Bashō und die Kopfkissenlieder

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Dieses Thema enthält 2 Antworten und 1 Teilnehmer. Es wurde zuletzt aktualisiert von  Gerhardt Staufenbiel vor 3 Jahre, 3 Monate.

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  • #2317

    Utamakura heißt wörtlich ‚Lied – Kopfkissen‘. Bashō verwendet häufig diese ‚Kopfkissen, auf denen man sich ausruhen kann. Aber sehr geruhsam sind diese Kopfkissen bei Bashō keineswegs.
    In seinem Werk ‚Oku no hosomichi‘ Wege durch das verborgene Land besucht er berühmte Orte mit legendären oder historischen Überlieferungen. Allein dadurch, dass er sein Haiku an einem solchen Ort schreibt, gewinnt das Kurzgedicht eine Tiefe, die mit 17 Silben nicht zu erzielen wäre.
    Ein berühmtes Utamakura von Basho heißt:

    Muzan ya na
    kabuto no shita no
    kirigirisu.

    Grausames Schicksal:
    Unter jenem Helm sitz nun
    eine Grille und zirpt.

    Beschrieben wird ein Kriegerhelm, ein kabuto, der prächtig verziert ist mit einem Drachen auf dem Helm. Aber jetzt, nachdem die Schlachten schon längst geschlagen sind, sitzt nur noch eine Grille unter dem Helm, der nur noch ein Resonanzkörper für den Gesang der Grille ist.
    Dieses Haiku ist nur zu verstehen, wenn man den gesamten Hintergrund kennt, den Bashō kurz vorher angesprochen hat. Er hatte den Tempel Tada Tempel in der Nähe von Komatsu besucht. Dort wurde der Helm des berühmten Kriegers Sanemori verwahrt, der in seiner letzten Schlacht von seinem viel jüngeren Gegner Yoshinaka getötet wurde. Das Tragische an der Begegnung war, dass Sanemori in dem furchtbaren Krieg der Heike und der Genji die Seiten gewechselt hatte. Sein junger Gegner war früher von ihm als Sohn angenommen und aufgezogen worden. Nun standen beide auf unterschiedlichen Seiten der Kriegsparteien.
    Sanemori wußte, dass er gegen den Ziehsohn würde kämpfen müssen und er befürchtete, dass der ihn an seinen weißen Haaren erkennen würde, der er war schon 74 Jahre alt, als er in die Schlacht zog. So färbte er sich die Haare schwarz und sein Ziehsohn erkannte ihn nicht. Erst, als er den Kopf seines Ziehvaters in den Händen hielt und die schwarze Farbe aus den Haaren gewaschen hatte, sah er, wen er getötet hatte.
    Da brachte er den Helm in den Tempel, der dem Kriegsgott Hachiman geweiht war.

    Als Bashō den Helm sah, war von all dem Glanz und den heldenhaften Kämpfen nichts mehr übrig. Der Helm war nur noch ein Versteck für die Grille, die ihr Lied zirpte.

    Die erste Zeile des Gedichtes ist sehr schwer zu übersetzen:

    Muzan na ya stammt aus einem Zitat aus dem Heike monogatari, in dem der Kampf zwischen Vater und Sohn geschildert wird. Die Szene beginnt mit den Worten:

    Ana muzan na ya!
    Ach welch schreckliches Geschehen!

    Damit nimmt Bashō in einer literarischen Anspielung unmittelbaren Bezug auf die kriegerische Erzählung des Kampfes.

    Dieses Kopfkissenbuch bezieht sich auf historische Ereignisse, die damals jedem gebildeten Japaner geläufig waren, weil er die Gesänge des Heike monogatari oft und oft gehört hatte. Es ist, als würden wir ein Haiku beginnen mit den Worten:

    Uns ist in alten mæren wunders vil geseit

    Haiku nur als unmittelbare Naturschilderung? Wohl kaum!
    Ein Kopfkissenhaiku schildet zwar ein unmittelbares Erlebnis, aber es ist nur aus dem literarischen und historischen Hintergrund voll verständlich!

  • #2322

    Zu Kirigirisu – der Grille.

    Zur Edozeit, also auch zur Lebenszeit von Bashō war es auch in den großen Städten wie Edo (Tokio) Mode, Grillen in kleinen Behältnissen zu halten und sich im Sommer an ihrem Gesang zu erfreuen.
    So liegt es nahe, dass die Grille unter dem Helm singt. So jedenfalls übersetzt Dombrady in seiner Ausgabe der Oku no hosomichi:

    Grausames Schicksal: Unter jenem Helm sitzt nun eine Grille und zirpt.

    Vermutlich zirpt sie aber nur wegen der Silbenzahl! Denn im Originaltext von Bashō erfahren wir nichts davon, ob sie singt oder nicht, sie ist einfach da:

    Kabuto shita no kirigisu – unter dem Helm die Grille!

    Vielleicht sitzt sie nicht dort um zu singen?
    Bashō hatte sich intensiv mit der chinesischen Literatur befasst. Daher war ihm bekannt, dass bereits in der Tang-Zeit Grillen gehalten wurden, um sie gegeneinander kämpfen zu lassen. Die männlichen Grillen sind sehr aggressiv und sie fallen sofort übereinander her und kämpfen. Diese Grillenkämpfe waren ein sommerliches Vergnügen am Kaiserhof noch bis zur letzten Dynastie Chinas.
    Vielleicht sitzt die Grille unter dem Helm und wartet auf ihren Gegner? Oder ist sie eine Wiederverkörperung Sanemoris, der noch im hohen Alter nicht gewillt war, auf einen Zweikampf mit dem überlegenen Gegner zu verzichten. Ja, die Grille ist niemand anders als Sanemori! Darum auch sitzt sie unter dem Helm.
    Der Geist des Sanemori als alter Mann
    Im japanischen Noh Theater gibt es ein Stück von Zeami mit dem Titel Sanemori.
    Ein Priester kommt in den Bergtempel, wo auch Bashō den Helm gesehen hatte. Da erscheint wie jeden Tag ein alter Mann und singt den Lobpries Amida Buddhas. Auf die Fragen des Priesters zeigt sich, dass der alte Mann der ruhelose Geist Sanemoris ist, der seit über zweihundert Jahren täglich zu dem Ort zurückkehrt, an dem er getötet worden ist. Dabei kommt er an dem Teich vorbei, in dem sein abgeschlagener Kopf gewaschen wurde, damit die schwarze Farbe aus den weißen Haaren verschwindet.
    Gemeinsam mit dem Priester singt der Geist Sanemoris das ’namu amida butsu‘ und löst so seine Trauer und seinen Kampfeszorn auf. Endlich kann er nun in das Reich der Toten verschwinden.

    So wie Sanemori das ’namu amida bustu singt‘, so singt vielleicht die Grille unter dem Helm. Aber ob sie jemals Erlösung finden wird?

    Es ist schon überraschend, welche tiefgehenden Bezüge in solch einem kleinen Kopfkissenlied stecken können!

  • #2335

    Ich habe inzwischen ein paar japanische Kommentare zu der Grille unter dem Helm gefunden.
    Higuchi Isao (1883 – 1943) schreibt 1925 in seinem Werk ‚Senpyō Bashō kushū‘ – Notizen zu ausgewählten Hokku von Bashō:

    Die unter dem Helm gefangene Grille, die mit einer pathetischen Stimme ruft, muss Sanemoris Seele sein. Nach so vielen Jahren dauert sein Schmerz noch an und hat diesen schaurigen Ausdruck gefunden.

    Taizō Ebara (1894 – 1948), Professor in Kyōtō schreibt:

    Als der Dichter den Helm des Sanemori sah, den der bei seiner letzten Schlacht getragen hatte, gestaltete er ein anschauliches Bild des heldenhaften Weges des alten Kriegers, als er in den entlegenen Gegenden des Nordens im Kampf fiel. Für Bashō wird im Schrei der Grille zum Echo des letzten Kampfes. Der Schrei der Grille erinnert ihn an den erschrockenen Ausruf von Higuchi Jirō (als er erkannte, wem dem abgeschlagene Kopf gehört hatte):

    „Ana muzan na ya!
    Ach welch schreckliches Geschehen!“

    In dieser Interpretation ist der Ruf der Grille das Echo des Entsetzensschreies.

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