Bohnensuppe und Poesie

Am Samstag werden wir wieder einmal ein Chaji – eine komplette Tee-Einladung – durchführen. Die Planung läuft nun schon seit vielen Wochen. Die Gäste sind geladen und haben zugesagt. Es wird wieder einmal recht „international“ zugehen. Besucher aus Damaskus – derzeit  Frankfurt, Heidelberg und Gräfenberg werden als Gäste anwesend sein, der „Gastgeber“, also in diesem Fall der, der das Essen serviert, die Holzkohle legt und den Koicha und den Usucha zubereitet,  kommt aus Würzburg und der arme Helfer, der aber immerhin in der Küche alles probieren darf, bin mal wieder ich. Lehrerschicksal!

Am Freitag müssen wir mit den Vorbereitungen beginnen, am Samstag heißt es dann früh aufstehen, dass mittags um 1 Uhr, wenn die Gäste kommen alles fertig ist. Der Gast aus Heidelberg hat sich inzwischen als Spezialist für japanische Süßigkeiten entwickelt. Mal sehen, was er sich ausgedacht und zubereitet hat. Sein Thema jedenfalls ist vorgegeben.
Als Thema des Chaji hat unser Gastgeber ein Gedicht von Hanshan ausgewählt und mir dazu einen wunderschönen Brief – nein, heute schreibt man emails – geschickt:

als ich gestern Nacht bei verglimmender Kohle saß, von einem träumerisch feinen Neriko Duft umhüllt, ein Nachklingen des Koicha auf dem Gaumen, kreisten meine Gedanken um das offene Feld von drei Gedichten von Hanshan und Saigyo.

Grüner Wildbach- Klar der Quelle Wasser
Kalter Berg- Weiß des Mondes Hof
Schweigende Erkenntnis, der Geist von selbst erleuchtet
Die Leere schauend, geht Wahn in Stille über

Tightly held by rocks
through winter, the ice today
begins to come undone.
a way-seeker also is the water, melting, murmuring from the moss

On a snowfall

Under the pines,
a color like the sky
when snow falls,
the rest of the mountain trail
one swath of white cloth

Schöne Gedichte und ein wundervollers Thema für ein Winterchaji! So meditierend bereitet man sich wahrlich ehrfürchtig auf ein Chaji vor! Nun steht die Planung für das Essen an. Unser Gastgeber hatte die strikte Vorgabe gemacht, ein astrein vegetarisches Essen zu servieren. Na, wird schon gehen.
Das Essen ist nach strengen Regeln aufgebaut. Es gibt Reis, Misosuppe ung Mukozuke, gesäuerte Sachen wie sauer eingelegtes Gemüse. Der Höhepunkt ist der Nimonowan, die Schale mit in Flüssigkeit Gekochtem. Das ist keine Suppe, sondern Gekochtes, das in einer heißen Brühe serviert wird, damit es länger heiß bliebt (- also doch eine Suppe).
Beim Nimonowan zeigt der Gastgeber sein ganzes Können und seine Phantasie bei der Dekoration und Anordnung der Speisen in der Schale. Vielleicht ist sogar die Anordnung und Auswahl der Speisen ganz poetisch. Aber das Problem ist ja, dass in der japanischen Küche die Suppengrundlage ein Dashi ist und das wird mit Flocken von getrocknetem Blaufisch bereitet. Geht also nicht! Unser Gastgeber hat darum vorgschlagen, eine Bohnensuppe mit Thymian zu machen!
Ich esse für mein Leben gern Bohnensuppe. Bohnensuppe wärmt schön im Winter und macht richtig satt. Wenn ich beim Griechen bin, bestelle ich mir immer eine Bohnensuppe, weil die Griechen rechte Meister der Bohnensuppe sind. Aber ein Kaiseki soll nicht nur den Bauch füllen, sondern in sechsfachem Sinne satt machen. Satt heißt aber nicht, dass nur der Bauch gefüllt ist. Laut Buddha gibt es einen sechsfachen Hunger (oder wie es genauer heißt Durst).  Den Durst zu riechen, zu schmecken, zu fühlen, zu hören und zu sehen. Der sechste Durst ist der Durst zu wissen.

Alle diese Arten des Hungers oder Durstes sollten bei einem Chaji befriedigt werden. Tut das Bohnensuppe? Ich weiß nicht.

Ein Essen sollte die fünf Farben (blau oder grün, rot oder orange, gelb oder braun,  weiß oder silber-gold, schwarz oder dunkelblau), die fünf Geschmäcker (sauer, bitter, süß, scharf, salzig), und die fünf Gerüche haben. In Japan kennt man noch einen weiteren Geschmack, das umami. Umami ist ein runder weicher Geschmack, der wie eine Perle am Gaumen liegt. Typischerweise hat eine gute Suppe aus Dashi diesen Umami.

Bohnensuppe kann sicherlich, wenn sie gut gemacht ist ein schönes Umami haben und sehr delikat sein, entspricht sie aber den anderen Geschmäckern, Farben, Gerüchen und Formen? Natürlich muss nicht jeder Bestandteil eines gut komponierten Essens alle Arten des sechsfachen Hungers stillen, das tut dann eben das Essen in seiner Gesamtheit. Dazu sollte sich aber kein Bestandteil zu sehr in den Vordergrund spielen. Damit erschlägt er dann alle anderen.

Heute war ich in unserem China – Japanladen in Erlangen. Dort haben mich einige Sachen angelacht.
Da lagen z.B. frische gekochte Bambussprossen. Ui, die schauen aus wie ein kalter Berg! Weißlich und spitz windet sich ein Kegel mit vielen kleinen Stufen nach oben, man muss nur die Wurzel umdrehen und als Berg drapieren, schon haben wir einen kalten Berg. Grünes Wasser? Da lag frischer Wasserspinat aus Thailand. Da kann man doch ein paar Streifen schneiden, kurz blanchieren und schon kann man ihn wie fließendes grünes Wasser über den kalten Berg legen. Fehlt noch der Mond mit Hof. Da kochen wir eine Scheibe Lotoswurzel in Wasser weich. Die sieht dann aus wie ein Mond mit seinen Mondflecken. Darüber kommt ein von der Größe passender in Würzflüssigkeit gekochter Shiitake Pilz, der den „Mond“ teilweise verdeckt. Schließlich haben wir keinen Vollmond mehr. Die Pinien kriegen wir, wenn wir von Zuchini vorsichtig ein Stück Schale abschneiden und wie Pinien – oder Kiefernnadel einschneiden. Das Ganze wird in einer delikat abgeschmeckten Gemüsebrühe, die ein gutes Umami haben sollte in einer schwarzen Lackschale serviert. Die Lackschale sieht aus wie der Nachthimmel, an dem dann unser Gedicht wie ein Bild erscheint. Nun können die Gäste fröhlich assoziieren und damit nicht nur das Sehen, das Tasten, das Schmecken und Riechen befriedigen, sondern auch den Durst zu wissen.

Schaun wir mal, ob sie die Anspielungen verstehen werden.

Wenn nicht, so haben sie eine delikate Suppe mit Gemüse Einlagen gegessen.

Die Bohnen kommen dann auch noch zu ihrer Ehre. Im Chinaladen gab es Edamame, eine besondere Sorte Sojabohnen in der Schote, die Japaner unheimlich gern zum Sake essen. Den Abschluß eines Kaiseki bildet ohnehin ein Gericht Namens Hassun. Hassun sind acht Sun, ein Grundmass der japanischen Architektur. Die Tatami, auf denen wir sitzen sind aus Reisstroh gewebt. Der Abstand der Kettfäden beträgt ein Me, zwei Me sind 1 Sun, 1 sun sind also 16 Me. Genau diese Größe im Quadrat hat das Tablett, auf dem dieses Gericht serviert wird – eine typische Untertreibung wie sie im Zen üblich sind. Auf dem Hassun liegen Umimono – Sachen aus dem Meer und Yamamono, Sachen vom Berg. Meer und Berge, das ist die gesamte Landschaft Japans. Wir sollen daran erinnert werden, dass Meer und Berg bzw. Land unsere Nahrung hervorbringen.

Als Umimono werden wir einen Salat aus Seetang servieren, als Yamamono eben unsere Edamame. Das passt hervorragend, denn zum Hassun wird immer Sake serviert. Macht nichts, wenn dann die Gäste und der Gastgeber etwas Sake trinken – im Anschluß an das Essen wird es so ernst, wenn der Gastgeber in völliger Stille und vollem Ernst den Koicha serviert. Der Sake vorher bricht dann doch ein wenig das allzu Strenge.

Ich bin schon gespannt, wie dieses Kaiseki bei den Gästen ankommen wird.

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Demut und Macht oder Demut des Herzens?

Heute habe ich in einem anderen blog einen Bericht und einen Kommentar über den Unterrichts einer Teelehrerin gelesen, der mich sehr getroffen hat.

Sensei fragte mich am ersten Tag, was ich ihr gerne präsentieren wollte. Usucha oder Koicha. O.K. Koicha im Ro, das kann ich schon und mache es auch richtig gerne. Zu nervös werde ich wohl nicht. Sie hörte von Koicha und fragte, welche Zubreitungsart? Natürlich wollte ich die einfachste Art und sie die komplizierteste. Ich ließ mich nicht beirren. Dann fing die Hölle an

„Do you know, what you have to take now!!??“;  „What do you do??!!“;  „Where are you? You lost your center!! You should never lose your center!!! HMMM!!!“

„This is not Koicha! This is Ursucha!“ Sie saß nicht gerade neben mir, woher sollte sie denn wissen, ob mein Tee zu dünn war? „HOW DO YOU KNOW THAT?“ Alle lachten, weil ich ihr widersprach. „I see everything!“ Mein Koicha war tatsächlich zu dünn, aber woher sah sie es? (Anmerkung g.s: ein geübter Lehrer sieht das sofort,  sogar ohne hinzuschauen. Da ist keine Hexerei dabei. )

„I told you to do the complicated one, but you prefer the simple one!“ sie schaute mich mit ihren starken Augen an. Sie vergaß es nicht und hing es an die große Glocke. Am nächsten Tag musste ich natürlich den Befehl ausführen und ein harter Tag fing richtig an. Fast zu jeder Temae (Teezubreitung) wurde ich aufgerufen mitzuarbeiten. Als Strafe oder Privileg kann man es nicht so leicht definieren. Ich war am Abend richtig erledigt. Erledigt war auch mein Wunsch baldmöglichst wieder dabei zu sein

In einem Kommentar einer anderen Teeschülerin heißt es dazu:

Dein Bericht über den Unterricht bei XY-Sensei hat bei mir diverse Saiten zum Klingen gebracht. Ich kann sehr gut nachvollziehen, wie du dich gefühlt hast, als dich die strenge unnachgiebige Sensei in die Zange nahm. Ich habe es selber schon erlebt und bin nach jedem Seminar ein wenig unschlüssig, ob ich mich dem überhaupt noch stellen mag. Und doch gibt es da so eine gewisse Energie, du mich immer wieder dazu verleitet, wieder hin zu gehen. Ich kann mir das auch nicht erklären…. Einerseits empfindet man XY-Sensei’s  Unterrichtsstil demütigend und daher seelisch schmerzend, und doch schöpft man daraus die Kraft, die uns hilft (mit Demut) durchs Leben zu gehen. Ein Widerspruch? Logisch? Das Herz der Teezeremonie ist schwierig zu erklären, aber XY-Sensei vermag es durch ihr Schreien, die scharf beobachtenden Augen und halt auch mit viel Humor und dem herzhaften Lachen. Oft im Alltag höre ich tief in mir eine Stimme, die „search your center, you are not in your center“ ermahnt. Dies bringt mich dann zum Schmunzeln….;-)

Unterricht im Teeweg demütigend und schmerzend?
Kann das denn wahr sein?
Ja, leider, es ist wahr. Aber dies muss keineswegs immer so sein!

Sicherlich, im Zen und in den Zenkünsten geht es darum, das Ego zu überwinden. Und das ist oft sehr schmerzhaft. Wir haben bestimmte Vorstellungen von uns selbst, unseren Fähigkeiten und Möglichkeiten. Manche überschätzten sich, andere haben eher das Problem, sich nichts zuzutrauen. Aber manche haben gute und solide Fähigkeiten und den starken Wunsch, sich auf dem WEG weiterzuentwickeln. Dennoch erleben auch sie immer wieder die Schmerzen der Weg-Findung und der Selbst-Werdung, der Selbstwerdung ohne Ego.

Ich habe selbst Unterricht bei XY-Sensei erlebt und immer wieder habe ich den Eindruck gehabt, dass gerade diese strebsamen Schüler gedemütigt und ausgebremst werden. Ist das eine Schulung der Demut? Oder ist das die Sicherung der Stellung des Lehrers und seine Machtausübung?

In Japan gibt es das Sprichwort:  „Nägel, deren Köpfe herausschauen, muss man einschlagen!“

Jeder, der besser ist als Andere – ob er das nun nur meint oder ob es tatsächlich so ist – muss klein gemacht werden, so dass sein Kopf nicht über die der Anderen hinausschaut. Das ist in einem Land, in dem die Menschen auf engstem Raum zusammenleben müssen vielleicht notwendig und dies ist die gesellschaftliche Realität in Japan. Aber passt das in unsere Kultur und unsere Gesellschaft?

Die ständige Demütigung und das „Einschlagen“ schafft Menschen, die in total unterwürfiger Haltung zu ihrem „Sensei“ stehen. Ihnen wird niemals erlaubt, eine eigenständige Haltung zu gewinnen. Einmal Schüler  immer Schüler. Ein wesentlicher Punkt des Schüler-Seins ist die freiwillige Unterwerfung unter den Druck des Lehrers, sei es, dass dieser durch ätzenden „Humor“ oder durch andere Mittel ausgeübt wird. Dadurch entsteht das Gefühl der Verbundenheit und des Dazugehörens unter den Schülern

Werden Schüler ständig und gezielt aus ihrer Mitte herausgerissen durch Demütigungen, Witze oder andere Maßnahmen, so kann das einerseits ein Training und eine Hilfe sein, die eigene Mitte zu festigen, aber es kann auch eine systematische Demütigung und Machtausübung darstellen. Der Unterschied ist haarfein und steht auf Messers Schneide. Der Unterschied liegt in der inneren Haltung des Sensei: will er helfen oder stecken vielleicht andere Motive dahinter?

Wenn der Lehrer nicht passt, kann man ihn doch einfach wechseln? Aber: man wechselt in Japan niemals seinen Lehrer, eher hört man auf, diesen bestimmten Kunst- oder Zenweg zu gehen. Es sei denn, der Schüler ist stark genug, sich von seinem Lehrer zu lösen und selber Lehrer zu werden. Ab jetzt wird er Sorge tragen, dass seine Schüler die selbe Demut ihm gegenüber an den Tag legen, die er hatte, als er noch Schüler war

Im Zen wird das Ego getötet. Aber diejenigen, die das geschafft haben, stärken ihr eigenes Ego, indem sie selber „Meister“ werden.  Kein Land der Welt ist so erfolgreich in der Gründung von „neuen Religionen“ wie Japan. Jeder, der stark genug wird, gründet eine eigene neue Religionsgemeinschaft mit einer Menge von total demütigen und unterwürfigen Gefolgsleuten.

Hören wir auf, ewige Schüler zu sein. Begeben wir uns nicht in eine solche Unterrichtssituation, die uns in steter Abhängigkeit hält. Beginnen wir, wirklichen Tee zu machen.

Ein guter Teeunterricht heißt für mich, dass das Prinzip „kein Gast kein Gastgeber“ gültig ist. Wird eine gute Tenmae gemacht, dann gibt es während dieser Zeit weder Lehrer noch Schüler, sondern einfach nur das Erlebnis des gemeinsamen Tee’s. Das ist dann Tee –  Samadhi. Aber dennoch: praktizieren wir diese Erfahrung in echter Demut, die aus dem Herzen kommt, aber die nicht erzwungen wurde. Danken wir dafür, dass es so etwas wunderbares gibt wie den Teeweg! UNSEREN Teeweg, nicht den der professionellen Lehrer. Bleiben wir immer im tieften Inneren unseres Herzens „Amateure“ Menschen, die etwas tun, weil sie es lieben.

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Der Frühling

Wie selig ists, zu sehn, wenn Stunden wieder tagen,
Wo sich vergnügt der Mensch umsieht in den Gefilden,
Wenn Menschen sich um das Befinden fragen,
Wenn Menschen sich zum frohen Leben bilden.

Wie sich der Himmel wölbt, und auseinander dehnet,
So ist die Freude dann an Ebnen und im Freien,
Wenn sich das Herz nach neuem Leben sehnet,
Die Vögel singen, zum Gesange schreien.

Der Mensch, der oft sein Inneres gefraget,
Spricht von dem Leben dann, aus dem die Rede gehet,
Wenn nicht der Gram an einer Seele naget,
Und froh der Mann vor seinen Gütern stehet.

Wenn eine Wohnung prangt, in hoher Luft gebauet,
So hat der Mensch das Feld geräumiger und Wege
Sind weit hinaus, daß Einer um sich schauet,
Und über einen Bach gehen wohlgebaute Stege.

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Wohlgebaute Stege

Lieber Herr Professor M. N.,

Danke für ihre mail. Tagsüber hatte ich chanoyu unterrichtet, dann habe ich ihre Mail gefunden. Gemeinsam mit meinen Schülern haben wir dann über Hölderlins Gedicht diskutiert, bevor wir zum Tagesabschluss in der Abenddämmerung draussen auf der Wiese, gegenüber der Kirche Chabako Tenmae gemacht und eine Schale Tee getrunken haben.

Vielen Dank für Ihren Hinweis auf das Gedicht „Frühling“. Ich hatte ihm bisher wenig Beachtung geschenkt.
Hölderlins späte Gedichte sind wie das Spiel auf der Hirtenflöte, rückwärts auf dem Ochsen reitend gespielt. Sie sind schlicht wie Kinderlieder aber sie enthalten die volle Weisheit eines Lebens.
Sie reden von einem Zustand nach der Befreiung und nach dem Erwachen, „wenn nicht der Gram an einer Seele naget“. Jede Enge ist verschwunden, der Himmel ist nicht mehr verschlossen und bleiern wie zu Beginn von „Gang aufs Land“, wo es die „bleierne Zeit“ ist:

Wie sich der Himmel wölbt und auseinanderdehnet,
So ist die Freude dann an Ebnen und im Freien.

Es ist als würde Bodhidharma von der Offenen Weite reden.

Das „Feld ist geräumiger und Wege sind weit hinaus, dass einer um sich schauet“.

Die Wege sind weit hinaus damit einer „um sich schauet“ und nicht in der Enge des gewohnten Ortes verharrt. Zwar ist am gewohnten Ort das „Heilige“, man sieht es aber erst, wenn man aus der Fremde zurückkehrt nach Hause. In „Heimkunft“ begrüßt der Dichter die Heimat, in die er zurückkehrt.

Alles scheinet vertraut, der vorübereilende Gruß auch scheint von Freunden, es scheint jegliche Miene verwand.

Das Scheinen ist vermutlich im doppelten Sinne gebraucht: es scheint nur so, ist aber ganz anders und es scheint, weil es leuchtet und strahlt. Das scheinende Vertraut-sein ist aber ein anderes, als zuvor, bevor der Dichter wieder heim kam. Vorher schien alles vertraut, weil es das Gewohnte war, aber es war nur das Gewöhnliche, das man nicht mehr wahr nimmt. Jetzt ist es das leuchtend Vertraute, das aufscheint als das, was Heimat gibt und birgt.

In seinem Brief an den Freund Böhlendorff hatte Hölderlin „nach manchen Erschütterungen und Rührungen der Seele“ geschrieben:

dass alle heiligen Orte der Erde zusammen sind um einen Ort, und das philosophische Licht um mein Fenster ist jetzt meine Freude;

Hölderlin ist jetzt an „seinem“ Ort angekommen. Aber dieser Ort ist nicht eng und bedrückend, er weitet sich derart, dass „alle heiligen Orte der Erde“ hier versammelt sind. Ein wenig erinnert mich das an das Erlebnis von Daitô Kokushi, nachdem er erwacht war und das Gedicht, das Daitô danach schrieb:

itsukai ûnkan o to kashi owari
nanbokutôsai katsuru tsûsu
sekisho chihô yû hinshû o botsu
kiyaku tô kiyakutei seifû

Ein einziges mal die Wolken-Sperre vollständig durchdringend hinübergegangen:
Süden Norden Osten Westen: lebendiger Weg weitet sich
abends am Ort, morgens spielend: Verschwinden von Gast und Gastgeber
„Fuß Kopf Fuß“  – von unten bis oben reiner Wind

Ich will damit nicht sagen, dass Hölderlin eine Art Zen-Meister war, aber seine Erfahrungen sind durchaus vergleichbar mit den Erfahrungen des Zen. Es gibt eben verschiedene Zen – Wege, nicht nur das Sa-Zen. Wir üben hier in unserem Yamazato den Cha-Zen und den Chiku-Zen der Komuso Shakuhachi. Vielleicht ist auch die Auseinandersetzung mit Hölderlins Dichtung ein neuer und moderner „Weg“?

Auch Hölderlins Idee von der „Heiligkeit“ des Alltäglichen hat Ähnlichkeit mit dem Zen. Meister Jôshu sagte auf die Frage nach dem Buddha:

Hast du Deine Reisschale schon gewaschen?

Im Gang auf Land versucht Hölderlin das gemeinsame Mahl als Erfahrung des „Heiligen“ zu beschreiben, aber dieses Mahl ist nicht mehr das Abendmahl des Christentums. Es ist das gemeinsame Speisen oben auf dem Berg, wo der verständige Wirt das Gasthaus gebaut hat, um die Gäste die Früchte des Landes kosten zu lassen. Auf dem Höhepunkt des Gedankens zerbricht das Gedicht. In der Handschrift erkennt man die Zeilen:

da, da
sie sinds, sie haben die Masken
Abgeworfen
jetzt, jetzt, jetzt
ruft
dass es helle werde,
weder höret noch sehen
Ein Strom
dass nicht zu Wasser die Freude
Werde, kommt ihr himmlischen Gratien
und der Nahmenstag der hohen,
der himmlischen Kinder sei dieser!

Es ist ein fast ekstatisches Rufen: „Da, da“ und „jetzt, jetzt“.  Wer ist dort anwesend im Gasthaus, wer hat die Masken abgeworfen? Offenbar doch die Göttlichen, die jetzt die Masken abgeworfen haben und sich als das zu erkennen geben, was sie sind. Aber ein paar Zeilen später der Zweifel:

Doch was sollen Gotter im Gasthaus?

Das Gasthaus ist ein beinahe alltäglicher Ort. Nicht ganz alltäglich, denn dort versammelt man sich an den Feiertagen des Frühlings, aber es ist eben kein sakraler Ort der Feier des Gottes. Das was dort gefeiert wird, ist die Natur in ihrer Natürlichkeit. Was sollen Götter an diesem Ort?

Rikyu antwortete auf die Frage nach dem Sinn von Chanoyu:

Man bringt Wasser herbei, sammelt Brennholz, erhitzt das Wasser und bereitet Tee.“

Das ist Alles. Ganz einfache Dinge des alltäglichen Lebens, nichts „Heiliges“. Aber Zenmeister Dôgen schreibt über die Jinzû,  die übernatürlichen Kräfte, sie sind „wie das Teetrinken und Essen im Haus des Buddha“ und er zitiert den chinesischen Laien Hô-on:

Wasser holen und Brennholz tragen,
welch übernatürliche Kraft
und welch wunderbares Wirken

Die eigentlich „übernatürlichen“ Kräfte des Buddhisten sind nicht anderes, als die aller alltäglichsten Handlungen.

Hölderlin versucht im „Gang aufs Land“ etwas Ungeheures: das Mahl ist die Feier des Lebens in seiner Natürlichkeit. Das Göttliche ist „nur noch“ Maske, die dem Menschen den Anblick der Natur selbst verwehrt. Jetzt kommt die Natur selbst zum Vorschein in natürlicher Alltäglichkeit des Tun’s.

Genau so sehe ich den tieferen Sinn des Teeweges. Für mich ist es keine japanische Folklore, es ist die Feier des Lebens in ganz alltäglichen Dingen: Wasser holen, Feuer entzünden, Tee schlagen und gemeinsam trinken. Trinken in Harmonie und stiller Freude. Welch „übernatürliche“ Kräfte.

Hölderlin hatte Erfahrungen gemacht, die er verzweifelt versucht, in Worte zu fassen, aber die Sprache versagt sich ihm. An den Rand der unvollendeten Verse im Gang aufs Land schreibt er quer zum Text:

Last der Freude

Singen wollt ich leichten Gesang, doch nimmer gelingt mirs,
Denn es machet mein Glück nimmer die Rede mir leicht.

Hölderlin wollte „leichten Gesang singen“, aber es gelingt nicht.  Zu einfach und zu alltäglich ist es, was er sagen wollte. Wenn er Rikyû gekannt oder wenn er Kenntnis vom Zen gehabt hätte, würde er vielleicht geschrieben haben: „Wasser holen, Brennholz tragen“, aber im Abendland seiner Epoche fehlen die Worte für dieses Einfache. Zu sehr waren die Menschen auf „Höheres“ gerichtet, zu sehr ging ihr Streben nach dem Göttlichen. Ihr Bestreben ging immer überwärts, so dass sie ihre eigenen Fußspuren niemals erkennen konnten, die sie auf dem Boden des alltäglichen Lebens hinterließen.  Der Ochsenhirte findet den Weg zu sich selbst auch erst, als er lernt, auf den Boden zu schauen, auf den er seine Füße setzt.

Niemals hätten die Zeitgenossen des Dichters diese einfachen Worte verstanden.
Nur die „braunen Frauen in den Gärten von Bordeaux gehen an Feiertagen auf „seidenem Boden“. Der Boden ist vielleicht deshalb „seiden“, weil die Frauen ihre Füße achtsamer auf die Erde setzen, auf der sie leben und sterben. Und nicht allzu sehr überwärts schauen? Ist dies deshalb, weil die „südlichen Menschen, in den Ruinen des antiken Geistes“ gelernt haben, achtsamer mit den Elementen des Himmels umzugehen als wir? In „Heimkunft“ setzt sich der Dichter mit ähnlichen Problemen auseinander:

Wenn wir segnen das Mahl, wen darf ich nennen wie bring ich den Dank?
Schweigen müssen wir oft; es fehlen die heiligen Namen, Herzen schlagen und doch bleibet die Rede zurück?

Dies ist wohl das Problem des Abendländischen. Wir sind abhängig von der gültigen Rede. In Japan weiss man um die Unsagbarkeit von Erfahrungen. Vielleicht ist es jetzt an der Zeit, Brücken zu schlagen zwischen beiden Welt. Muß das Abendland neue „unsagbare“  Erfahrungen gewinnen, und muss Japan lernen, Worte für das Unsagbare zu finden?

Wenn der Dichter nicht die rechten Worte finden kann, so ist das „die Last von Scheitern auf den Schultern“, die der Dichter zu tragen hat, wie er in „Mnemosyne“ schreibt.

Aber in Zukunft vielleicht führen über einen Bach wohlgebaute Stege, damit die Menschen hinübergehen und zurückkehren können, ohne der Gefahr des Scheiterns ausgesetzt zu sein.

Ja, die „wohlgebauten Stege“ sind von Menschen gebaut, so wie das Bleibende von den Dichtern gestiftet ist. Es sind die Menschen, die sich aufgemacht haben in der Gefahr wie die Söhne der Alpen, von denen es in Patmos heißt, dass sie „furchtlos gehn  über den Abgrund weg auf leichtgebaueten Brücken“. Die Söhne der Alpen sind es gewohnt, sich in der Gefahr zu bewegen, deshalb genügen ihnen „leichtgebaute Brücken“, aber wir anderen brauchen „sichergebaute Steg“.

Vielleicht sind die Wege Japans auch solche Stege. Am Tee – Weg hat aber nicht nur Rikyû gebaut, viele Generationen von Teemeistern haben mitgebaut, damit wir heute diese Wege gehen können und eigene Erfahrungen sammeln, nämlich die Erfahrung des  „Wasser Holens und Tee Schlagens“.
Insofern haben sie, wie die Dichter das Bleibende gestiftet. Dichter sind ja nicht nur diejenigen, die Verse schreiben: „dichterisch wohnet der Mensch auf Erden“. Dichterisch wohnet der Mensch, der aufschaut zum Himmel, Maß nimmt und sinnend an den Stegen baut.

Die Stege führen über Bäche, nicht über die großen Ströme, die Schicksalsströme der Nationen sind, wie der Rhein, der mehrfach gebrochen seine ursprüngliche Richtung nach Süden, nach Italien wohin die Sehnsucht der Deutschen geht, umkehrt und nach Norden fließt oder die Donau, die verkehrt herum zurück in den Ursprung fließt. Die Bäche fließen „wo bekannt blühende Wege mir sind“ und wo der Neckar durch das Heimatliche und Gewohnte fließt.

Aber heute neigen wir dazu, die Stege auszubauen zu gewaltigen Autobahnbrücken, auf denen der Verkehr strickt geregelt ist und jedweder Verstoß gegen die Regeln geahndet wird. Ein wenig habe ich das Gefühl, dass dies auch in der japanischen Wegen geschieht, wo die Iemotos strikt auf die Einhaltung der Verkehrsregeln und Gesetze achten. Aber es geht um die ganz einfachen und schlichten Dinge des alltäglichen Lebens.

Heute leben wir in einer Zeit des Brückenbaus. Wir können heute weitaus besser als früher den Dialog zwischen den Völkern und Kulturen führen. Ich sitze hier in meinem fränkischen Yamazato und kann über das Internet jederzeit auf die japanischen Klassiker zurückgreifen, ja ich finde sogar eine übersetzung von „Lieblicher Bläue“ ins Japanische.

Hölderlins Gedicht „Der Frühling“ spricht von einer Zukunft, „wenn die Stunden wieder tagen“, wenn es also die Zeit ist, in der das Licht wieder zunimmt nach der langen Nacht des Winters. Es ist nicht mehr Herr Hölderlin, der spricht, darum hat er sich auch geweigert, die Gedichte der späten Zeit mit seinem Namen zu kennzeichnen. Hat heute diese Zukunft begonnen?

Ich fürchte nein! Vielleicht wird es auch niemals eine reale politische Zukunft sein. Vielleicht kann es nur ein Zukunft in unseren Herzen sein. Und die kann jeden Augenblick ganz plötzlich Realität werden.

Drum, da gehäuft sind rings
Die Gipfel der Zeit, und die Liebsten
Nah wohnen, ermattend auf
Getrenntesten Bergen,
So gib unschuldig Wasser,
O Fittiche gib uns, treuesten Sinns
Hinüberzugehn und wiederzukehren.

Mögen wir niemals ermatten auf den getrennten Gipfeln! Bauen wir an Stegen, die hinüber und zurück führen.

Sollte Sie Ihr Weg einmal nach Deutschland führen, so sind Sie herzlichst eingeladen, mit uns zusammen eine Schale Tee zu trinken.

Entschuldigen Sie, dass ich Ihnen so viele unfertige Gedanken schreibe, aber in Deutschland sagen wir: wenn das Herz voll ist, geht der Mund über oder wie Hölderlin sagt:

Der Mensch, der oft sein Inneres gefraget,
Spricht von dem Leben dann, aus dem die Rede gehet

Herzlichst Ihr

G. S.

PS.: Grüssen Sie mir mein geliebtes Kyoto

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In lieblicher Bläue – Reflektion und Innigkeit

Das Gedicht „In lieblicher Bläue“ beginnt im naiven Tonfall und endet mit dem tragisch leidenden Oidipus, der ein Fremdling in Griechenland ist.
Das Naive ist wie die Schilderung eines Paradieses:

In lieblicher Bläue blühet mit metallenem Dache der Kirchturm.
Den umschwebet Geschrei der Schwalben, den umgibt die rührendste Bläue.
Die Sonne gehet hoch darüber und färbet das Blech, im Winde aber oben stille krähet die Fahne.

Das metallene Dach des Kirchturms blüht? Im mittleren Teil des Gedichtes heißt es:
Auch eine Blume ist schön, weil sie blühet unter der Sonne. Das metallene Dach des Kirchturms blüht, weil die Sonne es „färbt“. Das Licht der Sonne, die hoch darüber geht, färbt das Dach, weil das Dach das Licht der Sonne reflektiert. Von der Reflektion ist mehrfach im Gedicht die Rede:

Wenn einer in den Spiegel siehet, ein Mann, und siehet darin sein Bild, wie abgemalt; es gleicht dem Manne. Augen hat des Menschen Bild, Licht hingegen der Mond.

Die Reflektion ist die Spiegelung. Der Kirchturm mit seinem metallenen Dach spiegelt das Licht der Sonne, so wie auch der Mond das Sonnenlicht spiegelt. Das Licht ist die Vermittlung zwischen Himmel und Erde. In einem Brief an Leo von Seckendorf schreibt Hölderlin über ein demnächst erscheinendes Buch mit „pittoresken Ansichten des Rheins“. Hölderlin ist „begierig“, wie sie ausfallen werden, ob sie „rein und einfach aus der Natur gehoben sind“ und ob

„Die Erde sich in gutem Gleichgewicht gegen den Himmel verhält, so daß auch das Licht, welches dieses Gleichgewicht in einem besonderen Verhältnis bezeichnet, nicht schief und reizend täuschend sein muß“

Wenn das Licht „reizend“ ist, so ist es aufreizend und erregend. Es ist interessant und reizend gestaltet, damit das Interesse des Betrachters geweckt werde. Dann ist aber die Ansicht nicht rein aus der Natur gehoben, sondernd reizend täuschend – es gibt anderes vor, als in Wirklichkeit da ist. Die Reflektion ist dann nicht rein, sondern durch besondere Effekte „interessanter“ , reizend und eben auch täuschend.
Der Mensch ist in ganz besonderer Weise das Wesen, das reflektiert. Wir schauen ständig in den Spiegel im Versuch, uns selbst zu erkennen. Aber wir sehen immer nur das Bild. Wird die Reflektion „rein und aus der Natur gehoben“, so zeigt sich das Spiegelbild rein und einfach. Aber wie oft verschauen wir uns, wenn wir uns anschauen. So geht es auch Oidipus, der „ein Auge zuviel vielleicht“ hat.

Der Kirchturm mit dem metallenen Dache blüht in lieblicher Bläue, weil er rein und unverfälscht von der rührendsten Bläue des Himmels gefärbt ist. Damit ist die Erde im „guten Gleichgewicht“ mit dem Himmel. Beide brauchen einander – die Sonne damit sie sich im Dach des Kirchturms spiegeln kann, der Kirchturm, der mit seinem Dach dem Himmel entgegenstrabt bracuht den Himmel, damit er „blühen“ kann. Aber keiner von beiden hat das Übergewicht gegenüber dem Anderen, keiner überwindet das Andere, um es ganz und gar in sich einzuverwandeln.

Der Kirchturm strebt mit seinem Dach gegen den Himmel. Er ist fast wie der Mensch, der aufschaut und sagt: „So will ich auch sein!“ Aber der Kirchturm ist ohne Eingennutz, ganz im Gegensatz zum Menschen, dem die „Freundlichkeit, die Reine am Herzen“ abgeht. So sehr der Kirchturm nach oben streben mag, so sehr ruht er doch auf der Erde:

Wenn einer unter der Glocke dann herabgeht, jene Treppen, ein stilles Leben ist es, weil, wenn abgesondert so sehr die Gestalt ist, die Bildsamkeit dann herauskommt des Menschen.

Der Mensch, der dieses stille Leben „unter den Glocken“ führt ist bildsam. Er ist gebildet nach dem Bilde, dass er schaut, wenn er aufschaut zum Himmel und sagt: „So will ich auch sein“ und er ist „ein Bild der Gottheit“. Aber wie sieht das Bilde der Gottheit aus? Hölderlin sagt:

Doch reiner ist nicht der Schatten der Nacht mit den Sternen, wenn ich so sagen könnte, als der Mensch, der heißet ein Bild der Gottheit.

Der Schatten der Nacht? Das Bild des Gedichtanfangs mit dem im Sonnenlicht blühenden Dach des Kirchturms hat sich ins Dunkle gewandelt. Was ist der Schatten der Nacht? Der Schatten, den die Dinge im Dunkel der Nacht werfen oder der Schatten, den die Nacht selbst wirft? Der Schatten der Nacht ist das Dunkle im Dunklen, das Nichts!
Der letzte Satz des Gedichtes lautet:

Leben ist Tod und Tod ist auch ein Leben

Leben und Tod sind zwar Gegensätze, aber sie gehören zusammen. Leben ist Tod meint, dass alles Lebende stets und jeden Augenblick auch stirbt. Das Leben spiegelt den Tod, der Tod spiegelt das Leben.
In den „Anmerkungen zur Antigonä“ schreibt Hölderlin einen schwierigen Satz:

Die tragische Darstellung beruht … darauf, daß der unmittelbare Gott, ganz Eines mit dem Menschen … und der Gott in der Gestalt des Todes gegenwärtig ist.

Der „unmittelbare Gott“ ist nicht der Gott, der durch Vermittlung erfahren wird, also etwa durch den Verstand erfaßt, reflektiert und verstanden und so erfahren wird als das ganz Andere. Der unmittelbare Gott wird erfahren in der „unendlichen Begeisterung“. In der Be-Geisterung wird der Mensch vom Geist durchdrungen, er wird be-geistert.
Das Unendliche ist in der Hölderlinschen Sprache dasjenige, bei dem sich die beiden Enden in der Reflektion derart spiegeln, daß Jeder sich vollkommen im Anderen spiegelt und beide Enden sich derart durch die Spiegelung verändern, daß sie in der Spiegeling nicht mehr das Selbe sind wie vorher. Der Himmel spiegelt sich im Dach des Kirchturms, der Kirchturm spiegelt sich in der lieblichen Bläue. Der Himmel wird erst als Himmel erfahren, indem er sich im Turm spiegelt, der Turm ist erst der Turm, wenn er mit seinem Dach blüht. So heben sich die beiden Enden ineinander auf, sie heben sich auf, indem sie nicht mehr so sind wie vorher und sie heben sich auf, indem sie jetzt aufgehoben sind zu einem höheren Sein. Sie heben sich auch auf, indem sie enander bewahren, aber nicht mehr im Sinne des eigensinnigen Bestehens auf das Eigene. Sie haben, würde man im Zen sagen, ihr Selbst verloren.

Der Kirchturm blüht mit dem metallenen Dach. Das Metall weist ebenso wie der Hahn, der oben auf dem Turm kräht auf das kriegerische, das Revolutionäre. Der Hahn kräht und zeigt mit seinem Krähen den neuen Tag an, den Tag der Revolution und der kriegerischen Erneuerung. Das Metal ist das Metall der Waffen.

Aber der Kirchturm hat sich ebenso wie die Wetterfahne verwandelt. er klirrt nicht mehr im metallischen Galnz der Waffen, er blüht. Auch der Hahn, die Wetterfahne ist gestillt:

„im Winde aber droben stille krähet die Fahne“.

Der Wind ist es, der die Fahne zum krähen bringt. Es ist der Geist, der weht. In Brot und Wein heißt es:

Jetzt auch kommet ein Wehn und regt die Gipfel des Hains auf.

Das Wehn ist der Othem Gottes, das im heiligen Hain weht und die Gipfel „aufregt“.
Sie sind aufgeregt, weil sie das Kommen des Neuen in der Nacht ahnen. Aber in der „lieblichen Bläue“ ist die Aufregung ganz zu Anfang bereits gestillt, ins Stille gesammelt und eingeruht. Der Gegensatz im Waffengang ist aufgehoben, gestillt ins Stille des Blühens.

In den „Anmerkungen zur Antigonä“ führt Hölderlin fort:

„die unendliche Begeisterung (ist) unendlich, das heißt in Gegensätzen, im Bewußtsein, welches das Bewußtsein aufhebt, heilig sich scheidend, sich faßt“

Die Gegensätze sind im Bewußtsein. Sie sind notwendig, damit sich das Gegensätzliche jeweils erkennt. Aber die Gegensätze werden in der unendlichen Begeisterung im Bewußtsein aufgehoben. Das Bewußtsein muß trennen in die Gegensätze, damit Erkenntnis möglich ist, es neigt aber zugleich „zur Innigkeit“, zur Aufhebung der Gegensätze.

Dennoch sind Himmel und Erde noch in ihrer Eigenheit da, aber so, daß sie nur gemeinsam das sind, was sie sind. Sie sid „heilig sich scheidend“. Das Scheidende ist nicht das Trennende, sondern es ist Heilig geschieden, es ist heil geworden, geheilt ins Innige im Gegensatz zum Zustand der vollkommenen Trennung.

Oder: Gott ist Mensch geworden – nein: Mensch ist Gott geworden

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