Erster Frühlingstag

Heute ist der erste März.
Eigentlich, wenn es kein Schaltjahr wäre, hätten wir wohl schon den 2. März.
Meteorologisch gesehen ist der 1. März der erste Frühlingstag.
Aber gestern wurde es langsam immer trüber und dann begann es heftig zu schneien.
Sogar der kleine Hund schlief den ganzen Tag und ging nur ganz kurz in den Garten.
Heute Nacht hat es weiter geschneit und immer noch fallen dicht die Flocken.
Der Bambus neigt sich unter der schweren Last des frischen Schnees.
Unbeugsam reckt die alte Kiefer ihre schneebedeckten Äste in den Himmel.
Nicht nur die Krokusse, auch das Land sind unter einer dichten Schneedecke verschwunden.

Erster Frühlingstag!
Verwirrte Meisen im Schnee
suchen nach Futter!

Erster Frühlingstag!
Unten auf der Strasse
blinkt das Räumfahrzeug!

Verborgen im Schnee
schlafen gelbe Krokusse.
Verwirrte Meisen.

Ist es nun Winter oder ist es Frühling?
Dem Kalender nach ist es Frühling!
Also MUSS es wohl Frühling sein.
Ein verrückter Frühling heuer. Er verkleidet sich als Winter!
Aber es ist Frühling!

So steht es jedenfalls im meteorologischen Kalender!
Es ist so schön, wenn endlich Frühling ist!

Zenmeister Dogen meint, man kann nicht sagen, dass der Winter zum Frühling wird.
Jetzt ist Winter, JETZT ist Frühling.
Der Frühling hat ein Vorher, nämlich den Winter.
Der Winter hat ein Nachher, den Frühling.
Aber es ist immer JETZT.

Immerhin gibt es noch eine zweite Chance: der astronomische Frühlingsanfang!
Dann wird es so richtig schön frühlingshaft!

Ach, vor ein paar Jahren sind wir genau zum astrologischen Frühlingsanfang nach Japan geflogen.
Wir sind durch den Schneesturm zum Flughafen München gefahren.
Es war tief verschneit, als wir abgeflogen sind.

Kalter Wintermond

Der Winter war recht mild gewesen und es hatte wenig Schnee gegeben.
Aber seit Wochen wird es nicht mehr richtig hell.
Es dunstig und kalt.
Winterstürme rütteln an den Fenstern und in der Stube ist es kalt und zugig.

Die Sonne verbirgt sich im gleichmäßigen Grau.
Die Wälder und Wiesen liegen verschlossen in bleiern kalten Nebelschleiern.
Alles sehnt sich nach Licht und Wärme.

Die Vögel haben es schon eilig und die ersten Krokusse versuchen vorsichtig,
ob es schon an der Zeit ist.
Aber erschrocken schließen sie wieder ihre Blütenkelche.
Der Winter ist noch einmal zurückgekehrt.

Der Vollmond steht unbarmherzig kalt am Himmel.
Nicht nur der kleine Hund friert.

Kalte Vollmondnacht.

Nacht im Februar.
Der kalte Mond am Himmel –
Nebelverhangen.

Frostig kalt der Mond.
Nebliger Dunst am Morgen.
Kalter Februar.

Sehnsucht nach Wärme!
Der kalte Mond am Himmel!
Frostiger Morgen!

Wer mit eigenen Haiku beitragen möchte, kann das im Forum Haiku tun.

Novembersturm

Es ist Nacht und die Sterne sind hinter dichten Wolken verschwunden.
In den letzten Tagen strahlte noch eine warme Herbstsonne in kahlen Bäumen.
Aber jetzt tosen die ersten Novemberstürme. Es wird kalt und unwirtlich.

Der Novembersturm
nach warmen Sonnentagen.
Jetzt kommt der Winter!

Es war in den letzten Tagen hier im Myoshinan sehr lebendig.
Prof. Brian Switzer von der Hochschule für Technik Wirtschaft und Gestaltung Konstanz war mit einer Gruppe von Studenten hier zu Gast.
Wir hatten wunderbares Wetter mit warmer Sonne, es war fast wie im September.
Am ersten Abend hat Brian nach langer Zeit wieder einmal Tee an der Winterfeuerstelle im kleinen Raum für alles Studenten bereitet.
In der neuen Halle haben wir dann alle gemeinsam die ersten Schritte im Teeweg getan.
Alle waren sehr motiviert und es hat großen Spass gemacht.
Die Studenten waren fasziniert von der Schönheit des Teeweges und haben erstaunliche Fortschritte gemacht.
Schon am dritten Tag konnten alle eine einfache Teezeremonie durchführen.

Nun ist es wieder still geworden.
Nur draussen vor dem Fenster tost der erste Wintersturm.

Der erste Wintersturm!
Ich sitze und werde still.
Ruhe des Winters.

Der Septembermond

Gestern war der 17. September, ein Tag nach meinem Geburtstag.
Das Wetter war in den vergangenen Tagen ungewöhnlich trübe gewesen. Man wusste nicht, ob es warm oder kalt war. Die Sonne kämpfte sich mühsam durch den bedeckten Himmel und es war ein wenig schwül, aber ein kalter Herbstwind ließ erschauern.
Am Nachmittag räumten wir den umgebauten Meditationsraum auf und verstauten die Werkzeuge und die Holzreste. Noch ist der Raum nicht fertig, aber wir waren alle begeistert über die Wärme und Geborgenheit, die er ausstrahlt. Neben der weiten Tokonoma erhebt sich eine breite Sitzbank für die Meditation. Sabutons und Sitzkissen laden zum Sazen ein. Auch wer nicht gut im Meditationssitz sitzen kann, setzt bequem die Füße auf die Tatami am Boden.
Bevor wir mit unserer Meditation beginnen woltten, rissen die Wolken auf und die Abendsonne stand feuerrot am Himmel. Das ganze Land erstrahlte im hellen Abendlicht. Die Kirche und das Dorf leuchteten wie ein Scherenschnitt im feurigen Abendrot. Unten im Tal fiel dichter Regen, der im roten Abendlicht strahlte und funkelte wie feurige Rubine. Niemand mochte in den Meditationsraum gehen: Zu sehr ergiff das wunderbare Schauspiel die Herzen.
Langsam wurde es dunkler und wir gingen in die Meditationshalle. Warm und geborgen saßen wir in dem noch unfertigen Raum.
Nach der Meditation leuchtete der Abendhimmel durchsichtig und klar wie ein dunkelblauer Sternsaphir. Die Mondsichel strahlte hell wie frisch gewaschen. Scharf und deutlich sah man den hellen Rand des Mondes um seine dunkle Seite. Es war, als kündigte er sein Leuchten als voller Septembermond an. Ergriffen standen wir und schauten und staunten.
Sein klares Leuchten war wie ein Gefährte auf dem Weg unserer Meditation.

Langsam wurde es kalt und wir gingen unserer Wege.

Himmel aus Saphir!
Strahlend der Septembermond
Im Kern des Himmels.

Harald schrieb spontan drei weitere Haiku:

Sonne taucht unter,
Regentropfen – gleichmäßig.
Himmel: Pures Gold!

Der Abend dunkelt –
Himmel Erde werden eins.
Letzte Sonnenglut.

Nachtblauer Himmel.
Wolken sind weggezogen.
Der Septembermond.

Sommerhitze

Die Hitze in den Hundstagen war in diesem Jahr schon sehr groß. Der alte griechische Dichter Hesiod hat diese Zeit in seinen »Werken und Tagen« besungen:

Wenn zur Blüte die Distel nun kommt, und die schwirrende Grille
aus dem Verstecke des Baums nie lässig das tönende Liedchen
Unter den Schwingen zur Zeit des erschlaffenden Sommers herabgießt,
Dann sind Ziegen bei weitem am fettesten, Trauben am besten,
Weiber verlangender dann, obschon am schwächsten die Männer,
da ja Sirios ihnen das Haupt und die Kniee versenget,
Dass von der Hitze der Leib ganz ausdörrt.

Selbst in der Nacht gibt es keine Erholung, denn die Hitze lastet weiter. In der Sammlung Kokinwakashu aus der Zeit um 1000 in Japan entstanden heißt es:

Kaum habe ich mich hingelegt
in dieser Sommernacht –
da kommt schon mit dem Ruf des Kuckucks
das erste Morgenlicht.

Der Kuckuck heißt in Japan Hototogisu, weil sein Ruf für Japaner wie »Hototo – hototo« klingt. Er ruft – wie auch bei uns – seinen eigenen Namen. Wenn im späteren August die Kuckucksblume, der Hototogisu aufblüht, geraten Japaner in Verzückung, fast so wie bei der Kirschblüte oder den roten Ahornblättern, denn diese Blume verspricht, dass bald die große Hitze vorbei sein wird.

In Italien ist der 15. August der Ferragosto. Die großen Ferien beginnen und alle zieht es unwiderstehlich ans Meer. Darum ist Ferragosto eine der schönsten Zeiten des Jahres.

Aber schon heute am frühen Morgen lag die Sonne hinter einem dichten Dunstschleier verborgen und die Luft duftete schon ein ganz klein wenig herbstlich. Und so ist Ferragosto zugleich die Zeit des Umschlages in den Herbst. Am Wochenende waren wir am Benediktushof zu einem Seminar »Zen und Haiku«. Im Zengarten waren schon die ersten Ahornblätter an den Spitzen rot gefärbt.

Über den Felsen
der erste rote Ahorn.
Bote des Herbstes.

Hier im Myoshinan sind wir fleißig damit beschäftigt, unser Sommerkonzert vorzubereiten. Wir haben uns inzwischen zu der Gruppe Drachengesang zusammeng getan. Drachengesang. Zwei Mitglieder des Drachengesanges, Gerhardt Staufenbiel und Rainer Rabus bestreiten dieses Sommerkonzert mit Shakuhachi, Taiko Trommeln, Gongs und Handpan.
Die Shakuhachi, die japanische Trommel und die moderne Handpan werden die Zeit des Überganges vom Sommer zum Herbst feiern. Es wird auch noch eine echt fränkische Überraschung auf die Zuhörer warten. Damit wird das Programm wieder recht bunt: klassische Stücke der Zen-Shakuhachi, Trommeln, Teezeremonie und Lyrik bieten viel Abwechslung. Im zweiten Teil werden wir den Herbst feiern, der die große Ernte und den Gang in die Stille bringt.

Herbsttag

HERR: es ist Zeit. Der Sommer war sehr groß.
Leg deinen Schatten auf die Sonnenuhren,
Und auf den Fluren lass die Winde los.

Befiehl den letzten Früchten voll zu sein;
Gib ihnen noch zwei südlichere Tage,
Dränge sie zur Vollendung hin und jage
Die letzte Süße in den schweren Wein.

Wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr.
Wer jetzt allein ist, wird es lange bleiben,
wird wachen, lesen, lange Briefe schreiben
Und wird in den Alleen hin und her
Unruhig wandern, wenn die Blätter treiben.

Rainer Maria Rilke