In lieblicher Bläue blühet

In lieblicher Bläue blühet mit metallenem Dache der Kirchturm.
Den umschwebet Geschrei der Schwalben, den umgibt die rührendste Bläue.
Die Sonne gehet hoch darüber und färbet das Blech, im Winde aber oben krähet die Fahne.

Mit diesem „romantischen“ Bild beginnt ein Gedicht Hölderlins mit einer merkwürdigen Überlieferungsgeschichte. Die Handschrift Hölderlins ist verloren. Das Gedicht ist abgedruckt in dem Roman „Phaeton“ von F.W. Waiblinger.
Der junge Waiblinger hatte den alternden Dichter oft in seinem Tübinger Turm besucht. Er berichtete, dass der Dichter ihn gern in eine Laube in einem Weinberg begleitete, wo er still saß und über die Weinberge und den Neckar hin schaute. Dabei wiederholte er immer wieder die Worte:

Schön Herr, schön!

In seinem Brief an den Freund Böhlendorff hatte Hölderlin geschrieben:

Die heimatliche Natur ergreift mich auch um so mächtiger, je mehr ich sie studiere.Das Gewitter, nicht bloß in seiner höchsten Erscheinung, sondern in eben dieser Ansicht, als Macht und als Gestalt, in den übrigen Formen des Himmels, das Licht in seinem Wirken, nationell und als Prinzip und Schicksalsweise bildend, daß uns etwas heilig ist, sein Drang im Kommen und Gehen, das Charakteristische der Wälder und das Zusammentreffen in einer Gegend von verschiedenen Charakteren der Natur, daß alle heiligen Orte der Erde zusammen sind um einen Ort, und das philosophische Licht um mein Fenster ist jetzt meine Freude; daß ich behalten möge, wie ich gekommen bin, bis hieher !

Das Licht in seinem Wirken, nationell und als Schicksalsweise bildend, daß uns etwas heilig ist …

Das Licht des Himmels formt das „nationelle“ der Menschen. Der Dichter war, als er diesen Brief schrieb, gerade aus Südfrankreich zurückgekehrt. Dort hatte er die südliche Sonne in ihrer Kraft erlebt:Das gewaltige Element, das Feuer
des Himmels und die Stille der Menschen, ihr Leben in der Natur, und ihre
Eingeschränktheit und Zufriedenheit, hat mich beständig ergriffen

Das Licht „bildet“ Schicksalsweise. Die Südländer sind in ihrem Temperament feuriger als die „kühlen“ Nordländer. Schon Hippokrates hatte beobachtet, dass die Temperamente der Menschen vom Klima abhängig sind, in dem sie leben. Der japanische Philosoph Watsuji Tetsuro (1889-1960) hat ein Buch über den Zusammenhang von Kultur und Klima geschrieben mit dem Titel „Fu-Do“ – Wind und Erde. Watsuji Tetsuro wollte in Deutschland Philosophie studieren und er reiste mit dem Schiff von Japan nach Deutschland. Dabei besuchte er viele Länder mit unterschiedlichen Kulturen wie Indien mit seinem tropische feuchten Klima und der wuchernden Götterwelt oder Ägypten mit der trockenen Wüste, dem Entstehungsort des Monotheismus. Watsuji wurde später in seinem Heimatland zu einem Wichtigen Interpreten Nietzsches und Kierkegaard und er trug wesentlich dazu bei, die westliche Philosophie in Japan bekannt zu machen.Das Licht „bildet“, das uns etwas heilig ist!? Sind unsere Erfahrungen des Heiligen abhängig von dem Klima, in das wir hineingeboren wurden und in dem wir leben? Wäre dann das monotheistische Christentum, das in den trockenen und heißen Wüsten entstanden ist in unserem feuchten und kühlen Klima ein Fremdkörper? Tatsächlich sind unsere Gegenden von Rom aus koloniasiert und missioniert worden. Unsere eigene, in unserem Klima gewachsene Religion ist nur noch in Sagen und Märchen enthalten. Dort ist die Rede von Feen und Elfen, von ehemals heiligen und schaurigen Orten, an denen uns heute fremde Götter verehrt wurden.
Müssen wir heute unser eigenes suchen?

Die Religion kam von Osten zu uns: Ex Oriente Lux!
Heute wenden sich immer mehr Menschen in die Richtung nach Osten, um einen neuen Sinn in ihrem Leben zu finden. Man beschäftigt sich mit Indien, mit Tibet, China oder Japan. Ja, manchmal hat man den Eindruck, als käme uns heute die Aufgabe zu, die Traditionen Japans in den alten WEGEN zu bewahren, weil diese Traditionen in Japan am sterben sind.
Entfernen wir uns dabei nicht immer weiter von unserem Eigenen? Aber die Erde ist bekanntlich rund. Wenn wir nur beharrlich unseren Weg nach Osten weitergehen, kommen wir – vielleicht – am Ende wieder nach Hause.
Inzwischen könnten wir sogar, wenn wir das wollten, Bücher Japanischer Philosophen lesen, die uns unsere eigene Philosophie erklären! Und wir könnten beginnen, den Japanern zu zeigen, was der Teeweg ist?

Die Heimatliche Natur ergreift mich umso mehr, je mehr ich sie studiere!
Schön Herr, schön!

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