Trink Tee – Geh!

In unserem Teeraum in der Rhön hängt eine Schriftrolle mit dem Spruch Ki Sa Ko: Trink Tee –  Geh!

Der Spruch wird dem alten chinesischen Zenmeister Zhàozhōu zugeschrieben, den die Japaner Jōshū nennen. Jōshū lebte in der Zeit der Tang-Dynastie im 8. Jahrhundert. In seinen jungen Jahren wanderte er durch China und besuchte viele Zenmeister. Erst im Alter von 80 Jahren ließ er sich in einem halb verfallenen Tempel nieder und wirkte dort noch vierzig Jahre lang als Zenmeister.

Wenn ein Mönch auf seiner Wanderschaft in seinen Tempel kam, so fragte er: „Warst du schon einmal hier?“ Unabhängig davon, ob der Mönch die Frage bejahte oder verneinte, sagte der alte Meister: „Trink Tee, dann geh!“

Vermutlich wollte Jōshū nicht wissen, ob der Mönch schon einmal an genau diesem Tempel war. Seine Frage zielte darauf, ob sein Gegenüber überhaupt schon einmal ganz konkret im jeweiligen Augenblick gewesen ist. Wie oft sind wir an einem Ort, den wir nicht einmal wahrnehmen, weil wir mit den Gedanken ganz woanders sind. Es geht darum, vollkommen im Augenblick anzukommen. Wenn wir so angekommen sind, können wir uns ganz und gar dem Tee widmen und ihn mit voller Achtsamkeit genießen. Ist dieser Augenblick vorüber, so heißt es, loszulassen. 

Das gilt nicht nur für den Tee. Auch Goethes Faust sagt zum Versucher Mephistopheles: „Werd ich zum Augenblicke sagen: / Verweile doch! Du bist so schön! / Dann magst du mich in Fesseln schlagen, / Dann will ich gern zugrunde gehen!“ Faust weiß, dass er den Augenblick nicht festhalten kann, und er will es auch nicht tun. Wollte er den Augenblick festhalten, so würde er zu Grunde gehen. 

Jeder Augenblick des Lebens ist wie der Tee. Trink Tee- dann geh!
Aber das Los-lassen fällt oft so schwer. Nicht nur, wenn der Augenblick so schön ist. Auch wenn wir leiden und der Zustand, in dem wir uns gerade befinden nur noch Leiden oder Unwohlsein erzeugt, wollen wir festhalten. Die Angst vor dem Unbekannten und Neuen das auf uns zukommt, wenn wir loslassen, ist oft so groß, dass wir lieber weiter leiden. Den alten Zustand kennen wir, aber das Neue ist unbekannt und erzeugt oft Angst.

Der alte Jōshū hat zwar wohl den Augenblick gemeint, den wir gerade erleben. Aber es geht nicht nur um den Augenblick des Teetrinkens, sondern gerade auch um das Loslassen ganz allgemein. Vielleicht ist auch das Alter ein Loslassen vom Gewohnten. Jeden Augenblick werden wir älter und alte Verhaltensmuster müssen wir hinter uns lassen. So verstanden ist das Teetrinken ein Bild für das ganze Leben. Wenn es zu Ende geht, heißt es, zu gehen. Ganz ohne Bedauern. 

Falls die Überlieferung richtig ist, dann begann Jōshū mit seinem Wirken in einem Alter, in dem sich viele Menschen schon längst zur Ruhe gesetzt haben oder von Krankheiten geschwächt nur noch vor sich hin leben oder bereits längst schon in eine andere Welt hinüber gegangen sind. 

Gerade in der letzten Zeit haben sich eine Reihe von Menschen aus meinem Umfeld für immer verabschiedet, obwohl sie noch einige Jahre jünger waren als ich selbst. Ganz plötzlich und unerwartet hat sich Reinhard Knodt verabschiedet. Damit ist auch der Schackenhof Geschichte.

Unter anderem ist auch ein langjähriger Schüler gegangen, mit dem ich gemeinsam viele Projekte verwirklicht hatte. Er war einige Jahre jünger. Unter anderem hatten wir eine große und viel beachtete Ausstellung über Drachen in Japan und China aus seiner umfangreichen Sammlung gestaltet. Dazu hatte ich ein Buch geschrieben: „Heilige Drachen. Alte Welt, Indien und China“. Dabei war noch viel Material gesammelt worden. Aber es brauchte noch weitere zehn Jahre, bis ich rechtzeitig zu Weihnachten im letzten Jahr den zweiten Band fertig gestellt habe. Dort sind viele Geschichten über Drachen in Korea und Japan gesammelt. Unter anderem begegnen wird dort dem im Westen weitestgehend unbekannte Kegon Sutra, das heute in den koreanischen Zen-Tempeln oder im Tempel Todaiji in Nara, dem Tempel mit dem großen Buddha studiert wird. So romantisch der Text klingt, so modern scheint er zu sein. Eine Grundannahme des Kegon-Sutra oder wie es mit seinem anderen Namen heißt dem Blumengirlanden Sutra ist das Netz des Indra. Vor dem Palast des indischen Götterkönigs Indra ist ein Netz ausgespannt, wie ein Spinnennetz. Die Fäden des Netzes verbinden die zehntausend Dinge. Das bedeutet, dass alles mit allem verbunden ist. An jedem Knotenpunkt des Netzes sitzt ein Diamant, der das Licht der Sonne, des sonnenhaften Buddha reflektiert. Wird auch nur ein einziger dieser Diamanten bewegt, so hat das eine Auswirkung auf das gesamte Netz. Alles hängt mit allem zusammen. Ein Gedanke, den wir heute im ökologischen Denken mühsam und manchmal schmerzhaft lernen müssen. 

So entsteht ein großer Respekt vor der Natur. In Japan sind die Drachen eine Verkörperung der ursprünglichen Natur und der Lebenskraft. Sie leben in den waldreichen Bergen, die teilweise so heilig sind, dass sie auch heute noch nicht betreten werden dürfen.

Das Buch ist sehr persönlich geworden, denn alle die heiligen Orte in Korea und Japan, die im Buch besprochen werden, habe ich selbst besucht. So ist es voll von Erinnerungen an die großartigen Orte mit teilweise geradezu mystischer Atmosphäre. Leseprobe oder bestellen beim Verlag

Das Buch in der Hardcover Version kann auch direkt bei mir bestellt werden. Auf Wunsch schreibe ich auch eine Kalligraphie, z.B. das japanische Zeichen für Drache. 

Noch vor Weihnachten des letzten Jahres schien meine Gesundheit unerschütterlich. Das Buch war fertig geworden und ich hatte noch viele Pläne, als ich ein wenig kränkelte. Wir fuhren dann doch zum Krankenhaus in die Ambulanz. Aber der Arzt entschied, dass noch in der Nacht operiert werden musste. Gerade noch rechtzeitig. Ein Tag später wäre wohl zu spät gewesen. Aber es gibt eben noch viele Schalen Tee zu trinken. Noch ist es nicht die Zeit zu gehen. Merkwürdigerweise hatte ich in der ganzen Zeit im Krankenhaus oder der Reha niemals das Gefühl einer Verbitterung. Warum gerade ich und warum jetzt? JETZT war eben die Zeit für das das Krankenhaus. 

In mein Krankenzimmer leuchtete in der Nacht der Mond und ich schrieb kurz nach der Op – viel zu schwach zum Aufstehen – ein Haiku:

Hell leuchtet der Winter Mond.
Drin singt der Teekessel sein Lied.
Heimkehr in die Stille. Immer und immer.

Nun bin ich längst wieder zu Hause und habe am Benediktushof inzwischen wieder ein Seminar zum Teeweg gehalten. Die Tee-Schüler kommen zum Tee Unterricht oder zum Shakuhachi spielen. Und nun werde ich endlich das Buch über den japanischen Teeweg zu Ende schreiben, das schon viele Jahre als Projekt in meinem Kopf liegt. 

Draußen der Garten grünt und blüht und viel Arbeit wartet. Auch am Teeraum gibt es noch so einiges zum Basteln. Vermutlich wird der eh niemals fertig. Alles verändert sich, nichts bleibt gleich.

Carola unterstützt mich bei der Arbeit und sie führt jetzt die Teezeremonien für unsere Gäste durch. So ist gewährleistet, dass der Teeweg hier im alten Forsthaus weiter gelebt und gelehrt wird. Gäste oder neue Schüler sind jederzeit nach Voranmeldung willkommen.

Shakuhachi Unterricht gibt es wie früher entweder hier vor Ort oder auch online.

Ich hoffe, wir werden noch viele Schalen Tee miteinander teilen. Und wenn nicht, dann ist es eben Zeit zu gehen.

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