Wissenschaft und Poesie

Jeden Morgen in der Früh stehe ich auf und setze mich an meinen Mac. Immer mehr versinke ich in den Texten von Hölderlin. Heute habe ich ein Fragment in seiner Handschrift gefunden, das mich tief berührt hat:

Doch wie der alternde Winter gesanglos schläft
Zur beschiedenen Zeit aus blaichem Feld
doch grüne Halme sprossen
und ein einsamer Vogel klagt (singt)

Doch leider muss man manchmal „wissenschaftliche Texte“ lesen, denn hin und wieder könnte da ja eine Idee für meine Interpretation stehen. Aber das ist wie der tiefe Winter, in dem auf ‚blaichem Feld‘ nur Stroh zu sehen ist. Hier ein Beispiel, warum ich möglichst keine wissenschaftlichen Texte lese sondern lieber Hölderlin selbst:

Hölderlins Texte irritieren ihre ideologiekritischen Interpreten, weil sie immer schon wissen, was jene erst decouvrieren wollen. Gegenüber den szientifischen Diskursen, die Hölderlins Poesie zum Prädizierten ihrer regelgeleiteten (etwa psychoanalytischen, sozioöogieschen, strukturalistischen) Theoreme depotenzieren und so die Aitiologie seines Traumas: benannt zu werden, unerschrocken methodisch wieder herstellen, betreiben seine Texte die Subversion des „Ordo inversus“; statt dass die zum signifie der Signifikationskette würde, möchte Hölderlins Dichtung die sie vermeintlich objekti-vierende Diskurse gewaltlos umgreifen und deren Verfahrensweise zum Sachgehalt ihrer Deutung machen.

Kannte etwa der japanische Haikudichter Basho den Text? Hat er solche Texte gemeint, wenn er schreibt:

Unter dem Herbstmond
sah ich Blumen auf dem Felde.
Ach, es war nur Stroh!

Ach, armer Hölderlin! Was hätte er wohl dazu gesagt?  Vielleicht:

„Weh mir, wo nehm ich, wenn ich solche Texte lese, die Luft zum Atmen?
Sprachlos und kalt steh ich, im Winde klirren die Druckfahnen!“

 

Erlebnis

Ein Tag auf dem Land mit Corona

Zenmönche beim Teetrinken

Es ist ein wunderschöner Frühlingstag. Die Sonne scheint warm und angenehm. Die Vögel singen und die frisch gemähte Wiese duftet. Eigentlich könnten wir in die Stadt ins Gartencenter fahren und noch ein paar Pflanzen kaufen. 

Wir fahren durch die wunderschöne Landschaft. Die Wiesen blühen und die Wälder leuchten im frischen Grün.
Das Leben ist schön!

An der letzten Ampel vor dem Gartencenter fällt mir mit Schrecken ein: Wir haben die Masken vergessen. Sollen wir versuchen, ohne Maske hinein zu kommen? Nein! Keine Chance. Es besteht Maskenpflicht.

Also machen wir einen kleinen Ausflug zurück nach Hause. Dort steht ein ganzer Karton von Atemschutzmasken, die ein Freund aus China als Geschenk geschickt hatte. 

Als wir den Markt betreten wollen, prangt dort dick und fett das Schild: 

„Eintritt nur mit Maske. Ohne Einkaufswagen kein Zutritt. Immer nur eine Person pro Einkaufswagen.“

Wir sind zu zweit, also nehmen wir zwei Wagen, obwohl wir nur einen brauchen. Im Center ist eine ganz entspannte Stimmung. Die Verkäufer sind nett und es sind nur wenige Leute beim Einkaufen. Ich suche noch einen Gartenhibiskus, denn das war die Lieblingsblume von Teemeister Sen Sotan. Eine einzige Blüte mit einem Gras in einer Blumenvase aus Korb im Teeraum zeigt wunderbar schlicht aber herzergreifend die Jahreszeit. Nun fehlt noch eine U no Hana, eine Hasenblume, auf Deutsch eine Deutzie. Sie zeigt die Jahreszeit des frühen Sommers. Es gibt eine berühmte Teeschale mit einer Malerei, die eine Deutzie an einem Bambuszaun zeigt: U no Hana gaki. 

Wir haben die Einkäufe im Wagen verstaut. Nun lockt ein kleiner Hunger. Drüben im Supermarkt gibt es belegte Semmeln. Wir erstehen zwei Stück. Ach, da stehen ja ein paar Tische draußen. Dort ist zwar der Parkplatz, aber etwas Grün lässt den Ort verlockend erscheinen. Ganz entfernt an einem Tisch sitzt noch ein Paar und trinkt seinen Kaffee. Die Sonne scheint, es ist warm und ein angenehm frischer Wind weht. Wir sind gerade fertig mit Essen, da kommt eine Verkäuferin aus dem Markt zu uns. Sie wirkt verängstigt und gestresst: „Wenn Sie da sitzen wollen, müssen Sie ein Formular ausfüllen und unterschreiben. Mit Adressangaben und Beantwortung einiger Fragen. Falls etwas geschehen sollte, können wir sie zurückverfolgen!“

Oh Schreck! Habe ich etwas ausgefressen oder sehe ich verdächtig aus? Ach nein, es ist ja Corona. Verängstigt und geduckt steht die Verkäuferin vor uns. Es ist ihr sichtlich peinlich.

Plötzlich ziehen dichte Wolken auf. Die Angst steigt in die Kehle. Nein, ich will nicht, dass ich jemanden anonym anstecke und verfolgt werden muss. Der Wind ist kalt und unangenehm. Was für ein schreckliche Tag heute. Wir verabschieden uns freundlich und gehen. Die Verkäuferin wirkt erleichtert. Wider ein paar potentielle Coronaträger verjagt!
Das Paar am Nachbartisch ruft uns noch nach: „ Wir mussten auch unterschreiben! Wenn ich das gewußt hätte, hätte ich keinen Kaffee bestellt. Aber sollen wir den auf dem Parkplatz stehend trinken?“

Zuhause angekommen packen wir die Pflanzen aus. Nein, heute werden wir sie nicht mehr einpflanzen. Wer weiß, vielleicht bringt das Unglück? Schade um den schönen Tag!

Langsam steigt die Abendsonne auf. Unterm Kirschbaum bei einem Glas Wein rückt sich alles wieder zurecht. Friedliche Stille. Nur die Vögel singen ihr Abendlied. Wie gut, dass wir in einem kleinen Dorf mitten auf dem Land leben. Hier ist die Welt noch in Ordnung.

Im Teich quakt der Frosch, der sich dort eingemietet hat. Merkwürdigerweise heißt auch er Kurt wie der Frosch aus meinem Haikubuch. Morgen bekommt er noch ein paar Wasserpflanzen. Japanische Sumpfiris und Schachtelhalm. Da kann sich Kurt dann einnisten.

Ach, das Leben ist doch schön!
Trotz Corona.

Vater! Mutter! Himmel! Erde!

Im Buch des chinesischen Denkers Zhuangzi gibt es eine sehr berührende Geschichte. Sie ist nun schon über zweitausend Jahre alt und wir sind heute sehr viel weiter in der Entwicklung! Schließlich haben wir die Technik, und die Medizin ist fortgeschritten. Wir haben Lebensversicherungen und sind gut und sicher eingerichtet in unserer Welt. Oder etwas doch nicht? 
Woher kommt die Angst, die derzeit die ganze Welt den Atem anhalten lässt?
Warum sind die Regale mit Toilettenpapier im Supermarkt leergekauft?
Hilft es, wenn man sich in Klopapier einwickelt? Vielleicht stoppt das ja das Virus?

Hören wir die Geschichte:

Meister Yu und Meister Sang waren Freunde. Als es einmal zehn Tage ununterbrochen regnete, sprach Meiste YU: „Ich fürchte, Meister Sang ist in Not!“
Er packte etwas Essen ein und ging zu ihm. Als er an der Tür angekommen war, hörte er, wie die Laute geschlagen wurde und wie es schluchzend sang:

„Vater!
Mutter!
Himmel!
Erde!“

Die Stimme brach und der Gesang endete gehetzt. Meister Yu trat ein und fragte: „Warum singst du das Lied auf diese Weise?“

„Ich habe darüber nachgedacht, was mich in diese Lage gebracht haben könnte, doch ich habe es nicht herausgefunden. Vater und Mutter, warum sollten sie wollen, dass ich leide? Der Himmel bedeckt alles, ohne jemanden vorzuziehen. Die Erde trägt alle, ohne jemanden vorzuziehen. Warum sollten sie wollen, dass ausgerechnet ich bedürftig werde?
Ich habe versucht zu verstehen, wie es dazu gekommen ist, aber ich habe es nicht herausgefunden. So kann es nur das Schicksal sein!“

Das gerade macht Angst. Wir verstehen nicht, warum und woher. Wir erkennen nur unsere Hilflosigkeit. All unsere Technik und die Medizin sind machtlos. Unser rasendes Mache-Wollen oder fast schon Machen – Müssen ist an eine Grenze gekommen. Scheinbar bleibt nur der Rückzug in die Isolation?

Bleibt uns nur noch die italienische Lösung: Fenster öffnen, auf die Balkone gehen und gemeinsam singen?

Die ganze Welt hält den Atem an und verfällt in Schockstarre.
Die Virologen meinen, dass das Virus erst stoppt, wenn 70 % der Bevölkerung infiziert war. Dann gibt es genügend Abwehrkräfte und das Virus stoppt.

Nur zum Vergleich:
Während der Grippewelle 2017 / 18 sind in Deutschland 25.100 Menschen an Grippe gestorben. Aber es war ja nur eine Grippe. Da weiß man doch, was man hat!

Todesfälle durch Corona in Deutschland bisher: 9

Komm, trinken wir Tee!

Das klärt den Geist und schenkt den inneren Frieden.
Mehr kann man derzeit eh nicht tun.

Trink Tee – Geh!

Ich habe einen kleinen Text als Grußwort für ein neues Buch über Tee und Zen geschrieben. Den möchte ich hier vorstellen.


Zum Geleit:
Komm – trink Tee!

Der alte chinesische Zenmeister Zhàozhōu, den die Japaner Jōshū nennen, fragte die Besucher seines Tempels: „Warst du schon einmal hier?“
War die Antwort: ‚Nein‘, dann sprach Jōshū: „Trink Tee – Geh!“.
Bejahte der Besucher die Frage, so erwiderte Jōshū ebenfalls: „Trink Tee – Geh!“ Der Tempelverwalter war verwirrt.
Auf seine Frage bekam er die Antwort: „Trink Tee – Geh!“

Das Teetrinken nimmt bis heute in den Tempeln in China, Korea und Japan eine wichtige Rolle ein. Auf unserer Reise durch Zentempel in Südchina wurden wir stets zum Empfang mit Essen bewirtet. Danach forderte uns der Zenmeister auf: „Komm, trinken wir erst einmal Tee!“ Uns wurden die kostbarsten Tees serviert. Einhundert Jahre alter Pur-erh oder Tee aus eigenem ökologischen Anbau der Tempel. 

In Korea wurden wir vom alten Zenmeister zum Tee empfangen. Er saß an einem niedrigen Tischchen in der Mitte des Raumes, der bis zur Decke mit Büchern vollgestopft war. Zwischen all den Büchern fanden wir und ein paar Mönche gerade Platz zum Hocken auf dem Boden. Zenmeister sind eben oft große Gelehrte! Wir sprachen über den japanischen Zenmeister Dōgen, über die Teezeremonie und über unsere Eindrücke auf der Reise. Der Meister bereitete eigenhändig Tee aus Indien, der Heimat des Buddha, aus China, Korea und aus Japan zu. Er hatte speziell für uns kostbaren japanischen Matcha besorgt. Ich durfte ihn mit einem nagelneuen Teebesen schlagen. Über alle kulturellen Grenzen hinweg feierten wir den Frieden zwischen Japan, China und Korea bei einer Schale Tee. Oder waren es zehn oder zwanzig Schalen?

Gespannt schauten die Mönche in China zu, wenn wir eine japanische Teezeremonie mit pulverisiertem Matcha vorführten. Diese ritualisierte Teezubereitung stammt aus China. Aber nur in Japan hat sie die stürmischen Zeiten überlebt und sich zu einer eigenen Kunstform entwickelt. Jetzt kehrte sie heim an ihren Ursprung.

 
In China haben wir erlebt, wie buddistische Mönche, Universitätsstudenten und einfache Bauern ihren Tee bereiteten. Dabei suchten sie nach neuen – oder vielleicht doch uralten – meditativen Choreografien, denn die Tradition ist dort längst – spätestens seit der Kulturrevolution – verloren gegangen. Beeindruckend war die tiefe Konzentration, mit der sie den Tee bereiteten.

Das ist es: Mitten in der Hektik des Alltags innehalten, mit höchster Achtsamkeit Tee zubereiten und gemeinsam trinken. Vielleicht meinte das der alte Jōshū: „Lass uns zusammensetzen, die Hektik des Alltags fallen lassen und Tee trinken! Einfach nur Tee trinken.“ 


Tee klärt den Geist, macht wach und gelassen, und fördert die Meditation, vor allem in der Form des grünen Pulvertees. Der japanische Meister Myoe, der die erste Teeplantage in Japan angelegt hatte, fasste zehn positive Wirkungen des Tee zusammen. Tee schenkt einen wachen Geist und einen gesunden Körper. Er vertreibt Dämonen und böse Geister, vielleicht den bösen Dämon der rastlosen Hektik.  Kaffe dagegen putscht auf und macht nervös.

Wenn wir beobachten, wie Menschen mitten im hektischen Alltag hastig ihren Kaffee zu sich nehmen, möglichst noch als ‚Coffee to go‘ aus Plastikbechern auf der Hetze zum nächsten Termin, ohne überhaupt zu bemerken, dass sie Kaffe trinken, versteht man, welche Stille und Ruhe vom Teetrinken ausgeht. In China gibt es das Sprichwort: Wenn du es eilig hast, mach einen Umweg! Zenmeister Jōshū würde vielleicht sagen: Komm, trink erst einmal Tee!

In China hatten wir an einer Tagung teilgenommen mit dem Thema „Tee und Zen – Ein Geschmack“. Es war allen Teilnehmern völlig klar, dass Tee und Zen untrennbar zusammen gehören. Die Frage war lediglich, welcher der frühen Zenmeister diesen Spruch geprägt hatte. Vielleicht aber sind Tee und Zen in China von Beginn an eng verwoben. So waren es Zenmönche, die den Tee von ihren Studien aus China mit nach Japan brachten. Die ersten japanischen Teemeister waren Mönche oder übten sich intensiv im Zen. Viele waren Laienpriester des Zen.

Im heutigen Japan dagegen, wo die Teebereitung als eigene Kunst im Teeweg gepflegt wird, hört man immer wieder: „Tee ist Tee und Zen ist Zen!“ Zen ist für die Japaner weitgehend zu einer exotische Weise geworden, mit gekreuzten Beinen auf dem Boden zu hocken, während ein Aufseher mit dem Schlagstock durch die Meditationshalle schreitet.
Tee dagegen gilt als ein Kunstweg mit strikten Regeln, die genaustens befolgt werden müssen. Er ist im Laufe der Geschichte zum Zeitvertreib älterer Damen geworden, die prächtige Kimono tragen, kostbare Teegeräte zur Schau stellen und schwatzend den Tee zubereiten. Die Teezeremonie hat in Japan heute nahezu den gleichen Stellenwert wie das Schuhplatteln in bayrischen Traditionsvereinen. 

Aber im Ursprung ist die Kunst der Teebereitung reiner Zen. Zen muss nicht in der Form des Za-Zen, des Sitz-Zen geübt werden. Das achtsame Handeln im Alltag kann Zen sein. Als junger Mönch fragte Jōshū seinen Meister Nanzen nach dem wahren Weg. Nanzen antwortete: „Es ist der alltägliche Geist!“ 

Als alter Meister wurde Jōshū nach dem Wesen des Buddha gefragt. Er antwortete mit einer Gegenfrage: „Hast du deine Reisschale schon gewaschen?“ 

Zen ist nichts Spekulatives oder Kompliziertes. Es ist der gewöhnliche Alltag in voller Achtsamkeit und Bewusstheit gelebt. Der Teemeister Rikyu wurde einmal gefragt, was denn das Geheimnis des Teeweges sei. Er antwortete mit alltäglichen Dingen: „Wasser holen, Brennholz sammeln, Wasser erhitzen, Tee schlagen und trinken. Das ist alles“ „Das kann ich schon alles!“ „Dann möchte ich dein Schüler werden!“ 

Was so einfach klingt, ist schwer zu verwirklichen. Unser Alltag ist hektisch und kompliziert geworden. Wir haben unser eigenes Selbst in dieser Hektik verloren. Im Teeweg dagegen ist alles einfach und natürlich. Die Bewegungen und die Atmung werden eine Einheit. Wir hören auf, etwas zu tun, alles geschieht wie von selbst und wir beginnen, den Tee zu tanzen. 

Schöpfen wir das Wasser mit der Bambuskelle, so werden Hand und Schöpfkelle Eins. Es ist, als würden wir das Wasser mit der bloßen Hand aus der Quelle schöpfen. Ich hatte einmal eine Teeschülerin, die an einem Gehirntumor erkrankte. Völlig versunken und selbstvergessen saß sie im Teeraum, schöpfte immer wieder Wasser und goss es langsam und achtsam in die Teeschale. Verzückt lauschte sie dem Geräusch, das wie ein klarer Wasserfall im Gebirge klang: „Das ist so schön!“ Alles andere hatte sie vergessen. Aber der Klang des Wassers in der Teeschale berührte sie im tiefsten Inneren. 

Das kalte Wasser klingt in der Teeschale wie das frische Wasser eines Bergbaches, das auf Felsen trifft. Warmes Wasser klingt weich und mild. Tauchen wir die Schöpfkelle in das heiße Wasser des Teekessels, bemerken wir, wie die Hitze die Schöpfkelle zurückdrängt. Wir spüren am Gewicht des Wassers in der Kelle, ob wir warmes oder kaltes Wasser geschöpft haben. Durch das achtsame Schöpfen überspringen die Sinne ihre Begrenzung: Wir hören die Temperatur des Wassers und spüren sie am Gewicht. Darin liegt nichts Übernatürliches oder Magisches. Beim ganz gewöhnlichen Schöpfen von Wasser werden wir eins mit der Natur und wir vergessen uns selbst vollkommen. Zenmeister Dōgen schrieb einst: „Den Buddhaweg erlernen heißt, sich selbst erlernen. Sich selbst erlernen heißt, sich selbst vergessen.“ 

Meinte der alte Fuchs Jōshū mit seiner Frage: „Warst du schon einmal hier?“ Überhaupt nicht, ob wir früher einmal an diesem oder jenem Ort waren? Vielleicht fragt er, ob wir jemals HIER, im JETZT, bei uns selbst waren, indem wir uns ganz und gar selbst vergessen haben? Wenn wir noch nie bei uns im HIER angekommen sind, wird es höchste Zeit, Tee zu trinken. 

Was gibt es Schöneres, als an einem kalten Winterabend dem Teekessel im Teeraum zu lauschen, der wie der Wind in den Kiefern singt. Die Dufthölzer im Feuer verbreiten den Duft des reinen Landes, und der Tee erfrischt den Geist. Wir werden immer stiller und spüren, wie wir Eins mit der Natur werden. Wenn wir dann wieder zurückkehren in den Alltag, scheint es, als wäre die Hast und Hektik verschwunden. Die gelassene Stille des Teeraumes wirkt im Alltag nach. Vielleicht meinte der alte Jōshū diese Rückkehr in den Alltag: „Trink Tee – dann geh!“ Geh zurück in den Alltag und bring deine Stille hinaus in die Welt auf dass sie sich wandele. Wenn wir so zu uns selbst gefunden haben, verwirklichen wir unsere Buddhanatur.

Zenmeister Dōgen meint, dass alle Wesen vom Ursprung her die Buddhanatur haben. Wenn das so ist, warum soll man dann noch üben? Wir verwirklichen durch Üben unsere Buddhanatur. Jeder Mensch hat die Fähigkeit, zur Quelle zu gehen und Wasser zu schöpfen. Aber wir müssen es TUN! Andernfalls gibt es kein Wasser aus der Quelle! Wir müssen immer und immer wieder zur Quelle gehen und Wasser schöpfen. So geht es im Teeweg nicht darum, eine Fertigkeit zu erlernen, um sie fortan für immer zu besitzen. Wir müssen immer wieder und wieder Tee üben und zur Stille zurückfinden. Tee ist Zen – Meditation.

Darum ist die Praxis im Zen wie im Tee so wichtig. Aber wir müssen auch verstehen, was wir tun. In Japan neigt man dazu, das alleinige Gewicht auf die Praxis zu legen. Frag nicht – Mach! Man sagt, dass der Fisch das Wasser, in dem er schwimmt, nicht verstehen muss. Aber was, wenn das Wasser auszutrocknen droht?

Wir Abendländer sind nicht im Wasser des Zen und des Tee zu Hause. Darum müssen wir versuchen, es zu verstehen um uns angemessen darin bewegen zu können. Unsere Not ist es, dass der Zen und der Tee fremd für uns sind. Aber diese Not ist zugleich eine große Chance. Wir sehen und Staunen. Das Staunen aber ist der Anfang des Verstehens. Japaner fragen nicht mehr nach der Philosophie des Teeweges oder des Zen. Teeweg ist das, was die alte Tante oder die Oma schon immer praktiziert haben, das aber völlig aus der Mode gekommen ist. Hoūnsai, der Großmeister der Urasenke fragte einmal: „Können Ausländer den Teeweg verstehen?“ Ich frage dagegen: „Können Japaner dern Teeweg verstehen?“ Nur wenn sie wieder das Staunen lernen!

Im Gegensatz zu Japan liegt bei uns im Abendland das Schwergewicht auf dem Denken und dem Intellekt. Einmal kam ein Japanologe regelmäßig zu mir ins Teehaus und schaute bei den Übungen zu. „Es wird Zeit, dass du auch mit den Übungen beginnst!“ „Das geht nicht! Ich bin Wissenschaftler. Wenn ich selbst übe, verliere ich meine Objektivität!“ 

Dazu kann ich nur sagen, es genügt nicht, zu wissen, wie das Essen schmeckt. Man muss selber essen. Immer wieder neu. Sonst wird man nicht satt.

Hoffentlich kann dieses Buch eine Brücke schlagen zwischen Ost und West. Hier wird gefragt und gedacht. Aber das Fragen entstammt einer langjährigen Praxis. Vielleicht kehrt der Teeweg eines Tages verwandelt wieder nach Japan zurück als ‚Tee und Zen‘. 

Inzwischen gibt es deutsche Professoren an japanischen Universitäten, die über den Teeweg lehren. Einer meiner Schüler, der in Deutschland in Philosophie promoviert hat, unterrichtet an einer Universität in Shanghai. Sein Forschungsgebiet ist der frühe Teeweg und seine Wiederkehr in der Gegenwart. 

Man könnte meinen, dass unsere heutige Epoche viel zu hektisch und gehetzt ist, um sich die Zeit zu nehmen, die Stille des Teeweges zu suchen. Wir haben keine Zeit für solche unnützen Rituale. Wir haben Wichtigeres zu erledigen. 

In Japan erlebte der Teeweg seinen Höhepunkt mitten in kriegerischen Zeiten. Der große Teemeister Zen no Rikyu war Zen – Laienpriester und der Teemeister von Hideyoshi. Zuvor hatte er in den langen Kriegen dem Fürsten Oda Nobunaga als Teemeister gedient. Rikyu war kein weltabgeschiedener Eremit. Wenn Hideyoshi abwesend war, übertrug er ihm das Kommando über die Festung Osaka, einem der wichtigsten strategischen Punkte im Land. Wie gut wäre es, wenn wir Menschen in wichtigen Positionen hätten, die immer wieder die Stille und den Frieden suchen, den der Teeweg schenken kann. 

Der Zen kam aus dem Osten in den Westen. Aber die Erde ist rund. Wenn man immer weiter nach Westen geht, kehrt man eines Tages wieder an den Ursprung zurück.

Trinken wir gemeinsam eine Schale Tee! Dann lass uns zurückkehren in den Alltag!