Mittags

Was geschieht mir doch?

Wie ein zierlicher Wind, ungesehn, auf getäfeltem Meere tanzt, leicht, federleicht: so – tanzt der Schlaf auf mir.
Kein Auge drückt er mir zu, die Seele läßt er mir wach. Leicht ist er, wahrlich! federleicht.
Sie streckt sich lang aus, lang – länger! sie liegt stille, meine wunderliche Seele. Zu viel Gutes hat sie schon geschmeckt,

Wie ein Schiff, das in seine stillste Bucht einlief – nun lehnt es sich an die Erde, der langen Reisen müde und der ungewissen Meere. Ist die Erde nicht treuer?
Wie solch ein Schiff sich dem Lande anlegt, anschmiegt – da genügt’s, daß eine Spinne vom Lande her zu ihm ihren Faden spinnt. Keiner stärkeren Taue bedarf es da.

O Glück! O Glück! Willst du wohl singen, o meine Seele? Du liegst im Grase. Aber das ist die heimliche feierliche Stunde, wo kein Hirt seine Flöte bläst.

Scheue dich! Heißer Mittag schläft auf den Fluren. Singe nicht! Still! Die Welt ist vollkommen.

Singe nicht, du Gras-Geflügel, o meine Seele! Flüstere nicht einmal! Sieh doch – still! der alte Mittag schläft, er bewegt den Mund: trinkt er nicht eben einen Tropfen Glücks

– ‚Zum Glück, wie wenig genügt schon zum Glücke!‘ So sprach ich einst und dünkte mich klug. Aber es war eine Lästerung: das lernte ich nun. Kluge Narrn reden besser.

Das wenigste gerade, das Leiseste, Leichteste, einer Eidechse Rascheln, ein Hauch, ein Husch, ein Augen- Blick – wenig macht die Art des besten Glücks. Still!

Was geschah mir: Horch! Flog die Zeit wohl davon? Falle ich nicht? Fiel ich nicht – horch! in den Brunnen der Ewigkeit?

Friedrich Nietzsche: Zarathustra

4. Buch: Mittags

DŌ – GAKU – JITSU

DŌ – GAKU – JITSU

Heute habe ich in einem blog aus Amerika (sweetpersimmon.com ) einen schönen Beitrag gelesen über die drei Worte DŌ – GAKU – JITSU.

Früher hingen diese drei Schriftzeichen über dem Eingang zu den Übungsräumen bei der Urasenke. Mori  Sensei,  die eine wunderbare Teelehrerin und ein herzlicher Mensch ist, der viele Midorikai Studenten so viel verdanken, hat erklärt, das dies die drei wesentlichen Aspekte des Lernens auf dem Teeweg sind:

DŌ – der WEG, GAKU – das Lernen, JITSU –  die Wahrheit, das Verwirklichen.

DŌ – der Weg
ist das, was uns führt und leitet. Wir können uns den WEG anvertrauen, weil vor uns schon viele Andere diesen WEG gegangen sind. In Kreta gibt es das Sprichwort: Wege sind klüger als Menschen. Ja, in den Bergen Kretas sind die Wege nicht Menschen gemacht und angelegt. Sie entstehen, weil Generation um Generation den selben Weg genommen haben. Hören die Menschen auf, die Wege zu gehen, so veröden sie und werden von Unkraut überwuchert. Diejenigen, die später nach kommen, können den Weg nicht mehr finden.

Bei meinen Wanderungen in Griechenland habe ich oft und oft erleben müssen, daß moderne Maschinen gewaltsam die Berge aufgerissen haben, um Wege, nein Straßen zu bauen. Diese Straßen sind breit und zielgerichtet. Sie ziehen völlig schattenlos unter der gnadenlosen Sonne dahin, sie sind un-menschlich. Die alten, menschlichen Wege, die unter Bäumen dahinziehen und gerade so viel Steigung haben, dass man Schritt für Schritt gehen kann, sind zerstört und weithin unbegehbar geworden. Und die neuen Straßen sind eben für Maschinen gebaut, nicht für Menschen, die darauf gehen können.

Die Wege, die für den Menschen sind, müssen uns erlauben, dass wir von Zeit zu Zeit innehalten und die Landschaft um uns herum betrachten können. Sie bieten Schatten für eine Rast oder für eine Besinnung.  Sie bieten Sicherheit, dass wir Schritt für Schritt, jeder in seinem eigenen Tempo weitergehen können. Vielleicht ist es gar nicht so wichtig, an einem Ziel anzukommen. Das Unterwegs – Sein ist fast wichtiger. Jeder Ort, an dem wir stehen bleiben und uns besinnen, ist schon und fast schon wie eine Ankunft.

Wege sind dazu da, uns zu führen und zu leiten. Aber wir sind es, die den Weg gehen müssen. Wenn wir uns nicht aufmachen und unentwegt weiter gehen, bleiben die Wege ungegangen.

Martin Heidegger hat einmal an einen jungen Studenten, der dann auch eine Zeit lang mein Lehrer war geschrieben: „Bleiben sie stets beirrt aber immer unent-wegt“.  Es ist ein Geschenk, wenn wir UNSEREN WEG gefunden haben. Trotz aller Irrungen, Mühen und trotz allem Innehaltens wissen wir, dass wir auf dem rechten Weg sind. Auch scheinbare Umwege führen uns – im Nachhinein gesehen – wohlbehalten ans Ziel. Das Herz, das inniglich wünscht, den WEG zu gehen, ist unser eigentlicher Lehrer, unser Meister (Rikyû Hyakushû Nr 1)

Die modernen Straßen zielen nur noch auf Schnelligkeit. Niemand sieht mehr die Landschaft, wenn wir die Autobahn entlang rasen. Ja, es ist geradezu unmöglich für die Menschen, diese Straßen zu gehen. Wir müssen darauf entlang rasen, um möglichst schnell zum Ziel zu kommen. Wenn wir Menschen dabei auf der Strecke bleiben, so kümmert das niemanden. Das Ziel ist es, was alles bestimmt. In dieser Weise wird leider häufig mit den Menschen im Arbeitsprozess umgegangen. Es ist nur noch Menschenmaterial, das in der Regel auch noch zu teuer ist. Man ersetzt die Menschen besser durch Maschinen.

Gaku ist das Lernen.
Aber wer den WEG gehen will, darf nicht nur mit dem Kopf lernen. Wir lernen mit dem Herzen. Mit dem Kopf lernen wir Daten und Fakten, aber das Herz bleibt leer. Im modernen Ausbildungswesen gilt es, möglichst schnell und effektiv zu lernen, damit man erfolgreich Prüfungen ablegen und Zertifikate erwerben kann. Aber die wahre Prüfung stellt das Leben, nicht eine bestellte und verbeamtete Kommision. Auch in den Wegen müssen wir eine Menge lernen. Im Teeweg gibt es eine Fülle von Fakten, Prozeduren und Daten, die man „wissen“ sollte.

Vieles was es auf einem Weg zu lernen und zu „wissen“ gilt, wird erst verstanden, wenn wir den Weg genügend weit gegangen sind. Wie oft habe ich von Schülern, die auf ihrem Weg an einem bestimmten Ort angekommen sind gehört: „Ja, warum hat uns das niemand gesagt!“. Dabei hatte ich mir den Mund fusselig geredet. Aber das Wissen, das es auf dem WEG zu lernen gilt, wird oft überhaupt erst wahrgenommen, wenn wir bereit sind zum Verstehen. Vorher ist es nur „Wissensstoff“, den ich in einem Notizbuch eintragen und getrost nach Hause tragen kann. Dort liegt er ruhig in Schubladen und wird möglicherweise niemals mehr gebraucht. Hauptsache, es ist stets „verfügbar“.

Jitsu ist die Wahrheit, die Wirklichkeit.
Wissen, das ich nur im Kopf oder gar nur im Notizbuch mit mir herum trage, das nicht verwirklicht wird, ist kein wahres Wissen.

Bei meinem Philosophie Studium habe ich oft erlebt, wie Mit-Studenten brilliante Vorträge über bestimmte philosophische Themen gehalten haben. Aber alles war angelernt und auswendig daher gesagt. Wenn mein Lehrer dann lobte: “ Das haben Sie sehr schön gesagt, aber könnten Sie es bitte mit ihren eigenen Worten sagen!“ kam nur noch unbeholfenens Stottern. Angelerntes Wissen kann jederzeit aus der Schublade geholt und wieder daher gesagt werden, aber es verwirklicht sich nicht in meinem Leben. Nur das, was ich wirklich lebe, ist lebendiges und wahres Wissen.

Alles Gelernte auf den Wegen ist nur dann echt und wirklich, wenn es außerhalb der Unterrichtssituation gelebt wird.

Wir hören erst dann auf, Schüler zu sein, wenn wir das Wissen leben, jeden Augeblick leben.

Das zeichnet den Meister aus vor dem Schüler: er weiß nichts mehr, er LEBT was er einmal gewußt hat.

Kiefer und Zaubernuss

In der Winternacht
steht der alte Kiefern-Baum
unerschüttert da,
ob auch lastend schwerer Schnee
seine Äste niederzwingt

Showa – Tennō zum Neujahr 1946

Showa Tennō, im Westen bekannt als Kaiser Hirohito war, wie viele seiner Vorgänger auch, ein guter und geübter Dichter. Zur Ausbildung des Kronprinzen gehört das Studium der klassischen Poesie und die Übung im Verfassen von Gedichten.

Hirohitos Rolle im zweiten Weltkrieg ist bis heute umstritten. Die Einen sehen in ihm den Haupt – Kriegstreiber, die anderen als ein Opfer der kriegslüsternen Generäle. Gemäß der Tradition hatte der gottähnliche Tennō die Beschlüsse seiner Regierungsorgane abzusegnen.
Sicher ist, dass Showa – Tennō schon früh dem Leiden des Krieges ein Ende bereiten wollte und Botschaften an Stalin und Präsident Truman schickte. In einer Antwort auf Kapitulationsbedingungen, die Truman gestellt hatte, wurde das Wort „mokusatsu“ verwendet, das unterschiedlich verstanden werden kann. Hirohito und sein Premieminister wollten die Antwort noch „zurückhalten“, weil sie auch noch auf eine Antwort von Stalin warteten, aber Truman verstand „ablehnen“. So entschied er, die Atombomben auf Japan abzuwerfen.

Im kalten Winter 1946 schrieb Hirohito das Gedicht über die alte Kiefer, die Oi-matsu als Neujahrsbotschaft an sein Volk.

Die alte Kiefer steht fest und sicher, obwohl sie in der Kälte der winterlichen Nacht von der schweren Last des Schnee fast zerbricht. Sie ist das Bild der Beständigkeit in schwerer Zeit. Sie ist aber auch das Bild der Hoffnung, dass sich die Zeiten wieder ändern, der Schnee schwindet und das wärmere Frühjahr wiederkommt.

Können wir uns vorstellen, dass ein Regierungschef der westlichen Welt Gedichte als Botschaft an sein Volk sendet?

Aber diese kleine Gedicht sagt mit seinem Bild mehr als 100 Seiten Redetext.

Hatsuharu – Erster Frühling

In diesen Tagen ist es im Myoshin An schon ganz warm und frühlingshaft. Im Japanischen gibt es das Wort Hatsu Haru – erster Frühling. Damit ist nicht der Frühlingsbeginn gemeint. Oft gibt es im Januar, wenn das Licht wiederkehrt warme Tage voller Sonne. Die Tiere wärmen sich am neuen Licht und wir selber genießen schon ein kleines Sonnenbad.

Kommen wieder die guten, warmen Zeiten? Beginnt das Leben wieder neu?

Hölderlin schreibt:

Kehren die Kraniche wieder zu dir zurück …?

Erster Frühlingstag
Bald schon blüht die Zaubernuss-
gelb unter dem Schnee.

Haiku aus dem Myōshin An

Haikai – Haiku

Am Jahreswechsel haben wir uns zu einem Haikai getroffen.

Ein Haikai ist ein Treffen, eine Versammlung (kai) mit der Absicht, gemeinsam Haiku zu schreiben.
In der Gemeinschaft ist es viel einfacher, Haiku, japanische Gedichte in der Form 5/7/5 Silen zu schreiben als allein.

Wir beobachten die Natur und das Geschehen um uns herum. Einer gibt ein Thema oder schon eine fertige Zeile, die anderen suchen dazu passende Themen und Worte.

Draußen im Garten hatte es leicht geschneit. Auf dem Bambus lag Schnee, der aber in der aufsteigenden Morgensonne zu tauen begann. Plötzlich strahlte die Sonne in den Wassertropfen auf und schon war die erste Zeile geboren:

Am Bambus taut Schnee

Die Sonne glitzerte in den Wassertropfen, die wie Edelsteine leuchteten und schon war das Haiku fertig:

Am Bambus taut Schnee.
Funkelnde Wassertropfen
wie Edelsteine.

Am Abend glühte die Sonne golden-rot, bevor sie sich endgültig zum letzten Mal in diesem Jahr verabschiedete:

Abendgoldgewölk –
letzter Sonnenuntergang.
Das Alte Jahr geht.

In der Nacht vor Silvester war dichter Nebel und der Weg zurück zum Gasthaus kaum zu erkennen. Im dunklen Schatten des nächtlichen Nebels stand die Kiefer, leicht mit Schnee bedeckt:

Kiefer im Nebel.
Der Tag des Jahres schwindet.
Wohin führt der Weg?

In der Nacht zum Neujahr war der Nebel so dicht, daß weder die Kirche noch irgend ein Licht zu sehen war. In völliger Einsamkeit lag das Teehaus, als wir das Neue Jahr nach japanischer Tradition mi einhundert acht Schlägen der Glocke begrüßten. Aber der Nebel verschluckte alle Geräusche und die Stille war nur noch tiefer:

Hundert acht Schläge
begrüßen das Neue Jahr
verschluckt im Nebel.

Am nächsten Morgen nur Nebel, durch den das Licht der neuen Sonne strahlte. Nichts war zu sehen als heller, strahlender Nebel.

Erster Tag im Jahr.
Dichter Nebel überall
verbirgt den Anfang.

Aber bald brach die Sonne durch und der frische Schnee leuchtete hell im Morgenlicht:

Schnee auf dem Bambus
Im Lichte der Neujahrs Sonne –
Freundlicher Anfang!