Kyoto Ningyo und Kintaro

empress

Die Kaiserin aus dem Puppen – Hofstaat der Kyō-Yusoku-Ningyō

Die alte Kaiserstadt Kyoto ist berühmt für seine Kultur und seine Kunst. Ein volkstümlicher Teil dieser Kunst sind die Puppen aus Kyoto, die Kyo – Ningyo. Diese Puppen sind viel zu kostbar, um Kinder damit spielen zu lassen.
In der Kultur des Kaiserhauses spielten die Zeremonien schon seit der Heian-Zeit eine überaus große Rolle. Jedes Detail der Kleidung und der verwendeten Farben wurde genau  festgelegt. Ja, es gab sogar ein eignes Amt, das all diese Details nach dem I-Ging, dem chinesischen „Orakelbuch“  regelte.   Alle diese Details wurde in genauen Aufzeichnungen festgehalten , den sogenannten Yusoku. Die Kunsthandwerker, die seit vielen Generationen mit der Anfertigung von benötigten Utensilien beschäftigt waren, waren im Besitz dieser Yusoku.
Beim Mädchenfest am 3.3. wird der gesamte Hofstaat des Tenno in Form von Puppen aufgestellt. Das soll den kleinen Mädchen Glück und Segen bringen. Die kostbarsten Puppen für diesen Hofstaat sind die Kyo-Yosoku-Ningyo, die Puppen aus Kyoto, die nach den Regeln des Yusoku angefertigt wurden. Ein kompletter Hofstaat kostet bis zu 13.000 Euro!

Tenno

Der Tennō – Kyō Ningyō

Eines der berühmtesten Geschäfte für die Kyōto Puppen, das Shimazu liegt in der vierten Strasse, der Einkaufsmeile Kyōto’s. Auf der Strassenseite eine Fensterfront mit den Puppen, hinten im Geschäft schaut man in den kleinen Garten im Innenhof, ein völlig unerwarteter Anblick mitten in der Stadt. Man findet dort nicht nur die traditionellen Puppen für das Mädchen- oder das Knabenfest. Selbstverständlich gibt es dort auch die traditionellen Puppen mit Szenen aus dem Noh-Theater.  Aber man ist ja modern und geht mit der Zeit. Es gibt auch die „Ichimatsu Ningyo“ Puppen, die gern als Geschenk und als Kunstobjekt gesehen werden.

Kyoto Ningyo

Stellt ein frisch verheiratetes Paar eine solche Puppe auf, so wird es bald ein gesundes Kind nach dem Vorbild der Puppe bekommen.

Wir haben dort die unterschiedlichsten  Puppen vom Kintaro, dem Gold-Knaben gesehen, offenbar einem äußerst beliebten Modell. Eine solche Puppe kostet je nach Ausführung zwischen 100 und 500 Euro. Kintaro war schon als kleiner Knabe stark und tapfer, später wurde er ein berühmter Samurai, der treu seinem Herrn diente. Welches Paar wünscht sich nicht einen Knaben wie den Kintaro?

Kintaro ist in Japan bis hin zur modernen Zeit eine äußerst beliebte Gestalt, vom Kabuki-Theater bis hin zum Manga und Anime. Die Geschichte vom Kintaro findet man in unserem kleinen Buch vom Donnergott: „Wie der Donnergott einmal in den Brunnen fiel“ bei Amazon

Veröffentlicht unter Japan | Schreib einen Kommentar

Tokyo: Warum man niemals einen Japaner nach dem Weg fragen soll.

Japaner sind sehr höfliche Menschen. Sie helfen gern, aber das schlimmste, was einem Japaner passieren kann, ist es, sein Gesicht zu verlieren.

Fragt man einen Japaner nach den Weg und er kennt sich nicht aus, wird er das neimals zugeben, weil er befürchtet, den Fragenden enttäuschen zu müssen. Und dann hätte er sein Gesicht verloren. Man gibt also bereitwillig Auskunft und schickt den Fremden irgendwo hin. Der wird ohnehin niemals wieder kommen. Aber fürs erste ist man der Peinlichkeit enthoben, sagen zu müssen: „Es tut mir leid, aber ich kenne den Weg nicht!“

Wir wollten ins Suntory Kunstmuseum, das angeblich eine berühmte Sammlung von alten Stellschirmen und Teegeräten zeigt. Die Ausstellung sollte sich im 10. Stockwerk des Suntory-Gebäudes im Stadtviertel Akasaka befinden. Akasaka ist das repräsentative Viertel der Botschaften und der öffentlichen Einrichtungen südlich vom Kaiserpalast. Akasaka zählt etwa 10.000 Einwohner, aber tagsüber befinden sich hier über 97.000 Menschen, die in den Büros und Hochhäusern arbeiten. Direkt gegenüber der U-Bahnstation liegt das Suntory-Gebäude mit der Ausstellung – so hieß es jedenfalls. Als wir dort ankamen und sofort dem Suntory-Gebäude gegenüberstanden, stellt sich heraus, dass heute am Samstag niemand in dem Gebäude war. Aber das Museum sollte doch die gesamte Woche über zugänglich sein? Am Eingang zur U-Bahn war ein Häuschen mit einem freundlichen Polizisten, der auch sofort auf das Suntory-Gebäude zeigte und sagte, dort ist das Museum.  Als er hörte, dass das Gebäude geschlossen ist, war er sehr verwirrt, aber immerhin griff er zum Telefon um sich zu informieren. Freudestrahlend kam er zurück und berichtet, dass das Museum umgezogen ist, und etwa eine halbe Stunde zu Fuß entfernt lag und er erklärte uns den Weg auf einem Stadtplan, der dort angebracht ist. Kann man zwar laufen, aber wir entschlossen uns denn doch, ein Taxi zu nehmen.

„Suntori bijutsukan kudasai!“ Wie aus der Pistole geschossen kam das „HAI!“ – „Aber selbstverständlich!“ Zwischen dem U-bahn Ausgang und dem Suntory Gebäude liegt eine Hochstrasse, die man aber an der Fußgängerampel unterqueren kann und dann direkt vor dem Gebäude steht. Der Taxifahre brauste los, kurvte herum, fuhr über die Überführung, wendete waghalsig, drehte wieder um und stand vor dem Suntory-Gebäude, wo er stolz verkündete: „Koko de! (Hier)!“

Nein, hier nicht, die Sammlung  ist ja inzwischen umgezogen. „Ah soh ka, soh ka! Ach so, ach so!“ Wir zeigten ihm die Richtung die uns der freundliche Polizist angegeben hatte und mit einem militärischem „Hai, wakarimasu! Jawohl, Verstehe!“ brauste der Taxifahrer los – in die falsche Richtung! Dann blieb er stehen und tippte nervös auf seinem Navi herum, bis endlich das befreite „Hai, soh desu ne!“ kam und er endlich, offensichtlich genau im Bilde, wo er hinfahren mußte losbrauste. Er fuhr wie wild um die Kurven, hierhin und dort hin, aber offensichtlich hatte er keinerlei Ahnung, wo er hin sollte. Endlich blieb er stehen und eklärte im Brustton der Überzeugung: „Koko de!“ Nachdem er offensichtlich nicht wusste, wo wir hin wollten, beschlossen wir, den Preis zu zahlen und das Taxi zu verlassen.

Wir hatten inzwischen völlig die Orientierung verloren, aber Gott sei Dank näherte sich ein großgewachsener Mann europäischen Typs, der sich als Holländer entpuppte, der sehr oft geschäftllich in Tokyo gewesen war. Er erklärte uns, dass wir uns inzwischen an der Rückseite des Kaiserpalastes befanden. Na, egal, Suntory hin oder her, besichtigen wir eben den Kaiserpalast, bzw. den öffentlich zugänglichen Teil, der Früher Sitz des Tokugawa Shogunates war.

Aber das Suntory-Museum saß uns noch in den Köpfen. Also noch einmal zu der U-Bahn und zum Stadtplan. Dieses mal laufen wir das! Aber der Maßstab der Karte täuschte doch ziemlich und wir waren schon ziemlich müde vom Laufen. Also neuer Versuch mit dem Taxi. „Suntari bijutsukan? Hai!“ Ah, der kennt sich aus. Aber wieder wendete er sein Taxi und wollte zum Suntory Gebäude fahren.   „Nein! Nicht dort!“ „Ah, soh desu ka! Das andere Suntory!“ Na also, der kennt den  neuen Standort. Ohne sein Navi zu befragen brauste er völlig sicher los und noch dazu in die richtige Richtung. Ohne jeden Zweifel fur er uns durch die Gegend, bis er mit einem völlig sicher geschmetterten „Koko de! Hier!“ entließ und sofort weiter brauste. Und da war es: Suntory Hall! Aber das ist ein Restaurant und nicht das Kunstmuseum. Inzwischen waren wir im Stadtviertel Roppongi angekommen, das berühmt ist für sein Nachtleben, die vielen Musikkneipen und die Musikerszene, in der alle Musikrichtungen der Welt vertreten sind. Weil es das Klischee so will, kam uns ein Schwarzamerikaner entgegen, der sich genauestens im Roppongi auskannte – vermutlich ein Musiker, der hier lebt und arbeitet. Es war noch eine ganze Weile zu Fuß, aber nicht schon wieder ein Taxi!

Endlich kamen wir zum Midtown Tower am Rande von Akasaka und Roppongi.

Midtown Tower

Keine Spur von Suntory Kunstmuseum! Im Erdgeschoß der Dog-Plaza mit allem, was Hund so benötigt: einer Hundeklinik, einem Hunde-Ofuro, einem Hunde-Ryokan und einem Shop mit Kitsch und notwendigen Dingen wie Pullovern, Strickwesten, Hunde-Hakama und so weiter. Aber dann im 6. Stock das Suntory Museum.

Am Eingang junge Damen im Career-lady-look, die freundlich erklärten, dass die Sammlung mit den Stellschrirmen und den Teegeräten leider derzeit nicht zu sehen ist, dafür aber zeitgenössisches japanisches Glas.  Na, für Teegeräte interessiert sich ohnehin niemand in Tokyo.

Aber immerhin gefunden und um einige Erfahrungen reicher! Wenigstens waren wir jetzt auch im Roppongi. Und wir werden nie wieder einem Taxifahre trauen, der militärisch knapp mit einem geschmetterten „Hai! erklärt, dass er ganz genau weiß, wo wir hin wollen. Jedenfalls nicht in Tokyo!

Veröffentlicht unter Japan | Schreib einen Kommentar

Tokyo: Stadt mit vielen Gesichtern

Wir sind gerade aus Japan zurückgekehrt und noch voll von vielen Erinnerungen.
Normalerweise reisen wir nach Kyoto, der alten Kaiserstadt mit einer Fülle von historischen Erinnerungen und voller Kunstschätze.
Nach langer Zeit wollte ich doch wieder einmal die neue Hauptstadt Tokyo besuchen, von der die Kyoto-Leute voller Verachtung sagen, dass es dort keine Kultur gibt.

Unser traditionelles Ryokan im Stadteil Chu-O, also mitten im „Zentrum“ von Tokyo strahlte noch ganz den Glanz der längst vergangen Edo-Zeit aus und wird wohl in den dreißiger Jahren erbaut worden sein.
Dier Schoji – die papierbespannten Schiebefenster – waren nicht wie in Kyoto einfach aus wagerechten und senkrechten Stäben geformt. Quer über das Fenster zogen sich Muster von Blüten und Blättern an knorrigen Ästen, die aus dunklem Holz ausgesägt und in das Fenster eingefügt waren.
Unweit des Ryokan die ehrwürdige Tōdai Universität, die ein eigenes Stadtviertel bildet. Man betritt den Campus durch das Akamon, das Rote Tor, das noch aus der Zeit stammt, als der Campus im Besitzt der Daimyo-Familie der Maeda aus der Provinz Kaga, heute Ishikawa war.

Todai Akamon
Die Universität wurde zwar erst unter Kaiser Meiji gegründet, die Wurzeln reichen aber zurück bis in die Zeit des Shogunates, wo unter anderem hier das Regierungsamt zur Übersetzung westlicher Bücher untergebracht war. Der Campus mit seinen an alten westlichen Vorbildern orientierten Gebäuden erweckt ein wenig den Eindruck von Cambridge. Am anderen Ende des Campus gegenüber des Akamon ist die medizinische Fakultät mit seinen Krankenhäusern und Forschungseinrichtungen. Der Unterricht in westlicher Medizin war eine der wichtigsten Aufgaben der Meiji – Tōdai.
Mitten im Campus der Co-Op Laden, in dem man alles kaufen kann, was der Student braucht – von Bleistift und Radiergummi über Lebensmittel und Kitsch bis hin zur „Uniform“ der ‚Salaryman‘ und der ‚Career-Lady‘. Diese Uniform ist ein schwarzer Anzug bzw. Kostüm mit passenden Schuhen, Aktentasche und einer Gebrauchsanweisung, wie man korrekt gekleidet als Salaryman oder Career-Lady auftritt.

Verläßt man die Universität gegenüber des Akamon, so betritt man eine vollkommen andere Welt, die Welt von Ueno mit dem Ueno-Park und dem Shinobazu Teich mit vielen Lotosblumen und gesäumt von Kirschbäumen.

Ueno-Benten-Do
Ueno war das Shitamachi, die „Untere Stadt“ der kleinen Handwerker und Händler. An dem Morgen, als wir an den See kamen, regnete es in Strömen und nur wenige Menschen waren unterwegs. Nur ein Mann mit Fahrrad, das hoch bepackt war mit – Müll. Fein sortiertem Müll von Konservendosen. Am Rande des Sees unter den Kirschbäumen unter blauen Plastikplanen weiterer Müll, offenbar genauestens sortiert nach Kategorien: Konservendosen, Plastikflaschen, Glasflaschen etc. Die Plastikplanen zogen sich am ganzen See entlang und wirkten trotz all des Mülls sehr aufgeräumt und ordentlich. Aber kann den soviel Müll auf so engem Raum angesammelt werden? Wo bleibt denn da die Müllabfuhr?

Plötzlich bewegte sich eine der Plastikplanen und vorsichtig lugte ein Mann darunter hervor, offenbar der Herr eben dieses Müllhaufens. Und noch einer und noch einer. Hier lebt der Müll der modernen Großstadtgesellschaft. Fein säuberlich unter  immer den gleichen blauen Plastikplanen unter denen sich all die Habe des menschlichen Mülls von spezialisiert gesammeltem Müll befindet. Es sind nicht nur alte, kranke und gebrechliche Menschen, die dort in der Müllstadt mitten in der modernen Großstadt leben, man sieht durchaus auch junge Gestrandete, die in der modernen Großstadt keinen Platz als Salaryman oder Career-Lady gefunden haben oder die ihn verloren haben, weil ihr Arbeitsplatz weggefallen ist.

Auf der anderen Seite des Sees eine Alle von bereits abgeblühten Kirschbäumen. Und plötzlich wird uns klar, dass wir uns an der Stelle befinden, an der Rudi Angermeier aus dem Film Hanami von Doris Dörrie seine japanische Freundin Yu trifft, die dort jeden Tag Butoh tanzt und die genau in einem solchen „Haus“ aus blauen Plastikplanen am Rande des Ueno Parks lebt. Der Film beschreibt also genau die Realität des Lebens in der Shitamachi, der Gegenwelt der Salaryman und der Career Ladys.
Wir würden erwarten, dass diese Welt des meschlichen Großstadtmülls von den „anständigen Bürgern“ gemieden wird, aber weit gefehlt. Am nächten Morgen, der Regen hatte aufgehört, gingen wir durch den Ueno Park und den Zoo zum Nationalmuseeum. Entlang des ganzen Weges die „Siedlung“ aus PLastikplanen. Und mitten auf den Wegen die jungen Mütter mit Kinderwagen, die es geschafft haben, ihre Rolle als Office- oder Career-Lady gegen die Rolle der Mutter und Hausfrau auszutauschen. Friedlich existieren hier die Welt der Müllmenschen und die heile Welt der Hausfrauen mit Kindern nebeneinander, ohne sich gegenseitig zu stören. Niemand nimmt Notiz von den Gestrandeten der modernen Zeit. Das gehört genauso zum Leben, wie Kariere und Kinder.

Veröffentlicht unter Japan | Schreib einen Kommentar

प्रथमः समाधिपादः Yoga Sutra: Citta vritti – Stillung des Bewußtseins

Derzeit lesen wir hier im Myoshinan das Yogasutra des Patanjali. Das ist ein wunderbares Stück indischer Philosophie.
Das Yogasutra des Patanjali beginnt mit folgenden Versen:

प्रथमः समाधिपादः

2. योगश्चित्तवृत्तिनिरोधः
3 .तदा दृष्टुः स्वरूपेऽवस्थानम्
4. वृत्तिसारूप्यमितरत्र
5. वृत्तयः पञ्चतय्यः क्लिष्टाक्लिष्टा

2.yogash citta- vrtti- nirodhah
3.tadâ drashtu svarûpe‘vasthânam
4.vrtti- sârûpyam itaratra
5. vrttayah pañcatayyah klishtâ aklishtâh

2. Yoga ist die Stillung der wählenden Bewegungen des Bewußtseins.
3. Dann sieht der Seher sich selbst (in seiner reinen Form)
4. In allen anderen Zuständen ist er bedingt (getrieben) durch die wählenden Bewegungen des Bewußtseins
5. Diese Regungen sind fünffach und entweder leid-frei oder leidvoll.

Yoga ist also nicht die Form der Körperverrenkungen, wie sie in den Volkshochschulen gelehrt wird. Jeder Übungsweg, der die unruhigen Bewegungen des leidvoll – wählenden Bewußtseins stillt, ist nach dieser Bestimmung eine Form des Yoga. Auf einer akademischen indischen Website habe ich 356 unterschiedliche Formen von Yoga in den alten Sanscrit Texten gefunden. Man kann mit Recht sagen, dass auch die Zenmeditation eine Form des Yoga ist, bei der als einziges Asanam – Yogaposition – der Lotossitz geübt wird. Aber auch der Teeweg hat viele Elemente, die ihn als eine Form des Yoga kennzeichnen.

Yoga ist die Stillung der Bewegungen des Bewusstseins.
Citta ist das Bewußtsein. Das Wort ist abgeleitet von cit – ’sehen, beobachten, erkennen‘. citta ist das in der Vergangenheit Gesehene, das aber unser Verhalten jetzt im Augenblick bestimmt. Citta kann also als „Bewusstsein“ übersetzt werden. Bewusstsein ist aber nicht nur der Inhalt unserer Gedanken, es bestimmt auch unser Fühlen und unser körperliches Befinden. Deshalb heißt es, dass die Regungen des Bewußtseins „leidvoll oder leid-frei sein können. Das Bewußtsein also ist es, was das Leiden erzeugt.
In den Upanishaden wird das Bewusstsein mit einem Vogel verglichen, der mit einem elastischen Band an einem Pfeiler befestigt ist. Neugierig fliegt er hinaus, mal hierhin, mal dorthin.
Wäre der Vogel nicht festgebunden, wir würden das Bewusstsein von uns selbst verlieren, weil wir immer hinaus gerissen werden zu den Dingen draußen. Aber je neugieriger der Vogel nach außen fliegt, desto stärker wird er zurückgerissen und das erzeugt Leiden. Weil er aber nirgendwo einen Halt findet, muss er immer wieder zur „Bindestelle“ zurück. Diese Bindestelle ist der Atem.

Die Bewegungen (vŗtti) des Bewusstseins ist abgeleitet von der Wurzel vŗt, wählen, vorziehen.
Ständig dringen Eindrücke auf uns ein, und unser Bewusstsein richtet sich auswählend auf eine besondere Sache. Aber es gibt ja so vieles zu sehen und zu bemerken. Alles ist interessant. Das Inter-esse ist da draußen bei den Dingen, die nicht nur wah-genommen, sondern auch besorgt sein wollen. Immer müssen wir so viel besorgen, dass wir vor lauter Sorge niemals zur Ruhe kommen. Also wird das Bewusstsein ständig in einer auswählenden Bewegung hin und her gerissen und kommt nie zur Ruhe.
Nicht nur das Bewusstsein ist hin und her gerissen, wir selbst sind so hin und her gerissen, aber zugleich sehnen wir uns nach der Stille, nach dem In-Uns-Selbst-Ruhen. Das gelingt aber nur, wenn das ständige Wählen des Bewusstseins gestillt wird. Erst dann sehen wir uns selbst so wie wir sind. In allen anderen Zuständen ist das Leiden des Auswählens und des Hin- und Her – gerissen Seins.
Die Bewegungen des Bewusstseins sind die citta vritti, die wählenden Bewegungen des Bewusstseins. Wenn diese Bewegungen zur Ruhe gekommen sind, wenn sie ge-stillt sind, dann sieht der „Seher“ (drastah) sich selbst in seiner reinen, nicht von den Dingen be-dingten Form. In allen anderen Zuständen sind wir das, was uns von außen vorgegeben ist, wir sind nur Reaktion und niemals wir Selbst.

Martin Heidegger hat geschrieben, dass wir ständig in Sorge darum sind, dass unser Sein gelingt. Er nennt das die Grundstruktur der Sorge, die aber im Alltäglichen abgleitet zum „Besorgen“. Wir müssen Dies und Das besorgen. Die Dinge schreiben förmlich danach, besorgt zu werden. Vor lauter „Be-sorgen“ haben wir keine Zeit mehr, zu uns Selbst zu finden. Aber nur wenn die Besorgungen zur Ruhe kommen, können wir uns Selbst finden.

Veröffentlicht unter Philosophie | Schreib einen Kommentar

旅館 – Ryokan

Draußen vor dem Fenster fällt der Schnee. Das ganze Land versinkt im Weiß und der Bambus im Garten neigt sich unter der Schneelast. Nur die alte Kiefer steht stolz und trägt die weißen Hauben mit Würde. Der Buddha im Gaten hat eine weiße Mütze auf und die Vögel schwirren um das Futterhäuschen.

Drin am Computer bin ich in Japan. Die nächste Reise im Frühjahr will vorbereitet und die Unterkünfte müssen gefunden und gebucht werden.  Es ist eigentlich schon ziemlich spät, denn der April ist die Hauptreisezeit für Japan. Die Kirschblüte wird zwar schon vorbei sein, aber die Ryokan in der alten Kaiserstadt Kyoto sind schon fast alle voll.
Zimmer im Ryokan

Aber in Tokyo, Kamakura, Nikko und Nara haben wir noch schöne traditionelle Unterkünfte gefunden.
Wir übernachten in Japan  immer in den traditionellen Ryokan – .
ryo oder tabi gelesen ist die Reise, -kan ein großes Gebäude. Eigentlich sind die Ryokan nicht wirklich groß, die meisten sind eher kleine Häuser mit nur wenigen Zimmern. Die Zimmer sind im traditionellen japanischen Stil eingerichtet, das heißt, man schläft auf dem Tatami-Boden. Dazu rollt man in besonderen Schränken aufbewahrte Futon aus und schon verwandelt sich der Tagesraum in einen Schlafraum. Die meisten älteren Ryokan haben kein privates Bad, dafür aber den Furo oder Sento, der getrennt nach Geschlechtern gemeinsam von allen Gästen genutzt wird.

Für viele sicher ein ganz neues Erlebnis, an das man sich gewöhnen muß. Es ist schon eine merkwürdige Erfahrung, völlig nackt mit vielen fremden Menschen in einem großen Becken mit heißem Wasser zu sitzen. Aber wenn man das einmal erlebt hat, genießt man die wohlige Entspannung, die allen Stress desTages verschwinden läßt. In Korea habe ich gehört, dass die Koreaner vermuten, die Japaner würden sterben, wenn sie drei Tage nicht gebadet haben.

Früher war es ausgesprochen schwierig, Zimmer in einem Ryokan zu bekommen. Als ich meine erste Gruppenreise nach Japan organisiert habe, mußte ich noch schriftlich versichern, dass sich die Reiseteinnehmer „anständig“ benehmen können und nicht wegen der Schlichtheit der Herberge wieder abreisen. Die Schlichtheit ist dabei oft geradezu ein Stil der äußersten Vornehmheit. Eines der vornehmsten Ryokans in Kyoto ist das – Tawaraya Ryokan, wörtlich „Stohsack-Hütte Ryokan“. Die Übernachtung kostet dort nur etwa 350 Euro, aber man schläft auch dort „auf dem Strohsack“. Die Vornehmheit des Ryokan erfährt man dann in dem erstklassigen Service und der ganz persönlichen Betreuung. Man ist dort kein Fremder, sondern Gast, der sich völlig zu Hause fühlen soll.

Anständig benehmen heißt unter anderem, daß man die Hausschuhe wechselt, wenn man die Toilette betritt und dass man erwartet, dass man sich gründlich reinigt, bevor man in das heiße Wasser des O-Furo steigt. Der Furo dient NICHT zur Reinigung. Die hat vorher stattgefunden – und zwar gründlich. Man sitzt mit dem Gesicht zur Wand auf niedrigen Hockern, seift sich ein und spült die Seife wieder mit einem Holz- oder heute Plastikkübel ab. Japaner fürchen nichts mehr, als dass ein Gaijin, ein Außenmensch ungereinigt in das Wasser steigt, sich dort einseift und wäscht. Es kann schon mal vorkommen, daß ein Japaner sofort den Ofuro verläßt, wenn ein Gaijin ins Wasser steigt. Schlimm ist auch, wenn der Gaijin, nachdem er sich im Bad gereinigt hat, das Wasser abläßt. Das heiße Wasser steht von etwa 6 bis 11 jeden Abend für Alle bereit und wird an diesem Tag nicht gewechselt.

In vielen Ryokan ist man auch stolz auf das Essen, das serviert wird. Dafür wird absolute Pünktlichkeit beim Abendessen verlangt. Alles ist ganz frisch und auf die Minute genau vorbereitet. Nichts schlimmer als ein Gast, der zu spät zum Essen kommt. Das ist eine Beleidigung für den Koch. Meistens wird das Essen auf dem Zimmer serviert, aber wenn wir mit Gruppen unterwegs sind, serviert man meistens in einem Gemeinschaftsraum. Dabei sitzt man dann ganz traditionell auf dem Boden, das Essen auf niedrigen tischen. Einmal kam das gesamte Küchenpersonal nach dem Servieren des Essens und saß am anderen Ende des Raumes, um zuzuschauen, wie die Gaijin essen. Als wir das Essen, das wirklich köstlich war, über alles lobten, wurden sie sehr verlegen aber auch stolz. Das größte Erstaunen aber löste die Tatsache aus, dass wir am Boden sitzend essen konnten – sowas, davon war man überzeugt, können Gaijin nicht.

Die meisten Ryokan sind wirklich wie Familien-Herbergen. Wenn man länger als einen Tag verweilt, gehört man schon zur Familie, ja auch wenn man das Erste mal in ein Ryokan kommt, fällt schon die Begrüßung meistens so aus, als käme man nach langer Abwesenheit wieder einmal nach Hause. Manchmal kann man dann auch an den besonderen Tätigkeiten der Hausherren teilnehmen. Dieses Mal werden wir in einem Ryokan sein, in dem der Hausherr Unterricht im traditionellen Kyogen erteilt. Kyogen ist eine Art Komödienspiel, das ursprüngliche zwischen den einzelnen Noh-Stücken gespielt wurde, um die Zuschaer wieder aus dem tiefen Ernst zurückzuholen. Die Hausherrin ist darüber hinaus eine Kalligrafie-Meisterin und der Hausherr schnitzt Buddhafiguren.

Früher hatte man Angst, die Gaijin in das Ryokan aufzunehmen, aber heute ist eine Wende zu beobachten. Die traditionellen Ryokan sterben und die Japaner wohnen lieber in einem Hotel westlichen Stils. Heute sind es eher die Gaijin, die manch eines der traditionellen Häuser am Leben erhalten.
Und die Preise? Man kann nirgend wo so günstig wohnen wie in einem einfachen Ryokan. Es muss ja nicht immer das Tawaraya sein.

PS.:
Wenn schon Tawaraya, dann im Fernsehen. Am Sonntag, den 24. Januar 2010 um 14.15 Uhr läuft auf Arte ein Film über das Tawaraya. Weblink: Arte – Tawaraya

Veröffentlicht unter Japan, Länder und Reisen | Schreib einen Kommentar