Heimkunft

Auf der Rosenmesse in Kronach waren zwei junge Japanerinnen Gäste bei unserer Vorführung der Teezeremonie. Beide waren sehr verlegen. Eine hatte in der Schule eine Grundeinführung in die Teezeremonie erhalten, sich aber nie wieder damit beschäftigt, die andere hatte selbst niemals Tee gemacht, aber ihre Mutter ist Teelehrerin der Omotosenke.

Wir haben uns inzwischen öfter getroffen und diskutiert. Es war überraschend, wie anders und in einer Weise unjapanisch beide dachten. Schließlich stellte sich heraus, dass die eine einen Universitätsabschluß in Kyto über deutsche Philosophie gemacht hatte und die andere in Deutschland Germanistik studiert.
Inzwischen hatten wir intensive Gespräche sowohl über die deutsche Philosophie als auch über Rikyû’s Lehrgedichte.
Über Rikyû’s Testament sagte die Philosophin: „Ich kann den Text lesen, aber ich verstehe kein Wort!“

Weil die Eltern der Philosophin zu Besuch kommen wollten, haben wir intensiv Teezeremonie geübt.

An diesem Wochenende waren die Eltern hier im Myoshinan Dôjo.
Wir haben fränkische Weihnachtsmärkte besucht, fränkische Wurst gegessen und fränkisches Bier und Kirschwasser getrunken.
Die Eltern und die Schwester waren überrascht. Hier ist es „japanischer“ als bei ihnen zu Hause. Als wir dann im Teeraum den Tee bereiteten, war die Mutter völlig verdutzt, als ihre Tochter, die sich in Japan niemals für japanische Kultur interessiert hatte, den Platz wechselte und recht perfekt, wenn auch ein wenig aufgeregt den Tee für ihre Eltern bereitete.

Muss man erst die Heimat verlassen, um die eigenen Wurzeln und die eigene Kultur zu sehen und zu pflegen? Sollte es so sein, dass der Teeweg erst den Umweg über Europa machen müßte, um nach Japan heimzukehren?

Sind wir etwa „japanischer“ als die Japaner?
Nein! Wir wollen und dürfen unsere eigenen Wurzeln nicht verlassen und nur „exotische“ Techniken üben. Aber vielleicht ermöglicht uns die Beschäftigung mit der fremden Kultur, die Eigene zu sehen und schätzen zu lernen. Finden wir heim, indem wir zunächst in der Fremde suchen?!

PS.:

Daisetz Suzuki war Professor an der buddhistischen Otani – Universität in Kyôto. Erst, nachdem er lange in Amerika und Europa gelebt hatte, wurde er zum großen Interpreten der japanischen Kultur.

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