Teeweg im Februar 2021

Hallo liebe Freunde,

Ich habe Dir lange nicht geschrieben, bin indes in Frankreich gewesen und habe die traurige einsame Erde gesehen, die Hirten des südlichen Frankreichs und einzelne Schönheiten, Männer und Frauen, die in der Angst des patriotischen Zweifels und des Hungers erwachsen sind.
Das gewaltige Element, das Feuer des Himmels und die Stille der Menschen, ihr Leben in der Natur, und ihre Eingeschränktheit und Zufriedenheit, hat mich beständig ergriffen.

Nein, in Frankreich war ich nicht, wie Hölderlin in seinem Brief an den Freund Böhlendorff schrieb. Aber im antiken Griechenland, in Palmyra, in Palästina und Sumer, ganz kurz in Indien und sogar auf Otahiti. Aber nicht real, denn jetzt in den Zeiten von Corona kann man nur noch im Geiste reisen. Und so war ich denn auch seit einem Jahr unterwegs mit meinem Freund Hölderlin, der mich schon seit Jahrzehnten begleitet. Wir sind gemeinsam gereist von dem zweihundert Jahre alten Forsthaus in der Rhön aus, wo ich seit dem Sommer vor zwei Jahren mein neues Teehaus gebaut habe. Auf unseren Reisen haben wir so manches Abenteuer bestanden und sind vielen Menschen begegnet, die leider schon gestorben sind. Aber alle sind auf ihre Weise unsterblich geworden.

Letztes Jahr, es muss so gegen Ende Februar gewesen sein, hat mich Hölderlin in Form von einem Fernsehfilm besucht.
Seine dringende Mahnung war, dass ich endlich das Buch über seine Dichtung fertig schreiben sollte, das ich vor zehn Jahren angefangen hatte, das dann aber liegen geblieben war. Eigentlich habe ich nicht vor zehn Jahren damit angefangen, sondern vor zwanzig. Damals habe ich ein paar Seiten über Hölderlins Gedicht ‚Hälfte des Lebens‘ im Internet veröffentlicht. Aber es waren noch so viele Fragen und Aspekte offengeblieben. Davor war Hölderlin für viele, viele Jahre ein Begleiter auf Kursen und Seminaren.

Ich muss ja nur noch die letzten Seiten fertig schreiben, so dachte ich. Deshalb legte ich erst einmal das fast fertige Buch über das Daodejing des Laotse zur Seite. Hölderlin war dringender, zumal wir im letzten Jahr seinen 250. Geburtstag feierten. Aber es stellte sich heraus, dass es nach zehn Jahren besser ist, völlig neu zu beginnen. Und so dauerte das Schreiben nicht ein paar Wochen, sondern viele Monate. Erst gestern, nach fast einem vollen Jahr Arbeit,  ist das fertige Buch zum Druck in den Verlag gegangen. Der Titel ist nun; „Hölderlin: Worte wie Blumen. Auf der Suche nach der Ganzheit. Meditationen über Hölderlins Dichtung.“

„Weh mir, wo nehm ich wenn es Winter ist die Blumen!“
Für Hölderlin ist unser Zeitalter die Zeit der Götternacht. Er sucht nach dem sinnspendenden Heiligen und findet die Antwort in der heimatlichen Natur, die es neu zu sehen und zu lernen gilt. Damit ist Hölderlins Dichtung unvermutet aktuell. Am Leitfaden der späten Gedichte ‚Nachtgesänge‘, besonders ‚Hälfte des Lebens‘, wird die vielfältige Gedankenwelt eines der größten Dichter deutscher Zunge lebendig. Seine Dichtung ist reine Musik des Herzens.

Das Buch ist, wie ich selbst auch, ein Wanderer zwischen den Welten. Immer wieder mal lugt einer der ostasiatischen Meister durch die Zeilen. Aber das Buch wandert auch zwischen der Welt der Wissenschaft und dem meditativen Umgang mit Hölderlins Texten. Ich hoffe, dass es nicht zu wissenschaftlich geworden und leicht lesbar geblieben ist.

Nach vielen Jahren der Beschäftigung mit Hölderlin und nach vielen Seminaren und Kursen ist nun also mein zweites Buch über Hölderlin fertig. Das erste Buch war eine reine Wanderung zwischen den Welten Hölderlins und Ostasiens, was schon im Titel angezeigt ist: „Im Garten der Stille. Hölderlin im Gespräch mit Zenmeister Dōgen“. Der erste Teil gehört Hölderlin. Im zweiten Teil kommt nur noch Zenmeister D#ogen zu Wort. Nur Ver-Rückte können auf die Idee zu einem solchen Spagat kommen. Eigentlich sollte das Buch damals heißen: „Die reißende Zeit und die Stille“, denn es geht sowohl bei Hölderlin als auch bei Dōgen darum, mitten im Trubel und dem hektischen Chaos der Zeiten den inneren Frieden zu finden.

Das neue Buch wollte ich: „Hälfte des Lebens. Die Natur und das Heilige. Meditationen über Hölderlins Dichtung“ nennen. Die Natur spielt eine Hauptrolle in dem Buch. Aber mehr und mehr wurde mir klar, dass es Hölderlin um das Ganz–Sein ging. So wie in der Natur Sommer und Winter einander abwechseln, so gibt es Phasen im Leben, in denen alle Wärme und die Blumen verschwunden sind. Aber wenn die Zeit kommt, ist alles wieder ganz und heiter. Und so ist nun meine zweite Hälfte des Lebens mit Hölderlin zu einem Abschluss gekommen. Aber in meinem Kopf wirbeln noch viele Ideen zu Hölderlin herum. Vieles konnte nicht mehr in dem Buch aufgenommen werden. Wer weiß, vielleicht kommt noch ein weiteres Buch?

Einst hab ich die Muse gefragt, und sie
Antwortete mir:
Am Ende wirst du es finden.
Kein Sterblicher kann es fassen.
Vom Höchsten will ich schweigen.

Das Buch (280 Seiten) wird in der Hardcoverversion 24,50 € kosten. Bis zum 10.3. kann das Buch über mich zum Subskriptionspreis von 21,- Euro gegen Vorauszahlung bestellt werden. Versand erfolgt, sobald das Buch aus der Druckerei bei mir eintrifft. Danach zum Ladenpreis entweder bei mir oder in der Buchhandlung. Bitte benutzt Paypal, das erspart mir die Buchhaltung, denn das ist nicht so meine Stärke. Man kann auch bezahlen ohne ein Konto dort zu haben und ohne dass die Daten gespeichert werden. Es funktioniert wie eine Banküberweisung.

Von meinem ersten Hölderlinbuch „Im Garten der Stille“ habe ich noch ein paar Hardcover Exemplare hier liegen. Preis 28,80 €.
Sollten mehr Bestellungen eingehen, werde ich im Verlag nachbestellen.

Beide Bücher zusammen kosten bis zum 10.3. statt 53,30 € nur 46 €.

Leider mussten im letzten Jahr alle geplanten Veranstaltungen und Seminare abgesagt oder verschoben werden. Keiner der Kurse im Benediktushof konnte durchgeführt werden. Ein Seminar auf Teneriffe für Shakuhachi musste kurzfristig abgesagt werden, obwohl die Flüge schon bezahlt waren. Ein Rilkeseminar haben wir gar nicht erst angekündigt, obwohl es schon geplant war. Vielleicht können wir das Seminar in diesem Jahr am Schnackenhof oder an einem anderen Ort doch noch durchführen.

Sollte einmal wieder der Lockdown aufgehoben werden, könn auch wieder Gäste zur Teezeremonie ins neue Teehaus kommen. Im Frühling und Sommer blüht es um das ganze Haus herum, und man kann den großen Garten mit seiner Stille genießen. In der waldreichen Region im Naturreservat Rhön laden viele Wanderwege ein. Im letzten Sommer haben wir vor dem Haus eine Pergola gebaut. Dort steht der große Seminartisch aus Oberrüsselbach, ein idealer Ort für kleinere Seminare. Wir werden dann auch noch neben dem Teeraum ein Gästezimmer einrichten. Dazu muss das alte Haus weiter renoviert werden. Deshalb sind Spenden immer willkommen, denn ganz allein können wir die Unkosten nicht stemmen. Ich hoffe, dass wir dann auch wieder kleine Seminare hier anbieten können. Ich träume auch von einem größeren Meditationsraum in der alten Scheune, aber das wird viel Arbeit und Geld kosten. Vielleicht wird das ein Traum bleiben. Immerhin steht ja der Raum von Carola und der japanische Teeraum zur Verfügung.

O ein Gott ist der Mensch, wenn er träumt, ein Bettler, wenn er nachdenkt, und wenn die Begeisterung hin ist.

Der Unterricht in der Zen Shakuhachi, auch für Anfänger, findet online auch derzeit statt. Ein paar von mir gebaute Shakuhachi in guter Qualität sind derzeit vorrätig. Bei Interesse bitte anfragen. Beispiele für die Meditationen mit der Shakuhachi auf meinem YouTube Kanal . Wer den Kanal abonniert, bekommt bei neuen Videos eine Benachrichtigung. Außerdem hilft es mir bei meiner Arbeit wenn der Kanal bekannter wird. Dort gibt es auch ein paar Lesungen mit Texten von Hölderlin und Rilke und Videos über Teezeremonie.
Auch in der Teezeremonie gab es Unterricht online. Der Nachteil ist lediglich, dass der ‚Schüler‘ die Teegeräte braucht. Aber das haben wir schon mit Kochtöpfen auf einer Elektroplatte und Puddingschalen oder Salatschüsseln geübt. Hoffentlich wird es bald wieder möglich sein, regulär zusammen zu sitzen und Tee und Shakuhachi zu üben. Denn das ist auch Zen: Beieinander sitzen und gemeinsam atmen.
Das kann kein Internet ersetzen.


Hölderlin: Worte wie Blumen. Hardcover 280 Seiten
Erscheint Ende Februar 2021
  Subscriptionspreis 20,- €  Versand 1,- € gültig bis 10. März 2021
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„Worte wie Blumen“ zusammen mit „Garten der Stille“
Sonderpreis 46,- €bis  10. März 2021
bestellen in der Bücherkiste

Weitere Bücher unter Teeweg – BücherkisteVerstecktes Feld

Mit den besten Grüßen aus dem Teehaus  und Chadojo Myoshinan
Jetzt in Waldfenster bei Bad Kissingen
früher Oberrüsselbach bei Nürnberg

Gerhardt Staufenbiel
und Carola Catoni

  
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Ketzerische Gedanken eines alten Tee-Zausels beim Gesang des Teekessels.

Draußen ist es kalt. Seit Tagen schon liegt dichter Nebel über dem Land. Die riesige Fichte im Garten verschwindet fast wie ein dunkler Schatten im Grau. Die Felder, die Wiesen und der Wald schimmern kaum sichtbar mit Schnee bedeckt im, nächtlichen Nebel. Die Schafe auf der Wiese sind wieder weitergezogen. Nicht einmal ihr Blöken stört die Stille. Der nasse Schnee verschluckt alle Geräusche. Der alte Kater schaut misstrauisch und vorsichtig aus der Haustür. Schneit es noch? Oder ist der Schnee schon zum nassen Nebel geronnen? Schnell wieder ins warme Haus zurück!
Leise gleitet das ganze Land in stilleren Abend.
Geheimnisvoll steigt die dunkle Nacht auf, und niemand weiß, was sie bereitet.
Selbst der Mond, der nächtliche Freund, ist verborgen im Nirgendwo.

Ohnehin ist es seit langem schon still geworden. Corona liegt wie eine schwere Last auf dem ganzen Land. In den nächsten Tagen werden wohl wieder einmal die Geschäfte schließen und die Schulkinder dürfen zu Hause lernen. Homeschooling heißt das jetzt.
Trotz des ‚Lockdown light‘ sinken die Zahlen der positiv Getesteten nicht. Heißt das, die Maßnahmen sind nicht streng genug? Oder sind sie unwirksam, weil es nicht die Richtigen waren? Oder ist es einfach der Winter, den das Virus liebt?
Vielleicht müsste das Gesundheitssystem wieder gestärkt werden. Es nutzt nichts, wenn man teure Geräte anschafft. Es braucht Menschen, die sie bedienen können. Seit vielen Jahren schon arbeiten die Ärzte im Krankenhaus am Limit. Pflegepersonal wechselt in andere Berufe, weil der Stress bei schlechter Bezahlung zu groß wird. Aber das Personal wieder aufzubauen, kostet viel Zeit und Geld. Und es verhindert auch keine Neuinfektionen, verbessert aber die Behandlungen. Das ist auf Dauer billiger, als viel Geld Betriebe zu stecken, die zwangsweise geschlossen sind.
Sicher, das Virus ist nicht harmlos. Es ist verantwortungslos, unachtsam durch den Spätherbst und Winter zu ziehen, in Nichtachtung des Virus. Das war in Zeiten von Infektionswellen schon immer so und entspringt dem gesunden Menschenverstand.

Sucht sich das Virus gezielt die alten Leute? Freilich, auch junge Menschen sterben am Virus, aber eigentlich sind es häufig die alten Leute, die dahinscheiden, selbst viele über Neunzigjährige. Sterben sie jetzt am Virus oder vor Einsamkeit oder ganz einfach am Alter? Lohnt es sich noch, weiterzuleben, wenn das Leben nur noch ein Warten auf den Tod ist?
Auf meinen Schultern liegen viele Jahre. Meine Bücher wollen fertig geschrieben werden. Freunde warten, dass ich ihnen eine Shakuhachi baue, und sie freuen sich auf den online Unterricht. Und der neue Teeraum ist auch noch nicht wirklich fertig. Ich habe noch so viel zu tun! Aber interessiert das den Tod? Vermag ich ihn, wenn er kommt?
Oder muss man mich jetzt vor Besuch schützen? Und Geschenke im Keller einsperren, weil die ja mit dem Virus verseucht sein könnten? Aber was ist dann mit den Lebensmitteln aus dem Supermarkt? Sollte etwa auch das Toilettenpapier verseucht sein? Die Freunde müssen fern bleiben, sie könnten uns ja infizieren.

Sollte man uns Alten besser einsperren, damit uns der Tod nicht ereilt? Aber der hat einen Weltuniversalschlüssel und kommt durch jede Tür. Nicht die Angst vor dem Tod sollte unser Leben bestimmen. Mit dem Eintritt in das Leben treten wir zugleich ein in das Sterben. Wir sterben von Geburt an. Und das fortwährend. Das ganze Leben ist ein Loslassen und ein Abschied. Aber vielleicht machte gerade das die Kostbarkeit des wirklich gelebten Augenblicks aus! Leben wir den Augenblick, damit wir einst sagen können: „Ja, ich habe gelebt! Und es war gut!“ Nicht die großen Dinge machen das Leben so wertvoll. Nicht die Luxusvilla und die schönen Autos, nicht die Luxusreisen in die Ferne. Auch nicht, wenn man Präsident von Amerika oder der König der Welt wäre!

Das ganze Land scheint in winterliche Starre zu verfallen.
Aber vielleicht bringt diese neue Stille wieder etwas mehr Besinnung in die staade Zeit? Früher einmal brach schon früh der Weihnachtswahnsinn los. Auch in Japan habe ich Anfang Oktober bei schönstem Sonnenschein und Temperaturen um 20 Grad erlebt, wie plötzlich alle Geschäfte von ‚Santa Kurausu‘ überrannt wurden. Eigentlich sollte man gleich nach Ostern mit der Weihnachtsdekoration beginnen, damit man rechtzeitig zu Weihnachten fertig wird. Wegen der drei Feiertage, die hektisch im Besuch von Eltern und Schwiegereltern aufgeteilt waren, und in denen man dann noch in den Skiurlaub aufbrechen musste, gab es monatelangen Vorbereitungsstress. Das schönste Fest des Jahres: Advent Advent, der Christbaum brennt!

Aber wir leben nicht in der Hektik der Stadt. Um uns die ländliche Abgeschiedenheit und Stille. Und im Teeraum im alten Forsthaus am Waldrand?
Der Teekessel singt über dem Holzkohlenfeuer. Die uralten Eichenbalken dämmern dunkel im sanften Schatten der Kerzen. Der Duft von Räucherwerk verwandelt den Raum mit seinen schlichten Lehmwänden in das reine Land Buddhas. Wohliger Duft scheint die ganze Welt zu erfüllen. Tiefer Frieden ergreift uns, und wir genießen den herb duftenden Tee, versammelt um die rot glühenden Holzkohlen, die im Dämmerlicht leuchten. Öffnet man die Schiebetür aus Papier nur ein klein wenig, dringt ein Gruß von der Kälte draußen herein. Aber das lässt die wohnlich, wohlige Wärme noch heimeliger und geborgener werden.
Still! Hörst du nicht den Teekessel singen wie den Wind in den Kiefern?
Heute ist heute.
Was morgen sein wird, weiß ohnehin niemand.
Genießen wir den Augenblick und den Tee und freuen uns an der Stille!
Das ist einfach nur: leben!


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Sprachlos und kalt

Seit fast zehn Monaten sitze ich jetzt an meinem Buch über Hölderlin. Nein, eigentlich seit dreißig Jahren. Das Thema ist das kleine Gedicht „Hälfte des Lebens“. Schon während meiner Zeit als VHS Philosophie – Dozent haben wir immer wieder Wochenendseminare und Kurse über Hölderlin gehabt. Das Thema des kleinen Gedichtes hat mich immer wieder gefesselt. Vor fast zwanzig Jahren habe ich dann einen Text darüber geschrieben, der auch im Internet veröffentlich ist.

Aber mir hat in diesem Text zu viel gefehlt. Darum habe ich mich vor zehn Jahren daran gesetzt, den Text zu überarbeiten und das Fehlende zu ergänzen. Aber dann kam der Winter. Zwar ein Winter ohne Corona, aber es war kalt und neblig und dunkel. Ich mochte oder konnte einfach nicht weiter schreiben.

Und wie es so ist, es passiert so vieles und das Projekt ist in Vergessenheit geraten. Dieses Jahr 2020 ist das Hölderlin Jahr. Im Fernsehen kam ein Film über das Leben Hölderlin, seine „Entführung“ nach Tübingen und seine Zeit in der Tübinger Authenrietschen Klinik.
Ich war zwar fast fertig mit einem Buch über das Daodejing, über nun war Hölderlin wichtiger.

Aber was tut man mit Texten, die vor zehn Jahren geschrieben wurden? Da passt nichts mehr. Man ist älter geworden und vielleicht weiser? Vielleicht nicht weiser, aber weißer auf jeden Fall!Also heißt es, alles vergessen und ganz von vorn beginnen. Das war manchmal so frustrierend, dass ich mein Buch über meine Hunde zwischenrein als Erholung geschrieben habe. Nun, wieder im November und durch Corona ohnehin ans Haus gefesselt nähert sich das Buch dem Ende.

Heute habe ich mir die Gedichtzeilen in der zweiten Strophe vorgenommen:

Die Mauern stehn
Sprachlos und kalt, im Winde
Klirren die Fahnen.

Da ist ein eigenartiger Rhythmus in den Versen. Die Mauern stehn – Pause. Dann beginnt es zu tanzen: „Spachlos und kalt“ . Die letzte Zeile klingt wieder wie der Titel des Gedichtes in einem eigenen Rhythmus: Hälfte des Lebens – Sprachlos und kalt.
Und dann habe ich eine Arbeit genau über diese Textstelle gefunden. Die erklärt alles. (Oder Nichts?) Da klirren die Worte sprachlos und kalt. Was für ein Glück, dass ich das nicht vorher gefunden habe. Denn dann hätte ich erkannt, dass ich so überhaupt nichts verstehe. Muss ich jetzt aufhören weiter zu schreiben? Schaut selbst:

„In der Tat haben die Enjambements und die »staccato-ähnliche Unterbrechung« der zweiten Strophe zur Folge, dass nicht der dritte Päon, der nach Klopstock und nach Moritz sehr schwungreiche und aufwärtsstrebende Dydimeus (»«!«),sondern der zweite Päon denVersfuß par excellence darstellt: »!««. Er zeigt sich mindestens vier Mal:»wo nehm ich, wenn«, »Es Winter ist«, »die Blumen, und«, »den Sonnen-schein« sowie »Die Mauern stehn«. Für Moritz ist der zweite Päon dissonant, da er in den abtaktigen zwei Senken doppelt abfällt. Damit verliert die zweite Strophe wegen der leicht nachverschobenen Verszäsur an Schwung und fällt wiederholt in sich zusammen und damit in die Leere der Zäsur zu-rück. Umso deutlicher tritt sodann der akephale Pherekrateus »Und Schatten der Erde« hervor. Er steht parallel zum gleich rhythmisierten fünften Vers der ersten Strophe »Und trunken von Küssen« und verweist auf die Oralität, auf das gesprochene Wort. Im Gegensatz dazu »stehn« die bloßen Schriftzeichen »sprachlos«, und die »Blumen« der Rhetorik sind in der bloßen Schriftlichkeit in visuellen Zeichen erstarrt. Die »Schatten der Erde« werden so alsSchrift zum Ort der Zeitlichkeit, der trunkenen vergänglichen Dichtung, was erst durch die eigenrhythmische Rückbezüglichkeit und Entfaltung möglich wird. Doch nur der Ort, das »Dort« der Schrift kann die Mehrdeutigkeit, die durch die Zäsur zustande kommt, aufzeigen und so das Wort in seiner Bewegung lebendig halten. Damit erhält die vormals erstarrte Schriftlichkeit eine Umwertung. Denn erst sie beinhaltet das ganze Potential des gesprochenen Worts. Die äolischen Periodisierungen in der ersten Hälfte des Gedichts sind durchwegs in einer antiken Quantitätsrhythmik gehalten, während die kata-metron-Passagen der zweiten Hälfte sich stärker an eine deutsche Taktrhythmik anlehnen.“

Zitat aus: Boris Previšić Hölderlins Rhythmus

Alles klar?
Wie gut, dass es Wissenschaft gibt!

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Teeweg auf Youtube

Inzwischen stehen einige Videos vom Myoshinan auf Youtube. Nicht nur Teezeremonie, auch literarische Lesungen von Hölderlin und Rilke und Filme mit Aufnahmen der traditionellen Shakuhachi im Stil des Zentempels Icchoken sind vertreten. Hier eine kleine Liste zum leichteren Auffinden der Videos.

http://www.teeweg.de/blog/teeweg-auf-youtube/

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Hölderlin und Quittengeist

Bei meinem Besuch im Hölderlinturm in Tübingen habe ich einen Quittenbrand aus dem Hölderlingarten mitgebracht.

Nun fürchte ich, dass mich der Geist ergriffen hat. War es der Geist oder habe ich in der letzten Zeit bei der Arbeit an meinem Buch einfach zu viel Hölderlin gelesen? Aber manchmal ist es nötig zu werden wie die Kinder. Dann fällt vor Lachen die Last von den Schultern.
Heute jedenfalls habe ich einen neuen, bisher unbekannten Text gefunden. Der Sprachmelodie und dem Inhalt nach kann es nur von Hölderlin stammen.
Oder ist da zu viel vom Geist aus dem Hölderlingarten drin?

Gesang des Geras
Gesungen unter dem Quittenbaum

Einst hat mich die Muse gefragt
Wie schreib ich, wenn der Geist mich packt 
Den Gesang
Und ich nimmer versteh zu setzen die Worte.

Weh mir! wo nehm ich
wenn man mich fragt
die Ideen her
zu schreiben den Gesang
Wie der Meister.
Sprachlos und kalt steh ich
die Zähne klappern vor Angst.

Aber wenn der Abend trunken
bacchantischer heraufziehet,
und das Schattenbild der Erde
Der Mond kommet geheim nun auch,
so wendet es sich mit diesen
und das Klappern wird zu befreitem Gesang
hoch auf fliegend zum Vater Äther,
vogelgleich, und füllet mit Lust
Himmel und Erde,
tanzend über den Kronen des Meers,
und frisch erfüllt mit Wonne
klingt‘s und springet von Mund zu Mund, 
freudig geteilet und nicht allein wirds ein Jubel:
Gelobet sei der Meister, der besser noch als vormals
Anstimmet den Gesang
Am Abend der Zeiten.
Trunken aber von Glück
Säuft er den Wein, sitzend am Puter allein, 
und haut in die Tasten
Zeile um Zeile.
Doch besser will es nicht werden, 
solange er auch schreibt 

Aber wenn…
     die Dunkelheit
        Im Finstern

Anmerkung des Hrsg:
Am linken Rand des Textes, dort wo der Gesang unvollendet bleibt, steht mit Bleistift geschrieben quer zum Text:

Gesang in der Finsternis
Singen wollt ich hellen Gesang
doch leider ging nun das Licht aus!

Mit Hölderlin zu sprechen: Das verehrte Publikum möge mir verzeihen, aber ich kann nicht anders!
Aber manchmal befreit Blödsinn den Geist.

Oder: Es wird langsam Zeit, dass das Buch fertig wird!!!!

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