Myoe und der Mond

Myoe trinkt eine Schale TeeDem September – Mond gilt in Japan eine besondere Verehrung und Beachtung.
Aber der Mond ist zugleich ein tiefes Symbol des Buddhismus.
Der hinter Wolken verschleierte Mond ist ein Bild für unser alltägliches Bewußtsein, das durch Wünsche, Ängste und Hoffnungen getrübt ist. Der klare, unverschleierte Mond ist ein Bild des Erwachens.

Der Priester Myoe (1173-1232) liebte den Mond ganz besonders und er sah ihn als einen Gefährten auf dem Weg in die Klarheit. Myoe schrieb einen schönen Text über sein Erlebnis mit dem Mond:

Mond und Wolken

In der Nacht des zwölften Tages des zwölften Monats des Jahres 1224 war der Mond hinter Wolken verborgen.

Ich saß in Zen Meditation in der Kakyu Halle. Als die Stunde der Nachtwache um Mitternacht kam, beendete ich die Meditation, verließ die obere Halle und ging in die unteren Quartiere.
Als ich so ging, kam der Mond hinter den Wolken hervor.

Der Schnee leuchtete auf und der Mond war mein Wegbegleiter und nicht einmal das Heulen des Wolfes im Tal ließ Furcht aufkommen.

Später, als ich noch einmal aus dem unteren Quartier kam, war der Mond wieder hinter den Wolken verborgen.
Ich ging hinauf zum Hügel und der Mond sah mich auf meinem Weg.

Ich trat ein in die Meditationshalle, und der Mond, die Wolken vertreibend, versank hinter den Gipfeln.

Und es schien mir, er bewahre das Geheimnis unserer Gemeinschaft.

Zenmeister Dōgen schrieb im Genjōkōan:

Ein Mensch, der das Erwachen erlangt hat, gleicht dem Mond, der sich im Wasser spiegelt: Der Mond wird nicht nass und das Wasser wird nicht bewegt. Obgleich das Mondlicht groß und weit erscheint, spiegelt es sich auf einer winzigen Fläche Wasser. Der ganze Mond und der ganze Himmel spiegeln sich in einem einzigen Tautropfen auf einem Grashalm und in einem einzigen Wassertropfen. Das Erwachen verändert den Menschen nicht, so wie der Mond auch das Wasser nicht verändert.

Der Mensch behindert das Erwachen nicht, so wie der Tautropfen auch nicht den Himmel und den Mond behindert.

Fallende Blüten

Pflaumenblüten würden gern den Sommer erleben
Doch Wind und Monde verdrängen sie ohne Geduld.
Bei allem Suchen nach einem Han-Zeit-Menschen,
Könntest du doch nicht einen einzigen mehr finden.
So welken und fallen die Blüten Tag für Tag,
Jahr über Jahr gehen Menschen in die Verwandlung ein.

Und dort, wo heute Staubwolken aufwirbeln,
Erstreckte sich in alten Zeiten der Ozean.

Hanshan

Immer wieder versammeln sich Menschen auf dem Gottesacker direkt gegenüber vom Myōshinan, um Abschied zu nehmen.
Oft treibt der Wind die traurigen Klänge des Posaunenchores herüber. Verwehte Worte der Pastorin auf den letzten Wegen.

Stille

Montag den 20. August

Die ganze Nacht über ist starker Regen gefallen. Das Geräusch des Regens draußen vor dem Fenster, das Plätschern des Regens im Kies und das Rauschen der Bäume klingt immer noch nach.

Langsam wird es hell. Die ganze Landschaft ist in dichten Regenschwaden verhüllt. Allmählich hört es auf zu regnen aber die Nebelschwaden verhüllen die Hügel und Wälder, so dass sich draußen vor dem Fenster das Bild einer chinesischen Tuschemalerei erstreckt. Geheimnisvoll Grau in Grau verhüllt sich das Land und zeigt sein Geheimnis.

Die ganze Welt scheint verborgen und weit weg.

Die Stille wird verstärkt vom Rieseln des Ruisilibaches – des Rieselbaches, der heute Rüsselbach genannt wird.

Gestern noch waren Freunde und Gäste hier im Dōjo und wir haben aufregende Stunden beim Brennen der Teeschalen gehabt, die in den letzten Tagen und Wochen hier im Seminar entstanden sind. Die Gasflamme des Brennofens hat den ganzen Tag gerauscht und immer wieder war es aufregend, wenn der Ofen geöffnet wurde. Wie oft aber hat es bald nach dem Anzünden des Brenners ein dumpfes Puff gemacht und wieder war eine Teeschale, die zu nervös und hektisch geformt worden war zerrissen. An den Scherben konnten wir dann die eingebauten Luftlöcher bewundern, die zur Explosion der Schale geführt hatten. Umso größer war dann die Freude, wenn eine Schale ganz geblieben war.

Nun ist wieder die Stille eingekehrt.

Heute, am Mittwoch war die Stille besonders dicht und intensiv.
Wir wanderten durch den Garten und bewunderten die Früchte des Landes, die langsam der Reife entgegengehen. Alles ist in diesem Jahr so viel früher als sonst. Der Walnussbaum trägt reiche Früchte, die Holunderstäuche neigen sich in der Last ihrer reifen Beeren und der Quittenbaum muss fast vor der Last der Früchte gestützt werden. Die Quitten sind noch nicht reif, aber sie leuchten immer gelber aus dem Laub hervor. Der Wein leuchtet golden aus dem Laub und er schmeckt wunderbar süß.

Am Ende des Gartens steht eine Gruppe von drei mächtigen Kiefern einträchtig beieinander und ihre Äste bilden ein weites Dach, unter dem man sicher und geborgen stehen kann. Die Bäume strahlen ihre Kraft und Ruhe aus und ganz viele Waldspitzmäuse haben ihre Gänge unter den Wurzeln gebaut. Fühlen sie sich hier besonders behütet und beschützt?

Vor dem Abend – Tee sitzen wir noch auf der Terrasse und genießen die Stille. Der Ruisilibach singt sein Lied und macht die Stille laut hörbar. Diese Stille inmitten der Wälder und Hügel ist ein so kostbares und seltenes Gut geworden. Man muss nicht in der Strenge des Zen – Dōjo sitzen und die Beine verschränken, um zu meditieren und zur Ruhe zu kommen. Das Hören der Stille in diese verhaltenen Landschaft ist die schönste Meditation.

Das Licht wird langsam golden – rot und die gesamte Landschaft glüht im Abendlicht
Rings tönen die Wälder und Hügel nach vom Abendlied, das der entzückende Sonnenjüngling auf seiner Leier spielte.
Der Nachklang in der still verglühenden Landschaft stimmt in den Gesang der Stille mit ein.

Nachher wird der Gesang des Teekessels im Teeraum dieses Lied wieder aufnehmen.

Sonnenuntergang

Wo bist du? Trunken dämmert die Seele mir
Von all deiner Wonne; denn eben ists,
Dass ich gelauscht, wie, goldener Töne
Voll, der entzückende Götterjüngling

Sein Abendlied auf himmlischer Leier spielt‘;
Es tönen rings die Wälder und Hügel nach,
Doch fern ist er zu frommen Völkern,
Die ihn noch ehren, hinweggegangen.

Friedrich Hölderlin