Loslassen! – Aber wie?

Gestern waren wir zu Besuch auf einer Palliativ Station im Krankenhaus bei einer Krebspatientin. In wenigen Tagen wird sie entlassen – entweder in ein Hospiz oder nach Hause. Die Ärzte meinen, dass sie nichts mehr für sie tun können. Zu Hause ist niemand, der sie fachgerecht pflegen kann und ein Hospiz ist für sie eine Sterbestation. Aber sie will nicht sterben.
Martin Buber, der jüdische Philosoph, der die wunderbare Bibelübersetzung vorgelegt hat, meinte einmal: „Ich habe keine Angst vor dem Tod, aber Angst vor dem Sterben!“ Snoopy meint dazu: „Eines Tages müssen wir alle sterben!“ – „Ja, aber an allen anderen Tagen nicht!“ Weisheit auf Snoopy Art!
Der legendäre chinesische Zenmeister Fukke, auf den die Fukke – Shu, die Zenschule der Komuso Mönche, die mit ihrer Shakuhachi meditieren zurückgeht – ging jeden Tag auf den Markt und schlug seine Glocke: „Lebt heute und diesen Augenblick – vielleicht seid ihr morgen schon tod!“ Der japanische Zenmeister Ikkyu ging da schon etwas drastischer vor. Er lief durch die Straßen von Kyoto. Oben auf seinem Wanderstab hatte er einen Totenschädel befestigt. Wenn er einen gehetzten Menschen auf der Straße traf, stieß er seinen Stab so heftig auf den Boden, dass der Totenschädel klapperte. Dann rief Ikkyu den Menschen zu: „Denk daran, dass du sterblich bist. Lebe JETZT!“
Der Tod kann uns immer und jeden Augenblick ereilen, nicht nur, wenn wir schwer krank sind. Darum ist es so wichtig, die Angst loszulassen und den Augenblick zu leben. Einfach nur tief atmen und ganz den Augenblick spüren! Aber wie soll man tief atmen, wenn die Angst die Kehle zuschnürt?
Unsere Patientin erzählte von ihrer nahezu ausweglosen Situation und die Angst würgte sie. Da nahm ich einfach die Shakuhachi und spielte die meditative Musik der Komuso. Sofort wurde ihr Atem tiefer und die Falten im Gesicht glätteten sich. Schließlich lag sie friedlich und strahlend in ihrem Bett und lauschte den heilsamen Klängen der Shakuhachi.
Ich erzählte ihr mit der Shakuhachi vom „verschleierten Mond“, der hinter den Wolken hervorkommt. Unser Herz ist wie der klare, volle Mond. Aber Sorgen und Ängste verschleiern ihn, sodaß sein kühles, menschenfreundliches Licht nicht mehr leuchten kann. Aber der Mond ist immer hell und klar. Oder von den Rufen in den Frühling im alten Yamato, dem Stammland des alten Japan. Da liefen ihr die Tränen weil sie sich im nächsten Frühjahr auf ihrem Balkon mitten in den Blumen sah.
Sie wurde immer ruhiger und der Atem ging tief. So funktioniert unser Gehirn mit seinen Spiegelneuronen. Wenn da jemand ist, der tief und ruhig atmet und die Stille hörbar macht, reagieren wir ebenfalls mit einer tiefen Entspannung.
Carola ist noch viele Stunden auf der Station gewesen bei guten Gesprächen. Wie gut, dass es heute solche Einrichtungen in den Krankenhäusern gibt!

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