Be-Dingt

Hier ein kleiner Auszug aus meinem Buch über das Daodejing, das gerade im Entstehen ist. In diesem Abschnitt geht es um den Umgang mit den Dingen.

In ‚Sein und Zeit‘ analysiert Martin Heidegger unseren Umgang mit den Dingen. Die Dinge sind keine Gegen-stände, die uns gegenüber stehen und die wir mit dem Verstand oder dem Denken erfassen. Der alltägliche Umgang mit den Dingen hat die Struktur von „Zeug“. Wir denken nicht über das Wesen der Dinge nach, sondern benutzen sie als Zeug – Werkzeug, Nähzeug, Schreibzeug, Flugzeug – um etwas damit zu tun. Zeug hat immer die Struktur des UM – ZU. Schreibzeug ist da zum Schreiben. Zeug ist nicht einfach vor-handen, sondern zu-handen. Je mehr das Zeug zu-handen ist, desto unauffälliger wird es. Zeug wird erst auffällig und bewußt wahrgenommen, wenn es eben nicht mehr zu-handen ist. „Wo ist denn wieder dieser Bleistift? Eben war er doch noch da?!“ Erst das Fehlen oder das unhandlich Werden rufen das Zeug ins Bewusstsein.
Zeug ist niemals als Einzelnes einfach nur da. Es steht immer in einem Gesamtzusammenhang von Zeug, der eine eigene Welt bildet. Schreibzeug gehört in ein Büro oder die Studierstube. Dort sind Bücher, Tische und Papier. Ein Büro bildet eine völlig andere Welt als die Studierstube des Schriftstellers, obwohl auch hier Schreibzeug da ist. In beiden Welten ist eine Bohrmaschine ein Fremdkörper. Die gehört in eine Werkstatt. Dabei ist eine Autowerkstatt eine völlig andere Welt als die Schreinerei. 

Zeug ist nicht einfach nur vorhanden, um da zu sein. Es erzeugt aus seiner Welt heraus den Druck, weiter zu handeln. Ein Auto ist unbrauchbar, wenn es keinen Treibstoff, keine Straßen und keine Werkstätten gibt. Also müssen wir handeln und Tankstellen bauen, die wiederum aus Raffinerien mit Treibstoff versorgt werden, der aus Rohöl gewonnen wird, das in unsicheren Ländern gefördert wird, die durch Kriege geschützt oder erobert werden müssen.  

Wir verstehen das Zeug immer aus der Gesamtheit der Welten, die von der Zeugganzheit gebildet werden. Dabei denken wir nicht das Zeug, wir ‚handeln‘. Wir handeln, indem wir Zeug zur Hand nehmen und Welt gestalten. Dabei haben wir immer schon den Gesamtzusammenhang der jeweiligen Welt verstanden. Es ist ein Denken der Hand, das meistens nicht bis ins Bewusstsein gelangt. 

Zeug ruft immer wieder laut danach, ‚besorgt‘ zu werden. So geraten wir leicht in ein Getriebensein von zu besorgendem Zeug. Wir besorgen die Dinge, weil wir uns um unser eigenes Sein-können sorgen. Diese Sorge ist die Grundstruktur des menschlichen Lebens. Heidegger nennt den Menschen das Da-Sein, nicht weil er IST, sondern weil in unserem Bewusstsein oder auch im unbewussten Handeln das Sein licht wird. Der Mensch ist das DA des SEINS. 

In einer Grundangst sorgen wir uns darum, einmal nicht mehr das Da des Seins, sondern das Erscheinen des NICHT zu werden. In der Sorge geht es immer zunächst um mich selbst. Auch wenn ich mich um Andere sorge, geschieht dies meist aus Angst, den Anderen zu verlieren, weil er der Garant für mein eigenes Sein – können ist. 

Heidegger unterscheidet zwei Weisen, wie sich die Sorge vollzieht. Im alltäglichen Umgang wird die Sorge um mein Sein-können zum Be-Sorgen. Ich muss noch in den Supermarkt und Essen besorgen oder zur Post, um Briefmarken zu besorgen. Dabei geraten wir leicht unter Zeitdruck, denn die Dinge fordern, dass sie unbedingt noch heute oder wenigstens schnellstmöglich erledigt werden müssen. Je mehr wir uns beeilen, desto knapper wird die Zeit. In China gibt es ein Sprichwort: Wenn du es eilig hast, mach einen Umweg. Die Sorge ist immer zeitlich. Wir entwerfen uns immer schon voraus und sorgen uns um das künftige Sein-können. Deshalb leben wir oft eher in der Zukunft als in der Gegenwart.

In diesem alltäglichen rasendem Besorgen sind wir niemals wir selbst. Wir funktionieren und handeln, weil ‚man‘ so handelt. Dieses fremdbestimmte Handeln ist Teil der notwendigen Ordnung. Ohne Regeln und Konventionen funktioniert keine Organisation keine Gruppe und und kein Staat. Wenn wir uns im Verkehr bewegen, ist das Einhalten von Regeln lebensnotwendig. ‚Man‘ kann nicht bei Rot über die Ampel fahren! Heidegger nennt diese Seinsweise das ‚Man‘ oder die Un-eigentlichkeit. In der Seinsweise des ‚Man‘ ist jeder in seiner Funktion austauschbar und vertretbar. Es ist gleichgültig, ob ich selbst in den Supermarkt gehe zum Einkaufen oder ob ich eine andere Person darum bitte, mich zu vertreten.

Aber wenn wir nur in der Weise des ‚man‘ im rasenden Besorgen verharren, kommt bald eine tiefe Leere und Sinnlosigkeit. Wir sehnen uns nach etwas ganz anderem, danach, ganz wir Selbst sein zu können. 

 Erst der Schritt zurück aus dem rasenden Be-sorgen in ein stilles Betrachten und wahr-nehmen schenkt uns wieder den Frieden, mit uns selbst in Eins zu sein. Das Besorgen der Dinge im alltäglichen handelnden Umgang mit Zeug wird dann zur sinnspenden Sorge um mein eigentliches Sein-können, mir Selbst zu Eigen zu sein. Dies ist die Eigentlichkeit. In der Eigentlichkeit ist niemand vertretbar, es geht immer um mich selbst. ICH muss mein Schicksal laben, meine Krankheiten aushalten und ich bin es, der letztendlich stirbt. Niemand ist hier durch einen anderen vertretbar.

Die Dinge bekommen eine andere Qualität als das Zeug, das lediglich meist unbewusst benutzt wird. Aber auch, wenn wir uns selbst zu eigen sind, müssen wir uns im Alltag in der Weise des Man bewegen. 

Im Zhuangzi gibt es die Geschichte vom Meister Zi Qing, der berühmt für seine wunderbaren Glockenständer ist. Sie sind so wunderbar, dass man sie fast für das Werk eines Gottes oder Geistes halten könnte. Verwundert fragt der Fürst von Lu nach der besonderen Kunst, die Meister Zi Qing anwendet. Zi Qing antwortet, das er nur ein Handwerker ist, der über keine besondere Kunst verfügt. Aber bevor er sich ans Werk macht, bereitet er sich vor. Er tritt einen Schritt zurück aus dem rastlosen handeln in die Stille, um sich auf das werken des Glockenständers vorzubereiten:

Ich wagte nicht, auch nur die geringste Lebensenergie – 氣  zu verschwenden und sammelte mich, um mit Fasten meinen Herz Geist 心 xīn zu beruhigen. Nach drei Tagen Fasten hörte ich auf, an irgendwelche Anerkennung, Belohnung oder Ehrungen zu denken. Nach fünf Tagen Sammlung hatte ich keinen Gedanken mehr an Lob oder Tadel, Rang oder Einkommen. Nach sieben Tagen Fasten hatte ich vergessen, dass ich vier Gleidmaßen und einen Körper habe. Zu dieser Zeit habe ich keinen Gedanken mehr an öffentliche Angelegenheiten oder den Hof. Meine Fähigkeiten sind gesammelt und alle äußeren Ablenkungen verschwunden. 

Der Handwerker bereitet sich nicht auf sein Werk vor, indem er übt oder die Gedanken um das Gelingen des Werkes in seinem Geist hin und her wägt. Er geht in die Stille. Solange, bis er sich selbst völlig vergessen hat. Erst, wenn er vollkommen leer ist von Erwartungen, Ängsten oder Wünschen, geht er ans Werk. Nun erst richtet er sein Augenmerk auf die künftige Form des Glockenständers, um einen geeigneten Baum auszusuchen.

Erst dann ging ich in den Bergwald und betrachtete die himmlische Natur  der Bäume.

Der Handwerker betrachtet nicht einfach nur die Bäume, er meditiert über ihre ‚himmlische Natur‘ 觀天 性  guàn tiān xìng. Die ‚Natur‘ des Baumes ist sein ihm eigenes Leben und seine Eigenart. Das Schriftzeichen für ‚Natur‘ zeigt nicht die Natur im Allgemeinen, es ist die ganz eigene Wesensart dieses besonderen Baumes. Das Zeichen zeigt ein Herz neben einem Planzenschößling mit den ersten drei Triebblättern. Allein ist dieses Zeichen ‚Leben‘ 生.  Der Sensei 先生 (jap.) ist einer, der schon früher gelebt hat als sein Schüler

Erst nachdem Meister Zi Qing die vom Himmel vorgegebene eigene Natur und das Wesen des Baumes gefunden hat, der zu seinem geplanten Werk passt, beginnt er mit seiner Arbeit. Weil er die ursprüngliche, ‚himmlische Natur‘ gesehen hat, kann er seine natürliche Fertigkeit wirken lassen, die himmlische Natur des Baumes bleibt bewahrt,  und sein Werk wirkt, als sei es von Göttern oder Geistern gefertigt.

Auch in modernen technischen Arbeitsprozessen muss die ‚Natur‘, die Eigenart des Werkstoffes zum Werk passen. Um Bleistifte herzustellen, braucht man riesige alte Bäume aus dem Regenwald, denn nur diese Bäume liefern das gleichmäßige Holz, das benötigt wird um gute Bleistifte zu fertigen. Bei der Herstellung von Bleistiften gibt es vielleicht noch Spezialisten, die sich mit der Natur der benötigten Bäume auskennen und sie gezielt im Regenwald aussuchen. Aber Bäume sind längst schon zu einem beliebig austauschbaren Werkstoff geworden. Die uralten kanadischen oder finnischen Wälder werden von riesigen Maschinen gefällt und sofort vor Ort zu Spanplatten oder Taschentüchern und Windeln verarbeitet. Vor der Maschine liegt der Bergwald, hinter der Maschine ist nur noch Ödland. Und die Spanplatten, die keinerlei Rücksicht auf die ‚himmlische Natur‘ der Bäume nehmen, die nur in sehr langen Zeiten nachwachsen, sind längst schon weltweit im Handel. Die Bäume sind zu reinen Rohstofflieferanten geworden.

Der Umgang von Meister Zi Qing ist von völlig anderer Art als das rasende Besorgen der Dinge. Es ist ein meditatives und achtsames Wahr-nehmen der Dinge, sie sich in ihrer eigenen Natur zeigen. 

In seinem Spätwerk fragt Heidegger nach dem Wesen des ‚Dinges‘, das kein Zeug ist. Der alltägliche Umgang mit Zeug ist eine Grundstruktur des menschlichen Da-Seins. Aber das Ding ist kein Zeug, es ist die Versammlung von Welt, so wie die alte deutsche Versammlungsstätte Thing, von der das hochdeutsche Wort ‚Ding‘ hergeleitet ist. 

Heidegger denkt das ‚Ding‘ aus zwei Traditionen. Zum einen ist er stark angeregt von seiner Auseinandersetzung mit Hölderlin, zum anderen hat er sich intensiv mit dem Daodejing befasst. Ihm fehlte zwar die Kenntnis der chinesischen Sprache, aber er hatte versucht, mit einem chinesischen Studenten den Originaltext des Daodejing zu lesen. Enttäuscht musste er aber feststellen, dass dieser Text auch für den normalen Chinesen genau so unverständlich ist, wie für uns. 

Als Beispiel für ein ‚Ding‘ nimmt Heidegger den Krug. Sein Gebrauch bestimmt sich aus der Leere:

Gießen wir, wenn wir den Krug mit Wein füllen, den Wein in die Wandung und in den Boden? Wir gießen den Wein höchstens zwischen die Wandung und auf den Boden.  … Wenn wir den Krug vollgießen, fließt der Guss beim Füllen in den leeren Krug. Die Leere ist das Fassende des Gefäßes. Die Leere, dieses Nichts am Krug, ist das, was der Krug als das fassende Gefäß ist. 

Der Krug fasst nicht einfach nur den Wein oder das Wasser. Er ‚versammelt das Geviert von Himmel und Erde, Götter und Menschen‘. Im Wein oder im Wasser sind Himmel und Erde versammelt. Indem die Menschen sich beim Trunk versammeln und vorher den Göttlichen opfern oder wenigstens ihrer gedenken, versammelt sich das Geviert. Alle Vier spiegeln sich jeweils ihr Wesen zu. Indem der Himmel die Erde spiegelt, antwortet die Erde, indem sie blüht und fruchtet oder still in sich ruht. Indem die Menschen der Göttlichen gedenken, wandelt sich ihr Wesen und sie werden frei.  Dieses Spiegeln geschieht nicht unter Gewalt, es ist ein Spiel, indem sich die Vier jeweils ihr Wesen zuspielen. Heidegger nennt dieses Spiel das Spiegelspiel des Gevierts. Dieses Spiel beschreibt er mit Worten, die an die Meditationserfahrung des Meisters Zi Qing erinnern:

Die Vierung west als das ereignende Spiegel-Spiel der einfältig einander Zugetrauten. Die Vierung west als das Welten von Welt. Das Speigel-Spiel von Welt ist der Reigen des Ereignens. … Das gesammelte Wesen des also ringenden Spiegel-Spiels ist das Gering.

Das Ge-ring ist der Reigen, indem sich die Vier in EINS ‚tanzen‘, es ist zugleich auch das Geringe im Sinne des Einfachen und Alltäglichen. Es ist nichts Abgehobenes und Überweltliches, was da geschieht, die Welt ereignet sich, Himmel und Erde Götter und Menschen spiegeln sich je ihr Wesen zu und – der Handwerker bildet einen Glockenständer. Im ganz einfachen, achtsamen Umgang mit den Dingen wird sich der Mensch zu eigen, er er-eignet sich. Darum wird sein Werk so, als sei es von göttlichen Wesen geschaffen.

So gesehen ist Heideggers Konstruktion des Gevierts viel zu kompliziert. Der Sachverhalt ist einfacher und schlichter als das komplizierte Versammeln der Vier. Der Handwerker macht sich leer, er erkennt das himmlische Wesen des Baumes und bildet sein Hand-Werk. Im ganz gewöhnlichen, wenn auch achtsamen Umgang mit den Dingen geschieht das Er-eignen. 

Auch im japanischen Teeweg üben wir den achtsamen Umgang mit den ganz einfachen, fast alltäglichen Dingen. Mit der Teeschale, dem Teebesen, der Schöpfkelle. Es ist ein wunderbares Erlebnis, wenn das heiße Wasser aus der Schöpfkelle in die Teeschale fließt. Der Duft des Tee blüht auf und die ganze Welt rundet sich in einer einzigen Schale Tee. Das ist das Ge-Ring.

Zenmeister Dōgen schreibt:

Sich selbst tragend die zehntausend Dharma (die zehntausend Dinge) übend erweisen, das ist irren. Die zehntausend Dharma kommen her und erweisen übend mich selbst, das ist Erwachen.

Den Buddhaweg erlernen heißt, sich selbst erlernen. Sich selbst erlernen heißt, sich selbst vergessen. Sich selbst vergessen heißt, durch die zehntausend Dharma (die zehntausend Dinge) von selbst erwiesen werden.

Ich hatte einmal eine Teeschülerin, die an einem Gehirntumor erkrankt war. Ich besuchte sie in ihrem kleinen Teehaus. Völlig selbstvergessen schöpfte sie das heiße Wasser mit der Bambuskelle und ließ es in die Teeschale fließen. Immer und immer wieder. Völlig verzückt und selbstvergessen saß sie und lauschte dem Plätschern des Wassers in der Teeschale. Alles andere hatte sie vergessen: „Das ist soo schön!“ Ein paar Wochen später war sie friedlich in eine andere Welt gegangen. 

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Knapp am Nobelpreis vorbei!

Als junger Mann arbeitete ich am Max Planck Institut für Plasmaphysik in Garching bei München. Ich untersuchte die Diagnosemöglichkeiten des Plasmas mit Sonden. Ein Plasma ist eine Mischung von ionisierten und neutralen Atomen, Protonen und Elektronen. Man findet es in Leuchtstofflampen oder auch in der Sonne. Dort erzeugt das Plasma mit Kernverschmelzung die ungeheuren Energien der Sonne. Wir versuchten damals, die Kernverschmelzung in der Sonne als Prozess zur Energiegewinnung zu nutzen. Dazu waren aber Diagnosemethoden erforderlich, um den Zustand des Plasmas bestimmen zu können.

Ich hatte einen einfachen Generator gebaut, der einen Plasmastrahl erzeugte, den ich mit Hochspannung beschleunigen und mit Magnetfeldern einschnüren konnte. Denn um den Prozess der Kernverschmelzung zur Energiegewinnung in Gang zu setzen, sind eine hohe Dichte des Plasmas, hohe Energie und hohe Verweilzeit im Gemisch erforderlich.

Ganz bescheiden hatte ich ein Experiment aufgebaut, in dem ich Plasma mit niedriger Energie diagnostizieren konnte. Das funktionierte auch sehr gut und so begann ich mit meinen Studien, mit denen ich die Eigenschaften der Sonden erforschen wollte. 

Ganz plötzlich und unerwartet traten sehr fremdartige Schwingungen im Plasma auf, die ich mir nicht erklären konnte. Alle Untersuchungen halfen nichts: Ich verstand die Entstehung der Schwingungen nicht. Außerdem verschwanden die Schwingungen völlig unerwartet und unkontrollierbar und waren nicht mehr reproduzierbar.

An manchen Tagen traten die Schwingungen auf, an manchen waren sie mit keiner Methode wieder hervorzurufen. Der Verdacht bestand, dass ich einer sensationellen Entdeckung auf der Spur war. Immer mehr Kollegen kamen, um das merkwürdige Phänomen zu begutachten. Aber was ich auch unternahm: An einem Tag war die Schwingung vorhanden, am nächsten wollte sie sich unter keinen Umständen einstellen. Niemand konnte sich das Phänomen erklären.

Eines Tages war Otto Hahn, der Entdecker der Kernspaltung und Nobelpreisträger bei uns zu Besuch. Ich wollte ihm das Phänomen vorführen, aber an diesem Tag waren keine Schwingungen des Plasma zu beobachten. Otto Hahn sagte nur: „Junger Mann, ich bin nur ein einfacher Chemiker. Ich habe keine Ahnung von ihren Experimenten!“

Langsam hatte ich den Verdacht, dass mein rätselhaftes Phänomen wetterabhängig sein könnte. Aber was hat das Wetter mit Plasmaphysik zu tun? An schönen Tagen traten die Schwingungen auf, bei Regen oder an kalten Tagen niemals. Aber das Phänomen war auch nicht an allen schönen Tagen zu beobachten. Es war einfach zum Verzweifeln. Anfangs kamen immer mehr Kollegen um den künftigen Nobelpreisträger bei seiner Arbeit zu beobachten. Aber langsam verloren sie das Interesse, denn das Phänomen der rätselhaften Schwingungen war einfach nicht regelmäßig zu reproduzieren. Was auch immer ich unternahm, es schien mehr oder weniger Zufall, ob die Schwingungen auftraten oder nicht. 

Zu der Zeit baute die Firma Linde einen Heliumverflüssiger in unserer Laborhalle auf. Damit sollten die Magnetspulen gekühlt werden. Denn um ein Plasma von nötiger Dichte zu erzeugen, sind gewaltige Magnetfelder erforderlich. Aber die Kupferspulen für die Elektromagneten waren derart hoch beansprucht, dass sie einfach geschmolzen sind. Immer wieder verdampften die wassergekühlten Kupferrohre unter der enorm hohen Strombelastung. Dann entstanden gewaltige Lichtbögen mit verdampftem Kupfer, bis die Lichtbögen dann endlich abbrachen, weil nicht mehr genug Kupfer verdampfte. Einmal kam gerade mein Mitarbeiter aus dem Untergeschoss über die Wendeltreppe in die Halle, als die Kupferspule mit einem lauten Knattern explodierte. Wie ein gewaltiges Feuerwerk spritze flüssiges Kupfer durch die Gegend.  Erschrocken sprang der Kollege die Treppe wieder hinunter in den Keller. Aber dort tropfte das verflüssigte Kupfer durch die Kabelschächte nach unten. Wie ein kleiner Flaschenteufel sauste er immer wider die Treppe nach oben und wieder nach unten, anstatt den Not Aus-Schalter zu betätigen, der direkt an der Treppe angebracht war.

Aber auch der Not Aus-Schalter funktionierte nicht, denn in den Magnetspulen war noch so viel magnetische Energie gespeichert, dass es eine ganze Weile dauerte, bis der Lichtbogen, der mit einem gewaltigen Lärm explodierte, wieder verlosch. 

Also sollten die Kupferrohre nicht mehr mit Wasser, sondern mit flüssigem Helium nahe beim absoluten Nullpunkt gekühlt werden. Dann sinkt der elektrische Widerstand er Magnetspulen gegen Null und die Wärmebelastung sinkt dramatisch.

Aber die Maschine, die ja riesige Mengen von flüssigem Helium mit einer Temperatur nahe des absoluten Nullpunktes produzieren sollte, wollte nicht so recht funktionieren. Also war immer wieder einmal ein Techniker der Firma Linde anwesend, um die Maschine doch noch zum Laufen zu bringen. Er arbeitet an der Maschine und hörte den Bayerischen Rundfunk. Ständig dudelte sein Kofferradio. Wir waren derart genervt, dass wir einen Störsender bastelten, der genau auf der Frequenz des BR lief, weil er einfach nicht einsah, dass er kein Radio hören sollte. Plötzlich streikte das Radio des Monteurs, gestört von unserem Störsender und er schaltete es fluchend wieder aus. Aber um Radio hören zu können, musste er die Hallentür unserer Laborhalle öffnen, denn die war als faradayscher Käfig völlig von elektrischen Strahlungen von außen abgeschirmt. Wenn es draußen kalt war, hörte er kein Radio, denn der Heliumverflüssiger stand direkt an der Außentür der Halle und er fror bei offener Hallentür.

Und plötzlich bemerkte ich, dass ich immer dann die unerklärlichen Schwingungen im Plasma hatte, wenn der Linde-Monteur Radio hörte. Hörte er kein Radio, waren auch keine Plasmaschwingungen messbar.

Und dann kam die große Enttäuschung: Mein Plasmastrahl wirkte wie eine Antenne, die den Bayerischen Rundfunk aufnahm. War die Hallentür offen, gab es Schwingungen, war die Hallentür geschlossen, waren die Schwingungen niemals vorhanden. 

Ich hatte niemals unmittelbar vor dem Nobelpreis gestanden: Ich hatte mit meinem Plasmastrahl einfach nur den Bayerischen Rundfunk empfangen, der nicht allzuweit seine Sendemasten aufgebaut hatte. Eigentlich schade! Vielleicht hätte ich einen Rundfunkempfänger aus meinem Plasmastahl bauen sollen? Aber dafür gibt es wohl keinen Nobelpreis.

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Sakura Sakura

Soweit das Auge reicht –
Kirschblüten und Weidenzweige
Bunt vermischt –
Frühlingsbrokat ist wahrlich
Nun die Hauptstadt selbst. 

Kokin Wakashu

Kaum ein Ereignis versetzt die Japaner in höhere Aufregung als die erste Kirschblüte im Jahr. Einmal war ich zu den Feierlichkeiten zum Totengedenktag des großen Teemeisters Sen no Rikyu (+ 1591) in der Urasenke Teeschule in der alten Kaiserstadt Kyoto. Hunderte von feierlich gewandeten Teelehrerinnen und Teelehrer waren gekommen, um gemeinsam des Todestages zu gedenken. Es war ein kalter Frühlingstag mit eisigem Wind. Der Großmeister legte die Holzkohlen aufs Feuer und fügte eine kleine Kugel mit Dufthölzern hinzu. Der ganze Raum füllte sich mit dem zarten Duft nach Kirschblüten, obwohl weit und breit keine einzige Blüte zu sehen war. 

Nach Ende der Feierlichkeiten verließen wir die historischen Teeräume und gingen ins Freie zu einem benachbarten Tempel. Plötzlich ertönten schrille Schreie. Erschrocken lief ich hin, um zu helfen. Aber da standen einige Teelehrerinnen verzückt unter einem Kirschbaum. Die allererste Blüte war gerade in dem Augenblick aufgebrochen, als sie aus den Teeräumen kamen. Mit schrillen Entzückensschreien versammelte sich eine riesige Schar von Teelehrerinnen und kommentierte diese erste Blüte im Jahr: „Genau in dem Augenblick, als wir von der Totenfeier kamen, brach die erste Kirschblüte auf!“

Dieses Jahr
erlebt die Kirschblüte
Zum ersten Mal den Frühling –
Ich wünschte, dass sie niemals
zu lernen brauchte, was fallen heißt

Kokin Wakashu

Tatsächlich sehen die Japaner in der vergänglichen Schönheit der Kirschblüten ein Sinnbild für den Tod mitten in der Blüte des Lebens. Entlang der Bachläufe werden gerne Kirschbäume gepflanzt. Wenn dann die vergänglichen Blüten den Bachlauf dicht mit den abgefallenen Blütenblättern bedecken, dann ist das fast noch schöner als die Pracht der Blüten an den Bäumen. Beim kleinsten Windstoß wirbeln die Blütenblätter im Wind. Dieser Hana Fubuki  – Blütenschneesturm bedeckt das Haupt und das ganze Gewand, das zu einem Hana Goromi, einem blütenbedeckten Zengewand wird. 

Wenn es regnet, fallen die Blütenblätter auf das dunkelgrüne Moos unter den Bäumen und färben es rosa. Welch wundervoll schwermütiger Anblick der Schönheit in der Vergänglichkeit!

Überall in den Städten feiern die Japaner diese vergängliche Schönheit. Man trifft sich in den Parks unter den Kirschbäumen. Dort werden blaue Plastikbahnen ausgebreitet und man trinkt Sake und genießt das mitgebrachte Essen.  Damit auch ja niemand die vergängliche Pracht verpasst, werden im Fernsehen ausführliche Lageberichte gesendet. Dort wird mit genauen Karten gezeigt, wo im Land gerade eben die Kirschblüte beginnt und wo sie ihren Höhepunkt hat. Dann reisen tausende von Menschen zu den Brennpunkten des Hanami, der Kirschblütenschau. 

Einer der berühmtesten Orte ist Yoshino in den Bergen südlich von Osaka. Dort hatte schon um 900 ein Mönch wilde Bergkirschen gepflanzt. Wenn dann der Schnee auf dem Berggipfel schmilzt, färbt sich der gesamte Berg weiß rosa wie mit Schnee bedeckt. Obwohl der Berg weitab von den Städten liegt, man stundenlang mit dem Zug unterwegs ist und dann noch mit der Seilbahn auf den Berg fahren muss, ist der Ort so dicht mit Menschenmassen bedeckt, dass man kaum einen Schritt vorwärtsgehen kann. Überall in den Menschenmassen trifft man die Yamabushi, die „Bergasketen“ in ihren seltsamen Gewändern und manchmal kann man hören, wie sie ihre riesigen Muschelhörner blasen. Früher einmal war der Berg der Rückzugsort des Tenno. Damals war es zu einem Krieg zwischen den südlichen und nördlichen Zweig der Tenno Familie gekommen. Viele Adlige zogen mit dem Tenno nach Yoshino, aber immer hatten sie Heimweh nach der alten Kaiserstadt Kyoto. Eine junge Adlige, deren Eltern gestorben waren, musste Yoshino verlassen und lebte als Dayu, als adlige Unterhaltungsdame in Kyoto. Immer hatte sie eine unstillbare Sehnsucht nach Yoshino. Darum gab man ihr den Namen Yoshino. Einmal besuchte sie in Kyoto den Tempel Kiyomizu, der auch berühmt ist für seine Kirschblüte. Sie klagte vor Heimweh nach Yoshina, aber beim Anblick der Kirschblüten sprach sie den berühmten Satz: „Auch hier ist Yoshino!“ Zuhause ist dort, wo die Kirschen blühen.

Der Hauptschrein der Kaiserstadt ist ebenfalls berühmt für die Kirschblüte. Wenn man den Garten durch ein rotes Shinto Tor betritt, ist man überwältigt von der unglaublichen Fülle der Kirschblüten. In allen Formen und Farben blüht es von weiß über rosa bis rot. Die Luft ist erfüllt vom Blütenschneesturm und das Haupt wird weiß von Kirschblüten. Der Weg durch den Garten macht eine leichte Biegung über eine kleine Anhöhe und plötzlich steht man in einem Zengarten. Keine einzige Blüte. Nur das beständige Grün uralter Kiefern und tote, abgestorbene Bäume, die mit ihren bizarren Formen die Landschaft prägen. Es gibt genau eine einzige Stelle auf der Anhöhe, an der man beide Gärten sehen kann. Schaut man zurück, so sieht man die bunte Welt der Vergänglichkeit, schaut man nach vorn, die gelassene und erhabene Welt der Unvergänglichkeit. 

Dieser Gegensatz zwischen der wilden Schönheit der Vergänglichkeit und der ruhigen Gelassenheit ist für Japaner derart prägend, dass sie sogar ihr Silbenalphabet nach einem alten Gedicht anordne, in dem jede Silbe ihrer 50 Laute genau einmal im Gedicht vorkommen.

              iro.ha nioedo chirinuru.o wa.ga yo tare zo tsune naran ui.ga yo tare zo tsune naran ui.no oku yama kyô koete asaki yume miji ehi.mo sezu  

Die Farben sind noch frisch, doch sind die Blätter, ach, schon abgefallen!
Wer denn in unserer Welt wird unvergänglich sein?

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Der Frosch im Brunnen – Autorenlesung

Im Münchner Literaturbüro werde ich am Freitag 22.03.2019 aus meinen Büchern lesen. Vorgesehen sind Lesungen aus dem Band „Wind in den Kiefern – Haiku und Haibun als Zenkunst der Achtsamkeit“ und Geschichten aus dem Buch „Vor langer Zeit – Mukashi mukashi“.
Bei den Haiku Lesungen steht Basho’s Frosch und die griechischen Varianten im Mittelpunkt. Hier begegnen sich die Welt der japanischen Haiku und die Welt des antiken griechischen Mythos in der heutigen Landschaft Griechenlands.
Bei der poetischen Nacherzählung des Noh- Theaterstückes über die unheimliche Yama Uba werden sich das antike Noh Theater und Hölderlin begegnen.
So soll der Leseabend eine Wanderung zwischen den Welten des fernen Ostens und unserer alten europäischen Welt werden.

Bei der Gelegenheit werde ich meine Bücher zum Erwerb dabei haben.

Freitag 22.03.2019

Münchner Literaturbüro
Milchstraße 4, 81667 München.
Freier Eintritt ab 19 Uhr.

http://neu.muenchner-literaturbuero.de/terminkalender

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Tee und Zen – Seminar

Der japanische Teeweg ist ein alter Weg des Zen und der
Achtsamkeit. Ganz natürlich ergeben sich aus der achtsamen
Handlung der Teebereitung harmonische Bewegungen, bei
denen Körper, Geist und Atmung eine Einheit werden und
Gast und Gastgeber in tiefer Harmonie verbunden sind.

Die Übungen des Teeweges schenken eine unvergleichliche
Stille und inneren Frieden und verwandeln den Alltag in eine
Übungsstätte. Wir werden – aus dem Geist des Zen – Körper-
und Atemübungen, die achtsame Ausführung von scheinbar
alltäglichen Handlungen und verschiedene Meditationen (u. a.
zur Shakuhachi-Flöte) kennenlernen.

Wir lernen die Formen des Teeweges (Tenmae) je nach Kennt-
nisstand der Teilnehmer/-innen.
8. März um 18:00 – 10. März um 13:00
Benediktushof, Klosterstrasse 10, 97292 Holzkirchen

http://www.benediktushof-holzkirchen.de/kursangebot/?kathaupt=11&knr=19SB02&kursname=Tee+und+Zen+-+ein+Geschmack#inhalt

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