Cha Chan yi wei – Tee und Zen ein Geschmack

茶禅一味 Cha Chan yi wei Tee und Zen – ein Geschmack

Hier im Myoshinan laufen die Vorbereitungen für eine Reise nach China auf vollen Touren. Darum steht der alte Spruch Tee und Zen – Ein Geschamck auch auf chinesisch in der Überschrift. Auf japanisch heißt er: Cha Zen ichi Mi.

Ganz unerwartet sind wir von zwei Chan-Tempeln in China eingeladen worden. Wir werden an einem Symposion über das Thema Tee und Zen – Ein Geschmack teilnehmen. Vorher und nachher werden wir die Gelegenheit haben, verschiedene alte Tempel des Chan wie der Zen in China heißt zu besuchen. Es war ein wenig schwierig, das Visum für China zu bekommen, aber dank der persönlichen Einladung des Tempels hat es dann doch geklappt- Wir fliegen schon am nächsten Freitag den 27. Oktober und kommen Mitte Dezember wieder zurück.
Im Jiashan Chan Tempel werde ich auf dem Symposion einen kleinen Vortrag halten über Tee und Zen – Ein Geschmack. Diesen Vortrag möchte ich den Freunden des Myoshinan nicht vorenthalten.

Im nächsten Jahr im April reisen wir dann mit einer kleinen Gruppe nach Japan. Noch sind ein paar Plätze frei. Aber Anfang Januar werde ich die Flugplätze buchen. Danach ist keine Anmeldung mehr möglich.
Und hier der Vortrag:

茶禅一味 Cha Chan yi wei
Ich komme aus Deutschland. Ich lebe in einem kleinen Dorf in den Bergen, abseits von jeder größeren Stadt. Dort unterrichte ich den japanischen Teeweg, Zenmeditation und japanische Shakuhachi. Dort diskutiere mit meinen Schülern über das Hekiganroku, Zhuangzi, Laotsi oder auch Heidegger oder Hölderlin.

In meinem Teeraum hängt eine Schriftrolle: 茶禅一味Cha Zen ichi mi – Cha Chan yiwei. Sie wurde von einem koreanischen Meister geschrieben. So begegnen sich in meinem Bergdorf in der kleinen Hütte rund um die Feuerstelle für den Tee die geistigen Welten Deutschlands, Chinas, Japans und Koreas: SEN RI DŌ FU – 千里 同風 – qian li tong feng- tausend Meilen überall derselbe Wind. Oder »Reiner Wind ums Erdenrund – wo fände er ein Ende? (Biyänlu 1. Beispiel) (清風匝地有何極)

Sehr gerne übe ich auch die ganz alten komplexen Formen der Teebereitung, wie sie ähnlich um 1200 aus China nach Japan gekommen waren. Sie wurden von den japanischen Teemeistern nach strengen Regeln formalisiert. Aber für mich sind sie reine Zenmeditation und kein System von Regeln.

In Japan höre ich oft: Tee ist Tee und Zen ist Zen. Aber das ist nicht mein Verständnis. Es gibt unterschiedliche Wege Zen zu üben. Man kann still auf dem Kissen sitzen und einfach nur atmen, man kann die Zen-Shakuhachi spielen oder auch eine Schale Tee in strenger Form zubereiten. Alles ist Zen. Auch das Waschen von Reis oder das Putzen von Gemüse in der Küche kann – wenn es im rechten Geist getan wird – Zen sein. Für Zenmeister Dōgen ist das ganze Leben ‚Sitzen im Zen‘. Sogar wenn ich am Computer arbeite und diesen Aufsatz schreibe, kann das Zen sein.

Lange bevor ich mich mit dem japanischen Teeweg beschäftigt habe, war ich vom chinesischen Denken und vom Chan fasziniert. Noch während meines Physikstudiums sah ich eines Tages ein Buch mit dem Text 太一金華宗旨 Taiyi jinhua zongzhi aus der Drachentorschule. Damals konnte ich nur die Übersetzung von Richard Wilhelm lesen. Ich war sofort von diesem Buch gefangen, obwohl ich kaum etwas davon verstand. Weil ich in Deutschland nirgendwo einen Lehrer des Zen und der Meditation finden konnte, begann ich für mich allein zu üben.

Die Arbeit in der physikalischen Forschung genügte mir bald nicht mehr und ich studierte zusätzlich noch Philosophie. Mein Schwerpunkt des Studiums waren die abendländischen Philosophen, immer aber war ich vom chinesischen Denken fasziniert. Besonders hat mich das Biyänlu berührt. Später arbeitete ich mit einem Inder zusammen und unterrichtete angehende Yogalehrer in Philosophie. In dieser Zeit lernte ich sehr viel über die Atmung im Yoga. Als ich später meinen Teelehrer nach der Atmung fragte, meinte er, dass sie sehr wichtig sei. Aber er konnte mir keine Hinweise auf die richtige Atmung geben. Er meinte, das ergibt sich mit den Jahren des Übens von allein. Heute weiß ich, dass der Atem die Übungen des Teeweges zur Zenmeditation werden lässt. Das richtige Atmen ist heute das Erste, was ich meinen Schülern zeige. Dann werden die unterschiedlichen Formen der Teebereitung fast von allein gelernt.

1972 stiftete Hounsai, der Großmeister der Urasenke ein japanisches Teehaus im Englischen Garten in München. Bei einer Vorführung der Teezeremonie war ich sofort so gefangen, dass ich noch am nächsten Tag mit dem Unterricht im Teeweg begann. Die Bewegungen des Teemeisters erinnerten mich an die Kunst von Koch Ding, der die Ochsen für den König Hui von Wen zerlegte:

Wo immer seine Hand hingriff, wo immer seine Schulter sich anlehnte, wo immer sein Fuß hintrat, gegen was auch immer er sein Knie stemmte, da fiel, ritschratsch, das Fleisch von den Knochen. All dies geschah so rhythmisch wie in einer Melodie, es wirkte wie der „Tanz des Maulbeerbaumhains“ oder wie der Takt der Melodie „Jingshou“. „Wunderbar“, sagte der König, „wie kommt es, dass deine Kunst des Zerlegens der Ochsen einen so hohen Grad erreicht hat?“

Anfangs machten mir die wunderschönen Bewegungen im Teeweg große Freude. Es war die Freude und das Glück des Anfängers, der Anfängergeist Shōshin oder shu xin 初心. Aber allmählich wurden die Formen immer schwieriger und bald stand ich ratlos da wie der Koch Ding, als er das erste Mal vor einem Ochsen stand. Weit entfernt von der eleganten Schönheit, mit der er den Ochsen später zerlegte wie in einer Melodie oder in einem Tanz, sah ich nur noch ein gewaltiges System von Regeln und Vorschriften. Wie sollte das jemals bewältigt werden? Eines Tages saß ich vor der Tür des Teeraumes und gestand meinem Lehrer, dass ich keine Ahnung hatte, wie die ganze Zeremonie abläuft und womit ich beginnen sollte.
»Das ist gut so! Wenn du ganz leer bist, dann kannst du einfach anfangen und von Schritt zu Schritt, von Augenblick zu Augenblick zu gehen!«

Und so begann ich – wie der Koch Ding – nicht mehr den ganzen Ochsen zu sehen, sondern die Form Schritt für Schritt zu gehen:

Als ich mit dem Zerlegen begann, sah ich nichts als den Ochsen. Nach drei Jahren sah ich nicht mehr den ganzen Ochsen, sondern nur noch seine Teile.

So wie der Koch Ding bewege ich mich nun von einem Augenblick zum anderen, ohne die ganze Form im Blick zu haben. JETZT nehme ich den Teelöffel, JETZT die Teedose, JETZT fülle ich den Tee in die Schale, JETZT gebe ich heißes Wasser dazu. Die Form wird wie ein Fluss, der die Zeit vorgibt. Ich saß wie in einem Boot und ließ mich treiben. Nur von Zeit zu Zeit musste das Steuer oder das Ruder bewegt werden. Zenmeister Dōgen vergleicht das Leben mit einer Bootsfahrt. Der Fluss trägt uns und er gibt vor, wohin wir treiben. Je mehr wir den Fluss vergessen, desto mehr sind wir bei uns selbst. Dann können wir ganz bei dem Boot sein. Aber wir können das Boot nur dann richtig steuern, wenn wir niemals den Fluss vergessen. So werden Fluss, Boot und wir selbst EINS.

Je mehr ich mich in die Form fallen lasse und je weniger ich tue, desto intensiver und wacher erlebe ich mich selbst. Ich erlebte mich, indem ich mich völlig selbst vergesse und in der Form verliere. Nehme ich den Teelöffel, so werde ich ganz zum Teelöffel. Alles Andere um mich herum wird unwichtig und verschwindet förmlich. Ich vergesse mich vollkommen, weil ich ganz beim Teelöffel bin. Dann nehme ich die Teedose und bin ganz und gar bei der Teedose. Schritt für Schritt lasse ich mich von der Form tragen, vergesse mich selbst und bin gerade dadurch ganz bei mir.

Zenmeister Dōgen sagt:

Den Buddha-Weg erlernen heißt, sich selbst erlernen. Sich selbst erlernen heißt, sich selbst vergessen (Shōbōgenzō, Genjokōan).
仏道をならふといわは、自己をならふ也。自己を ならふといふは、自己をわするるなり。

Aber ich vergesse mich nicht so, wie ich mich im Tiefschlaf vergesse. Da ist kein Bewusstsein mehr von mir selbst. In meinem Geist (Shen) gibt es ein Bewusstsein, das WEISS, dass ich mich vergesse. Dieses Bewusstsein ist fast wie ein Beobachter, der mich ständig im Blick hat. Je mehr ich mich selbst vergesse und bei den Dingen bin, desto intensiver erlebe ich mich und den Augenblick.

Zhuangzi schildert, wie Meister Nangua 南郭子 ausatmet und sich selbst vergisst. Aber er weiß, dass er sich vergisst. Es gibt offenbar eine formlose Instanz im Geist (Shen), die mich wissen lässt, dass ich bin, obwohl ich mich verloren habe.

若有真宰,而特不得其眹。可行已信,而不見其形,有情而無形
Es scheint, als gäbe es einen wahren Herrscher, doch für ihn gibt es keinen Beweis. Wir dürfen vertrauen auf sein Wirken, aber können seine Form nicht erkennen. Zwar hat er Eigenschaften aber keine Form.

Wir vergessen uns selbst bei Tee, weil wir ganz bei den Dingen sind. In einem Lehrgedicht Rikyū’s über den Teeweg heißt es, dass man die Dinge so ablegen soll, als würde man eine geliebte Person verlassen.

何にても置き付けかへる手離れは 恋しき人にわかるゝと知れ
Nani nitemo oki tsuke kaeru tebanare wa koishiki hitoni wakaruru to shire.

Umgekehrt gilt auch, dass man jedes Ding so nimmt, als würde man sich zu einer geliebten Person hinbegeben. Freudig nähert man sich dem Ding, wird allmählich immer langsamer und zärtlicher, bis endlich der Gegenstand achtsam berührt wird. Legt man ihn ab, so ist es ein langsamer Abschied. Nur allmählich entfernt man sich, bis sich die Bewegung auf den nächsten Gegenstand richtet. Dadurch wird der Geist vollkommen wachsam und konzentriert. Man verliert jeden störenden Gedanken und ist nur noch bei dem jeweiligen Gegenstand.

Das ist die Übung der Achtsamkeit, die Buddha im SATIPATTHᾹNA Sutra lehrt. Die erste und wichtigste Achtsamkeit im Sutra ist die Achtsamkeit auf den Atem: »Wenn der Mönch langsam ausatmet, weiß er: ‚Ich atme langsam aus!‘ Wenn der Mönch langsam einatmet, weiß er: ‚Ich atme langsam ein!‘ So atme ich auch beim Tee. Langsam und achtsam atme ich aus, beuge mich gleichzeitig vor und die Hand geht zum Teelöffel. Behutsam liegt der Löffel in der Hand. Nun atme ich langsam ein und richte den Körper wieder auf. Dadurch wird der Geist vollkommen auf den Ablauf gerichtet. Alles Störende verschwindet. Das ist 悟 – Satori im Tee.

Dōgen sprach davon, dass den Buddhaweg erlernen das Sich-Selbst-erlenen ist. Das Sich selbst erlernen ist sich selbst vergessen. Und er fährt fort:

Sich selbst vergessen heißt, durch die zehntausend Dharma von selbst erweisen werden. Durch die zehntausend Dharma von selbst erwiesen werden heißt, Leib und Geist (Shinjin) meiner selbst (jiko) sowie Leib und Geist der Anderen fallen zu lassen.

自己をわするるといふは、萬法に謹せらるるなり。満法に謹せらるるといふは、自己の身心および他己の身心をし とつら〈ごしぞ〈 て脱落せしむるなり。

Die zehntausend Dharma 萬法 sind hier einfach die zehnthausend Dinge, die ganze Wirklichkeit. Der deutsche Philosoph Martin Heidegger sagt, dass es zwei Weisen gibt, wie wir mit den Dingen umgehen oder wie die Dinge auf uns wirken. Einmal drängen die Dinge auf mich ein und wollen erledigt werden. Sie reißen mich aus meiner Mitte heraus, weil ich in der alltäglichen Hast eile und die Dinge ‚besorge‘. So werde ich von Ding zu Ding gerissen und gerate in den Strudel des Machen-müssens. Dieses Machen-müssen ist die Not unserer heutigen Zeit. Erst ein Schritt zurück in die Gelassenheit befreit von diesem rasenden Getriebe.

In der anderen Art des Umganges mit den Dingen versammeln mich die Dinge im andächtigen Tun. Das Ding ereignet ein Spiegel-Spiel, in dem sich alles in allem spiegelt und jedes sein eigenes Wesen gewinnt. Das Ding ist das ‚Gering‘. Es ist wie ein Ring, der alles versammelt und es ist unscheinbar, klein, alltäglich. Es ist einfach nur eine Schöpfkelle, mit der ich heißes Wasser für den Tee fasse.

Ich spürte den Unterschied, wenn ich mit der Schöpfkelle kaltes Wasser oder heißes Wasser schöpfe. Ich höre den Unterschied des Klanges, den kaltes oder heißes Wasser in der Teeschale macht. Das kalte Wasser klingt wie ein klarer frischer Wasserfall in den Bergen. Erfrischend und rein ist sein Ton, klar wie eine Glocke. Die Sinne übersteigen ihre Grenzen: Ich höre die Temperatur des Wassers! Ich spüre die Weichheit des heißen Wassers beim Einschenken und ich fühle die klare Frische des kalten Wassers, wenn ich seinen Klang höre. So wie Koch Ding nicht mehr seine Sinne benutzt, sondern den Geist (shen) wenn er den Ochsen zerlegt, so nehmen wir die Wirklichkeit im Teerau mit dem Geist wahr. Die Sinne werden so wach, dass sie ihre Beschränkungen verlieren.

Das heiße Wasser im Teekessel singt wie der Wind in den Kiefern. Vom Teemeister Murata Jukō (村田珠光, 1423–1502) wurde gesagt, dass ‚der Wind in den Kiefern sogar das Singen seines Teekessels beneidete‘. Der Wind in den Kiefern beneidet das Singen des Teekessels, weil dieser Gesang von den Menschen bewusst erlebt wird und die Herzen bei einer Schale Tee zueinanderführt. Der Wind in den Kiefern wird meistens von niemandem gehört, er ist einfach so, ganz von selbst und für sich selbst.

Versucht man, das heiße Wasser mit der Schöpfkelle aus dem Kessel zu schöpfen, so spürt man, wie die Hitze des Wassers sich gegen die Schöpfkelle stemmt. Habe ich eine Kelle voll mit heißem Wasser geschöpft, so spüre ich genau, dass es viel leichter ist als das kalte Wasser.

Der Wasserdampf steigt auf und in den Wolken scheinen die Drachen zum Himmel emporzusteigen und von dort ihre Gabe niederzusenden. Das Wasser klingt weich und samtig in der Teeschale wie die Gabe der Drachen. Plötzlich erfüllt der Teeduft den ganzen Raum – ja, er scheint das ganze Erdenrund zu füllen.

Allmählich spüre ich, wie die Schöpfkelle scheinbar völlig verschwindet. Sie passt sich vollkommen an die entspannte Hand an und man braucht überhaupt keine Kraft mehr, um das Wasser zu schöpfen. Alles geht ganz von allein, so als würde man das Wasser mit der hohlen Hand direkt aus der reinen Quelle schöpfen. Das Werkzeug ist verschwunden: Schöpfkelle und Hand werden EINS. Das ist der Ring, des Dinges, den Heidegger meint.

Ich hatte eine Schülerin, die an einem Gehirntumor erkrankte. Kurz vor ihrem Tod lud sie mich zu einer Schale Tee ein. Sie hatte die Form völlig vergessen. Aber der Klang des Wassers, das sie in die Teeschale goss, verzauberte sie. Immer und immer wieder schöpfte sie Wasser und goss es in die Teeschale. Ganz verzückt und versunken sagte sie still vor sich hin: »Das ist so schön!« Sie erlebte eine Art Satori im Schöpfen von Wasser.

Auf meinem Weg der Teeübungen verschwanden die strengen Formen der Teebereitung und ich verstand allmählich, dass die scheinbaren Regeln überhaupt keine Regeln waren. Sie folgen der Natur der Teegeräte, der Natur des Wassers und der Natur des Tees. Die ‚Regeln‘ sind lediglich eine Hilfe für den Anfänger auf dem Weg. Hat man den Weg erfasst, verschwinden die Regeln von ganz allein. Sie werden zu einer himmlischen Ordnung (tianli), wie sie auch Koch Ding erfährt.

Der Koch Ding begann nach einiger Übung, den Ochsen nicht mehr mit den Augen zu sehen:

Nach drei Jahren sah ich nicht mehr den ganzen Ochsen, sondern nur noch seine Teile. Heute sehe ich ihn nicht mehr mit den Augen, sondern nur noch mit dem Geist (shen). Ich arbeite nicht mehr mit den Sinnesorganen, sondern mit der Intuition (shen). Mein Messer verlässt sich auf die himmlische Ordnung (tianli), es schlüpft in die Spalten und lässt sich von den ×ffnungen führen. Da ich mich also in das Gefüge des Ochsens einfüge, bin ich so weit gekommen, dass mein Messer niemals ein Band oder eine Sehne berührt, geschweige denn einen Knochen.

Dadurch, dass Koch Ding sein Messer behutsam den Linien des Ochsen folgen lässt, nutzt es sich nicht ab. Sogar nach 19 Jahren ist es scharf wie am ersten Tag. »Ich benutze dieses Messer seit 19 Jahren, und ich habe damit mehrere tausend Ochsen zerlegt. Die Klinge ist aber so scharf, als ob sie gerade vom Schleifstein käme …«

Bewegung und Atmung werden bei der Teezubereitung Eins. Wir hören auf, die Hände zu benutzen. Jede Bewegung kommt wie ein Tanz und völlig ohne jede Anstrengung oder Kraft ganz aus der Körpermitte. Sie werden wie der Tanz, den auch Koch Ding tanzt, wenn er den Ochsen zerlegt. Eines Tages hatte ich einen japanischen Musiker und Shamisen Spieler zu Gast beim Tee. Verlegen gestand er, dass er ‚die Regeln nicht kannte‘. Er beobachtete einfach nur, wie ich ihm eine Schale Tee bereitete. Plötzlich sagte er: »Jetzt verstehe ich den Tee! Es ist Musik!« Es ist die tonlose Musik des Tanzes, den auch Koch Ding tanzt. Tee ist wie Tai-Chi oder Qigong. Aber jede Musik folgt strengen Regeln! Die Ordnung der fünf Töne ist genau festgelegt. Aber sie folgt der Ordnung des Körpers mit seinen fünf Organen. So bringen die fünf Töne die fünf Organe des Körpers in Harmonie. Eine Melodie braucht Strukturen, damit sie schön ist. Die Spannung zwischen hohen und tiefen Tönen, zwischen laut und leise, zwischenlangsam und schnell macht die Schönheit der Melodie. Auch der Tanz folgt festen Regeln. Aber solange ich angestrengt auf die Füße schaue, kann ich mich nicht in den Tanz einfügen. Erst wenn ich die Regeln vergesse, und ganz in der Melodie und in Rhythmus aufgehe, werde ich zum Tanz. Ich tanze selbstvergessen, einfach nur so, ganz von selbst.

Auch die Zubereitung des Tees ist ein solcher Tanz. Geschmeidig und sanft gleiten die Bewegungen ohne jede Kraft. Aber plötzlich spürt man, wie die Lebenskraft Chi erwacht. Sie steigt vom hinteren Dantien im Becken und den Nieren empor wie ein Drache, füllt den ganzen Körper, strömt durch die Hände und erfüllt das Herz mit einer stillen Freude.

Die Teegeräte werden nicht mehr mit den Händen bewegt, sie folgen nur noch dem Chi oder japanisch KI 気, das durch die Hände strömt. Und plötzlich ergreift der Tanz der Bewegungen auch die Zuschauer und Gäste beim Tee. Sie spüren dieselbe Energie und denselben Rhythmus in sich. Gemeinsam tanzen Gast und Gastgeber den Tee und werden EINS.

Das ist offene Weite, Nichts Heiliges. 廓然無聖 (Biyänlu oder jap. Hekigan Roku)

Es ist nichts Heiliges, einfach nur Wasser erhitzen, Tee bereiten und trinken.
Das ist alles!
茶の湯とは 只湯を沸し 茶を立て 呑むばかり成る 事と知るべし

Chanoyu to wa tada Yu o wakashii cha o tate nomu bagari naru koto o shiru beshi

Chanoyu ist nicht anderes als Wasser erhitzen, Tee bereiten und trinke. Das ist alles!
(Rikyu Hyakushu)

Herbsttag: Drachengesang

Ryūgin – Gesang der Drachen
Draußen vor dem Fenster liegt dichter Nebel.
Das Dorf und die Kirche sind verschwunden, nur die Glocken klingen gedämpft und fern.
Direkt vor meinem Fenster der knorrige Stamm des toten Apfelbaumes, dahinter verhangen im Nebel die Felsenbirne mit ihrem feurig roten Herbstlaub.
Rundherum: reine Stille!
Es ist, als wäre die ganze Welt verschwunden. Ich werde still und staune!

Im Zen sagt man, dass nun die Zeit des Goldenen Windes kommt. Der Goldene Wind weht das farbige Herbstlaub zu Boden. Die reine Leere erscheint und bald stehen kahle Bäume in winterlichen Weiß. Sie gleichen toten Holzpfählen, die leblos im Nebel stehen. Hölderlin dichtet in einem kleinen Gedicht, das er als Letztes noch selbst veröffentlicht hat:

Der Winkel von Hahrdt
Hinunter sinket der Wald,
Und Knospen ähnlich, hängen
Einwärts die Blätter, denen
Blüht unten auf ein Grund,
Nicht gar unmündig.

Der Winkel von Hardt ist eine Felsformation im Wald beim Dorf Hardt, am Hang gegenüber von Hölderlins Heimatstadt Nürtingen. Wer einmal dort gewesen ist, spürt eine geradezu magische Anziehungskraft dieses versteckten, ‚gesparten‘ Ortes. Der Wald sinkt hinunter. Es ist genau die Zeit des Goldenen Windes. Langsam ziehen die Bäume ihren Lebenssaft zurück und sammeln ihre Kraft in den Wurzeln. Die Blätter werden welk und hängen ‚einwärts‘, ganz in sich zurückgezogen. Aber es ist nicht die Trauer des Abschieds oder des Todes. Sie blühen auf – ‚Blüten gleich‘ – in der vollen und atemberaubenden Schönheit des Herbstes. Bald lösen sie sich, und beim leisesten Windstoß fallen sie ganz von allein. Aber sie fallen nicht in einen bodenlosen Abgrund. Ihnen ‚blüht unten auf ein Grund‘ in prachtvollen Herbstfarben. Die blütengleichen Blätter und der aufblühende Grund neigen sich einander zu in tiefer Zu-Neigung und schenken sich gegenseitig die prachtvoll leuchtenden Farben des Herbstes. Aber es ist die Farbe des Weg-Ganges. Was bleibt, sind die kahlen Bäume des Winters und das farblose Weiß.

Einmal fragte ein Mönch seinen Zenmeister (Tōsu Daidō 819 – 914): »Gibt es den Gesang der Drachen in den kahlen Bäumen oder nicht?« Drachen singen in kahlen Bäumen? Der Meister antwortete: »Ich sage: Es ist das Brüllen des Löwen in Totenschädeln!« Die trockenen und kahlen Bäume sind wie die Totenschädel, der Gesang des Drachen ist wie das Gebrüll des Löwen? Das ist umso verwunderlicher, als die Wendung shishi-ku, Löwengebrüll für die Predigt des Buddha gebraucht wird, mit der er die Möglichkeit der Befreiung vom Leiden kündet. Der Gesang des Drachen im kahlen Holz ist nicht anderes als die frohe Botschaft, dass es die Befreiung vom Leiden gibt?!

Zenmeister Dōgen sagt (Dōgen: Shōbōgenzō, Kapitel 65, Ryūgin.):

»Es gibt Bäume in den Bergen und Tälern, auf den Reisfeldern und in den Dörfern!
Die Bäume in den Bergen und Tälern sind Kiefern und Eichen, die Bäume auf den Reisfeldern und den Dörfern sind himmlische Wesen und Menschen.«

Auch die Menschen sind Bäume. Sie wurzeln im Boden der Tradition und der Überlieferung. Sie tragen Früchte, und die Lebenskraft fließt von den Wurzeln bis in den Himmel und lässt Blüten und Früchte wachsen. Manchmal scheint die Lebenskraft zu schwinden und der Baum wird wie trockenes Holz. Alles Leben, alle Freude scheint gewichen zu sein.
Jemand, der bewegungslos in tiefer Meditation sitzt, sieht aus wie ein lebloser trockener und toter Baum oder ein Totenschädel, der sich nicht mehr bewegt. Er ist scheinbar abgestorben und wie totes Holz oder kalte Asche. Aber wer das so sieht, hat niemals die Stille und die Kraft in der Meditation erfahren. »Solche Menschen denken, kahle Bäume seien völlig ausgetrocknet und würden den Frühling niemals mehr erleben«, sagt Dōgen. Das bewegungslose Sitzen aber ist wie die Rückkehr in die Wurzeln, der Kontakt mit dem Ursprung des Lebens. Wer so austrocknet, dass er im Frühling keine Blüten mehr treibt, der hat niemals den Gesang der Drachen vernommen.

Einst versorgte eine alte Frau einen jungen Mönch, damit er in seinen Übungen Fortschritte machen könnte. Nach 20 Jahren Übung saß er wie totes Holz oder kalte Asche. Aber die alte Frau war misstrauisch und schickte ihm eine junge schöne Frau. Die schmiegte sich wie eine blühende Ranke an ihn, während er in Meditation saß. Aber er rührte sich nicht und sprach nur die Worte:

Ein alter Baum wächst auf einem Fels im Winter.
Nirgends eine Spur von Wärme!

Als die alte Frau das hörte, wurde sie sehr zornig, ging zur Hütte des Mönches und brannte sie nieder. Wenigstens auf diese Weise kam Wärme in seine Empfindungen!
Zenmeister Ikkyū (Ikkyū Sōjun 1394 – 1481) dichtete als Antwort auf diese alte chinesische Geschichte:

Wollte sich mir / heute Nacht / eine schöne Frau versprechen, / die verdorrte Weide / würde Knospen treiben / wie im Frühling.

Die Zenmeister des alten China haben offenbar sehr oft über den Gesang der Drachen in den dürren Bäumen gesprochen. Jedenfalls überliefert der japanische Zenmeister Dōgen viele ihrer Gespräche über den Drachengesang.

Ein Mönch fragte den Meister:
»Was ist der wahre WEG?«
»In einem kahlen Baum singt ein Drache!«

Aber der Gesang der Drachen ist nicht mit den Ohren zu hören. Dōgen sagt, der Gesang der Drachen stammt nicht aus der Welt der fünf Töne. Die Fünf Töne sind die Tonleiter der pentatonischen Tonleiter. Sie bilden den gesamten Kosmos ab. Es sind keine Stimmen oder Töne, die den Gesang bilden. Eigentlich ist die Wendung Gesang nicht ganz richtig. Das Wort Gin 吟 bezeichnet vielerlei Geräusche vom Singen, Rezitieren, Ächzen, Stöhnen bis hin zum Brüllen und Heulen. Der Gesang in Noh-Theater, der für unsere westlichen Ohren nicht gerade schön und melodisch klingt, wird damit bezeichnet.

Der Drachengesang ist nicht immer schön und lieblich. Gerade die kahlen Bäume des Winters sind der Gesang der Drachen. Die Kahlheit zeigt den Rückgang zu den Wurzeln. Von außen gesehen ist es die Kargheit oder gar der Tod. Aber wer Augen hat zu sehen, weiß, dass es die Rückkehr zum Ursprung ist. Nicht nur der Rückgang in den Ursprung ist der Drachengesang. Dōgen sagt: »Das Keimen des Samens ist auch der Gesang der Drachen!« Das gesamte Leben ist Drachengesang. Auch der kleine Hund zu meinen Füßen, der im Schlaf bellt, weil er im Traum mit anderen Hunden spielt, ist Drachengesang.

Der chinesische Meister Zhuangzi beschreibt, wie der Meister Nanguo Ziqi – Meister ‚Buntgescheckt vom Südweiler‘ – in Meditation auf seine Armlehne gestützt zum Himmel aufschaut, langsam ausatmet und sich leer macht. Plötzlich war er in tiefer Meditation versunken und hatte scheinbar jedes Bewusstsein seines Ich-Begleiters, seines Ego verloren.
Meister Yan Cheng Zi-You – nach einer Übersetzung heißt er ‚Herr Wanderer von völliger Gemütsruhe – der vor ihm stand und ihm aufwartete, war erstaunt, als er den Meister sah, wie dessen Herz oder Geist »wie tote Asche oder trockenes Holz« wurde. Alle Leidenschaften und persönlichen Gefühle, Ängste und Sorgen waren von ihm abgefallen und er sprach:

Gerade habe ich mich selbst verloren. Du magst die Flöten der Menschen gehört haben, aber nicht die Flöten der Erde. Du magst die Flöten der Erde gehört haben, aber nicht die Flöten des Himmels.

Herr Wanderer verstand nicht, was die Flöten des Himmels sein sollen. Er kannte nur die Flöten der Menschen, die wie »aufgereihte Bambusrohre« sind. Je lauter diese Flöten klingen und ihren Lärm verbreiten, desto weniger vermag man die Flöten des Himmels zu vernehmen. Bevor ihm Meister Nanguo die Flöten des Himmels erklärte, schilderte er ausführlich eine andere Art von Musik, die Flöten der Erde:

Der Große Klumpen – die Erde – stößt einen Lebensatem (Ki) aus, den man Wind nennt. Solange er nicht bläst, geschieht nichts. Hebt er jedoch zu blasen an, dann beginnen Myriaden Löcher zu heulen. Hast du nie sein Seufzen gehört?
Die Spalten und Klüfte der aufsteilenden Berge, die Löcher und Hohlräume der riesigen Bäume von hundert Spannen Umfang: Sie sind wie Nasenlöcher, wie Münder, wie Ohren, wie Sockel, wie Becher, wie Mörser, wie die Kuhlen, in denen sich Pfützen und Teiche bilden. Der Wind bläst über sie hinweg und macht das Geräusch von sprudelndem Wasser, von sirrenden Pfeilen, schreiend, keuchend, rufend, weinend, lachend, grollend. Die erste Böe singt Ayii, der folgende Windstoß singt Houuu. Eine leichte Brise ruft eine kleine Antwort hervor, ein heftiger Sturm lässt einen mächtigen Chor erschallen. Verebbt das Stürmen, so sind alle Höhlungen still. Hast du nicht die Blätter gesehen, wie sie in tönendem Nachhall erzittern?

Meister Nanguo beschreibt ganz offenbar den Gesang der Drachen. Der ist nicht wie der Gesang der Menschen. Aber wer die Drachen gehört hat, singt fortan anders. Dōgen sagt: »Die Menschen, die das Singen der Drachen hören, und auch selbst singen können, unterscheiden sich sowohl von einem singenden Drachen als auch von einem singenden Menschen! Die Melodie ihres Gesanges ist der Drachengesang selbst. In einem kahlen Baum und in einem Totenschädel gibt es kein Innen und kein Außen – kein Selbst und keine Anderen! Hier ist das Jetzt der Ewigkeit!« Wer den Drachengesang gehört hat, wird Eins mit Allem! Er singt fortan aus dieser Einheit, in der es keine Angst vor dem Anders-Sein, kein Misstrauen und keine Missgunst mehr gibt.

So hatte auch Meister Nanguo seinen Ich-Begleiter, sein Selbst verloren. Er war Eins geworden mit dem Hören der Töne des Himmels. Aber die sind noch anders als das Tönen der Erde, die er vorher beschrieben hatte. Die Flöten des Himmels klingen unhörbar und tonlos! Der Herr Wanderer, der dem Meister Nanguo Ziqi aufwartete, fragte denn auch noch einmal nach:

Die Töne der Erde – di lai – sind keine anderen als all jene Höhlungen, die ihr beschrieben habt. Die Töne der Menschen – ren lai – sind die der aufgereihten Bambusröhren. Darf ich fragen, was die Töne des Himmels – tien lai – sind?

Das Leer-Werden ist die Voraussetzung dafür, dass die Töne in dieser Leere klingen können. Sind die Höhlungen und Öffnungen der Erde angefüllt, so klingen sie nicht. Die Töne der Erde sind die Geräusche, die der Lebensatem, der Wind erzeugt, wenn er über die Höhlungen fährt. Die Frage ist, welche Höhlungen tönen, wenn es um die Musik des Himmels geht. Die Wendung tien lai wird auch für wunderschöne Poesie verwendet. Die Poesie ist wie der Gesang des Lebensatems, des Windes am Himmel. Der Meister Nanguo Ziqi beantwortet die Frage nach dem Ursprung der Himmels-Töne mit einer entscheidenden Wendung:

Die Töne des Himmels – tien lai – blasen auf 10 000 verschiedene Weise und sie bewirken sich selbst – zi ji. All dies ergibt sich selbst – zi qu, wer sollte dies betreiben?

Die Töne des Himmels sind von selbst so! Da ist niemand und nichts, was sie erzeugen oder betreiben würde, sie sind einfach. Die Töne der Erde sind die Antwort auf den Lebensatem, die Töne des Himmels sind einfach da. Eigentlich sind die Töne des Himmels auch überhaupt nicht hörbar. Wir hören immer nur die Töne des Menschen, die oft so laut sind, dass sie alles andere übertönen. Verstummen die Töne des Menschen, so fliehen wir oft in das laute Getön des alltäglichen Getriebes, weil wir die Stille, die sich dann auftut, nicht mehr ertragen können. Die Stille spricht nicht mehr zu uns, weil wir durch das tägliche Getöse taub geworden sind.

Im Gesang »Der Archipelagos« schildert Hölderlin, wie die Menschen in rastlosem Treiben gefangen sind und sich selbst in gewaltigem Lärm des rastlosen Machen-Müssens betäuben:

Aber weh! es wandelt in Nacht, es wohnt, wie im Orkus,
Ohne Göttliches unser Geschlecht. Ans eigene Treiben
Sind sie geschmiedet allein und sich in der tosenden Werkstatt
Höret jeglicher nur und viel arbeiten die Wilden
Mit gewaltigem Arm, rastlos, doch immer und immer
Unfruchtbar, wie die Furien, bleibt die Mühe der Armen.

Die Menschen sind ‚allein‘ also ausschließlich ans eigene Treiben geschmiedet und dadurch ‚allein‘ und einsam. Sie sind unfrei und ausschließlich an ihr rastloses Treiben gekettet. Dadurch sind sie allein, ohne echte Bindung an die Anderen oder das Göttliche. Der tosende Lärm der rastlos tobenden Werkstatt übertönt nicht nur die Töne der Erde, sondern auch die unhörbaren Töne des Himmels. Wie sollten die Menschen da in der Lage sein, das Singen des Drachen zu vernehmen?
So fragte auch einst ein Mönch ganz besorgt den Meister Sōzan:

»Ich frage mich, ob es einen Menschen gibt, der das Singen des Drachen hören kann!«
Sōzan antwortete:
»Auf der ganzen Erde gibt es niemanden, der es nicht hört!«

Erstaunlich! Wenn die Menschen mit ihrem eigenen Getöse die tonlosen Töne des Himmels und des Drachengesanges übertönen, gibt es dennoch nicht einen einzigen Menschen, der den Drachengesang nicht hört? So erstaunlich das klingen mag, aber der Gesang des Drachen ist das Strömen des Atems und das Fließen des Blutes. Bei einer Gelegenheit antwortete ein Meister auf die Frage:

»Was ist das Singen des Drachen in einem kahlen Baum?«
»Das Blut des Lebens versiegt niemals!«

Wieder ein anderer Mönch fragte:
»Was singt der Drache in einem kahlen Baum?«
»Immer mehr Freude!«

Das Singen der Drachen ist das natürliche Wirken von Wasser und Wolken, das Fließen des Lebens und die Luft, die durch die Nasenlöcher strömt. Die zehntausend Melodien, die der Drache singt, sind nicht ein Reden über Prinzipien und die Wahrheit, es ist »das Quaken der Frösche, dass Freude bleibt und das Singen der Würmer, dass es ein Wissen gibt. Das Singen der Drachen ist immer und überall, aber wir können es nur wirklich mit unserem ganzen Wesen hören, wenn wir zuvor den Schritt zurück aus dem rasenden Machen in die Stille wagen.

Am Sonntag den 25. Oktober spielt das Trio Drachengesang bei einer Sonntagsmatinee unter anderen das Stück „Ryugin Koku – Gesang der Drachen im leeren Himmel“. Eintrittskarten Myoshinan – Eintrittskarten

Der Zenmeister und der Pflaumenbaum

An diesem Wochenende mit Haiku und Zen haben wir am Benediktushof die Geschichte von dem Mönch diskutiert, der sich mit den Zähnen am Ast eines hohen Baumes festhält. Der Mönch kann weder mit den Händen noch den Füßen irgend einen Halt im Baum finden. Da kommt ein anderer Mönch vorbei und fragt nach dem Sinn des Kommens von Bodhidharma in den Osten. Wenn der Mönch nicht antwortet ist er unhöflich. Antwortet er, so weiß man nicht, was passieren wird. Ganz sicher aber wird er fallen.
Diese Geschichte habe ich in meinem Buch Mukashi mukashi erzählt.

Barbara hat mir ihre Version der Geschichte geschickt:

Der sich da mit den Zähnen an einem Ast festhält
ist ein bekannter Zenmeister.
Offenbar hat er Pflaumen gepflückt, denn er hat noch beide Hände voll davon,
und er will sie nicht loslassen.
Der Wanderer , der selbst ein Zen-Erfahrener ist,
packt die Gelegenheit beim Schopf und fragt ihn nach dem Sinn , der Buddhaschaft.
Antwortet er nicht, ist er unhöflich, antwortet er erst, wenn er den Ast losgelassen hat, wäre sein Fallen die Antwort;
denn im Zen geht es immer um das gelebte momentane So-Sein und nicht um ein „wenn – dann“ Ziel etwa wie: erst musst Du loslassen, dann kannst Du Deine Buddhanatur erkennen.

Mit Zähnen am Ast hängen
die Antwort zwischen Zähnen
krrr krrr krrr krrr krrr

Mit Zähnen am Ast
Loslassen ist ein Konzept
Antwort ist krrr krrr

„Festhalten hat seine Zeit und Loslassen hat seine Zeit“, im So-Sein befinden sich alle Antworten des Fragenden Lebens.
Barbara

Mir ist dazu eine Antwortgeschichte eingefallen:

Der Zenmeister und die Pflaumen.

Eines Tages kam ein berühmter Zenmeister an einem hohen Pflaumenbaum vorbei, als ihn ein Lüstchen auf reife Pflaumen überkam.
Aber er erkannte sofort: Der Baum ist viel zu hoch!
»Einen Pflaumenbaum sehen und schon wissen: Der ist zu hoch!
Daneben einen Apfelbaum sehen und sofort wissen: Die sind auch schon reif! Ist der tägliche Reis des Kuttenbruders« dachte er bei sich.
Nahm einen Apfel vom Baum der Erkenntnis und zog singend und tanzend seiner Wege.

Kurze Zeit später kam ein Mönch am Pflaumenbaum vorbei.
Verwundert dachte er bei sich: »Komisch, eigentlich sollte hier ein reifer Zenmeister hängen!?«
Aber wenn es keine reifen Zenmeister gibt, dann nehm‘ ich eben einen süßen Apfel.«
Nahm den Apfel, biss herzhaft hinein und zog weiter.

Bald darauf kam ein anderer Mönch vorbei.
»Da ist ein hoher Pflaumenbaum! Da reifen sicher einmal verrückte Zenmeister!«
Er setzte sich mit dem Rücken an den Apfelbaum und wartete.
Er wartete und wartete und er merkte nicht, dass die Pflaumen immer reifer wurden, und eine nach der anderen vom Baum abfielen.
Aber es wurden keine Zenmeister.
Der Mönch merkte kaum, wie es immer kälter wurde und schließlich Eis und Schnee den Pflaumenbaum bedeckten.
Als es allmählich Frühling wurde und der Pflaumenbaum wunderbar blühte, dachte der Mönche:
»Jetzt ist es bald so weit, jetzt wachsen da sicher reife Zenpflaumen heran!«

Allmählich wurde er älter und älter.
Er magerte ganz und gar ab, weil er die wunderbaren Äpfel an dem Baum, unter dem er auf den Zenmeister wartete, überhaupt nicht bemerkte.
Er spürte nicht einmal, wie die Äpfel zu Boden fielen, so sehr war er mit seiner Erwartung bei den Pflaumen.
Langsam wurde es dunkel um ihn und er wusste nicht, ob die Nacht herankam oder ob ihn seine Kräfte verließen.
Dann im gleißenden Licht eines Wintertages erkannte er mit letzter Kraft:
»Das sind keine Pflaumenblüten, das sind Eiskristalle meiner erstarrten Hoffnung!
Zenmeister, die an Bäumen hängen, sind nichts anderes als Pflaumen!«

Glücklich, dass er am Ende seines Lebens doch noch zur Erkenntnis gekommen war, tat er seinen letzten Atemzug
und ging hinüber auf die andere Seite als klar und hell Erleuchteter.
Gya tei gya tei!

Zenmeister am Baum:
ist nichts als eine Pflaume!
Wie gut sind Äpfel!

Nachtrag:

Ursel meinte zu der Geschichte, dass es vermutlich keine Pflaumen sondern Kokosnüsse waren.
Das glaube ich nicht, denn dann müsste ja der Zenmeister ein Affe gewesen sein? Aber der hat ja nicht mit den Nüssen oder Pflaumen geworfen.
Die sind abgefallen weil sie reif waren.
Ganz von selbst!
Und der Baum der Erkenntnis hat weder in China noch Japan gestanden. Das war ganz woanders.

Aber ihr Haiku (leicht von mir abgeändert) ist sehr schön:

Wo ist die (Kokosnuss-)Pflaume?
Alles was hängt muß fallen.
Da ist kein Meister.
   Ursel

Ki-ūn und Ōbuku-cha: Tee zu Neujahr

Wir haben hier im Myoshinan das alte Jahr mit einem japanischen Essen, Teezeremonie und Klangmeditationen verabschiedet.
Nach dem Essen habe ich die Holzkohle für den Tee gelegt, danach gab es selbstgemachte Süßigkeiten. Um die Zeit zu überbrücken bis das Feuer den Teekessel auf die richtige Temperatur aufheizt, haben wir das Hannya Shin Gyo rezitiert und ein wenig mit Klängen meditiert. Danach gab es Koicha, den dicken Tee.
Wir haben Kiūn – 喜雲, einen Lieblingstee des Großmeisters Daisōshō der Urasenke. Ki hießt Freue, freudig, glücklich. Aber in der Grasschrift wird es als 㐂 geschrieben. Das sieht aus wie eine Kombination der Schriftzeichen für sieben 七 und zehn 十. Die drei Zeichen ergeben dann zusammen gelesen das Wort siebenundsiebzig für das Alter 喜寿 Ki-shō. Also wird man mindestens so alt, wenn man diesen Tee trinkt.

Neujahrsschnee

Buddha im Schnee


Nach Mitternacht haben wir dann das Hannyashingyō, das Herzsutra rezitiert und den Gong wie es in Japan Tradition ist einhundertundacht mal geschlagen. Dann, schon im Neuen Jahr gab es dann in lockerer Runde den ‚dünnen Tee‘. Diesmal war es der O-fuku Cha oder wie die beiden Worte zusammen gelesen werden den Ō-buku-cha. 大福 Großes Glück für das neue Jahr soll dieser Tee bringen. Zusammen mit dem Kiūn verdoppeln sich sicher die siebenundsiebzig Jahre noch einmal.

Ach ja, wollen wir wirklich sooo alt werden?
Der Tee heißt ja Ki-ūn, glückliche Wolke. Die Lesung von siebenundsiebzig ist eine Nebenbedeutung. Siebenundsiebzig UND glücklich, das macht Sinn.
In der amerikanischen Geriatrie spricht man von den verschiedenen Lebensabschnitten im Alter: dem Go-go, dem Slow- go und dem No-go. Es geht nicht darum, das Leben zu verlängern, sondern die no-go Phase zu verkürzen. Hoffen wir, dass diese beiden Tees und die Meditation auch dazu beitragen.

Zenmeister Dōgen: Das Üben der Zeit

Dogen

Zenmeister Dōgen


Dōgen ist wohl der größte Denker, den Japan hervorgebracht hat. Seine Lehrreden sind in dem großen Werk Shōbōgenzō, Der ‚Schatzkammer des wahren Dharma-Auges‘ gesammelt und niedergeschrieben.
Dōgen war nicht nur Zenmeister, sondern auch ein großer Denker. Ich habe eine Interpretation über diesen Text verfasst, den ich Interessenten gegen ein Dana gern zukommen lasse

Ein alter Buddha sagt:
Zu einer Zeit (Ū-JI) auf dem hohen,
hohen Berggipfel stehen,
zu einer Zeit auf dem tiefen,
tiefen Meeresgrund gehen.
Zu einer Zeit der dreiköpfige, achtarmige Wächtergott,
zu einer Zeit der bald 16 Fuß
und bald acht Fuß große Buddha.
Zu einer Zeit Stab und Wedel,
zu einer Zeit Pfeiler und Gartenlaterne,
zu einer Zeit Hinz und Kunz,
zu einer Zeit große Erde und leerer Himmel.

Das kleine Büchlein hat 37 Seiten im PDF Format.