ware tada tare shiru – Genügsamkeit und Glück

Im Ryoanji Tempel in Kyoto steht das berühmte Tsukubai, das Reinigungsbecken für die Teezeremonie.

Ryoanji Tsukubai

Dieses schlichte Steinbecken, das für die Reinigung der Hände und des Mundes bei der Teezeremonie benutzt wird, ist wegen seiner Inschrift so berühmt, die viele Rätsel für das Verständnis aufgibt.

Die Inschrift besteht aus vier Schriftzeichen, die um eine quadratische Öffnung angeordnet sind. Die große Kunst der Reduktion besteht darin, dass die Öffnung selbst ein Schriftzeichen bildet, das als Wurzelzeichen Bestandteil aller vier Schriftzeichen ist. Dieses Zeichen bedeutet „Öffnung, Mund“ 口. Eine Öffnung, die in der Form eines Schriftzeichens geformt ist, das „Öffnung“ bedeuted!

Die vier Schriftzeichen, die jeweils aus dem Zeichen für „Öffnung“ und einem weiteren Zeichen zusammengesetzt sind heißen

ware tada

ware tada taru shiru

ware – „ich“ – hat die Wurzel ‚Guchi‘ 口, Öffnung unten, tada - “nur“ – hat das Wurzelzeichen links, taru – „ausreichen, genügen“ hat es oben und shiru – „wissen“ rechts.
Das Wurzelzeichen wird nur ein einziges Mal geschrieben – alle Zeichen teilen sich dieses Wurzelzeichen. Und dieses Wurzelzeichen, das „Öffnung“ bedeutet, ist zugleich die Öffnung des Wasserbeckens. Eine Sparsamkeit und Genügsamkeit bis zum Äußersten!
Dieses Tsukubai ist derart Populär, dass es immer wieder zitiert wird.

Tafel: ware tada ..
Hier ist die Inschrift auf einer Holztafel geschnitzt, daneben stehen die Schriftzeichen Fuku: Glück und Kotobuki: langes Leben. Links davon ein Gedicht. Die Verbindung mit den beiden Zeichen für Glück und langes Leben zeigt, wie man in der Tradition das Tsukubai deutet. Es ist auf jedenfall mit der Vorstellung von Glück verbunden.

Was bedeuted aber nun die Inschrift wirklich? Die vier Schriftzeichen können nach der Tradition von oben nach unten und von rechts nach links gelesen werden als

ware tada shiru taru – Ich einfach wissen ausreichen

Die eigenwilligste Interpretation, die ich gelesen habe war:  „Nur Ich weiß, dass ich glücklich bin“. Oder: „Nur durch das Wissen bin ich glücklich“.

WARE – Das Egolose ‚Ich‘

Aber von Glück ist nicht die Rede. Und auch nicht von einem Ego, das „Ich“ sagen würde.
ware kann zwar in der älteren japanischen Sprache „ich“ heißen, es wird aber auch als Anrede für eine andere Person gebraucht, die rangmäßig niedriger steht. Genau besehen gibt es im Japanischen überhaupt kein Personalpronom, sondern nur Worte, die etwas im Raum befindliches nennen, eben „Das hier, das spricht“ oder „Dasjenige dort drüben, das angesprochen ist“. Zugleich gibt es eine Fülle von solchen Worten, die zugleich die soziale Rangstellung des Sprechenden oder des Angesprochenen zeigen. Das Wort „chin“ wurde nur vom Tenno gebraucht und bedeutet wörtlich: „Dieses hier, der Kaiser, der von sich selbst spricht“. „Anata“ wird zwar als Anrede für ein höhergestelltes Gegenüber benutzt, aber wenn eine Frau die Aufmerksamkeit ihres Ehemannes möchte, sagt sie zu Ihm :“Anata!“ – „He Das da, schau mal rüber zu Diesem hier!“
„Ware“ bezeichnet dann etwas, das sich genau an der Stelle des Sprechenden befindet, das sich aber zugleich nicht so wichtig nimmt und eher einen niedrigen Rang einnimmt. Ware konnte auch gebraucht werden als Anrede für eine andere Person, die im sozialen Rang niedriger stand, als der Sprechende, etwa wie das „Ihr“ als Anrede für Dienstpersonal.

EINS – ALLES

Im Zen geht es aber gerade darum, das Ego abzulegen und „ein Mensch ohne Rang“ zu werden. Ein Mensch ohne Rang braucht kein Amt und keine Würden, um ganz bei sich zu sein. Er ist nicht durch das Amt oder den Besitz definiert. „Ware“: „der Mensch ohne Rang, der von sich selbst spricht“. Vielleicht meint das ware auch ein WIR, die wir nicht so wichtig sind. Die gemeinsame Nutzung des Zeichens für Mund, Öffnung deutet auf das Teilen und das Gemeinsam-sein hin. Die ALLE teilen sich alles und werden dadurch EINS. EINS – ALLES! Darum hat auch das Tsukubai eine Kreisform und ist außen mit einem Kreis umrahmt. Der Kreis fasst die vier Hauptrichtungen zusammen in EINS, er eint die ALLE. Der Kreis, der Enso ist ja im Zen ein beliebtes Sinnbild für die Leere und das Eins.

TARU – Der genügsame Grund

Das untere der vier Zeichen, auf dem die ganze Gruppe „steht“ bedeutet wörtlich den Fuß. Dann wird es allerdings gelesen als „ashi“. Der Fuß oder die Füße  sind das, worauf man steht und geht.  Ohne Fuß keinen festen Stand. Gelesen als 足る  ‚taru‚  bedeutet es auch : ausreichen, genügen. Die Redewendung 足るを知る “taru o shiru“ bedeuted „sich zufrieden geben mit dem, was man hat“. Wenn das genügt, was man hat, so gewinnt man einen sicheren Stand im Leben. Wenn uns das nicht genügt, sind wir ständig auf der Suche nach mehr und immer unzufrieden, ja hadern mit dem Leben, weil Andere mehr haben, als wir selbst. In der Redewendung ist das dritte der Schriftzeichen, shiru – wissen enthalten. Es genügt nicht nur, ausreichend zu haben, man muss das auch wissen und akzeptieren.

SHIRU – Wissen

Das Wissen, um das es hier geht, ist nicht eine Ansammlung von intelektuell gelernten Dingen. Es ist ein Wissen, das man zwar „gelernt“ hat, aber nicht nur mit dem Verstand, sondern mit dem ganzen Körper und dem ganzen Sein.Der deutsche Philosoph Husserl hat eine Ethik verfasst. Jemand fragte ihn, ob er sich denn selbst an die aufgestellten Regeln halte. Husserl antwortete mit einer Gegenfrage: „Haben Sie schon einmal einen Wegweiser gesehen, der den Weg geht, den er weist?“ Ganz anders in den japanischen Wegen. Es genügt nicht, nur zu „wissen“. Das ist das Wesentliche aller japanischen WEGE. Nicht nur ‚wissen‘ wie es geht, sondern mit dem Körper lernen. Erst wenn der Körper gelernt hat und „weiß“, dann hat man nicht mehr das Wissen, dann IST man das Wissen selbst, weil man es verkörpert und lebt. Was nutzt es, sich verstandesmäßig zu sagen, dass wir zufrieden sind, wenn uns der Neid oder die Angst vor Verlust oder das Haben-wollen innerlich zerfrisst.

In der Kombination der beiden Zeichen 知足 werden sie gelesen als chi-soku, die Genügsamkeit, die auch als daoistische Tugend gilt.

TADA – Das All-tägliche

Gegenüber vom Zeichen für Wissen steht tada, oft interpretiert als „nur“. Aber so einfach funktioniert die japanische Sprache nicht. Tada kann zwar ’nur‘ bedeuten, es ist aber auch: umsonst, unentgeltlich, gratis, gewöhnlich, normal einfach.  nichts als. Tada ist das, was man umsonst bekommt, weil es das ganz gewöhnliche und alltägliche ist, das uns immer und jederzeit zu Füßen liegt. Es ist so gewohnt, dass es als das Gewöhnliche überhaupt nicht mehr wahr-genommen wird. Sehen wir die Schönheit des Alltäglichen, das uns jeden Tag wieder begenet? Rilke dichtete in den Duineser Elegien:

die findigen Tiere merken es schon,
daß wir nicht sehr verläßlich zu Haus sind
in der gedeuteten Welt. Es bleibt uns vielleicht
irgend ein Baum an dem Abhang, daß wir ihn täglich
wiedersähen; es bleibt uns die Straße von gestern
und das verzogene Treusein einer Gewohnheit,
der es bei uns gefiel, und so blieb sie und ging nicht. …

Das alles war Auftrag.
Aber bewältigtest du’s? Warst du nicht immer
noch von Erwartung zerstreut,

Wir sind nicht verläßlich zu Hause in der gedeuteten Welt, weil unsere Erwartungen immer in das Unbekannte und Große gehen. Der Baum, an dem wir täglich vorübergehen, sehen wir überhaupt nicht. Rilke schreibt denn auch, „dass wir ihn täglich wieder sähen“. Es ist wie ein Auftrag, dem wir uns beharrlich entwinden.  Die kleinen Dinge des Lebens, der Bam am Abhang, die Straße, die wir täglich gehen, die Geige am offenen Fenster nehmen wir nicht wahr, weil wir immer bei unseren Erwartungen sind. Wenn es uns gelingt, ganz anzukommen im Hier und im Augenblick, und den Baum am Abhang wirklich SEHEN, dann sind wir auf dem Boden angekommen, auf dem wir leben und sterben. Dann stehen wir wirklich auf unseren Füßen. Es ist das Wissen um das Geringe, das bewußt wahr genommen wird, das uns den ganzen Reichtum unseres Lebens schenkt.

Die Mittelzeile des Tsukubai „知  / 唯 - shiru / tada  –  Wissen / das Geringe“ ist wie der Wagebalken, der unser Leben ins Gleichgewicht bringt. Dann steht die Achse „吾 / 足 –  ware / taru  – ‚Ich‘ / genügen“ aufrecht und gerade in sich selbst.

Das ist in der Form einer alten 1 Yen Münze gestaltet. Das ist nicht viel, aber es genügt, wenn man um die Genügsamkeit weiß, einen festen Stand  und ein reich erfülltes Leben zu gewinnen.

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