Be-Dingt

Hier ein kleiner Auszug aus meinem Buch über das Daodejing, das gerade im Entstehen ist. In diesem Abschnitt geht es um den Umgang mit den Dingen.

In ‚Sein und Zeit‘ analysiert Martin Heidegger unseren Umgang mit den Dingen. Die Dinge sind keine Gegen-stände, die uns gegenüber stehen und die wir mit dem Verstand oder dem Denken erfassen. Der alltägliche Umgang mit den Dingen hat die Struktur von „Zeug“. Wir denken nicht über das Wesen der Dinge nach, sondern benutzen sie als Zeug – Werkzeug, Nähzeug, Schreibzeug, Flugzeug – um etwas damit zu tun. Zeug hat immer die Struktur des UM – ZU. Schreibzeug ist da zum Schreiben. Zeug ist nicht einfach vor-handen, sondern zu-handen. Je mehr das Zeug zu-handen ist, desto unauffälliger wird es. Zeug wird erst auffällig und bewußt wahrgenommen, wenn es eben nicht mehr zu-handen ist. „Wo ist denn wieder dieser Bleistift? Eben war er doch noch da?!“ Erst das Fehlen oder das unhandlich Werden rufen das Zeug ins Bewusstsein.
Zeug ist niemals als Einzelnes einfach nur da. Es steht immer in einem Gesamtzusammenhang von Zeug, der eine eigene Welt bildet. Schreibzeug gehört in ein Büro oder die Studierstube. Dort sind Bücher, Tische und Papier. Ein Büro bildet eine völlig andere Welt als die Studierstube des Schriftstellers, obwohl auch hier Schreibzeug da ist. In beiden Welten ist eine Bohrmaschine ein Fremdkörper. Die gehört in eine Werkstatt. Dabei ist eine Autowerkstatt eine völlig andere Welt als die Schreinerei. 

Zeug ist nicht einfach nur vorhanden, um da zu sein. Es erzeugt aus seiner Welt heraus den Druck, weiter zu handeln. Ein Auto ist unbrauchbar, wenn es keinen Treibstoff, keine Straßen und keine Werkstätten gibt. Also müssen wir handeln und Tankstellen bauen, die wiederum aus Raffinerien mit Treibstoff versorgt werden, der aus Rohöl gewonnen wird, das in unsicheren Ländern gefördert wird, die durch Kriege geschützt oder erobert werden müssen.  

Wir verstehen das Zeug immer aus der Gesamtheit der Welten, die von der Zeugganzheit gebildet werden. Dabei denken wir nicht das Zeug, wir ‚handeln‘. Wir handeln, indem wir Zeug zur Hand nehmen und Welt gestalten. Dabei haben wir immer schon den Gesamtzusammenhang der jeweiligen Welt verstanden. Es ist ein Denken der Hand, das meistens nicht bis ins Bewusstsein gelangt. 

Zeug ruft immer wieder laut danach, ‚besorgt‘ zu werden. So geraten wir leicht in ein Getriebensein von zu besorgendem Zeug. Wir besorgen die Dinge, weil wir uns um unser eigenes Sein-können sorgen. Diese Sorge ist die Grundstruktur des menschlichen Lebens. Heidegger nennt den Menschen das Da-Sein, nicht weil er IST, sondern weil in unserem Bewusstsein oder auch im unbewussten Handeln das Sein licht wird. Der Mensch ist das DA des SEINS. 

In einer Grundangst sorgen wir uns darum, einmal nicht mehr das Da des Seins, sondern das Erscheinen des NICHT zu werden. In der Sorge geht es immer zunächst um mich selbst. Auch wenn ich mich um Andere sorge, geschieht dies meist aus Angst, den Anderen zu verlieren, weil er der Garant für mein eigenes Sein – können ist. 

Heidegger unterscheidet zwei Weisen, wie sich die Sorge vollzieht. Im alltäglichen Umgang wird die Sorge um mein Sein-können zum Be-Sorgen. Ich muss noch in den Supermarkt und Essen besorgen oder zur Post, um Briefmarken zu besorgen. Dabei geraten wir leicht unter Zeitdruck, denn die Dinge fordern, dass sie unbedingt noch heute oder wenigstens schnellstmöglich erledigt werden müssen. Je mehr wir uns beeilen, desto knapper wird die Zeit. In China gibt es ein Sprichwort: Wenn du es eilig hast, mach einen Umweg. Die Sorge ist immer zeitlich. Wir entwerfen uns immer schon voraus und sorgen uns um das künftige Sein-können. Deshalb leben wir oft eher in der Zukunft als in der Gegenwart.

In diesem alltäglichen rasendem Besorgen sind wir niemals wir selbst. Wir funktionieren und handeln, weil ‚man‘ so handelt. Dieses fremdbestimmte Handeln ist Teil der notwendigen Ordnung. Ohne Regeln und Konventionen funktioniert keine Organisation keine Gruppe und und kein Staat. Wenn wir uns im Verkehr bewegen, ist das Einhalten von Regeln lebensnotwendig. ‚Man‘ kann nicht bei Rot über die Ampel fahren! Heidegger nennt diese Seinsweise das ‚Man‘ oder die Un-eigentlichkeit. In der Seinsweise des ‚Man‘ ist jeder in seiner Funktion austauschbar und vertretbar. Es ist gleichgültig, ob ich selbst in den Supermarkt gehe zum Einkaufen oder ob ich eine andere Person darum bitte, mich zu vertreten.

Aber wenn wir nur in der Weise des ‚man‘ im rasenden Besorgen verharren, kommt bald eine tiefe Leere und Sinnlosigkeit. Wir sehnen uns nach etwas ganz anderem, danach, ganz wir Selbst sein zu können. 

 Erst der Schritt zurück aus dem rasenden Be-sorgen in ein stilles Betrachten und wahr-nehmen schenkt uns wieder den Frieden, mit uns selbst in Eins zu sein. Das Besorgen der Dinge im alltäglichen handelnden Umgang mit Zeug wird dann zur sinnspenden Sorge um mein eigentliches Sein-können, mir Selbst zu Eigen zu sein. Dies ist die Eigentlichkeit. In der Eigentlichkeit ist niemand vertretbar, es geht immer um mich selbst. ICH muss mein Schicksal laben, meine Krankheiten aushalten und ich bin es, der letztendlich stirbt. Niemand ist hier durch einen anderen vertretbar.

Die Dinge bekommen eine andere Qualität als das Zeug, das lediglich meist unbewusst benutzt wird. Aber auch, wenn wir uns selbst zu eigen sind, müssen wir uns im Alltag in der Weise des Man bewegen. 

Im Zhuangzi gibt es die Geschichte vom Meister Zi Qing, der berühmt für seine wunderbaren Glockenständer ist. Sie sind so wunderbar, dass man sie fast für das Werk eines Gottes oder Geistes halten könnte. Verwundert fragt der Fürst von Lu nach der besonderen Kunst, die Meister Zi Qing anwendet. Zi Qing antwortet, das er nur ein Handwerker ist, der über keine besondere Kunst verfügt. Aber bevor er sich ans Werk macht, bereitet er sich vor. Er tritt einen Schritt zurück aus dem rastlosen handeln in die Stille, um sich auf das werken des Glockenständers vorzubereiten:

Ich wagte nicht, auch nur die geringste Lebensenergie – 氣  zu verschwenden und sammelte mich, um mit Fasten meinen Herz Geist 心 xīn zu beruhigen. Nach drei Tagen Fasten hörte ich auf, an irgendwelche Anerkennung, Belohnung oder Ehrungen zu denken. Nach fünf Tagen Sammlung hatte ich keinen Gedanken mehr an Lob oder Tadel, Rang oder Einkommen. Nach sieben Tagen Fasten hatte ich vergessen, dass ich vier Gleidmaßen und einen Körper habe. Zu dieser Zeit habe ich keinen Gedanken mehr an öffentliche Angelegenheiten oder den Hof. Meine Fähigkeiten sind gesammelt und alle äußeren Ablenkungen verschwunden. 

Der Handwerker bereitet sich nicht auf sein Werk vor, indem er übt oder die Gedanken um das Gelingen des Werkes in seinem Geist hin und her wägt. Er geht in die Stille. Solange, bis er sich selbst völlig vergessen hat. Erst, wenn er vollkommen leer ist von Erwartungen, Ängsten oder Wünschen, geht er ans Werk. Nun erst richtet er sein Augenmerk auf die künftige Form des Glockenständers, um einen geeigneten Baum auszusuchen.

Erst dann ging ich in den Bergwald und betrachtete die himmlische Natur  der Bäume.

Der Handwerker betrachtet nicht einfach nur die Bäume, er meditiert über ihre ‚himmlische Natur‘ 觀天 性  guàn tiān xìng. Die ‚Natur‘ des Baumes ist sein ihm eigenes Leben und seine Eigenart. Das Schriftzeichen für ‚Natur‘ zeigt nicht die Natur im Allgemeinen, es ist die ganz eigene Wesensart dieses besonderen Baumes. Das Zeichen zeigt ein Herz neben einem Planzenschößling mit den ersten drei Triebblättern. Allein ist dieses Zeichen ‚Leben‘ 生.  Der Sensei 先生 (jap.) ist einer, der schon früher gelebt hat als sein Schüler

Erst nachdem Meister Zi Qing die vom Himmel vorgegebene eigene Natur und das Wesen des Baumes gefunden hat, der zu seinem geplanten Werk passt, beginnt er mit seiner Arbeit. Weil er die ursprüngliche, ‚himmlische Natur‘ gesehen hat, kann er seine natürliche Fertigkeit wirken lassen, die himmlische Natur des Baumes bleibt bewahrt,  und sein Werk wirkt, als sei es von Göttern oder Geistern gefertigt.

Auch in modernen technischen Arbeitsprozessen muss die ‚Natur‘, die Eigenart des Werkstoffes zum Werk passen. Um Bleistifte herzustellen, braucht man riesige alte Bäume aus dem Regenwald, denn nur diese Bäume liefern das gleichmäßige Holz, das benötigt wird um gute Bleistifte zu fertigen. Bei der Herstellung von Bleistiften gibt es vielleicht noch Spezialisten, die sich mit der Natur der benötigten Bäume auskennen und sie gezielt im Regenwald aussuchen. Aber Bäume sind längst schon zu einem beliebig austauschbaren Werkstoff geworden. Die uralten kanadischen oder finnischen Wälder werden von riesigen Maschinen gefällt und sofort vor Ort zu Spanplatten oder Taschentüchern und Windeln verarbeitet. Vor der Maschine liegt der Bergwald, hinter der Maschine ist nur noch Ödland. Und die Spanplatten, die keinerlei Rücksicht auf die ‚himmlische Natur‘ der Bäume nehmen, die nur in sehr langen Zeiten nachwachsen, sind längst schon weltweit im Handel. Die Bäume sind zu reinen Rohstofflieferanten geworden.

Der Umgang von Meister Zi Qing ist von völlig anderer Art als das rasende Besorgen der Dinge. Es ist ein meditatives und achtsames Wahr-nehmen der Dinge, sie sich in ihrer eigenen Natur zeigen. 

In seinem Spätwerk fragt Heidegger nach dem Wesen des ‚Dinges‘, das kein Zeug ist. Der alltägliche Umgang mit Zeug ist eine Grundstruktur des menschlichen Da-Seins. Aber das Ding ist kein Zeug, es ist die Versammlung von Welt, so wie die alte deutsche Versammlungsstätte Thing, von der das hochdeutsche Wort ‚Ding‘ hergeleitet ist. 

Heidegger denkt das ‚Ding‘ aus zwei Traditionen. Zum einen ist er stark angeregt von seiner Auseinandersetzung mit Hölderlin, zum anderen hat er sich intensiv mit dem Daodejing befasst. Ihm fehlte zwar die Kenntnis der chinesischen Sprache, aber er hatte versucht, mit einem chinesischen Studenten den Originaltext des Daodejing zu lesen. Enttäuscht musste er aber feststellen, dass dieser Text auch für den normalen Chinesen genau so unverständlich ist, wie für uns. 

Als Beispiel für ein ‚Ding‘ nimmt Heidegger den Krug. Sein Gebrauch bestimmt sich aus der Leere:

Gießen wir, wenn wir den Krug mit Wein füllen, den Wein in die Wandung und in den Boden? Wir gießen den Wein höchstens zwischen die Wandung und auf den Boden.  … Wenn wir den Krug vollgießen, fließt der Guss beim Füllen in den leeren Krug. Die Leere ist das Fassende des Gefäßes. Die Leere, dieses Nichts am Krug, ist das, was der Krug als das fassende Gefäß ist. 

Der Krug fasst nicht einfach nur den Wein oder das Wasser. Er ‚versammelt das Geviert von Himmel und Erde, Götter und Menschen‘. Im Wein oder im Wasser sind Himmel und Erde versammelt. Indem die Menschen sich beim Trunk versammeln und vorher den Göttlichen opfern oder wenigstens ihrer gedenken, versammelt sich das Geviert. Alle Vier spiegeln sich jeweils ihr Wesen zu. Indem der Himmel die Erde spiegelt, antwortet die Erde, indem sie blüht und fruchtet oder still in sich ruht. Indem die Menschen der Göttlichen gedenken, wandelt sich ihr Wesen und sie werden frei.  Dieses Spiegeln geschieht nicht unter Gewalt, es ist ein Spiel, indem sich die Vier jeweils ihr Wesen zuspielen. Heidegger nennt dieses Spiel das Spiegelspiel des Gevierts. Dieses Spiel beschreibt er mit Worten, die an die Meditationserfahrung des Meisters Zi Qing erinnern:

Die Vierung west als das ereignende Spiegel-Spiel der einfältig einander Zugetrauten. Die Vierung west als das Welten von Welt. Das Speigel-Spiel von Welt ist der Reigen des Ereignens. … Das gesammelte Wesen des also ringenden Spiegel-Spiels ist das Gering.

Das Ge-ring ist der Reigen, indem sich die Vier in EINS ‚tanzen‘, es ist zugleich auch das Geringe im Sinne des Einfachen und Alltäglichen. Es ist nichts Abgehobenes und Überweltliches, was da geschieht, die Welt ereignet sich, Himmel und Erde Götter und Menschen spiegeln sich je ihr Wesen zu und – der Handwerker bildet einen Glockenständer. Im ganz einfachen, achtsamen Umgang mit den Dingen wird sich der Mensch zu eigen, er er-eignet sich. Darum wird sein Werk so, als sei es von göttlichen Wesen geschaffen.

So gesehen ist Heideggers Konstruktion des Gevierts viel zu kompliziert. Der Sachverhalt ist einfacher und schlichter als das komplizierte Versammeln der Vier. Der Handwerker macht sich leer, er erkennt das himmlische Wesen des Baumes und bildet sein Hand-Werk. Im ganz gewöhnlichen, wenn auch achtsamen Umgang mit den Dingen geschieht das Er-eignen. 

Auch im japanischen Teeweg üben wir den achtsamen Umgang mit den ganz einfachen, fast alltäglichen Dingen. Mit der Teeschale, dem Teebesen, der Schöpfkelle. Es ist ein wunderbares Erlebnis, wenn das heiße Wasser aus der Schöpfkelle in die Teeschale fließt. Der Duft des Tee blüht auf und die ganze Welt rundet sich in einer einzigen Schale Tee. Das ist das Ge-Ring.

Zenmeister Dōgen schreibt:

Sich selbst tragend die zehntausend Dharma (die zehntausend Dinge) übend erweisen, das ist irren. Die zehntausend Dharma kommen her und erweisen übend mich selbst, das ist Erwachen.

Den Buddhaweg erlernen heißt, sich selbst erlernen. Sich selbst erlernen heißt, sich selbst vergessen. Sich selbst vergessen heißt, durch die zehntausend Dharma (die zehntausend Dinge) von selbst erwiesen werden.

Ich hatte einmal eine Teeschülerin, die an einem Gehirntumor erkrankt war. Ich besuchte sie in ihrem kleinen Teehaus. Völlig selbstvergessen schöpfte sie das heiße Wasser mit der Bambuskelle und ließ es in die Teeschale fließen. Immer und immer wieder. Völlig verzückt und selbstvergessen saß sie und lauschte dem Plätschern des Wassers in der Teeschale. Alles andere hatte sie vergessen: „Das ist soo schön!“ Ein paar Wochen später war sie friedlich in eine andere Welt gegangen. 

Die reissende Zeit und die Stille

(Aus dem Archiv: Monatsbrief April 2011)

Die Zeit der Katastrophen und der Veränderungen:
Die reissende Zeit und die Stille

Tsunami

Tsunami

Eigentlich hätte es ein stilles und häusliches „Jahr des Hasen“ werden sollen. Aber dann kam das seit langem befürchtete Erdbeben in Japan und der Tsunami.  Und  zu allem Überfluss auch noch der Super – GAU in Fukushima, der Region, die wörtlich  „Glücksinsel“ heißt. 

Das Entsetzen über die schrecklichen Vorgänge hat uns lange stumm gemacht vor Schmerz. Unser ganzes Mitgefühl und unsere Sorge gilt den Menschen in den Katastrophengebieten, die alles verloren  und nur ihr eigenes Leben gerettet haben. Auf unserer Webseite gibt es ein kleines „Tagebuch“ eines Betroffenen, der in Sendai alles verloren hat, und der zunächst die Rettung Überlebender, die Bergung der Toten und nun den Wiederaufbau mit organisiert. Nüchtern und sachlich berichtet er vom Leben in Sendai nach der Katastrophe. 

Kurz nach den Ereignissen war eine Schulklasse hier im Myoshinan zu Besuch, die das Thema Buddhismus und die buddhistischen Künste im Religionsunterricht behandelt haben. Die jungen Menschen fragten ganz erschüttert, wie es kommt, dass die Japaner in dieser Katastrophe so ruhig und gelassen bleiben?

Vielleicht liegt es daran, dass sie schon von Kindheit an mit der Veränderung und dem steten Wandel konfrontiert werden, anders als bei uns, die wir uns sicher vor Naturkatastropehn wähnen und die wir unser Leben rundum „versichert“ haben. Nicht nur, dass die Japaner ständige Erdbeben erleben, den Taifun im Herbst und immer wieder – wenn auch meistens kleinere – Tsunami. An vielen Orten, wie in Kagoshima oder rund um den größten Vulkan der Welt, dem Aso leben sie mit dem Vulkan und seinen „täglichen Launen“. Wenn der Vulkan in Kagoshima wieder mal zu sehr spuckt, spannt man halt Regenschirme auf, um sich vor der Asche zu schützen und am Aso wird vorübergehend die Durchfahrt gesperrt.

Wenn die Japaner beginnen, lesen und schreiben zu lernen, so begegnen sie dem Iroha, dem japanischen „Alphabet“, das aus 50 Silben besteht. Aber weit entfernt davon, dass die Silben systematisch nach ihrer Logik geordnet werden, sind sie als Gedicht geschrieben, in dem jede Silbe nur ein einziges mal vorkommt. Heute noch sind z.B. die Sitze im Noh-Theater nach diesem Iroha geordnet. Wer das Gedicht nicht kennt, kann seinen Theatersitz nicht finden.  Das Grundthema des Iroha ist die Unbeständigkeit allen Seins. So ist jeder Japaner in seinem Alltag mit dem steten Wandel vertraut.  Das Gedicht lautet:

iro.ha nioedo chirinuru.o
wa.ga yo tare zo tsune naran
ui.ga yo tare zo tsune naran
ui no oku yama kyô koete
asaki yume miji ehi.mo sezu
 
Die Farben sind noch frisch, doch sind die Blätter, ach, schon abgefallen!
Wer denn in unserer Welt wird unvergänglich sein?
Die Berge fernab von den Wechselfällen (des Lebens) heute überschreitend,
Werde ich keinen seichten Traum mehr träumen, bin auch nicht berauscht.

Es sind zwei große Themen, die in dem Gedicht behandelt werden: die stete Vergänglichkeit aller Dinge und das Erwachen aus dem Traum, in dem wir uns von den Wechselfällen des Lebens als sicher wähnen.
 
Iro ha … : die Farben sind noch frisch, doch die Blätter sind schon abgefallen! Die Klage über die Vergänglichkeit, die aber bei aller Trauer zugleich eine innere Schönheit in sich birgt. Es gibt den Begriff des mono no aware, der eigentlich ein Überraschungsruf ist: Aware!
Da! im Herbstgras die Schnepfe – und schon ist sie wieder verschwunden.
Basho dichtet: „Da am Wegesrand die Hibiskusblüte: Und schon hat sie mein Pferd gefressen!“
Die Erfahrung der Vergänglichkeit durchzieht die gesamte japanische Kultur und auch das buddhistische Denken. In Japan sieht man eine schmerzvolle und wehmütige Schönheit in der Vergänglichkeit der Dinge.

Aber nicht immer ist die Vergänglichkeit nur schön, oft, gerade wenn es unser eigenes Geschick betrifft, ist es ein schmerzliches Erwachen aus dem Traum, der uns vorspiegelt, dass wir unser Leben in Sicherheit hinbringen. Dieses Erwachen erzeugt zunächst Entsetzen, Schmerz und Angst.

Das große mittelalterliche Epos Heike monogatari, das den Aufstieg und Fall der Heike – Sippe und vom Krieg zwischen den Heike und den Genji  erzählt, beginnt mit den klagenden Worten:

Gion shōja no kane no koe
shōgyō mujō no hibiki ari.

Shara souju no hana no iro
jousha hissui no kotowari o arawasu.

Ogoreru hito mo hisashikarazu,
Tada haru no yo no yume no gotoshi.
Takeki mono mo tsui ni horobinu.

Hitoe ni kaze no mae no chiri ni onaji.

Der Gion Shōja Glocken Klang
ist das Echo der Vergänglichkeit aller Dinge.

die Farbe der Sala Blüte offenbart,
dass die Erfolgreichen fallen müssen.

Die Übermütigen sind nicht von Dauer,
sie gleichen dem Traum in einer Frühlingsnacht.

Die Mächtigen fallen zuletzt, sie sind wie Staub vor dem Wind.“

Schon bevor die Erzählung die Geschichte vom Aufstieg der Heike Sippe beginnt, wird mit den einleitenden Worten klar, dass der Aufstieg unweigerlich in den Abgrund und das Ende führen wird.

Mit den Glocken von Gion Shōja ist nicht das Gion-Viertel in Kyoto gemeint, sondern das Kloster Gion shōja oder Jetavana in Indien, dem Lieblingsort Buddhas, an den er sich immer während der Regenzeit zurück gezogen hatte,  um dort zu lehren.  Wir hören nicht mehr die Glocken des Jetavana, die sind längst schon zerfallen, so wie auch die Heike zerfallen werden. Es ist nur noch das Echo aus fernen und vergangenen Zeiten. Es ist das Echo der Lehre Buddhas von der Vergänglichkeit aller Dinge und dem Leiden, das aus der Illusion der Beständigkeit entsteht.

Die Farbe der Sala-Blüte offenbart die Vergänglichkeit, so wie es auch im Iroha heißt:
„Die Farben sind noch frisch, aber ach, die Blüten sind schon abgefallen“. Nun ist es nur noch eine Frage der Zeit, bis sie vollkommen verwelkt und verschwunden sind.

Der Sala-Baum wird in buddhistischen Schriften sehr oft erwähnt. Im Sala-Hain von Lumbini wurde der Prinz Siddharta, der später Buddha werden sollte, geboren, indem sich seine Mutter an einen Sala-Baum anlehnte, der im Augenblick der Geburt Blüten regnen ließ. Im Maha-parinibbana Sutta des Pali Kanon wird berichtet, wie sich der Buddha in den letzten Tagen seines Lebens müde unter zwei kleinen Sala-Bäumen niederlegte um zu ruhen. Plötzlich blühten die Bäume auf, obwohl es nicht die Zeit war, und es regnete Blüten auf den schlafenden Buddha nieder. Hier unter dem Sala-Baum im Blütenregen ging er ein ins endgültige Nirvana. 

Der Salabaum mit seinen Blüten steht für den Anfang und das Ende, das Werden und das Vergehen.

Die Glocken des Gion Shōya und die Salablüten zeigen die Zentralbotschaft der Lehre des Buddha:

諸行無常 shūjō mujō „alle Dinge sind ohne Bestand“.

Selbst die Schreibung für das Wort „alle Dinge“ enthält schon den steten Wandel. Shūjō wird gebildet aus dem Wort-Teil für ,alles‘ und dem Zeichen für „gehen, sich verändern, unterwegs sein“. Eigentlich sind es keine „Dinge“, die eine Illusion der Beständigkeit erzeugen, sondern Wandlungszustände. Etwas ist gerade jetzt in diesem oder jenem Zustand befindlich. Im Abendland haben wir die Vorstellung von Ewigkeit und Unveränderlichkeit. Im Osten ist das einzig Ewige und Beständige der stete Wandel. Aber auch dem großen griechischen Denker Heraklit, der etwa um die Zeit des Buddha in Ephesus lebte und lehrte, wird das Wort „Alles fließt“ zugeschrieben. Auch Heraklit denkt den ewigen Wandel als das einzig Beständige.

Im Iroha, dem japanischen Alphabet ist auch die Rede vom Traum und dem Rausch, aus dem man erwacht:

Die Berge fernab von den Wechselfällen (des Lebens) heute überschreitend,
Werde ich keinen seichten Traum mehr träumen, bin auch nicht berauscht.

Es ist das Wach – werden aus dem Traum, dass die Dinge Beständigkeit haben, und das Ankommen in der nüchternen Erkenntnis der steten Veränderung.  Der Sprecher ist auf dem Weg heraus aus den Niederungen, in denen man von der Beständigkeit träumt, hinauf in die Klarheit der Berge. Dort verabschiedet er sich von jedem Traum und Rausch.

Jede Vorstellung einer Sicherheit, die ihren Ursprung in der scheinbaren Beständigkeit hat, ist Traum. Auch im Heike monogatari ist vom Traum die Rede:

Die Übermütigen … gleichen dem Traum in einer Frühlingsnacht. /Sie fallen zuletzt und sind wie Staub vor dem Wind.

Die laue Frühlingsnacht mit ihrer Blütenpracht und dem Duft, der die ganze Luft erfüllt, weckt die Illusion, dass alles so bleibt, wie es in dieser rauschhaften Schönheit des Augenblickes ist. Aber es ist nur ein Traum und das Aufwachen tut oft sehr weh. Darum wollen wir es gern vermeiden, aus dem Traum aufzuwachen und die nüchterne Realität des shūjō mujō – der Unbeständigkeit alles sich Wandelnden zu erkennen.

Schopenhauer hat einmal das Bild eines Kahnes gebraucht, der mitten im tosenden Meer von den Wogen auf und ab geworfen wird. Das Meer ist die ganze, weite und unendliche Wirklichkeit, die sich an der Oberfläche ständig verändert. Es wirft aus seiner unendlichen Tiefe eine Woge nach der anderen, um sie dann wieder zurück zu reißen. Die Wogen sind wie die Erscheinungen der Dinge und der Zustände unserer Wirklichkeit. Aber die Sicherheit, mit der wir uns von der Woge tragen lassen ist nach Schopenhauer nur eine Scheinsicherheit. Wir blenden die volle Wahrheit der reissenden Veränderung aus, weil sie Angst macht.

Denn wie auf dem tobenden Meere, das, nach allen Seiten unbegränzt, heulend Wasserberge erhebt und senkt, auf einem Kahn ein Schiffer sitzt, dem schwachen Fahrzeuge vertrauend; so sitzt inmitten einer Welt voll Qualen, ruhig der einzelne Mensch, gestützt und vertrauend auf das principium individuationis. Die unbegränzte Welt, voll Leiden überall, .. ist ihm fremd: seine verschwindende (im Vergleich zum All unendlich kleine) Person, seine ausdehnungslose Gegenwart, sein augenblickliches Behagen, dies allein hat Wirklichkeit für ihn.  Bis dahin lebt bloß in der innersten Tiefe seines Bewußtseyns die ganz dunkle Ahndung… (um den Abgrund).
Aus dieser Ahndung stammt jenes so unvertilgbare und allen Menschen gemeinsame Grausen, das sie plötzlich ergreift, wenn sie, durch irgend einen Zufall irre werden …

Der Zufall, durch den die Menschen irre werden, ist das unerwartete Eintreffen eines schmerzlichen Verlustes, der ganz unmittelbar das „Behagen“ zerstört und das „Grausen“ vor dem Abgrund wach werden läßt.

Schopenhauer spricht vom biedermeierlichen „Behagen“ mit dem wir uns in der tosenden Welt der Veränderungen einrichten. Wenn aber plötzlich der kleine Kahn, in dem wir uns behaglich eingerichtet haben in Gefahr gerät, dann kommt das Grausen, die Angst vor dem Abgrund, der Alles in sich weg reißt.

Das „Behagen“ ist meisten aber kein wirkliches Wohl-sein, es ist mehr oder weniger ein Sich – Abfinden mit der scheinbaren Sicherheit des Alltäglichen. Vor vielen Jahren gab es einmal ein kleines Erdbeben, das sogar in München zu spüren war. Es war eine laue Sommernacht und alle Fenster standen offen. Im Hof wurde gefeiert, als plötzlich die deutlich spürbaren Erdstöße auftraten. Die ersten Reaktionen waren Entsetzensschreie und dann rief jemand laut:
      „Ein Erdbeben, ruft sofort die Polizei!“
Ein Erdbeben ist scheinbar eine Ordnungswidrigkeit, die ein sofortiges Eingreifen der Polizei erfordert, die dann die öffentliche Ordnung wieder herstellt. Was geschehen war ist, dass ganz plötzlich die scheinbare Sicherheit, in dem wir „behaglich“ dahin leben, gestört war und der Abgrund sichtbar wurde, der uns jederzeit, auch ohne ein Erdbeben, dahinraffen kann. Was ist, wenn ein geliebter Mensch stirbt, wir den vermeintlich sicheren Job verlieren oder uns der Partner verlässt? Dann kommt das Grauen über die prinzipielle Unsicherheit unseres Seins, und mit Hölderlin fragen wir uns beirrt und voll Angst: „Wohin denn ich?“

Friedrich Hölderlin hat eine wunderbare Hymne über das Griechenmeer – den Archipelagos – geschrieben, in der er die Erfahrung der „reissenden Zeit“ und des Abgrundes verarbeitet, aber zugleich auch Lösungen zeigt. Er ruft den Meer-Gott  an mit der Bitte:

wenn die reißende Zeit mir
Zu gewaltig das Haupt ergreift und die Not und das Irrsal
Unter Sterblichen mir mein sterblich Leben erschüttert,
Laß der Stille mich dann in deiner Tiefe gedenken.

In einem Gespräch, das ich vor vielen Jahren mit D.E. Sattler, dem Herausgeber der historisch kritischen Hölderlin Ausgabe hatte, erklärte mir Sattler, dass dieser Hymnus „nur“ historisch sei. Historisch ist er insofern, als er die Vergänglichkeit und die „reissende Zeit“ am Beispiel des antiken Griechenland schildert, die alles Bestehende weg reißt. Genau genommen bezeichnet „Archipelagos“ nur die Gruppe der griechischen Inseln vor der kleinasiatischen Küste. Aber Hölderlin gebraucht den Namen für das gesamte Griechenmeer. Der Name Archipelagos ist aus zwei Bestandteilen gebildet:  „Arche“ ist die Herrschaft, „Pelagos“ das Meer als das, was sich stetig bewegt und verändert. Archipelagos ist die Herrschaft der ständigen Veränderung und des Wechsels. Hölderlin bezeichnet das „Wechseln und Werden“ als die „Sprache der Götter“.

Thema der Hymne ist die ständige Veränderung, das Entstehen und der Untergang, nicht nur einzelner Menschen, sondern ganzer Kulturen. Wohin ist das antike Griechenland mit den großen Städten Athen, Korinth oder Sparta, wohin sind die griechischen Götter wie Zeus oder Hera, wohin all die antiken Helden, die „gemeinsam mit den Göttern“ an den Tafeln saßen und speisten? Auch Götter haben ihre Zeiten, in denen sie vergehen! In der Hymne Brot und Wein heißt es:

Seliges Griechenland! du Haus der Himmlischen alle,
    Also ist wahr, was einst wir in der Jugend gehört?
Festlicher Saal! der Boden ist Meer! und Tische die Berge
    Wahrlich zu einzigem Brauche vor Alters gebaut!

Ist es eine romantische Rückbesinnung auf das antike Griechenland und eine jugendliche Schwärmerei des Dichters? Es scheint, als würde der Dichter in Erinnerungen an eine große Zeit der Fülle schwelgen und darüber die Wirklichkeit verträumen. Seine Erinnerungen an Griechenland klingen wie die Klage, die wir oft hören oder selber aussprechen: „Ja, früher, da war alles gut!“
Nach dem schwärmerischen Lobgesang auf die alten Zeiten kommt beim Dichter sofort die Klage:

Aber die Thronen, wo? die Tempel, und wo die Gefäße,
    Wo mit Nektar gefüllt, Göttern zu Lust der Gesang?
Wo, wo leuchten sie denn, die fernhintreffenden Sprüche?
    Delphi schlummert und wo tönet das große Geschick?

Und warum endete die Zeit des großen, alten Griechenland? Für Hölderlin ist das Ende der alten romantischen Zeit eine geschichtliche und für uns Menschen eine existentielle Notwendigkeit. Diese Zeit musste enden, weil sich die Menschen in der alltäglichen Behaglichkeit eingerichtet hatten:

gewohnt werden die Menschen des Glücks
Und des Tags

und zu schaun die Offenbaren, das Antlitz
    Derer, welche schon längst Eines und Alles genannt.

So geht es uns eigentlich immer. Wenn die Zeit des Glückes da ist, wird das Glück allmählich zum Gewohnten und damit zum Gewöhnlichen. Das Gewöhnliche aber nehmen wir überhaupt nicht mehr wahr. Es wird „unempfunden“, weil wir in den alltägliche Trott des gleichmäßig ablaufenden Tages verfallen, und meinen, alles bleibt selbstverständlich immer so, wie es ist und wie es war. Das Glück stumpft ab zum schopenhauerischen „Behagen“ oder gar zu einem nicht empfundenen Zustand oder gar der – Langeweile. Damit stumpfen wir ab und verfallen in den Alltagstrott, aus dem wir erst herausgerissen werden, wenn ein Unglück, eine Trennung oder ein Todesfall eintritt:

So ist der Mensch; wenn da ist das Gut, und es sorget mit Gaben
    Selber ein Gott für ihn, kennet und sieht er es nicht
Tragen muß er, zuvor;

Tragen muss der Mensch das Glück und das Leid, so wie Hölderlin an anderer Stelle sagt: „auf den Schultern aber wie eine Last von Scheitern“. Auch Atlas trägt auf seinen Schultern die Last des gesamten Himmels, aber er ist ein Titan. Für uns Sterbliche ist oft die Last, die wir tragen müssen zu groß, so daß sich unsere Schultern beugen, der Blick zu Boden geht und wir die offene Weite des Himmels nicht mehr erkennen können. Wir Menschen sind auch ein wenig wie Atlas: unsere Wirbelsäule muss den Körper aufrecht tragen zwischen Iliosakralgelenk am Becken und dem  „Atlasgelenk“ , das den Kopf trägt. Wird die Last, die wir zu tragen haben zu groß, beugt sich der Kopf nach unten und unter der Last sinken die Schultern ein. So wird der Blick voller Schwere auf dem Boden fixiert und wir können nicht mehr frei atmen oder zum Himmel aufschauen. So tragen wir jeden Tag unser Geschick, aber dieses Tragen wird erst deutlich, wenn uns die Last zu schwer wird und uns niederbeugt. Im alltäglichen Dahinbringen unseres Daseins wird oft noch nicht einmal das Lasthafte bewußt, es bleibt nur ein unbestimmtes Empfinden von Ungenügen und Leere.

In Hölderlins Philosophie ist das Erwachen aus dem Traum und das Durchleben des „Fehls“ ein notwendiger Vorgang, der uns dazu bringt, wieder wach und stark zu werden:

Aber das Irrsal
    Hilft, wie Schlummer und stark machet die Not und die Nacht,
Bis daß Helden genug in der ehernen Wiege gewachsen,
    Herzen an Kraft

Wenn der Schmerz aufbricht, kann auch der Schlaf Linderung bringen. Die Schwachen können sich in den Schlaf weinen, wie Kinder. Der Schlaf lindert. Aber oft ist der Schmerz zu groß und er verweigert uns den tröstenden Schlaf. Nur die Starken bleiben wach in der Nacht, um den Schmerz auszutragen und das Neue zu erwarten. Aber das ist auch ein schmerzlichen Leiden und ein Aushalten der Angst vor dem unbekannten Neuen.

Der Untergang des Alten ist für Hölderlin ein notwendiger Prozess der Erneuerung, ja, ein Prozess, der uns aus dem Gewohnten, das zum Gewöhnlichen geworden ist, herausreißt. Dann kommt zunächst der Schmerz, aber das ist ein Schmerz, der uns erwachen lässt und der uns zwingt, wach und offen dem Neuen zu begegnen. Im Gedicht Patmos sagt Hölderlin:

Wo aber Gefahr ist, wächst das Rettende auch!

Das Rettende ist nichts Anderes, als die Gefahr selber, die uns aus dem alltäglichen Trott herausreisst und zum Nachdenken und zum Wach-Werden zwingt. Die Gefahr birgt die Chance des Erwachens in sich. Musste erst die Atomkatastrophe in Fukushima geschehen, damit die Menschheit aufwacht aus dem Traum der Machbarkeit und der bequemen und beliebigen Verfügbarkeit?

Schlaf ist eine Seite, aber Helden erwachsen nur aus dem Schmerz und dem Leiden, wie Hölderlin sagt. Aber was tun wir, wenn uns ein Verlust ergreift? Wir träumen uns hinweg in frühere Paradiese oder betäuben uns mit Schlaf oder Ablenkung oder wir stürzen uns in hektische und ziellose Aktivitäten, nur um uns zu betäuben, damit wir den Schmerz nicht aushalten müssen. So heißt es auch im Archipelagos:

Aber weh! es wandelt in Nacht, es wohnt, wie im Orkus,
Ohne Göttliches unser Geschlecht. Ans eigene Treiben
Sind sie geschmiedet allein und sich in der tosenden Werkstatt
Höret jeglicher nur und viel arbeiten die Wilden
Mit gewaltigem Arm, rastlos, doch immer und immer
Unfruchtbar, wie die Furien, bleibt die Mühe der Armen.

Unser Geschlecht, das Geschlecht der Menschen ist rastlos und ohne den Blick für den offenen Himmel und die Weite des Seins. Wir sind wie mit Ketten ans eigene Treiben geschmiedet, unfrei und getrieben. Ich würde ja gern zu mir selbst kommen, aber leider habe ich keine Zeit dazu! Der Job, die Familie, das Vergnügen, und dann muss ja auch noch der Urlaub geplant werden!

„Viel arbeiten die Wilden“, aber all ihr Bemühen bleibt fruchtlos und unfruchtbar, weil es in vollkommener Betäubung ohne Ziel ist. Nach der Katastrophe in Japan kam oft die Frage: Was kann man tun? Jetzt und hier: Nichts! Still werden und den Blick frei bekommen auf das Wesentliche. Das wird, wenn die Menschheit endlich zur Besinnung kommt, vieles, wenn nicht gar Alles ändern! Was kann man tun, wenn plötzlich der Partner verschwindet oder ein lieber Mensch fort geht? Den Schmerz nutzen und still werden! Und sich nicht sofort und besinnungslos in eine neue, ungeklärte Beziehung flüchten, die irgendwann genau so enden wird.

Das Ziel kann nur aus dem Blick ins Offene gewonnen werden, aber dazu bleibt in dem Getriebe keine Zeit. „Ans eigene Treiben sind sie geschmiedet allein“.  Dieses ,allein‘ hat eine doppelte Bedeutung. Sie sind lediglich, also nur – allein – an das eigene Treiben geschmiedet, also unfrei und gefesselt.  In diesem gefesselten Getriebe sind sie zugleich – allein, Einsam. In all dem Lärm des Machens und Machen-Müssens hört niemand auf den Anderen, jeder ist für sich, eben allein und einsam. „SICH in der tosenden Werkstatt höret Jeglicher nur!“ Je mehr wir uns in das Machen stürzen, desto mehr versuchen wir, den Schmerz des Allein-Seins zu unterdrücken und desto mehr stürzen wir uns in den Lärm des Machens.  Vielleicht suchen wir auch die „Gesellschaft Anderer“, die aber oft, auf der Flucht vor der eigenen Angst und dem Allein- Sein, jeder vor sich hin lärmen. Niemand hört vor lauter Lärm den Anderen. Je tiefer der Absturz in unser Unglück, desto intensiver stürzen wir uns in das Getriebe und desto einsamer werden wir.

Wir wissen dann nicht mehr, wohin uns unser Weg führt. Hölderlin nennt dies die Not und das Irrsal. Das Wort „das Irrsal“ ist gebildet wie „das Schicksal“. Irrsal ist nicht einfach nur das Irre – werden. Wenn wir an einer Weggabelung stehen, kann es geschehen, dass wir nicht mehr wissen, wohin uns der Weg führen wird. Das ist mehr als nur eine kleine Beirrung, es ist entscheidend für unser gesamtes Schicksal, welchen Weg wir gehen. Das Irrsal lässt uns zurück in der Not und dem Leiden: „Was wird aus mir?“ Oder wie Hölderlin sagt: „Wohin denn ich?“ Das Irrsal ist Schmerz und tiefstes Leiden an der Weglosigkeit und Orientierungslosigkeit.

Das Einzige, was helfen kann, ist die Stille in der Tiefe, der Schritt zurück aus dem Machen und dem sich Betäuben:

Bis erwacht vom ängstigen Traum, die Seele den Menschen
Aufgeht, jugendlichfroh, und der Liebe segnender Othem
Wieder, wie vormals,  … wehet.

Die Stille im Teeraum kann helfen loszulassen, und den Schritt zurück aus dem Getriebe des besinnungslosen Machens zu tun. Fern vom getriebenen Machen-Müssen gehen wir jeden Schritt bei der Bereitung des Tee aus der Stille: JETZT dies, JETZT das. Dieses achtsame Tund des ganz alltäglichen „Wasser holen, Feuer machen, Tee schlagen und Trinken“ schenkt Ruhe und Stille im in sich gesammelten Tun. Aber manchmal ist der Schmerz sogar dazu zu groß. Wir brauchen ein gewisses Maß an Kraft, um die Bewegungen und den Atem des Tee zu tragen.  Im tiefen Schmerz kann es sein, dass unsere Kraft nicht reicht, weil uns die Last von Scheitern den Rücken beugt. In den Lehrgedichten Rikyus heißt es im sechsten Gedicht:

In der Tenmae tue alle Schwäche beiseite und sei stark.

Aber manchmal ist die Last auf unseren Schultern zu groß, um noch bei der Tenmae stark zu sein. Wenn wir einfach nur müde sind, kann es helfen, sich ganz auf den Tee zu konzentrieren. Aus der äußeren Haltung der Stärke erwächst dann eine innere Stärke, die uns frisch macht und wieder zur Ruhe kommen läßt. Aber wenn der Bruch, den wir gerade erleben, das Irrsal und die Not zu groß ist, dann hilft auch der Tee nicht mehr.

Dann hilft vielleicht nur noch, still zu werden, einfach nur in Meditation zu sitzen und zu unserem Atem zu finden. Das bringt uns in Kontakt mit der großen Stille, die überall ist und die sich auch tief innen in unserer Mitte findet.

Hölderlin endet den Gesang über das Griechenmeer mit einer Bitte an den Meergott. Die alten Zeiten sind vergangen, weil sie vergehen mussten, denn die „Göttersprache“ ist das Wechseln und Werden. Die alten Götter und die romantischen Zeiten des alten Glücks sind vergangen, nur die Natur ist so, wie sie immer war: „Aber droben das Licht, es spricht noch heute zu Menschen“ so wie es seit Urbeginn gesprochen hat. Nur wir haben es nicht mehr wahr genommen, weil wir, wie in der Zeit der Griechen, uns den Blick vom romantischen Bild der Götter trüben ließen. Jetzt gilt es, die Natur und uns selbst ganz unverklärt zu sehen und wahr zu nehmen. Wahr nehmen heißt nicht, irgendwie bemerken, dass etwas ist. Wahr nehmen heißt, etwas inständig in die Wahr, in die Hut zu nehmen, es innig zu bewahren im Herzen. Nehmen wir die Natur noch wahr? Nicht die „Natur“, die man ausbeuten kann auf Energie oder Rohstoff, sondern die Natur, die unser innerstes Wesen ist, die uns trägt und lebt? Nehmen wir uns selbst wahr, wie wir ohne den Bezug auf unser Machen und unsere Rolle in der Gesellschaft sind?

Darum ruft Hölderlin das Meer der Griechen:

Töne mir in die Seele noch oft, daß über den Wassern
Furchtlosrege der Geist, dem Schwimmer gleich, in der Starken
Frischem Glücke sich üb` und die Göttersprache das Wechseln
Und das Werden versteh`

Zu Zeiten ist unser Geist „furchtlos rege“ wie der Schwimmer, der sich in den Wogen des Meeres tummelt und das Glück in allem Wechseln und Werden genießt. Das ist die Kraft und das Glück, die uns geschenkt ist, wenn wir auf den Wogen der Zeit tanzen. Aber wir tanzen immer über dem unendlichen Abgrund, der uns dann aber nicht mehr ängstigt, sondern Kraft verleiht und wir geniessen das Glück des Schmimmers, der oben auf den Wellen schmimmt und der zugleich um den Abgrund weiß, ohne dass ihn die Angst starr macht.

 Hölderlin spricht nicht vom „Behagen“ des unbewußt in seinem Nachen dahin Dämmernden, wie Schopenhauer. Er spricht vom Glück Dessen, der um den Abgrund weiß und dennoch an der Oberfläche in den Wellen des Wechselns und Werdens schwimmt, in dem starken frischen Glück, dem Schwimmer gleich.  Aber wenn die Not zu groß ist und

wenn die reißende Zeit mir
Zu gewaltig das Haupt ergreift und die Not und das Irrsal
Unter Sterblichen mir mein sterblich Leben erschüttert,
Laß der Stille mich dann in deiner Tiefe gedenken.

Wir müssen nicht ans Griechenmeer fahren, um diese Stille in der Tiefe zu erleben: sie ruht unmittelbar in uns, wenn wir nur den Lärm der Not und der Angst ausschalten können.
Es genügt, wenn wir uns still hinsetzen, wer kann im Lotos- oder Schneidersitz, wem das bequemer ist, auf der Kante eines Stuhles. Lassen wir zunächst die Schultern sinken von der Last, die wir zu tragen haben, solange, bis der Rücken rund und gebeugt ist. Der Blick geht dann ganz ins Innere, aber er kann nicht frei werden. Dann drehen wir langsam und aufmerksam vom Iliosakralgelenk her das Becken nach vorn, bis sich ein leichtes Hohlkreuz bildet und atmen zugleich tief bis in das Becken ein. Von ganz allein wird der Rücken wieder gerade und aufrecht und die Schultern bleiben locker und unverkrampft. Nicht mehr WIR sind es, die den Kopf tragen müssen, der Atem trägt. Der Kopf sitzt sicher auf dem Atlasgelenk, ohne jedoch stolz und überheblich nach oben zu schauen. Schließen wir die Augen und beobachten den Atem. Wenn wir uns mit geradem Rücken ein ganz klein wenig nach vorne beugen, spüren wir den Atem tief unten im Becken. Wir spüren, wie mit jedem Ausatmen der Dantien, der Raum in der tiefsten Tiefe unseres Leibes  etwas unterhalb des Nabels immer weiter wird und wie er sich mit Kraft füllt. Die Stille und die Kraft des Archipelagos ist nicht draussen, sie ist tief in uns. Langsam spüren wir die wachsende Kraft, die aus der Tiefe kommt und wir werden stark und stärker.

Sicher wird uns der Schmerz noch immer wieder besuchen, aber allmähllich lernen wir das Urvertrauen auf die Kraft in uns, und wir werden Eins mit Allem, oder wie Hölderlin sagt All-ein. Dann sind wir nicht mehr allein, sondern geborgen im Geschick, Eins mit Allem.


Vor langer Zeit: Die Nonne Kenreimon’In

Ein neues Buch aus dem Teehaus Myoshinan


Derzeit arbeite ich an der Fertigstellung eines neuen Buches mit Geschichten und Legenden aus dem alten Japan. Ich hoffe, dass es Anfang Oktober gedruckt vorliegen wird. Das Buch kann jetzt schon bei mir vorbestellt werden. Es wird ca. 300 Seiten stark sein und ca. 20 € kosten. Vorbesteller bekommen einen guten Rabatt.
Hier ein kleiner Auszug. Es ist die Geschichte der Kenreimon-in, der Mutter des Kindkaisers Antoku. Im 12. Jahrhundert tobte ein heftiger Krieg zwischen dem Geschlecht der Minamoto / Genji und den Heike. Der Krieg endete mit eine gewaltigen Seeschlacht, bei der nahezu das gesamte Geschlecht der Heike vernichtet wurde. Nur Kenreimon-in blieb übrig.

Der Text orientiert sich nahe am Epos Heike-Monogatari und er ist erstmalig in deutscher Sprache im Buch zu finden.

Nachtrag:
Das Buch ist erschienen und kann bei mir direkt bestellt werden unter: Vor langer Zeit – Mukashi mukashi

Die Nonne Kenreimon-In

Die Mutter des Kindkaisers Antoku war eine Tochter von Taira Kiyomori, dem ehrgeizigen Oberhaupt der Heike Familie. Im Alter von fünfzehn Jahren kam sie an den kaiserlichen Hof, mit sechzehn wurde sie die Gemahlin des Tennō. Im Alter von siebzehn Jahren adoptierte sie der Exkaiser Go-Shirakawa. Mit zweiundzwanzig gebar sie einen Sohn, der im Alter von zwei Jahren auf den Tennō-Thron gesetzt wurde.[Fußnote 1] Nun war sie auch die Mutter des Tennō. Das Glück schien ihr hold zu sein.

Als sie aber bei der Seeschlacht von Dan no ura miterleben musste, wie ein Schiff der Taira nach dem anderen sank, wollte sie sich zusammen mit ihrem kleinen Sohn, dem Kaiser Antoku ertränken. Aber sie wurde an ihren schönen langen Haaren wieder aus dem Meer gezogen und gerettet. Nur ihr Sohn, der Kindkaiser ertrank. Sie war eine der Wenigen aus dem Geschlecht der Taira, die den Krieg überlebt hatten.

Sie zog sich in die Einsamkeit zurück und legte die Gelübbde als Nonne ab. Sie lebte in einer Unterkunft, die einst einem Mönch gehört hatte. Das Gras wucherte im Garten und dichte Farne wuchsen am Dach. Die Schiebefenster hingen in Fetzen und gaben die Schlafkammer dem Wind und dem Regen preis. Obwohl Blumen in allen Farben wuchsen, gab es keinen Grund, sich an ihnen zu erfreuen. Obwohl das Mondlicht in die Kammer schien, gab es dort niemand, sein Schwinden in der Morgendämmerung zu bemerken. Wie traurig ist es, zu sehen, wie eine Hofdame, die Vorhänge aus Seidenbrokat in einem Jadepalast gewohnt war, in dieser ärmlichen Umgebung ihr Leben verbringt. Sie glich einem Fisch, den das Schicksal ans Land geworfen hat oder einem Vogel, der aus dem Nest gefallen ist. Ihre Gedanken weilten bei den fernen Wolken des westlichen Ozeans, weit hinter den grenzenlosen blauen Wellen. Ihre Tränen strömten, als sie im Mondlicht den moosbedeckten Garten der flüchtigen Hütte weit in den östlichen Bergen sah.

Am fünften Tag des fünften Monats schor sie sich die Haare und wurde Nonne. Aber ihr Kummer wollte nicht weichen, obwohl sie die fließende Welt verlassen und den ewigen Pfad betreten hatte. Niemals konnte sie das Antlitz ihres Sohnes, des Tennō vergessen. Niemals, wie einer ihrer Verwandten nach dem anderen in den Tiefen der wogenden See verschwand. Warum gebar ihre taugleiche Existenz solche schweren Sorgen? Sie brütete unentwegt über das grausame Schicksal und die Tränen hörten nicht auf zu fließen.

Die Nächte waren kurz, dennoch konnte sie kaum die Dämmerung erwarten. Nicht nur in ihren nächtlichen Träumen, auch in ihrem stetig schweifenden Gedanken wiederholte sie die Vergangenheit. Immer und immer wieder. Trübe schien das fade Licht der Lampe auf der Wand. Einsam klang der trostlose Regen am Fenster die ganze Nacht.

Draußen duftete die frische Blüte eines Orangenbaumes. Vielleicht hatte ein früherer Bewohner den Baum gepflanzt, weil der Duft ihn an einen geliebten Menschen aus längst vergangenen Zeiten erinnert hatte.[Fußnote 2]

»satsuki matsu/ hanatachibana no / Ka o kageba / mukashi no hito no / Sode no Ka zo suru.«
Beim Duft der Mandarinenblüte, / die auf den Wonnemonat wartet, /rieche ich den Duft des Ärmels / eines Menschen aus längst vergangenen Zeiten.

Zwei oder dreimal rief der Kuckuck seinen sehnsüchtigen Ruf und Kinreimon‘in nahm den Pinsel und schrieb in den Deckel ihres Tuschekastens:

hototogisu / hanatachibana no / Ka o tomete / naku wa mukashi no / hito ya koishiki
Kuckuck, erhebst du deine Stimme beim Duft der Tachibana,[Fußnote 3] weil du dich an einen Menschen aus
vergangen Zeiten erinnerst?

Im siebten Monat zerstörte ein Erdbeben die ziegelgedeckte Lehmmauer ihres Zufluchtsortes, und sie fühlte sich in ihrer Abgeschiedenheit und Einsamkeit gestört. Schließlich hörte sie von dem halb verfallenen Tempel Jakkō-In weit draußen in den Bergen nahe dem Dorf Ohara.[Fußnote 4] Sie wanderte spät im neunten Monat in die Berge, um zum Tempel zu gelangen. Das Abendlicht warf dichte Schatten über die buntgefärbten Blätter der Bäume. Die Abendglocke eines entfernten Tempels in den Feldern tönte und dichter
Nebel verhüllte ihren Weg und nässte die tränengetränkten Ärmel ihres Gewandes. Ein starker Wind wirbelte die bunten Blätter herum und ein plötzlicher Regenschauer fiel aus den schwarzen Wolken des Himmels. In der Ferne schrie ein einsamer Hirsch, und die melancholische Stimmung des Ortes ergriff ihr Herz. Schließlich erreichte sie den Jakkō-In, der mit moosbedeckten Felsen die Atmosphäre einer uralten und ewigen Stille ausstrahlte. Sie betrat den Tempel und betete zu Buddha: »Möge der Geist des Sohnes des Himmels[Fußnote 5] vollkommene Weisheit erlangen und möge die plötzliche Erleuchtung geschehen!«
Während sie betete, sah sie das Antlitz des Sohnes, des Kindkaisers unmittelbar vor sich. Würde sie jemals diesen Anblick vergessen können?[Fußnote 6]

Direkt unterhalb des Tempels errichtete sie eine Zehn-Fuß-im Quadrat Einsiedelei.[Fußnote 7] Dort verbrachte sie betend und meditierend ihre einsamen Tage. An einem Abend des zehnten Monats hörte sie Schritte draußen vor der Hütte. »Wer sollte sich in die Abgeschiedenheit dieser verborgenen Behausung verirren?« Aber es war nur ein Hirsch, der in der Nacht vorbeizog . Tränenüberströmt schrieb sie an die Schiebetür neben dem Fenster:

iwane fumi / tare wa towamu / nara no ha no / soyogu wa shika no /wataru nerikeri.
Wer sollte wohl kommen, schreitend auf Felsen nach mir rufend? Der Besucher, dessen Schritte im
Laub klangen – ach, es war nur ein Hirsch, der in der Nacht vorbeizog!

Allmählich erkannte sie an ihrem Ort viele Dinge, die Buddha gelehrt hatte. Die Bäume, die ihr Dach säumten, waren wie die sieben Baumkreise, die das reine Land Buddhas umsäumen, das Wasser, das sie zwischen den Felsen sammelte, erschien ihr wie das Wasser der acht Tugenden. Die Vergänglichkeit aller weltlichen Dinge glich den Blütenblättern, die der Frühlingswind zu Boden weht. Die Kürze des menschlichen Lebens schien wie der Herbstmond, der hinter dunklen Wolken verschwindet.

Nach einer Weile, im Frühjahr des zweiten Jahres hatte der Ex-Kaiser Go-Shirakawa, der Adoptivvater von Kenreimon’in, Sehnsucht nach seiner Tochter und er wünschte sie zu besuchen. Aber heftige Stürme wüteten und das kalte Wetter wollte nicht weichen. Der Schnee färbte die Berggipfel weiß und das Eis war noch nicht geschmolzen. So ging das Frühjahr vorüber und der Sommer begann. Eines Nachts, es war noch dunkel, brach der Exkaiser auf um den Jakkō-In und Kinreimon‘in zu besuchen. Obwohl er ohne Zeremonie reiste, begleiteten ihn in seinem Gefolge sechs Männer aus dem Hochadel, acht hochrangige Hofbeamte und etliche Wächter und Diener. Er besuchte zunächst mehrere prächtige Tempel, aber schließlich erwies sich eine einsame Hütte mit einem winzigen Tempel, vollkommen versteckt in den westlichen Bergen, als der gesuchte Jakkō-In.

Die weißen Wolken auf den fernen Hügeln waren nun die verstreuten Kirschbäume, die noch in den Bergen blühten. Das frische Grün der Blätter leuchtete als sicheres Zeichen, dass nun der Frühling vergangen war. Die Wipfel der Bäume waren scharf gezeichnet, wie mit einem Wimpernstift nachgezogen. Kein Maler hätte die ländliche Szene besser malen können. Es war ein erster milder Sommertag und der Ex-Kaiser, der noch niemals so weit außerhalb seines Palastes gewesen war, erkannte verwundert, dass er an einem Ort angekommen war, der nur selten von Menschen aufgesucht wurde.

Der einsame Ort mit einem buddhistischen Tempel weitab in den Bergen musste der Jakkō-In sein. Der geschmackvoll angelegte Garten mit dem kleinen Teich und dem alten Wäldchen zeugte von einer vornehmen Vergangenheit.

Die Dachziegeln sind zerbrochen, der Nebel bildet den ewigen Weihrauch. / Die Türen sind
gestürzt und Strahlen des Mondes leuchten als ewiges Licht.

Wucherndes Gras bedeckte den Garten, biegsame Weidenzweige wehten im Wind und die grünen Wasserlinsen auf dem Teich wirkten wie kostbarer Brokat, der gerade zum Waschen ausgelegt ist. Tiefe Stille herrschte im Tempel. Der Exkaiser rief mit lauter Stimme: »Ist niemand hier?«, aber es gab keine Antwort. Nach langer Zeit näherte sich langsam und gebeugt eine alte Nonne. »Wohin ist die kaiserliche Dame?«, fragte der Ex-Kaiser. »Sie ist in die Berge gewandert, um Blumen zu sammeln.« »Hätte das nicht jemand anders für sie besorgen können?« »Sie erträgt ihr jetziges hartes Leben, weil ihr gutes Karma zu Ende gekommen ist. Der Prinz Siddhartha verließ im Alter von neunzehn Jahren den Palast und bedeckte seine Nacktheit mit Gewändern aus Laub. Er sammelte Brennholz und er trug Wasser herbei und erlangte schließlich durch all seine Entbehrungen die vollkommene Befreiung.«

Der Ex-Kaiser betrachtete die alte Nonne genauer. Er konnte nicht erkennen, ob die Flicken auf ihrem Gewand aus abgeschabter Seide oder einem anderen billigen Material bestanden. »Es ist merkwürdig, dass eine so armselig gekleidete Person solch kluge und wohlgesetzte Worte spricht!«, dachte er und er fragte: »Wer seid ihr?«

Die alte Nonne brach in Tränen aus und konnte lange Zeit nicht sprechen. Dann begann sie: »Mein Vater war Priester am kaiserlichen Hof und meine Mutter eine Hofdame des zweiten Ranges. Mein Name ist Awa-no-naishi und Ihr seid früher, als ich noch im Palast lebte, immer sehr gütig zu mir gewesen!« Nicht nur der Kaiser, sondern auch die Begleiter des Hochadels waren erschüttert: »Niemals hätte eine einfache Nonne solch wohlgesetzten Worte sprechen können! Aber nun erweist sich, dass sie das Leben am kaiserlichen Hof gewohnt war! Sehr wohl erinnern wir uns an ihre liebe Gestalt. Aber in dieser ärmlichen Gewandung hätte sie wohl niemand mehr erkannt«.

Der Ex-Kaiser begann nun einen Rundgang durch den Tempel. Der erste Raum war gestaltet wie die winzige Zehn-Fuß-im Quadrat-Hütte Vimalakirtis, die aber trotz ihrer Beengtheit Platz für zweiunddreißigtausend Buddhas bot. In ihm war ein Bild des Fugen Bosatsu aufgehängt, der auf seinem Elefanten mit sechs Stoßzähnen ritt. Darunter lagen die acht Schriftrollen des Lotos-Sutra[Fußnote 8] und eine Sammlung von Lehrschriften berühmter Meister.

In der Schlafkammer sah er eine schlichte Robe aus Hanf. An Bambusstangen hing eine Zudecke aus Papier. Es schien wie ein Traum, dass die Bewohnerin einst in Seide und kostbarem Brokat gelebt hatte.

Oben auf dem steinigen Pfad, der vom Gipfel des Berges zum Tempel führte, erschienen zwei Nonnen in schichten schwarzen Roben. »Wer sind diese beiden Nonnen?«, fragte der Exkaiser. Die alte Nonne versuchte, ihre Tränen zu unterdrücken: »Die eine, die in einem Korb Bergazaleen trägt, ist die kaiserliche Dame, diejenige, die das Feuerholz auf ihrem Rücken trägt, ist die ehemalige kaiserliche Amme.« Als die kaiserliche Nonne näher kam und ihren Adoptivvater erblickte, wäre sie vor Scham fast verschwunden. Nonne oder nicht, es war zu erbärmlich, dass der Ex-Kaiser sie in dieser ärmlichen Umgebung sah. Sie stand hilflos und schockiert und die Tränen flossen reichlich. Weder konnte sie die Einsiedelei betreten noch zurück in die Berge fliehen. Verzweifelt versuchte sie, ihre tränennassen Ärmel zu verbergen, die sie erst in der nächtlichen Zeremonie des Wasserschöpfens und dann im morgendlichen Tau auf den Bergpfaden durchnässt hatte.

Nach einem langen Gespräch über die Vergänglichkeit der Dinge und die mögliche Erlösung in Gebet und Übung verließ der Exkaiser Kinreimon’in und ihre hochadligen Mit-Nonnen.

Der dunkle und mächtige Klang der Glocke des Jakkō-In kündigte den Abend an. Unter Tränen nahmen der Ex-Kaiser und die Nonne Abschied voneinander: »Möge der Geist des Sohnes des Himmels
und die Totengeister der gefallenen Heike-Krieger die vollkommene Weisheit und die plötzliche Befreiung erlangen. Dafür werde ich beten bis an mein Ende!« Damit verabschiedete sie sich vom
Exkaiser, der in seinen Palast zurückkehrte. Kinreimon’in aber blieb im Tempel bis ans Ende ihres Lebens.

Schließlich wurde sie krank und rezitierte den ganzen Tag und die ganze Nacht die Anrufungen Buddhas. Zu ihrer Rechten und zur Linken saßen die beiden kaiserlichen Mit-Nonnen und beteten: »Tathagata! Namu Amida Butsu[Fußnote 9] – Herr des westlichen Reinen Landes! Geleite mich hinüber in das westliche Paradies!«. Als ihre Stimmen von den Rezitationen müde und schwach geworden waren, erhob sich im Westen eine purpurfarbene Wolke. Köstlicher Duft durchströmte die Kammer und wunderbare Musik
ertönte vom Himmel her. Das menschliche Leben ist endlich wie ein Tautropfen am Gras bei den ersten morgendlichen Sonnenstrahlen. Im zweiten Monat des zweiten Jahres Kenkyū[Fußnote 10] verließ Kenreimon’in diese Welt.

Die beiden Nonnen waren niemals in ihrem Leben von ihrer Seite gewichen. Sie wussten nun nicht, wohin sie sich wenden sollten. So blieben sie im Tempel und verrichteten die Gedenkfeiern bis zu ihrem Ende. Die Bewohner des Dorfes berichteten, dass sie Beiden schließlich friedlich in das reine Land hinübergegangen
waren.

Nachtrag:

Ich habe den kleinen Tempel Jakkō-In oft besucht. Früher lebte dort noch eine alte Nonne, die in direkter Linie von Kenreimon-In abstammte. Wenn Besucher in den Tempel kamen, sang sie mit ihren neunzig Jahren immer noch begeistert mit ihrer brüchigen Stimme die Geschichte der Kenreimon-In aus dem Heike monogatari. Eines Nachts im Mai zweitausend achtete sie wohl nicht auf das Feuer und der Tempel brannte völlig nieder. Vielleicht war es auch nicht ihre Unachtsamkeit, sondern eine Brandstiftung.

Auch die uralte Statue des Jizo – Buddha, die noch aus der Nara-Zeit stammen soll, verbrannte fast völlig. Dabei kamen Unmengen winziger Buddhastatuetten zum Vorschein, die im Inneren des großen Buddha verborgen lagen. Deshalb hieß die Statue die Rokumantai-Jizoson, die Sechzigtausend Jizo Statue. In einem Seitenschrein stand die Figur der Kenreimon’in, die des Antoku und die der Awa-no-naishi, deren Gewand noch von Kenreimon’in stammen sollte. Ihr Umschlagtuch soll das Tuch gewesen sein, in dem der Kindkaiser Antoku einst getragen wurde. Auch das ist im Feuer verbrannt.

Auch der uralte Gingkobaum auf der Vorderseite des Tempels, den Kenraimon-In noch gesehen hatte, verbrannte. Er schlug wunderbarerweise noch ein paarmal im Frühling aus, aber schließlich starb er endgültig. Sein toter Stamm steht noch heute vor dem Tempel und erinnert an die alten Zeiten.
Mujō -Nichts ist beständig!

Der Tempel ist wieder aufgebaut worden und der Jizo neu angefertigt. Er strahlt in farbigem Glanz, so wie er wohl schon zur Zeit der Kenreimon’in nicht mehr gestrahlt hat. Immer noch erzählt man im Tempel die Geschichte aus dem Heike Monogatari.

[Fußnote 1] Antoku, so der kaiserliche Name des Kindes, war der zweitjüngste Tennō Japans. Der Tennō sollte kultisch rein sein und
durfte deshalb keine politische Macht ausüben. Es war deshalb oft das Bestreben des amtierenden Tennō, sich so bald
als möglich aus dem Amt zurückzuziehen und ein Kind auf den Thron zu setzen. Als Ex-Kaiser konnte er dann im
Namen des amtierenden Kindkaisers Politik betreiben. So handelte auch Go-Shirakawa.

[Fußnote 2] Anspielung auf ein Gedicht aus dem Kokin wakashū Nr 139. Satsuki ist der fünfte Monat, der ‚Wonnemond‘. Er wurde
als zweiter Sommermonat gerechnet.

[Fußnote 3] Tachibana ist eine kleine Orange, ähnlich der Mandarine. Sie wurde wegen ihrer duftenden Blüten geschätzt.

[Fußnote 4] Die Abgeschiedenheit des Bergtales von Ohara hatte schon viele Adlige jener Zeit angezogen. Sie flohen dorthin aus
dem Getriebe der Kaiserstadt, vor den Intrigen und den Kriegswirren, um dort in einer Art mönchischem Leben ihre
Übungen in Meditation oder den Künsten zu pflegen.

[Fußnote 5] Sohn des Himmels: Tennō

[Fußnote 6] Noch heute stehen im Tempel die Figuren von Kinreimon’in und Antoku.

[Fußnote 7] Zehn Fuß im Quadrat: Hō-jō ist nach dem Vorbild der Hütte von Vimalakirti errichtet. Vimalakirte war ein Kaufmann zur
Zeit Shakyamuni Buddhas. Er zog sich in die Berge in eine winzige Hütte zurück. Nachdem er erwacht war, ging er
zurück in die Stadt und lebte sein Leben als Kaufmann. Er ist das Vorbild für den erwachten Buddhisten, der den Alltag
leben kann.Auch Kamo no Chōmei hatte sich eine solche Hütte errichtet. Dort schrieb er die Aufzeichnungen aus der
Hütte, die Hō Jō Ki. Diese Hütte wird später das Vorbild für das japanische Teehaus für die Teezeremonie.

[Fußnote 8] Fugen Bosatsu, der Boddhisattva der guten Praxis und des Mitleids. Er schützt besonders das Lotos-Sutra, das im
Tendai Buddhismus, zu dem der Jakkō-In gehört, studiert wird. Er erscheint den Menschen, die inbrünstig das
Lotossutra rezitieren. Dafür müssen sie in besonderer Weise die sechs Sinne (Augen, Ohren, Nase, Geschmack, Leib
und Gedanken) reinigen. Er erlöst auch Frauen – was im alten Buddhismus nicht selbstverständlich war. Er erscheint oft
auf einem weißen Elefanten mit sechs Stoßzähnen, die für die sechs Sinne stehen.

[Fußnote 9] Namu Amida Butsu – etwa: Vertrauen auf Amida Buddha. Amida herrscht im reinen Land. Ruft man ihn mit reinem
Herzen im Sterben an, so erscheint er und holt den Sterbenden ins Reine Land.

[Fußnote 10] Die japanische Zeitrechnung richtet sich nach Nengō, Devisen, die vom Kaiser ausgegeben werden. Das 2. Jahr Kenkyū
ist das Jahr 1191.

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Viereinhalb Matten – Der Kiefernwind

Ich habe einen kleinen Beitrag geschrieben zu dem Teeraum am Feuerberg.

Im Norden der alten Kaiserstadt Kyoto liegt verborgen hinter hohen Kamelienbüschen der ‚Silberne Pavillon‘. Dort residierte der Shōgun Yoshimasa (15. Jhdt.), der mitten in schrecklichen Zeiten von Krieg und Hungersnöten den Frieden seines Herzens suchte. Da berichtete ihm sein Beraten von einem Teemeister mit dem Namen Murata Jukō:

Das Singen des siedenden Teekessels beneidet den Wind in den Kiefern und erfreut zu allen Jahreszeiten das Herz.
Neuerdings hört man von einem gewissen Murata Jukō, der sich ganz dem Tee gewidmet hat und in dieser Kunst äußerst bewandert ist.

Der Shōgun ließ sich einen Teeraum mit viereinhalb Matten errichten und forthin fand er beim Singen des Teekessels seinen Frieden.
Die viereinhalb Matten sind Matten aus Binsengras, die mit gewebtem Reisstroh überzogen sind. Sie haben das Standartmaß von 95 x 190 cm. Alle traditionellen Häuser in Japan sind von diesem Modul geprägt. Die viereinhalb Matten bilden einen Raum von gerade einmal 8 qm und dennoch sind sie ein Abbild des gesamten Kosmos. Sie bilden ein Quadrat mit einer vollkommenen Harmonie, die genau den Regeln des Fengshui folgen.

Zur Zeit Buddhas lebte der Kaufmann Vimalakirti. Er verließ seine Heimat und zog sich zur Meditation in eine winzige Hütte in den Bergen zurück. Nach der Tradition hatte sie eine Grundfläche von 5 Fuß im Quadrat. Das entspricht genau der Fläche der viereinhalb Tatami. In dieser schlichten Hütte fand Vimalakirti seinen Frieden und kehrte in seine Heimat zurück. Dort lebte er als erfolgreicher Kaufmann, der viele gute Taten vollbrachte. Als er krank wurde, schickte Buddha seine Schüler zu ihm, aber keiner wagte es, Vimalakirti zu besuchen, weil er viel größer war als sie selbst. Er verwirklichte seinen Frieden mitten im alltäglichen Leben. Buddhas Jünger dagegen fanden ihn nur im Rückzug in die Abgeschiedenheit.

Nach dem Vorbild Vimalakirtis hatte sich der japanische Dichter Kamo no Chōmei im 13. Jahrhundert in die Berge zurückgezogen, um sich in einer kleinen Hütte von 5 Fuß im Quadrat der Musik und Poesie zu widmen.

Nun habe ich mein sechzigstes Jahr erreicht, und mein Leben scheint dahinzuschwinden wie ein Tautropfen. So habe ich mir noch einmal eine Behausung für die letzten Jahre meines Daseins gebaut gleich einem Wanderer, der sich für eine Nacht einen Unterschlupf herrichtet, gleich einer alternden Seidenraupe, die sich einen Kokon spinnt.

Die Hütte ist – wie die Hütte Vimalakirtis – nicht prachtvoll und mit Gold und dem Glanz des Reichtums ausgestattet. Sie soll lediglich vor Wind und Wetter schützen und ist aus einem bewussten Verzicht auf die Pracht der Paläste nur für den Augenblick errichtet.

Als der Haikudichter Bashô (17. Jhdt.) in der Einsamkeit der abgeschiedenen Berge unterwegs war, traf er auf die Hütte, die sich einst sein alter Zen-Lehrer Butchô gebaut hatte. Butchô hatte diese Hütte nicht als komfortable Unterkunft gebaut, dazu ist der Aufenthalt viel zu flüchtig. An die Wand der Hütte hatte er mit einem verkohlten Holzstück geschrieben:

Tateyoko no
Goshaku ni taranu
Kusa no io
Musubu mo kuyashi
Ame nakeriseba

In Länge und Breite
mißt diese Grashütte kaum
fünf Fuß! – Hätte ich mich
abgemüht, sie zu errichten,
wenn es den Regen nicht gäbe?

In den »Aufzeichnungen des Mönches Nambō« erklärt der große Teemeister des 16. Jhdt. Sen No Rikyū das Wesen des Teeweges:

Sich an der großartigen Konstruktion eines Hauses und an dem Geschmack erlesener Speisen zu freuen, ist eine sehr weltliche Angelegenheit. Uns genügt ein Haus, durch dessen Dach es nicht regnet, und ein Mahl, bei dem gerade der Hunger gestillt ist. Das entspricht der Lehre Buddhas und dem wahren Geist der Teekunst. Man bringt Wasser herbei, sammelt Brennholz, erhitzt das Wasser und bereitet Tee. Dann bringt man ihn dem Buddha dar, reicht ihn den anderen und trinkt ihn auch selbst. Man arrangiert Blumen und entzündet Weihrauch. Durch all dies formen wir uns selbst nach den Taten Buddhas und der vergangenen Meister zu wandeln. Alles andere musst du aus Dir selbst verstehen lernen.

Nambō war ein buddistischer Mönch. Aber man muss nicht der Lehre Buddhas folgen, um den Segen des Teeweges zu erleben. Auch die Jesuiten, die im 16. Jhdt. in Japan missionierten, übten begeistert und fleißig die Teezeremonie. In jeder Missionsstation gab es einen Teeraum. Noch heute erinnern viele Bewegungen bei der Teezeremonie an die katholische Messfeier. Die gemeinsame Feier des Tees ist eine Feier des Lebens, unabhängig von Herkunft, Religion, Geschlecht oder gesellschaftlicher Stellung. Denn alle Menschen sind nach der Philosophie des Teeweges im Teeraum gleich.

Kamo No Chōmei vergleicht seine winzige Hütte mit dem Kokon einer Seidenraupe. Der Kokon ist nicht nur eng, er bildet auch den Schutz, in dem sich die Raupe in einen wundervollen Schmetterling verwandelt. Und so ist auch der Teeraum ein Ort der Verwandlung. Es ist kein endgültiger Rückzug aus dem Leben, sondern ein Ort der Sammlung und Besinnung. Gestärkt kehrt man dann wieder aus der Stille in den Alltag zurück, der sich aber hoffentlich verwandelt und den hektischen Andrang der Dinge verloren hat.

Im Teeraum versammeln sich der Gastgeber und seine Gäste, um nach einem alten Ritual den Tee aus gemahlenem Teepulver und heißem Wasser zu bereiten und zu genießen. Schweigend bereitet der Gastgeber die Teegeräte vor, die er zunächst achtsam und rituell reinigt. Diese Reinigung dient zugleich dazu, alle Hektik des Alltags auszublenden und in die Stille zu finden. Bewegung und Atmung bilden eine Einheit und in gemessenen Bewegungen ‚tanzt‘ der Teemeister den Tee. Unmerklich gleiten die Gäste, geleitet vom Tee-Tanz in die Stille, die der Gastgeber schon im Vorbereitungsraum eingeübt hat. Der Duft des frisch aufgebrühten Tees erfüllt den Raum, der Teekessel singt sein Lied der Stille und die Blume leuchtet in der Schmucknische und zeigt die Jahreszeit an. Einer meiner Lehrer – ein amerikanischer Jesuit, der in Japan zum Teemeister ‚konvertiert‘ war – hat einmal gesagt: »Sogar ein Idiot würde in einem solchen Raum in die Stille finden!«

Der Dichter Bashō war sein ganzes Leben auf Wanderschaft, denn er verstand das Leben als eine unentwegte Wanderung. Bis auf das Sterbebett bleibt der Wunsch nach ursprünglicher Geborgenheit. Ganz besonders aber im Herbst, wenn das Laub fällt und der Winter naht, sehnt sich das Herz nach Geborgenheit, die in der Stille der viereinhalb Matten des Teeraumes ihren Frieden findet:

Aki chikaki
kokoro no yoru ya
yo jo han

Der Herbst kommt heran.
das Herz erfüllt von Sehnsucht:
viereinhalb Matten!

Der Teeraum auf dem Feuerberg hat – wie es sich für einen japanischen Teeraum gehört – auch einen traditionellen Namen: Hōrai-An. Der Hōrai-San ist der Götterberg der japanischen und chinesischen Mythologie. Er liegt ganz weit im Nordosten. Dort wohnen die Glücksgötter und sie senden ihre Gaben auf einem Schatzschiff zu den Menschen. Die Gaben sind langes Leben, Weisheit, Schönheit und Harmonie, Musikalität, Tapferkeit und Wohlergehen. ‚An‘ ist eine kleine Klause, in die man sich zurückzieht, um dort bei Studien, Musik und Poesie den inneren Frieden zu finden. Ein klein wenig ist ja auch der Feuerberg ein Ort der Stille und des Rückzugs von der Hektik des Alltags. Was passt also besser zu dem Teeraum am Feuerberg als »Klause am Götterberg«.
In der Schmucknische hängt die Schrift eines alten Zenmeisters aus dem Daitokuji Tempel, die er im Alten von 90 Jahren geschrieben hat:

DOKU SA DAI JU HŌ – Allein sitzen auf dem Gipfel des Dai-Jū Berges.

Der Dai-jū Gipfel liegt in einer zerklüfteten Gebirgsgegend Chinas. Wörtlich bedeutet der Name Dai-Jū: Großer Held. Damit wird Buddha selbst bezeichnet. Nahe des Gipfels hatte sich der Zenmeistern Hyakujō seine winzige Hütte neben einem mächtigen Wasserfall gebaut. Hyakujō hatte den Namen des Berges angenommen, denn das ist ein anderer Name des Dai-Jū Berges. Ein Mönch fragte den Meister Hyaku-Jū / Dai-Jū: »Was ist das größte Wunder?« Der Meister antwortete: »Allein auf dem Gipfel des Berges sitzen!« Jeder Ort, an dem wir in die Stille kommen, wird zum Dai-Jū Gipfel. Dazu muss man nicht nach China reisen.
Nichts Besonderes: Einfach nur sitzen! Fern von jeder Hektik gemeinsam die Stille genießen und den Stimmen der Natur lauschen! Vielleicht auch einfach beim Gesang des Teekessels und einer Schale Tee.


Philosophie am Feuerberg 2016

Vom 12. bis zum 19 Juni werde ich am Feuerberg in Kärnten ein Seminar über „Hölderlin und Zenmeister Dogen“ halten. Das wird eine erholsame Woche mitten in der Bergwelt Kärntens bei bestem Essen in der gastlichen Atmosphäre des Hotels Feuerberg Mountain Resort. Herr Berger, der Leiter und Besitzer des Feuerbergs hat mich gebeten, einen kleinen Artikel über den „Wandel“ zu schreiben. Dem bin ich gern nachgekommen. Der Artikel ist schon eine kleine Vorschau über das Seminar.
Wer an diesem erholsamen Ferienseminar interessiert ist, kann sich gern schon an das Hotel Feuerberg wenden. Es gibt zum Seminar Sonderangebote.

Der Wandel

Leben ist Veränderung und Wandel. Wir werden geboren, reifen vom Kind zum Erwachsenen und werden alt und schwach. Leben ist ein stetes Abschiednehmen vom Gewohnten. In den Duineser Elegien schreibt Rilke:

Wer saß nicht bang vor seines Herzens Vorhang? Der schlug sich auf: die Szenerie war Abschied.

Schopenhauer vergleicht die Welt mit einem tobenden Meer. Wir sitzen in einem winzigen und brüchigen Kahn, der nur scheinbar Sicherheit gewährt über ‚heulenden Wasserbergen‘. Wenn wir den tosenden Wechsel der Wogen über dem Abgrund erkennen, steigt ein ‚Grausen‘ auf.
Aber das ‚Wechseln und das Werden‘ im tosenden Meer des Lebens muss nicht nur Angst und Trauer hervorbringen. Es gibt auch das Glück des Schwimmers, der sich von den Wellen tragen lässt. Hölderlin ruft das Griechenmeer, den Archipelagos:

Töne mir in die Seele noch oft, daß über den Wassern
Furchtlosrege der Geist, dem Schwimmer gleich, in der Starken
Frischem Glücke sich üb‘ und die Göttersprache das Wechseln
Und das Werden versteh‘.

Aber manchmal ergreift ‚die ‚reißende Zeit zu gewaltig das Haupt‘. Dann, so sagt Hölderlin, ‚lass der Stille mich in deiner Tiefe gedenken‘. Tief unten, weit unter der tosenden Oberfläche ist die Stille, die auch in uns wohnt. Sie ist der Ort, an dem wir den Frieden in allem Wechsel und Werden finden.

Im japanischen Zen gibt es die Geschichte eines Mönchs, der in einem Baum hängt. Verzweifelt klammert er sich mit den Zähnen an einen Ast, weil er keinen anderen Halt finden kann. Voller Angst klammert er, weil er nicht weiß, was ihn erwartet, wenn er loslässt. In seiner Angst hält er an der altbekannten Situation fest, in der er aber weder leben noch sterben kann.

Da kommt ein anderer Mönch unten am Baum vorbei und und stellt ihm eine Frage. Nur wenn wir die Angst in unserem Herzen überwinden und los-lassen können, werden wir ‚das frische starke Glück‘ finden.
Antwortet der Mönch im Baum nicht, so weiß man nicht, was mit ihm geschehen wird. Aber auf Dauer kann er nicht in dieser unhaltbaren Situation verweilen. Vielleicht hängt er eines Tages dort wie eine vertrocknete Frucht, die ihre Zeit des Reifens verpasst hat. Dann ist er mitten im Leben vertrocknet und abgestorben.

Der Mönch, der unten am Baum vorbei kommt, meint es recht gut mit seiner Frage. Vermutlich hat er erkannt, dass die Angst den Mönch in seiner unhaltbaren Situation festhält. Durch seine Frage zwingt er ihn, zu antworten und loszulassen.
Vermutlich fällt er einfach nur auf den Boden, auf dem er leben kann und der sogar unmittelbar unter seinen Füßen liegt. Den konnte er bisher nicht sehen, weil er vor lauter Angst nichts anderes als seinen Ast im Blick hatte.

Wie oft klammern wir uns an eine unhaltbare Situation aus lauter Angst vor dem Unbekannten. Aber wenn wir die Veränderung nicht zulassen, müssen wir uns vielleicht am Ende fragen, ob wir denn überhaupt gelebt haben.
Georg Christoph Lichtenberg hat einmal gesagt:

Ich weiss nicht, ob es besser wird, wenn es anders wird. Aber es muss anders werden, wenn es besser werden soll.

PS.:
In Japan ist ‚Ukiyo‘ die fließende Welt der Veränderung.
Das Schriftzeichen zeigt ursprünglich eine Melone, die lustig auf den auf den Wellen tanzt. Dieser fließenden Welt wohnt eine eigene Schönheit inne. Der Dichter Basho gestaltet die Schönheit des Augenblickes, die zugleich lustig und traurig ist, in einem kleinen Haiku:

Da – die Hibiskusblüte!
Und schon hat sie mein Pferd gefressen.

Literatur zum Nachlesen:
Mein Buch „Im Garten der Stille – Hölderlin im Gespräch mit Zenmeister Dogen“ wird eine der Grundlagen für das Seminar sein.
Man kann das Buch direkt hier kaufen: Im Garten der Stille.
Auf Wunsch auch mit Kalligrafiestempel und handsigniert.