Fränkischer Tag

Eingehüllt in einen blauen Zengoromo steht ein grauhaariger Mann bis zu den Knien im Gras unter einem Kirschblütentraum. Er spielt Shakuhachi. Mit geschlossenen Augen entlockt er der Bambusflöte eine Melodie so rein, tief und sehnsuchtsvoll, dass der Zuhörer sofort spürt, was Gerhardt Staufenbiel ist und was er beherrscht: die Ruhe selbst.

Er lebt mit fränkischer Natur und japanischer Kultur. Er ist Physiker, Teelehrer, Buchautor, Japankenner, Shakuhachi-Spieler. Vor allem aber ist er – studierter – Philosoph. Sein Gefühl für das Hier und Jetzt, für Entschleunigung und Stille, für Wahrheit und Erkenntnis überträgt sich auf den Besucher, sobald er durch die Gartentür mit dem Schild „Myoshinan Chadojo – Japanisches Teehaus“ tritt. Es liegt an einem von Kirschbäumen gesäumten Wanderweg in Oberrüsselbach (Kreis Forchheim).

Die Kirsche wird vielleicht verblüht sein, wenn dieser Text gedruckt ist. Aber die Aussicht bleibt. Sie lässt einen wie angewurzelt vor dem Haus am Hang stehen bleiben. Staufenbiel lächelt wissend und zeigt in die Natur, übers Tal. „Sowas dürfte es gar nicht geben.“ Bis Erlangen kann man schauen. Den Ausblick nutzt er für den Einblick, den Menschen in sich gewinnen wollen: Im Garten hat er Meditationsplätze gebaut. Bauen ist seine Leidenschaft. Shakuhachi zum Beispiel. Die Bambusflöten entstehen an der Werkbank auf der Terrasse. Zurzeit hat Staufenbiehl eine aus 50 Jahre altem Holz in Arbeit.

Er bläst hinein, lauscht den Tönen nach: „Die wird ganz gut.“ Er nickt zufrieden. Eine Shakuhachi herzustellen ist ein langsamer Prozess, genau das Richtige für Staufenbiehl. Holz vorbereiten, vorsichtig Löcher hineinbohren und mit einem elektronischen Messgerät abstimmen. Liegen lassen, von Zeit zu Zeit hineinblasen. „Das ist wie Meditation. Und eine gute Atemtherapie.“

Atmen spielt auch eine wichtige Rolle bei einer weiteren Profession des gebürtigen Thüringers: der Teezeremonie. 1972 kam Staufenbiel in München mit Chado, dem japanischen Teeweg, und der damit verknüpften Zen-Philosophie in Berührung. Er lernte viel, im Teehaus im Englischen Garten, aber auch bei Studienaufenthalten in Japan. Längst darf er sich selbst Teemeister nennen. Auch weiß er, wie ein Teehaus aussehen muss. Knapp ein Dutzend hat er gebaut. Eines davon nimmt die Hälfte seiner Wohnung ein. Besucher müssen die Schuhe ausziehen, dann heißt es durch einen schmalen Eingang einzutreten in eine andere Welt. Bambusböden, viel Holz, mit Papier verkleidete Schiebetüren. Eine davon führt vom größeren, dem Meditationsraum, in den kleineren Raum für die Teezeremonie.

Dort setzt sich Staufenbiel auf seine Fersen und erklärt, dass trotz 800 unterschiedlicher Abläufe alles eigentlich ganz einfach ist: Wasser holen, Holzkohle legen, Feuer bereiten, Teegeräte hereintragen, reinigen, Tee schlagen und trinken. Es sieht aus, als bewege er die Geräte ohne Kraft, nur mit dem Atem. Tee ist sein Grundnahrungsmittel und Beutel kämen ihm nie ins Haus. Das, was er in die Porzellanschale gießt, schmeckt überraschend, grün, wie pures Chlorophyll. Der Effekt ist der gleiche wie beim Kirschblütenschauen: Für eine Weile schweigt der Lärm im Kopf.

Wandern und Tee trinken

Sie stammt aus Kleinasien, wurde durch römische Krieger verbreitet und wächst in Franken seit dem 11. Jahrhundert: die Kirsche. Wenn sie ihre Blüten öffnet und die Fränkische Schweiz in einen weiß-rosa getupften Traum verwandelt, öffnet das den Betrachtern das Herz. Außer auf bekannten Wegen z.B. rund um Pretzfeld lässt sich die Kirschblüte auch auf dem ruhigeren Wanderweg (Start: Wasserspielplatz Kirchrüsselbach) entdecken, der oberhalb von Oberrüsselbach am Teehaus des Teemeisters Gerhardt Staufenbiel vorbeiführt. Dort kann man nach Anmeldung unter Telefon 09192/993805 eine Teezeremonie erleben, sich im Teeweg und Shakuhachi unterrichten lassen, Meditationskurse und philosophische Seminare belegen.

(Artikel im Fränkischen Tag von Irmtraut Fenn – Nebel; mehr unter:
Artikel im Fränkischen Tag
Dort auch ein Video und eine Fotostrecke mit 20 Bildern)

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