Geschafft? Geschafft!

GESCHAFFT?   GESCHAFFT!

Der Umzug des Myōshinan zum neuen Standort ist – vorerst in der ersten Phase – geschafft.
Aber nicht nur der Umzug ist geschafft. Wir sind – im doppelten Sinne des Wortes – auch geschafft. 

Durch den Generationswechsel des Hausbesitzers war es nicht mehr möglich, den Dōjō, an dem wir die letzten 15 Jahre gewirkt hatten, zu erhalten.
Ein Umzug an einen neuen Ort war nötig geworden. Zum Glück hat sich eine neue Möglichkeit in Waldfenster, einem kleinen Ort in der Rhön ergeben.
Carola Catoni, mit der ich schon seit etlichen Jahren zusammenarbeite, lebt dort in einem zweihundert Jahre alten Forsthaus mit riesigem Garten, der fast schon ganz japanisch wirkt. Hier kann ein neuer Ort der Begegnung und der Stille aufgebaut werden. Carola arbeitet schon seit einiger Zeit mit meditativer Entspannung und hat einen eigenen Meditationsraum.
Die wunderbaren Wälder im Biosphärenreservat Rhön und die reine Luft laden förmlich zum Waldbaden, dem Shinrin Yoku ein.
Aber auch einfache Spaziergänge im Wald sind sehr erhohlsam. Und ringherum gibt es berühmte alte Badeorte wie Bad Kissingen, Bad Brückenau, oder Bad Bocklet. 

Teilweise waren wir am Rande der körperlichen Leistungsfähigkeit angelangt und ich brauchte ärztliche Betreuung, zumal der Abbau nicht immer freundschaftlich und verständnisvoll begleitet wurde. Der kleine Hund, der immer so lustig im alten Myoshinan herumgesprungen ist, hat es nicht geschafft.
Er ist am gebrochenen Herzen gestorben, gerade ein paar Tage nachdem die letzten Umzugskisten hier ankamen.
Aber wenigstens hat er hier seinen Frieden gefunden.

Eine kleine Auswahl von Bildern aus den letzten Jahren soll die Erinnerung an das alte Myoshinan wachhalten.

Im April hatten wir noch eine schöne Zeit bei einem Shakuhachi Seminar in Griechenland.

Aber die letzten vier Monate waren durch heftige Arbeit, Packen von Kisten, Abbruch des alten Teeraumes und den Umzug geprägt.
Alle japanischen Räume, der Teeraum, der Meditations- und Konzertsaal und die Wartebank im Garten mussten mit wehem Herzen abgebaut werden.
Die Materialien mussten weitgehend der „thermischen Verwertung“ zugeführt werden. Sprich: Sie werden verheizt.

Ein kleiner Eindruck vom Abbruch ist hier in meinem Blog zu sehen

Am neuen Ort wurden die Räume renoviert und für den Umzug vorbereitet.
Das ist nun weitgehend geschehen. Jetzt geht es an die Renovierung der Räume des alten Hauses unter dem Dach.
Dort soll wieder ein Tee- und Meditationsraum entstehen. Im Erdgeschoß hat Carola schon einen Meditationsraum eingerichtet, in dem in individuellen Einzelsitzungen Entspannung und Meditation angeboten wird.
Noch vor Einbruch des Winters müssen das alte Dach isoliert und die brüchigen Fenster erneuert werden.
Außerdem wird dort auch ein Gästezimmer eingerichtet, sodass auch längere Aufenthalte hier möglich sein werden.
Aber auch in der direkten Nachbarschaft gibt es eine sehr schöne und preisgünstige Pension.
Unsere Gäste erhalten einen Sonderpreis!

Myoshinan in Waldfenster

Finanziell war der Umzug ein Drahtseilakt.
Jetzt warten weitere Ausgaben auf uns, damit die neuen Meditationsräume entsprechend gestaltet werden können.
Nur wenige Materialien konnte beim Umzug mitgenommen werden. Die alten Shoji und Fusuma können teilweise übernommen werden.
Aber sonst muss alles Material neu beschafft werden. 

Wir möchten so bald als möglich wieder mit Kursen und Unterricht beginnen. Es gibt hier schon einige Leute, die sehnsuchtsvoll auf die Neueröffnung warten.
Nur der Unterricht in Shakuhachi ging nahtlos weiter, aber der findet meistens ja über das Internet statt.
Auch ein kleines Konzert haben wir schon bei Freunden gespielt. 

Jetzt geht es erst einmal zu einem Seminar in Kärnten ins Hotelresort Feuerberg.
Dort wartet ein wunderschöner Teeraum auf mich, den ich geplant habe. Gebaut wurde er von Viktor Fux, der immer beste Handwerksarbeit abliefert.
So exquisit wird der Teeraum in Waldfenster nicht werden. Aber vielleicht behält er noch ein wenig vom Charme der alten Zeit.
Uralte Balken und die alten Lehmwände sollen soweit wie möglich erhalten bleiben.
In der Scheune gibt es mehrere Ebenen, die von handgeschlagenen Eichenbalken getragen werden.
Es wird sicher eine wunderbare Atmosphäre für Meditation und kleine meditative Konzerte geben.

Und so sehen wir freudig und gelassen in die Zukunft. Jede finanzielle Hilfe ist willkommen und sei es auch nur ein Euro.
Es ist gut zu wissen, dass auch andere Menschen an einen denken!
Bei Spenden ab 100 Euro erhält der Spender eine handsignierte und mit Widmung versehene Hardcover Ausgabe meines Buches „Heilige Drachen“ im Wert von über 30 Euro. 





Auch wer ein klein wenig handwerklich begabt ist oder sonst bei der Arbeit helfen möchte, ist herzlich willkommen.

Jede Veränderung birgt in sich die Chance für einen Neubeginn.

Also gehen wir ans Werk!
Möge uns nie die Kraft und der Mut verlassen!

Mit den besten Grüßen

Gerhardt Staufenbiel / Myoshinan
und 
Carola Catoni / Atmen und Sein.

PS.:
Wer seine Spende nicht über Paypal machen möchte, kann gerne auch mein Konto benutzen:

Gerhardt Staufenbiel
Volksbank Raiffeisenbank Bad Kissingen
DE80 7906 5028 0007 3588 22
Vermerk: Spende für Teeräume

Mujō – Nichts ist beständig

Draußen blühen die Kirschbäume, aber es ist noch empfindlich kalt. Gestern sind sogar ein paar Schneeflocken durch die Luft gewirbelt, die sich in den Frühling verirrt haben. Der Übergang in eine neue Zeit ist oft mit Irrungen und Wirrungen verbunden.

Zenmeister Dōgen sagt zwar, dass der Winter nicht zum Frühling wird. Winter ist Winter, Frühling ist Frühling. Es ist immer JETZT.
Aber der Winter hat ein Nachher und der Frühling ein Vorher. Und manchmal weiß man nicht, ob es noch Winter oder schon Frühling ist. Es gibt wohl auch Zeiten, in denen die Veränderung ganz klar in der Luft liegt, aber noch kann es sich nicht entscheiden, ob die neue Zeit schon beginnt. Aber eines ist sicher: Nichts ist beständig. Im japanischen Zen heißt das: Mu Jō. 

In dieselben Flüsse steigen wir und steigen wir nicht, wir sind und wir sind nicht.

Der Gedanke der steten Veränderung ist nicht nur im Buddhismus lebendig, auch Heraklit, der griechischen Philosoph sagt um 500 v. Chr.: 

 Scheinbar steigen wir in dieselben Flüsse, aber stets fließt dort anderes Wasser. Die Beständigkeit ist nichts als eine Illusion. Ebenso fühlen wir, dass wir selbst immer gleich bleiben, aber in Wahrheit sind wir in jeder Situation und in jedem Alter ein Anderer. „Wer bin ich? Und wenn ja, wieviele?“

Der japanische Dichter Kamo no Chōmei, der um 1200 gelebt hat, in einer Zeit, in der Kriege und Naturkatastrophen das Land heimgesucht haben, gestaltet in seinen „Aufzeichnungen aus meiner Hütte  – Hojō ki“  diese Veränderungen in ergreifender Weise:

„Der Strom des dahinziehenden Flusses nimmt kein Ende, und doch ist es nicht das ursprüngliche Wasser. Die Schaumblasen, die auf dem seichten Wasser schwimmen, vergehen und bilden sich neu, und es gibt kein Beispiel, daß sie für längere Zeit bleiben. Geradeso verhält es sich mit den Menschen und ihren Behausungen auf dieser Welt.
….Am Morgen stirbt der eine, am Abend wird der andere geboren – dieses Schicksal ist den Schaumblasen auf dem Wasser fürwahr gleich. Man weiß nicht, woher sie kommen, wohin sie gehen, die Menschen, die geboren werden und sterben. Und man weiß nicht, um wessen willen sie ihr Herz quälen, weshalb sie ihr Auge sich erfreuen lassen bei ihrem flüchtigen Aufenthalt. 
Herr und Behausung wetteifern in der Vergänglichkeit nicht anders wie Morgenwinde und Tau. Einmal fällt der Tau zu Boden und die Blüte bleibt. Selbst wenn ich sage, sie bleibt, so vertrocknet sie doch in der Morgensonne. Einmal verwelkt die Blüte und der Tau zergeht nicht. Selbst, wenn ich sage, er vergeht nicht, so kommt es doch nicht vor, daß er den Abend erwartet.“

Kamo no Chōmei hatte sich aus den Wirren seiner Zeit zurückgezogen in eine winzige Hütte in den Bergen, weitab von der Hauptstadt und ihrem Getriebe. Seine Hütte maß nur „vier Fuß im Quadrat“ – Hōjō. Ein Jō ist die Fläche einer Tatami. Der heute als ideal geltende Teeraum hat viereinhalb Jō : Yo-Jō-Han. 
Kamo hatte ein frühes Vorbild für seine winzige Hütte. Der Kaufmann Vimalakirte, ein Zeitgenosse Buddhas, hatte sich eine solche Hütte in den Bergen errichtet und sich dorthin zur Meditation zurückgezogen. Nachdem er erwacht war, kehrte er zurück in sein Leben als Kaufmann. Damit war er ein Vorbild, denn er konnte als Erwachter mitten im tätigen Leben das Erwachtsein verwirklichen. Als er erkrankte, wollte Buddha einen Schüler zu ihm schicken, aber alle weigerten sich. Sie waren seiner nicht würdig, denn sie konnten das Erwachtsein nur in der Abgeschiedenheit leben. 
Später errichteten sich die Teemenschen in Japan nach dem Vorbild von Kamo no Chomei mitten in der Hauptstadt ihre kleinen Teehütten, um sich dort zeitweise vom Getriebe der Welt zurückzuziehen und zum Erwachen zu kommen.

 Kamo hatte seinen Teeraum nicht für die Ewigkeit gebaut. Es war nur eine notdürftig errichtete Hütte, die er jederzeit an einem anderen Ort wieder aufbauen konnte: 

„Sollte mir hier etwas missfallen, so könnte ich ohne weiteres jederzeit umziehen. Was sollte es für eine Mühe sein, diese Hütte wieder aufzubauen? Es bedürfte nur zweier Karrenladungen, um das gesamte Häuschen zu transportieren, und außer des Entgelts für den Wagenführer entstünden keine weiteren Kosten.“

Wir haben oft das Gefühl, dass wir uns für die Ewigkeit einrichten und wir suchen Sicherheit und Dauerhaftigkeit. Ja, wir schließen sogar Lebensversicherungen ab, weil wir Beständigkeit suchen. Aber wer könnte das Leben versichern?
 Wenn immer alles gleich bliebe, so würde sich doch sicher die Langeweile einstellen. Das Gewohnte wird zum Gewöhnlichen und wir sehnen uns nach frischem Leben und Er-leben. 
Der Veränderung wohnt ja auch eine große Schönheit inne. In Japan gibt es das Wort vom ‚mono no aware‘, der Schönheit der Vergänglichkeit. Aware ist ein Ausruf, der sich recht gut ins Bayerische übertragen lässt: Ui – do schaug her! (Oder einfach nur: Ui!) Mono ist eine Sache, die den erstaunten Ruf ‚Aware‘ erzeugt. Der Dichter Basho schrieb einst ein Haiku:


Da – am Wegesrand / die Hibiskusblüte – /

und schon hat sie mein Pferd gefressen. 

In der Edozeit entstand der Begriff des Ukiyo – der fließenden Welt. Uki ist eine schwimmende Boje, ursprünglich eine Melone, die auf den Wellen eines Flusses tanzend davongetragen wird. Das zeigt zwar deutlich die Vergänglichkeit, aber der Anblick ist auch lustig. So stürzte man sich mit vollen Zügen in die fließende Welt und genoss das Leben, das ohnehin nur von kurzer Dauer ist. Die Freudenviertel der Edozeit, in denen man die ‚fließende Welt‘ feierte, lagen oft an kleinen Flüssen, die mit Kirschbäumen gesäumt waren. Besonders schön ist es dann, wenn zur Zeit der Kirschblüte jeder Windstoß und jeder Regenschauer die Blütenblätter wie einen Schneesturm durch die Luft wirbelt und wenn das fließende Wasser die Blütenblätter davonträgt.  
Aber der Abschied vom Gewohnten fällt dennoch oft schwer. Kamo liebte seine flüchtige Hütte und deren Umgebung so sehr, dass er fürchtete, dass ihm diese Liebe ein Hindernis werden könnte:


Mein Leben neigt sich nun gleich dem Mond am Nachthimmel, nur wenig noch und er wird hinter dm Rand der Berge versinken. Schon bald werde ich mich anschicken, in die Finsternis der drei Wege einzutreten. … So gereicht es mir wohl zum Fehler, dass ich jetzt meine Hütte liebe. Und es mag für mich auch ein Hindernis für die Erleuchtung werden.

Auch Bashō liebte seine Hütte an der Bananenstaude (Bashō). Als er sich wieder einmal auf eine lange Wanderschaft begab, verließ er zusammen mit seinen Freunden die Hütte mit dem Boot. Im Ort Senju, das für seinen Fischmarkt berühmt war, ging er an Land und verabschiedete sich mit bitteren Tränen. 


yuku haru ya Scheidender Frühling
Tori naki uo no Vögel klagen und Fische
me wa namida vergiessen Tränen.

Eigentlich weiß man bei diesem Haiku nicht so recht, ob man ebenfalls vor Trauer weinen oder über die witzige Vorstellung von weinenden Fischen Tränen vor Lachen vergießen soll. 
So ist es oft. Das Alte geht und erfüllt uns mit Wehmut, aber das Neue wartet schon und erfüllt uns mit freudiger und gespannter Erwartung. 

Auch hier im Myoshinan sind wir in einer Zeit des Abschieds und des Wandels. Im Juni / Juli werden wir mit dem Teehaus umziehen in die Rhön in den kleinen Ort Waldfenster mitten im Bädereck zwischen Bad Kissingen, Bad Brückenau und Bad Bocklet, im Biosphärenreservat Rhön.  In einem alten Forsthaus wird dort zusammen mit Carola Catoni ein neues Zentrum entstehen mit zwei Teeräumen. Einem kleinen wie bisher und einem formalen viereinhalb Matten Raum. Später wird dann auch noch im Garten ein eigenes Teehaus gebaut werden. Außerdem gibt es dort noch einen eigenen Raum für Meditationen. Carola wird sich um Menschen mit Burnout kümmern und Meditationen anleiten. Im Haus werden wir auch Übernachtungsmöglichkeiten für Gäste haben. Man kann dann in den Teeräumen mit Schlafsack oder auf Futon übernachten. Aber es wird auch ein eigenes Gästezimmer geben. 
Mein Schüler Michael wird in den Schnackenhof nach Röthenbach an der Pegnitz ziehen. Dort wird er einen Teeraum bauen, der auch für Menschen aus Nürnberg und Umgebung gut erreichbar ist. Auch dort gibt es ein Gästezimmer. Ich werde dann in regelmäßigen Abständen am Schnackenhof sein und den Teeweg, Zen – Shakuhachi und Philosophie unterrichten. Als Erstes wird es wohl einen Arbeitskreis über Hölderlin geben. Selbstverständlich wird auch Reinhard Knodt, der den Schnackenhof als Begegnunszentrum aufgebaut hat, dort weiter regelmäßig seine Veranstaltungen halten. Damit wird der Schnackenhof seiner Aufgabe als Vermittler zwischen Ost und West gerecht.

Be-Dingt

Hier ein kleiner Auszug aus meinem Buch über das Daodejing, das gerade im Entstehen ist. In diesem Abschnitt geht es um den Umgang mit den Dingen.

In ‚Sein und Zeit‘ analysiert Martin Heidegger unseren Umgang mit den Dingen. Die Dinge sind keine Gegen-stände, die uns gegenüber stehen und die wir mit dem Verstand oder dem Denken erfassen. Der alltägliche Umgang mit den Dingen hat die Struktur von „Zeug“. Wir denken nicht über das Wesen der Dinge nach, sondern benutzen sie als Zeug – Werkzeug, Nähzeug, Schreibzeug, Flugzeug – um etwas damit zu tun. Zeug hat immer die Struktur des UM – ZU. Schreibzeug ist da zum Schreiben. Zeug ist nicht einfach vor-handen, sondern zu-handen. Je mehr das Zeug zu-handen ist, desto unauffälliger wird es. Zeug wird erst auffällig und bewußt wahrgenommen, wenn es eben nicht mehr zu-handen ist. „Wo ist denn wieder dieser Bleistift? Eben war er doch noch da?!“ Erst das Fehlen oder das unhandlich Werden rufen das Zeug ins Bewusstsein.
Zeug ist niemals als Einzelnes einfach nur da. Es steht immer in einem Gesamtzusammenhang von Zeug, der eine eigene Welt bildet. Schreibzeug gehört in ein Büro oder die Studierstube. Dort sind Bücher, Tische und Papier. Ein Büro bildet eine völlig andere Welt als die Studierstube des Schriftstellers, obwohl auch hier Schreibzeug da ist. In beiden Welten ist eine Bohrmaschine ein Fremdkörper. Die gehört in eine Werkstatt. Dabei ist eine Autowerkstatt eine völlig andere Welt als die Schreinerei. 

Zeug ist nicht einfach nur vorhanden, um da zu sein. Es erzeugt aus seiner Welt heraus den Druck, weiter zu handeln. Ein Auto ist unbrauchbar, wenn es keinen Treibstoff, keine Straßen und keine Werkstätten gibt. Also müssen wir handeln und Tankstellen bauen, die wiederum aus Raffinerien mit Treibstoff versorgt werden, der aus Rohöl gewonnen wird, das in unsicheren Ländern gefördert wird, die durch Kriege geschützt oder erobert werden müssen.  

Wir verstehen das Zeug immer aus der Gesamtheit der Welten, die von der Zeugganzheit gebildet werden. Dabei denken wir nicht das Zeug, wir ‚handeln‘. Wir handeln, indem wir Zeug zur Hand nehmen und Welt gestalten. Dabei haben wir immer schon den Gesamtzusammenhang der jeweiligen Welt verstanden. Es ist ein Denken der Hand, das meistens nicht bis ins Bewusstsein gelangt. 

Zeug ruft immer wieder laut danach, ‚besorgt‘ zu werden. So geraten wir leicht in ein Getriebensein von zu besorgendem Zeug. Wir besorgen die Dinge, weil wir uns um unser eigenes Sein-können sorgen. Diese Sorge ist die Grundstruktur des menschlichen Lebens. Heidegger nennt den Menschen das Da-Sein, nicht weil er IST, sondern weil in unserem Bewusstsein oder auch im unbewussten Handeln das Sein licht wird. Der Mensch ist das DA des SEINS. 

In einer Grundangst sorgen wir uns darum, einmal nicht mehr das Da des Seins, sondern das Erscheinen des NICHT zu werden. In der Sorge geht es immer zunächst um mich selbst. Auch wenn ich mich um Andere sorge, geschieht dies meist aus Angst, den Anderen zu verlieren, weil er der Garant für mein eigenes Sein – können ist. 

Heidegger unterscheidet zwei Weisen, wie sich die Sorge vollzieht. Im alltäglichen Umgang wird die Sorge um mein Sein-können zum Be-Sorgen. Ich muss noch in den Supermarkt und Essen besorgen oder zur Post, um Briefmarken zu besorgen. Dabei geraten wir leicht unter Zeitdruck, denn die Dinge fordern, dass sie unbedingt noch heute oder wenigstens schnellstmöglich erledigt werden müssen. Je mehr wir uns beeilen, desto knapper wird die Zeit. In China gibt es ein Sprichwort: Wenn du es eilig hast, mach einen Umweg. Die Sorge ist immer zeitlich. Wir entwerfen uns immer schon voraus und sorgen uns um das künftige Sein-können. Deshalb leben wir oft eher in der Zukunft als in der Gegenwart.

In diesem alltäglichen rasendem Besorgen sind wir niemals wir selbst. Wir funktionieren und handeln, weil ‚man‘ so handelt. Dieses fremdbestimmte Handeln ist Teil der notwendigen Ordnung. Ohne Regeln und Konventionen funktioniert keine Organisation keine Gruppe und und kein Staat. Wenn wir uns im Verkehr bewegen, ist das Einhalten von Regeln lebensnotwendig. ‚Man‘ kann nicht bei Rot über die Ampel fahren! Heidegger nennt diese Seinsweise das ‚Man‘ oder die Un-eigentlichkeit. In der Seinsweise des ‚Man‘ ist jeder in seiner Funktion austauschbar und vertretbar. Es ist gleichgültig, ob ich selbst in den Supermarkt gehe zum Einkaufen oder ob ich eine andere Person darum bitte, mich zu vertreten.

Aber wenn wir nur in der Weise des ‚man‘ im rasenden Besorgen verharren, kommt bald eine tiefe Leere und Sinnlosigkeit. Wir sehnen uns nach etwas ganz anderem, danach, ganz wir Selbst sein zu können. 

 Erst der Schritt zurück aus dem rasenden Be-sorgen in ein stilles Betrachten und wahr-nehmen schenkt uns wieder den Frieden, mit uns selbst in Eins zu sein. Das Besorgen der Dinge im alltäglichen handelnden Umgang mit Zeug wird dann zur sinnspenden Sorge um mein eigentliches Sein-können, mir Selbst zu Eigen zu sein. Dies ist die Eigentlichkeit. In der Eigentlichkeit ist niemand vertretbar, es geht immer um mich selbst. ICH muss mein Schicksal laben, meine Krankheiten aushalten und ich bin es, der letztendlich stirbt. Niemand ist hier durch einen anderen vertretbar.

Die Dinge bekommen eine andere Qualität als das Zeug, das lediglich meist unbewusst benutzt wird. Aber auch, wenn wir uns selbst zu eigen sind, müssen wir uns im Alltag in der Weise des Man bewegen. 

Im Zhuangzi gibt es die Geschichte vom Meister Zi Qing, der berühmt für seine wunderbaren Glockenständer ist. Sie sind so wunderbar, dass man sie fast für das Werk eines Gottes oder Geistes halten könnte. Verwundert fragt der Fürst von Lu nach der besonderen Kunst, die Meister Zi Qing anwendet. Zi Qing antwortet, das er nur ein Handwerker ist, der über keine besondere Kunst verfügt. Aber bevor er sich ans Werk macht, bereitet er sich vor. Er tritt einen Schritt zurück aus dem rastlosen handeln in die Stille, um sich auf das werken des Glockenständers vorzubereiten:

Ich wagte nicht, auch nur die geringste Lebensenergie – 氣  zu verschwenden und sammelte mich, um mit Fasten meinen Herz Geist 心 xīn zu beruhigen. Nach drei Tagen Fasten hörte ich auf, an irgendwelche Anerkennung, Belohnung oder Ehrungen zu denken. Nach fünf Tagen Sammlung hatte ich keinen Gedanken mehr an Lob oder Tadel, Rang oder Einkommen. Nach sieben Tagen Fasten hatte ich vergessen, dass ich vier Gleidmaßen und einen Körper habe. Zu dieser Zeit habe ich keinen Gedanken mehr an öffentliche Angelegenheiten oder den Hof. Meine Fähigkeiten sind gesammelt und alle äußeren Ablenkungen verschwunden. 

Der Handwerker bereitet sich nicht auf sein Werk vor, indem er übt oder die Gedanken um das Gelingen des Werkes in seinem Geist hin und her wägt. Er geht in die Stille. Solange, bis er sich selbst völlig vergessen hat. Erst, wenn er vollkommen leer ist von Erwartungen, Ängsten oder Wünschen, geht er ans Werk. Nun erst richtet er sein Augenmerk auf die künftige Form des Glockenständers, um einen geeigneten Baum auszusuchen.

Erst dann ging ich in den Bergwald und betrachtete die himmlische Natur  der Bäume.

Der Handwerker betrachtet nicht einfach nur die Bäume, er meditiert über ihre ‚himmlische Natur‘ 觀天 性  guàn tiān xìng. Die ‚Natur‘ des Baumes ist sein ihm eigenes Leben und seine Eigenart. Das Schriftzeichen für ‚Natur‘ zeigt nicht die Natur im Allgemeinen, es ist die ganz eigene Wesensart dieses besonderen Baumes. Das Zeichen zeigt ein Herz neben einem Planzenschößling mit den ersten drei Triebblättern. Allein ist dieses Zeichen ‚Leben‘ 生.  Der Sensei 先生 (jap.) ist einer, der schon früher gelebt hat als sein Schüler

Erst nachdem Meister Zi Qing die vom Himmel vorgegebene eigene Natur und das Wesen des Baumes gefunden hat, der zu seinem geplanten Werk passt, beginnt er mit seiner Arbeit. Weil er die ursprüngliche, ‚himmlische Natur‘ gesehen hat, kann er seine natürliche Fertigkeit wirken lassen, die himmlische Natur des Baumes bleibt bewahrt,  und sein Werk wirkt, als sei es von Göttern oder Geistern gefertigt.

Auch in modernen technischen Arbeitsprozessen muss die ‚Natur‘, die Eigenart des Werkstoffes zum Werk passen. Um Bleistifte herzustellen, braucht man riesige alte Bäume aus dem Regenwald, denn nur diese Bäume liefern das gleichmäßige Holz, das benötigt wird um gute Bleistifte zu fertigen. Bei der Herstellung von Bleistiften gibt es vielleicht noch Spezialisten, die sich mit der Natur der benötigten Bäume auskennen und sie gezielt im Regenwald aussuchen. Aber Bäume sind längst schon zu einem beliebig austauschbaren Werkstoff geworden. Die uralten kanadischen oder finnischen Wälder werden von riesigen Maschinen gefällt und sofort vor Ort zu Spanplatten oder Taschentüchern und Windeln verarbeitet. Vor der Maschine liegt der Bergwald, hinter der Maschine ist nur noch Ödland. Und die Spanplatten, die keinerlei Rücksicht auf die ‚himmlische Natur‘ der Bäume nehmen, die nur in sehr langen Zeiten nachwachsen, sind längst schon weltweit im Handel. Die Bäume sind zu reinen Rohstofflieferanten geworden.

Der Umgang von Meister Zi Qing ist von völlig anderer Art als das rasende Besorgen der Dinge. Es ist ein meditatives und achtsames Wahr-nehmen der Dinge, sie sich in ihrer eigenen Natur zeigen. 

In seinem Spätwerk fragt Heidegger nach dem Wesen des ‚Dinges‘, das kein Zeug ist. Der alltägliche Umgang mit Zeug ist eine Grundstruktur des menschlichen Da-Seins. Aber das Ding ist kein Zeug, es ist die Versammlung von Welt, so wie die alte deutsche Versammlungsstätte Thing, von der das hochdeutsche Wort ‚Ding‘ hergeleitet ist. 

Heidegger denkt das ‚Ding‘ aus zwei Traditionen. Zum einen ist er stark angeregt von seiner Auseinandersetzung mit Hölderlin, zum anderen hat er sich intensiv mit dem Daodejing befasst. Ihm fehlte zwar die Kenntnis der chinesischen Sprache, aber er hatte versucht, mit einem chinesischen Studenten den Originaltext des Daodejing zu lesen. Enttäuscht musste er aber feststellen, dass dieser Text auch für den normalen Chinesen genau so unverständlich ist, wie für uns. 

Als Beispiel für ein ‚Ding‘ nimmt Heidegger den Krug. Sein Gebrauch bestimmt sich aus der Leere:

Gießen wir, wenn wir den Krug mit Wein füllen, den Wein in die Wandung und in den Boden? Wir gießen den Wein höchstens zwischen die Wandung und auf den Boden.  … Wenn wir den Krug vollgießen, fließt der Guss beim Füllen in den leeren Krug. Die Leere ist das Fassende des Gefäßes. Die Leere, dieses Nichts am Krug, ist das, was der Krug als das fassende Gefäß ist. 

Der Krug fasst nicht einfach nur den Wein oder das Wasser. Er ‚versammelt das Geviert von Himmel und Erde, Götter und Menschen‘. Im Wein oder im Wasser sind Himmel und Erde versammelt. Indem die Menschen sich beim Trunk versammeln und vorher den Göttlichen opfern oder wenigstens ihrer gedenken, versammelt sich das Geviert. Alle Vier spiegeln sich jeweils ihr Wesen zu. Indem der Himmel die Erde spiegelt, antwortet die Erde, indem sie blüht und fruchtet oder still in sich ruht. Indem die Menschen der Göttlichen gedenken, wandelt sich ihr Wesen und sie werden frei.  Dieses Spiegeln geschieht nicht unter Gewalt, es ist ein Spiel, indem sich die Vier jeweils ihr Wesen zuspielen. Heidegger nennt dieses Spiel das Spiegelspiel des Gevierts. Dieses Spiel beschreibt er mit Worten, die an die Meditationserfahrung des Meisters Zi Qing erinnern:

Die Vierung west als das ereignende Spiegel-Spiel der einfältig einander Zugetrauten. Die Vierung west als das Welten von Welt. Das Speigel-Spiel von Welt ist der Reigen des Ereignens. … Das gesammelte Wesen des also ringenden Spiegel-Spiels ist das Gering.

Das Ge-ring ist der Reigen, indem sich die Vier in EINS ‚tanzen‘, es ist zugleich auch das Geringe im Sinne des Einfachen und Alltäglichen. Es ist nichts Abgehobenes und Überweltliches, was da geschieht, die Welt ereignet sich, Himmel und Erde Götter und Menschen spiegeln sich je ihr Wesen zu und – der Handwerker bildet einen Glockenständer. Im ganz einfachen, achtsamen Umgang mit den Dingen wird sich der Mensch zu eigen, er er-eignet sich. Darum wird sein Werk so, als sei es von göttlichen Wesen geschaffen.

So gesehen ist Heideggers Konstruktion des Gevierts viel zu kompliziert. Der Sachverhalt ist einfacher und schlichter als das komplizierte Versammeln der Vier. Der Handwerker macht sich leer, er erkennt das himmlische Wesen des Baumes und bildet sein Hand-Werk. Im ganz gewöhnlichen, wenn auch achtsamen Umgang mit den Dingen geschieht das Er-eignen. 

Auch im japanischen Teeweg üben wir den achtsamen Umgang mit den ganz einfachen, fast alltäglichen Dingen. Mit der Teeschale, dem Teebesen, der Schöpfkelle. Es ist ein wunderbares Erlebnis, wenn das heiße Wasser aus der Schöpfkelle in die Teeschale fließt. Der Duft des Tee blüht auf und die ganze Welt rundet sich in einer einzigen Schale Tee. Das ist das Ge-Ring.

Zenmeister Dōgen schreibt:

Sich selbst tragend die zehntausend Dharma (die zehntausend Dinge) übend erweisen, das ist irren. Die zehntausend Dharma kommen her und erweisen übend mich selbst, das ist Erwachen.

Den Buddhaweg erlernen heißt, sich selbst erlernen. Sich selbst erlernen heißt, sich selbst vergessen. Sich selbst vergessen heißt, durch die zehntausend Dharma (die zehntausend Dinge) von selbst erwiesen werden.

Ich hatte einmal eine Teeschülerin, die an einem Gehirntumor erkrankt war. Ich besuchte sie in ihrem kleinen Teehaus. Völlig selbstvergessen schöpfte sie das heiße Wasser mit der Bambuskelle und ließ es in die Teeschale fließen. Immer und immer wieder. Völlig verzückt und selbstvergessen saß sie und lauschte dem Plätschern des Wassers in der Teeschale. Alles andere hatte sie vergessen: „Das ist soo schön!“ Ein paar Wochen später war sie friedlich in eine andere Welt gegangen. 

Zenmeister Dogen: Das Drehen der Blume

Zenmeister Dōgen: Das Drehen der Blume

Zenmeister Dōgen Zenji (1200 – 1253) ist vielleicht einer der größten Denker der Menschheit.
Sein Nachteil ist, dass er nicht im alten Griechenland, dem Heimatland der Philosophie gelebt hat, sondern im mittelalterlichen Japan in einer vergleichsweise friedlichen Zeit. Er hat seine Werke in der altjapanischen Sprache verfasst, die auch in Japan nur mit Schwierigkeiten verstanden wird. Außerdem schreibt Meister Dōgen aus und für die Erfahrung des Zen. Dennoch sind seine Gedanken überraschend modern und zeitlos und können uns auf unseren Wegen in ein meditatives Leben bereichern.

Sein Hauptwerk trägt den Titel Shōbōgenzō – Schatzkammer des wahren Dharma-Auges.
In dem Kapitel Udonge – Die Udumbara Blüteerzählt er die Geschichte von der Weitergabe der Lehre durch Gautama Buddha, der eine Blüte hochhält und dreht. Bei dieser Gelegenheit spricht Gautama das Wort Shōbōgenzō – Schatzkammer des wahren Dharma-Auges.
Dogen nennt die Blüte 優曇華Udonge, im Sanskrit heißt sie Udumbara.
In Indien dachten die Menschen, dass die Udumbara Blüte nur etwa alle 3000 Jahre erscheint und meistens von den Menschen unerkannt blüht. Deshalb scheint es so, dass in unserem Weltalter niemals mehr die Udumbara Blüte erscheinen wird, aber das ist keineswegs so. Sie erscheint in jedem Augenblick, den wir achtsam erleben.

Die Udumbaru ist eine indische Feige, die Ficus racemosa. Es ist eine Besonderheit der Feigenbäume, dass die Blüte im Inneren der Frucht geschützt blüht, sodass man sie von außen nicht sehen kann. Mehrere Blüten erscheinen gleichzeitig und bilden innerhalb der Fruchtknospe das Fruchtfleisch aus. Richtet man den Blick nur nach Außen, so kann man die Blüte der Udumbaru niemals sehen. Man muss nach innen schauen, um sie zu erkennen. Dann aber erkennt man, dass sie eigentlich überhaupt nicht selten ist, sondern das in jedem Fruchtkörper der Feige Dutzende Blüten verborgen sind. Wir müssen nur unsere gewöhnlichen Augen schließen und mit dem ‚wahren Dhama-Auge‘ schauen.
Die Übergabe der Lehre beschreibt Dōgen in der freien Wiedergabe eines alten Sutra:

»Vor einer Versammlung von tausenden Anwesenden auf dem Geiergipfel hielt der Tathagata (der Weltgeehrte Gautama Buddha) eine Udumbara-Blüte empor, drehte sie wortlos in seinen Fingern und machte mit seinen Augen ein Zeichen. In diesem Augenblick erschien ein Lächeln
auf Mahakasyapas Gesicht und der Weltgeehrte sprach:
»Ich habe die ‚Schatzkammer des wahren Dharma-Auges‘ (Shōbōgenzō) und den wunderbaren Geist des Nirvana. Ich übertrage sie an Mahakasyapa.«

Buddha dreht die Blüte in den Fingern, so wie er das Rad der Lehre dreht. Er dreht die Blüte, so wie man sich auf dem Weg übt, das heißt, unterwegs ist auf dem Weg zu sich selbst. Wenn die Udumbara Blüte nur die Knospe einer Feige ist, so ist die eigentliche Blüte im Inneren verborgen. Kein Wunder, dass niemand, der nur auf das Äußere schaut, die Geste Buddhas versteht. Warum dreht er eine Feigenknospe in den Fingern? Hat er nicht auch unter einem Feigenbaum gesessen, als er ‚erwacht‘ ist?
Wer seine ‚bisherigen Augen verliert‘, dem öffnet sich ein neuer Blick auf die Welt und die Wirklichkeit. Sein gewöhnliches Auge, das nur Gewöhnliches sieht, wird zum wahren Dharma – Auge und es erblickt den Kern des Geheimnisses.

»Das Drehen der Blume bedeutet, dass die Blume die Blume dreht, und zwar als Pflaumenblüte, als die Blüten und Blumen im Frühling, als die Blüten im Schnee, als die Lotosblüten.«

Die Blume dreht die Blume? Es ist da niemand mehr, der sie dreht, niemand macht etwas. Sie dreht sich ganz von selbst. Eigentlich ist das Drehen der Blume die gesamte Wirklichkeit, die jetzt mit einem erwachten Blick wahrgenommen wird.

»Letztlich ist das Drehen der Udumbara – Blüte nichts anderes, als die Berge, Flüsse und die Erde, die Sonne und der Mond, der Wind und der Regen, die Menschen, die Tiere, die Gräser, die Bäume und die mannigfaltigen Dinge, die sich jetzt und hier offenbaren. Leben und Sterben, Kommen und Gehen sind so vielfältig und strahlend klar wie die Blume.«

So ist Dharma, japanisch gesprochen Hō – zwar die Lehre Buddhas und das Buddha-Gesetz, nach dem Alles Leiden ist und es ein Erwachen aus dem Leiden gibt. Aber Buddhas Lehre ist nicht ausgedacht, sie sagt nichts anderes, als die Wirklichkeit der Welt
insgesamt. Dharma sind dann einfach die ‚zehntausend Dinge‘ in ihrer Gesamtheit – Berge und Flüsse, Götter und Menschen, Tod und Vergänglichkeit, leidende Wesen und Freiheit vom Leiden.

Wenn wir in der Lage sind, die scheinbar gewöhnlichen Dinge des Alltags mit wachen Augen wahrzunehmen, dann geschieht eine Verwandlung – mit der Welt, den Dingen und uns selbst.
Dann ist das Gewohnte nicht mehr das Gewöhnliche, sondern das erstaunlich Geheimnisvolle, das immer und überall geschieht und das wir frei von Stress und Angst ganz einfach nur mit unserem Herzen wahrnehmen.

Die Übergabe der wahren Schatzkammer des Dharma-Auges geschieht nicht nur einmalig, in dem Augenblick, als Gautama Buddha die Blüte auf dem Geierberg in den Fingern dreht. Dōgen mahnt denn auch:

»Vergesst das Drehen der
Blume des Tathagata auf dem Geierberg!«

Es kommt nicht darauf an, einen vielleicht einmal in einem historischen Augenblick geschehenen Vorgang zu wissen und zu verehren. Jeden Augenblick, in dem ein Buddha die Blume dreht, ist der Augenblick der Übertragung, JETZT im Augenblick.
Können nur Buddhas die Blume drehen? Aber vielleicht ist jeder, der achtsam die Welt wahrnimmt, ein Buddha?!
Jeder, der sich bemüht und auf dem Weg übt, ist ein übender Buddha – so sagt Meister Dōgen.
Ein Anfänger auf dem Weg kann vielleicht noch nicht so lange sitzen wie jemand, der viel Erfahrungen mitbringt und er plagt sich mit Schmerzen. Aber er ist – in dem Augenblick, in dem er übt – ein übender Buddha, der die Blüte dreht und die Lehre weitergibt.
Immer und immer wieder!

Kürzlich hatte ich Besuch von einem jungen Mann, der Zuflucht vor seinem stressigen Beruf suchte. Ich zeigt ihm, wie man atmet und bat ihn, ganz einfach nur auf dem Stuhl zu sitzen, ins Tal zu blicken und absichtslos den Schmetterlingen auf der Wiese zuzuschauen. Nach einer halben Stunde wachte er wie aus einer Trance auf: »Es ist ganz unglaublich, wie einfach das ist!« Ja, es ist einfach. Wir müssen nur für einen Augenblick zurücktreten und die Welt ohne Termindruck oder ohne gehetztes Machen-Müssen betrachten. Dann erscheint das Drehen der Blume, ’so wie die Schmetterlinge im Frühling tanzen‘. Immer wieder neu!

Wir wollen wieder einmal die Blume drehen und uns mit der Schrift Shōbōgenzō befassen.
Dazu gibt es am Benediktushof ein Seminar: Shinjin gaku Dō – Den Weg mit Leib und Geist lernen.
Dazu werden wir nicht nur Texte von Meister Dōgen lesen und gemeinsam interpretieren, sondern auch verschiedene Übungsformen von der Zen – Meditation über Teezeremonie bis hin zur Zen – Shakuhachi leibhaftig erfahren.
Vorkenntnisse sind nicht erforderlich, lediglich die Bereitschaft, sich auf die gemeinsame Erfahrung einzulassen

Ort: Benediktushof

Beginn: Freitag, 17.08.2018, um 18:00 Uhr

Ende: Sonntag, 19.08.2018, um 13:00 Uhr

Kursprogramm Benediktushof

Anmeldung am Benediktushof

Unterricht im Teeweg und Zen-Shakuhachi und Zen – Meditation
auch im August wie üblich nach individueller Vereinbarung.
Im September bin ich für zwei Wochen in Griechenland. An meinem Buch über das Daodejing des Laotse weiterarbeiten, Shakuhachi in einer alten byzantinischen Kirche aufnehmen und – last not least – im Meer schwimmen gehen.
Bei Bedarf werde ich in dem kleinen Dorf im nächsten Frühjahr ein Seminar mit Shakuhachi Unterricht und Zen – Meditation organisieren. Anfragen sind schon jetzt möglich.


Tanabata im Teehaus

Das Tanabata Fest im Teehaus

Wie es schon seit vielen Jahren im Myoshinan Tradition ist, feiern wir am 7.7. das
japanische Tanabata Fest.

In China und Japan erzählt man schon seit langem die Geschichte von der Weberin und dem Ochsenhirten. In Japan heißt die Weberin Orihime
– Weber Prinzessin und der Ochsenhirte Kengyu – Rindertreiber oder Hikoboshi, männlicher Stern, der japanische Name für den Stern Altair. Sie wurden, weil sie vor lauter Verliebtheit ihren Aufgaben nicht mehr nachkamen, an den Himmel versetzt und durch den großen Himmelsfluss Amanogawa getrennt – wir nennen den Fluss die Milchstraße.

Orihime und Kengyu auf einem japanischen Obi

So leuchten sie als die beiden Sterne Altair und Wega, die sich an der Gabelung des Himmelsflusses für immer getrennt gegenüberstehen.

Sie sind zwar ein getrenntes Paar, aber einmal im Jahr, am siebten Tag des siebten Monats können sie in der Nacht zusammenkommen. Dieser Tag ist der Tag des Tanabata Festes, das an vielen Orten in Japan und Korea prachtvoll begangen wird. Über
die Geschichte der beiden Liebenden habe ich schon öfter ausführlich berichtet. Nachzulesen auf meiner Webseite unter Tanabata

Tanabata – 七夕 – ist wörtlich `der siebte Abend – man kann hinzusetzen des siebten Monats.
Es gibt drei große Feste, die in Japan wichtig sind, nämlich das Mädchenfest am 3.3. – das Knabenfest am 5.5. und Tanabata, das Fest der Liebenden am siebten Tag des siebten Monats.

Die Schriftzeichen 七夕 – sieben Abend – müssten regulär eigentlich als »shichi Yu«
gelesen werden. Aber das Wort ‚shichi‘ für sieben klingt so ähnlich wie das Wort ‚shi‘ für
‚vier‘ oder ‚Tod‘. Darum gelten diese Worte als unglückverheißend und man vermeidet
es, sie auszusprechen. Stattdessen verwendet man Ersatzworte. Vier wird nicht ‚shi‘,
sondern ‚Yon‘ und shichi, also sieben als ‘nana‘ gesprochen.

Nur zusammen mit dem Zeichen für Abend werden die beiden Zeichen zusammen als ‚tana-bata‘ gelesen. Vermutlich kommt die merkwürdige Lesung der Zeichen von einem alten Shintofest, das früher um dieselbe Zeit gefeiert wurde. Bei diesem Fest
webte die Priesterin so wie die himmlische Weberin einen Stoff auf dem Webstuhl, den ‚Tanabata‘.

Auch in unserer Kultur kennen wir Tabu-Worte. Der Teufel durfte früher niemals ausgesprochen werden. Man benutze Ersatzworte wie ‚der Gott- sei- bei- uns‘ womit schon die Hilfe Gottes angerufen wurde, falls der Teufel tatsächlich erscheinen sollte. Denn:
»Wenn man den Teufel nennt, kommt er gerennt.« Man darf die Tabu-Worte nicht aussprechen, denn ausgesprochen erscheint das Genannte und bringt Unglück.

Tanabata aber hat mit Unglück nichts zu tun. Vielmehr ist es ein glückverheißendes Zeichen, wenn es in der Nacht des Tanabata nicht regnet, denn dann können die beiden Liebenden zusammen kommen.

Tanabata: Bunte Papierstreifen am Bambus

Zwar sind sie fest am Himmel fixiert als die beiden Stern Wega und Altair, aber in dieser Nacht stand früher die Mondsichel wie ein Boot zwischen den Beiden und so konnten sie den Himmelsfluss überqueren. Wenn man in dieser Nacht Wünsche auf buntem Papier aufschreibt, an einen Bambus bindet und auf dem Fluss treiben lässt, so gelangen die Wünsche über den Himmelsfluss zu den Beiden und die Wünsche gehen in Erfüllung. Auch wir werden unsere Wünsche auf
Papier schreiben und dem Feuer übergeben, damit sie zum Himmel getragen werden, denn der Bach ist zu weit entfernt.

Am Feuer werden wir dann gemeinsam das alte Tanabata-Lied singen:

Sasa no ha „sara sara“
nokiba ni yureru
Ohoshi-sama kira kira
kin gin sunago

Go shiki no tanzaku
watashi ga kaita
Ohoshi-sama kira kira
sora kara miteru

Die Bambusblätter tönen „sara – sara“
An der Dachtraufe.
Die ehrwürdigen Sterne blinken
„Kira Kira“

Die fünffarbigen Papierstreifen
Habe ich beschriftet.
Die ehrwürdigen Sterne blinken „Kira kira“
Wenn sie uns vom Himmel her sehen.

Unser Fest mit vielen musikalischen Darbietungen unter anderem von der Gruppe Drachengesang, Nalini und Taron, der Gruppe MittenSturm mit Hilde Körner und Mario Schindler bietet ein buntes und abwechslungsreiches Programm. Über kleine Konzerte, Lieder auch zum Mitsingen,Workshops mit Klangschalen oder der japanischen Taiko, japanische Geschichten im fränkischen Dialekt, Rezitationen zum Mitmachen bis hin zur feierlichen Teezeremonie und zur abendlichen Feuerzeremonie ist alles vertreten.
In den Pausen gibt es japanische Kleinigkeiten und für Getränke ist gesorgt. Der Eintritt ist frei, aber wir bitten um eine Spende für die beteiligten Künstler.

Termin: Samstag 7.7. 2018
Beginn: Ende: mit Einbruch der Dunkelheit nach der Feuerzeremonie
Das Programm ist locker und vielfältig. Man kann gerne jederzeit dazu kommen.

Veranstaltungsort:
Japanisches Teehaus Myoshinan Chadojo
Am Rosenberg 5
91338 Igensdorf

Das Teehaus auf Google maps

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