Schatten der Wälder

Wie aber Liebes? Sonnenschein
Am Boden sehen wir und trockenen Staub
Und heimatlich die Schatten der Wälder und es blühet
An Dächern der Rauch, bei alter Krone
Der Türme, friedsam …

Friedrich Hölderlin
Mnemosyne

Der Wald steht schwarz und schweiget,
Und aus den Wiesen steiget
Der weiße Nebel wunderbar.

Wie ist die Welt so stille,
Und in der Dämmrung Hülle,
So traulich und so hold!

Matthias Claudius

Waldbaden in der Rhön


Zärtlich, wie vormals, wehn Lüfte der Jugend mich an;
Und das strebende Herz besänftigen mir die vertrauten
Offnen Bäume, die einst mich in den Armen gewiegt,
Und das heilige Grün, der Zeuge des seligen, tiefen
Lebens der Welt, es erfrischt, wandelt zum Jüngling mich um.

Friedrich Hölderlin – Der Wanderer

Die reissende Zeit und die Stille

(Aus dem Archiv: Monatsbrief April 2011)

Die Zeit der Katastrophen und der Veränderungen:
Die reissende Zeit und die Stille

Tsunami

Tsunami

Eigentlich hätte es ein stilles und häusliches „Jahr des Hasen“ werden sollen. Aber dann kam das seit langem befürchtete Erdbeben in Japan und der Tsunami.  Und  zu allem Überfluss auch noch der Super – GAU in Fukushima, der Region, die wörtlich  „Glücksinsel“ heißt. 

Das Entsetzen über die schrecklichen Vorgänge hat uns lange stumm gemacht vor Schmerz. Unser ganzes Mitgefühl und unsere Sorge gilt den Menschen in den Katastrophengebieten, die alles verloren  und nur ihr eigenes Leben gerettet haben. Auf unserer Webseite gibt es ein kleines „Tagebuch“ eines Betroffenen, der in Sendai alles verloren hat, und der zunächst die Rettung Überlebender, die Bergung der Toten und nun den Wiederaufbau mit organisiert. Nüchtern und sachlich berichtet er vom Leben in Sendai nach der Katastrophe. 

Kurz nach den Ereignissen war eine Schulklasse hier im Myoshinan zu Besuch, die das Thema Buddhismus und die buddhistischen Künste im Religionsunterricht behandelt haben. Die jungen Menschen fragten ganz erschüttert, wie es kommt, dass die Japaner in dieser Katastrophe so ruhig und gelassen bleiben?

Vielleicht liegt es daran, dass sie schon von Kindheit an mit der Veränderung und dem steten Wandel konfrontiert werden, anders als bei uns, die wir uns sicher vor Naturkatastropehn wähnen und die wir unser Leben rundum „versichert“ haben. Nicht nur, dass die Japaner ständige Erdbeben erleben, den Taifun im Herbst und immer wieder – wenn auch meistens kleinere – Tsunami. An vielen Orten, wie in Kagoshima oder rund um den größten Vulkan der Welt, dem Aso leben sie mit dem Vulkan und seinen „täglichen Launen“. Wenn der Vulkan in Kagoshima wieder mal zu sehr spuckt, spannt man halt Regenschirme auf, um sich vor der Asche zu schützen und am Aso wird vorübergehend die Durchfahrt gesperrt.

Wenn die Japaner beginnen, lesen und schreiben zu lernen, so begegnen sie dem Iroha, dem japanischen „Alphabet“, das aus 50 Silben besteht. Aber weit entfernt davon, dass die Silben systematisch nach ihrer Logik geordnet werden, sind sie als Gedicht geschrieben, in dem jede Silbe nur ein einziges mal vorkommt. Heute noch sind z.B. die Sitze im Noh-Theater nach diesem Iroha geordnet. Wer das Gedicht nicht kennt, kann seinen Theatersitz nicht finden.  Das Grundthema des Iroha ist die Unbeständigkeit allen Seins. So ist jeder Japaner in seinem Alltag mit dem steten Wandel vertraut.  Das Gedicht lautet:

iro.ha nioedo chirinuru.o
wa.ga yo tare zo tsune naran
ui.ga yo tare zo tsune naran
ui no oku yama kyô koete
asaki yume miji ehi.mo sezu
 
Die Farben sind noch frisch, doch sind die Blätter, ach, schon abgefallen!
Wer denn in unserer Welt wird unvergänglich sein?
Die Berge fernab von den Wechselfällen (des Lebens) heute überschreitend,
Werde ich keinen seichten Traum mehr träumen, bin auch nicht berauscht.

Es sind zwei große Themen, die in dem Gedicht behandelt werden: die stete Vergänglichkeit aller Dinge und das Erwachen aus dem Traum, in dem wir uns von den Wechselfällen des Lebens als sicher wähnen.
 
Iro ha … : die Farben sind noch frisch, doch die Blätter sind schon abgefallen! Die Klage über die Vergänglichkeit, die aber bei aller Trauer zugleich eine innere Schönheit in sich birgt. Es gibt den Begriff des mono no aware, der eigentlich ein Überraschungsruf ist: Aware!
Da! im Herbstgras die Schnepfe – und schon ist sie wieder verschwunden.
Basho dichtet: „Da am Wegesrand die Hibiskusblüte: Und schon hat sie mein Pferd gefressen!“
Die Erfahrung der Vergänglichkeit durchzieht die gesamte japanische Kultur und auch das buddhistische Denken. In Japan sieht man eine schmerzvolle und wehmütige Schönheit in der Vergänglichkeit der Dinge.

Aber nicht immer ist die Vergänglichkeit nur schön, oft, gerade wenn es unser eigenes Geschick betrifft, ist es ein schmerzliches Erwachen aus dem Traum, der uns vorspiegelt, dass wir unser Leben in Sicherheit hinbringen. Dieses Erwachen erzeugt zunächst Entsetzen, Schmerz und Angst.

Das große mittelalterliche Epos Heike monogatari, das den Aufstieg und Fall der Heike – Sippe und vom Krieg zwischen den Heike und den Genji  erzählt, beginnt mit den klagenden Worten:

Gion shōja no kane no koe
shōgyō mujō no hibiki ari.

Shara souju no hana no iro
jousha hissui no kotowari o arawasu.

Ogoreru hito mo hisashikarazu,
Tada haru no yo no yume no gotoshi.
Takeki mono mo tsui ni horobinu.

Hitoe ni kaze no mae no chiri ni onaji.

Der Gion Shōja Glocken Klang
ist das Echo der Vergänglichkeit aller Dinge.

die Farbe der Sala Blüte offenbart,
dass die Erfolgreichen fallen müssen.

Die Übermütigen sind nicht von Dauer,
sie gleichen dem Traum in einer Frühlingsnacht.

Die Mächtigen fallen zuletzt, sie sind wie Staub vor dem Wind.“

Schon bevor die Erzählung die Geschichte vom Aufstieg der Heike Sippe beginnt, wird mit den einleitenden Worten klar, dass der Aufstieg unweigerlich in den Abgrund und das Ende führen wird.

Mit den Glocken von Gion Shōja ist nicht das Gion-Viertel in Kyoto gemeint, sondern das Kloster Gion shōja oder Jetavana in Indien, dem Lieblingsort Buddhas, an den er sich immer während der Regenzeit zurück gezogen hatte,  um dort zu lehren.  Wir hören nicht mehr die Glocken des Jetavana, die sind längst schon zerfallen, so wie auch die Heike zerfallen werden. Es ist nur noch das Echo aus fernen und vergangenen Zeiten. Es ist das Echo der Lehre Buddhas von der Vergänglichkeit aller Dinge und dem Leiden, das aus der Illusion der Beständigkeit entsteht.

Die Farbe der Sala-Blüte offenbart die Vergänglichkeit, so wie es auch im Iroha heißt:
„Die Farben sind noch frisch, aber ach, die Blüten sind schon abgefallen“. Nun ist es nur noch eine Frage der Zeit, bis sie vollkommen verwelkt und verschwunden sind.

Der Sala-Baum wird in buddhistischen Schriften sehr oft erwähnt. Im Sala-Hain von Lumbini wurde der Prinz Siddharta, der später Buddha werden sollte, geboren, indem sich seine Mutter an einen Sala-Baum anlehnte, der im Augenblick der Geburt Blüten regnen ließ. Im Maha-parinibbana Sutta des Pali Kanon wird berichtet, wie sich der Buddha in den letzten Tagen seines Lebens müde unter zwei kleinen Sala-Bäumen niederlegte um zu ruhen. Plötzlich blühten die Bäume auf, obwohl es nicht die Zeit war, und es regnete Blüten auf den schlafenden Buddha nieder. Hier unter dem Sala-Baum im Blütenregen ging er ein ins endgültige Nirvana. 

Der Salabaum mit seinen Blüten steht für den Anfang und das Ende, das Werden und das Vergehen.

Die Glocken des Gion Shōya und die Salablüten zeigen die Zentralbotschaft der Lehre des Buddha:

諸行無常 shūjō mujō „alle Dinge sind ohne Bestand“.

Selbst die Schreibung für das Wort „alle Dinge“ enthält schon den steten Wandel. Shūjō wird gebildet aus dem Wort-Teil für ,alles‘ und dem Zeichen für „gehen, sich verändern, unterwegs sein“. Eigentlich sind es keine „Dinge“, die eine Illusion der Beständigkeit erzeugen, sondern Wandlungszustände. Etwas ist gerade jetzt in diesem oder jenem Zustand befindlich. Im Abendland haben wir die Vorstellung von Ewigkeit und Unveränderlichkeit. Im Osten ist das einzig Ewige und Beständige der stete Wandel. Aber auch dem großen griechischen Denker Heraklit, der etwa um die Zeit des Buddha in Ephesus lebte und lehrte, wird das Wort „Alles fließt“ zugeschrieben. Auch Heraklit denkt den ewigen Wandel als das einzig Beständige.

Im Iroha, dem japanischen Alphabet ist auch die Rede vom Traum und dem Rausch, aus dem man erwacht:

Die Berge fernab von den Wechselfällen (des Lebens) heute überschreitend,
Werde ich keinen seichten Traum mehr träumen, bin auch nicht berauscht.

Es ist das Wach – werden aus dem Traum, dass die Dinge Beständigkeit haben, und das Ankommen in der nüchternen Erkenntnis der steten Veränderung.  Der Sprecher ist auf dem Weg heraus aus den Niederungen, in denen man von der Beständigkeit träumt, hinauf in die Klarheit der Berge. Dort verabschiedet er sich von jedem Traum und Rausch.

Jede Vorstellung einer Sicherheit, die ihren Ursprung in der scheinbaren Beständigkeit hat, ist Traum. Auch im Heike monogatari ist vom Traum die Rede:

Die Übermütigen … gleichen dem Traum in einer Frühlingsnacht. /Sie fallen zuletzt und sind wie Staub vor dem Wind.

Die laue Frühlingsnacht mit ihrer Blütenpracht und dem Duft, der die ganze Luft erfüllt, weckt die Illusion, dass alles so bleibt, wie es in dieser rauschhaften Schönheit des Augenblickes ist. Aber es ist nur ein Traum und das Aufwachen tut oft sehr weh. Darum wollen wir es gern vermeiden, aus dem Traum aufzuwachen und die nüchterne Realität des shūjō mujō – der Unbeständigkeit alles sich Wandelnden zu erkennen.

Schopenhauer hat einmal das Bild eines Kahnes gebraucht, der mitten im tosenden Meer von den Wogen auf und ab geworfen wird. Das Meer ist die ganze, weite und unendliche Wirklichkeit, die sich an der Oberfläche ständig verändert. Es wirft aus seiner unendlichen Tiefe eine Woge nach der anderen, um sie dann wieder zurück zu reißen. Die Wogen sind wie die Erscheinungen der Dinge und der Zustände unserer Wirklichkeit. Aber die Sicherheit, mit der wir uns von der Woge tragen lassen ist nach Schopenhauer nur eine Scheinsicherheit. Wir blenden die volle Wahrheit der reissenden Veränderung aus, weil sie Angst macht.

Denn wie auf dem tobenden Meere, das, nach allen Seiten unbegränzt, heulend Wasserberge erhebt und senkt, auf einem Kahn ein Schiffer sitzt, dem schwachen Fahrzeuge vertrauend; so sitzt inmitten einer Welt voll Qualen, ruhig der einzelne Mensch, gestützt und vertrauend auf das principium individuationis. Die unbegränzte Welt, voll Leiden überall, .. ist ihm fremd: seine verschwindende (im Vergleich zum All unendlich kleine) Person, seine ausdehnungslose Gegenwart, sein augenblickliches Behagen, dies allein hat Wirklichkeit für ihn.  Bis dahin lebt bloß in der innersten Tiefe seines Bewußtseyns die ganz dunkle Ahndung… (um den Abgrund).
Aus dieser Ahndung stammt jenes so unvertilgbare und allen Menschen gemeinsame Grausen, das sie plötzlich ergreift, wenn sie, durch irgend einen Zufall irre werden …

Der Zufall, durch den die Menschen irre werden, ist das unerwartete Eintreffen eines schmerzlichen Verlustes, der ganz unmittelbar das „Behagen“ zerstört und das „Grausen“ vor dem Abgrund wach werden läßt.

Schopenhauer spricht vom biedermeierlichen „Behagen“ mit dem wir uns in der tosenden Welt der Veränderungen einrichten. Wenn aber plötzlich der kleine Kahn, in dem wir uns behaglich eingerichtet haben in Gefahr gerät, dann kommt das Grausen, die Angst vor dem Abgrund, der Alles in sich weg reißt.

Das „Behagen“ ist meisten aber kein wirkliches Wohl-sein, es ist mehr oder weniger ein Sich – Abfinden mit der scheinbaren Sicherheit des Alltäglichen. Vor vielen Jahren gab es einmal ein kleines Erdbeben, das sogar in München zu spüren war. Es war eine laue Sommernacht und alle Fenster standen offen. Im Hof wurde gefeiert, als plötzlich die deutlich spürbaren Erdstöße auftraten. Die ersten Reaktionen waren Entsetzensschreie und dann rief jemand laut:
      „Ein Erdbeben, ruft sofort die Polizei!“
Ein Erdbeben ist scheinbar eine Ordnungswidrigkeit, die ein sofortiges Eingreifen der Polizei erfordert, die dann die öffentliche Ordnung wieder herstellt. Was geschehen war ist, dass ganz plötzlich die scheinbare Sicherheit, in dem wir „behaglich“ dahin leben, gestört war und der Abgrund sichtbar wurde, der uns jederzeit, auch ohne ein Erdbeben, dahinraffen kann. Was ist, wenn ein geliebter Mensch stirbt, wir den vermeintlich sicheren Job verlieren oder uns der Partner verlässt? Dann kommt das Grauen über die prinzipielle Unsicherheit unseres Seins, und mit Hölderlin fragen wir uns beirrt und voll Angst: „Wohin denn ich?“

Friedrich Hölderlin hat eine wunderbare Hymne über das Griechenmeer – den Archipelagos – geschrieben, in der er die Erfahrung der „reissenden Zeit“ und des Abgrundes verarbeitet, aber zugleich auch Lösungen zeigt. Er ruft den Meer-Gott  an mit der Bitte:

wenn die reißende Zeit mir
Zu gewaltig das Haupt ergreift und die Not und das Irrsal
Unter Sterblichen mir mein sterblich Leben erschüttert,
Laß der Stille mich dann in deiner Tiefe gedenken.

In einem Gespräch, das ich vor vielen Jahren mit D.E. Sattler, dem Herausgeber der historisch kritischen Hölderlin Ausgabe hatte, erklärte mir Sattler, dass dieser Hymnus „nur“ historisch sei. Historisch ist er insofern, als er die Vergänglichkeit und die „reissende Zeit“ am Beispiel des antiken Griechenland schildert, die alles Bestehende weg reißt. Genau genommen bezeichnet „Archipelagos“ nur die Gruppe der griechischen Inseln vor der kleinasiatischen Küste. Aber Hölderlin gebraucht den Namen für das gesamte Griechenmeer. Der Name Archipelagos ist aus zwei Bestandteilen gebildet:  „Arche“ ist die Herrschaft, „Pelagos“ das Meer als das, was sich stetig bewegt und verändert. Archipelagos ist die Herrschaft der ständigen Veränderung und des Wechsels. Hölderlin bezeichnet das „Wechseln und Werden“ als die „Sprache der Götter“.

Thema der Hymne ist die ständige Veränderung, das Entstehen und der Untergang, nicht nur einzelner Menschen, sondern ganzer Kulturen. Wohin ist das antike Griechenland mit den großen Städten Athen, Korinth oder Sparta, wohin sind die griechischen Götter wie Zeus oder Hera, wohin all die antiken Helden, die „gemeinsam mit den Göttern“ an den Tafeln saßen und speisten? Auch Götter haben ihre Zeiten, in denen sie vergehen! In der Hymne Brot und Wein heißt es:

Seliges Griechenland! du Haus der Himmlischen alle,
    Also ist wahr, was einst wir in der Jugend gehört?
Festlicher Saal! der Boden ist Meer! und Tische die Berge
    Wahrlich zu einzigem Brauche vor Alters gebaut!

Ist es eine romantische Rückbesinnung auf das antike Griechenland und eine jugendliche Schwärmerei des Dichters? Es scheint, als würde der Dichter in Erinnerungen an eine große Zeit der Fülle schwelgen und darüber die Wirklichkeit verträumen. Seine Erinnerungen an Griechenland klingen wie die Klage, die wir oft hören oder selber aussprechen: „Ja, früher, da war alles gut!“
Nach dem schwärmerischen Lobgesang auf die alten Zeiten kommt beim Dichter sofort die Klage:

Aber die Thronen, wo? die Tempel, und wo die Gefäße,
    Wo mit Nektar gefüllt, Göttern zu Lust der Gesang?
Wo, wo leuchten sie denn, die fernhintreffenden Sprüche?
    Delphi schlummert und wo tönet das große Geschick?

Und warum endete die Zeit des großen, alten Griechenland? Für Hölderlin ist das Ende der alten romantischen Zeit eine geschichtliche und für uns Menschen eine existentielle Notwendigkeit. Diese Zeit musste enden, weil sich die Menschen in der alltäglichen Behaglichkeit eingerichtet hatten:

gewohnt werden die Menschen des Glücks
Und des Tags

und zu schaun die Offenbaren, das Antlitz
    Derer, welche schon längst Eines und Alles genannt.

So geht es uns eigentlich immer. Wenn die Zeit des Glückes da ist, wird das Glück allmählich zum Gewohnten und damit zum Gewöhnlichen. Das Gewöhnliche aber nehmen wir überhaupt nicht mehr wahr. Es wird „unempfunden“, weil wir in den alltägliche Trott des gleichmäßig ablaufenden Tages verfallen, und meinen, alles bleibt selbstverständlich immer so, wie es ist und wie es war. Das Glück stumpft ab zum schopenhauerischen „Behagen“ oder gar zu einem nicht empfundenen Zustand oder gar der – Langeweile. Damit stumpfen wir ab und verfallen in den Alltagstrott, aus dem wir erst herausgerissen werden, wenn ein Unglück, eine Trennung oder ein Todesfall eintritt:

So ist der Mensch; wenn da ist das Gut, und es sorget mit Gaben
    Selber ein Gott für ihn, kennet und sieht er es nicht
Tragen muß er, zuvor;

Tragen muss der Mensch das Glück und das Leid, so wie Hölderlin an anderer Stelle sagt: „auf den Schultern aber wie eine Last von Scheitern“. Auch Atlas trägt auf seinen Schultern die Last des gesamten Himmels, aber er ist ein Titan. Für uns Sterbliche ist oft die Last, die wir tragen müssen zu groß, so daß sich unsere Schultern beugen, der Blick zu Boden geht und wir die offene Weite des Himmels nicht mehr erkennen können. Wir Menschen sind auch ein wenig wie Atlas: unsere Wirbelsäule muss den Körper aufrecht tragen zwischen Iliosakralgelenk am Becken und dem  „Atlasgelenk“ , das den Kopf trägt. Wird die Last, die wir zu tragen haben zu groß, beugt sich der Kopf nach unten und unter der Last sinken die Schultern ein. So wird der Blick voller Schwere auf dem Boden fixiert und wir können nicht mehr frei atmen oder zum Himmel aufschauen. So tragen wir jeden Tag unser Geschick, aber dieses Tragen wird erst deutlich, wenn uns die Last zu schwer wird und uns niederbeugt. Im alltäglichen Dahinbringen unseres Daseins wird oft noch nicht einmal das Lasthafte bewußt, es bleibt nur ein unbestimmtes Empfinden von Ungenügen und Leere.

In Hölderlins Philosophie ist das Erwachen aus dem Traum und das Durchleben des „Fehls“ ein notwendiger Vorgang, der uns dazu bringt, wieder wach und stark zu werden:

Aber das Irrsal
    Hilft, wie Schlummer und stark machet die Not und die Nacht,
Bis daß Helden genug in der ehernen Wiege gewachsen,
    Herzen an Kraft

Wenn der Schmerz aufbricht, kann auch der Schlaf Linderung bringen. Die Schwachen können sich in den Schlaf weinen, wie Kinder. Der Schlaf lindert. Aber oft ist der Schmerz zu groß und er verweigert uns den tröstenden Schlaf. Nur die Starken bleiben wach in der Nacht, um den Schmerz auszutragen und das Neue zu erwarten. Aber das ist auch ein schmerzlichen Leiden und ein Aushalten der Angst vor dem unbekannten Neuen.

Der Untergang des Alten ist für Hölderlin ein notwendiger Prozess der Erneuerung, ja, ein Prozess, der uns aus dem Gewohnten, das zum Gewöhnlichen geworden ist, herausreißt. Dann kommt zunächst der Schmerz, aber das ist ein Schmerz, der uns erwachen lässt und der uns zwingt, wach und offen dem Neuen zu begegnen. Im Gedicht Patmos sagt Hölderlin:

Wo aber Gefahr ist, wächst das Rettende auch!

Das Rettende ist nichts Anderes, als die Gefahr selber, die uns aus dem alltäglichen Trott herausreisst und zum Nachdenken und zum Wach-Werden zwingt. Die Gefahr birgt die Chance des Erwachens in sich. Musste erst die Atomkatastrophe in Fukushima geschehen, damit die Menschheit aufwacht aus dem Traum der Machbarkeit und der bequemen und beliebigen Verfügbarkeit?

Schlaf ist eine Seite, aber Helden erwachsen nur aus dem Schmerz und dem Leiden, wie Hölderlin sagt. Aber was tun wir, wenn uns ein Verlust ergreift? Wir träumen uns hinweg in frühere Paradiese oder betäuben uns mit Schlaf oder Ablenkung oder wir stürzen uns in hektische und ziellose Aktivitäten, nur um uns zu betäuben, damit wir den Schmerz nicht aushalten müssen. So heißt es auch im Archipelagos:

Aber weh! es wandelt in Nacht, es wohnt, wie im Orkus,
Ohne Göttliches unser Geschlecht. Ans eigene Treiben
Sind sie geschmiedet allein und sich in der tosenden Werkstatt
Höret jeglicher nur und viel arbeiten die Wilden
Mit gewaltigem Arm, rastlos, doch immer und immer
Unfruchtbar, wie die Furien, bleibt die Mühe der Armen.

Unser Geschlecht, das Geschlecht der Menschen ist rastlos und ohne den Blick für den offenen Himmel und die Weite des Seins. Wir sind wie mit Ketten ans eigene Treiben geschmiedet, unfrei und getrieben. Ich würde ja gern zu mir selbst kommen, aber leider habe ich keine Zeit dazu! Der Job, die Familie, das Vergnügen, und dann muss ja auch noch der Urlaub geplant werden!

„Viel arbeiten die Wilden“, aber all ihr Bemühen bleibt fruchtlos und unfruchtbar, weil es in vollkommener Betäubung ohne Ziel ist. Nach der Katastrophe in Japan kam oft die Frage: Was kann man tun? Jetzt und hier: Nichts! Still werden und den Blick frei bekommen auf das Wesentliche. Das wird, wenn die Menschheit endlich zur Besinnung kommt, vieles, wenn nicht gar Alles ändern! Was kann man tun, wenn plötzlich der Partner verschwindet oder ein lieber Mensch fort geht? Den Schmerz nutzen und still werden! Und sich nicht sofort und besinnungslos in eine neue, ungeklärte Beziehung flüchten, die irgendwann genau so enden wird.

Das Ziel kann nur aus dem Blick ins Offene gewonnen werden, aber dazu bleibt in dem Getriebe keine Zeit. „Ans eigene Treiben sind sie geschmiedet allein“.  Dieses ,allein‘ hat eine doppelte Bedeutung. Sie sind lediglich, also nur – allein – an das eigene Treiben geschmiedet, also unfrei und gefesselt.  In diesem gefesselten Getriebe sind sie zugleich – allein, Einsam. In all dem Lärm des Machens und Machen-Müssens hört niemand auf den Anderen, jeder ist für sich, eben allein und einsam. „SICH in der tosenden Werkstatt höret Jeglicher nur!“ Je mehr wir uns in das Machen stürzen, desto mehr versuchen wir, den Schmerz des Allein-Seins zu unterdrücken und desto mehr stürzen wir uns in den Lärm des Machens.  Vielleicht suchen wir auch die „Gesellschaft Anderer“, die aber oft, auf der Flucht vor der eigenen Angst und dem Allein- Sein, jeder vor sich hin lärmen. Niemand hört vor lauter Lärm den Anderen. Je tiefer der Absturz in unser Unglück, desto intensiver stürzen wir uns in das Getriebe und desto einsamer werden wir.

Wir wissen dann nicht mehr, wohin uns unser Weg führt. Hölderlin nennt dies die Not und das Irrsal. Das Wort „das Irrsal“ ist gebildet wie „das Schicksal“. Irrsal ist nicht einfach nur das Irre – werden. Wenn wir an einer Weggabelung stehen, kann es geschehen, dass wir nicht mehr wissen, wohin uns der Weg führen wird. Das ist mehr als nur eine kleine Beirrung, es ist entscheidend für unser gesamtes Schicksal, welchen Weg wir gehen. Das Irrsal lässt uns zurück in der Not und dem Leiden: „Was wird aus mir?“ Oder wie Hölderlin sagt: „Wohin denn ich?“ Das Irrsal ist Schmerz und tiefstes Leiden an der Weglosigkeit und Orientierungslosigkeit.

Das Einzige, was helfen kann, ist die Stille in der Tiefe, der Schritt zurück aus dem Machen und dem sich Betäuben:

Bis erwacht vom ängstigen Traum, die Seele den Menschen
Aufgeht, jugendlichfroh, und der Liebe segnender Othem
Wieder, wie vormals,  … wehet.

Die Stille im Teeraum kann helfen loszulassen, und den Schritt zurück aus dem Getriebe des besinnungslosen Machens zu tun. Fern vom getriebenen Machen-Müssen gehen wir jeden Schritt bei der Bereitung des Tee aus der Stille: JETZT dies, JETZT das. Dieses achtsame Tund des ganz alltäglichen „Wasser holen, Feuer machen, Tee schlagen und Trinken“ schenkt Ruhe und Stille im in sich gesammelten Tun. Aber manchmal ist der Schmerz sogar dazu zu groß. Wir brauchen ein gewisses Maß an Kraft, um die Bewegungen und den Atem des Tee zu tragen.  Im tiefen Schmerz kann es sein, dass unsere Kraft nicht reicht, weil uns die Last von Scheitern den Rücken beugt. In den Lehrgedichten Rikyus heißt es im sechsten Gedicht:

In der Tenmae tue alle Schwäche beiseite und sei stark.

Aber manchmal ist die Last auf unseren Schultern zu groß, um noch bei der Tenmae stark zu sein. Wenn wir einfach nur müde sind, kann es helfen, sich ganz auf den Tee zu konzentrieren. Aus der äußeren Haltung der Stärke erwächst dann eine innere Stärke, die uns frisch macht und wieder zur Ruhe kommen läßt. Aber wenn der Bruch, den wir gerade erleben, das Irrsal und die Not zu groß ist, dann hilft auch der Tee nicht mehr.

Dann hilft vielleicht nur noch, still zu werden, einfach nur in Meditation zu sitzen und zu unserem Atem zu finden. Das bringt uns in Kontakt mit der großen Stille, die überall ist und die sich auch tief innen in unserer Mitte findet.

Hölderlin endet den Gesang über das Griechenmeer mit einer Bitte an den Meergott. Die alten Zeiten sind vergangen, weil sie vergehen mussten, denn die „Göttersprache“ ist das Wechseln und Werden. Die alten Götter und die romantischen Zeiten des alten Glücks sind vergangen, nur die Natur ist so, wie sie immer war: „Aber droben das Licht, es spricht noch heute zu Menschen“ so wie es seit Urbeginn gesprochen hat. Nur wir haben es nicht mehr wahr genommen, weil wir, wie in der Zeit der Griechen, uns den Blick vom romantischen Bild der Götter trüben ließen. Jetzt gilt es, die Natur und uns selbst ganz unverklärt zu sehen und wahr zu nehmen. Wahr nehmen heißt nicht, irgendwie bemerken, dass etwas ist. Wahr nehmen heißt, etwas inständig in die Wahr, in die Hut zu nehmen, es innig zu bewahren im Herzen. Nehmen wir die Natur noch wahr? Nicht die „Natur“, die man ausbeuten kann auf Energie oder Rohstoff, sondern die Natur, die unser innerstes Wesen ist, die uns trägt und lebt? Nehmen wir uns selbst wahr, wie wir ohne den Bezug auf unser Machen und unsere Rolle in der Gesellschaft sind?

Darum ruft Hölderlin das Meer der Griechen:

Töne mir in die Seele noch oft, daß über den Wassern
Furchtlosrege der Geist, dem Schwimmer gleich, in der Starken
Frischem Glücke sich üb` und die Göttersprache das Wechseln
Und das Werden versteh`

Zu Zeiten ist unser Geist „furchtlos rege“ wie der Schwimmer, der sich in den Wogen des Meeres tummelt und das Glück in allem Wechseln und Werden genießt. Das ist die Kraft und das Glück, die uns geschenkt ist, wenn wir auf den Wogen der Zeit tanzen. Aber wir tanzen immer über dem unendlichen Abgrund, der uns dann aber nicht mehr ängstigt, sondern Kraft verleiht und wir geniessen das Glück des Schmimmers, der oben auf den Wellen schmimmt und der zugleich um den Abgrund weiß, ohne dass ihn die Angst starr macht.

 Hölderlin spricht nicht vom „Behagen“ des unbewußt in seinem Nachen dahin Dämmernden, wie Schopenhauer. Er spricht vom Glück Dessen, der um den Abgrund weiß und dennoch an der Oberfläche in den Wellen des Wechselns und Werdens schwimmt, in dem starken frischen Glück, dem Schwimmer gleich.  Aber wenn die Not zu groß ist und

wenn die reißende Zeit mir
Zu gewaltig das Haupt ergreift und die Not und das Irrsal
Unter Sterblichen mir mein sterblich Leben erschüttert,
Laß der Stille mich dann in deiner Tiefe gedenken.

Wir müssen nicht ans Griechenmeer fahren, um diese Stille in der Tiefe zu erleben: sie ruht unmittelbar in uns, wenn wir nur den Lärm der Not und der Angst ausschalten können.
Es genügt, wenn wir uns still hinsetzen, wer kann im Lotos- oder Schneidersitz, wem das bequemer ist, auf der Kante eines Stuhles. Lassen wir zunächst die Schultern sinken von der Last, die wir zu tragen haben, solange, bis der Rücken rund und gebeugt ist. Der Blick geht dann ganz ins Innere, aber er kann nicht frei werden. Dann drehen wir langsam und aufmerksam vom Iliosakralgelenk her das Becken nach vorn, bis sich ein leichtes Hohlkreuz bildet und atmen zugleich tief bis in das Becken ein. Von ganz allein wird der Rücken wieder gerade und aufrecht und die Schultern bleiben locker und unverkrampft. Nicht mehr WIR sind es, die den Kopf tragen müssen, der Atem trägt. Der Kopf sitzt sicher auf dem Atlasgelenk, ohne jedoch stolz und überheblich nach oben zu schauen. Schließen wir die Augen und beobachten den Atem. Wenn wir uns mit geradem Rücken ein ganz klein wenig nach vorne beugen, spüren wir den Atem tief unten im Becken. Wir spüren, wie mit jedem Ausatmen der Dantien, der Raum in der tiefsten Tiefe unseres Leibes  etwas unterhalb des Nabels immer weiter wird und wie er sich mit Kraft füllt. Die Stille und die Kraft des Archipelagos ist nicht draussen, sie ist tief in uns. Langsam spüren wir die wachsende Kraft, die aus der Tiefe kommt und wir werden stark und stärker.

Sicher wird uns der Schmerz noch immer wieder besuchen, aber allmähllich lernen wir das Urvertrauen auf die Kraft in uns, und wir werden Eins mit Allem, oder wie Hölderlin sagt All-ein. Dann sind wir nicht mehr allein, sondern geborgen im Geschick, Eins mit Allem.


Geist und Buddhanatur

Der Geist und die Buddhanatur

Hölderlin im Gespräch mit Zenmeister Dōgen

Gerade sind wir zurückgekehrt aus Kärnten.
Im Hotelresort Feuerberg haben wir zu dritt eine Woche lang Seminare gegeben. Wir haben meditiert, Teezeremonien vorgeführt und unterrichtet und über Hölderlin und Dogen philosophiert. Das Hotel liegt auf fast 1800 Metern Höhe auf dem Gerlitzen Berg.
Das altslawische Wort gorelice bedeutet ‚brennen‘. Man hat früher oben am Berg weithin sichtbare Feuer angezündet. Es gibt Funde aus keltischer Zeit, die darauf hindeuten, dass hier Opferzeremonien stattgefunden haben. Aber Herr Berger, der Besitzer des Hotels ‚brennt‘ noch immer voller Leidenschaft für sein Hotel und den geistigen Gehalt im Hause.
Wir haben dort oben einen originalen japanischen Teeraum mit einer feierlichen Zeremonie eingeweiht und auf den Namen Horai-An getauft. Der Horai-San ist der Berg, auf dem die Glücksgötter wohnen. ‚An‘ ist eine kleine Klause des Rückzuges, in der man zur Besinnung kommt und den inneren Frieden finden kann.
An den Vormittagen haben wir über Hölderlin gesprochen und am Nachmittag über Zenmeister Dogen. Vermutlich werden sich die Germanisten mit Grausen abwenden, wenn sie hören, dass da jemand Hölderlin mit einem Zenmeister in Verbindung bringt. Immerhin hat Dogen um das Jahr 1200 in Japan gelebt und Hölderlin im 18. Jhdt. in Deutschland. Wo sollten da Verbindungspunkte sein? Ja, ich habe sogar ein ganzes Buch darüber geschrieben, in dem ich mich mit dem Verständnis der Zeit bei Hölderlin und Dōgen befasse: Im Garten der Stille. Natürlich sind beide völlig unabhängig voneinander. Hölderlin hat niemals vom Zenmeister Dōgen gehört. Aber beide denken den Menschen aus seinem innersten Wesen heraus ganz und gar menschlich. Und die Menschen hatten um 1200 dieselben Sehnsüchte und Hoffnungen wie noch heute. Zu allen Zeiten sehnen sich die Menschen nach Nähe und Geborgenheit nach Ganzheit und inneren Frieden.

In einer theoretischen Schrift, die Hölderlin nicht zur Veröffentlichung gedacht hatte, in der er aber versuchte, für sich selbst seine Gedanken zu ordnen, schreibt er über den Geist. Der Text, der sich als ein einziger Satz über fast 2 Seiten hinzieht, beginnt:

»Wenn einmal der Dichter des Geistes mächtig …«

Der Geist ist kein Gespenst, das körperlos und abgehoben über allem Materiellen schwebt. Er ist nicht das ‚Ganz-Andere‘, abgehoben und abgetrennt von der Wirklichkeit des Materiellen. Wir alle SIND Geist, und zwar ganz und gar. Auch dieser `rote Klumpen Fleisch hier` wie Dōgen sagt.

Für Hölderlins Studienfreund Hegel verwirklicht sich der Geist selbst im Gang der Geschichte. ALLES ist Geist. Am ‚Anfang‘, der aber nicht historisch war sondern immer ist, ruht der Geist in sich selbst. Theologisch gesprochen ist das der Zustand im Paradies. Gott, Mensch und Natur sind Eins. Aber in einem stetigen Prozess tritt die Entfremdung ein. Mann und Frau werden getrennt. Ihnen gegenüber steht Gott, fremd und furchtbar mit seinem Verbot, vom Baum der Erkenntnis zu kosten. Aber Adam und Eva müssen notwendig vom Baum der Erkenntnis essen, damit sie Menschen werden. Und sie sahen, dass sie nackt waren. So werden sie sich selbst entfremdet und schließlich aus dem Paradies vertrieben.
Am Anfang ist der Embryo geschützt und geborgen im Mutterleib. Aber er muss heraus in die kalte Welt des Getrennt-Seins. Der Säugling ist noch ganz eins mit der Mutter. Aber später erkennt er die anderen Menschen als fremd und erlebt sie als Bedrohung. Und spätestens in der Pubertät kämpfen wir mit den Eltern, um uns aus der ‚unerträglichen‘ Nähe zu befreien und wir selbst zu werden. Aber selbst in der Entfremdung zu den Eltern bleiben wir innig miteinander verbunden: Wir tragen dieselben Gene in uns.

Aber die Sehnsucht nach dem Eins-Sein und dem Paradies sitzt uns Menschen unauslöschlich im Herzen. Kleist hat in seiner Erzählung über das Marionettentheater geschrieben, dass wir trotz aller Sehnsucht nach der ursprünglichen Einheit und dem Paradies nicht wieder zurückkönnen in den Urzustand. Der Eingang zum Paradies ist von dem Engel mit dem Flammenschwert versperrt. Der Säugling kann, selbst wenn er es wollte, nicht wieder zurück in die dunkle Geborgenheit des Mutterleibes. Wir alle müssen – aus dem Paradies der Kindheit vertrieben – im Schweiße unseres Angesichtes unser Leben verdienen. Aber vielleicht ist ja die längst verlorene Geborgenheit der Kindheit auch nur ein Traum?
Kleist sagt, dass es vielleicht eine Hintertür zum Paradies gibt, die noch offen steht. Die können wir nur erreichen, wenn wir immer weiter vorwärtsgehen, und so irgendwann wieder die Einheit gewinnen.

In der Nachfolge Hegels hat der dänische Philosoph Kierkegaard gesagt: »Der Mensch ist Geist.« Und er fragt sofort:

»Was aber ist der Geist? Der Geist ist das Selbst! Was aber ist das Selbst? Das Selbst ist ein Verhältnis, das sich zu sich selbst verhält.«

Das Selbst ist keine feste Größe, ein für allemal unveränderlich. Wir verhalten uns zu uns selbst und indem wir uns so zu uns verhalten, sind wir: Selbst. Meistens – so Kierkegaard – versuchen wir verzweifelt, Selbst zu sein. Wir spüren, dass etwas fehlt, um wirklich ganz und eins mit uns zu sein. Wir sind ver-zwei-felt und mit uns selbst ent-zweit. Wir sind uns selbst fremd.
Die Verzweiflung sieht nicht so aus, dass wir uns die Haare raufen, das Gewand zerreißen und heulend am Boden wälzen. Es ist eine ‚stille Verzweiflung‘, die sich meistens hinter einer Munterkeit verbirgt. Kierkegaard erzählt von Jonathan Swift, der als alter Mann in demselben Irrenhaus lebte, das er einmal gestiftet hatte. Den ganzen Tag stand der vor dem Spiegel, betrachtete sein Bild und sagt vor sich hin:

„Armer alter Mann! Da gehst du in einer stillen Verzweiflung!“

Swift ist `irre` geworden. Er erkennt sich selbst in der Reflexion des Spiegelbildes nicht mehr. So wie wir alle uns nicht wirklich kennen. Wir betrachten uns wie einen Fremden ohne uns zu erkennen. Manchmal versuchen wir verzweifelt, uns selbst zu verwirklichen, indem wir uns ein Auto kaufen, ein Haus bauen, viel Geld verdienen oder ein ehrenvolles Amt anstreben. Immer aber bleibt ganz tief im Herzen das Wissen, dass dies alles nicht genügt. Vielleicht geht es uns allen so wie Swift, der in seinem eigenen Irrenhaus lebt?
Die Verzweiflung nennt Kierkegaard die ‚Krankheit zum Tode‘. Diese Krankheit ist nicht tödlich, aber sie begleitet uns bis zum Tod. Es gibt kein endgültiges Heilmittel, nur die stete Bemühung, uns selbst immer wieder neu zu verwirklichen.

Im alten China gibt es die Geschichte vom Hirten, der seinen Ochsen verloren hat. Sie wird in einer Folge von Bildern, den Ochsenbildern  erzählt und ist auch in Korea und in Japan sehr bekannt. Verzweifelt sucht der Hirt nach dem Ochsen, aber er kann ihn nirgendwo da draußen in der Welt finden. Der Ochse ist das verlorene Selbst. Erst nachdem der Hirte gelernt hat, den Ochsen nicht mehr draußen zu suchen, findet er ihn endlich und bringt ihn nach Hause. Aber dann merkt er, dass er überhaupt keinen Ochsen mehr braucht: Er ist zu Hause, bei sich. Was hat sich dann für uns verändert? Eine japanische Teemeisterin hat die Geschichte vom Hirten so interpretiert: »Am Ende meiner Bemühungen bin ich erwacht und ich merke, dass ich derselbe Idiot bin wie zuvor. Aber es macht mir nichts mehr aus!«

»Wenn der Dichter einmal des Geistes mächtig ist, wenn er die gemeinschaftliche Seele, die allem gemein und jedem eigen ist, gefühlt und sich zugeeignet, sie festgehalten, sich ihrer versichert hat, …«

Der Geist ist die gemeinschaftliche Seele, die allen gemein ist. Mit Seele meint Hölderlin die Empfindung, das lebendige Gefühl. Sie ist allem gemein und jedem eigen. Die Seele muss offenbar erst angeeignet, gefühlt werden, um ihrer sicher zu sein. Man muss sie festhalten und sich ihrer versichern, man muss sie wissen, damit sie ganz zu eigen wird. Warum muss man sich ihrer versichern und sie sich aneignen, wenn sie ohnehin all-gemein ist?
Aber wie oft weichen wir den eigenen Empfindungen aus, die uns den Fehl anzeigen und betäuben uns mit dem Lärm der alltäglichen Besorgungen! Erst wenn wir die gemeinschaftliche Seele gefühlt und uns zugeeignet haben, sind wir ihrer sicher.

Zenmeister Dōgen sagt, indem er Buddha selbst zitiert:

»Alle Wesen haben voll und ganz die Buddhanatur.«

Im Chinesischen und Japanischen bedeutet das Wort ‚Haben‘ zugleich auch Sein. Wir können den Satz deshalb auch lesen als »Alle Wesen SIND Buddhanatur.« Das Schriftzeichen 有 zeigt eine Hand, die den Halbmond hält. Es ist eine Illusion, dass wir den Mond greifen und festhalten könnten. Selbst wenn wir die Hand so halten, dass sie scheinbar den vollen Mond greift, so ändert sich der Mond dennoch ständig, ja, manchmal scheint er völlig zu verschwinden. So ist es eine Illusion, dass wir immer die Selben sind und uns niemals verändern. Ebenso ist es eine Illusion, dass wir durch Besitz die Beständigkeit unseres Selbst sichern könnten. 

Wir SIND was wir HABEN? In einer Weise schon. Ein Reicher mit einem schönen Hause, einem großen Garten, einem schicken Auto und einer schönen Frau und Kindern ist anders als der Landstreicher auf der Straße. Jemand mit einem wichtigen öffentlichen Amt wird von seinem Amt geprägt, genauso wie der Landstreicher von seiner Situation geprägt wird. Aber unabhängig davon können beide entweder glücklich oder unglücklich sein. Und in beiden ist die Sehnsucht nach der Ganzheit.

Für Dōgen erhebt sich die Frage, wozu wir üben müssen, wenn doch ohnehin alles Buddhanatur ist. Genauso haben alle Menschen die Fähigkeit, zur Quelle zu gehen und Wasser zu schöpfen so wie sie die Buddhanatur `haben`. Aber wir müssen unsere Wesen verwirklichen und es TUN! Wenn wir nicht zur Quelle gehen, bleibt diese Fähigkeit ungenutzt und wir erfahren niemals das Glück, frisches Wasser aus der Quelle zu trinken. Alle Menschen SIND Buddhanatur, aber wir müssen sie leben!

Die Buddhanatur ist ebenso wie der Geist bei Hölderlin ‚allem gemein und jedem zu-eigen‘. Nicht nur ein kleiner Teil davon, sondern der volle Geist und die volle Buddhanatur. Dōgen erzählt die Geschichte eines chinesischen Beamten, der einen Zenmeister fragt:

»Ein Regenwurm wurde entzweigeschnitten. Beide Teile bewegen sich. Ich frage mich, in welchem Teil nun die Buddhanatur ist!«

Ist die Buddhanatur nur in einem der beiden Hälften oder ist in jedem nur die halbe Buddhanatur? Dōgen erklärt, dass der Regenwurm nicht ursprünglich aus einem Teil und nun aus zwei Teilen besteht. Er ist immer EINS und die Buddhanatur ist ungeteilt in Allem.

Im Kapitel Genjokōan hat Dōgen ein wunderbares Beispiel für das Erwachen:

Der Mensch erlangt Erwachen, so wie sich der Mond im Wasser aufhält. Der Mond wird nicht nass, das Wasser nicht gebrochen. … Der ganze Mond und auch der volle Himmel halten sich auf im Tau am Gras und auch in einem Tropfen Wasser.

Der Mond ist das Bild für die Buddhanatur. Es ist immer der ganze Mond im Tautropfen und nicht nur ein winziger Teil davon. Und selbst in einer schmutzigen Wasserpfütze ist der Mond, ohne dass er beschmutzt wird. So ist auch im Verbrecher die Buddhanatur, ohne dass sie davon beschmutzt würde. Sogar unser Nachbar oder Arbeitskollege, der den ganzen Tag nervt ist Buddhanatur! Wir können niemanden verachten, aber wir können ihm aber helfen, seine Buddhanatur zu leben. Aber zuvor müssen wir selbst die Buddhanatur verwirklichen, indem wir üben. Wir üben nicht, um Buddha zu werden, sondern um die Buddhanatur in ständigem Vollzug zu leben. 

Das meint auch Hölderlin in seinem Text ‚wenn einmal der Dichter ..‘:

» … wenn er die gemeinschaftliche Seele, die allem gemein und jedem eigen ist, gefühlt und sich zugeeignet, sie festgehalten, sich ihrer versichert hat …

Es ist also offenbar nötig, sich des Geistes zu versichern nachdem man ihn ‚gefühlt und zugeeignet hat. Im weiteren Text spricht Hölderlin davon, dass es einen steten Prozess gibt, in dem der Geist sich verwirklicht und notwendig wieder in die Trennung geht. Dieser Wechsel ist ein stetiger Prozess, der sich immer wiederholt. Es ist nicht so, dass der Geist, einmal angeeignet ein für alle mal mein eigen ist. Er muss immer wieder angeeignet werden.

Dōgen beendet das Kapitel Genjokōan mit einer Geschichte: Ein Mönch fragte seinen Meister, warum der seinen Fächer benutzt wo es doch die Natur der Luft ist, dass sie ohnehin überall ist. Der Meister antwortet wortlos, indem er seinen Fächer benutzt!

Wird fortgesetzt.

Termine

Übersicht über die nächsten Termine und Veranstaltungen:

Tanabata
Nach alter Tradition feiern wir wie jedes Jahr das Tanabatafest mit vielen Vorführungen und Gästen. Eigene Beiträge sind willkommen.
Tanabata Sternenfest

Myoshinan Teehaus 09.07.2016

Taiko – Japanische Trommeln – Workshop
Taiko Workshop
Rainer Rabus, Gerhardt Staufenbiel
Myoshinan Teehaus 10.07.2016

Meditatives Konzert mit Shakuhachi und Rezitationen: Blüten und Einsichten
Blüten und Einsichten
Shakuhachi: Gerhardt Staufenbiel, Texte und Rezitationen: Carola Catoni
Myoshinan Teehaus 24.07.2016

Haiku und Zen – Wege zur Achtsamkeit
Seminar am Benediktushof
Benediktushof Holzkirchen
15.07. – 17. 07. 2016

Japanreise Frühjahr 2017
Auch im nächsten Frühjahr zur Kirschblüte wird es wieder eine Reise nach Japan geben. Schwerpunkte sind die alten Kaiserstädte Kyoto und Nara und deren Umgebung. Es liegen bereits jetzt Anmeldungen vor. Kyoto ist zu dieser Zeit völlig ausgebucht, deshalb habe ich schon jetzt Unterkünfte reserviert. Aber es gibt nur eine beschränkte Anzahl von Plätzen. Bitte frühzeitig buchen!

Unterricht über Internet
Es besteht die Möglichkeit, Unterricht in Shakuhachi und / oder Teezeremonie über Internet zu bekommen. Einige Schüler, die weit vom Myoshinan entfernt wohnen, nutzen diese Möglichkeit bereits. Bei Interesse nehmen Sie bitte Kontakt mit mir auf.


Philosophie am Feuerberg 2016

Vom 12. bis zum 19 Juni werde ich am Feuerberg in Kärnten ein Seminar über „Hölderlin und Zenmeister Dogen“ halten. Das wird eine erholsame Woche mitten in der Bergwelt Kärntens bei bestem Essen in der gastlichen Atmosphäre des Hotels Feuerberg Mountain Resort. Herr Berger, der Leiter und Besitzer des Feuerbergs hat mich gebeten, einen kleinen Artikel über den „Wandel“ zu schreiben. Dem bin ich gern nachgekommen. Der Artikel ist schon eine kleine Vorschau über das Seminar.
Wer an diesem erholsamen Ferienseminar interessiert ist, kann sich gern schon an das Hotel Feuerberg wenden. Es gibt zum Seminar Sonderangebote.

Der Wandel

Leben ist Veränderung und Wandel. Wir werden geboren, reifen vom Kind zum Erwachsenen und werden alt und schwach. Leben ist ein stetes Abschiednehmen vom Gewohnten. In den Duineser Elegien schreibt Rilke:

Wer saß nicht bang vor seines Herzens Vorhang? Der schlug sich auf: die Szenerie war Abschied.

Schopenhauer vergleicht die Welt mit einem tobenden Meer. Wir sitzen in einem winzigen und brüchigen Kahn, der nur scheinbar Sicherheit gewährt über ‚heulenden Wasserbergen‘. Wenn wir den tosenden Wechsel der Wogen über dem Abgrund erkennen, steigt ein ‚Grausen‘ auf.
Aber das ‚Wechseln und das Werden‘ im tosenden Meer des Lebens muss nicht nur Angst und Trauer hervorbringen. Es gibt auch das Glück des Schwimmers, der sich von den Wellen tragen lässt. Hölderlin ruft das Griechenmeer, den Archipelagos:

Töne mir in die Seele noch oft, daß über den Wassern
Furchtlosrege der Geist, dem Schwimmer gleich, in der Starken
Frischem Glücke sich üb‘ und die Göttersprache das Wechseln
Und das Werden versteh‘.

Aber manchmal ergreift ‚die ‚reißende Zeit zu gewaltig das Haupt‘. Dann, so sagt Hölderlin, ‚lass der Stille mich in deiner Tiefe gedenken‘. Tief unten, weit unter der tosenden Oberfläche ist die Stille, die auch in uns wohnt. Sie ist der Ort, an dem wir den Frieden in allem Wechsel und Werden finden.

Im japanischen Zen gibt es die Geschichte eines Mönchs, der in einem Baum hängt. Verzweifelt klammert er sich mit den Zähnen an einen Ast, weil er keinen anderen Halt finden kann. Voller Angst klammert er, weil er nicht weiß, was ihn erwartet, wenn er loslässt. In seiner Angst hält er an der altbekannten Situation fest, in der er aber weder leben noch sterben kann.

Da kommt ein anderer Mönch unten am Baum vorbei und und stellt ihm eine Frage. Nur wenn wir die Angst in unserem Herzen überwinden und los-lassen können, werden wir ‚das frische starke Glück‘ finden.
Antwortet der Mönch im Baum nicht, so weiß man nicht, was mit ihm geschehen wird. Aber auf Dauer kann er nicht in dieser unhaltbaren Situation verweilen. Vielleicht hängt er eines Tages dort wie eine vertrocknete Frucht, die ihre Zeit des Reifens verpasst hat. Dann ist er mitten im Leben vertrocknet und abgestorben.

Der Mönch, der unten am Baum vorbei kommt, meint es recht gut mit seiner Frage. Vermutlich hat er erkannt, dass die Angst den Mönch in seiner unhaltbaren Situation festhält. Durch seine Frage zwingt er ihn, zu antworten und loszulassen.
Vermutlich fällt er einfach nur auf den Boden, auf dem er leben kann und der sogar unmittelbar unter seinen Füßen liegt. Den konnte er bisher nicht sehen, weil er vor lauter Angst nichts anderes als seinen Ast im Blick hatte.

Wie oft klammern wir uns an eine unhaltbare Situation aus lauter Angst vor dem Unbekannten. Aber wenn wir die Veränderung nicht zulassen, müssen wir uns vielleicht am Ende fragen, ob wir denn überhaupt gelebt haben.
Georg Christoph Lichtenberg hat einmal gesagt:

Ich weiss nicht, ob es besser wird, wenn es anders wird. Aber es muss anders werden, wenn es besser werden soll.

PS.:
In Japan ist ‚Ukiyo‘ die fließende Welt der Veränderung.
Das Schriftzeichen zeigt ursprünglich eine Melone, die lustig auf den auf den Wellen tanzt. Dieser fließenden Welt wohnt eine eigene Schönheit inne. Der Dichter Basho gestaltet die Schönheit des Augenblickes, die zugleich lustig und traurig ist, in einem kleinen Haiku:

Da – die Hibiskusblüte!
Und schon hat sie mein Pferd gefressen.

Literatur zum Nachlesen:
Mein Buch „Im Garten der Stille – Hölderlin im Gespräch mit Zenmeister Dogen“ wird eine der Grundlagen für das Seminar sein.
Man kann das Buch direkt hier kaufen: Im Garten der Stille.
Auf Wunsch auch mit Kalligrafiestempel und handsigniert.