Gesang der Drachen: Korea

Wir kommen gerade aus Südkorea zurück und sind noch angefüllt mit Erlebnissen und Begegnungen. Einer der eindrucksvollsten Orte, die wir besucht haben, ist der Haeinsa Tempel (sprich: Heeinsa). Der Tempel hütet als einen besonderen Schatz der gesamten Menschheit die 81.258 Druckstöcke der ‚Tripitaka koreana‘, der ältesten erhaltenen buddhistischen Literatur. Sie wurden, nachdem die Originale im Krieg mit den Mongolen verbrannt waren im 13. Jhdt. erneut in Holz geschnitten. Noch heute sind diese Druckstöcke in einem Zustand, dass man noch heute mit ihnen drucken könnte. Aber sie werden Tag und Nacht mit äußerster Sorgfalt unterstützt von aufwändigen Sicherheitseinrichtungen von einer Schar von Sicherheitsleuten bewacht.

Der Tempel liegt in einer atemberaubenden Landschaft mitten in den Bergen, umgeben von dichten Wäldern, Schluchten und Wasserfällen. Aber der größte Schatz, den der Tempel birgt, sind die Mönche und ihr alter Lehrer.
Wir kamen an einem regnerischen Tag am Tempel an. Die nebelverhangenen Berge leuchteten in tiefem frischen Grün. Der Mönch, der uns empfing, war zunächst ein wenig ratlos. Das Templestay Programm war zu Ende und eigentlich kein Platz für uns. Aber wir hatten sofort einen warmherzigen menschlichen Kontakt miteinander. Er versuchte sogar, auf unseren Shakuhachi zu spielen und tatsächlich erklangen bald eine Reihe von Tönen. Schließlich wurden wir in recht komfortablen Räumen mit Fußbodenheizung einquartiert. Der Mönch erklärte uns die Sitten und Verhaltensregeln im koreanischen Tempel. Beim Betreten der Halle verbeugt man sich tief. Dann kniet man dreimal nieder, berührt mit der Stirn den Boden, und hebt die Hände mit den Handflächen nach oben weit bis über die Ohren. Damit wird Buddha auf den Händen getragen und hoch erhoben. Wer will, kann diese Übung einhundertacht Mal wiederholen.
Am nächsten Morgen wurden wir um drei Uhr in der Früh geweckt. An einem dramatischen Wolkenhimmel leuchtete hell der Vollmond. Allmählich versammelte sich eine kleine Gruppe von Menschen um den Pavillon mit den wichtigen buddhistischen Instrumenten: der großen Trommel, der riesigen Glocke, dem Holzfisch und dem wolkenförmigen großen Bronzegong. Dort warteten vier Mönche, je einer aus den Gruppen der unterschiedlichen Ränge, vom Anfänger bis zum erfahrensten, höchsten Grad.
Die Trommel ist so groß, dass die Mönche, der sie spielten, mit ausgebreiteten Armen gerade den äußeren Rand der Trommel erreichen konnten. Zwei aufgemalte gewaltige Drachen winden sich um die Trommel. Die beiden Trommelfelle sind aus der Haut einer Kuh und der eines Ochsen. Sie müssen aus Neuseeland importiert werden, denn in Korea gibt es keine derart großen Tiere. Der Mönch hatte uns erklärt, dass der Klang der Trommel wie der Gesang des Drachen ist. Er soll mit seinem Lied alle Wesen, die auf dem Erdenrund leben erwecken und vom Leid erlösen.
Von oben aus dem Tempel, wo sich etwa vierzig Mönche versammelt hatten, erklang der riesige Gong und die nächtliche Stille bebte voller Spannung.
Unser Mönch stieg nun auf eine kleine Bank vor der Trommel, denn anders konnte er den oberen Rand nicht erreichen. Mit atemberaubender Geschwindigkeit wurde die Trommel geschlagen. Zunächst in der Mitte des Trommelfelles, dann immer wieder mit weit ausholenden Schlägen bis an den Rand. In der Mitte, nach oben und nach unten in allen acht Himmelsrichtungen. So sollen die Wesen in allen Himmelrichtungen gerufen und erlöst werden. Vier Mönche wechselten sich beim Spiel der Trommel ab, denn es ist eine enorme physische Leistung, derart schnell und gewaltig die Trommel zu schlagen. Die Vier spielten stellvertretend für alle Mönche des Tempels.
Dann wurde die gewaltige Glocke geschlagen. Ein seitlich aufgehängter Baumstamm wird gegen die Glocke geschwungen und ihr Dröhnen erfüllt den gesamten Raum. Oben auf der Glocke windet sich ein Bronzedrache: Er ist es, dessen Stimme den Raum zwischen Himmel und Erde zum Schwingen bringt und alle Wesen wach ruft.
Der gewaltige Holzfisch, der eigentlich auch ein Drache ist, wird mit Schlagstöcken in einer Öffnung am unteren Bauch des Fisches geschlagen. Sein Klang soll die Wesen, die im Wasser leben erlösen. Zum Schluss ertönt der wolkenförmige Gong, der die Wesen in der Luft und im Himmel retten soll.

Inzwischen waren wir in den Tempel gegangen, wie die Mönche still auf ihren Sitzkissen saßen und dem Konzert der Drachen in tiefer Konzentration lauschten. Nach den letzten Tönen von draußen wurde der riesige Gong im Tempel geschlagen und dann begann nach dem Tönen des Gongs die Rezitation, vorgetragen von vierzig geübten Mönchen. Zuerst Anrufungen Buddhas

Nach dieser tief erschütternden Erfahrung wurden wir in einem Raum geführt, der direkt neben einem Wasserfall liegt. Dort wurden wir uns selbst für die Zenmeditation überlassen. Eine tiefe Stille erfüllte den Raum. Sie war umso tiefer als der Wasserfall mit gewaltigem Rauschen tönte. Später erklärte uns der Mönche, dass der Wasserfall ein Sinnbild des menschlichen Lebens ist. Wir fallen immerfort, mitgerissen von der Zeit. Erst wenn wir ganz unten angekommen sind, wo sich das Wasser in der Stille eines Sees sammelt, sind wir in unserem eigentlichen Wesen angekommen. Der Mönch war überrascht, als ich ihm erklärte, dass ich genau dieses Thema in meinem neuen Buch über Hölderlin und Dogen aufgegriffen hatte.
Am nächsten Tag wurden wir von dem alten Mönch und Lehrer eingeladen. Er lebt in einem abgeschlossenen Bereich der Tempelanlage, die für Besucher nicht zugänglich ist. In einem kleinen Raum, der bis unter die Decke mit Büchern vollgestopft war, saß er still auf dem Boden, umgeben von Bücherstapeln. Er hatte zehn Jahre in Japan gelebt. Mit würdevollen Bewegungen bereitete er den Tee. Und wir plauderten über den Tee, den Buddhismus, den Zen und über die Methoder der Koan, die auch in diesem Tempel geübt wird. Verwundert wollte er wissen, warum ich mich mit Zenmeister Dogen befasste und er las mit Begeisterung aus meinem Buch die Dogenzitate in chinesischer Schrift. Dann holte er einen köstlichen japanischen Macha hervor, den wir hier nur zu besonderen Gelegenheiten trinken. Es war Unkaku – Wolkenkranich von Koyamaen, mein Lieblingstee.
Der Abschied vom Tempel ist uns schwergefallen! Aber auch der Mönch schien recht traurig.

Doch uns ist gegeben,
Auf keiner Stätte zu ruhn,
Es schwinden, es fallen
Die leidenden Menschen
Blindlings von einer
Stunde zur andern,
Wie Wasser von Klippe
Zu Klippe geworfen,
Jahr lang ins Ungewisse hinab.
Hölderlin: Hyperions Schicksalslied

An Hölderlin
VERWEILUNG, auch am Vertrautesten nicht,
ist uns gegeben; aus den erfüllten
Bildern stürzt der Geist zu plötzlich zu füllenden; Seeen
sind erst im Ewigen. Hier ist Fallen
das Tüchtigste. Aus dem gekonnten Gefühl
überfallen hinab ins geahndete, weiter.

Rainer Maria Rilke

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