Seseragi Ken

Langsam wird es Abend und ich sitze im Meditatons-Sitz auf der Terasse.

Der Nachbar fährt den Traktor heim, die Kirchenglocken läuten zum Abendgebet.

Die Vögel haben es ganz wichtig und machen gewaltigen Lärm.
Die Amsel, die oben im Wisteria-Grün ihr Nest hat, sammelt letztes Futter für die Jungen.
Sie stutzt vor meinem Sitz und schaut: „Da ist Nichts!“
Dann sammelt sie eifrig weiter Futter im Gras.

Allmählich verstummt das Geschrei der Vögel und der Bach murmelt: Seseragi.
Ich beschließe, dass der Sitz fortan Seseragi-Ken – Unterschlupf zum murmelnden Bach heißen soll.

Stille!

Da – ein leichtes Geräusch: die scheue Katze des Nachbarn schaut, ob da irgendwo Futter ist.
Vor meinem Sitz verharrt sie: Aber da ist – Nichts!
Gegenüber steht ein kleines Orangenbäumchen mit Früchten.
Die Katze macht sich darüber her.
Noch einen Blick – nein, da ist – Nichts.
Gut sind die Orangen!
Dann trollt sie sich davon.

Langsam beginnt es zu regnen – die Tropfen fallen.

Nacht und Dunkel.

Stille!

Die reissende Zeit und die Stille

Im Monatsbrief vom April habe ich über die „reissende Zeit“ und die Veränderungen geschrieben.
Die „reissende Zeit“ ist ein Wort Hölderlins. Im Hymnos an den Archipelagos, das Meer der Griechen spricht Hölderlin das Griechenmeer an:

Töne mir in die Seele noch oft, daß über den Wassern
Furchtlosrege der Geist, dem Schwimmer gleich, in der Starken
Frischem Glücke sich üb` und die Göttersprache das Wechseln
Und das Werden versteh`

Das Wechseln und das Werden in der Zeit reisst alles weg und bringt Neues hervor, ob wir es wollen oder nicht.
Der japanische Zen Meister und Philosoph Zen Meister Dōgen schreibt:

Da der Buddhaweg ursprünglich über den Unterschied von Fülle und Kargheit hinausgeht, gibt es Leben, Geburt und Entstehen und gibt es Sterben und Vergehen, gibt es Erwachen und Irren, gibt es leidende Wesen und Buddhas. Die Blütenblätter fallen nur in unseren Neigungen und das Gras wuchert nur in unserem Ärger!“

Gut, wenn wir uns ärgern, wenn die Blütenblätter fallen oder das Gras wuchert, sind wir selber schuld. Aber manchmal sind die Veränderungen schon etwas heftiger und die Zeit ist eben doch reissend, so dass „die Not und das Irrsal unter den Menschen“ zu gross wird.

Wenn die reißende Zeit mir
Zu gewaltig das Haupt ergreift und die Not und das Irrsal
Unter Sterblichen mir mein sterblich Leben erschüttert,
Laß der Stille mich dann in deiner Tiefe gedenken.

Die Stille ist die Stille in der Tiefe des Griechenmeeres. Oben toben die Stürme und reissen die Wellen alles fort, aber unten in der Tiefe ist die unerschütterliche Stille. Zwar leben wir Menschen nicht in dieser Stille, aber wir können ihrer „gedenken“ und ein wenig gelassener werden. Ein wenig stürmisch und reissend war die Zeit hier im Myoshinan schon, darum galt es, der Stille zu gedenken. Darum haben wir draussen auf der Terrasse einen Meditationssitz gebaut.
Aber Stille und Meditation in Zeiten des stürmischen Wechsels? Muss man da nicht handeln anstatt still rum zu sitzen?
In seinem sogenannten Brief über den Humanismus schreibt Heidegger:

Wir bedenken das Wesen des Handeln noch lange nicht entschieden genug. Man kennt das Handeln nur als das Bewirken einer Wirkung. Deren Wirklichkeit wird geschätzt nach ihrem Nutzen.
Aber das Wesen des Handeln ist das Vollbringen. Vollbringen heißt: etwas in die Fülle seines Wesens entfalten“

Das alltägliche Handeln ist oft ein blindes Rasen und bewirken Wollen, ein in den Griff bekommen Wollen. Über dieses blinde und wütige Machen schreibt schon Hölderlin im Archipelagos:

Aber weh! es wandelt in Nacht, es wohnt, wie im Orkus,
Ohne Göttliches unser Geschlecht. Ans eigene Treiben
Sind sie geschmiedet allein und sich in der tosenden Werkstatt
Höret jeglicher nur und viel arbeiten die Wilden
Mit gewaltigem Arm, rastlos, doch immer und immer
Unfruchtbar, wie die Furien, bleibt die Mühe der Armen.

Ans eigene Treiben sind sie geschmiedet, das heißt unfrei und in Ketten gebunden. Je hektischer und heftiger sie das eigene Treiben betreiben, desto unfreier und gefesselter an ihr Treiben sind sie. Das eigene Treiben ist ohne das Licht der Einsicht, es ist wie das Wandeln in der Nacht oder im Abgrund des Orkus, der dunkeln Unterwelt. Ans eigene Treiben geschmiedet sind sie „allein“, das heißt nicht nur allein an das Treiben gefesselt, sondern im blinden Treiben ist zugleich jeder allein und für sich. „Und SICH“ höret jeglicher nur, die Wilden, die reglos ihren Arm bewegen, aber stets fruchtlos bleiben. Erst der Schritt zurück und die Besinnung auf die Stille lässt uns wieder in die Harmonie mit dem Ganzen einkehren. Darum ist es gerade in Zeiten des heftigen Wechsels wichtig, den Schritt zurück ins Nicht – Tun und in die Stille zu machen.

Unser Meditationssitz, der nun auch  auch allen Gästen des Myoshinan zur Verfügung steht, ist geschützt vor den heftigen Winden, die vom Norden her von der Hochebene der fränkischen Alp wehen. Tagsüber heizt die Sonne die Hausmauer auf und nachts kann man geschützt in der Wärme der Mauern sitzen und der Stille lauschen.Gott sei Dank liegt das Myoshinan weitab vom Verkehrslärm und anderen Lämrquellen. Nur hin und wieder hört man ein Auto oder den Nachbarn, der das Heu einfährt.

Meditationssitz im Myoshinan

Vom Sitz aus hat man einen wunderbaren Blick in die Landschaft und auf die Kirche mit Kirchhof.
Neben dem Sitz steht der Zitronenbusch mit herrlich duftenden Blüten.

Marumado mit Zitrone

 

Abends, wenn die Welt still wird, beginnen die Vögel zu singen. Sie werden immer lauter – oder scheint das nur so, weil die Welt stiller wird? Die Zitronenblüten duften und dann rauscht der Bach. Seltsamerweise ist er tagsüber kaum zu hören Oder ist es auch, weil die Welt stiller wird? Der Bach murmelt immer lauter und schließlich verstummen auch die Vögel. Nur noch – STILLE!

 

Meditation

Stilll!

Ward nicht die Welt soeben vollkommen?
Die Wiesen und der Zitronenbaum duften.

Die Glocken riefen zum Abendgebet,
die Vögel singen sich in den Schlaf.

Der Bach murmelt sein ewiges Lied – wie Sarasvati:
OM MANI PADME HUM.

Der Himmel ist weit und leer.
Das Licht sinkt hinunter.

Still!

Soben ward die Welt vollkommen!

Zeit: Gelebte Zeit

Am Wochenende waren wir mit einer ganzen Gruppe von Teeschülern in Thüringen. In der romanischen Basilika in Breitungen auf einem ehemaligen Klostergelände, das in der Renaissance zu einem Schloß umgebaut worden war, haben wir Teezeremonie vorgeführt und Shakuhachi gespielt. Wir hatten speziell für die Basilika eine „Performance“ entwickelt, bei der die Stille und die Konzentration des Teeweges auf das Publikum wirken sollte. Wir haben uns gegenseitig Tee zubereitet und während der Zeremonien ausgewählte alte Texte, z.B. aus dem Namboroku rezitiert, die ein wenig den Ablauf und den Sinn des Teeweges ohne akademische Erklärungen erkennbar und für die Zuschauer nachvollziehbar machen sollten.
In der Pause hörten wir die Unterhaltungen der Zuschauer:

„Das Geheimnis ist die Langsamkeit!“

Die Langsamkeit unserer Bewegungen und Handlungen, die aus der Konzentration und aus der Einheit mit der Atmung erwächst, hatte offensichtlich die Zuschauer verzaubert und in eine andere Welt versetzt. Aber die Langsamkeit darf nicht aus einer gewollten und kontrollierten Langsamkeit entspringen. Sie muss aus unserem Inneren kommen und sie entsteht ganz von allein, wenn Atmung und Bewegung im Einklang sind. Nur diese Langsamkeit springt auf den Betrachter über und vermittelt im die Empfindung von Ruhe und vom Eins – Sein mit dem Anderen.

Nach der Performance lud uns der „Schlossherr“ in den Schloss-Saal ein und seine erste, drängendste und wichtigste Frage war:

„Was habt ihr Buddhisten für ein Verhältnis zur Zeit?“

Wir sind zwar keine Buddhisten, aber viele der Texte, die wir rezitiert hatten, stammen aus buddhistischem Hintergrund. Wir hatten auch auf der Veranstaltung erklärt, dass für uns Zen und Tee Ein und das Selbe sind, dass aber Zen keine Religion, sondern eine Methode der Meditation und Konzentration ist, die sich vor allem im Alltag bewähren muss.

Welches Verhältnis zur Zeit haben wir im Teeweg und beim Spiel der Shakuhachi?

Eigentlich keines. Es gibt immer nur JETZT. Jetzt den Teelöffel nehmen, jetzt den Tee einfüllen, jetzt Tee trinken. Oder jetzt diesen Ton, jetzt diesen. Dadurch sind wir bei den Übungen ganz und gar im Augenblick, nichts hetzt oder treibt uns vorwärts, nichts lässt uns empfinden, dass unsere Bewegung zu langsam oder zu schnell ist.

Auch wenn wir Shakuhachi spielen, treibt uns nicht vorwärts oder hemmt uns in unserer Geschwindigkeit. Kein Rhythmus und kein Metronom und keine gezählte „tote – Zeit“ gibt die Geschwindigkeit vor. Wir formen den Ton, wir atmen und mit unserem Herzen bilden wir den Klang und formen den Augenblick, in dem der Klang ertönt.

Im Alltag tun wir oft fünf Dinge gleichzeitig, wir telefonieren, schreiben Notizen, reden zwischendrin mit Anderen, trinken Tee oder Kaffee und und …  Aber haben wir dadurch Zeit gewonnen?

Nein, ganz im Gegenteil, je mehr wir uns hetzen und beeilen, desto mehr rinnt uns die Zeit durch die Finger. Je mehr Zeit wir sparen, indem wir unser Leben rationalisieren und alles „Überflüssige“ weglassen, desto weniger Zeit haben wir.

Wenn wir „langsam“ werden und im Augenblick genau DIES tun und nicht Anderes, erfüllt sich der Augenblick mit Leben, die Zeit wird erfüllte Zeit, gelebte Zeit.

In Tolstois Erzählung vom Tod des Ivan Illich kommt Ivan, der todkrank auf dem Sterbebett liegt, plötzlich zu der Erkenntnis, dass er überhaupt nicht sterben kann, weil er ja noch gar nicht gelebt hat. Herbert Achternbusch fragte einst, ob es ein Leben vor dem Tode gibt.

Ja, wenn wir ganz im Augenblick sind, uns nicht hetzen oder treiben lassen, sondern ganz intensiv vollkommen im Augenblick LEBEN, dann ist das ein erfülltes Leben.

Ich hoffe, dass wir in Breitungen in der Basilika ein wenig von dieser Erfahrung der erfüllten Zeit vermitteln konnten.

Mittags

Was geschieht mir doch?

Wie ein zierlicher Wind, ungesehn, auf getäfeltem Meere tanzt, leicht, federleicht: so – tanzt der Schlaf auf mir.
Kein Auge drückt er mir zu, die Seele läßt er mir wach. Leicht ist er, wahrlich! federleicht.
Sie streckt sich lang aus, lang – länger! sie liegt stille, meine wunderliche Seele. Zu viel Gutes hat sie schon geschmeckt,

Wie ein Schiff, das in seine stillste Bucht einlief – nun lehnt es sich an die Erde, der langen Reisen müde und der ungewissen Meere. Ist die Erde nicht treuer?
Wie solch ein Schiff sich dem Lande anlegt, anschmiegt – da genügt’s, daß eine Spinne vom Lande her zu ihm ihren Faden spinnt. Keiner stärkeren Taue bedarf es da.

O Glück! O Glück! Willst du wohl singen, o meine Seele? Du liegst im Grase. Aber das ist die heimliche feierliche Stunde, wo kein Hirt seine Flöte bläst.

Scheue dich! Heißer Mittag schläft auf den Fluren. Singe nicht! Still! Die Welt ist vollkommen.

Singe nicht, du Gras-Geflügel, o meine Seele! Flüstere nicht einmal! Sieh doch – still! der alte Mittag schläft, er bewegt den Mund: trinkt er nicht eben einen Tropfen Glücks

– ‚Zum Glück, wie wenig genügt schon zum Glücke!‘ So sprach ich einst und dünkte mich klug. Aber es war eine Lästerung: das lernte ich nun. Kluge Narrn reden besser.

Das wenigste gerade, das Leiseste, Leichteste, einer Eidechse Rascheln, ein Hauch, ein Husch, ein Augen- Blick – wenig macht die Art des besten Glücks. Still!

Was geschah mir: Horch! Flog die Zeit wohl davon? Falle ich nicht? Fiel ich nicht – horch! in den Brunnen der Ewigkeit?

Friedrich Nietzsche: Zarathustra

4. Buch: Mittags

Myoe und der Mond

Myoe trinkt eine Schale TeeDem September – Mond gilt in Japan eine besondere Verehrung und Beachtung.
Aber der Mond ist zugleich ein tiefes Symbol des Buddhismus.
Der hinter Wolken verschleierte Mond ist ein Bild für unser alltägliches Bewußtsein, das durch Wünsche, Ängste und Hoffnungen getrübt ist. Der klare, unverschleierte Mond ist ein Bild des Erwachens.

Der Priester Myoe (1173-1232) liebte den Mond ganz besonders und er sah ihn als einen Gefährten auf dem Weg in die Klarheit. Myoe schrieb einen schönen Text über sein Erlebnis mit dem Mond:

Mond und Wolken

In der Nacht des zwölften Tages des zwölften Monats des Jahres 1224 war der Mond hinter Wolken verborgen.

Ich saß in Zen Meditation in der Kakyu Halle. Als die Stunde der Nachtwache um Mitternacht kam, beendete ich die Meditation, verließ die obere Halle und ging in die unteren Quartiere.
Als ich so ging, kam der Mond hinter den Wolken hervor.

Der Schnee leuchtete auf und der Mond war mein Wegbegleiter und nicht einmal das Heulen des Wolfes im Tal ließ Furcht aufkommen.

Später, als ich noch einmal aus dem unteren Quartier kam, war der Mond wieder hinter den Wolken verborgen.
Ich ging hinauf zum Hügel und der Mond sah mich auf meinem Weg.

Ich trat ein in die Meditationshalle, und der Mond, die Wolken vertreibend, versank hinter den Gipfeln.

Und es schien mir, er bewahre das Geheimnis unserer Gemeinschaft.

Zenmeister Dōgen schrieb im Genjōkōan:

Ein Mensch, der das Erwachen erlangt hat, gleicht dem Mond, der sich im Wasser spiegelt: Der Mond wird nicht nass und das Wasser wird nicht bewegt. Obgleich das Mondlicht groß und weit erscheint, spiegelt es sich auf einer winzigen Fläche Wasser. Der ganze Mond und der ganze Himmel spiegeln sich in einem einzigen Tautropfen auf einem Grashalm und in einem einzigen Wassertropfen. Das Erwachen verändert den Menschen nicht, so wie der Mond auch das Wasser nicht verändert.

Der Mensch behindert das Erwachen nicht, so wie der Tautropfen auch nicht den Himmel und den Mond behindert.