Knapp am Nobelpreis vorbei!

Als junger Mann arbeitete ich am Max Planck Institut für Plasmaphysik in Garching bei München. Ich untersuchte die Diagnosemöglichkeiten des Plasmas mit Sonden. Ein Plasma ist eine Mischung von ionisierten und neutralen Atomen, Protonen und Elektronen. Man findet es in Leuchtstofflampen oder auch in der Sonne. Dort erzeugt das Plasma mit Kernverschmelzung die ungeheuren Energien der Sonne. Wir versuchten damals, die Kernverschmelzung in der Sonne als Prozess zur Energiegewinnung zu nutzen. Dazu waren aber Diagnosemethoden erforderlich, um den Zustand des Plasmas bestimmen zu können.

Ich hatte einen einfachen Generator gebaut, der einen Plasmastrahl erzeugte, den ich mit Hochspannung beschleunigen und mit Magnetfeldern einschnüren konnte. Denn um den Prozess der Kernverschmelzung zur Energiegewinnung in Gang zu setzen, sind eine hohe Dichte des Plasmas, hohe Energie und hohe Verweilzeit im Gemisch erforderlich.

Ganz bescheiden hatte ich ein Experiment aufgebaut, in dem ich Plasma mit niedriger Energie diagnostizieren konnte. Das funktionierte auch sehr gut und so begann ich mit meinen Studien, mit denen ich die Eigenschaften der Sonden erforschen wollte. 

Ganz plötzlich und unerwartet traten sehr fremdartige Schwingungen im Plasma auf, die ich mir nicht erklären konnte. Alle Untersuchungen halfen nichts: Ich verstand die Entstehung der Schwingungen nicht. Außerdem verschwanden die Schwingungen völlig unerwartet und unkontrollierbar und waren nicht mehr reproduzierbar.

An manchen Tagen traten die Schwingungen auf, an manchen waren sie mit keiner Methode wieder hervorzurufen. Der Verdacht bestand, dass ich einer sensationellen Entdeckung auf der Spur war. Immer mehr Kollegen kamen, um das merkwürdige Phänomen zu begutachten. Aber was ich auch unternahm: An einem Tag war die Schwingung vorhanden, am nächsten wollte sie sich unter keinen Umständen einstellen. Niemand konnte sich das Phänomen erklären.

Eines Tages war Otto Hahn, der Entdecker der Kernspaltung und Nobelpreisträger bei uns zu Besuch. Ich wollte ihm das Phänomen vorführen, aber an diesem Tag waren keine Schwingungen des Plasma zu beobachten. Otto Hahn sagte nur: „Junger Mann, ich bin nur ein einfacher Chemiker. Ich habe keine Ahnung von ihren Experimenten!“

Langsam hatte ich den Verdacht, dass mein rätselhaftes Phänomen wetterabhängig sein könnte. Aber was hat das Wetter mit Plasmaphysik zu tun? An schönen Tagen traten die Schwingungen auf, bei Regen oder an kalten Tagen niemals. Aber das Phänomen war auch nicht an allen schönen Tagen zu beobachten. Es war einfach zum Verzweifeln. Anfangs kamen immer mehr Kollegen um den künftigen Nobelpreisträger bei seiner Arbeit zu beobachten. Aber langsam verloren sie das Interesse, denn das Phänomen der rätselhaften Schwingungen war einfach nicht regelmäßig zu reproduzieren. Was auch immer ich unternahm, es schien mehr oder weniger Zufall, ob die Schwingungen auftraten oder nicht. 

Zu der Zeit baute die Firma Linde einen Heliumverflüssiger in unserer Laborhalle auf. Damit sollten die Magnetspulen gekühlt werden. Denn um ein Plasma von nötiger Dichte zu erzeugen, sind gewaltige Magnetfelder erforderlich. Aber die Kupferspulen für die Elektromagneten waren derart hoch beansprucht, dass sie einfach geschmolzen sind. Immer wieder verdampften die wassergekühlten Kupferrohre unter der enorm hohen Strombelastung. Dann entstanden gewaltige Lichtbögen mit verdampftem Kupfer, bis die Lichtbögen dann endlich abbrachen, weil nicht mehr genug Kupfer verdampfte. Einmal kam gerade mein Mitarbeiter aus dem Untergeschoss über die Wendeltreppe in die Halle, als die Kupferspule mit einem lauten Knattern explodierte. Wie ein gewaltiges Feuerwerk spritze flüssiges Kupfer durch die Gegend.  Erschrocken sprang der Kollege die Treppe wieder hinunter in den Keller. Aber dort tropfte das verflüssigte Kupfer durch die Kabelschächte nach unten. Wie ein kleiner Flaschenteufel sauste er immer wider die Treppe nach oben und wieder nach unten, anstatt den Not Aus-Schalter zu betätigen, der direkt an der Treppe angebracht war.

Aber auch der Not Aus-Schalter funktionierte nicht, denn in den Magnetspulen war noch so viel magnetische Energie gespeichert, dass es eine ganze Weile dauerte, bis der Lichtbogen, der mit einem gewaltigen Lärm explodierte, wieder verlosch. 

Also sollten die Kupferrohre nicht mehr mit Wasser, sondern mit flüssigem Helium nahe beim absoluten Nullpunkt gekühlt werden. Dann sinkt der elektrische Widerstand er Magnetspulen gegen Null und die Wärmebelastung sinkt dramatisch.

Aber die Maschine, die ja riesige Mengen von flüssigem Helium mit einer Temperatur nahe des absoluten Nullpunktes produzieren sollte, wollte nicht so recht funktionieren. Also war immer wieder einmal ein Techniker der Firma Linde anwesend, um die Maschine doch noch zum Laufen zu bringen. Er arbeitet an der Maschine und hörte den Bayerischen Rundfunk. Ständig dudelte sein Kofferradio. Wir waren derart genervt, dass wir einen Störsender bastelten, der genau auf der Frequenz des BR lief, weil er einfach nicht einsah, dass er kein Radio hören sollte. Plötzlich streikte das Radio des Monteurs, gestört von unserem Störsender und er schaltete es fluchend wieder aus. Aber um Radio hören zu können, musste er die Hallentür unserer Laborhalle öffnen, denn die war als faradayscher Käfig völlig von elektrischen Strahlungen von außen abgeschirmt. Wenn es draußen kalt war, hörte er kein Radio, denn der Heliumverflüssiger stand direkt an der Außentür der Halle und er fror bei offener Hallentür.

Und plötzlich bemerkte ich, dass ich immer dann die unerklärlichen Schwingungen im Plasma hatte, wenn der Linde-Monteur Radio hörte. Hörte er kein Radio, waren auch keine Plasmaschwingungen messbar.

Und dann kam die große Enttäuschung: Mein Plasmastrahl wirkte wie eine Antenne, die den Bayerischen Rundfunk aufnahm. War die Hallentür offen, gab es Schwingungen, war die Hallentür geschlossen, waren die Schwingungen niemals vorhanden. 

Ich hatte niemals unmittelbar vor dem Nobelpreis gestanden: Ich hatte mit meinem Plasmastrahl einfach nur den Bayerischen Rundfunk empfangen, der nicht allzuweit seine Sendemasten aufgebaut hatte. Eigentlich schade! Vielleicht hätte ich einen Rundfunkempfänger aus meinem Plasmastahl bauen sollen? Aber dafür gibt es wohl keinen Nobelpreis.

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