Waldbaden in der Rhön


Zärtlich, wie vormals, wehn Lüfte der Jugend mich an;
Und das strebende Herz besänftigen mir die vertrauten
Offnen Bäume, die einst mich in den Armen gewiegt,
Und das heilige Grün, der Zeuge des seligen, tiefen
Lebens der Welt, es erfrischt, wandelt zum Jüngling mich um.

Friedrich Hölderlin – Der Wanderer

Heilige Nägel

Gestern haben wir bei den Renovierungsarbeiten unter dem Dach des alten Forsthauses, dort wo der neue Teeraum entstehen soll, handgeschmiedete Nägel gefunden.

Heilige Nägel

Mindestens zeugen sie vom Alter des Forsthauses.
Hat es eine Bedeutung, dass wir genau vier Nägel gefunden haben?
Stammen sie aus den vier Wunden Christi – die fünfte Wunde stammt ja von der Lanze, mit der die Seite geöffnet wurde. Wer weiß, vielleicht finden wir in diesem alten Gemäuer auch noch so etwas wie die heilige Lanze?
Auf jeden Fall werden wir die Nägel aufheben als Zeugnis für die alten Zeiten.
Bald soll hier ein neuer Teeraum erblühen. Dann sind Alt und Neu miteinander verbunden.
Aber auch das Neue – der japanische Zenweg des Tees stammt ja aus uralten Zeiten. Er ist sicher noch viel älter als das alte Forsthaus, das höchsten zweihundert Jahre gesehen hat.
Mögen noch viele Generationen hier den Teeweg erleben und Üben.
Wenn die Nägel wirklich die heiligen Nägel wären, dann zeugten sie von der Wanderung der Ideen aus dem Osten in die Rhön. Ideen wandern immer, so wie wir Menschen auch.

Das Leben – eine Reise!

Tsukihi wa hakutai
no kakaku ni shite
yukikau toshi mo
mata tabibito nari.Fune no ue ni
shogai wo ukabe
uma no kuchi wo
toraete oi wo
mukauru mono wa,
hibi tabi ni shite
tabi wo sumika to su.

Sonne-Mond: sind unterwegs seit hunderten Generationen
– auch die ziehenden Jahre sind Reisende.
So auch diejenigen, die ihr Leben in Booten verbringen,
oder die Zügel des Pferdes in der Hand dem Alter entgegen ziehen:
das Reisen ihr einziger Aufenthalt – Tag für Tag.

Mit diesen ergreifend schönen, im Japanischen wunderbar rhythmisierten Worten beginnt die Dichtung „Oku no hosomichi“ – Die Reise auf schmalen Pfaden durch das Hinterland des Haiku – Dichters Bashō. Bashō war nicht nur dieses eine Mal auf Reisen gegangen nachdem er seine „brüchige Hütte am Fluss verlassen hatte. Das ganze Leben ist für ihn eine einzige Reise.

Tsuki hi – Mond und Sonne – sind sowohl der Mond und die Sonne selbst, die in ihren Wandelgang am Himmel ziehen als auch die Monate und Tage. Sie ziehen ihre Bahnen seit ‚Haku-dai‚, hunderten von Generationen. Aber dies ist ein Synonym dafür, dass sie schon immer und auch in Zukunft weiter ihre Beständigkeit nur im steten Reisen haben.
Haku-dai – hundert Generationen ist nicht nur die Zeit, in der Mond und Sonne auf Reisen sind. Auch die Menschen denken, selbst wenn sie sterblich sind, dass sie ihren Besitz von Generation zu Generation weitergeben können. Aber hier sind nur die Zeitabschnitte länger, sie umfassen das Leben mehrerer Generationen. Aber wer hat schon Familien gesehen, die seit 1000 Jahren immer noch ihren Besitz an die nächste Generation weitergeben: Und mit tausendjährigen Reichen haben wir nicht gerade gute Erfahrungen gemacht.

Auch die Menschen sind stets und beständig auf der Reise. Die einen schaukeln auf Booten, die anderen führen das Pferd am Zügel. Beide meinen, sie hätten ihr Leben fest am Zügel, so wie man das Pferd führt. Aber das ist nur eine Illusion. Wir reisen nicht durch das Leben, wir werden „gereist“.

Die Reise führt unaufhaltsam dem Alter und dem Ende zu. Für Bashō ist die Reise eine Lebensform, aber sicher ist es nicht nur die tatsächliche Reise, zu der er aufbricht und die seine letzte Reise werden sollte. Das ganze Leben ist nichts als eine Reise, in der wir langsam dem Alter entgegen ziehen. Ständig verlassen wir unsere brüchigen Hütten, selbst wenn wir meinen, dass wir Paläste bewohnen und ziehen als Reisende durch das Leben. So ist auch der Abbau des alten Teehauses Myoshinan, der brüchigen Hütte mitten in den Kirschbergen Frankens nur eine Etappe auf der Lebensreise.

Nun beginnt ein neuer Abschnitt in der bergigen Landschaft der Rhön.
Immerhin ist auch hier Franken!
Heimat ist überall.
Dort wo das Herz in offener Weite singt wie der Wind in den Kiefern.

Mujō – Auch Teehäuser vergehen

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In den letzten Tagen, mitten im Juli haben wir mit einem wehen Herzen den alten Teeraum im Myoshinan abgerissen.
Er hat 15 Jahre lang als Begegnungsstätte und Dōjō gedient.
Aber alles ist endlich.
Der Teeraum muss weichen.

Aber er wird, vielleicht größer und schöner in Waldfenster, einem kleinen Ort in der Rhön neu entstehen.
Schon im Herbst 2019 wird der erste Unterricht im neuen Teehaus möglich sein.
Hier wird es in einiger Zeit nicht nur einen Teeraum, sondern auch eine „Zen-Scheune“ und ein Teehaus im Garten geben.
Besucher sind hier in der wunderschönen Landschaft des Rhön mitten im Bioreservat willkommen. Hier gibt es viele Pensionen und wunderbare Wandermöglichkeiten neben dem Tee und der Shakuhachi.