Cha Chan yi wei – Tee und Zen ein Geschmack

茶禅一味 Cha Chan yi wei Tee und Zen – ein Geschmack

Hier im Myoshinan laufen die Vorbereitungen für eine Reise nach China auf vollen Touren. Darum steht der alte Spruch Tee und Zen – Ein Geschamck auch auf chinesisch in der Überschrift. Auf japanisch heißt er: Cha Zen ichi Mi.

Ganz unerwartet sind wir von zwei Chan-Tempeln in China eingeladen worden. Wir werden an einem Symposion über das Thema Tee und Zen – Ein Geschmack teilnehmen. Vorher und nachher werden wir die Gelegenheit haben, verschiedene alte Tempel des Chan wie der Zen in China heißt zu besuchen. Es war ein wenig schwierig, das Visum für China zu bekommen, aber dank der persönlichen Einladung des Tempels hat es dann doch geklappt- Wir fliegen schon am nächsten Freitag den 27. Oktober und kommen Mitte Dezember wieder zurück.
Im Jiashan Chan Tempel werde ich auf dem Symposion einen kleinen Vortrag halten über Tee und Zen – Ein Geschmack. Diesen Vortrag möchte ich den Freunden des Myoshinan nicht vorenthalten.

Im nächsten Jahr im April reisen wir dann mit einer kleinen Gruppe nach Japan. Noch sind ein paar Plätze frei. Aber Anfang Januar werde ich die Flugplätze buchen. Danach ist keine Anmeldung mehr möglich.
Und hier der Vortrag:

茶禅一味 Cha Chan yi wei
Ich komme aus Deutschland. Ich lebe in einem kleinen Dorf in den Bergen, abseits von jeder größeren Stadt. Dort unterrichte ich den japanischen Teeweg, Zenmeditation und japanische Shakuhachi. Dort diskutiere mit meinen Schülern über das Hekiganroku, Zhuangzi, Laotsi oder auch Heidegger oder Hölderlin.

In meinem Teeraum hängt eine Schriftrolle: 茶禅一味Cha Zen ichi mi – Cha Chan yiwei. Sie wurde von einem koreanischen Meister geschrieben. So begegnen sich in meinem Bergdorf in der kleinen Hütte rund um die Feuerstelle für den Tee die geistigen Welten Deutschlands, Chinas, Japans und Koreas: SEN RI DŌ FU – 千里 同風 – qian li tong feng- tausend Meilen überall derselbe Wind. Oder »Reiner Wind ums Erdenrund – wo fände er ein Ende? (Biyänlu 1. Beispiel) (清風匝地有何極)

Sehr gerne übe ich auch die ganz alten komplexen Formen der Teebereitung, wie sie ähnlich um 1200 aus China nach Japan gekommen waren. Sie wurden von den japanischen Teemeistern nach strengen Regeln formalisiert. Aber für mich sind sie reine Zenmeditation und kein System von Regeln.

In Japan höre ich oft: Tee ist Tee und Zen ist Zen. Aber das ist nicht mein Verständnis. Es gibt unterschiedliche Wege Zen zu üben. Man kann still auf dem Kissen sitzen und einfach nur atmen, man kann die Zen-Shakuhachi spielen oder auch eine Schale Tee in strenger Form zubereiten. Alles ist Zen. Auch das Waschen von Reis oder das Putzen von Gemüse in der Küche kann – wenn es im rechten Geist getan wird – Zen sein. Für Zenmeister Dōgen ist das ganze Leben ‚Sitzen im Zen‘. Sogar wenn ich am Computer arbeite und diesen Aufsatz schreibe, kann das Zen sein.

Lange bevor ich mich mit dem japanischen Teeweg beschäftigt habe, war ich vom chinesischen Denken und vom Chan fasziniert. Noch während meines Physikstudiums sah ich eines Tages ein Buch mit dem Text 太一金華宗旨 Taiyi jinhua zongzhi aus der Drachentorschule. Damals konnte ich nur die Übersetzung von Richard Wilhelm lesen. Ich war sofort von diesem Buch gefangen, obwohl ich kaum etwas davon verstand. Weil ich in Deutschland nirgendwo einen Lehrer des Zen und der Meditation finden konnte, begann ich für mich allein zu üben.

Die Arbeit in der physikalischen Forschung genügte mir bald nicht mehr und ich studierte zusätzlich noch Philosophie. Mein Schwerpunkt des Studiums waren die abendländischen Philosophen, immer aber war ich vom chinesischen Denken fasziniert. Besonders hat mich das Biyänlu berührt. Später arbeitete ich mit einem Inder zusammen und unterrichtete angehende Yogalehrer in Philosophie. In dieser Zeit lernte ich sehr viel über die Atmung im Yoga. Als ich später meinen Teelehrer nach der Atmung fragte, meinte er, dass sie sehr wichtig sei. Aber er konnte mir keine Hinweise auf die richtige Atmung geben. Er meinte, das ergibt sich mit den Jahren des Übens von allein. Heute weiß ich, dass der Atem die Übungen des Teeweges zur Zenmeditation werden lässt. Das richtige Atmen ist heute das Erste, was ich meinen Schülern zeige. Dann werden die unterschiedlichen Formen der Teebereitung fast von allein gelernt.

1972 stiftete Hounsai, der Großmeister der Urasenke ein japanisches Teehaus im Englischen Garten in München. Bei einer Vorführung der Teezeremonie war ich sofort so gefangen, dass ich noch am nächsten Tag mit dem Unterricht im Teeweg begann. Die Bewegungen des Teemeisters erinnerten mich an die Kunst von Koch Ding, der die Ochsen für den König Hui von Wen zerlegte:

Wo immer seine Hand hingriff, wo immer seine Schulter sich anlehnte, wo immer sein Fuß hintrat, gegen was auch immer er sein Knie stemmte, da fiel, ritschratsch, das Fleisch von den Knochen. All dies geschah so rhythmisch wie in einer Melodie, es wirkte wie der „Tanz des Maulbeerbaumhains“ oder wie der Takt der Melodie „Jingshou“. „Wunderbar“, sagte der König, „wie kommt es, dass deine Kunst des Zerlegens der Ochsen einen so hohen Grad erreicht hat?“

Anfangs machten mir die wunderschönen Bewegungen im Teeweg große Freude. Es war die Freude und das Glück des Anfängers, der Anfängergeist Shōshin oder shu xin 初心. Aber allmählich wurden die Formen immer schwieriger und bald stand ich ratlos da wie der Koch Ding, als er das erste Mal vor einem Ochsen stand. Weit entfernt von der eleganten Schönheit, mit der er den Ochsen später zerlegte wie in einer Melodie oder in einem Tanz, sah ich nur noch ein gewaltiges System von Regeln und Vorschriften. Wie sollte das jemals bewältigt werden? Eines Tages saß ich vor der Tür des Teeraumes und gestand meinem Lehrer, dass ich keine Ahnung hatte, wie die ganze Zeremonie abläuft und womit ich beginnen sollte.
»Das ist gut so! Wenn du ganz leer bist, dann kannst du einfach anfangen und von Schritt zu Schritt, von Augenblick zu Augenblick zu gehen!«

Und so begann ich – wie der Koch Ding – nicht mehr den ganzen Ochsen zu sehen, sondern die Form Schritt für Schritt zu gehen:

Als ich mit dem Zerlegen begann, sah ich nichts als den Ochsen. Nach drei Jahren sah ich nicht mehr den ganzen Ochsen, sondern nur noch seine Teile.

So wie der Koch Ding bewege ich mich nun von einem Augenblick zum anderen, ohne die ganze Form im Blick zu haben. JETZT nehme ich den Teelöffel, JETZT die Teedose, JETZT fülle ich den Tee in die Schale, JETZT gebe ich heißes Wasser dazu. Die Form wird wie ein Fluss, der die Zeit vorgibt. Ich saß wie in einem Boot und ließ mich treiben. Nur von Zeit zu Zeit musste das Steuer oder das Ruder bewegt werden. Zenmeister Dōgen vergleicht das Leben mit einer Bootsfahrt. Der Fluss trägt uns und er gibt vor, wohin wir treiben. Je mehr wir den Fluss vergessen, desto mehr sind wir bei uns selbst. Dann können wir ganz bei dem Boot sein. Aber wir können das Boot nur dann richtig steuern, wenn wir niemals den Fluss vergessen. So werden Fluss, Boot und wir selbst EINS.

Je mehr ich mich in die Form fallen lasse und je weniger ich tue, desto intensiver und wacher erlebe ich mich selbst. Ich erlebte mich, indem ich mich völlig selbst vergesse und in der Form verliere. Nehme ich den Teelöffel, so werde ich ganz zum Teelöffel. Alles Andere um mich herum wird unwichtig und verschwindet förmlich. Ich vergesse mich vollkommen, weil ich ganz beim Teelöffel bin. Dann nehme ich die Teedose und bin ganz und gar bei der Teedose. Schritt für Schritt lasse ich mich von der Form tragen, vergesse mich selbst und bin gerade dadurch ganz bei mir.

Zenmeister Dōgen sagt:

Den Buddha-Weg erlernen heißt, sich selbst erlernen. Sich selbst erlernen heißt, sich selbst vergessen (Shōbōgenzō, Genjokōan).
仏道をならふといわは、自己をならふ也。自己を ならふといふは、自己をわするるなり。

Aber ich vergesse mich nicht so, wie ich mich im Tiefschlaf vergesse. Da ist kein Bewusstsein mehr von mir selbst. In meinem Geist (Shen) gibt es ein Bewusstsein, das WEISS, dass ich mich vergesse. Dieses Bewusstsein ist fast wie ein Beobachter, der mich ständig im Blick hat. Je mehr ich mich selbst vergesse und bei den Dingen bin, desto intensiver erlebe ich mich und den Augenblick.

Zhuangzi schildert, wie Meister Nangua 南郭子 ausatmet und sich selbst vergisst. Aber er weiß, dass er sich vergisst. Es gibt offenbar eine formlose Instanz im Geist (Shen), die mich wissen lässt, dass ich bin, obwohl ich mich verloren habe.

若有真宰,而特不得其眹。可行已信,而不見其形,有情而無形
Es scheint, als gäbe es einen wahren Herrscher, doch für ihn gibt es keinen Beweis. Wir dürfen vertrauen auf sein Wirken, aber können seine Form nicht erkennen. Zwar hat er Eigenschaften aber keine Form.

Wir vergessen uns selbst bei Tee, weil wir ganz bei den Dingen sind. In einem Lehrgedicht Rikyū’s über den Teeweg heißt es, dass man die Dinge so ablegen soll, als würde man eine geliebte Person verlassen.

何にても置き付けかへる手離れは 恋しき人にわかるゝと知れ
Nani nitemo oki tsuke kaeru tebanare wa koishiki hitoni wakaruru to shire.

Umgekehrt gilt auch, dass man jedes Ding so nimmt, als würde man sich zu einer geliebten Person hinbegeben. Freudig nähert man sich dem Ding, wird allmählich immer langsamer und zärtlicher, bis endlich der Gegenstand achtsam berührt wird. Legt man ihn ab, so ist es ein langsamer Abschied. Nur allmählich entfernt man sich, bis sich die Bewegung auf den nächsten Gegenstand richtet. Dadurch wird der Geist vollkommen wachsam und konzentriert. Man verliert jeden störenden Gedanken und ist nur noch bei dem jeweiligen Gegenstand.

Das ist die Übung der Achtsamkeit, die Buddha im SATIPATTHᾹNA Sutra lehrt. Die erste und wichtigste Achtsamkeit im Sutra ist die Achtsamkeit auf den Atem: »Wenn der Mönch langsam ausatmet, weiß er: ‚Ich atme langsam aus!‘ Wenn der Mönch langsam einatmet, weiß er: ‚Ich atme langsam ein!‘ So atme ich auch beim Tee. Langsam und achtsam atme ich aus, beuge mich gleichzeitig vor und die Hand geht zum Teelöffel. Behutsam liegt der Löffel in der Hand. Nun atme ich langsam ein und richte den Körper wieder auf. Dadurch wird der Geist vollkommen auf den Ablauf gerichtet. Alles Störende verschwindet. Das ist 悟 – Satori im Tee.

Dōgen sprach davon, dass den Buddhaweg erlernen das Sich-Selbst-erlenen ist. Das Sich selbst erlernen ist sich selbst vergessen. Und er fährt fort:

Sich selbst vergessen heißt, durch die zehntausend Dharma von selbst erweisen werden. Durch die zehntausend Dharma von selbst erwiesen werden heißt, Leib und Geist (Shinjin) meiner selbst (jiko) sowie Leib und Geist der Anderen fallen zu lassen.

自己をわするるといふは、萬法に謹せらるるなり。満法に謹せらるるといふは、自己の身心および他己の身心をし とつら〈ごしぞ〈 て脱落せしむるなり。

Die zehntausend Dharma 萬法 sind hier einfach die zehnthausend Dinge, die ganze Wirklichkeit. Der deutsche Philosoph Martin Heidegger sagt, dass es zwei Weisen gibt, wie wir mit den Dingen umgehen oder wie die Dinge auf uns wirken. Einmal drängen die Dinge auf mich ein und wollen erledigt werden. Sie reißen mich aus meiner Mitte heraus, weil ich in der alltäglichen Hast eile und die Dinge ‚besorge‘. So werde ich von Ding zu Ding gerissen und gerate in den Strudel des Machen-müssens. Dieses Machen-müssen ist die Not unserer heutigen Zeit. Erst ein Schritt zurück in die Gelassenheit befreit von diesem rasenden Getriebe.

In der anderen Art des Umganges mit den Dingen versammeln mich die Dinge im andächtigen Tun. Das Ding ereignet ein Spiegel-Spiel, in dem sich alles in allem spiegelt und jedes sein eigenes Wesen gewinnt. Das Ding ist das ‚Gering‘. Es ist wie ein Ring, der alles versammelt und es ist unscheinbar, klein, alltäglich. Es ist einfach nur eine Schöpfkelle, mit der ich heißes Wasser für den Tee fasse.

Ich spürte den Unterschied, wenn ich mit der Schöpfkelle kaltes Wasser oder heißes Wasser schöpfe. Ich höre den Unterschied des Klanges, den kaltes oder heißes Wasser in der Teeschale macht. Das kalte Wasser klingt wie ein klarer frischer Wasserfall in den Bergen. Erfrischend und rein ist sein Ton, klar wie eine Glocke. Die Sinne übersteigen ihre Grenzen: Ich höre die Temperatur des Wassers! Ich spüre die Weichheit des heißen Wassers beim Einschenken und ich fühle die klare Frische des kalten Wassers, wenn ich seinen Klang höre. So wie Koch Ding nicht mehr seine Sinne benutzt, sondern den Geist (shen) wenn er den Ochsen zerlegt, so nehmen wir die Wirklichkeit im Teerau mit dem Geist wahr. Die Sinne werden so wach, dass sie ihre Beschränkungen verlieren.

Das heiße Wasser im Teekessel singt wie der Wind in den Kiefern. Vom Teemeister Murata Jukō (村田珠光, 1423–1502) wurde gesagt, dass ‚der Wind in den Kiefern sogar das Singen seines Teekessels beneidete‘. Der Wind in den Kiefern beneidet das Singen des Teekessels, weil dieser Gesang von den Menschen bewusst erlebt wird und die Herzen bei einer Schale Tee zueinanderführt. Der Wind in den Kiefern wird meistens von niemandem gehört, er ist einfach so, ganz von selbst und für sich selbst.

Versucht man, das heiße Wasser mit der Schöpfkelle aus dem Kessel zu schöpfen, so spürt man, wie die Hitze des Wassers sich gegen die Schöpfkelle stemmt. Habe ich eine Kelle voll mit heißem Wasser geschöpft, so spüre ich genau, dass es viel leichter ist als das kalte Wasser.

Der Wasserdampf steigt auf und in den Wolken scheinen die Drachen zum Himmel emporzusteigen und von dort ihre Gabe niederzusenden. Das Wasser klingt weich und samtig in der Teeschale wie die Gabe der Drachen. Plötzlich erfüllt der Teeduft den ganzen Raum – ja, er scheint das ganze Erdenrund zu füllen.

Allmählich spüre ich, wie die Schöpfkelle scheinbar völlig verschwindet. Sie passt sich vollkommen an die entspannte Hand an und man braucht überhaupt keine Kraft mehr, um das Wasser zu schöpfen. Alles geht ganz von allein, so als würde man das Wasser mit der hohlen Hand direkt aus der reinen Quelle schöpfen. Das Werkzeug ist verschwunden: Schöpfkelle und Hand werden EINS. Das ist der Ring, des Dinges, den Heidegger meint.

Ich hatte eine Schülerin, die an einem Gehirntumor erkrankte. Kurz vor ihrem Tod lud sie mich zu einer Schale Tee ein. Sie hatte die Form völlig vergessen. Aber der Klang des Wassers, das sie in die Teeschale goss, verzauberte sie. Immer und immer wieder schöpfte sie Wasser und goss es in die Teeschale. Ganz verzückt und versunken sagte sie still vor sich hin: »Das ist so schön!« Sie erlebte eine Art Satori im Schöpfen von Wasser.

Auf meinem Weg der Teeübungen verschwanden die strengen Formen der Teebereitung und ich verstand allmählich, dass die scheinbaren Regeln überhaupt keine Regeln waren. Sie folgen der Natur der Teegeräte, der Natur des Wassers und der Natur des Tees. Die ‚Regeln‘ sind lediglich eine Hilfe für den Anfänger auf dem Weg. Hat man den Weg erfasst, verschwinden die Regeln von ganz allein. Sie werden zu einer himmlischen Ordnung (tianli), wie sie auch Koch Ding erfährt.

Der Koch Ding begann nach einiger Übung, den Ochsen nicht mehr mit den Augen zu sehen:

Nach drei Jahren sah ich nicht mehr den ganzen Ochsen, sondern nur noch seine Teile. Heute sehe ich ihn nicht mehr mit den Augen, sondern nur noch mit dem Geist (shen). Ich arbeite nicht mehr mit den Sinnesorganen, sondern mit der Intuition (shen). Mein Messer verlässt sich auf die himmlische Ordnung (tianli), es schlüpft in die Spalten und lässt sich von den ×ffnungen führen. Da ich mich also in das Gefüge des Ochsens einfüge, bin ich so weit gekommen, dass mein Messer niemals ein Band oder eine Sehne berührt, geschweige denn einen Knochen.

Dadurch, dass Koch Ding sein Messer behutsam den Linien des Ochsen folgen lässt, nutzt es sich nicht ab. Sogar nach 19 Jahren ist es scharf wie am ersten Tag. »Ich benutze dieses Messer seit 19 Jahren, und ich habe damit mehrere tausend Ochsen zerlegt. Die Klinge ist aber so scharf, als ob sie gerade vom Schleifstein käme …«

Bewegung und Atmung werden bei der Teezubereitung Eins. Wir hören auf, die Hände zu benutzen. Jede Bewegung kommt wie ein Tanz und völlig ohne jede Anstrengung oder Kraft ganz aus der Körpermitte. Sie werden wie der Tanz, den auch Koch Ding tanzt, wenn er den Ochsen zerlegt. Eines Tages hatte ich einen japanischen Musiker und Shamisen Spieler zu Gast beim Tee. Verlegen gestand er, dass er ‚die Regeln nicht kannte‘. Er beobachtete einfach nur, wie ich ihm eine Schale Tee bereitete. Plötzlich sagte er: »Jetzt verstehe ich den Tee! Es ist Musik!« Es ist die tonlose Musik des Tanzes, den auch Koch Ding tanzt. Tee ist wie Tai-Chi oder Qigong. Aber jede Musik folgt strengen Regeln! Die Ordnung der fünf Töne ist genau festgelegt. Aber sie folgt der Ordnung des Körpers mit seinen fünf Organen. So bringen die fünf Töne die fünf Organe des Körpers in Harmonie. Eine Melodie braucht Strukturen, damit sie schön ist. Die Spannung zwischen hohen und tiefen Tönen, zwischen laut und leise, zwischenlangsam und schnell macht die Schönheit der Melodie. Auch der Tanz folgt festen Regeln. Aber solange ich angestrengt auf die Füße schaue, kann ich mich nicht in den Tanz einfügen. Erst wenn ich die Regeln vergesse, und ganz in der Melodie und in Rhythmus aufgehe, werde ich zum Tanz. Ich tanze selbstvergessen, einfach nur so, ganz von selbst.

Auch die Zubereitung des Tees ist ein solcher Tanz. Geschmeidig und sanft gleiten die Bewegungen ohne jede Kraft. Aber plötzlich spürt man, wie die Lebenskraft Chi erwacht. Sie steigt vom hinteren Dantien im Becken und den Nieren empor wie ein Drache, füllt den ganzen Körper, strömt durch die Hände und erfüllt das Herz mit einer stillen Freude.

Die Teegeräte werden nicht mehr mit den Händen bewegt, sie folgen nur noch dem Chi oder japanisch KI 気, das durch die Hände strömt. Und plötzlich ergreift der Tanz der Bewegungen auch die Zuschauer und Gäste beim Tee. Sie spüren dieselbe Energie und denselben Rhythmus in sich. Gemeinsam tanzen Gast und Gastgeber den Tee und werden EINS.

Das ist offene Weite, Nichts Heiliges. 廓然無聖 (Biyänlu oder jap. Hekigan Roku)

Es ist nichts Heiliges, einfach nur Wasser erhitzen, Tee bereiten und trinken.
Das ist alles!
茶の湯とは 只湯を沸し 茶を立て 呑むばかり成る 事と知るべし

Chanoyu to wa tada Yu o wakashii cha o tate nomu bagari naru koto o shiru beshi

Chanoyu ist nicht anderes als Wasser erhitzen, Tee bereiten und trinke. Das ist alles!
(Rikyu Hyakushu)

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