageszeiten zu üben und zu erlernen?

An anderer Stelle sagt Dōgen, dass die einzige Übung das „einfach nur Sitzen“ (shikantaza) sei. Einfach nur sitzen? Möglicherweise zwölf Stunden auf dem Sitzkissen verharren in stiller Meditation? Das ist nur eine Übung für Mönche und nichts für Jedermann! Aber auch die Mönche müssen essen und schlafen. Aber Dōgen hat ganz genaue Vorschriften über den Ablauf des Tages niedergeschrieben. Er regelt die Haltung, in der die Mönche aufwachen, wie sie die Zähne putzen und das Gesicht waschen, wie sie zur Toilette gehen oder wie sie essen und in welcher Haltung sie sich schlafen legen. Diese Tätigkeiten sollen als bewusste Übungen der gegenwärtigen Tageszeiten gelten. Damit wird das gesamte Leben einschließlich des Schlafes zur Übung eines bewussten Lebens und Erfahrens. DAS ist der Sitz im Leben, den es zu üben gilt. Einfach nur sitzen? Jeder Augenblick unseres Lebens wird so zum Sitzen.

In den japanischen Kunstwegen gibt es die Kata, im Teeweg sagen wir die Tenmae. Das sind festgelegte Formen, die es bewusst zu üben gilt. Man spricht vom Erlernen der Form oder Kata, dem Überziehen der Form und vom Vergessen der Form. Wenn wir die Form so verinnerlicht haben, dass wir selbst zur Form geworden sind, dann können wir die Form vergessen, weil wir sie leben. Aber eigentlich übe ich den Teeweg nicht nur dann, wenn ich zusammen mit Gästen Tee bereite: Jeder Augenblick des Lebens ist im Sinne Dōgens Übung des Teeweges.

Im zitierten Gedicht scheint Dōgen einen “alten Buddha“ zu zitieren. Aber bis auf die beiden ersten Zeilen, die auf den alten Meister Yakusan Igen zurückgehen, scheint der gesamte Text von Dōgen selbst zu stammen. Aber was ist ein „alter Buddha“? Der Text ist im Japanischen zweideutig: Es kann ein Buddha der alten Zeit, also der Vergangenheit gemeint sein, der früher einmal gesprochen hat, oder einer, der alt geworden ist und aus dieser Altersweisheit jetzt im Augenblick spricht. Im Zen und besonders im Denken Dōgens ist man bereits ein Buddha, wenn man sich entschließt, zu üben. Denn dann hat man erkannt, dass das Leben Leiden ist und hat sich entschlossen, dieses Leiden zu beenden. Also ist eigentlich jeder, der sich auf einem Übungsweg befindet ein Buddha. Vielleicht muss man auf dem Weg „alt und weise“ geworden sein, um ein solches Gedicht schreiben zu können.

Gegensätze: Klarheit und das Wälzen im Grase

Der alte Buddha sagt:
Zu einer Zeit auf dem hohen, hohen Gipfel stehen,
zu einer Zeit auf dem tiefen, tiefen Grund des Meeres gehen.

Der hohe, hohe Gipfel ist der Ort völliger Klarheit, der Ruhe und Gelassenheit. Der tiefe, tiefe Grund des Meeres ist der Ort der Verzweiflung, des Getrieben-Seins und der Unklarheit. Kann ein alter Buddha derart zwischen den Zuständen der Klarheit und der Verzweiflung wechseln? Ist man nicht als Buddha völlig über das Leiden erhaben?
Einem Zenmeister war der Sohn gestorben und er trauerte tief. Sein Schüler fragte, warum er trauere, wo er doch ein Zenmeister sei. Die Antwort: „Was verstehst du vom Menschen!“ Auch Zenmeister sind Menschen, sie werden krank, verlieren den Partner oder werden in kriegerische Wirren hineingerissen.

Aber es geht bei dem Gehen auf dem Meeresgrund nicht nur um eigenes Leiden oder eigene Unklarheit. Es entspricht dem Konzept des Boddhisattva im Buddhismus, dass sich derjenige, der voll erwacht ist, voller Mit-Leiden den anderen Menschen zuwendet, um ihnen zu helfen. Dieses Mitleid des Boddhisattva ist keine milde Gabe, die er an die Armen verteilt, es ist echtes Mit-Leiden mit dem Leiden der Anderen. Indem er mit – leidet, kann er den anderen verstehen und helfen, das Leiden zu überwinden. Darum nimmt ein Zenmeister Schüler an, die er auf ihren Wege begleitet: und schon ist er mitten drin im Leiden. In der Sammlung des Hekiganroku heißt es, er „wälzt sich im Grase“.

Warum ist da ein Gegensatz zwischen dem stillen Stehen auf dem Berggipfel und dem Gehen auf dem Meeresgrund? Das Wort für gehen ist gyou, das Schriftzeichen zeigt die Kreuzung zweier Wege. Das Wort wird in den alten buddhistischen Texten auch für das Üben gebraucht. Im Hannya Shingyou, dem Herzsutra heißt es, dass der Boddhisattva Avalokiteshvara, der Boddhisattva des Mit-Leidens die große Klarheit zu dem Zeitpunkt erlangt, als er „übt – gyou“. Genau das Üben gibt ihm die Zeit des Erwachens: „JETZT“.

Darum muss das Gehen auf dem tiefen Meeresgrund, in den Abgründen des Leidens und des menschlichen Sein auch eine Art des Üben sein. Wenn wir den Zustand des Leidens „üben“, dann gehen wir aktiv einen Weg, andernfalls sind wir im dumpfen Leiden verloren, werden vom unverstandenen Schicksal herum geworfen und lernen nichts daraus. Das Üben im Zustand des Leidens ist ein Einüben des Lebensweges, das zu Zeiten nötig ist, damit zu anderen Zeiten die große Klarheit gewonnen werden kann.

Von solchen radikalen Gegensätzen des Seins in der Stille und dem Umgang mit den 10.000 Dingen spricht schon das Daodejing des Laotse. Im ersten Teil heißt es:

chang wu, yu yi guan qi miao, – Immer NICHT wünschen: sehen Geheimnis
chang you, yu yi guan qi jiao. – Immer SEIN wünschen: sehen Grenze (der Dinge)

In der üblichen Übersetzung von Richard Wilhelm heißt das:

Darum führt die Richtung auf das Nichtsein
zum Schauen des wunderbaren Wesens,
die Richtung auf das Sein
zum Schauen der räumlichen Begrenztheiten.

Das „Geheimnis“ ist der grenzenlose Ursprung, das Nicht, das man nur sehen kann im Zustand der Wunschlosigkeit. Wenn man wünscht oder begehrt, was wir in unseren alltäglichen Geschäften immer tun MÜSSEN, sieht man die Begrenzung der Dinge, mit der sich jedes Ding vom anderen unterscheidet. Es ist ein Hin- und Hergehen zwischen unterschiedlichen Zuständen der Zeit.

Hin- und hergehen zwischen der Klarheit und dem Wälzen im Gras

Daitō Kokushi, einer der wichtigsten Zenmeister aus dem Daitokuji – Tempel in Kyoto, der eng mit dem Teeweg verbunden war und ist, hatte lange Jahre über das Koan KAN – Grenze, kein Durchgang – meditiert, bis ihm endlich der Durchbruch gelang. Dann schrieb er ein Gedicht:

itsukai ūnkan o to kashi owari
nanbokutōsai katsuru tsūsu
sekisho chihō yū hinshū o botsu
kiyaku tō kiyakutei seifū o

„Ein einziges Mal die Wolken-Sperre vollständig durchdringend hinübergegangen:
Süden Norden Osten Westen: lebendiger Weg weitet sich
abends am Ort, morgens spielend: Verschwinden von Gast und Gastgeber
Fuß Kopf Fuß – von unten bis oben reiner Wind.“

Die Wolken-Sperre Ūnkan ist das Kōan KAN, Sperre, das der chinesische Zenmeister von Wolkentor-Berg gegeben hatte. „ein einziges mal hindurchgegangen durch dieses torlose Tor“ kann man sich hin und her bewegen zwischen den Zuständen des Stehens auf dem hohen Gipfel und dem gehen auf der Tiefe des Meeresgrundes.

Buddha und der Wächtergott – Erweisen durch die Dinge

Ähnliche Gegensätze wie zwischen dem hohen Berggipfel und dem tiefen Meeresgrund baut Dōgen immer wieder auf. Einer der Gegensätze ist der zwischen dem „dreiköpfig-achtarmigen Wächtergott“ und dem „bald sechzehn bald acht Fuß großen Buddha“. Vermutlich spricht Dōgen auch hier nicht von abstrakten Gedanken, so wie er die Einübung der zwölf Tagesstunden an „diesem“ konkreten Tag, der genau jetzt ist, verlangt.
Solche Wächterfiguren standen am Eingang der Tempel. Noch heute stehen grimmig schauende Wächterfiguren am Eingang von nahezu jedem Tempel in Japan. Sie schrecken Feinde ab und schützen den heiligen Ort des Tempels. Dennoch gehören sie nach dem buddhistischen Denken zu den niedrigsten Daseinsformen überhaupt. Der Buddha dagegen, der im Innersten des Tempels geborgen ist, wird entweder stehend (16 Fuß hoch) oder sitzend (8 Fuß hoch) dargestellt. Von dem Buddha sagt Dōgen weiter:

„Dieser (kore) sechzehn Fuß große Goldleib ist Zeit, und weil er Zeit ist, kommen ihm Herrlichkeit und Glanz der Zeiten zu.“

Dōgen spricht nicht von irgendeinem Buddha, sondern von diesem dort – japanisch: kore. Dabei kann er sicher mit dem Finger auf die Buddhafigur, die möglicherweise ihm gegenüber auf dem Altar sitzt, weisen. Zugleich zeigt er seinen Schülern, die noch nicht „erwacht“ sind zu ihrer Buddha – Natur, dass ein Erwachen zu einer bestimmten Zeit möglich ist, so wie es in der Geschichte viele Erwachte gegeben hat. Indem er auf den Goldbuddha zeigt, ruft er seine Schüler in das Erwachen durch ihr Üben in der Zeit. Das gleiche gilt wohl auch für den achtarmigen, dreiköpfigen Wächtergott. Noch deutlicher wird der Sachverhalt vielleicht am nächsten Gegensatzpaar:

Zu einer Zeit Stab und Wedel
Zu einer Zeit Pfeiler und Gartenlaterne.

Stab und Wedel sind, wie schon gesagt, die Zeichen der Autorität und Herrschaft des Abtes. Pfeiler und Gartenlaterne sind die ganz alltäglichen Dinge des Lebens im Kloster.
Stab und Wedel stehen für das Üben des Buddhaweges in der Meditationshalle, Pfeiler und Gartenlaterne sind die Dinge des alltäglichen Lebens, die „besorgt“ und versorgt werden müssen.
Damit ist wieder ein ähnlicher Gegensatz aufgebaut, wie in allen Versen.
Wenn wir die zwölf Stunden einüben, so tun wir dies, indem wir ganz im Augenblick sind, im Ū-JI, gleichgültig, ob die Mönche in der Meditationshalle sitzen und meditieren oder sich im Gespäch über die heiligen Dinge mit dem Rōshi befinden oder ob sie den alltäglichen Verrichtungen oder der Arbeit im Garten nachgehen. Auch die tägliche Arbeit ist das Üben der zwölf Stunden.

Sich Selbst erlernen heißt: sich selbst vergessen.

Im Genjō kōan schreibt Dōgen:

Den Buddhaweg erlernen heißt, sich selbst erlernen.
Sich selbst erlernen heißt, sich selbst vergessen.
Sich selbst vergessen heißt, durch die zehntausend Dharma von selbst erwiesen werden.

Die zehntausend Dharma sind hier einfach die zehntausend Dinge oder alle Dinge. Wie können wir durch die Dinge „erwiesen“ werden?

Im Teeweg etwa üben wir, uns selbst vollkommen zu vergessen. Wenn ich den Teelöffel nehme, bin ich ganz und gar beim Teelöffel. Meine Atmung und meine Bewegung werden EIN Fluss, und achtsam bewege ich den Leib auf den Teelöffel zu, ohne „die Hand zu benutzen“. Wie von selbst liegt der Teelöffel in der Hand, und ich werde zum Teelöffel. Nun vergesse ich den Teelöffel, weil ich mich nun ganz der Teedose zuwende – ich werde zur Teedose. Bei Kindern können wir beobachten, wie sie völlig selbstvergessen im Spiel aufgehen und ganz und gar in ihrer eigens für und durch das Spiel geformten Welt aufgehen. Sie sind dann ganz bei den Dingen und werden Prinz oder Räuber, Prinzessin oder Hexe, indem sie durch die Dinge dazu „erwiesen“ werden. Die Dinge, durch die ein spielendes Kind als Prinzessin erwiesen werden kann, sind vielleicht ein alter Lumpen, der zum goldenen Gewand erklärt wird. Im Spiel geben die Dinge den Spielenden ihre Deutung, die ihrerseits die Dinge so deuten, dass sich der Gesamtzusammenhang des Spieles zu einer kleinen Welt formt – zu einer Zeit! Ebenso selbstvergessen sollten wir den Tee spielen oder vielleicht sogar unser ganzes Leben.
So ist sicher zu verstehen, dass wir „zu einer Zeit Pfeiler und Gartenlaterne oder dreiköpfiger-achtarmiger Wächtergott oder Goldbuddha“ sind.

Jeder kennt sicher solche Augenblicke, etwa beim Hören eines Musikstückes oder eines Gedichtes, beim Betrachten eines Kunstgegenstandes oder einer Landschaft . Wir vergessen uns selbst vollkommen und SIND die Landschaft oder das Bild. Zu dieser Zeit SIND wir Buddha! Aber selbst, wenn ich verständnis- und empfindungslos etwa vor dem Buddha mit dem Goldleib stehe, weil ich keinen Zugang zu ihm finde, erweist er mich zu dieser Zeit als das, was ich bin, nämlich als der Verständnis- und Empfindungslose ohne Zugang.

Dōgen zählt also in seinem Gedicht nicht einfach irgend welche Dinge draußen in der Welt auf, die ohne jede Bedeutung für uns selbst sind. Er nennt nur Dinge, die „uns erweisen“, indem unser Herz – Geist mit den Dingen in Verbindung tritt und zu den Dingen wird. Das ist „Ich-anordnen als die gesamte Welt wirken lassen „ wie Dōgen sagt. Im Buddhismus gibt es nicht die Vorstellung eines festen „Ich“, das durchgängig das Selbe bleibt. Das Ich bestimmt sich aus dem Umgang mit den Anderen. Im Umgang mit den Anderen konstituiert sich das Ich. Wenn ich auf dem Abt Stuhl sitze und Stab und Wedel trage, reagieren die Anderen, indem sie mir die nötige Achtung entgegen bringen, dann bin ich Abt. Wir können immer wieder beobachten, wie Menschen in ihrer Arbeit gemobbt werden und wie sie allmählich ihre Selbstachtung und ihr Selbstverständnis verlieren. Von außen betrachtet können wir nicht verstehen, wie der Gemobbte allmählich seine Selbstachtung verliert – Wir als Beobachter sind ja nicht betroffen. Aber der Gemobbte fragt sich: „Bin ich wirklich der dumme Kerl, wie mein Chef behauptet“? Zunächst kann man dem sein eigenes Selbstbewusstsein entgegensetzen, aber allmählich verliert man das Selbstvertrauen, macht Fehler und weiß schließlich nicht mehr, wer man wirklich ist, und man versteht die Welt nicht mehr. Mit dem Verlust des „Ich-anordnen“ verlieren wir auch die gültige Deutung unserer Welt, die scheinbar zusammenbricht.

Anders kann die Konfrontation mit „diesem Goldleib“ (des Buddha dort in der Halle) mich wachrufen und mahnen, selbst zum Buddha zu werden. Dann weiß ich, dass ich üben muss, und verstehe meine gesamte Welt von diesem Goldbuddha her. Wenn sich das Ich aus der Begegnung mit den Dingen konstituiert, wird damit zugleich eine ganze Welt gezeugt. Das Liebespaar sieht, versteht und erlebt einen Baum völlig anders, als ein Biologe oder ein Förster oder ein Schreiner. Sie verstehen Welt aus dem Zusammenhang ihres Ich, ihr Ich wird bestimmt aus dem Zusammenhang von Welt, die sie erleben.

Hinz und Kunz und die „übernatürlichen Kräfte“

In den letzten beiden Versen des Gedichtes spannt Dōgen noch einmal einen riesigen Gegensatz auf:

Zu einer Zeit Hinz und Kunz,
zu einer Zeit große Erde und leerer Himmel.

Wörtlich steht im japanischen Text:
Zu einer Zeit wie der dritte (Sohn des) Zhang oder der vierte (des) Li. Zhang und Li waren damals in China so geläufige und häufige Namen wie Hinz und Kunz. Wir könnten die Stelle auch als „Herr und Frau Mustermann“ übersetzen.
Hinz und Kunz ist Jedermann und jede Frau ohne jede Besonderheit. Nach der konfuzianischen Gesellschaftsordnung hatte nur der erste Sohn innerhalb der Familie eine wichtige Stellung. Der dritte oder gar der vierte Sohn waren unbedeutende Niemande. Diesen unbedeutenden Allerwelts-Niemanden steht die große Erde und der leere Himmel entgegen.

Große Erde und leerer Himmel spannt den gesamten Raum auf, in den die zehntausend Dinge erscheinen können. Es ist hier ein ähnlicher Gegensatz genannt, wie in den Eingangsversen, in denen der hohe Gipfel dem tiefen Meeresgrund gegenüber steht. Anfangs- und Endverse sind wie ein Spiegel:

Gipfel des hohen Berges / tiefer Meeresgrund – Jedermann / 10.000 Dinge
Offene Weite / tiefer Abgrund – Alltäglichkeit / offene Weite.

„Übernatürliche Kräfte“

„Zu einer Zeit Hinz und Kunz“ meint, dass auch der Zenmeister Zeiten hat, wo er wie ganz gewöhnliche Menschen agiert und lebt. Wenn er zum Supermarkt fährt um einzukaufen, so muss er sich wie jeder andere auch an die Verkehrsregeln halten. Wenn er den Einkaufswagen durch die Regalreihen schiebt, schwebt er nicht etwa 10 cm über dem Boden oder leuchtet still vor sich hin. Das wäre zwar recht praktisch, weil man dann sehr viel Strom sparen könnte, weil man abends keine Beleuchtung einschalten muss, aber Zenmeister sind eben keine mystisch Erleuchtete mit wunderbaren Fähigkeiten. Im Zen und in den Zen-Künsten geht es nicht darum, „übernatürliche Fähigkeiten“ zu entwickeln wie das gleichzeitige An-Weilen an verschiedenen Orten, über dem Boden Schweben oder Licht auszusenden. Im Kapitel Jinzū des Shōbōgenzō schreibt Dōgen über diese „übernatürlichen Kräfte“. Zwei Kräfte nennt er ganz besonders, nämlich „Wasser holen und Feuer anzünden“. Wasser holen ist eine „übernatürliche Kraft“, die jeder hat, allerdings muss man sie „verwirklichen“. Im Teeweg heißt es:

Wasser holen, Brennholz sammeln, Feuer anzünden,
Tee schlagen und trinken, das ist alles.

Die „übernatürlichen Kräfte“ sind ganz normale, alltägliche Vorgänge, die wir in unserem Leben bewusst vollziehen. Wenn wir darüber nachdenken, was es heißt, dass wir Wasser holen können, so geraten wir in ein tiefes Erstaunen. Schon das Wasser an sich ist eine wunderbare Sache. Wie ist es zu verstehen, dass Wasser die Lebensgrundlage von allen Lebewesen ist? Wie kann eine solch einfache Sache wie H2O solche Kräfte und Fähigkeiten entfalten? Vom einfachen Reinigen mit Wasser bis hin zum Wasser als Lebenselixier schlechthin! Wir können sehr viel länger ohne Nahrung auskommen als ohne Wasser. Und dann haben wir Menschen auch noch die wunderbare Fähigkeit, Brunnen anzulegen, Wasser zu speichern und zu holen. Wenn wir alltäglich den Wasserhahn aufdrehen, haben wir es verlernt, das Wunderbare des Wassers überhaupt in den Blick zu bekommen.

Und was ist es für eine wunderbare Fähigkeit, Feuer anzuzünden. Da ist ein Stück Holz und wir können es in einen Zustand versetzen, in dem es Licht, Wärme oder Hitze frei setzt, mit dem wir Essen kochen, Keramik brennen oder Metalle schmelzen können. Welch unvorstellbares Wunder!

Der dritte Sohn des Zhang oder der vierte des Li

Im Hekiganroku wird von einem Übenden berichtet, der sich in die Berge zurückzog, um zu üben. Nach einiger Zeit kamen die Tiere und brachten Früchte vor die Höhle und die Vögel legten Blumen nieder. Der Übende wurde sehr traurig, weil er begann, „übernatürliche Kräfte“ zu entwickeln, so dass sogar die Tiere ihm huldigten. Er wusste, dass er noch einen langen Weg des Übens vor sich hatte. Endlich kamen keine Tiere mehr, um ihm zu huldigen, und die Vögel brachten keine Blumen mehr. Er war geworden wie Hinz und Kunz – nichts besonderes! Nun wusste er, dass er das Ziel seines Übens erreicht hatte. Er war zum „Mensch ohne Rang“ geworden.

„Zu einer Zeit wie Hinz und Kunz“ meint zwar, dass man so wie jedermann im ganz alltäglichen Leben wird, aber genau das ist das letzte Ziel des Übens im Zen und in den Zen-Künsten. Wozu dann der ganze Aufwand des Übens und der Anstrengung?
Eine Teemeisterin hat einmal über den Zustand des „Erwachten“ geschrieben: „Ich erkenne, dass ich der selbe Idiot bin wie vorher – aber es macht mir nichts mehr aus!“

Hinz und Kunz als Unerwachte sind im Leiden und getrieben von den Dingen. Hinz und Kunz als Erwachte sind frei!
Im Kapitel Genjō kōan berichtet Dōgen von einem Zenmeister Hotetsu, der von einem Mönch gefragt wird, wieso er denn den Fächer benutzt, wo doch die Wind-Natur ständig und Überall ist. Als Antwort benutzt der Meister einfach seinen Fächer, da erwachte der Mönche. Die Wind-Natur ist ebenso wie die Buddhanatur ständig und überall, aber man muss sie „verwirklichen“. Ebenso ist die Übernatürliche Fähigkeit immer und überall, aber man muss sie verwirklichen. Hinz und Kunz sind von ihrer Natur aus Buddha, aber sie müssen diese Natur verwirklichen! Und das geschieht in der Übung des Alltags.

Die weite Erde und der leere Himmel

Die letzte Zeile des Gedichtes ist schwierig. Dōgen schreibt:

Zu einer Zeit wie große Erde und leerer Himmel.

Das meint sicher die ganze Weite allen Seins zwischen Himmel und Erde. Im Daodejing „ist“ zunächst nur das Dao, das aber nirgendwo als einzelnes, abgrenzbares „Ding“ vorkommt, das sich aber in allen Wesen entfaltet. Dann entstehen Erde und Himmel als der leere Raum, in den hinein die zehntausend Dinge erscheinen können. In der japanischen Lesung heißt es:

MU MEI TEN CHI NO SHI
YU MEI MAN BUTSU NO Bō

Nicht Name: des Himmel – Erde Ursprung
Haben Name: der 10 000 Dinge Mutter

Aber die Schreibweise für die beiden letzten Schriftzeichen ist merkwürdig. Dōgen benutzt nicht das Schriftzeichen Ten für Himmel, das den Himmel als Strich abbildet, der über dem Kopf eines einem großen Menschen ist, sondern das Zeichen für Sora oder in der chinesischen Lesung KU, das ebenfalls Himmel meint, aber als den weiten, leeren Raum.
Ku ist nicht nur der Himmel, sondern die Leere, die der Inder Nagarjuna als sunyata bezeichnet. Im altindischen Denken ist es akasha, der leere Himmel oder der leere Raum, der die Voraussetzung dafür ist, dass die Dinge erscheinen und sich zeitigen können.

Der Himmel ist Ku oder sora – 空 – der (leere) Himmel. Das Schriftzeichen zeigt ursprünglich eine Höhle, in der Tropfsteine von der Decke herabhängen. Die Leere des Himmels ist der heitere, aufgeräumte, blaue Himmel ohne jede Wolke. Wenn man an einem klaren Sommertag auf einer Wiese liegt und zum Himmel schaut, so erfährt man die Leere des Himmels: es ist, als würde man in die offene Weite des heiteren Himmel fallen. In diese Leere hinein können Gedanken ziehen, wie kleine Wolken am Sommerhimmel. Aber die Wolken verdecken den Himmel nicht, sie ziehen weiter, so wie unsere Gedanken in der Meditation. Von dieser Leere des Himmels spricht das Hannyashin Gyo, das Herzsutra. Dort heißt es, dass die Erscheinungen (Shiki – Farben) die Leere (ku) sind und die Leere die Erscheinungen. (Shiki soku ze ku – ku soku ze shiki). Zenmeister Dōgen sagt, dass wir im Zazen, der Meditation im Sitzen, diese Leere um uns herum erfahren. Wir werden allmählich Eins mit dieser Leere.

Das Üben der Leere: der Atem

Scheinbar ist die Leere des Himmels noch gedoppelt durch das Wort KO – Leere: KO KU – leere Leere. Das Zeichen KO 虚kann die Bedeutung von leer, unbefangen oder gelassen haben, aber auch hohl, eitel, nichtig, unnütz, falsch, unecht, unwahr, unwirklich, Schein, nominell, vorurteilslos bedeuten. Die Leere KO ist eine Leere des Menschen. Im Buddhismus bezeichnet KO das Frei-sein von Wünschen und Begehrlichkeiten. Es ist der Mensch, der sich leer macht und sein Selbst zurück lässt. Zusammen mit dem Zeichen für den offenen Mund bedeutet das Zeichen im Chinesischen xu – langsam ausatmen, leer werden, wörtlich wohl ‚den Mund leeren‘. Atmet man langsam aus, so bedeutet dies auch das Los-lassen, das Sich-frei-machen vom Persönlichen und leer werden vom Ego. Im späteren Daoismus bezeichnet dieses Wort eine von sechs Arten des Ausatmens.

Auch in den Übungen des Teeweges – so wie in den anderen japanischen Wegen – ist das Ausatmen sehr wichtig. Alle Bewegungen, die Kraft erfordern, wie das Aufstehen und Hinsetzen oder das Heben von schweren Gegenständen werden in der Ausatmung getan, weil man beim Ausatmen mehr Kraft im Unterbauch hat und das Ki 気 – die Lebensenergie besser fließt. Aber auch ganz leichte Dinge werden im Ausatmen getan. Sen no Rikyu hat als Regel aufgestellt, dass man Schweres so handhaben soll, als sei es leicht, Leichtes so als sei es Schwer. Dies ist eine geheime Anweisung zur Atmung. Sowohl Schweres als auch Leichtes werden im Ausatmen getan.

Das Schriftzeichen für die Leere KO 虚 zeigt im oberen Teil das Zeichen für den Tiger, im unteren Teil sind Hügel zu sehen. Es ist das Bild eines Tigers, der kraftvoll und geschmeidig über die Hügel des weiten und leeren Graslandes streift. Ebenso kraftvoll und geschmeidig soll der Atem sein, mit dem wir ausatmen, und das, was wir im rechten Ausatmen tun, wird weich und geschmeidig, aber zugleich kraftvoll wie der Tiger.

Im Zhuangzi gibt es die Geschichte vom Meister Nanguo Ziqi, der offenbar in Meditation auf seine Armlehne gestützt zum Himmel aufschaut und langsam ausatmet (xu). Plötzlich war er in tiefer Meditation versunken und hatte scheinbar jedes Bewusstsein eines Begleiters ( sein Ego ?) verloren.
Meister Yan Cheng Zi-You – nach einer Übersetzung heißt er ‚Herr Wanderer von völliger Gemütsruhe“ – der vor ihm stand, ist erstaunt, als er den Meister sieht, wie dessen Herz oder Geist (kokoro) „wie tote Asche“ wird. Alle Leidenschaften und persönlichen Gefühle, Ängste und Sorgen sind von ihm abgefallen. Meister Ziqi sagt:

Gerade habe ich mich selbst verloren. …

Auch in den Zen Künsten geht es darum, uns leer und frei von Gedanken zu machen. Beim Bogenschießen etwa geht es nicht darum, das Ziel zu treffen, es geht darum, leer zu werden, ganz beim Ziel zu sein, ja, Ziel zu werden. Das Treffen ist dann Nebensache.
Der Zenmeister Takuan schreibt in einem Brief vermutlich an den Schwertmeister Musashi, dass der Schwertkämpfer seinen Geist keinen Augenblick an irgend einer Sache fest machen darf. Der Gegner wird diesen Augenblick für seinen Angriff ausnutzen.

Wenn Dōgen für den „leeren Himmel“ die Schriftzeichen KO KU benutzt, so ist das möglicherweise ein Hinweis auf das Üben, denn im Sazen, dem Zen im Sitzen, achtet man auf das Ausatmen. An einer Stelle schreibt Dōgen, dass man die Meditation beginnen soll, indem man durch den geöffneten Mund ausatmet. Während des Sitzens spürt man den leeren Raum um sich herum, so Dōgen. Man macht sich also zunächst selbst leer, um in die Leere einzukehren.

Durch das Üben werden wir die große Erde und der leere Himmel, um sein zu können, wie Hinz und Kunz! In der Leere spürt man die Kraft, die in allen 10.000 Dingen waltet und gewinnt festen Stand in den Dingen des Alltags.

Die Übersetzung der Dōgenverse stammt von Prof. Ryosuke Ohashi, meinem Studienfreund, mit dem wir schon vor Jahrzehnten versucht hatten, diesen Text zu verstehen. Nach langer Zeit habe ich ihn auf einer Veranstaltung im Benediktushof wieder getroffen. Dort hat er einen Vortrag gehalten über die Zeit bei Zenmeister Dōgen und den Text Ū-JI. Am Ende des Seminars hatte ich die Freude, für ihn im Beisein von zwei chinesischen Teemeisterinnen eine „geheime“, auf chinesische Ursprünge zurückgehende Teezeremonie durchführen zu dürfen. Am Ende sagte er , meine Zeremonie sei eine Interpretation seines Vortrages und des Gedichtes von Dōgen gewesen.

Die Teezeremonie aus den chinesischen Ursprüngen, die über Japan nach Deutschland gekommen war, begegnete durch die Vermittlung eines Japaners und interpretiert von einem Deutschen wieder den Chinesen, die erstaunt zusahen. So geschah zu einer Zeit die Begegnung von Menschen verschiedener Kulturen aus dem Geist einer alten Zenkunst.

Literaturhinweis:

Eine teilweise Übersetzung von Dōgens Shōbōgenzō herausgegeben von Ryōsuke Ōhashi und Rolf Elberfeld:

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Aus dem Archiv: Monatsbrief Juli / August 2011