Ich heiße Waldemar

Vor einiger Zeit habe ich Deutschkurse für jüdische Aussiedler aus Russland organisiert. Bei der Vorstellungsrunde sagte einer der Teilnehmer: „Ich heiße Waldemar und ich bin in Deutschland geboren!“ „Nein, er heißt Vladimir!“ „Nein, ich heiße Waldemar und ich bin Deutscher!“ „Aber warum willst du Deutsch lernen, du sprichst ja sehr gut Deutsch?“ „Nein, Das ist Jiddisch!. Ich kann kein Deutsch. Deutsche Leute sagen: ‚Lern erst mal deutsch, wenn du mit uns sprechen willst!“ „Und Jiddisch habe ich ganz vergessen. Denn wenn wir in Russland Jiddisch gesprochen hätten, dann: Päng!“

„Wie bist du hierher gekommen?“ 

Ich bin in Deutschland geboren. Dann kam Hitler. Ich nach Polen. Dann kam Hitler nach Polen. Ich ging nach Russland.  Als Jude ich nach Sibirien und Zwangsarbeit. Dann kam Tschernobyl. Ich nach Tschernobyl.  Jetzt bin ich hier. Das war mein Leben!“

Waldemar ist vier Monat später gestorben. Krebs!

Veröffentlicht unter Allgemein | Hinterlasse einen Kommentar

Ein einfacher Chemiker

Vor langer Zeit, als ich noch im Max Planck Institut forschte, hatte ich ein Experiment aufgebaut, mit dem ich Messmethoden für einen Plasmastrahl erarbeiten wollte. Unkontrollierbar traten immer wieder ganz unverständliche Phänomene auf,. Die Physiker Kollegen strömten herbei, um die merkwürdigen Effekte zu sehen. Aber die  waren nicht reproduzierbar. Manche meiner Kollegen meinte: „Dafür bekommst du sicher einmal den Nobelpreis.“

Eines Tages war ein alter Chemiker zu Besuch, der sich meinen experimentalen Aufbau vorführen ließ. Ich erklärte ihm die Struktur meines Experimentes und hoffte auf einen Tipp für die unerklärlichen Phänomene. Aber er meinte nur: „Junger Mann, ich verstehe das nicht. Ich bin nur ein einfacher Chemiker!“ Dieser alte Herr war Otto Hahn, der als Erster die Atomspaltung in einem einfachen Experiment nachgewiesen hatte. Aber er hatte damals nicht verstanden, was er damit ausgelöst hatte: Die gesamte Entwicklung der Nukleartechnik der Atomspaltung. Die Anwendungen reichen nicht nur von der friedlichen Nutzung der Atomenergie sondern auch bis hin zur Atombombe. Otto Hahn war damals bei unserer Begegnung ein sympathischer alter Herr. Er hätte niemals die fürchterlichen Anwendungen seiner Entdeckung gebilligt. „Ich bin nur ein einfacher Chemiker!“ Was er nicht gesagt hat: „Mit der ganzen schrecklichen Entwicklung habe ich nichts zu tun und ich würde sie auch nicht gut heißen!“

Das Institut, in dem ich damals arbeitete, war aus dem Institut von Werner Heisenberg hervorgegangen.  Aber ich habe Heisenberg nur noch erlebt als einen alten Herrn, der beim Ausparken fast seine Ehefrau überrollt hätte, weil er nicht mehr so gut rückwärts schauen konnte. Und mit Carl Friedrich von Weizsäcker habe ich nur noch über Meditation diskutiert. „Bis zum Ende meines Lebens würde ich gerne noch verstehen, was denn eigentlich der Gegenstand unserer physikalischen Forschung ist!“

Für mein Experiment habe ich niemals den Nobelpreis bekommen. Nach langer Forschung erkannte ich den Grund für die unerklärbaren Phänomene im Plasma. Sie traten nur auf, wenn ein Mechaniker der Firma Linde anwesend war. Bei schönem Wetter öffnete er die Tür der abgeschirmten Laborhalle. Und dann wirkte mein Plasmastrahl wie eine Antenne, die den nahegelegenen Mittelwellensender des Bayrischen Rundfunks empfing. Dafür bekommt man keinen Nobelpreis. Man konnte damit ja nicht einmal Radio hören! Es gab lediglich im Oszillographen wunderschöne Bilder von Schwingungen. 

Eigentlich schade! Besser den BR empfangen als Nuklearspaltung erforschen! DAS wäre doch einen Nobelpreis wert!

Als wir vor ein paar Jahren in einem Zentempel in China zu Besuch waren, wurde ich sehr besorgt gefragt, ob ich als Physiker, der noch Otto Hahn,  Heisenberg und Weizsäcker gekannt hatte  und als Zenmensch sagen könnte, ob der Zen eine Rettung aus den technologischen Problemen unserer Zeit wüsste. Meine Antwort: „Ich bin nur ein einfacher Teelehrer. Ich weiß es nicht!“

Aber hoffen kann man schon?!

Und einen Versuch ist es allemal wert!

Veröffentlicht unter Allgemein | Verschlagwortet mit , , | Hinterlasse einen Kommentar

Pope in Griechenland II

Vor vielen Jahren habe ich über Papageorgios geschrieben, dem Popen in Lachania, dessen Frau eine kleine Taverne betreibt. Man sieht oft Popen, die in der Taverne bedienen oder gar selbst kochen, denn das Gehalt das die unstudierten Priester bekommen, reicht in der Regel nicht aus, um den Lebensunterhalt zu bestreiten. Nur die studierten Priester, die entweder in größeren Städten oder in höheren Ämtern arbeiten, müssen nicht unbedingt dazu verdienen.

papageorgios
Papageorgios – Papas in Rente

Inzwischen ist Papageorgios achtzig Jahre alt geworden und im Ruhestand. Ein neuer Priester feiert die Gottesdienste- da muss dann der alte Pope nicht mehr in die Kirche gehen. EIN Pope im Gotteshaus reicht aus. Eigentlich sagt man besser ‚Papas‘ und nicht Pope, das klingt ehrfürchtiger.

Aber Papageorgios – so lautet sein Familienname und nicht sein Titel ist doch eher ein ganz und gar schlichter Pope. Und Chrissie steht immer noch hinter dem Herd und kocht mit Begeisterung. So muss ich auch dieses mal nicht verhungern obwohl ich den ganzen Tag an meinem Buch über die japanischen Haiku schreibe. Das Buch wird auch ein ganzes Kapitel über Lachania enthalten mit lauter Haiku, die hier entstanden sind.

Chrissie in ihrer Taverne
Veröffentlicht unter Allgemein, Dichtung / Philosophie, Griechenland, Länder und Reisen | Hinterlasse einen Kommentar

Das Drehen der Blume

Vor einiger Zeit habe ich über das Drehen der Blume erzählt, mit dem Buddha die Lehre ( oder doch die LEERE?) weitergegeben hat. Die Blume ist nichts anderes als eine spezielle indische Feige.
Vor meinem Haus hier in Griechenland steht ein merkwürdiger Baum mit interessanten Früchten.

Ficus elestica

Zum Glück gibt es Smartphones und Apps zur Analyse von unbekannten Pflanzen. Und was hat sich ergeben? Es ist ein Gummibaum. Aber kein ganz ordinärer, der zu Hause rumsteht und bei dem immer der Staub auf den Blättern abgewischt werden muss. Es ist eine indische Feige ‚ficus elastica‘. Die kleinen Früchte sind also Feigen. Hier in Griechenland sind sie nicht essbar, denn dazu muss eine ganz spezielle Wespenart in den Fruchtansatz eindringen und ihn befruchten. Diese Wespe gibt es nicht in Griechenland.
Aber was das Aufregende ist: Diese Feige ist eng verwandt mit der „Blume“, die Buddha hochgehalten und gedreht hatte.

Wundert euch also nicht, wenn ich – heimgekehrt aus Griechenland – eine Gummibaum Feige hochalten und drehen werde.

Die Blume blüht nach der Legende nur alle dreitausend Jahre. Vermutlich hat sie nur darauf gewartet, dass es Smartphones gibt, die ihre wahre Natur erkennen können! Früher war es halt einfach ein Gummibaum!

Nachtrag: Auch smartphones und Apps können irren. Die Feige vor meinem Haus scheint doch ein ganz normaler Ficus Benjamini, eine Birkenfeige zu sein. Es ist also doch der ganz gewöhnliche Gummibaum, der als Staubfänger in unseren Wohnzimmern herumsteht. Er trägt zwar bei uns recht selten Früchte, aber immerhin muss man nicht einmal nach Indien gehen um Buddhas Blume mit eigenen Händen zu drehen. Nur einfach aus dem Wohnzimmersessel aufstehen und zum Gummibaum gehen!

Aber wie sagt Dogen so schön? Es genügt nicht, etwas zu wissen, man muss es TUN!

Veröffentlicht unter Allgemein | Hinterlasse einen Kommentar

Shakuhachi in Lachania



Das alte Haus singt
gemeinsam mit dem Bambus
von fremden Welten

Shakuhachi in Lachania

Ich wohne jetzt in einem Haus, das der holländischer Musiker ’Jerry‘, der sich in Lachania niedergelassen hatte, zusammen mit seiner Frau Jutte liebevoll restauriert und eingerichtet hatte. Persönlich war ich ihm nie begegnet, jedenfalls nicht bewusst. Leider ist er vor ein paar Jahren gestorben. Aber seine Frau Jutta, die in München in der unmittelbaren Nachbarschaft meiner früheren Wohnung zur Schule gegangen war, hatte ich oft getroffen. Denn die beiden hatten neben dem Haus, in dem ich damals immer wohnte, ein altes Haus restauriert, das sie an Freunde vermieteten. Und so waren wir zu unmittelbaren Nachbarn geworden, die sich hin und wieder über die Mauern hinweg unterhielten.
Abends spielte ich oft im uneinsehbaren Innenhof meines Hauses bis spät in die Nacht Shakuhachi. Einmal hatte ich fast die ganze Nacht mit dem stürmischen Wind um die Wette gespielt, der im Kamin heulte und schrie: Houuuh – jaiiih. Damals habe ich den Text :Klang und Stille geschrieben. Manchmal hatte ich das Gefühl, dass draußen Leute zuhörten, aber ich war viel zu sehr in das Spiel vertieft, um darauf zu achten.
Jetzt erzählte mit Jutta, dass Jerry von meinem Spiel so beeindruckt war, dass er sich selbst mehrere Shakuhachi besorgte und das Spiel erlernte. Ohne Lehrer ein echt schwieriges Unterfangen!
Vielleicht bekomme ich seine Shakuhachi, die derzeit in Berlin sind. Auf jeden Fall möchte ich im nächsten Frühjahr hier in Lachania ein Seminar halten mit Praxis und Theorie im Shakuhachi – Spiel. Vielleicht spielen wir dann ein Jerry Gedenkkonzert mit seinen Instrumenten? Wer weiß?
Interessenten können sich jetzt schon melden.

Veröffentlicht unter Allgemein, Griechenland, Musik | Verschlagwortet mit | Hinterlasse einen Kommentar