Ketzerische Gedanken eines alten Tee-Zausels beim Gesang des Teekessels.

Draußen ist es kalt. Seit Tagen schon liegt dichter Nebel über dem Land. Die riesige Fichte im Garten verschwindet fast wie ein dunkler Schatten im Grau. Die Felder, die Wiesen und der Wald schimmern kaum sichtbar mit Schnee bedeckt im, nächtlichen Nebel. Die Schafe auf der Wiese sind wieder weitergezogen. Nicht einmal ihr Blöken stört die Stille. Der nasse Schnee verschluckt alle Geräusche. Der alte Kater schaut misstrauisch und vorsichtig aus der Haustür. Schneit es noch? Oder ist der Schnee schon zum nassen Nebel geronnen? Schnell wieder ins warme Haus zurück!
Leise gleitet das ganze Land in stilleren Abend.
Geheimnisvoll steigt die dunkle Nacht auf, und niemand weiß, was sie bereitet.
Selbst der Mond, der nächtliche Freund, ist verborgen im Nirgendwo.

Ohnehin ist es seit langem schon still geworden. Corona liegt wie eine schwere Last auf dem ganzen Land. In den nächsten Tagen werden wohl wieder einmal die Geschäfte schließen und die Schulkinder dürfen zu Hause lernen. Homeschooling heißt das jetzt.
Trotz des ‚Lockdown light‘ sinken die Zahlen der positiv Getesteten nicht. Heißt das, die Maßnahmen sind nicht streng genug? Oder sind sie unwirksam, weil es nicht die Richtigen waren? Oder ist es einfach der Winter, den das Virus liebt?
Vielleicht müsste das Gesundheitssystem wieder gestärkt werden. Es nutzt nichts, wenn man teure Geräte anschafft. Es braucht Menschen, die sie bedienen können. Seit vielen Jahren schon arbeiten die Ärzte im Krankenhaus am Limit. Pflegepersonal wechselt in andere Berufe, weil der Stress bei schlechter Bezahlung zu groß wird. Aber das Personal wieder aufzubauen, kostet viel Zeit und Geld. Und es verhindert auch keine Neuinfektionen, verbessert aber die Behandlungen. Das ist auf Dauer billiger, als viel Geld Betriebe zu stecken, die zwangsweise geschlossen sind.
Sicher, das Virus ist nicht harmlos. Es ist verantwortungslos, unachtsam durch den Spätherbst und Winter zu ziehen, in Nichtachtung des Virus. Das war in Zeiten von Infektionswellen schon immer so und entspringt dem gesunden Menschenverstand.

Sucht sich das Virus gezielt die alten Leute? Freilich, auch junge Menschen sterben am Virus, aber eigentlich sind es häufig die alten Leute, die dahinscheiden, selbst viele über Neunzigjährige. Sterben sie jetzt am Virus oder vor Einsamkeit oder ganz einfach am Alter? Lohnt es sich noch, weiterzuleben, wenn das Leben nur noch ein Warten auf den Tod ist?
Auf meinen Schultern liegen viele Jahre. Meine Bücher wollen fertig geschrieben werden. Freunde warten, dass ich ihnen eine Shakuhachi baue, und sie freuen sich auf den online Unterricht. Und der neue Teeraum ist auch noch nicht wirklich fertig. Ich habe noch so viel zu tun! Aber interessiert das den Tod? Vermag ich ihn, wenn er kommt?
Oder muss man mich jetzt vor Besuch schützen? Und Geschenke im Keller einsperren, weil die ja mit dem Virus verseucht sein könnten? Aber was ist dann mit den Lebensmitteln aus dem Supermarkt? Sollte etwa auch das Toilettenpapier verseucht sein? Die Freunde müssen fern bleiben, sie könnten uns ja infizieren.

Sollte man uns Alten besser einsperren, damit uns der Tod nicht ereilt? Aber der hat einen Weltuniversalschlüssel und kommt durch jede Tür. Nicht die Angst vor dem Tod sollte unser Leben bestimmen. Mit dem Eintritt in das Leben treten wir zugleich ein in das Sterben. Wir sterben von Geburt an. Und das fortwährend. Das ganze Leben ist ein Loslassen und ein Abschied. Aber vielleicht machte gerade das die Kostbarkeit des wirklich gelebten Augenblicks aus! Leben wir den Augenblick, damit wir einst sagen können: „Ja, ich habe gelebt! Und es war gut!“ Nicht die großen Dinge machen das Leben so wertvoll. Nicht die Luxusvilla und die schönen Autos, nicht die Luxusreisen in die Ferne. Auch nicht, wenn man Präsident von Amerika oder der König der Welt wäre!

Das ganze Land scheint in winterliche Starre zu verfallen.
Aber vielleicht bringt diese neue Stille wieder etwas mehr Besinnung in die staade Zeit? Früher einmal brach schon früh der Weihnachtswahnsinn los. Auch in Japan habe ich Anfang Oktober bei schönstem Sonnenschein und Temperaturen um 20 Grad erlebt, wie plötzlich alle Geschäfte von ‚Santa Kurausu‘ überrannt wurden. Eigentlich sollte man gleich nach Ostern mit der Weihnachtsdekoration beginnen, damit man rechtzeitig zu Weihnachten fertig wird. Wegen der drei Feiertage, die hektisch im Besuch von Eltern und Schwiegereltern aufgeteilt waren, und in denen man dann noch in den Skiurlaub aufbrechen musste, gab es monatelangen Vorbereitungsstress. Das schönste Fest des Jahres: Advent Advent, der Christbaum brennt!

Aber wir leben nicht in der Hektik der Stadt. Um uns die ländliche Abgeschiedenheit und Stille. Und im Teeraum im alten Forsthaus am Waldrand?
Der Teekessel singt über dem Holzkohlenfeuer. Die uralten Eichenbalken dämmern dunkel im sanften Schatten der Kerzen. Der Duft von Räucherwerk verwandelt den Raum mit seinen schlichten Lehmwänden in das reine Land Buddhas. Wohliger Duft scheint die ganze Welt zu erfüllen. Tiefer Frieden ergreift uns, und wir genießen den herb duftenden Tee, versammelt um die rot glühenden Holzkohlen, die im Dämmerlicht leuchten. Öffnet man die Schiebetür aus Papier nur ein klein wenig, dringt ein Gruß von der Kälte draußen herein. Aber das lässt die wohnlich, wohlige Wärme noch heimeliger und geborgener werden.
Still! Hörst du nicht den Teekessel singen wie den Wind in den Kiefern?
Heute ist heute.
Was morgen sein wird, weiß ohnehin niemand.
Genießen wir den Augenblick und den Tee und freuen uns an der Stille!
Das ist einfach nur: leben!

Sprachlos und kalt

Seit fast zehn Monaten sitze ich jetzt an meinem Buch über Hölderlin. Nein, eigentlich seit dreißig Jahren. Das Thema ist das kleine Gedicht „Hälfte des Lebens“. Schon während meiner Zeit als VHS Philosophie – Dozent haben wir immer wieder Wochenendseminare und Kurse über Hölderlin gehabt. Das Thema des kleinen Gedichtes hat mich immer wieder gefesselt. Vor fast zwanzig Jahren habe ich dann einen Text darüber geschrieben, der auch im Internet veröffentlich ist.

Aber mir hat in diesem Text zu viel gefehlt. Darum habe ich mich vor zehn Jahren daran gesetzt, den Text zu überarbeiten und das Fehlende zu ergänzen. Aber dann kam der Winter. Zwar ein Winter ohne Corona, aber es war kalt und neblig und dunkel. Ich mochte oder konnte einfach nicht weiter schreiben.

Und wie es so ist, es passiert so vieles und das Projekt ist in Vergessenheit geraten. Dieses Jahr 2020 ist das Hölderlin Jahr. Im Fernsehen kam ein Film über das Leben Hölderlin, seine „Entführung“ nach Tübingen und seine Zeit in der Tübinger Authenrietschen Klinik.
Ich war zwar fast fertig mit einem Buch über das Daodejing, über nun war Hölderlin wichtiger.

Aber was tut man mit Texten, die vor zehn Jahren geschrieben wurden? Da passt nichts mehr. Man ist älter geworden und vielleicht weiser? Vielleicht nicht weiser, aber weißer auf jeden Fall!Also heißt es, alles vergessen und ganz von vorn beginnen. Das war manchmal so frustrierend, dass ich mein Buch über meine Hunde zwischenrein als Erholung geschrieben habe. Nun, wieder im November und durch Corona ohnehin ans Haus gefesselt nähert sich das Buch dem Ende.

Heute habe ich mir die Gedichtzeilen in der zweiten Strophe vorgenommen:

Die Mauern stehn
Sprachlos und kalt, im Winde
Klirren die Fahnen.

Da ist ein eigenartiger Rhythmus in den Versen. Die Mauern stehn – Pause. Dann beginnt es zu tanzen: „Spachlos und kalt“ . Die letzte Zeile klingt wieder wie der Titel des Gedichtes in einem eigenen Rhythmus: Hälfte des Lebens – Sprachlos und kalt.
Und dann habe ich eine Arbeit genau über diese Textstelle gefunden. Die erklärt alles. (Oder Nichts?) Da klirren die Worte sprachlos und kalt. Was für ein Glück, dass ich das nicht vorher gefunden habe. Denn dann hätte ich erkannt, dass ich so überhaupt nichts verstehe. Muss ich jetzt aufhören weiter zu schreiben? Schaut selbst:

„In der Tat haben die Enjambements und die »staccato-ähnliche Unterbrechung« der zweiten Strophe zur Folge, dass nicht der dritte Päon, der nach Klopstock und nach Moritz sehr schwungreiche und aufwärtsstrebende Dydimeus (»«!«),sondern der zweite Päon denVersfuß par excellence darstellt: »!««. Er zeigt sich mindestens vier Mal:»wo nehm ich, wenn«, »Es Winter ist«, »die Blumen, und«, »den Sonnen-schein« sowie »Die Mauern stehn«. Für Moritz ist der zweite Päon dissonant, da er in den abtaktigen zwei Senken doppelt abfällt. Damit verliert die zweite Strophe wegen der leicht nachverschobenen Verszäsur an Schwung und fällt wiederholt in sich zusammen und damit in die Leere der Zäsur zu-rück. Umso deutlicher tritt sodann der akephale Pherekrateus »Und Schatten der Erde« hervor. Er steht parallel zum gleich rhythmisierten fünften Vers der ersten Strophe »Und trunken von Küssen« und verweist auf die Oralität, auf das gesprochene Wort. Im Gegensatz dazu »stehn« die bloßen Schriftzeichen »sprachlos«, und die »Blumen« der Rhetorik sind in der bloßen Schriftlichkeit in visuellen Zeichen erstarrt. Die »Schatten der Erde« werden so alsSchrift zum Ort der Zeitlichkeit, der trunkenen vergänglichen Dichtung, was erst durch die eigenrhythmische Rückbezüglichkeit und Entfaltung möglich wird. Doch nur der Ort, das »Dort« der Schrift kann die Mehrdeutigkeit, die durch die Zäsur zustande kommt, aufzeigen und so das Wort in seiner Bewegung lebendig halten. Damit erhält die vormals erstarrte Schriftlichkeit eine Umwertung. Denn erst sie beinhaltet das ganze Potential des gesprochenen Worts. Die äolischen Periodisierungen in der ersten Hälfte des Gedichts sind durchwegs in einer antiken Quantitätsrhythmik gehalten, während die kata-metron-Passagen der zweiten Hälfte sich stärker an eine deutsche Taktrhythmik anlehnen.“

Zitat aus: Boris Previšić Hölderlins Rhythmus

Alles klar?
Wie gut, dass es Wissenschaft gibt!

Teeweg auf Youtube

Inzwischen stehen einige Videos vom Myoshinan auf Youtube. Nicht nur Teezeremonie, auch literarische Lesungen von Hölderlin und Rilke und Filme mit Aufnahmen der traditionellen Shakuhachi im Stil des Zentempels Icchoken sind vertreten. Hier eine kleine Liste zum leichteren Auffinden der Videos.

http://www.teeweg.de/blog/teeweg-auf-youtube/

Hölderlin und Quittengeist

Bei meinem Besuch im Hölderlinturm in Tübingen habe ich einen Quittenbrand aus dem Hölderlingarten mitgebracht.

Nun fürchte ich, dass mich der Geist ergriffen hat. War es der Geist oder habe ich in der letzten Zeit bei der Arbeit an meinem Buch einfach zu viel Hölderlin gelesen? Aber manchmal ist es nötig zu werden wie die Kinder. Dann fällt vor Lachen die Last von den Schultern.
Heute jedenfalls habe ich einen neuen, bisher unbekannten Text gefunden. Der Sprachmelodie und dem Inhalt nach kann es nur von Hölderlin stammen.
Oder ist da zu viel vom Geist aus dem Hölderlingarten drin?

Gesang des Geras
Gesungen unter dem Quittenbaum

Einst hat mich die Muse gefragt
Wie schreib ich, wenn der Geist mich packt 
Den Gesang
Und ich nimmer versteh zu setzen die Worte.

Weh mir! wo nehm ich
wenn man mich fragt
die Ideen her
zu schreiben den Gesang
Wie der Meister.
Sprachlos und kalt steh ich
die Zähne klappern vor Angst.

Aber wenn der Abend trunken
bacchantischer heraufziehet,
und das Schattenbild der Erde
Der Mond kommet geheim nun auch,
so wendet es sich mit diesen
und das Klappern wird zu befreitem Gesang
hoch auf fliegend zum Vater Äther,
vogelgleich, und füllet mit Lust
Himmel und Erde,
tanzend über den Kronen des Meers,
und frisch erfüllt mit Wonne
klingt‘s und springet von Mund zu Mund, 
freudig geteilet und nicht allein wirds ein Jubel:
Gelobet sei der Meister, der besser noch als vormals
Anstimmet den Gesang
Am Abend der Zeiten.
Trunken aber von Glück
Säuft er den Wein, sitzend am Puter allein, 
und haut in die Tasten
Zeile um Zeile.
Doch besser will es nicht werden, 
solange er auch schreibt 

Aber wenn…
     die Dunkelheit
        Im Finstern

Anmerkung des Hrsg:
Am linken Rand des Textes, dort wo der Gesang unvollendet bleibt, steht mit Bleistift geschrieben quer zum Text:

Gesang in der Finsternis
Singen wollt ich hellen Gesang
doch leider ging nun das Licht aus!

Mit Hölderlin zu sprechen: Das verehrte Publikum möge mir verzeihen, aber ich kann nicht anders!
Aber manchmal befreit Blödsinn den Geist.

Oder: Es wird langsam Zeit, dass das Buch fertig wird!!!!

Haiku und Zen in Zeiten von Corona

Haiku und Zen im Benediktushof

Der japanische Dichter Basho formte im 17. Jhd. aus der
alten Form der Renga-Dichtung die Kurzform des Haiku,
ein Ausdruck des Zengeistes.

Traditionell sind Haiku Naturgedichte:
„Der Sprung eines Frosches, die bunte Sommerwiese,
das fallende Blatt.“

Ein Haiku ist immer konkret. Es gibt einen Augenblick wie-
der, der mit den Sinnen wahrgenommen wurde und teilt
diesen mit dem/der Leser/-in, ohne ihn zu kommentieren.
Erst der/die Leser/-in vollendet das Gedicht, indem er/sie
seine/ihre Gefühle und Assoziationen dazu entfaltet.

Ein Haiku zu verfassen heißt, eine Knospe hervorzubringen;
ein Haiku zu lesen bedeutet, die Knospe zur Blüte zu entfal-
ten. Um ein Haiku zu finden, ist eine Haltung der Achtsamkeit
erforderlich, mit der die Natur und der Augenblick wahrge-
nommen werden. Gemeinsam gehen wir erste Schritte im
Schreiben von Haiku und erfahren die philosophischen Hin-
tergründe der japanischen Haiku Dichtung.

Zur Schulung unserer Wahrnehmung üben wir Zen-Meditation,
arbeiten mit Klängen, Obertongesängen und Rezitationen und
bewegen uns in der Natur.
Eventuell Photoapparat mitbringen, dann können wir auch Bilder zu Haiku machen.

Corona bedingt werden wir uns soweit wie möglich in der freien Natur aufhalten und dort versuchen, Haiku zu schreiben.

BeginnSo., 30.08.2020, 18:00 Uhr
EndeDi., 01.09.2020, 13:00 Uhr

Anmeldung am Benediktushof
https://www.benediktushof-holzkirchen.de/kategorie/kw/bereich/kursdetails/kurs/20SB04/kursname/Haiku+und+Zen+-+ein+Weg+zur+Achtsamkeit/kategorie-id/0/#inhalt