Der Zenmeister und der Pflaumenbaum

An diesem Wochenende mit Haiku und Zen haben wir am Benediktushof die Geschichte von dem Mönch diskutiert, der sich mit den Zähnen am Ast eines hohen Baumes festhält. Der Mönch kann weder mit den Händen noch den Füßen irgend einen Halt im Baum finden. Da kommt ein anderer Mönch vorbei und fragt nach dem Sinn des Kommens von Bodhidharma in den Osten. Wenn der Mönch nicht antwortet ist er unhöflich. Antwortet er, so weiß man nicht, was passieren wird. Ganz sicher aber wird er fallen.
Diese Geschichte habe ich in meinem Buch Mukashi mukashi erzählt.

Barbara hat mir ihre Version der Geschichte geschickt:

Der sich da mit den Zähnen an einem Ast festhält
ist ein bekannter Zenmeister.
Offenbar hat er Pflaumen gepflückt, denn er hat noch beide Hände voll davon,
und er will sie nicht loslassen.
Der Wanderer , der selbst ein Zen-Erfahrener ist,
packt die Gelegenheit beim Schopf und fragt ihn nach dem Sinn , der Buddhaschaft.
Antwortet er nicht, ist er unhöflich, antwortet er erst, wenn er den Ast losgelassen hat, wäre sein Fallen die Antwort;
denn im Zen geht es immer um das gelebte momentane So-Sein und nicht um ein „wenn – dann“ Ziel etwa wie: erst musst Du loslassen, dann kannst Du Deine Buddhanatur erkennen.

Mit Zähnen am Ast hängen
die Antwort zwischen Zähnen
krrr krrr krrr krrr krrr

Mit Zähnen am Ast
Loslassen ist ein Konzept
Antwort ist krrr krrr

„Festhalten hat seine Zeit und Loslassen hat seine Zeit“, im So-Sein befinden sich alle Antworten des Fragenden Lebens.
Barbara

Mir ist dazu eine Antwortgeschichte eingefallen:

Der Zenmeister und die Pflaumen.

Eines Tages kam ein berühmter Zenmeister an einem hohen Pflaumenbaum vorbei, als ihn ein Lüstchen auf reife Pflaumen überkam.
Aber er erkannte sofort: Der Baum ist viel zu hoch!
»Einen Pflaumenbaum sehen und schon wissen: Der ist zu hoch!
Daneben einen Apfelbaum sehen und sofort wissen: Die sind auch schon reif! Ist der tägliche Reis des Kuttenbruders« dachte er bei sich.
Nahm einen Apfel vom Baum der Erkenntnis und zog singend und tanzend seiner Wege.

Kurze Zeit später kam ein Mönch am Pflaumenbaum vorbei.
Verwundert dachte er bei sich: »Komisch, eigentlich sollte hier ein reifer Zenmeister hängen!?«
Aber wenn es keine reifen Zenmeister gibt, dann nehm‘ ich eben einen süßen Apfel.«
Nahm den Apfel, biss herzhaft hinein und zog weiter.

Bald darauf kam ein anderer Mönch vorbei.
»Da ist ein hoher Pflaumenbaum! Da reifen sicher einmal verrückte Zenmeister!«
Er setzte sich mit dem Rücken an den Apfelbaum und wartete.
Er wartete und wartete und er merkte nicht, dass die Pflaumen immer reifer wurden, und eine nach der anderen vom Baum abfielen.
Aber es wurden keine Zenmeister.
Der Mönch merkte kaum, wie es immer kälter wurde und schließlich Eis und Schnee den Pflaumenbaum bedeckten.
Als es allmählich Frühling wurde und der Pflaumenbaum wunderbar blühte, dachte der Mönche:
»Jetzt ist es bald so weit, jetzt wachsen da sicher reife Zenpflaumen heran!«

Allmählich wurde er älter und älter.
Er magerte ganz und gar ab, weil er die wunderbaren Äpfel an dem Baum, unter dem er auf den Zenmeister wartete, überhaupt nicht bemerkte.
Er spürte nicht einmal, wie die Äpfel zu Boden fielen, so sehr war er mit seiner Erwartung bei den Pflaumen.
Langsam wurde es dunkel um ihn und er wusste nicht, ob die Nacht herankam oder ob ihn seine Kräfte verließen.
Dann im gleißenden Licht eines Wintertages erkannte er mit letzter Kraft:
»Das sind keine Pflaumenblüten, das sind Eiskristalle meiner erstarrten Hoffnung!
Zenmeister, die an Bäumen hängen, sind nichts anderes als Pflaumen!«

Glücklich, dass er am Ende seines Lebens doch noch zur Erkenntnis gekommen war, tat er seinen letzten Atemzug
und ging hinüber auf die andere Seite als klar und hell Erleuchteter.
Gya tei gya tei!

Zenmeister am Baum:
ist nichts als eine Pflaume!
Wie gut sind Äpfel!

Nachtrag:

Ursel meinte zu der Geschichte, dass es vermutlich keine Pflaumen sondern Kokosnüsse waren.
Das glaube ich nicht, denn dann müsste ja der Zenmeister ein Affe gewesen sein? Aber der hat ja nicht mit den Nüssen oder Pflaumen geworfen.
Die sind abgefallen weil sie reif waren.
Ganz von selbst!
Und der Baum der Erkenntnis hat weder in China noch Japan gestanden. Das war ganz woanders.

Aber ihr Haiku (leicht von mir abgeändert) ist sehr schön:

Wo ist die (Kokosnuss-)Pflaume?
Alles was hängt muß fallen.
Da ist kein Meister.
   Ursel

Dieser Beitrag wurde unter Allgemein, Zen und Tee veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*