Das zerrissene Herz – Pressestimmen

Gefunden irgendwo im Internet:

Erinnerungen kann man manchmal nicht trauen. Vieles vergisst man mitunter, anderes verschönert man im Laufe der Zeit in seinen eigenen Gedanken so, dass es einem fast wie die Wahrheit vorkommt. Und andere Erinnerungen sind einfach nur geträumt. Doch dies spielt im neuen Buch von Gerhardt Staufenbiel auch gar keine Rolle, denn es geht nicht um exaktes Nacherzählen von historischen Details, sondern um die Geschichten aus einer fernen Zeit und einem fernen Land, mitten in Deutschland. Es geht um kindliche Erinnerungen aus dem grünen Herzen Deutschlands, aus einer Zeit, als dieses Herz durch eine unmenschliche Grenze zerrissen wurde. Vielleicht ist manches falsch erinnert, vieles vergessen und manches auch einfach nur geträumt.

Die Leser verfolgen Gerhardt Staufenbiel in „Das zerrissene Herz“ auf seiner Wanderung zwischen Ost und West. Der Band beinhaltet schöne Geschichten von einer behüteten Jugend und schreckliche Berichte aus der Zeit des Krieges und der Teilung. Es geht um Geschichten aus dem deutschen Märchenland, von der Zwergenkönigin und ihrem Hofstaat, von russischen Soldaten, von Feuer, das vom Himmel fiel und vom Großvater, der seine Ziegen hütete. Staufenbiel gelingt mit seinem Buch ein Werk, das sich ganz so präsentiert, als würden wir dem eigenen Großvater beim Erzählen seiner Geschichten zuhören.

Wer das Buch kaufen möchte, kann das im Buchhandel tun oder direkt bei mir. Da bleiben ein paar Euro mehr bei mir 🙂
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Ich lerne noch: Tsurezuregusa

Yoshida Kenko

Wenn ich allein und in Muße bin, sitze ich den ganzen Tag vor meinem Tuschkasten und schreibe alles, was mir durch den Kopf geht, ohne Zusammenhang und ohne eine bestimmte Absicht auf. Dabei ist mir immer recht wunderlich zumute.

Das schrieb der Mönch Yoshida Kenko um 1300 in Japan. Seine Gedanken sind in dem Büchlein Tsurezuregusa niedergeschrieben.
Auch ich sitze und schreibe, allerdings nicht vor meinem Tuschkasten. Der moderne Tuschkasten ist der angebissene Apfel. So denke ich auch wieder nach über den Satz: Ich lerne noch!
Yoshida Kenko hat auch darüber nachgedacht, ob man, während man noch lernt, schon in der Öffentlichkeit auftreten sollte. Ich finde seine Gedanken dazu so interessant und so modern, dass ich sie gerne hier wiedergeben möchte.

Man scheint allgemein der Auffassung zu sein, diejenigen, die eine Wissenschaft oder Kunst erlernen, sollten sich vor anderen, solange sie noch ungeschickt sind, nicht allzusehr zeigen, sondern erst dann hervortreten, wenn sie es nach langer Arbeit in aller Stille zu einiger Vollkommenheit gebracht haben, denn dann würden sie einen viel stärkeren Eindruck machen.
Selbst noch ungelenkk und unfertig sich unter Meister begeben, nicht verlegen werden, wenn man verspottet und verlacht wird, sondern unbekümmert und mit aller Kraft weiterarbeiten – dies allein ist der Weg, auch ohne angeborenes Talent dem Misserfolg zu entgehen.
Wer so vorgeht, wird, wenn er nicht erlahmt, bald die Begabten übertreffen, die sich um nichts mehr bemühen.
Diejenigen, die man jetzt als berühmt preist, sind früher oft Stümper genannt worden, und ihre Schwächen waren zahllos. Wer unter steter Beachtung aller Vorschriften in seiner Wissenschaft oder Kunst sorgfältig und fleißig weiter fortschreitet, wird also schließlich, wenn er nicht plötzlich leichtsinnig wird, ein hochgelehrter Mann und Lehrer von vielen Tausenden sein. Dies gilt für alle Künste und Fertigkeiten in gleichem Maße.

Wie heißt es doch so schön in Teemeister Rikyu’s zweitem Lehrgedicht, in dem er vom unentwegten Lernen, dem narai-tsutsu spricht?

ならひつゝ見てこそ習へ習はずに よしあしいふは愚なりけり
Naraitsutsu mitekoso narae narawazu ni yoshiashi iu wa.
Fort und fort lernen durch sehen und lernen; Törichtes „gut oder schlecht“ reden ist Nicht-lernen.

Rikyu spricht hier vom Lernen – narai und nicht von Üben. Auch das Üben ist eine Art von Lernen. Wenn ich immer und immer wieder bestimmte Formen übe, mache ich jedesmal eine neue Erfahrung. Es ist etwas anderes, ob ein Anfänger die Form übt oder einer mit einer zwanzigjährigen Erfahrung. Ich erfahre mich im Üben immer neu, obwohl ich immer die selbe Form übe. So ist auch das Üben ein Lernen.
Aber das fortgesetzte Lernen geht noch darüber hinaus. Es übt nicht lediglich eine bestimmte Form, es bringt stets neue Erfahrungen und Erkenntnisse über die Sache und über mich selbst.

Üben oder lernen bringt uns weiter auf dem Weg in unserer Kunst und zu uns selbst. Dabei müssen wir uns gegenüber immer kritisch bleiben. Nur so lassen wir nicht nach im Lernen.
Aber dummes Kritisieren und Besser-wissen heißt, dass wir den Weg verloren haben!

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Konzert: Nebelmeer – Mond

shakuhachi

Komuso Shakuhachi

Der November ist der Nebelmonat. Das Licht nimmt ab und die Tage werden immer kürzer. Kein Wunder, dass in diesem Monat der Toten gedacht wird.
Aber der Nebelmonat hat seine eigene Schönheit. Die Früchte sind eingebracht und nun beginnt die stille Zeit. Die letzten Blätter leuchten bunt, und wenn der volle Mond mit seinem milden Licht durch den Nebel scheint, spürt man die Schönheit der Vergänglichkeit.
In Japan feiert man diese Schönheit mit Gedichten oder in der Musik. Besonders in der traditionellen Musik mit der Zen – Bambusflöte Shakuhachi klingt die Schönheit in berührenden Melodien, die in stiller, meditativer Weise gespielt werden.

Einst weilte ein Mönch in einem fremden Tempel als Gast. In der Nacht träumte er, dass er einsam und allein in einem Boot mitten auf dem Meer trieb. Ringsum lag dichter Nebel, der alles einhüllte und verbarg. Nur der Mond schimmerte schwach durch das Nebelmeer. Da hörte der Mönch ganz aus der Ferne, gedämpft durch den Nebel, die Glocke eines fernen Tempels. Tief berührt vom Klang der Glocke erwachte der Mönch. Er nahm seine Shakuhachi und ahmte mit ihr den Klang der Nebelmeer – Glocke nach. Das wurde zum Ursprung einer ganzen Reihe von Shakuhachi Stücken, die von den wandernden Komuso Mönchen gespielt wurden.

Der Teemeister Gerhardt Staufenbiel ist einer der wenigen Menschen, die nach dieser uralten Tradition der Zentempel Japans diese Musik lebendig erhalten. Am Sonntag, dem 19. November, am Volkstrauertag erklingt diese Musik aus der Stille im japanischen Teehaus Myoshinan in Oberrüsselbach. So kann man in meditativer Stimmung den Nebelmond genießen und neue Kraft für die dunkle Zeit schöpfen.

Konzert am Sonntag 19. November. Beginn 17.00 Uhr. Ende gegen 18.30 Uhr
Teehaus Myoshinan, am Rosenberg 5, Igensdorf, Oberrüsselbach.
Warme Kleidung und eventuell eine Decke mitbringen.
Es gibt nur wenige Plätze!
Vorverkauf unter: Myoshinan – Konzert
Online gibt es ermäßigte Preise zu 12 €, an der Abendkasse 15.00 Euro.
Eintrittskarten nur solange der Vorrat reicht.

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Ich lerne noch!

Kürzlich waren wir mit dem Trio Drachengesang im Hotel Feuerberg in Kärnten. Dort trugen die Lehrlinge bis zum 2. Lehrjahr einen Button mit der Aufschrift: „Ich lerne noch!“
Mir war sofort klar: den Button muss ich haben. Aber mir wurde gesagt, das Lehrlinge ab dem dritten Jahr diesen Button nicht mehr tragen dürfen. Also fragte ich Herrn Berger, den Hotelbesitzer und Chef, ob ich nicht einen solchen Button bekommen könnte. „Klar doch!“

Ich lerne noch

Ich lerne noch!


Schließlich ist es das Wesen der Zen Wege, dass wir unterwegs bleiben bis ans Ende unseres Lebens. Wir werden niemals fertig mit lernen. Wer nicht mehr lernt, ist tot!
Seither trage ich den Button mit Stolz und Freude.
Am Samstag waren wir in Garmisch und haben dort die Einweihungsfeier der neuen Räume des Sunmudo Schule Felsentor in Garmisch gestaltet. Der Gründer und Vorstand der Schule, Axel Zeman ist dritter Dan des Zen – Kampfweges Sunmudo nach der Tradition des Golgulsa Tempels in Südkorea. Obwohl er dritter Dan ist, übt er zugleich bei mir immer noch den Teeweg als Teeschüler.

Am Beginn der Feiern kam ein alter Herr zu mir und fragte ganz schüchtern, warum ich als Teemeister in meinem Alter noch einen solchen Button trage, und wie alt ich denn sei. Na, ich bin so etwa zwei Monate jünger als er! Er war ganz glücklich: „Ja wenn das ganze Leben Lernen ist, dann muss ich mich nicht mehr schämen, dass ich in meinem Alter noch anfange Sunmudo zu lernen!“

An der Volkshochschule fragte einmal eine alte Dame den Dozenten für Chinesisch: „Meinen sie, dass es sich für mich noch lohnt, Chinesisch zu lernen?“
Klar doch, sie war dann auch eine der besten Lernenden im Chinesisch. Sie war ja erst neuzig Jahre alt.

Der Hirnforscher Gerald Hüter hat einmal gesagt: „Ein Achtzigjähriger wird blitzschnell Chinesisch lernen, wenn er sich zum Beispiel in eine junge hübsche sechzigjährige Chinesin verliebt und in ihrem Dorf leben möchte!“

Wenn wir aufhören zu lernen, geben wir uns selbst auf! Wenn ich schon alles kann und weiß, begegnet mit nichts Neues mehr. Dann wird das Leben öd und fad.
Dann kann ich ja gleich ins Grab sinken!

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Vor langer Zeit: Die Nonne Kenreimon’In

Ein neues Buch aus dem Teehaus Myoshinan


Derzeit arbeite ich an der Fertigstellung eines neuen Buches mit Geschichten und Legenden aus dem alten Japan. Ich hoffe, dass es Anfang Oktober gedruckt vorliegen wird. Das Buch kann jetzt schon bei mir vorbestellt werden. Es wird ca. 300 Seiten stark sein und ca. 20 € kosten. Vorbesteller bekommen einen guten Rabatt.
Hier ein kleiner Auszug. Es ist die Geschichte der Kenreimon-in, der Mutter des Kindkaisers Antoku. Im 12. Jahrhundert tobte ein heftiger Krieg zwischen dem Geschlecht der Minamoto / Genji und den Heike. Der Krieg endete mit eine gewaltigen Seeschlacht, bei der nahezu das gesamte Geschlecht der Heike vernichtet wurde. Nur Kenreimon-in blieb übrig.

Der Text orientiert sich nahe am Epos Heike-Monogatari und er ist erstmalig in deutscher Sprache im Buch zu finden.

Nachtrag:
Das Buch ist erschienen und kann bei mir direkt bestellt werden unter: Vor langer Zeit – Mukashi mukashi

Die Nonne Kenreimon-In

Die Mutter des Kindkaisers Antoku war eine Tochter von Taira Kiyomori, dem ehrgeizigen Oberhaupt der Heike Familie. Im Alter von fünfzehn Jahren kam sie an den kaiserlichen Hof, mit sechzehn wurde sie die Gemahlin des Tennō. Im Alter von siebzehn Jahren adoptierte sie der Exkaiser Go-Shirakawa. Mit zweiundzwanzig gebar sie einen Sohn, der im Alter von zwei Jahren auf den Tennō-Thron gesetzt wurde.[Fußnote 1] Nun war sie auch die Mutter des Tennō. Das Glück schien ihr hold zu sein.

Als sie aber bei der Seeschlacht von Dan no ura miterleben musste, wie ein Schiff der Taira nach dem anderen sank, wollte sie sich zusammen mit ihrem kleinen Sohn, dem Kaiser Antoku ertränken. Aber sie wurde an ihren schönen langen Haaren wieder aus dem Meer gezogen und gerettet. Nur ihr Sohn, der Kindkaiser ertrank. Sie war eine der Wenigen aus dem Geschlecht der Taira, die den Krieg überlebt hatten.

Sie zog sich in die Einsamkeit zurück und legte die Gelübbde als Nonne ab. Sie lebte in einer Unterkunft, die einst einem Mönch gehört hatte. Das Gras wucherte im Garten und dichte Farne wuchsen am Dach. Die Schiebefenster hingen in Fetzen und gaben die Schlafkammer dem Wind und dem Regen preis. Obwohl Blumen in allen Farben wuchsen, gab es keinen Grund, sich an ihnen zu erfreuen. Obwohl das Mondlicht in die Kammer schien, gab es dort niemand, sein Schwinden in der Morgendämmerung zu bemerken. Wie traurig ist es, zu sehen, wie eine Hofdame, die Vorhänge aus Seidenbrokat in einem Jadepalast gewohnt war, in dieser ärmlichen Umgebung ihr Leben verbringt. Sie glich einem Fisch, den das Schicksal ans Land geworfen hat oder einem Vogel, der aus dem Nest gefallen ist. Ihre Gedanken weilten bei den fernen Wolken des westlichen Ozeans, weit hinter den grenzenlosen blauen Wellen. Ihre Tränen strömten, als sie im Mondlicht den moosbedeckten Garten der flüchtigen Hütte weit in den östlichen Bergen sah.

Am fünften Tag des fünften Monats schor sie sich die Haare und wurde Nonne. Aber ihr Kummer wollte nicht weichen, obwohl sie die fließende Welt verlassen und den ewigen Pfad betreten hatte. Niemals konnte sie das Antlitz ihres Sohnes, des Tennō vergessen. Niemals, wie einer ihrer Verwandten nach dem anderen in den Tiefen der wogenden See verschwand. Warum gebar ihre taugleiche Existenz solche schweren Sorgen? Sie brütete unentwegt über das grausame Schicksal und die Tränen hörten nicht auf zu fließen.

Die Nächte waren kurz, dennoch konnte sie kaum die Dämmerung erwarten. Nicht nur in ihren nächtlichen Träumen, auch in ihrem stetig schweifenden Gedanken wiederholte sie die Vergangenheit. Immer und immer wieder. Trübe schien das fade Licht der Lampe auf der Wand. Einsam klang der trostlose Regen am Fenster die ganze Nacht.

Draußen duftete die frische Blüte eines Orangenbaumes. Vielleicht hatte ein früherer Bewohner den Baum gepflanzt, weil der Duft ihn an einen geliebten Menschen aus längst vergangenen Zeiten erinnert hatte.[Fußnote 2]

»satsuki matsu/ hanatachibana no / Ka o kageba / mukashi no hito no / Sode no Ka zo suru.«
Beim Duft der Mandarinenblüte, / die auf den Wonnemonat wartet, /rieche ich den Duft des Ärmels / eines Menschen aus längst vergangenen Zeiten.

Zwei oder dreimal rief der Kuckuck seinen sehnsüchtigen Ruf und Kinreimon‘in nahm den Pinsel und schrieb in den Deckel ihres Tuschekastens:

hototogisu / hanatachibana no / Ka o tomete / naku wa mukashi no / hito ya koishiki
Kuckuck, erhebst du deine Stimme beim Duft der Tachibana,[Fußnote 3] weil du dich an einen Menschen aus
vergangen Zeiten erinnerst?

Im siebten Monat zerstörte ein Erdbeben die ziegelgedeckte Lehmmauer ihres Zufluchtsortes, und sie fühlte sich in ihrer Abgeschiedenheit und Einsamkeit gestört. Schließlich hörte sie von dem halb verfallenen Tempel Jakkō-In weit draußen in den Bergen nahe dem Dorf Ohara.[Fußnote 4] Sie wanderte spät im neunten Monat in die Berge, um zum Tempel zu gelangen. Das Abendlicht warf dichte Schatten über die buntgefärbten Blätter der Bäume. Die Abendglocke eines entfernten Tempels in den Feldern tönte und dichter
Nebel verhüllte ihren Weg und nässte die tränengetränkten Ärmel ihres Gewandes. Ein starker Wind wirbelte die bunten Blätter herum und ein plötzlicher Regenschauer fiel aus den schwarzen Wolken des Himmels. In der Ferne schrie ein einsamer Hirsch, und die melancholische Stimmung des Ortes ergriff ihr Herz. Schließlich erreichte sie den Jakkō-In, der mit moosbedeckten Felsen die Atmosphäre einer uralten und ewigen Stille ausstrahlte. Sie betrat den Tempel und betete zu Buddha: »Möge der Geist des Sohnes des Himmels[Fußnote 5] vollkommene Weisheit erlangen und möge die plötzliche Erleuchtung geschehen!«
Während sie betete, sah sie das Antlitz des Sohnes, des Kindkaisers unmittelbar vor sich. Würde sie jemals diesen Anblick vergessen können?[Fußnote 6]

Direkt unterhalb des Tempels errichtete sie eine Zehn-Fuß-im Quadrat Einsiedelei.[Fußnote 7] Dort verbrachte sie betend und meditierend ihre einsamen Tage. An einem Abend des zehnten Monats hörte sie Schritte draußen vor der Hütte. »Wer sollte sich in die Abgeschiedenheit dieser verborgenen Behausung verirren?« Aber es war nur ein Hirsch, der in der Nacht vorbeizog . Tränenüberströmt schrieb sie an die Schiebetür neben dem Fenster:

iwane fumi / tare wa towamu / nara no ha no / soyogu wa shika no /wataru nerikeri.
Wer sollte wohl kommen, schreitend auf Felsen nach mir rufend? Der Besucher, dessen Schritte im
Laub klangen – ach, es war nur ein Hirsch, der in der Nacht vorbeizog!

Allmählich erkannte sie an ihrem Ort viele Dinge, die Buddha gelehrt hatte. Die Bäume, die ihr Dach säumten, waren wie die sieben Baumkreise, die das reine Land Buddhas umsäumen, das Wasser, das sie zwischen den Felsen sammelte, erschien ihr wie das Wasser der acht Tugenden. Die Vergänglichkeit aller weltlichen Dinge glich den Blütenblättern, die der Frühlingswind zu Boden weht. Die Kürze des menschlichen Lebens schien wie der Herbstmond, der hinter dunklen Wolken verschwindet.

Nach einer Weile, im Frühjahr des zweiten Jahres hatte der Ex-Kaiser Go-Shirakawa, der Adoptivvater von Kenreimon’in, Sehnsucht nach seiner Tochter und er wünschte sie zu besuchen. Aber heftige Stürme wüteten und das kalte Wetter wollte nicht weichen. Der Schnee färbte die Berggipfel weiß und das Eis war noch nicht geschmolzen. So ging das Frühjahr vorüber und der Sommer begann. Eines Nachts, es war noch dunkel, brach der Exkaiser auf um den Jakkō-In und Kinreimon‘in zu besuchen. Obwohl er ohne Zeremonie reiste, begleiteten ihn in seinem Gefolge sechs Männer aus dem Hochadel, acht hochrangige Hofbeamte und etliche Wächter und Diener. Er besuchte zunächst mehrere prächtige Tempel, aber schließlich erwies sich eine einsame Hütte mit einem winzigen Tempel, vollkommen versteckt in den westlichen Bergen, als der gesuchte Jakkō-In.

Die weißen Wolken auf den fernen Hügeln waren nun die verstreuten Kirschbäume, die noch in den Bergen blühten. Das frische Grün der Blätter leuchtete als sicheres Zeichen, dass nun der Frühling vergangen war. Die Wipfel der Bäume waren scharf gezeichnet, wie mit einem Wimpernstift nachgezogen. Kein Maler hätte die ländliche Szene besser malen können. Es war ein erster milder Sommertag und der Ex-Kaiser, der noch niemals so weit außerhalb seines Palastes gewesen war, erkannte verwundert, dass er an einem Ort angekommen war, der nur selten von Menschen aufgesucht wurde.

Der einsame Ort mit einem buddhistischen Tempel weitab in den Bergen musste der Jakkō-In sein. Der geschmackvoll angelegte Garten mit dem kleinen Teich und dem alten Wäldchen zeugte von einer vornehmen Vergangenheit.

Die Dachziegeln sind zerbrochen, der Nebel bildet den ewigen Weihrauch. / Die Türen sind
gestürzt und Strahlen des Mondes leuchten als ewiges Licht.

Wucherndes Gras bedeckte den Garten, biegsame Weidenzweige wehten im Wind und die grünen Wasserlinsen auf dem Teich wirkten wie kostbarer Brokat, der gerade zum Waschen ausgelegt ist. Tiefe Stille herrschte im Tempel. Der Exkaiser rief mit lauter Stimme: »Ist niemand hier?«, aber es gab keine Antwort. Nach langer Zeit näherte sich langsam und gebeugt eine alte Nonne. »Wohin ist die kaiserliche Dame?«, fragte der Ex-Kaiser. »Sie ist in die Berge gewandert, um Blumen zu sammeln.« »Hätte das nicht jemand anders für sie besorgen können?« »Sie erträgt ihr jetziges hartes Leben, weil ihr gutes Karma zu Ende gekommen ist. Der Prinz Siddhartha verließ im Alter von neunzehn Jahren den Palast und bedeckte seine Nacktheit mit Gewändern aus Laub. Er sammelte Brennholz und er trug Wasser herbei und erlangte schließlich durch all seine Entbehrungen die vollkommene Befreiung.«

Der Ex-Kaiser betrachtete die alte Nonne genauer. Er konnte nicht erkennen, ob die Flicken auf ihrem Gewand aus abgeschabter Seide oder einem anderen billigen Material bestanden. »Es ist merkwürdig, dass eine so armselig gekleidete Person solch kluge und wohlgesetzte Worte spricht!«, dachte er und er fragte: »Wer seid ihr?«

Die alte Nonne brach in Tränen aus und konnte lange Zeit nicht sprechen. Dann begann sie: »Mein Vater war Priester am kaiserlichen Hof und meine Mutter eine Hofdame des zweiten Ranges. Mein Name ist Awa-no-naishi und Ihr seid früher, als ich noch im Palast lebte, immer sehr gütig zu mir gewesen!« Nicht nur der Kaiser, sondern auch die Begleiter des Hochadels waren erschüttert: »Niemals hätte eine einfache Nonne solch wohlgesetzten Worte sprechen können! Aber nun erweist sich, dass sie das Leben am kaiserlichen Hof gewohnt war! Sehr wohl erinnern wir uns an ihre liebe Gestalt. Aber in dieser ärmlichen Gewandung hätte sie wohl niemand mehr erkannt«.

Der Ex-Kaiser begann nun einen Rundgang durch den Tempel. Der erste Raum war gestaltet wie die winzige Zehn-Fuß-im Quadrat-Hütte Vimalakirtis, die aber trotz ihrer Beengtheit Platz für zweiunddreißigtausend Buddhas bot. In ihm war ein Bild des Fugen Bosatsu aufgehängt, der auf seinem Elefanten mit sechs Stoßzähnen ritt. Darunter lagen die acht Schriftrollen des Lotos-Sutra[Fußnote 8] und eine Sammlung von Lehrschriften berühmter Meister.

In der Schlafkammer sah er eine schlichte Robe aus Hanf. An Bambusstangen hing eine Zudecke aus Papier. Es schien wie ein Traum, dass die Bewohnerin einst in Seide und kostbarem Brokat gelebt hatte.

Oben auf dem steinigen Pfad, der vom Gipfel des Berges zum Tempel führte, erschienen zwei Nonnen in schichten schwarzen Roben. »Wer sind diese beiden Nonnen?«, fragte der Exkaiser. Die alte Nonne versuchte, ihre Tränen zu unterdrücken: »Die eine, die in einem Korb Bergazaleen trägt, ist die kaiserliche Dame, diejenige, die das Feuerholz auf ihrem Rücken trägt, ist die ehemalige kaiserliche Amme.« Als die kaiserliche Nonne näher kam und ihren Adoptivvater erblickte, wäre sie vor Scham fast verschwunden. Nonne oder nicht, es war zu erbärmlich, dass der Ex-Kaiser sie in dieser ärmlichen Umgebung sah. Sie stand hilflos und schockiert und die Tränen flossen reichlich. Weder konnte sie die Einsiedelei betreten noch zurück in die Berge fliehen. Verzweifelt versuchte sie, ihre tränennassen Ärmel zu verbergen, die sie erst in der nächtlichen Zeremonie des Wasserschöpfens und dann im morgendlichen Tau auf den Bergpfaden durchnässt hatte.

Nach einem langen Gespräch über die Vergänglichkeit der Dinge und die mögliche Erlösung in Gebet und Übung verließ der Exkaiser Kinreimon’in und ihre hochadligen Mit-Nonnen.

Der dunkle und mächtige Klang der Glocke des Jakkō-In kündigte den Abend an. Unter Tränen nahmen der Ex-Kaiser und die Nonne Abschied voneinander: »Möge der Geist des Sohnes des Himmels
und die Totengeister der gefallenen Heike-Krieger die vollkommene Weisheit und die plötzliche Befreiung erlangen. Dafür werde ich beten bis an mein Ende!« Damit verabschiedete sie sich vom
Exkaiser, der in seinen Palast zurückkehrte. Kinreimon’in aber blieb im Tempel bis ans Ende ihres Lebens.

Schließlich wurde sie krank und rezitierte den ganzen Tag und die ganze Nacht die Anrufungen Buddhas. Zu ihrer Rechten und zur Linken saßen die beiden kaiserlichen Mit-Nonnen und beteten: »Tathagata! Namu Amida Butsu[Fußnote 9] – Herr des westlichen Reinen Landes! Geleite mich hinüber in das westliche Paradies!«. Als ihre Stimmen von den Rezitationen müde und schwach geworden waren, erhob sich im Westen eine purpurfarbene Wolke. Köstlicher Duft durchströmte die Kammer und wunderbare Musik
ertönte vom Himmel her. Das menschliche Leben ist endlich wie ein Tautropfen am Gras bei den ersten morgendlichen Sonnenstrahlen. Im zweiten Monat des zweiten Jahres Kenkyū[Fußnote 10] verließ Kenreimon’in diese Welt.

Die beiden Nonnen waren niemals in ihrem Leben von ihrer Seite gewichen. Sie wussten nun nicht, wohin sie sich wenden sollten. So blieben sie im Tempel und verrichteten die Gedenkfeiern bis zu ihrem Ende. Die Bewohner des Dorfes berichteten, dass sie Beiden schließlich friedlich in das reine Land hinübergegangen
waren.

Nachtrag:

Ich habe den kleinen Tempel Jakkō-In oft besucht. Früher lebte dort noch eine alte Nonne, die in direkter Linie von Kenreimon-In abstammte. Wenn Besucher in den Tempel kamen, sang sie mit ihren neunzig Jahren immer noch begeistert mit ihrer brüchigen Stimme die Geschichte der Kenreimon-In aus dem Heike monogatari. Eines Nachts im Mai zweitausend achtete sie wohl nicht auf das Feuer und der Tempel brannte völlig nieder. Vielleicht war es auch nicht ihre Unachtsamkeit, sondern eine Brandstiftung.

Auch die uralte Statue des Jizo – Buddha, die noch aus der Nara-Zeit stammen soll, verbrannte fast völlig. Dabei kamen Unmengen winziger Buddhastatuetten zum Vorschein, die im Inneren des großen Buddha verborgen lagen. Deshalb hieß die Statue die Rokumantai-Jizoson, die Sechzigtausend Jizo Statue. In einem Seitenschrein stand die Figur der Kenreimon’in, die des Antoku und die der Awa-no-naishi, deren Gewand noch von Kenreimon’in stammen sollte. Ihr Umschlagtuch soll das Tuch gewesen sein, in dem der Kindkaiser Antoku einst getragen wurde. Auch das ist im Feuer verbrannt.

Auch der uralte Gingkobaum auf der Vorderseite des Tempels, den Kenraimon-In noch gesehen hatte, verbrannte. Er schlug wunderbarerweise noch ein paarmal im Frühling aus, aber schließlich starb er endgültig. Sein toter Stamm steht noch heute vor dem Tempel und erinnert an die alten Zeiten.
Mujō -Nichts ist beständig!

Der Tempel ist wieder aufgebaut worden und der Jizo neu angefertigt. Er strahlt in farbigem Glanz, so wie er wohl schon zur Zeit der Kenreimon’in nicht mehr gestrahlt hat. Immer noch erzählt man im Tempel die Geschichte aus dem Heike Monogatari.

[Fußnote 1] Antoku, so der kaiserliche Name des Kindes, war der zweitjüngste Tennō Japans. Der Tennō sollte kultisch rein sein und
durfte deshalb keine politische Macht ausüben. Es war deshalb oft das Bestreben des amtierenden Tennō, sich so bald
als möglich aus dem Amt zurückzuziehen und ein Kind auf den Thron zu setzen. Als Ex-Kaiser konnte er dann im
Namen des amtierenden Kindkaisers Politik betreiben. So handelte auch Go-Shirakawa.

[Fußnote 2] Anspielung auf ein Gedicht aus dem Kokin wakashū Nr 139. Satsuki ist der fünfte Monat, der ‚Wonnemond‘. Er wurde
als zweiter Sommermonat gerechnet.

[Fußnote 3] Tachibana ist eine kleine Orange, ähnlich der Mandarine. Sie wurde wegen ihrer duftenden Blüten geschätzt.

[Fußnote 4] Die Abgeschiedenheit des Bergtales von Ohara hatte schon viele Adlige jener Zeit angezogen. Sie flohen dorthin aus
dem Getriebe der Kaiserstadt, vor den Intrigen und den Kriegswirren, um dort in einer Art mönchischem Leben ihre
Übungen in Meditation oder den Künsten zu pflegen.

[Fußnote 5] Sohn des Himmels: Tennō

[Fußnote 6] Noch heute stehen im Tempel die Figuren von Kinreimon’in und Antoku.

[Fußnote 7] Zehn Fuß im Quadrat: Hō-jō ist nach dem Vorbild der Hütte von Vimalakirti errichtet. Vimalakirte war ein Kaufmann zur
Zeit Shakyamuni Buddhas. Er zog sich in die Berge in eine winzige Hütte zurück. Nachdem er erwacht war, ging er
zurück in die Stadt und lebte sein Leben als Kaufmann. Er ist das Vorbild für den erwachten Buddhisten, der den Alltag
leben kann.Auch Kamo no Chōmei hatte sich eine solche Hütte errichtet. Dort schrieb er die Aufzeichnungen aus der
Hütte, die Hō Jō Ki. Diese Hütte wird später das Vorbild für das japanische Teehaus für die Teezeremonie.

[Fußnote 8] Fugen Bosatsu, der Boddhisattva der guten Praxis und des Mitleids. Er schützt besonders das Lotos-Sutra, das im
Tendai Buddhismus, zu dem der Jakkō-In gehört, studiert wird. Er erscheint den Menschen, die inbrünstig das
Lotossutra rezitieren. Dafür müssen sie in besonderer Weise die sechs Sinne (Augen, Ohren, Nase, Geschmack, Leib
und Gedanken) reinigen. Er erlöst auch Frauen – was im alten Buddhismus nicht selbstverständlich war. Er erscheint oft
auf einem weißen Elefanten mit sechs Stoßzähnen, die für die sechs Sinne stehen.

[Fußnote 9] Namu Amida Butsu – etwa: Vertrauen auf Amida Buddha. Amida herrscht im reinen Land. Ruft man ihn mit reinem
Herzen im Sterben an, so erscheint er und holt den Sterbenden ins Reine Land.

[Fußnote 10] Die japanische Zeitrechnung richtet sich nach Nengō, Devisen, die vom Kaiser ausgegeben werden. Das 2. Jahr Kenkyū
ist das Jahr 1191.

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