Viel sind Erinnerungen – Das zerrissene Herz

Hier das Einleitungskapitel meines neuen Buches:

Viel sind Erinnerungen!

Es ist das Vorrecht der Alten, sich zu erinnern.
Erinnerungen sind eine merkwürdige Sache. Anders als das Gedächtnis, das Daten und Fakten speichert, er-innern wir oft nur Bilder, Klänge oder Gerüche. Meistens ist es eine ganz bestimmte, isolierte Situation, die wir erinnern und nicht die großen und bedeutenden Ereignisse der Geschichte. Es sind die ganz kleinen, scheinbar alltäglichen Dinge aus dem Augenblick, die sich ganz lebendig für immer einprägen. Die großen Ereignisse der Geschichte gehören in die Geschichtsbücher, die kleinen Dinge sind für das Herz.

Ich erinnere mich noch an einen gewaltigen Regen in meiner Kindheit. Ich holte zusammen mit meiner Mutter einen selbstgebackenen Kuchen vom Bäcker ab. Man konnte damals die Kuchenbleche zum Bäcker bringen. Wenn dann das Brot gebacken war, wurden die Kuchen der Kunden in den noch heißen Ofen geschoben. Meine Mutter hatte gerade das Blech mit dem duftenden Kuchen genommen, als ein fürchterlicher Platzregen losbrach. Wir standen in einem Hauseingang und warteten. Schnell bildeten sich große Pfützen. Die dicken Regentropfen schlugen riesige Luftblasen auf den Pfützen, die immer größer wurden und dann mit einem kleinen Knall zerplatzten. Ich habe nie wieder solch große Luftblasen auf Regenpfützen gesehen. Oder waren die Blasen nur deshalb so groß, weil ich so klein war? Der Regen prasselte, die Regentropfen tanzten und die Blasen schlugen den Takt dazu. Es war ein faszinierendes Schauspiel der Lust am vergänglichen Augenblick.

Unvergesslich ist mir auch das strahlende Morgenlicht, das durch die dunklen Schatten der Bäume eines Waldes fällt. Der Boden ist mit dichtem, hell weißen Nebelschwaden bedeckt und die Sonnenstrahlen dringen kalt leuchtend durch den Nebel. Ich friere, denn es ist bitterkalt. Es war der helle Morgen nach einer dunklen Nacht, in der ein russischer Soldat nach uns gesucht und wild mit seiner Maschinenpistole durch den Wald geschossen hatte. Aber wir waren am Leben! Ich sehe nur das helle Morgenlicht im Nebel. Da ist kein Russe. Aber irgendwo weiß ich, dass er da gewesen sein muss. Und da ist auch noch die Erinnerung an die Schüsse in der Dunkelheit der Nacht. Dann ist nur noch Dunkelheit. Ich habe die Nacht völlig Vergessen, es gibt keinerlei Erinnerung mehr an sie. Es sind zwei völlig voneinander losgelöste Erinnerungen, die dennoch untrennbar zusammengehören.

Die Erinnerung unterscheidet nicht zwischen wichtig und unwichtig. Sie bewahrt Eindrücke, die uns in einem bestimmten Augenblick tief in unserem Inneren berührt haben. Das sind die Augenblicke, in denen wir wirklich leben. Was uns nicht tief im Inneren berührt, versinkt gnädig im Dunkel des Vergessens.
Erinnerungen sind wie die Räume eines unendlichen Herrenhauses. Kaum öffnet man eine Tür und betritt einen Raum der Erinnerungen, schon öffnen sich weitere und weitere Türen, die in immer neue Räume führen. Manchmal stoßen wir auf Türen, die fest verschlossen sind, manchmal öffnet eine neue Tür eine Unzahl von Räumen. Die Räume sind das Labyrinth unserer Erinnerungen, in denen wir wandern, in denen wir uns aber auch völlig verlieren können. Wo ist das alles gespeichert? Im Gehirn? Oder in jeder Zelle des Körpers? Aber Zellen sterben ab und neue Zellen bilden sich. Unser Körper ist stets ein anderer, aber die Erinnerungen bleiben. Ist es nicht wunderbar, wie und wo solche Mengen an Erinnerungen gespeichert werden können?

Ich fühle mich genötigt, Geschichten aus meiner Kindheit mitten im zerrissenen grünen Herzen Deutschlands zu erzählen. Niemand zwingt mich dazu, aber nach einer Reise in die alte Heimat wurden die Erinnerungen so drängend, dass sie aufgeschrieben werden wollten. Geschichten von meinem Vater, der – seit er tot ist – innen in mir in meinen Erinnerungen Angst hat, tiefe Angst. Und der am gebrochenen Herzen starb, weil er nie das sein durfte, was er war. Oder von meinem Großvater, der immer davon träumte, als armer Müllerssohn ein Königreich zu erringen, wenn schon nicht ein ganzes, so doch wenigstens ein halbes. Innen in seinem Herzen hatte er das Königreich gefunden. Und von Großmutter, die ihn nie fühlen ließ, daß er kein König, sondern nur ein armer Bauer war.

Es sind Geschichten aus einer Zeit, in der Deutschland noch nicht geteilt war und Geschichten aus der Zeit der Teilung. Schöne Geschichten von einer behüteten Jugend und schreckliche Erlebnisse aus Krieg und der Zeit der Teilung.
Es sind Geschichten, so wie ich mich erinnere. Vielleicht ist manches falsch erinnert und manches auch einfach nur geträumt. Aber ich will ja auch kein Geschichtsbuch schreiben, sondern einfach Geschichten aus der Erinnerung erzählen.

Junge Menschen leben in der Gegenwart für ihre Zukunft. Aber im Alter wird die Zukunft immer weniger und zugleich unbedeutender oder gar ängstigender. Dafür wird die Gegenwart immer wichtiger. Es ist das Glück des Alters, dass man ganz und gar in der Gegenwart leben darf. Aber die Gegenwart ist geprägt durch alles, was wir erlebt und erfahren haben. Auch unsere Hoffnungen für die Zukunft werden aus der Vergangenheit geprägt. Aber die Zukunft der Alten ist weniger wichtig als für junge Menschen, die ja noch kaum Vergangenheit, dafür aber ihre ganze Zukunft vor sich haben. So können wir den Augenblick genießen und uns des Lebens freuen. Die Jungen mögen ihre Zukunft planen, aber meistens geschieht alles wie von einer fremden Macht gesteuert.

Rilke sieht in den Duineser Elegien unser Leben wie ein Theaterstück. Wir sitzen gespannt vor dem Vorhang des Lebens und warten, bis sich der Vorhang hebt – und die Szenerie ist Abschied. Abschied von dem, was bisher war und Abschied von unseren Hoffnungen und Plänen. Wir sind wie Marionetten, die an Drähten geführt werden. Am glücklichsten ist derjenige, der weiß, dass ein Engel die Regie führt und die Drähte zieht und nicht ein böser Schicksalsdämon. Wir werden gespielt und sind zugleich die Zuschauer des Stückes, das unser Leben bedeutet. Gespannt schauen wir zu, wie das Theaterstück des Lebens weiter geht.

Ich sitze hier auf meiner Terrasse und genieße die Stille. Es ist ein herrlicher Sommernachmittag und die Vögel singen. Unten auf dem Friedhof versammeln sich Menschen und geleiten einen alten Freund auf seinem letzten Weg. Der Posaunenchor spielt das Lied vom alten Kameraden. Der Vorhang ging auf und die Szenerie war – Abschied.

Manche Alten leben nur noch in der Vergangenheit. Als junger Mensch habe ich einmal einen alten Herrn kennen gelernt, der damals schon dreiundneunzig Jahre alt war. Er war immer noch am Zeitgeschehen interessiert, deshalb musste man ihm jeden Tag die Zeitung vorlesen. Aber das hatte er oft schon wenige Minuten später wieder vergessen. Er hörte nur noch sehr schlecht und das Hörgerät konnte er kaum bedienen. Nur wenn man über ein Thema sprach, das ihn interessierte und das seine Erinnerungen berührte, war sein Gedächtnis und seine Hörfähigkeit brillant. Einmal erzählte ich in seiner Gegenwart von Martin Buber, den ich sehr verehrte. »Ja, das war ein schöner Jud!«, sprach er. »Aber Großvater, du kennst doch Martin Buber überhaupt nicht!« »Doch doch! Der hat vor einem Jahr im Fernsehen aus seiner Bibelübersetzung gelesen!«
Und dann begann er minutiös die Geschichte seiner Einschulung in Prag um die Jahrhundertwende von 1900 zu erzählen.
Sein Onkel war der ehrwürdige Rektor der Schule. Er saß mit dem gesamten Lehrerkollegium hoch auf einem Podest. Alle waren feierlich im Frack gekleidet, ihre prächtigen gepflegten Bärte ragten über den gesteiften Hemdkragen und die Monokel blitzen streng. Jeder neue Schüler musste vor das Ehrfurcht einflößende Gremium treten und wurde nach Name, Familie und Religion gefragt. Mit Schrecken stellte unser alter Herr fest, dass er keine Ahnung hatte, was Religion war. Manche der zukünftigen Schüler sagten »katholisch«, manche »protestantisch«. Katholisch klang in seinen Ohren ziemlich schrecklich und protestantisch kam überhaupt nicht in Frage. Er wollte einfach nicht protestieren. Die meisten der Schüler aber sagten »mosaisch!« Das klang ganz sympathisch. Der alte Herr kannte noch jeden Namen der Schüler vor ihm. Langsam rückte der Zeitpunkt immer näher, dass er nach seiner Religion gefragt wurde. Schließlich beugte sich sein Onkel, der Rektor mit strengem Blick zu ihm hinunter und donnerte: »Religion?« Er nahm sich seinen ganzen Mut zusammen und sagte: »Mosaisch!« Das Lehrerkollegium erstarrte, denn allle wussten, dass die Familie protestantisch war. Was für ein aufsässiger Geist wuchs da heran, der seinen Glauben verleugnete und sich freiwillig zum Judentum bekannte?

Ich habe niemals derart in der Vergangenheit gelebt. Ja, meine Herkunft und meine Vergangenheit haben mich so gut wie gar nicht beschäftigt. Immer waren meine Gedanken in den fremden Kulturen des alten Griechenland oder Japans und Chinas befasst. Ich habe die alten Geschichten und Erlebnisse nicht vergessen oder gar verdrängt. Es war einfach keine Zeit, sich damit zu befassen.

Aber nun war ich, eigentlich fast zufällig in meiner alten Heimat, der grünen Mitte Deutschlands. Dort bin ich den Erinnerungen aus den Kriegs- und Nachkriegszeiten begegnet, die mich plötzlich sehr gefangen genommen haben. Ist das ein Zeichen des Alters? Muss ich mich mit diesen individuellen Erlebnissen einer schrecklichen Zeit auseinandersetzen? Oder sind viele von meinen Erlebnissen wie ein Muster des gesamtdeutschen Schicksals?

Wie dem auch sei, eine innere Stimme zwingt mich, meine Erinnerungen aufzuschreiben. Mögen sie dazu beitragen, dass sich solche Ereignisse nie wiederholen!

Es sind die Erinnerungen eines Kindes. Unvollständig, ungeordnet und oft unverstanden. Aber sie sollen so aufgeschrieben werden, wie ich sie ganz subjektiv als Kind erlebt habe. Ohne wissenschaftliche Ordnung und weitgehend ohne Deutung. Die Ortsnamen und die Begebnisse sind so erzählt, wie ich sie in Erinnerung habe, nur manchmal sind einige Namen geändert. Ich hätte auch alle Ortsnamen ändern und durch frei erfundene Namen ersetzen können. Aber ganz bewusst habe ich alle Ortsnamen so erhalten, wie sie wirklich sind. Damit sind alle Ereignisse konkret in der Mitte unseres Landes lokalisiert. Aber sie könnten genau so überall in Deutschland geschehen sein.

Oft kann ich die Ereignisse nicht mehr korrekt in den historischen Ablauf einordnen. Aber ich habe bewusst darauf verzichtet, die Zeiten exakt zu ermitteln. Es sind Geschichten aus einem deutschen Kinderleben in den Umbruchszeiten des Krieges und der deutschen Trennung.

Diese Erinnerungen sind wieder so lebendig geworden, nachdem ich das Grenzmuseum im Schifflergrund nahe Bad Soden Allendorf besucht hatte. Das Grenzmuseum steht an einer Stelle, an der der originale Grenzzaun mit seinen Selbstschussanlagen erhalten geblieben ist. Er trennt das thüringische Eichsfeld vom hessischen Allendorf. Mein Großvater war oft in Allendorf und mein Onkel hatte Arbeit in einer Fabrik in Allendorf. Dorthin fuhr er mit dem Fahrrad, bis er eingezogen wurde und in Russland für immer verschwand.
Hinter dem Grenzzaun mit seinen Selbstschussanlagen liegt in einem tiefen natürlichen Graben ein auch heute noch sorgfältig gepflügter und geeggter Streifen Land. So konnte man immer leicht frische Fußspuren entdecken. Hinter dem geeggten Streifen erhebt sich ein steiler Hang. Oben verläuft eine regionale kleine Straße in Hessen. Die Grenze im Westen ist lediglich durch die Leitplanke geschützt, die Autos vor dem Sturz in den Hang sichert. Das letzte Grenzdorf Asbach-Sickingen auf der thüringischen Seite hatte bis zum Wanfrieder Abkommen noch zu Hessen gehört.
Bei einer Grenzbereinigung, die im Wanfrieder Abkommen besiegelt wurde, kam das Dorf zum russisch besetzten Thüringen.

Heinz-Josef Große war einer von denen, die dem offiziell nicht existierenden Schießbefehl zum Opfer fielen. Die Stelle, an der er am 29. März 1982 versuchte, mit Hilfe eines Frontladers über den Grenzzaun und den Hügel hinauf zu fliehen, ist vom Ausblick des Museums gut zu sehen. Am Straßenrand gegenüber, oberhalb des Hangs – erst dort begann »der Westen« – ist ein Denkmal aufgestellt. Hier mussten drei Zollbeamte mit ansehen, wie Große nach neun Kalaschnikow-Schüssen am Hang verblutete, denn dieser gehörte, obwohl jenseits des Grenzzauns gelegen, noch zum Territorium der DDR. Die Stelle, an der Große starb, ist mit einem einfachen Holzkreuz aus Birkenholz gekennzeichnet.
Große war mit seinem Frontlader zur Arbeit an einem Grenzpfosten eingeteilt. Nachdem ihn die Soldaten der NVA eingewiesen hatten, verließen sie den Ort. Große fuhr mit seinem Frontlader bis zum Grenzzaun mit den Selbstschussanlagen und hob die Schaufel über den Zaun. Über den Ausleger und die Schaufel sprang er über den Zaun und rannte den gegenüberliegenden Hang hinauf. Kurz bevor er die Leitplanke oben am Hang erreichte, die die Grenze zwischen dem Warschauer Pakt und dem Westen bildete, wurde er erschossen. Der Frontlader von Heinrich Große steht noch heute im Grenzmuseum.

Wäre das Dorf nicht im Wanfrieder Abkommen auf die russische Seite geschlagen worden, sondern im amerikanisch besetzten Hessen geblieben, dann würde Große heute vielleicht noch leben.
Unzählige Menschen haben die Flucht in den Westen versucht. Vielen ist sie gelungen, aber viele haben bei dem Versuch ihr Leben gelassen. Und nicht immer war der Westen Deutschlands das erhoffte Paradies.

In Japan habe ich einen der Flüchtlinge aus der DDR getroffen, denen die Flucht gelungen war. Aber Westdeutschland war ihm auch zu eng. Die Menschen jagten nur den wirtschaftlichen Erfolg hinterher. Das Nachkriegs – Westdeutschland war ihm zu spießig und eng. Aus irgend einem Grund zog es ihn nach Japan.
Ich wohnte damals für ein paar Wochen in einem buddistischen Tempel. Im Tempel lebten keine Mönche. Er wurde nur ein paarmal im Jahr von Priestern besucht, die sich versammelten und einige Tage lang ihre religiösen Gesänge und Sutren rezitierten. Der Tempel wurde verwaltet von einer alten Dame mit dem schönen Namen Shizuka. Der Name wird mit zwei Schriftzeichen geschrieben, die einzeln ‚still, friedlich, ruhevoll‘ und ‚Duft‘ bedeuten – ‚duftender Frieden‘. Eines Tages sagte Shizuka: »Heute kommt ein junger Deutscher. Er spielt wundervoll die Zen-Flöte Shakuhachi und er beherrscht das klassische Noh-Theater. Er macht heute im Steingarten im Tempelinnenhof eine Performance.«

Nennen wir den jungen Mann der Einfachheit halber Uwe. Der Name ist kurz und einprägsam und nimmt mit seinen drei Buchstaben nicht so viel Platz weg. Uwe baute rund um den Tempelgarten Lautsprecher auf, ein Cello und mehrere Shakuhachi lehnten an den Felsen und eine professionelle, computergesteuerte Beleuchtungsanlage wurde aufgebaut. Die Nacht kam und nur ein dämmriges Licht ließ den Kies, die Felsen und die spärlichen Pflanzen im Garten aufleuchten. Rund um den Innenhof saßen viele Japaner in der Dunkelheit und warteten gespannt auf die Performance. Man konnte nur undeutlich ihre Schatten wahrnehmen, denn es herrschte eine gespannte Stille. Dann erschien Uwe. Er tanzte sein Leben bis zu diesem Augenblick in Japan. Er tappte suchend durch die Felsen, tanzte seine Flucht aus der DDR und zeigte sein ruhelos suchendes Herz, das auch in Westdeutschland nicht satt wurde. Er spielte klassische Musik auf seinem Cello, die sich allmählich tastend und suchend zu Rockmusik verwandelte. Dann tanzte er Japan. Er kam suchend in einen buddhistischen Tempel, lernte die Lehre Buddhas kennen und fand hier endlich seinen Frieden, den er wunderbar mit seiner Zen-Shakuhachi darstellte. Ich war tief beeindruckt. Vor allem hatte es mit der dunkle Klang der Shakuhachi angetan, mit der Uwe den Frieden und die duftende Stille darstellte. Das war Shizuka!

Uwe lebte inzwischen in einem kleinen japanischen Bergdorf. Er war mit einer Japanerin verheiratet und im Tempel des Ortes lernte er die Shakuhachi und das klassische Noh-Theater. Tagsüber baute er sein Gemüse und seinen Reis an und lebte das Leben eines japanischen Bauern. Viele Jahre später besuchte mich Uwe in meiner fränkischen Teeklause und wir spielten Shakuhachi und saßen bei der Teezeremonie zusammen und schwiegen.

Heimat und Shizuka ist dort, wo wir unseren inneren Frieden finden und ganz im Augenblick leben.


Dies ist das Einleitungskapitel meines neuen Buches: Das zerrissene Herz.
Es sind Erinnerungen aus dem grünen Herzen Deutschlands, das durch eine unmenschliche Grenze zerrissen war.
Das Buch kann hier erworben werden.
Auf Wunsch auch mit einer Signatur.

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Der Ruf des Phönix im leeren Himmel – Hō kyō koku

Gerade sind wir aus Japan zurückgekehrt. Jeder, der einmal in Kyoto war ‚muss‘ den goldenen Pavillon gesehen haben. Aber wir waren dieses mal ganz bewusst nicht dort. Wir haben die Menschenmassen gemieden und haben lieber in dem stillen Garten der Nene, der Witwe Hideyoshi gesessen, die Stille und den schönen Garten genossen und Tee getrunken. Obwohl das Teehaus ein Nationalschatz ist, durften wir ‚ganz heimlich‘ den Raum betreten und genau studieren. Aber nach fast einer halben Stunde wurden die Hüter des Raumes ein wenig nervös und wir mussten den Teeraum wieder verlassen. Es ist eben doch manchmal von Vorteil, wenn man Teelehrer ist.

Der Goldene Pavillon mit dem Hō

Auf dem Dach des goldenen Pavillons, setzt gerade der Phönix zum Landeanflug an. Nein, in Wirklichkeit ist das kein Phönix, sondern der rote Vogel Hō. Vor vielen Jahren kam mir einmal eine junge Schweizerin ganz aufgeregt entgegen:

„Ist es nicht wunderbar, wie die Motive der Märchen sich auf der ganzen Welt wiederfinden? Sogar die goldene Gans gibt es in Japan oben auf dem Dach“.

Die ‚goldene Gans‘ – oder das was die junge Dame dafür gehalten hatte – war eben der Vogel Hō, den wieder die meisten Menschen für einen Phönix halten. Kein Wunder, denn alle meinen, man müsse den Namen des Hō mit Phönix übersetzen. Aber der Phönix ist ein Vogel der westlichen Mythologie, der in Ostasien unbekannt ist.

Der Phönix in der westlichen Mythologie ist ein Symbol der Erneuerung, aber vor der Erneuerung steht zunächst die Zerstörung. In einem alten griechischen Text „Physiologus“ von 200 n.Chr. heißt es vom Phönix:

Es ist ein Vogel in Indien, Phönix genannt. Nach fünfhundert Jahren fliegt er in die Wälder des Libanon (also „Phöniziens“) und füllt seine Schwingen mit aromatischen Essenzen und zeigt sich dem Priester von Heliopolis
(„Sonnenstadt“) im neuen Monat. Der Priester, dem er sich gezeigt hat, kommt und füllt den Altar mit Holz von
Weinstöcken an. Der Vogel aber fliegt nach Heliopolis, beladen mit den aromatischen Essenzen, und steigt auf den Altar und entzündet für sich das Feuer und verbrennt sich selbst.

Aus der Asche des Vogels, der sich selbst verbrennt, entsteht schließlich ein neuer Phönix, der wiederum fünfhundert Jahre lebt, bis er sich ebenfalls wieder verbrennt. Im Frühchristentum wird der Phönix ein Symbol für den auferstandenen Christus, der in den Tod gegangen ist und glorreich und in einer höheren Form wiederkehrt. Diese Geschichte vom Phönix, der aus der Asche wieder neu entsteht, ist in China und Japan unbekannt. Eigentlich sollte man den Namen des Vogels Hō nicht mit Phönix übersetzen, weil sich dann ganz andere Vorstellungen einschleichen. Im Westen gibt es keine mythische Gestalt, die mit dem Vogel Hō verwandt wäre.

In der chinesischen Mythologie gibt es den Vogel Hō schon seit der neolithischen Zeit vor 8000 Jahren. Dort heißt der rote Vogel „roter Spatz“ Zhuo-Quiao. Er gehört zur Sonne und zum Süden.

Ein anderer Name für den „roten Spatz“ Zhuo-Quiao ist 鳳凰 Feng – Huang, wobei Feng der männliche und Huang der weibliche Vogel ist. In Japan heißt der männliche Vogel und der weibliche Ō. Der Feng ist mit Yang und der Sonne verbunden, die Huang mit Yin und dem Mond. Die Verbindung mit der Sonne und dem dem Neuanfang hat er mit dem westlichen Phönix gemeinsam. Aber damit sind die Gemeinsamkeiten beendet.

Der Vogel Feng – Huang oder Hō – Ō erscheint nur in Zeiten des Friedens und des Neuanfangs. Der weibliche Huang erscheint sehr oft zusammen mit dem männlichen Drachen. Auch das chinesische Kaiserpaar wird als Drache und Phönix gesehen, wobei natürlich der Kaiser der Drache ist und die Kaiserin der – oder eigentlich die – Phönix. Die rote Farbe hat der Feng-Huang Phönix, weil er mit dem Süden, der Sonne und dem Feuer verbunden ist. Dieses Feuer ist einer der fünf Elemente oder Wandlungszustände.

feng shui

Die Tiere des Feng Shui

Der Ho ist nicht einfach nur rot. Sein Gefieder leuchtet in fünf bunten Farben. Diese fünf Farben des Hō zugleich die Farben der fünf Elemente, die den gesamten Kosmos bilden. Der Hō ist nichts anderes als eine Erscheinungsweise des gesamten Kosmos! Im Fengshui ist der Hō das Tier des Südens. Er leibt die Sonne, das Licht und die offene Weite. Im Westen hütet der azurblaue Drache die Richtung des Sonnenaufgangs, im Westen streift der Tiger durch das hohe Gras. Der Norden wird durch die schwarze Schildkröte geschützt, die in der Form eines niedrigen Berges erscheint.

Mehr zu der Verbindung von Hō und Drachen in meinem Buch Heilige Drachen Band 1 (Derzeit verbilligt im Shop!)

Die Körperteile des Hō – Ō wurden im chinesischen Konfuzianismus mit den fünf Tugenden verbunden: Der Kopf ist die ‚Tugend‘, das DE des Dao-De Jing. Die Flügel stehen für YI, die Menschlichkeit und rechtschaffene Praxis. LI – oft als Riten übersetzt – steht für die Gesamtheit guter Umgangsformen, die einen rechtschaffenen Menschen ausmachen. Der Leib vertritt die Glaubwürdigkeit und die Brust steht für REN, Mitgefühl und Menschlichkeit.

Wenn sich der Vogel Hō – Ō vom Himmel kommend auf die Erde niederlässt, dann verwandelt sich die Erde in ein Paradies und alles wird zu reinem Gold. Auf der Dachspitze des Goldenen Pavillons, des Kinkakuji aus dem 14. Jahrhundert, steht ein Ho, der gerade im Begriff ist, sich auf die Erde niederzulassen. Seine Flügel sind noch ausgebreitet, das heißt, er ist noch nicht ganz auf der Erde angekommen. Darum sind nur die beiden oberen Stockwerke schon ganz in Gold, das Erdgeschoss ist noch nicht verwandelt. Das oberste Stockwerk ist im „indischen“ Stil gebaut mit Fenstern, die wie die Blütenblätter des Lotus geformt sind, das zweite Stockwerk ist chinesisch, auch ganz in Gold und das Erdgeschoss ohne jedes Gold ist im japanischen Stil. Damit soll gezeigt werden, dass Buddha, der von Indien her über China nach Japan kam, die Erde in ein Paradies verwandeln wird. Noch ist diese Verwandlung nicht vollkommen in Japan angekommen.

Ein anderer Tempel in Japan, der wie der goldene Pavillon ein Nationalschatz ist, der Byodo-In in Uji aus dem 12. Jahrhundert, ist im Stil eines chinesischen Palastes gebaut. Das gesamte Gebäude sieht von oben gesehen aus wie ein Hō mit ausgebreiteten Flügeln, oben auf dem Dach sind zwei landende Hō dargestellt. Der Tempel steht auf einer kleinen Insel, die das westliche Paradies darstellt. Das Gebäude ist nach Westen ausgerichtet. Im Inneren sitz der große Buddha Amithaba umgben von himmlischen Wesen, die ein ganzes Hoforchester bilden. Die Wände waren mit zermahlenem Perlmutt bemalt. Wenn die Abendsonne durch ein kleines Fenster auf den Kopf des Buddha fiel, dann leuchtete der Bergkristall an seiner Stirn auf und die Strahlen erhellten im warmen abendlichen Licht den ganzen Tempel. So konnten die Betenden sich in das westliche Paradies versetzt fühlen.

In der Zen – Tradition unseres Shakuhachi Zentempels in Hakata gibt es einen ganzen Satz von Stücken, die heilige Tiere beschreiben. Es gibt den Ryugin no Koku, den Gesang der Drachen im leeren Himmel und es gibt den Ruf des Hō-Ō im leeren Himmel, den  
Hō-kyō no koku

Beide Stücke sind bei unserem Konzert zum Muttertag in neuen Interpretationen zu hören. Die Melodie spielt die traditionelle Shakuhachi, aber sie wird begleitet von Klangschalen, Gongs und anderen Instrumenten.

Konzert der Gruppe Drachengesang

Sonntag, 14. Mai 2017
Beginn: 17.00 Uhr. Ende gegen 20.30

Eintrittskarten online

TERMINE:

  • Zen – Klang und Stille
    Benediktushof
    Gerhardt Staufenbiel, Winfried Lernet
    Beginn: Freitag, 26.05.2017, um 18:00 Uhr
    Ende: Sonntag, 28.05.2017, um 13:00 Uhr
  • Philosophie und Teeweg am Feuerberg – Rainer Maria Rilke
    Hotel Feuerberg / Kärnten
    28.05. bis 04.06.2017
    mit Gerhardt Staufenbiel, Michael Mihaljevic und Carola Catoni
  • Haiku und Zen
    Gerhardt Staufenbiel, Michael Mihaljevic (Teezeremonie u. Shakuhachi)
    Benediktushof
    Beginn:    Freitag, 11.08.2017, um 18:00 Uhr
    Ende:       Sonntag, 13.08.2017, um 13:00 Uhr

Unterricht im Teeweg oder Shakuhachi auch online jederzeit nach Vereinbarung.


Anmeldung / Abmeldung Monatsbrief

Ihr Dana (freiwillige Gegengabe) überweisen Sie bitte auf das Konto
Myoshinan – Staufenbiel
Vereinigte Raiffeisenbanken Igensdorf
IBAN: DE82 7706 9461 0006 7272 12
Verwendung: Dana

Eine Zahlung über Paypal ist ebenfalls möglich unter: Paypal Spende
Über Dana: Dana


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Hölderlin und Dōgen

In der letzten Woche haben wir mit der Gruppe Drachengesang unser Konzert am Muttertag vorbereitet. Wir werden wieder ein Fragment aus Hölderlin’s unvollendeter Dichtung „Gang aufs Land“ zur Handpan rezitieren. Es ist ein schwieriger Text und vielleicht eine Zumutung für die Zuhörer, denn verstehen kann man den Text so ganz spontan nicht. Aber er ist reine Musik, die ein intellektuelles Verstehen weit übersteigt, weil es unmittelbar das Empfinden anspricht. Damit geht das Verstehen Hölderlins weit über eine sprachliche Verständigung hinaus.

Ein wenig früh, um das Konzert vorzubereiten mag mancher denken. Aber Am Freitag fliegen wir wieder nach Japan. Und nach Japan gibt es sofort ein Wochenendseminar über Dōgen am Benediktushof.

So besteht mein Leben aus Wanderungen zwischen den Welten des Zen und der abendländischen Dichtung undPphilosophie. Aus diesen Wanderungen ist auch mein Buch „Im Garten der Stille“ entstanden.

Mit Entsetzen habe ich gesehen, dass dieses Buch von einem englischen Antiquariat für über 300 Euro angeboten wird. Ein anderes Antiquariat bietet es für über 100 Euro an. Dabei kann man es direkt für wenig Geld entweder beim Verlag, bei Amazon oder im Buchhandel kaufen. Und beide Angebote stehen bei Amazon direkt nebeneinander. Das sind schon seltsame Blüten! Wer das Buch bei mir für dreihundert Euro kaufen möchte, bekommt noch das Buch über die „Heiligen Drachen“ kostenlos dazu. Handsigniert!

Vor ein paar Tagen habe ich eine Mail aus Amerika bekommen. Ein „Distinguished Professor of German“ von der University of Alabama hat mir geschrieben:

Sehr geehrter Herr Staufenbiel,

Gerade habe ich mit grossem Interesse und Gewinn Ihr Buch „Im Garten der Stille“ gelesen; es bietet einen Reichtum an bedenkenswerten Ausführungen, wie man Hoelderlins Poetik mit dem Zen vermitteln kann. Sicherlich gibt es da viele Verbindungen, u.a.–was mich als Germanist besonders interessiert–die In-Frage-Stellung der Subjekt-Objekt-Spaltung und der Dominanz der verbalen Sprache und ihrer Kategorien im Vollzug einer spontan-intuitiven Öffnung gegenüber dem So-Sein bzw. der Wahrheit der Dinge selbst.
….

Ein wenig freut es schon, wenn die Mühen der Arbeit, die aus einem ganzen Lebensweg entstanden sind auch in Amerika wohlwollend zur Kenntnis genommen werden.
Es gibt in Amerika also doch nicht nur Trump!

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From Heaven on Earth


Mein „alter“ Lautenlehrer Hubert Hoffmann hat eine neue CD mit Lautenmusik des Barock aufgenommen. Alle Stücke auf der CD sind eine „Welturaufführung“, denn er hat das handgeschriebene Manuskript im Kloster Kremsmünster entdeckt. Dort hatte es den Wandel der Zeiten verschlafen. Als Hubert die Stücke des lautenbegeisterten Paters Ferdinand Fischer näher untersuchte, stellte er fest, dass noch kein einziges dieser Stücke in unserer Zeit veröffentlicht oder gespielt worden ist. Vielleicht hatte Fischer diese Stücke nur für sich selbst aufgeschrieben oder komponiert.
Ich denke, dass Hubert damit einen Schatz gehoben hat.
Schon die ersten Töne sind für mich geradezu elektrisierend. In ganz freien Rhythmen – typisch für Lautenmusik des Barock – erzeugt Hubert eine ungeheure Spannung. Ein wahres Meisterstück. Und ein wirklicher Meister der Laute!

Leider bin ich inzwischen der Barocklaute ein wenig abtrünnig geworden. Mein Weg hat mich halt nach Japan und zur Zenflöte geführt.

Hubert hat früher gefragt: „Was ist schlimmer als eine Flöte?“ Antwort: „Zwei Flöten!“ Darum spiele ich ja auch nur eine Flöte!

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Viereinhalb Matten – Der Kiefernwind

Ich habe einen kleinen Beitrag geschrieben zu dem Teeraum am Feuerberg.

Im Norden der alten Kaiserstadt Kyoto liegt verborgen hinter hohen Kamelienbüschen der ‚Silberne Pavillon‘. Dort residierte der Shōgun Yoshimasa (15. Jhdt.), der mitten in schrecklichen Zeiten von Krieg und Hungersnöten den Frieden seines Herzens suchte. Da berichtete ihm sein Beraten von einem Teemeister mit dem Namen Murata Jukō:

Das Singen des siedenden Teekessels beneidet den Wind in den Kiefern und erfreut zu allen Jahreszeiten das Herz.
Neuerdings hört man von einem gewissen Murata Jukō, der sich ganz dem Tee gewidmet hat und in dieser Kunst äußerst bewandert ist.

Der Shōgun ließ sich einen Teeraum mit viereinhalb Matten errichten und forthin fand er beim Singen des Teekessels seinen Frieden.
Die viereinhalb Matten sind Matten aus Binsengras, die mit gewebtem Reisstroh überzogen sind. Sie haben das Standartmaß von 95 x 190 cm. Alle traditionellen Häuser in Japan sind von diesem Modul geprägt. Die viereinhalb Matten bilden einen Raum von gerade einmal 8 qm und dennoch sind sie ein Abbild des gesamten Kosmos. Sie bilden ein Quadrat mit einer vollkommenen Harmonie, die genau den Regeln des Fengshui folgen.

Zur Zeit Buddhas lebte der Kaufmann Vimalakirti. Er verließ seine Heimat und zog sich zur Meditation in eine winzige Hütte in den Bergen zurück. Nach der Tradition hatte sie eine Grundfläche von 5 Fuß im Quadrat. Das entspricht genau der Fläche der viereinhalb Tatami. In dieser schlichten Hütte fand Vimalakirti seinen Frieden und kehrte in seine Heimat zurück. Dort lebte er als erfolgreicher Kaufmann, der viele gute Taten vollbrachte. Als er krank wurde, schickte Buddha seine Schüler zu ihm, aber keiner wagte es, Vimalakirti zu besuchen, weil er viel größer war als sie selbst. Er verwirklichte seinen Frieden mitten im alltäglichen Leben. Buddhas Jünger dagegen fanden ihn nur im Rückzug in die Abgeschiedenheit.

Nach dem Vorbild Vimalakirtis hatte sich der japanische Dichter Kamo no Chōmei im 13. Jahrhundert in die Berge zurückgezogen, um sich in einer kleinen Hütte von 5 Fuß im Quadrat der Musik und Poesie zu widmen.

Nun habe ich mein sechzigstes Jahr erreicht, und mein Leben scheint dahinzuschwinden wie ein Tautropfen. So habe ich mir noch einmal eine Behausung für die letzten Jahre meines Daseins gebaut gleich einem Wanderer, der sich für eine Nacht einen Unterschlupf herrichtet, gleich einer alternden Seidenraupe, die sich einen Kokon spinnt.

Die Hütte ist – wie die Hütte Vimalakirtis – nicht prachtvoll und mit Gold und dem Glanz des Reichtums ausgestattet. Sie soll lediglich vor Wind und Wetter schützen und ist aus einem bewussten Verzicht auf die Pracht der Paläste nur für den Augenblick errichtet.

Als der Haikudichter Bashô (17. Jhdt.) in der Einsamkeit der abgeschiedenen Berge unterwegs war, traf er auf die Hütte, die sich einst sein alter Zen-Lehrer Butchô gebaut hatte. Butchô hatte diese Hütte nicht als komfortable Unterkunft gebaut, dazu ist der Aufenthalt viel zu flüchtig. An die Wand der Hütte hatte er mit einem verkohlten Holzstück geschrieben:


Tateyoko no
Goshaku ni taranu
Kusa no io
Musubu mo kuyashi
Ame nakeriseba


In Länge und Breite
mißt diese Grashütte kaum
fünf Fuß! – Hätte ich mich
abgemüht, sie zu errichten,
wenn es den Regen nicht gäbe?



In den »Aufzeichnungen des Mönches Nambō« erklärt der große Teemeister des 16. Jhdt. Sen No Rikyū das Wesen des Teeweges:

Sich an der großartigen Konstruktion eines Hauses und an dem Geschmack erlesener Speisen zu freuen, ist eine sehr weltliche Angelegenheit. Uns genügt ein Haus, durch dessen Dach es nicht regnet, und ein Mahl, bei dem gerade der Hunger gestillt ist. Das entspricht der Lehre Buddhas und dem wahren Geist der Teekunst. Man bringt Wasser herbei, sammelt Brennholz, erhitzt das Wasser und bereitet Tee. Dann bringt man ihn dem Buddha dar, reicht ihn den anderen und trinkt ihn auch selbst. Man arrangiert Blumen und entzündet Weihrauch. Durch all dies formen wir uns selbst nach den Taten Buddhas und der vergangenen Meister zu wandeln. Alles andere musst du aus Dir selbst verstehen lernen.

Nambō war ein buddistischer Mönch. Aber man muss nicht der Lehre Buddhas folgen, um den Segen des Teeweges zu erleben. Auch die Jesuiten, die im 16. Jhdt. in Japan missionierten, übten begeistert und fleißig die Teezeremonie. In jeder Missionsstation gab es einen Teeraum. Noch heute erinnern viele Bewegungen bei der Teezeremonie an die katholische Messfeier. Die gemeinsame Feier des Tees ist eine Feier des Lebens, unabhängig von Herkunft, Religion, Geschlecht oder gesellschaftlicher Stellung. Denn alle Menschen sind nach der Philosophie des Teeweges im Teeraum gleich.

Kamo No Chōmei vergleicht seine winzige Hütte mit dem Kokon einer Seidenraupe. Der Kokon ist nicht nur eng, er bildet auch den Schutz, in dem sich die Raupe in einen wundervollen Schmetterling verwandelt. Und so ist auch der Teeraum ein Ort der Verwandlung. Es ist kein endgültiger Rückzug aus dem Leben, sondern ein Ort der Sammlung und Besinnung. Gestärkt kehrt man dann wieder aus der Stille in den Alltag zurück, der sich aber hoffentlich verwandelt und den hektischen Andrang der Dinge verloren hat.

Im Teeraum versammeln sich der Gastgeber und seine Gäste, um nach einem alten Ritual den Tee aus gemahlenem Teepulver und heißem Wasser zu bereiten und zu genießen. Schweigend bereitet der Gastgeber die Teegeräte vor, die er zunächst achtsam und rituell reinigt. Diese Reinigung dient zugleich dazu, alle Hektik des Alltags auszublenden und in die Stille zu finden. Bewegung und Atmung bilden eine Einheit und in gemessenen Bewegungen ‚tanzt‘ der Teemeister den Tee. Unmerklich gleiten die Gäste, geleitet vom Tee-Tanz in die Stille, die der Gastgeber schon im Vorbereitungsraum eingeübt hat. Der Duft des frisch aufgebrühten Tees erfüllt den Raum, der Teekessel singt sein Lied der Stille und die Blume leuchtet in der Schmucknische und zeigt die Jahreszeit an. Einer meiner Lehrer – ein amerikanischer Jesuit, der in Japan zum Teemeister ‚konvertiert‘ war – hat einmal gesagt: »Sogar ein Idiot würde in einem solchen Raum in die Stille finden!«

Der Dichter Bashō war sein ganzes Leben auf Wanderschaft, denn er verstand das Leben als eine unentwegte Wanderung. Bis auf das Sterbebett bleibt der Wunsch nach ursprünglicher Geborgenheit. Ganz besonders aber im Herbst, wenn das Laub fällt und der Winter naht, sehnt sich das Herz nach Geborgenheit, die in der Stille der viereinhalb Matten des Teeraumes ihren Frieden findet:


Aki chikaki
kokoro no yoru ya
yo jo han

Der Herbst kommt heran.
das Herz erfüllt von Sehnsucht:
viereinhalb Matten!



Der Teeraum auf dem Feuerberg hat – wie es sich für einen japanischen Teeraum gehört – auch einen traditionellen Namen: Hōrai-An. Der Hōrai-San ist der Götterberg der japanischen und chinesischen Mythologie. Er liegt ganz weit im Nordosten. Dort wohnen die Glücksgötter und sie senden ihre Gaben auf einem Schatzschiff zu den Menschen. Die Gaben sind langes Leben, Weisheit, Schönheit und Harmonie, Musikalität, Tapferkeit und Wohlergehen. ‚An‘ ist eine kleine Klause, in die man sich zurückzieht, um dort bei Studien, Musik und Poesie den inneren Frieden zu finden. Ein klein wenig ist ja auch der Feuerberg ein Ort der Stille und des Rückzugs von der Hektik des Alltags. Was passt also besser zu dem Teeraum am Feuerberg als »Klause am Götterberg«.
In der Schmucknische hängt die Schrift eines alten Zenmeisters aus dem Daitokuji Tempel, die er im Alten von 90 Jahren geschrieben hat:

DOKU SA DAI JU HŌ – Allein sitzen auf dem Gipfel des Dai-Jū Berges.

Der Dai-jū Gipfel liegt in einer zerklüfteten Gebirgsgegend Chinas. Wörtlich bedeutet der Name Dai-Jū: Großer Held. Damit wird Buddha selbst bezeichnet. Nahe des Gipfels hatte sich der Zenmeistern Hyakujō seine winzige Hütte neben einem mächtigen Wasserfall gebaut. Hyakujō hatte den Namen des Berges angenommen, denn das ist ein anderer Name des Dai-Jū Berges. Ein Mönch fragte den Meister Hyaku-Jū / Dai-Jū: »Was ist das größte Wunder?« Der Meister antwortete: »Allein auf dem Gipfel des Berges sitzen!« Jeder Ort, an dem wir in die Stille kommen, wird zum Dai-Jū Gipfel. Dazu muss man nicht nach China reisen.
Nichts Besonderes: Einfach nur sitzen! Fern von jeder Hektik gemeinsam die Stille genießen und den Stimmen der Natur lauschen! Vielleicht auch einfach beim Gesang des Teekessels und einer Schale Tee.

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