Das Vogellied

Wenn ich je stille Himmel über mir ausspannte und mit eignen Flügeln in eigne Himmel flog:
Wenn ich spielend in tiefen Licht-Fernen schwamm, und meiner Freiheit Vogel-Weisheit kam:

Sommerhimmel

– so aber spricht Vogel-Weisheit:
„Siehe, es gibt kein Oben, kein Unten!
Wirf dich umher, hinaus, zurück, du Leichter!
Singe! sprich nicht mehr!

Mäusebussard

– sind alle Worte nicht für die Schweren gemacht?
Lügen dem Leichten nicht alle Worte!
Singe! sprich nicht mehr“
Mäusebussard
O wie sollte ich nicht nach der Ewigkeit brünstig sein

Ewigkeit
Friedrich Nietzsche:

Also sprach Zarathustra – Drittes Buch:
Von den sieben Siegeln:
Siebtes Siegel

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Kinder und der Teeweg

Vor ein paar Wochen waren wir in der Rhön, wo wir eine Gruppe von hochbegabten Kindern im Alter von acht bis 15 Jahren in ihrem Ferienlager besuchten.

Wir haben dort Teezeremonie vorgeführt, gemeinsam mit den Kindern meditiert und das Hannya Shingyo rezitiert.

Die Kinder hatten uns schon gespannt erwartet und im Wald sogar ein kleines „Teehaus“ aus Zweigen gebaut. Leider schüttete es in Strömen, so dass wir auf die Terrasse der Waldhütte gehen mussten, in dem die Kinder wohnten. Bei der Teezeremonie – wir führten Chabako vor, eine Zeremonie, bei der alles in einem kleinen Kasten verstaut ist – war eine absolut gespannte und aufmerksame Stille. Obwohl es in Strömen regnete und ziemlich kalt war, schauten alle regungslos und gebannt auf jeden Handgriff der Zeremonie. Anschließend in der Hütte wollten alle probieren, das Fukusa, das seidene Tuch, mit dem die Teegeräte rituell gereinigt werden zu falten. Innerhalb kürzester Zeit hatten die Kinder die komplizierten Bewegungen begriffen und alle saßen ganz versunken und übten das Falten mit Papierservietten.

Im Anschluss an die Zeremonie hatte ich ein kleines Stück auf der Zen – Shakuhachi gespielt. Obwohl es eine völlig andersartige und fremde Musik ist, lauschten alle gebannt. Später, vor dem Abendessen kam eines der Kinder ganz verlegen zu mir: „Bei der Musik war mir ganz komisch. Ich hatte am ganzen Körper eine Gänsehaut, aber nicht von der Kälte und vom Regen. Es ist, als hätte ich diese Musik schon einmal irgendwo gehört.“

Am nächsten Morgen versuchten wir, gemeinsam das Hannya Shin Gyo zu rezitieren. Zunächst erklärte ich den Kindern den Text. Es geht um den Bhoddisattva des Mitleides, der zu sich selbst gefunden hat, aber aus Mitleid auf seinen Weg-Gang ins Nirvana verzichtet, um auch die anderen Menschen vom Leiden an sich selbst und der Welt zu erlösen. Besorgt fragte ich, ob der Text nicht viel zu schwierig zu verstehen ist, aber alle versicherten mir, dass sie sehr genau den Inhalt verstehen.

Nach der Rezitation des Textes verabschiedeten wir uns und fuhren hinaus in den Regen und die Waldhütte verschwand schon bald im dichten Nebel.

Später haben wir erfahren, dass die Teezeremonie und das Hannyashingyo ein „Erdbeben“ bei den Kindern ausgelöst hatte. Sie begannen, ihr Leben zu überdenken und sie übten Teezeremonie mit Tee, den sie aus Teebeuteln nahmen und klein zermahlten. Vielleicht haben sie erfahren, dass man das Leben als Gesamtkunstwerk gestalten und so einen Sinn im Leben finden kann.

Die Kinder fragten ständig, wann sie denn als Gruppe endlich zu den „Teeleuten“ fahren dürften.

Vielleicht gelingt es ja, dass wir das Ferienlager im nächsten Jahr hier im Teehaus machen können. Einige Kinder können Teezeremonie lernen, wir würden gemeinsam japanisch kochen, Blumenstecken üben und selbst eine Teeschale töpfern. Am Ende der Ferienzeit würde dann ein gemeinsam gestaltetes Chaji – eine komplette Tee Einladung stehen, das von den Kindern gemeinsam für ihre Eltern gestaltet würde.

Wir freuen uns schon jetzt auf diese Möglichkeit.

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Sonnenuntergang

Sonnenuntergang

Wo bist du? Trunken dämmert die Seele mir
Von all deiner Wonne; denn eben ist’s,
Dass ich gelauscht, wie, goldener Töne
Voll, der entzückende Götterjüngling

Sein Abendlied auf himmlischer Leier spielt‘;
Es tönen rings die Wälder und Hügel nach,
Doch fern ist er zu frommen Völkern,
Die ihn noch ehren, hinweggegangen.

Dieses Gedicht Hölderlins hat mich schon sehr lange begleitet.

Einmal sind wir im frühen Frühjahr auf den Gletscher gestiegen. Der letzte Steilhang war für mich fast unüberwindlich geworden, weil die Luft fehlte. Mein Freund trug erste sein, dann mein Gepäck hinauf zur Hütte, die oben am Hang stand. Ich schleppte mich mit letzter Kraft den Hang hinauf und musste mich im Winterraum sofort auf die harte Matratze legen. Aber nach einiger Zeit hatte sich mein Körper an die Höhe aklimatisiert und alles wurde wunderbar leicht. Immer wieder fuhren wir den Stelhang mit unseren Ski hinunter und der Aufstieg ging von ganz allein, ohne jede Mühe. Die Sonne glühte und der Schnee reflektierte das fast gnadenlose Sonnenlicht. Alles war in strahlendem Weiß und in blendender Helle.

Plötzlich und fast ohne Übergang war die Dunkelheit angebrochen. Ich legte mich auf das Feldbett und las in einem Reclam Heft dieses Hölderlingedicht, das mich mit unmittelbarer Wucht traf.

„Es tönen rings die Wälder und Hügel nach“

Das milde Licht des Abends ist wie ein Echo auf das Lied des Sonnenjünglings voller goldener Töne und es verklärt mit seinem gold-roten und warmen Schein die Wälder, die langsam in Schweigen und Dunkelheit versinken. Ein Bild der Zärtlichkeit. Hölderlin sagt: Alles ist innig!

Wie ganz anders war das Licht auf dem Gletscher, hart und unvermittelt, ohne jede Zartheit. Und überhaupt nicht golden warm, sondern eiskalt und klar, so wie das gnadenlose Licht einer eiskalten Vernunft, das mit voller Kraft leuchtet und brennt, so sehr, dass man die Augen schützen muss.

Seit diesem Erlebnis liebe ich dieses Gedicht ganz besonders und es ergreift mich immer wieder beim Lesen.

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Über diesen Blog

Eigentlich will ich mich nicht der allgemeinen Mode anschließen und einen blog schreiben.
Es ist zwar modern, jedermann seine Gedanken mitzuteilen, aber interessiert das überhaupt jemanden?

Schon von meinem Sternzeichen und auch dem chinesischen Horoskop bin ich als unverbesserlicher Lehrer geboren und habe fast mein ganzes Leben lehrend verbracht.

Aber was ist ein Lehrer? Einer, der alles besser weiß, als alle anderen? Oder einer, der auf dem Weg des Lernens einen kleinen Schritt voraus ist? Ein Sen-Sei eben, einer der voraus gelebt hat und ein wenig mehr Erfahrung hat als die anderen?

Ich muss jedenfalls bekennen, dass fast alles, was ich auf meinem Weg des Philosophierens gelernt und gedacht habe im Gespräch mit Schülern und Studenten entstanden ist. Also möchte ich am Ende meines Lebens allen danken, die mich immer durch ihr Fragen und Mit-Denken gelehrt haben.

Auch in den Japanischen Künsten wie der Teezeremonie habe ich am meisten gelernt, indem ich versucht habe, meine Erfahrungen auf dem Weg an Andere weiter zu geben.

Kürzlich wurde ich gefragt, was es mir bedeutet und wie sich mein Leben dadurch ändert, dass ich in meinem Teeraum Gäste empfange und Schüler unterrichte. Ich habe geantwortet, man könnte mich genauso fragen, wie sich mein Leben dadurch verändert, dass ich atme. Das Teilen von Wissen oder von Fragen im gemeinsamen Gespräch oder im gemeinsamen praktizieren von Übungswegen ist die Luft, die ich atme.

Hölderlin hat in seinem wunderbaren Brief an den Freund Böhlendorff geschrieben:

Schreibe doch nur mir bald. Ich brauche Deine reinen Töne.
Die Psyche unter Freunden, das Entstehen des Gedankens im Gespräch und Brief ist Künstlern nötig.
Sonst haben wir keinen für uns selbst; sondern er gehöret dem heiligen Bilde, das wir bilden.
Lebe recht wohl.
Dein H.

Vielleicht hat ja der Eine oder Andere Lust und Zeit, in eine Diskussion über unfertige Gedanken einzusteigen und es entsteht etwas Neues. Schon jetzt vielen Dank für jede Anregung oder Kritik, die aus einem freundlichen Herzen kommt.

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Stille

Montag den 20. August

Die ganze Nacht über ist starker Regen gefallen. Das Geräusch des Regens draußen vor dem Fenster, das Plätschern des Regens im Kies und das Rauschen der Bäume klingt immer noch nach.

Langsam wird es hell. Die ganze Landschaft ist in dichten Regenschwaden verhüllt. Allmählich hört es auf zu regnen aber die Nebelschwaden verhüllen die Hügel und Wälder, so dass sich draußen vor dem Fenster das Bild einer chinesischen Tuschemalerei erstreckt. Geheimnisvoll Grau in Grau verhüllt sich das Land und zeigt sein Geheimnis.

Die ganze Welt scheint verborgen und weit weg.

Die Stille wird verstärkt vom Rieseln des Ruisilibaches – des Rieselbaches, der heute Rüsselbach genannt wird.

Gestern noch waren Freunde und Gäste hier im Dōjo und wir haben aufregende Stunden beim Brennen der Teeschalen gehabt, die in den letzten Tagen und Wochen hier im Seminar entstanden sind. Die Gasflamme des Brennofens hat den ganzen Tag gerauscht und immer wieder war es aufregend, wenn der Ofen geöffnet wurde. Wie oft aber hat es bald nach dem Anzünden des Brenners ein dumpfes Puff gemacht und wieder war eine Teeschale, die zu nervös und hektisch geformt worden war zerrissen. An den Scherben konnten wir dann die eingebauten Luftlöcher bewundern, die zur Explosion der Schale geführt hatten. Umso größer war dann die Freude, wenn eine Schale ganz geblieben war.

Nun ist wieder die Stille eingekehrt.

Heute, am Mittwoch war die Stille besonders dicht und intensiv.
Wir wanderten durch den Garten und bewunderten die Früchte des Landes, die langsam der Reife entgegengehen. Alles ist in diesem Jahr so viel früher als sonst. Der Walnussbaum trägt reiche Früchte, die Holunderstäuche neigen sich in der Last ihrer reifen Beeren und der Quittenbaum muss fast vor der Last der Früchte gestützt werden. Die Quitten sind noch nicht reif, aber sie leuchten immer gelber aus dem Laub hervor. Der Wein leuchtet golden aus dem Laub und er schmeckt wunderbar süß.

Am Ende des Gartens steht eine Gruppe von drei mächtigen Kiefern einträchtig beieinander und ihre Äste bilden ein weites Dach, unter dem man sicher und geborgen stehen kann. Die Bäume strahlen ihre Kraft und Ruhe aus und ganz viele Waldspitzmäuse haben ihre Gänge unter den Wurzeln gebaut. Fühlen sie sich hier besonders behütet und beschützt?

Vor dem Abend – Tee sitzen wir noch auf der Terrasse und genießen die Stille. Der Ruisilibach singt sein Lied und macht die Stille laut hörbar. Diese Stille inmitten der Wälder und Hügel ist ein so kostbares und seltenes Gut geworden. Man muss nicht in der Strenge des Zen – Dōjo sitzen und die Beine verschränken, um zu meditieren und zur Ruhe zu kommen. Das Hören der Stille in diese verhaltenen Landschaft ist die schönste Meditation.

Das Licht wird langsam golden – rot und die gesamte Landschaft glüht im Abendlicht
Rings tönen die Wälder und Hügel nach vom Abendlied, das der entzückende Sonnenjüngling auf seiner Leier spielte.
Der Nachklang in der still verglühenden Landschaft stimmt in den Gesang der Stille mit ein.

Nachher wird der Gesang des Teekessels im Teeraum dieses Lied wieder aufnehmen.

Sonnenuntergang

Wo bist du? Trunken dämmert die Seele mir
Von all deiner Wonne; denn eben ists,
Dass ich gelauscht, wie, goldener Töne
Voll, der entzückende Götterjüngling

Sein Abendlied auf himmlischer Leier spielt‘;
Es tönen rings die Wälder und Hügel nach,
Doch fern ist er zu frommen Völkern,
Die ihn noch ehren, hinweggegangen.

Friedrich Hölderlin

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