Sakura Sakura

Soweit das Auge reicht –
Kirschblüten und Weidenzweige
Bunt vermischt –
Frühlingsbrokat ist wahrlich
Nun die Hauptstadt selbst. 

Kokin Wakashu

Kaum ein Ereignis versetzt die Japaner in höhere Aufregung als die erste Kirschblüte im Jahr. Einmal war ich zu den Feierlichkeiten zum Totengedenktag des großen Teemeisters Sen no Rikyu (+ 1591) in der Urasenke Teeschule in der alten Kaiserstadt Kyoto. Hunderte von feierlich gewandeten Teelehrerinnen und Teelehrer waren gekommen, um gemeinsam des Todestages zu gedenken. Es war ein kalter Frühlingstag mit eisigem Wind. Der Großmeister legte die Holzkohlen aufs Feuer und fügte eine kleine Kugel mit Dufthölzern hinzu. Der ganze Raum füllte sich mit dem zarten Duft nach Kirschblüten, obwohl weit und breit keine einzige Blüte zu sehen war. 

Nach Ende der Feierlichkeiten verließen wir die historischen Teeräume und gingen ins Freie zu einem benachbarten Tempel. Plötzlich ertönten schrille Schreie. Erschrocken lief ich hin, um zu helfen. Aber da standen einige Teelehrerinnen verzückt unter einem Kirschbaum. Die allererste Blüte war gerade in dem Augenblick aufgebrochen, als sie aus den Teeräumen kamen. Mit schrillen Entzückensschreien versammelte sich eine riesige Schar von Teelehrerinnen und kommentierte diese erste Blüte im Jahr: „Genau in dem Augenblick, als wir von der Totenfeier kamen, brach die erste Kirschblüte auf!“

Dieses Jahr
erlebt die Kirschblüte
Zum ersten Mal den Frühling –
Ich wünschte, dass sie niemals
zu lernen brauchte, was fallen heißt

Kokin Wakashu

Tatsächlich sehen die Japaner in der vergänglichen Schönheit der Kirschblüten ein Sinnbild für den Tod mitten in der Blüte des Lebens. Entlang der Bachläufe werden gerne Kirschbäume gepflanzt. Wenn dann die vergänglichen Blüten den Bachlauf dicht mit den abgefallenen Blütenblättern bedecken, dann ist das fast noch schöner als die Pracht der Blüten an den Bäumen. Beim kleinsten Windstoß wirbeln die Blütenblätter im Wind. Dieser Hana Fubuki  – Blütenschneesturm bedeckt das Haupt und das ganze Gewand, das zu einem Hana Goromi, einem blütenbedeckten Zengewand wird. 

Wenn es regnet, fallen die Blütenblätter auf das dunkelgrüne Moos unter den Bäumen und färben es rosa. Welch wundervoll schwermütiger Anblick der Schönheit in der Vergänglichkeit!

Überall in den Städten feiern die Japaner diese vergängliche Schönheit. Man trifft sich in den Parks unter den Kirschbäumen. Dort werden blaue Plastikbahnen ausgebreitet und man trinkt Sake und genießt das mitgebrachte Essen.  Damit auch ja niemand die vergängliche Pracht verpasst, werden im Fernsehen ausführliche Lageberichte gesendet. Dort wird mit genauen Karten gezeigt, wo im Land gerade eben die Kirschblüte beginnt und wo sie ihren Höhepunkt hat. Dann reisen tausende von Menschen zu den Brennpunkten des Hanami, der Kirschblütenschau. 

Einer der berühmtesten Orte ist Yoshino in den Bergen südlich von Osaka. Dort hatte schon um 900 ein Mönch wilde Bergkirschen gepflanzt. Wenn dann der Schnee auf dem Berggipfel schmilzt, färbt sich der gesamte Berg weiß rosa wie mit Schnee bedeckt. Obwohl der Berg weitab von den Städten liegt, man stundenlang mit dem Zug unterwegs ist und dann noch mit der Seilbahn auf den Berg fahren muss, ist der Ort so dicht mit Menschenmassen bedeckt, dass man kaum einen Schritt vorwärtsgehen kann. Überall in den Menschenmassen trifft man die Yamabushi, die „Bergasketen“ in ihren seltsamen Gewändern und manchmal kann man hören, wie sie ihre riesigen Muschelhörner blasen. Früher einmal war der Berg der Rückzugsort des Tenno. Damals war es zu einem Krieg zwischen den südlichen und nördlichen Zweig der Tenno Familie gekommen. Viele Adlige zogen mit dem Tenno nach Yoshino, aber immer hatten sie Heimweh nach der alten Kaiserstadt Kyoto. Eine junge Adlige, deren Eltern gestorben waren, musste Yoshino verlassen und lebte als Dayu, als adlige Unterhaltungsdame in Kyoto. Immer hatte sie eine unstillbare Sehnsucht nach Yoshino. Darum gab man ihr den Namen Yoshino. Einmal besuchte sie in Kyoto den Tempel Kiyomizu, der auch berühmt ist für seine Kirschblüte. Sie klagte vor Heimweh nach Yoshina, aber beim Anblick der Kirschblüten sprach sie den berühmten Satz: „Auch hier ist Yoshino!“ Zuhause ist dort, wo die Kirschen blühen.

Der Hauptschrein der Kaiserstadt ist ebenfalls berühmt für die Kirschblüte. Wenn man den Garten durch ein rotes Shinto Tor betritt, ist man überwältigt von der unglaublichen Fülle der Kirschblüten. In allen Formen und Farben blüht es von weiß über rosa bis rot. Die Luft ist erfüllt vom Blütenschneesturm und das Haupt wird weiß von Kirschblüten. Der Weg durch den Garten macht eine leichte Biegung über eine kleine Anhöhe und plötzlich steht man in einem Zengarten. Keine einzige Blüte. Nur das beständige Grün uralter Kiefern und tote, abgestorbene Bäume, die mit ihren bizarren Formen die Landschaft prägen. Es gibt genau eine einzige Stelle auf der Anhöhe, an der man beide Gärten sehen kann. Schaut man zurück, so sieht man die bunte Welt der Vergänglichkeit, schaut man nach vorn, die gelassene und erhabene Welt der Unvergänglichkeit. 

Dieser Gegensatz zwischen der wilden Schönheit der Vergänglichkeit und der ruhigen Gelassenheit ist für Japaner derart prägend, dass sie sogar ihr Silbenalphabet nach einem alten Gedicht anordne, in dem jede Silbe ihrer 50 Laute genau einmal im Gedicht vorkommen.

              iro.ha nioedo chirinuru.o wa.ga yo tare zo tsune naran ui.ga yo tare zo tsune naran ui.no oku yama kyô koete asaki yume miji ehi.mo sezu  

Die Farben sind noch frisch, doch sind die Blätter, ach, schon abgefallen!
Wer denn in unserer Welt wird unvergänglich sein?

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