Philosophie am Feuerberg 2016

Vom 12. bis zum 19 Juni werde ich am Feuerberg in Kärnten ein Seminar über „Hölderlin und Zenmeister Dogen“ halten. Das wird eine erholsame Woche mitten in der Bergwelt Kärntens bei bestem Essen in der gastlichen Atmosphäre des Hotels Feuerberg Mountain Resort. Herr Berger, der Leiter und Besitzer des Feuerbergs hat mich gebeten, einen kleinen Artikel über den „Wandel“ zu schreiben. Dem bin ich gern nachgekommen. Der Artikel ist schon eine kleine Vorschau über das Seminar.
Wer an diesem erholsamen Ferienseminar interessiert ist, kann sich gern schon an das Hotel Feuerberg wenden. Es gibt zum Seminar Sonderangebote.

Der Wandel

Leben ist Veränderung und Wandel. Wir werden geboren, reifen vom Kind zum Erwachsenen und werden alt und schwach. Leben ist ein stetes Abschiednehmen vom Gewohnten. In den Duineser Elegien schreibt Rilke:

Wer saß nicht bang vor seines Herzens Vorhang? Der schlug sich auf: die Szenerie war Abschied.

Schopenhauer vergleicht die Welt mit einem tobenden Meer. Wir sitzen in einem winzigen und brüchigen Kahn, der nur scheinbar Sicherheit gewährt über ‚heulenden Wasserbergen‘. Wenn wir den tosenden Wechsel der Wogen über dem Abgrund erkennen, steigt ein ‚Grausen‘ auf.
Aber das ‚Wechseln und das Werden‘ im tosenden Meer des Lebens muss nicht nur Angst und Trauer hervorbringen. Es gibt auch das Glück des Schwimmers, der sich von den Wellen tragen lässt. Hölderlin ruft das Griechenmeer, den Archipelagos:

Töne mir in die Seele noch oft, daß über den Wassern
Furchtlosrege der Geist, dem Schwimmer gleich, in der Starken
Frischem Glücke sich üb‘ und die Göttersprache das Wechseln
Und das Werden versteh‘.

Aber manchmal ergreift ‚die ‚reißende Zeit zu gewaltig das Haupt‘. Dann, so sagt Hölderlin, ‚lass der Stille mich in deiner Tiefe gedenken‘. Tief unten, weit unter der tosenden Oberfläche ist die Stille, die auch in uns wohnt. Sie ist der Ort, an dem wir den Frieden in allem Wechsel und Werden finden.

Im japanischen Zen gibt es die Geschichte eines Mönchs, der in einem Baum hängt. Verzweifelt klammert er sich mit den Zähnen an einen Ast, weil er keinen anderen Halt finden kann. Voller Angst klammert er, weil er nicht weiß, was ihn erwartet, wenn er loslässt. In seiner Angst hält er an der altbekannten Situation fest, in der er aber weder leben noch sterben kann.

Da kommt ein anderer Mönch unten am Baum vorbei und und stellt ihm eine Frage. Nur wenn wir die Angst in unserem Herzen überwinden und los-lassen können, werden wir ‚das frische starke Glück‘ finden.
Antwortet der Mönch im Baum nicht, so weiß man nicht, was mit ihm geschehen wird. Aber auf Dauer kann er nicht in dieser unhaltbaren Situation verweilen. Vielleicht hängt er eines Tages dort wie eine vertrocknete Frucht, die ihre Zeit des Reifens verpasst hat. Dann ist er mitten im Leben vertrocknet und abgestorben.

Der Mönch, der unten am Baum vorbei kommt, meint es recht gut mit seiner Frage. Vermutlich hat er erkannt, dass die Angst den Mönch in seiner unhaltbaren Situation festhält. Durch seine Frage zwingt er ihn, zu antworten und loszulassen.
Vermutlich fällt er einfach nur auf den Boden, auf dem er leben kann und der sogar unmittelbar unter seinen Füßen liegt. Den konnte er bisher nicht sehen, weil er vor lauter Angst nichts anderes als seinen Ast im Blick hatte.

Wie oft klammern wir uns an eine unhaltbare Situation aus lauter Angst vor dem Unbekannten. Aber wenn wir die Veränderung nicht zulassen, müssen wir uns vielleicht am Ende fragen, ob wir denn überhaupt gelebt haben.
Georg Christoph Lichtenberg hat einmal gesagt:

Ich weiss nicht, ob es besser wird, wenn es anders wird. Aber es muss anders werden, wenn es besser werden soll.

PS.:
In Japan ist ‚Ukiyo‘ die fließende Welt der Veränderung.
Das Schriftzeichen zeigt ursprünglich eine Melone, die lustig auf den auf den Wellen tanzt. Dieser fließenden Welt wohnt eine eigene Schönheit inne. Der Dichter Basho gestaltet die Schönheit des Augenblickes, die zugleich lustig und traurig ist, in einem kleinen Haiku:

Da – die Hibiskusblüte!
Und schon hat sie mein Pferd gefressen.

Literatur zum Nachlesen:
Mein Buch „Im Garten der Stille – Hölderlin im Gespräch mit Zenmeister Dogen“ wird eine der Grundlagen für das Seminar sein.
Man kann das Buch direkt hier kaufen: Im Garten der Stille.
Auf Wunsch auch mit Kalligrafiestempel und handsigniert.

Wer hat Angst vor dem Mori?

Hier ein kleiner Text aus dem Buch über japanische Legenden, das gerade hier entsteht:

Mukashi mukashi: – einmal vor langer langer Zeit waren ein alter Mann und eine alte Frau. Die waren bitterarm und lebten in den Bergwäldern in einer halb zerfallenen Hütte. Das Stroh auf dem Dach war schon fast ganz verwittert, aber sie hatten kein Geld, um neues Stroh zu kaufen.
Eines Nachts regnete es ganz furchtbar. Niemand in unserm Land kann sich vorstellen, wie heftig der Regen in Japan niederprasseln kann. Kein Wunder also, dass die beiden Alten bei einem derartigen Regen so recht große Angst um ihr Dach hatten. Besorgt schaute der alte Mann hoch zum Dach und sagt zu der alten Frau: »Es regnet so schrecklich in dieser Nacht, dass ich fürchte, unser Dach wird nicht länger halten. Nicht einmal vor dem Tiger habe ich so viel Angst wie vor dem Mori!« Mori bedeutet in der japanischen Sprache ein Loch oder eine undichte Stelle.

Zufällig schlich gerade ein Tiger um das Haus. Als der hörte, dass der alte Mann den Mori mehr fürchtete, als ihn den Tiger, dachte er, das muss ein gar fürchterlicher und starker Mori sein, dass der Alte vor dem mehr Angst hat, als vor mir! Mori kann nämlich in Japan auch ein Wald oder ein Familienname sein. Und so dachte der Tiger, der Herr Mori muss gar furchtbar stark sein.

Zur gleichen Zeit saß ein Räuber auf dem Dach, der noch ärmer war als die alten Leute und er versuchte, durch die Lücke im Dach auszuspähen, was er denn stehlen könnte, als er die Worte des alten Mannes hörte. Wie der Tiger dachte er, dass Mori vielleicht der Steuereintreiber oder der Polizist aus der Stadt sein könnte, und erschrocken drehte er sich zur Flucht. Da sah er unten am Haus den Schatten eines Pferdes und sprang ihm auf den Rücken. Aber er hatte den Tiger in der Dunkelheit für ein Pferd gehalten.

Als der Dieb mit einem Krach auf dem Rücken des Tigers landete, dachte der vor Schreck: »Jetzt hat mich der Mori am Nacken!« Er rannte, was er konnte, und schüttelte schließlich seinen Reiter ab. Der Räuber aber merkte, dass er einem Tiger auf den Rücken gesprungen war, und als der ihn abgeschüttelt hatte, versteckte er sich voller Furcht in einem tiefen Erdloch, damit ihn der Tiger nicht angreifen konnte.
Der Tiger aber rannte im Wald umher und berichtete allen Tieren, dass ihm der fürchterliche Mori in den Nacken gesprungen war. Der Affe, neugierig wie immer, rannte sofort los, weil er unbedingt den schrecklichen Mori sehen wollte. Aber der saß offenbar in dem tiefen Erdloch. Der Affe wäre kein Affe gewesen, wenn ihn nicht seine Neugier geplagt hätte. Also hängte er seinen langen Schwanz in das tiefe Erdloch.
Der Räuber in dem Loch dachte, dass nun sein letztes Stündlein geschlagen hätte, weil ihn der Tiger mit seinem Schwanz aus dem Loch ziehen und sicherlich auffressen würde. Voller Angst und mit letzter Kraft biss er dem vermeintlichen Tiger den Schwanz ab.
Der Affe aber rannte kreischend davon. Seit jener Zeit haben die japanischen Affen nur noch einen kurzen Stummelschwanz.
Und die alten Leute haben immer noch Angst vor einem Loch im Dach, obwohl es schon längst aufgehört hat zu regnen, der Tiger vor dem Mori,der stärker ist als er, der Räuber vor dem Tiger und der Affe vor dem Räuber. So geht es, wenn man sich in seiner Vorstellung fürchterliche Dinge einbildet, statt einmal in Ruhe zu überlegen, was denn nun wirklich sein kann.
Warum sollten der Tiger, der Räuber, der Affe und die alten Leute Angst vor einem Loch im Dache haben?

Oder haben wir etwa alle ein Loch im Dach?

Spätestens zum Japanfest im Mai in Eschenau soll das Buch fertig werden. So wie es jetzt aussieht, wird es viele Volkslegenden und literarische Überlieferungen, z.B. Nacherzählungen von im Westen weitgehend unbekannte Noh – Theaterstücken enthalten. Das Buch wird etwa 200 Seiten habe und ist reich illustriert.
Voraussichtlich gibt es eine Luxusausgabe mit farbigen Bildern und eine kostengünstige Paperback-Ausgabe mit schwarz weiß Abbildungen.

Gesang und Trauer

Im Kapitel „Der große Ahn und Meister“ des chinesischen Philosophen Zhuangzi heißt es:

Der Wahre Mensch des Altertums kannte weder die Liebe zum Leben noch die Angst vorm Tod; er freute sich nicht, hervorzutreten, er widersetzte sich nicht der Rückkehr. Er vergaß nicht seinen Ursprung, er versuchte nicht zu wissen, was sein Ende sein würde.

Der „Wahre Mensch“ ist ein Mensch, der in Übereinstimmung mit Himmel und Erde und so auch mit sich selbst lebte. Das verhindert aber nicht, daß auch er Schicksalsschläge erleidet, wie jeder andere Mensch auch. Man kann ein Leben im Einklang mit der Natur und dem Kosmos führen, dennoch gibt kriegerische Ereignisse, Erdbeben und Tsunami, persönliche Schicksale oder unverschuldete Unfälle. Manchmal verändert ein einziger Tag das gesamte Leben. Heute noch ist man gesund, morgen schon ist die Diagnose: Krebs!
Man feiert gemeinsam im vertrauten Kreis einen Geburtstag – und plötzlich ist alles anders.

Es ist vielleicht nur die Art, wie ‚der wahre Mensch‘ mit diesem Schicksal umgeht, was ihn von anderen unterscheidet. Lesen wir die Geschichte aus dem Zhuanzi:

Meister Kutsche und Meister Maulbeerbaum waren Freunde. Als es einst zehn Tage ohne Unterbrechung geregnet hatte, dachte Meister Kutsche bei sich: „Ich fürchte, Meister Maulbeerbaum könnte in Schwierigkeiten sein!“ Er wickelte einige Nahrungsmittel in ein Tuch ein und ging, ihm etwas zu Essen zu bringen.

Beide sind Meister, aber sie wissen um Not und Unglück, das jeden von uns unvermittelt und unverschuldet ereilen kann. Völlig selbstverständlich eilt Meister Kutsche zu Hilfe, aber als er bei der Hütte seines Freundes anlangt, ist er überrascht. Sicher hatte er einen völlig verzweifelten und um Hilfe rufenden Freund erwartet, aber der singt und spielt die Zither!

Als er an Meister Maulbeerbaums Tür angelangt war, hörte er, wie die Zither angeschlagen und ein Klagelied angestimmt wurde, ein Mittelding zwischen Klagen und Weinen:

    War es Vater?
War es Mutter?
Der Himmel?
Die Erde?

Die Stimme war nahe daran, zu brechen und die Verse wurden hastig vorgebracht.

Ja hat denn ein Meister in einer solchen Situation nichts besseres zu tun, als zu singen und die Zither zu spielen?
Das Lied, das gesungen wird, ist ein Klagelied und besteht aus einer Reihe von Fragen. Wer war es, der ihn in ein solches Unglück gebracht hat, wer ist Schuld an seinem schlimmen Schicksal: Vater, Mutter, der Himmel oder die Erde?

Wenn wir wissen, wer unser Unglück verschuldet, geht es uns schon ein ganzes Stück besser. Wir können die Verantwortung abschieben und meinen, schon dadurch Erleichterung zu finden.

Aber Meister Maulbeerbaum bleibt nicht bei Schuldzuweisungen und bei der Klage um sein schlimmes Schicksal. Auf die Fragen von Meister Kutsche antwortet er:

Ich denke darüber nach, wer mich in eine solche schlimme Lage gebracht haben könnte, finde aber keine Antwort. Gewiß hätten mein Vater und meine Mutter nicht gewollt, daß ich in solcher Armut ende. Und der Himmel zieht unter denen, die er bedeckt, niemanden vor, ebenso wie die Erde unter denen die sie trägt niemanden vorzieht.

So war es vielleicht nur das Schicksal, das mich in diese Lage brachte.

Es hat keinen Sinn, mit dem Schicksal zu hadern. Es gibt zwar Situationen, die wir selbst verschuldet haben, manchmal aber ist es das Schicksal, das uns schlägt. Wer oder was ist das Schicksal? Es ist oft nicht bestimmbar, es geschieht einfach so, ganz von selbst.
Wer hat den Tsunami verschuldet? Das Erdbeben. Wer hat das Erdbeben verschuldet? Eine tektonische Verschiebung. Aber warum geschieht es gerade jetzt und gerade hier? Warum bin gerade ich von den Ereignissen betroffen?

Der Tsunami hat nicht nur ganze Landstriche verwüstet. Auch viele Menschen bei uns sind so sehr davon betroffen gewesen, dass sich ihr Leben schlagartig geändert hat. Wir haben hier im persönlichen Schicksal von vielen Menschen Wandlungen und Katastrophen erlebt, die das Leben total verändert haben. Warum? Geschieht alles von sich aus, ohne dass es jemand bestimmtes verschuldet hat?

Das soll aber nun nicht heißen, dass einfach alles Schicksal ist.
Atomkraftwerke in Erdbeben- und Tsunami-gefährdeten Gebieten zu bauen, und einfach zu sagen, es war Schicksal, wenn etwas passiert, zeugt nicht von großer Weisheit. Die Menschen, die das zu verantworten haben sind keine ‚wahren Menschen‘, es sind gedankenlose und unverantwortliche Dummköpfe. Aber so sind wir Menschen. Solange alles ‚gut geht‘, weigern wir uns, nachzudenken.

Ich wünsche Allen, die von solchen katastrophalen Veränderungen betroffen worden sind viel Kraft und Glück im künftigen Leben.
Und dass sie aufwachen aus dem Traum, das Leben sei in irgend einer Weise durch unser Tun absolut sicher zu machen.
Was nicht heißt, dass wir blind und dumm mit geschlossenen Augen in vorhersehbares Schicksal laufen. Etwa indem wir AKW in Erdbebengebiete bauen.

Die reissende Zeit

Tsunami

Die Flutwelle reißt alles in den Abgrund

…. und wenn die reißende Zeit mir
Zu gewaltig das Haupt ergreift und die Not und das Irrsal
Unter Sterblichen mir mein sterblich Leben erschüttert,
Laß der Stille mich dann in deiner Tiefe gedenken.
Hölderlin: Der Archipelagos

Kaum hat das Jahr der Schlange begonnen und schon kommen schlimme Nachrichten von Krankheiten an diesen stillen Ort.

Manchmal erstarren wir geradezu vor Schreck vor solchen Nachrichten, manchmal verfallen wir in rasende Hektik. Warum gerade jetzt und warum gerade dieser Mensch? Aber das Schicksal fragt nicht nach Verdienst und Ruhm oder nach Gerechtigkeit und Ausgleich. Im Daodejing heißt es:

Himmel und Erde sind unparteiisch
Strohunde sind ihnen alle Dinge.

Strohhunde werden für bestimmte Zeremonien geflochten. Wenn sie nicht mehr gebraucht werden, sind sie nutzlos und werden achtlos beiseite geworfen und verbrannt. Bei Homer heißt es immer wieder, wenn einer der Heroen ein Opfer für Zeus brachte: „Dankend nahm Zeus das Opfer an, aber die Bitte erfüllte er nicht.“ Gott, das Schicksal, die Zeit oder was auch immer für eine Macht da wirkt ist unbestechlich.

Was soll man tun in solchen Zeiten? Hektische Aktivitäten entfalten? Oder ist das nur ein Davonlaufen vor der Macht der reißenden Zeit?

Hölderlin hat in seinem Gedicht „Der Archipelagos“ eine Antwort gegeben. Die Zeit bringt immer Veränderungen mit sich. Meistens hoffen wir, dass es positive Veränderungen sind. Aber manchmal erkennt man erst im Nachhinein, dass es gut so war, wie es gekommen ist. Hölderlin nennt das ‚Wechseln und Werden‘ die Göttersprache, die es zu lernen gilt.
Der Meeresgott der Griechen tönt immer noch, obwohl die alten Kulturen längst schon weg gerissen worden sind. Die Menschen verehren den Archipelagos, wie Hölderlin das Meer der Griechen nennt, nicht mehr als einen Gott, aber die Natur bleibt stets die Selbe wie immer schon.

Aber du, unsterblich, wenn auch der Griechengesang schon
Dich nicht feiert, wie sonst, aus deinen Wogen, o Meergott!
Töne mir in die Seele noch oft, daß über den Wassern Furchtlosrege der Geist dem Schwimmer gleich …
die Göttersprache das Wechseln Und das Werden versteh‘

Was bleibt uns denn auch sonst, als – dem Schwimmer gleich – mit zu schwimmen auf den Wogen des tobenden Meeres? Auf der japanischen Malerei aus dem 13. Jhdt. sieht man unten die Menschen, die verzweifelt versuchen, ihr Hab und Gut zu retten. Aber oben erkennt man einen buddhistischen Mönche, der gelassen auf einem Floß aus Zweigen ruht, und meditierend auf das tosende Wasser schaut: in der Ruhe liegt die Kraft.

Das Gegenbild der in sich ruhenden Stille, die große Kraft schenkt und die Menschen in ihrem Schicksal miteinander verbindet, ist das hektische Treiben, in das wir normalerweise verfallen. Aber können wird denn unser Schicksal wirklich verändern? Vielleicht vereinsamen wir in der Hektik unseres Treibens? So jedenfalls sagt es Hölderlin in seinem Gedicht:

Aber weh! es wandelt in Nacht, es wohnt, wie im Orkus,
Ohne Göttliches unser Geschlecht. Ans eigene Treiben
Sind sie geschmiedet allein und sich in der tosenden Werkstatt
Höret jeglicher nur und viel arbeiten die Wilden
Mit gewaltigem Arm, rastlos, doch immer und immer
Unfruchtbar, wie die Furien, bleibt die Mühe der Armen.
Bis erwacht vom ängstigen Traum, die Seele den Menschen …

„Ans eigene Treiben sind sie geschmiedet allein.“ Diese Wendung ist in ihrer Doppeldeutigkeit  ein typischer Hölderlin. Die Menschen sind allein – lediglich und ausschließlich – besinnungslos an das eigene Treiben geschmiedet, das heißt unfrei angekettet. Dadurch sind sie zugleich allein, jeder nur für sich. Niemand hört auf den Anderen. Aber alles hektische und rastlose Bemühen bleibt unfruchbar, weil es nicht auf die Zeit und ihren Gang hört. Erwachen wir aus dem ‚ängstigen Traum‘ und erinnern uns an die Kraft, die in der Tiefe der Natur und in der Tiefe unseres eigenen Wesens liegt.

Auch der Tod ist nur ein Teil der Göttersprache des Wechselns und Werdens.
Und das Leben ist ein Traum, den wir träumen.

 

 

Mevlana, die Derwische und der Tee

Sema Zeremonie

Gerade habe ich im Fernsehen einen Film gesehen mit dem Thema „Eins werden mit Gott“.
Am Schluss des Films wurden Mevlevi Derwische gezeigt, die in der Schweiz eine Sema Zeremonie durchgeführt haben.
Die Derwische tragen schwarze Übermäntel als Zeichen, dass sie lebendig begraben sind und einen hohen Hut als Symbol des Grabsteines.

Sind wir nicht oft mitten im Getriebe des Alltag wie tot? Nur noch Hektik und stumpsinniges Hasten. Leben wir überhaupt?
Herbert Achternbusch fragte einmal: „Gibt es ein Leben vor dem Tode?“ Und in der Geschichte von Iwan Illitsch, die Tolstoi erzählt hat, beginnt Iwan tagelang zu schreien, als er merkt, dass er so krank ist, dass er bald sterben muss. „Ich kann nicht sterben, weil ich überhaupt noch nicht gelebt habe!“

Wenn der Scheich oder Sheikh der Mevlevi die Tänzer gesegnet hat, ist es, als erwachten sie zum Leben. Dann legen sie die schwarzen Übermäntel ab und beginnen sichin ihren langen weißen Gewändern  zur Musik der Längsflöte Nay zu drehen.
Dabei wehen die weiten Gewänder wie ein Kreisel um sie herum. Jetzt erst leben sie. Eina Hand weist zum Himmel, um sichmit dem Himmel zu verbinden, eine zum Boden, um die Segnung des Himmels an die Erde weiter zu geben.

Die Reporterin fragte den Schweizer Scheih, ob sich die Tänzer in Trance befänden, aber der verneinte das. Sie sind voll bewußt und wach, aber indem sie ihre Körper drehen, kommen sie in ihre Mitte und in ihr Herz. Sie vergessen alles um sie herum einschließlich aller Probleme und Nöte. Der Körper ist ein notweniges Hilfsmittel, um den Geist zu zentrieren.

„Diese Augenblicke des vollen Wach-Seins sind das Einzige, was einmal von uns erhalten bleiben wird, weil wir nur dann wirklich leben. Viele Kinobesuche oder andere „Erlebnisse“ werden verschwinden und wir werden sie vergessen, aber diese Augenblicke niemals.“

Achte gut auf diesen Tag,
denn er ist das Leben –
das Leben allen Lebens.
In seinem kurzen Ablauf liegt alle seine
Wirklichkeit und Wahrheit des Daseins,
die Wonne des Wachsens,
die Größe der Tat,
die Herrlichkeit der Kraft.
Denn das Gestern ist nichts als ein Traum
und das Morgen nur eine Vision.

Das Heute jedoch, recht gelebt,
macht jedes Gestern
zu einem Traum voller Glück
und jedes Morgen
zu einer Vision voller Hoffnung.

Darum achte gut auf diesen Tag.

Dschelal ed-Din Rumi, (1207 – 1273),
auch Mevlana Dschelaluddin Rumi, persischer Mystiker und Dichter,
Begründer des Sufismus, stiftete den Derwischorden der Mewlewije

Natürlich, so sagte der Schweizer Scheich, benötigt man lange Übung, denn Anfangs wird man schwindlig.
„Aber je mehr es uns gelingt, in unserem Herzen zentriert zu sein, deste weniger schwindelt uns.“

Geht es uns auf dem Teeweg nicht ähnlich?
Uns wird zwar nicht schwindlig vom Drehen, aber doch wohl von den vielen Regeln, die gar keine Regeln sind.
Denn wenn man tiefer in den Teeweg eindringt, erkennt man, dass es ganz einfache Bewegungen sind, die vollkommen natürlich sind: Einfach nur Wasser holen, Feuer anzünden, Tee schlagen und trinken.  Aber das wichtigste dabei ist es, dass wir die ganz einfachen Dinge des täglichen Lebens mit voller Wachheit und größter Achsamkeit vollziehen. Dann sind wir ganz im Augenblich, dann leben wir.
Vor ein paar Tagen habe ich einer Schülerin, die sich sehr mit der Zeremonie geplagt hat eine Schale Tee zubereitet. „Das ist ja ganz einfach!“ sagte sie.

Ja, ganz einfach!
Schwer schwer!

Und eigentlich kenne ich den Zustand der tanzenden Derwische vom Tee: Eins werden mit dem Tee, dem Gast und der ganzen Welt.
Das ist keine Mystik, ganz einfach nur vollkommen wach und zentriert im Herzen sein!
Und das bei ganz alltägliche Handlungen wie Geschirr reinigen, Wasser erhitzen …

In meinen Händen halte ich eine Schale Tee. Seine grüne Farbe ist ein Spiegel der Natur, die uns umgibt. Ich schließe die Augen, und tief in mir finde ich die grünen Berge und das klare Wasser der Quellen. Ich sitze allein, werde still und fühle, wie all dies ein Teil von mir wird. …
Was ist das Wundervollste für Menschen, die dem Teeweg folgen? Das Gefühl der Einheit von Gast und Gastgeber, geschaffen durch die Begegnung von Herz zu Herz und das Teilen einer Schale Tee.

Genshitsu Sen
XV. Großmeister der Urasenke

Ganz einfach!
Schwer schwer!

Laß den Himmel sich auf der Erde widerspiegeln,
auf daß die Erde zum Himmel werden möge.

Mevlana Dschelaluddin Rumi