Trunkene Stirn und höher Besinnen

Prof. Detlev Kantowsky hat kürzlich eine Monographie über den Teeweg vorgelegt.
Er ist emeritierter Soziologie Professor an der Universität Konstanz und dort ist auch seine Arbeit veröffentlicht. Man kann die Arbeit online einsehen unter der Internetadresse:
Chado – Der Teeweg
In dieser Arbeit werde ich zitiert, darum ist es sicher erlaubt, Stellung zu nehmen.

In seinem Beitrag über Das Teehaus im Englischen Garten für die anlässlich des 200 jährigen Bestehens der Anlagen herausgebene Festschrift erklärt Gerhardt Staufenbiel, wie nach klassischer Auffassung eine derart absichtslose Freiheit auf dem Teeweg sich ergibt (1989, S. 142/143):

Durch die äußerste Konzentration auf die Handlung sollen alle Gedanken zurücksinken und das Herz so gereinigt werden, wie man einen beschlagenen Spiegel reinigt. Sen Sotan schrieb: „Ein Herz besitzen, das auch nicht EINEM ETWAS verhaftet ist, das ist der Sinn der Versenkung. Selbst wenn es sich nur um das Handhaben des Teelöffels handelt, gebe man sich ohne Einschränkung diesem Teelöffel hin und denke an gar nichts anderes; das ist die rechte Handhabung von Anfang bis zum Ende. Auch wenn man den Teelöffel beiseite legt, so tut man es mit der gleichen tiefen Hingabe wie vorher.“ Hat der Mensch diese Reinheit des Herzens erreicht, so braucht er nach japanischer Auffassung keinerlei Vorschriften und Gesetze, keine Sittenlehre und kein Dogma, da er in der Lage ist, unverfälscht das zu tun, was die Zeit von ihm fordert und es so zu tun, wie es die Harmonie des Ganzen erfordert. Ziel des Teeweges ist die völlige Freiheit des Menschen in Harmonie mit seiner Umwelt.

Nach diesen Höhenflügen im intellektuellen Überbau bringt uns die Japanische Teekultur (Leupi, 1990) wieder zurück auf den Boden des Teeweges.

Soweit Detlef Kantowsky.

Ja ja, das waren und das sind intellektuelle Höhenflüge. Ich bekenne, dass ich diesen Text, der vor fast 20 Jahren entstanden ist, mit heißem Herzen und „trunkener Stirn“ geschrieben habe. Und dieses heiße Herz habe ich noch heute.

Sicher ist die Arbeit von Detlef, so darf ich ihn nennen, denn wir sind alte Teefreunde, eine sehr kritische und nüchterne Analyse der Realität des Teeweges in Deutschland. Und es ist gut, dass es eine solche Arbeit gibt.

Die Realität, in der Chado in Deutschland oder Japan gelebt wird, ist oft ernüchternd. Ganz besonders ernüchternd aber ist es, wenn man die japanische Realität betrachtet, die Detlef auch in seiner Arbeit schildert:

Auch verstehe ich jetzt Prof. Matsumoto Michisuke besser, der in seinem schon erwähnten Korreferat (1993, S. 117) die ausländischen Kollegen und ihr Interesse an der Teezeremonie nicht etwa bloßtellen wollte mit der Feststellung, daß er davon nichts verstehe. Er wisse auch nicht, was ihr Wesen ausmache, und so wie ihm ginge es bestimmt den meisten japanischen Männern. Bei den Frauen allerdings sei es ganz anders, auch seine Frau habe einmal Teezeremonie gelernt. Auf seine Frage allerdings, was ihr die Teezeremonie denn bedeute, habe sie mit tashinami geantwortet, was in diesem Zusammenhang als „Manieren“ zu verstehen sei. Auf die weitere Nachfrage ihres Mannes, ob die Teezeremonie etwas Philosophisches beinhalte, meinte Frau Michisuke erstaunt, so ein Gedanke sei ihr dabei noch nie gekommen.

Ja, der Teeweg wird in Japan gelebt als geselliges Beisammensein älterer Frauen oder als Benimmschule für junge Frauen. Detlef:

Den Darstellungen von Etsuko Kato zufolge wird die Teezeremonie von jungen unverheirateten Frauen meist gelernt, weil sich nach Meinung der Eltern damit ihre Heiratschancen verbessern würden. Erst nach Abschluß der Kinder-Aufzuchtphase würden viele Ehefrauen mittleren Alters den Teeunterricht fortsetzen bzw. erstmals beginnen können.

Drei Ebenen der Anerkennung und Bestätigung seien dabei wichtig für sie: Zum einen die Gemeinsamkeit einer Lerngruppe bei immer der gleichen Lehrerin; auch wenn die Kontakte nicht über den Unterricht und den anschließenden Schwatz bei einer Schale Schwarztee hinausgingen, entwickele sich über die Jahre hinweg ein bestätigendes Wir-Gefühl der Zugehörigkeit untereinander ..

Zum zweiten gäbe es größere Anlässe, bei denen nicht nur innerhalb der eigenen Lerngruppe geübt, sondern einem zahlreichen Publikum Tee zeremoniell zubereitet und serviert werde.

Kato erwähnt als dritte Ebene auch die formelle Tee-Einladung, meint aber, daß eine volle, mehr als vier Stunden dauernde Chaji immer weniger geübt werde; sie sei viel zu aufwendig und ein Teehaus samt Gartenanlage wäre meist auch gar nicht verfügbar.

Viel wichtiger als solche klassischen Zusammenkünfte im kleinen Kreis bei einer formellen Tee-Einladung seien für die Anerkennung und das Selbstwertgefühl der Tee-Übenden die öffentlichen Auftritte der Großmeister ihrer Schulen, etwa bei Opfertees in Tempeln und vor shintoistischen Schreinen: Die Teeschülerinnen sind dabei als Umrahmung des Rituals plaziert und offerieren anschließend allen Anwesenden eine Schale Tee, den sie in Nebenräumen zubereiten. Zum einen werde so die Nähe der Schülerinnen zum Iemoto ihrer Schule demonstriert, zum anderen aber findet bei solchen Großanlässen meiner Meinung nach genau das statt, was Kato im Untertitel ihres Buches signalisiert: „Bodies representing the past“. Mit ihrer traditionellen Kleidung sind es die Teeschülerinnen, die dem Ritual die klassische Atmosphäre geben. Frauen und nicht (mehr) Männer manifestieren in Anwesenheit des Großmeisters ihrer Teeschule die große Vergangenheit Japans, als die Menschen sich noch formvollendet zu kleiden und bewegen wussten

Das ist schon die Realität in Japan – Teezeremonie als historisches Relikt und Freizeitvergnügen älterer Damen. Aber ist das der Tee – “ WEG“ ? Wohl kaum. Und das ist auch nicht der Tee Rikyū’s. Ein Amerikaner, der sich seit vielen Jahren mit dem Teeweg befasst und der ein ungeheures Wissen hat, erklärte mir einmal: „Heutige Japaner sind prinzipiell nicht in der Lage, den Teeweg zu verstehen!“ Tee ist dort so etwas ähnliches wie das Schuhplatteln in Oberbayern.

Detlef schließt seine Arbeit mit einem Hinweis auf eine merkwürdige Diskrepanz, der Teeweg wird:

im westlichen Ausland als eine kunstvolle Form der Bewußtseinsschulung von wenigen meist jüngeren Männern (!) und Frauen auf der Suche nach alternativen Daseinsdeutungen gewählt, (dagegen) wird er im modernen Japan massenhaft vor allem von älteren Frauen als Mittel zur sozialen Aufwertung und Anerkennung durch die „main stream society“ praktiziert.

So besteht immer noch die Hoffnung, dass wir im Westen den Teeweg wieder neu finden als Weg zur Stille und zu sich selbst, so wie er von den alten Teemeistern der Momoyamazeit verstanden wurde. Sohshitsu Sen, der 15. Iemoto der Urasenke stellte einmal die Frage:

Können Ausländer den Teeweg verstehen?

Vielleicht ist es an der Zeit, die Frage neu zu formulieren:

Können Japaner den Teeweg verstehen?

Vielleicht muss man den Blick des Fremden haben, um das Wesen einer Sache zu verstehen. Das Gewohnte, das uns täglich umgibt, wird allzu leicht zum Gewöhnlichen. Damit ist das Fragen und das Staunen gestorben. Martin Heidegger sagte: Das Fragen ist die Frömmigkeit des Denkens. Das Gewohnte und damit Gewöhnliche ist nicht Frag – würdig genug, um es überhaupt in den Blick zu nehmen.

Mit Hölderlin Gang aufs Land könnten wir fast sagen:

Trüb ists heut, es schlummern die Gäng und die Gassen und fast will
Mir es scheinen, es sei, als in der bleiernen Zeit.
Dennoch gelinget der Wunsch, Rechtglaubige zweifeln an Einer
Stunde nicht und der Lust bleibe geweihet der Tag.

Die bleierne Zeit ist die Zeit der nüchternen Analyse, die jede Hoffnung zerstört und meint, der Teeweg als geistiger Weg ist nicht möglich und solche Sätze wie „Ziel des Teeweges ist die völlige Freiheit des Menschen in Harmonie mit seiner Umwelt“ sind nichts anderes als geistige Höhenflüge.

Detlef Kantowsky schließt seine Monographie mit den Worten::

Bodidharma ging nach Osten, um die reine Lehre in einem neuen Land zu verbreiten. Mußte Soshitsu Sen XV nach Westen gehen, um den „Geist des Tees“ an junge Menschen mit Anfängergeist weitergeben zu können ?

Hoffen wir, dass wir den Anfängergeist bewahren können und dass „von trunkener Stirn höher Besinnen entspringt“ und „mit der unseren zugleich die Blüthe des Himmels“ beginnen möge. Zengeist ist Anfängergeist!

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