Philosophie am Feuerberg 2016

Vom 12. bis zum 19 Juni werde ich am Feuerberg in Kärnten ein Seminar über „Hölderlin und Zenmeister Dogen“ halten. Das wird eine erholsame Woche mitten in der Bergwelt Kärntens bei bestem Essen in der gastlichen Atmosphäre des Hotels Feuerberg Mountain Resort. Herr Berger, der Leiter und Besitzer des Feuerbergs hat mich gebeten, einen kleinen Artikel über den „Wandel“ zu schreiben. Dem bin ich gern nachgekommen. Der Artikel ist schon eine kleine Vorschau über das Seminar.
Wer an diesem erholsamen Ferienseminar interessiert ist, kann sich gern schon an das Hotel Feuerberg wenden. Es gibt zum Seminar Sonderangebote.

Der Wandel

Leben ist Veränderung und Wandel. Wir werden geboren, reifen vom Kind zum Erwachsenen und werden alt und schwach. Leben ist ein stetes Abschiednehmen vom Gewohnten. In den Duineser Elegien schreibt Rilke:

Wer saß nicht bang vor seines Herzens Vorhang? Der schlug sich auf: die Szenerie war Abschied.

Schopenhauer vergleicht die Welt mit einem tobenden Meer. Wir sitzen in einem winzigen und brüchigen Kahn, der nur scheinbar Sicherheit gewährt über ‚heulenden Wasserbergen‘. Wenn wir den tosenden Wechsel der Wogen über dem Abgrund erkennen, steigt ein ‚Grausen‘ auf.
Aber das ‚Wechseln und das Werden‘ im tosenden Meer des Lebens muss nicht nur Angst und Trauer hervorbringen. Es gibt auch das Glück des Schwimmers, der sich von den Wellen tragen lässt. Hölderlin ruft das Griechenmeer, den Archipelagos:

Töne mir in die Seele noch oft, daß über den Wassern
Furchtlosrege der Geist, dem Schwimmer gleich, in der Starken
Frischem Glücke sich üb‘ und die Göttersprache das Wechseln
Und das Werden versteh‘.

Aber manchmal ergreift ‚die ‚reißende Zeit zu gewaltig das Haupt‘. Dann, so sagt Hölderlin, ‚lass der Stille mich in deiner Tiefe gedenken‘. Tief unten, weit unter der tosenden Oberfläche ist die Stille, die auch in uns wohnt. Sie ist der Ort, an dem wir den Frieden in allem Wechsel und Werden finden.

Im japanischen Zen gibt es die Geschichte eines Mönchs, der in einem Baum hängt. Verzweifelt klammert er sich mit den Zähnen an einen Ast, weil er keinen anderen Halt finden kann. Voller Angst klammert er, weil er nicht weiß, was ihn erwartet, wenn er loslässt. In seiner Angst hält er an der altbekannten Situation fest, in der er aber weder leben noch sterben kann.

Da kommt ein anderer Mönch unten am Baum vorbei und und stellt ihm eine Frage. Nur wenn wir die Angst in unserem Herzen überwinden und los-lassen können, werden wir ‚das frische starke Glück‘ finden.
Antwortet der Mönch im Baum nicht, so weiß man nicht, was mit ihm geschehen wird. Aber auf Dauer kann er nicht in dieser unhaltbaren Situation verweilen. Vielleicht hängt er eines Tages dort wie eine vertrocknete Frucht, die ihre Zeit des Reifens verpasst hat. Dann ist er mitten im Leben vertrocknet und abgestorben.

Der Mönch, der unten am Baum vorbei kommt, meint es recht gut mit seiner Frage. Vermutlich hat er erkannt, dass die Angst den Mönch in seiner unhaltbaren Situation festhält. Durch seine Frage zwingt er ihn, zu antworten und loszulassen.
Vermutlich fällt er einfach nur auf den Boden, auf dem er leben kann und der sogar unmittelbar unter seinen Füßen liegt. Den konnte er bisher nicht sehen, weil er vor lauter Angst nichts anderes als seinen Ast im Blick hatte.

Wie oft klammern wir uns an eine unhaltbare Situation aus lauter Angst vor dem Unbekannten. Aber wenn wir die Veränderung nicht zulassen, müssen wir uns vielleicht am Ende fragen, ob wir denn überhaupt gelebt haben.
Georg Christoph Lichtenberg hat einmal gesagt:

Ich weiss nicht, ob es besser wird, wenn es anders wird. Aber es muss anders werden, wenn es besser werden soll.

PS.:
In Japan ist ‚Ukiyo‘ die fließende Welt der Veränderung.
Das Schriftzeichen zeigt ursprünglich eine Melone, die lustig auf den auf den Wellen tanzt. Dieser fließenden Welt wohnt eine eigene Schönheit inne. Der Dichter Basho gestaltet die Schönheit des Augenblickes, die zugleich lustig und traurig ist, in einem kleinen Haiku:

Da – die Hibiskusblüte!
Und schon hat sie mein Pferd gefressen.

Literatur zum Nachlesen:
Mein Buch „Im Garten der Stille – Hölderlin im Gespräch mit Zenmeister Dogen“ wird eine der Grundlagen für das Seminar sein.
Man kann das Buch direkt hier kaufen: Im Garten der Stille.
Auf Wunsch auch mit Kalligrafiestempel und handsigniert.

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