Ich gestehe: ich kann nicht anders – Ruhen des Nutzens.

Sollten einige Leser dieses Blogs die Gedanken zu abgehoben und zu wenig konventionell finden, so muss ich mit Hölderlin sagen:

Ich bitte, dieses Blatt nur gutmütig zu lesen.
So wird es sicher nicht unfaßlich, noch weniger anstößig sein.
Sollten aber dennoch einige solche Sprache zu wenig konventionell finden, so muß ich ihnen gestehen: ich kann nicht anders.

An einem schönen Tage läßt sich ja fast jede Sangart hören, und die Natur, wovon es her ist, nimmts auch wieder. Der Verfasser gedenkt dem Publikum eine ganze Sammlung von dergleichen Blättern vorzulegen, und dieses soll irgend eine Probe sein davon.

So ist es. Dies sind nur die unwichtigen Gedanken eines alten Mannes fern von jeder Nützlichkeit. Sie entstehen, aber die „Natur nimmts auch wieder“.

Aber müssen wir immer „nützlich“ sein?

Unser großer Vorfahr im Teeweg hatte seinen buddhistischen Ehrennamen RIKYU – RI KYU

Das bedeutet wörtlich RI Nutzen – KYU Ruhen, der Nutzen ruht. Vielleicht können wir nur zur Ruhe in uns selbst kommen, wenn wir einmal den Nutzen ruhen lassen.

Denken in Bildern – Denken in Begriffen

In lieblicher Bläue blühet mit metallenem Dache der Kirchturm.

Hölderlin denkt in sinnlich erfassbaren Bildern, die unmittelbar zum Herzen sprechen. Aber diese Bilder sind so reich, dass man lange darüber nachsinnen kann. Je länger man nach – sinnt, desto reicher und inhaltsschwerer werden die Bilder.
Die Bilder erschließen sich umso mehr, je mehr ich sie von meiner eigenen Erfahrung und meinem eigenen Empfinden her verstehe.
Sind dann nicht die Bilder rein subjektiv? Ist nicht objektives Begriffsdenken weitaus genauer?

Schon ganz früh haben die drei Freunde Hegel, Schelling und Hölderlin einen „Entwurf“ für ihren künftigen philosophischen Lebensweg niedergeschrieben, in dem diese Problematik behandelt ist. Das Papier findet sich in der Handschrift Hegels in Hegels Papieren. Aber der leidenschaftliche Ton spricht eher dafür, dass Hegel eine „Rede“ Schellings mit geschrieben hat. Eine Fülle von Gedanken in diese Papier sind aber derart „poetisch“, dass sie nur von Hölderlin stammen können. Das Papier ist als „das älteste Systemprogramm des deutschen Idealismus“ bekannt.

In dem Papier ist die Rede von Ideen zur Natur, zum „Menschenwerk“, zum Staat (von dem es „keine Idee gibt, weil er etwas Mechanisches ist“) und der Freiheit. Dann hebt der Sprecher – Schelling ? – zum Höhepunkt seines Gedenkens an:

Zuletzt die Idee, die alle vereinigt, die Idee der Schönheit, das Wort in höherem platonischen Sinne genommen. Ich bin nun Überzeugt, daß der höchste Akt der Vernunft, der, indem sie alle Ideen umfaßt, ein ästhetischer Akt ist und daß Wahrheit und Güte nur in der Schönheit verschwistert sind. Der Philosoph muß ebensoviel ästhetische Kraft besitzen als der Dichter. Die Menschen ohne ästhetischen Sinn sind unsere Buchstabenphilosophen. Die Philosophie des Geistes ist eine ästhetische Philosophie.

Die Idee der Schönheit vereinigt alle Ideen. Die Schönheit ist „ästhetisch“, das heißt wörtlich – sinnlich“. Im Altgriechischen bedeutet Aisthesis nichts anderes als die reine Sinnlichkeit. Der Philosoph muss also „sinnlich“ werden, seine Gedanken müssen so sein, dass sie sich nicht in der dünnen Luft des „Geistigen“ verflüchtigen.

Man kann in nichts geistreich sein, … ohne ästhetischen Sinn. Hier soll offenbar werden, woran es eigentlich den Menschen fehlt, die keine Ideen verstehen  und treuherzig genug gestehen, daß ihnen alles dunkel ist, sobald es über Tabellen und Register hinausgeht.

Der Gegensatz zum Geist – reichen – wörtlich: reich an Geist – ist der Buchstabenphilosoph oder derjenige, der nur in Tabellen oder Registern denken kann, wie Schelling verächtlich sagt.
Dieses neue, sinnliche Denken in Schönheit soll „beflügelt sein, so wie Schelling auch der „langsamen, an Experimenten mühsam schreitenden Physik“ wieder Flügel geben möchte.

Dazu ist zuvor ein erzieherisches Werk nötig: die Menschen müssen wieder lernen, in Bildern zu denken. Derjenige, der in diesem Systementwurf die Aufgabe der Erziehung übernehmen muss ist der Dichter:

Die Poesie bekommt dadurch eine höhere Würde, sie wird am Ende wieder, was sie am Anfang war – Lehrerin der Menschheit; denn es gibt keine Philosophie, keine Geschichte mehr, die Dichtkunst allein wird alle übrigen Wissenschaften und Künste überleben.

Die Poesie wird „Lehrerin der Menschheit“!?
Menschheit meint hier in Schellings Sprachgebrauch nicht die Menschen insgesamt, sondern die Menschlichkeit. Die Poesie wird zu der Lehrerin, die den Menschen hin zu mehr Menschheit führt, damit er wieder im echten Sinne ein Mensch sei. Nun, da seine Gedanken im Überschwang der Be-Geisterung fliegen, kann Schelling auch die Religion erneuern.  Die neue Religion, die er fordert ist eine Religion der Sinnlichkeit. Gott und das Göttliche müssen für ihn sinnlich erfahrbar sein. Dann kann jeder Mensch Gott selbst erfahren und die Priester verlieren ihre Funktion. Im echten revolutionären Pathos heißt es:

Zu gleicher Zeit hören wir so oft, der große Haufen mßsse eine sinnliche Religion haben. Nicht nur der große Haufen, auch der Philosoph bedarf ihrer. Monotheismus der Vernunft und des Herzens, Polytheismus der Einbildungskraft und der Kunst, dies ist’s, was wir bedürfen!

Monotheismus der Vernunft und des Herzens gegen Polytheismus der Einbildungskraft und der Kunst? Hölderlin spricht jedenfalls in seinen Gedichten von Gott und von den „Himmlischen“, also von vielen Göttern. Für ihn steht Christus gleichberechtigt neben Herakles oder Dionysos. Christus ist für ihn der letzte der antiken Götter. Nun gilt es, aus der heimatlichen Natur das Göttliche neu zu erfahren – sinnlich zu erfahren.

Innnen aus Verschiedenem entsteht ein ernster
Geist. So sehr einfältig aber die Bilder, so sehr heilig sind die, daß
man wirklich oft fürchtet, die zu beschreiben. Die Himmlischen aber,
die immer gut sind, alles zumal, wie Reiche, haben diese, Tugend und
Freude. Der Mensch darf das nachahmen. Darf, wenn lauter Mühe
das Leben, ein Mensch aufschauen und sagen: so will ich auch seyn?
Ja. So lange die Freundlichkeit noch am Herzen, die Reine, dauert,
misset nicht unglüklich der Mensch sich mit der Gottheit. Ist unbe-
kannt Gott? Ist er offenbar wie der Himmel? Dieses glaub‘ ich eher.
Des Menschen Maaß ist’s.

Gott ist offenbar wie der Himmel!?
Der Himmel zeigt sich in „lieblicher Bläue“ oder verdeckt mit „Gesangeswolken“.
Wechselt die Ansicht Gottes, so wie die Anblicke des Himmels wechseln in den Zeiten und Wettern? Die liebliche Bläue ist dann das „monotheistische“ des Himmels. Sie ist der offene, klare Himmel, der sich rein und unverhüllt zeigt. Aber er ist damit auch zugleich die reine lichte Leere, oder wie man im Buddhismus sagt, das Ku – die Leere des Himmels.
Der nächtliche Himmel dagegen ist nicht leer, gerade auch, wenn er rein und klar sich zeigt. Mit seinen Sternen und dem Gang des Mondes, des „Schattens der Erde“ gibt gerade er das Maß der Zeit.

In dem Systementwurf fährt Schelling mit einem neuen Gedanken fort:

Zuerst werde ich hier von einer Idee sprechen, die, soviel ich weiß, noch in keines Menschen Sinn gekommen ist :  wir müssen eine neue Mythologie haben, diese Mythologie aber muß im Dienste der Ideen stehen, sie muß eine Mythologie der Vernunft werden.

Ehe wir die Ideen ästhetisch, d. h. mythologisch machen, haben sie für das Volk kein Interesse; und umgekehrt, ehe die Mythologie vernünftig ist, muß sich der Philosoph ihrer schämen.

Schelling führt den Gedanken nicht weiter aus. Was ist das „Mythologische“? Der Mythos fasst die Erfahrungen der Götter in Geschichten, die sinnlich erfassbar und nachvollziehbar sind. Die Erfahrung des Güttlichen wird nicht in abstrakte Gedanken oder Systeme gefasst. Aber die Mythologie, die Schelling meint, muss eine neue Mythologie werden. Die Zeit der alten Götter ist endgültig vorbei. Aber da beginnt ein nahezu unüberwindliches Problem. In „Heimkunft“ schreibt Hölderlin:

Wenn wir segnen das Mahl, wen darf ich nennen, und wenn wir
Ruhn vom Leben des Tags, saget, wie bring ich den Dank?
Nenn ich den Hohen dabei? ….
Schweigen müssen wir oft; es fehlen heilige Namen,
Herzen schlagen und doch bleibet die Rede zurück?

Die alten Namen tragen nicht mehr, aber neue Namen fehlen. Wie soll man dann den Dank sprechen?
Aber vielleicht genügt eine einfache Geste. In der Teezeremonie verbeugen wird uns mit der Teeschale in der Hand als Zeichen des Dankes, bevor wir den Tee trinken. Dank für wen? Für Gott, für das Wetter, für die Sonne, die den Tee reifen ließ? Da fehlen die Worte. Aber die einfache Geste geht tief zu Herzen, wenn sie mit echter Aufrichtigkeit ausgeführt und nicht nur ein einfaches, unverstandenes Ritual ist. Hölderlin gibt einen Lösungsansatz, der in eine ähnliche Richtung geht:

Aber ein Seitenspiel leihet jeder Stunde die Töne,
Und erfreuet vielleicht Himmlische, welche sich nahn.

Für den alten Meister Kong, den wir meistens als Konfutius kennen, war es gleichgültig, ob es die Göttlichen gibt oder nicht, welche Namen sie haben oder wie sie in ihren eigentlichen Wesen sind. Wichtig war ihm, dass die Menschen die Göttlichen in Ritualen, Musik und Tanz verehren. Diese Verehrung stiftet Rituale und Bräuche, die Rituale und Bräuche stiften Gemeinschaft unter den Menschen. Damit stiften die Göttlichen, wer oder was auch immer sie seine, gleichgültig ob sie existieren oder nicht, Gemeinschaft un Harmonie unter den Menschen.
Hölderlin, der Poet, dessen Poesie Lehrerin der Menschheit sein soll, sieht die Probleme der Namenlosigkeit und er sucht nach neuen Ansätzen. Als Poet hat er eine herausragende Stellung:

Sorgen wie diese, muß, gern oder nicht, in der Seele
Tragen ein Sänger und oft, aber die anderen nicht.

Der „Sänger“ muss Sorge tragen, dass sein Gesang rein ist und nicht durch persönliches gefärbt. Wie oft sind Revolutionen getragen von persönlichem Hass oder Leiden, das auf die Allgemeinheit übertragen wird. Der Sänger muss rein sein, aber er hat nicht die Aufgabe des Priesters oder Weisen, der das Volk von oben her belehrt. Er fasst seine Erfahrung in reine Bilder und gibt sie an die Menschen weiter, die so ebenfalls sinnlich die Erfahrung des Göttlichen nachvollziehen können. Der Systementwurf endet:

Dann herrscht ewige Einheit unter uns. Nimmer der verachtende Blick, nimmer das blinde Zittern des Volks vor seinen Weisen und Priestern. Dann erst erwartet uns gleiche Ausbildung aller Kräfte, des Einzelnen sowohl als aller Individuen. Keine Kraft wird mehr unterdrückt werden. Dann herrscht allgemeine Freiheit und Gleichheit der Geister!  Ein höherer Geist, vom Himmel gesandt, muß diese neue Religion unter uns stiften, sie wird das letzte, größte Werk der Menschheit sein.

Hölderlin is it vruckt gwehn!

Hölderlin is it vruckt gwehn! Ich bin schon lange nicht mehr in Tübingen gewesen, um den Hölderlinturm zu besuchen. Im Internet habe ich ein Bild gefunden bei den Stocherkähnen aus Tübingen.

http://www.tuepps.de/stocherkahn.html

Man sieht das gelbe Haus des Schreinermeisters Zimmern, der Hölderlin beherbergt und gepflegt hat. Hölderlins Zimmer war oben im Turm, von wo aus er einen wunderbaren Blick über den Neckar und die damals noch unverbauten Berge gegenüber hatte. Dort war der „wahnsinnige“ Dichter laut rufend in seinem Zimmer hin und her gerannt, so dass der arme Schreinermeister, damit endlich Ruhe einkehre, dem Dichte alles beschreibbare Papier und die Federn wegnahm. Nur dann war der Dichter still.

Kein Wunder. Hölderlin hatte schon in seiner Zeit im Stift seine Zimmernachbarn schier zum Wahnsinn getrieben. Wenn er Gedichte schrieb, so musste er immer laut schreiend und gestikulierend mit gewaltigen Schritten im Zimmer auf und ab gehen. Nur so konnte er den Rhythmus der Sprache mit seinem Körper erleben.

Hat Hölderlin etwa im Turm noch gedichtet? Waiblinger schreibt ja von Phaeton – Hölderlin:

Alles, was er bekommen konnte von Papier, überschrieb er in dieser Zeit. Hier sind einige Blätter aus seinen Papieren, die zugleich einen tiefen Blick in den schrecklichen Zustand seines verwirrten Gemütes geben. In der Urschrift sind sie abgeteilt wie Verse nach pindarischer Weise.

Als ich das letzt mal den Turm besuchte, hatte jemand mit einer Sprühdose an die Wand des Turmes geschrieben:

Hölderlin is it vruckt gwehn!

Naja, verrückt im Sinne von wahnsinnig war er wohl nicht. Aber ver – rückt war er schon. Wer solche Texte wie „In lieblicher Bläue“ schreiben kann – vielleicht auch wer so etwas interpretiert oder sogar schon wer sowas liest, der muss schon ein wenig ver – rückt sein, verrückt aus dem alltäglichen Leben, das nur lauter Mühe ist. Darf, wenn lauter Mühe das Leben ein Mensch aufschauen und sagen: so will ich auch sein? Das ist doch ver-rückt? Oder?

Oh du mein Schreck! Was ist denn das für ein hohes Gebäude im Hintergrund?
Das war einmal die berühmte Authenrietsche Klinik, in der Hölderlin mit der autenrietschen Maske behandelt worden ist.

Der Herr Doktor Authenrieth hatte dieses wunderbare medizinische Hilfsmittel erfunden, um Tobsuchtsanfälle seiner Patienten zu behandeln. Die Maske war eine Zwangsjacke, in die man den „Patienten“ einschnürte. Weil die dann aber oft so laut schreien, dass der Herr Doktor fürchterlich bei seiner Arbeit gestört wurde, ergänzte er die Zwangsjacke mit einem Lederknebel, der dem Patienten in den Mund auf die Zunge geschoben und dann ganz fest verschnürt wurde. Interessanterweise waren dann die Patienten nach ein paar Tagen der Behandlung ganz still.
Das ist wahrer medizinischer Fortschritt!
Un dieses Gebäude hatte der arme Hölderlin stets im Nacken!

In lieblicher Bläue – Reflektion und Innigkeit

Das Gedicht „In lieblicher Bläue“ beginnt im naiven Tonfall und endet mit dem tragisch leidenden Oidipus, der ein Fremdling in Griechenland ist.
Das Naive ist wie die Schilderung eines Paradieses:

In lieblicher Bläue blühet mit metallenem Dache der Kirchturm.
Den umschwebet Geschrei der Schwalben, den umgibt die rührendste Bläue.
Die Sonne gehet hoch darüber und färbet das Blech, im Winde aber oben stille krähet die Fahne.

Das metallene Dach des Kirchturms blüht? Im mittleren Teil des Gedichtes heißt es:
Auch eine Blume ist schön, weil sie blühet unter der Sonne. Das metallene Dach des Kirchturms blüht, weil die Sonne es „färbt“. Das Licht der Sonne, die hoch darüber geht, färbt das Dach, weil das Dach das Licht der Sonne reflektiert. Von der Reflektion ist mehrfach im Gedicht die Rede:

Wenn einer in den Spiegel siehet, ein Mann, und siehet darin sein Bild, wie abgemalt; es gleicht dem Manne. Augen hat des Menschen Bild, Licht hingegen der Mond.

Die Reflektion ist die Spiegelung. Der Kirchturm mit seinem metallenen Dach spiegelt das Licht der Sonne, so wie auch der Mond das Sonnenlicht spiegelt. Das Licht ist die Vermittlung zwischen Himmel und Erde. In einem Brief an Leo von Seckendorf schreibt Hölderlin über ein demnächst erscheinendes Buch mit „pittoresken Ansichten des Rheins“. Hölderlin ist „begierig“, wie sie ausfallen werden, ob sie „rein und einfach aus der Natur gehoben sind“ und ob

„Die Erde sich in gutem Gleichgewicht gegen den Himmel verhält, so daß auch das Licht, welches dieses Gleichgewicht in einem besonderen Verhältnis bezeichnet, nicht schief und reizend täuschend sein muß“

Wenn das Licht „reizend“ ist, so ist es aufreizend und erregend. Es ist interessant und reizend gestaltet, damit das Interesse des Betrachters geweckt werde. Dann ist aber die Ansicht nicht rein aus der Natur gehoben, sondernd reizend täuschend – es gibt anderes vor, als in Wirklichkeit da ist. Die Reflektion ist dann nicht rein, sondern durch besondere Effekte „interessanter“ , reizend und eben auch täuschend.
Der Mensch ist in ganz besonderer Weise das Wesen, das reflektiert. Wir schauen ständig in den Spiegel im Versuch, uns selbst zu erkennen. Aber wir sehen immer nur das Bild. Wird die Reflektion „rein und aus der Natur gehoben“, so zeigt sich das Spiegelbild rein und einfach. Aber wie oft verschauen wir uns, wenn wir uns anschauen. So geht es auch Oidipus, der „ein Auge zuviel vielleicht“ hat.

Der Kirchturm mit dem metallenen Dache blüht in lieblicher Bläue, weil er rein und unverfälscht von der rührendsten Bläue des Himmels gefärbt ist. Damit ist die Erde im „guten Gleichgewicht“ mit dem Himmel. Beide brauchen einander – die Sonne damit sie sich im Dach des Kirchturms spiegeln kann, der Kirchturm, der mit seinem Dach dem Himmel entgegenstrabt bracuht den Himmel, damit er „blühen“ kann. Aber keiner von beiden hat das Übergewicht gegenüber dem Anderen, keiner überwindet das Andere, um es ganz und gar in sich einzuverwandeln.

Der Kirchturm strebt mit seinem Dach gegen den Himmel. Er ist fast wie der Mensch, der aufschaut und sagt: „So will ich auch sein!“ Aber der Kirchturm ist ohne Eingennutz, ganz im Gegensatz zum Menschen, dem die „Freundlichkeit, die Reine am Herzen“ abgeht. So sehr der Kirchturm nach oben streben mag, so sehr ruht er doch auf der Erde:

Wenn einer unter der Glocke dann herabgeht, jene Treppen, ein stilles Leben ist es, weil, wenn abgesondert so sehr die Gestalt ist, die Bildsamkeit dann herauskommt des Menschen.

Der Mensch, der dieses stille Leben „unter den Glocken“ führt ist bildsam. Er ist gebildet nach dem Bilde, dass er schaut, wenn er aufschaut zum Himmel und sagt: „So will ich auch sein“ und er ist „ein Bild der Gottheit“. Aber wie sieht das Bilde der Gottheit aus? Hölderlin sagt:

Doch reiner ist nicht der Schatten der Nacht mit den Sternen, wenn ich so sagen könnte, als der Mensch, der heißet ein Bild der Gottheit.

Der Schatten der Nacht? Das Bild des Gedichtanfangs mit dem im Sonnenlicht blühenden Dach des Kirchturms hat sich ins Dunkle gewandelt. Was ist der Schatten der Nacht? Der Schatten, den die Dinge im Dunkel der Nacht werfen oder der Schatten, den die Nacht selbst wirft? Der Schatten der Nacht ist das Dunkle im Dunklen, das Nichts!
Der letzte Satz des Gedichtes lautet:

Leben ist Tod und Tod ist auch ein Leben

Leben und Tod sind zwar Gegensätze, aber sie gehören zusammen. Leben ist Tod meint, dass alles Lebende stets und jeden Augenblick auch stirbt. Das Leben spiegelt den Tod, der Tod spiegelt das Leben.
In den „Anmerkungen zur Antigonä“ schreibt Hölderlin einen schwierigen Satz:

Die tragische Darstellung beruht … darauf, daß der unmittelbare Gott, ganz Eines mit dem Menschen … und der Gott in der Gestalt des Todes gegenwärtig ist.

Der „unmittelbare Gott“ ist nicht der Gott, der durch Vermittlung erfahren wird, also etwa durch den Verstand erfaßt, reflektiert und verstanden und so erfahren wird als das ganz Andere. Der unmittelbare Gott wird erfahren in der „unendlichen Begeisterung“. In der Be-Geisterung wird der Mensch vom Geist durchdrungen, er wird be-geistert.
Das Unendliche ist in der Hölderlinschen Sprache dasjenige, bei dem sich die beiden Enden in der Reflektion derart spiegeln, daß Jeder sich vollkommen im Anderen spiegelt und beide Enden sich derart durch die Spiegelung verändern, daß sie in der Spiegeling nicht mehr das Selbe sind wie vorher. Der Himmel spiegelt sich im Dach des Kirchturms, der Kirchturm spiegelt sich in der lieblichen Bläue. Der Himmel wird erst als Himmel erfahren, indem er sich im Turm spiegelt, der Turm ist erst der Turm, wenn er mit seinem Dach blüht. So heben sich die beiden Enden ineinander auf, sie heben sich auf, indem sie nicht mehr so sind wie vorher und sie heben sich auf, indem sie jetzt aufgehoben sind zu einem höheren Sein. Sie heben sich auch auf, indem sie enander bewahren, aber nicht mehr im Sinne des eigensinnigen Bestehens auf das Eigene. Sie haben, würde man im Zen sagen, ihr Selbst verloren.

Der Kirchturm blüht mit dem metallenen Dach. Das Metall weist ebenso wie der Hahn, der oben auf dem Turm kräht auf das kriegerische, das Revolutionäre. Der Hahn kräht und zeigt mit seinem Krähen den neuen Tag an, den Tag der Revolution und der kriegerischen Erneuerung. Das Metal ist das Metall der Waffen.

Aber der Kirchturm hat sich ebenso wie die Wetterfahne verwandelt. er klirrt nicht mehr im metallischen Galnz der Waffen, er blüht. Auch der Hahn, die Wetterfahne ist gestillt:

„im Winde aber droben stille krähet die Fahne“.

Der Wind ist es, der die Fahne zum krähen bringt. Es ist der Geist, der weht. In Brot und Wein heißt es:

Jetzt auch kommet ein Wehn und regt die Gipfel des Hains auf.

Das Wehn ist der Othem Gottes, das im heiligen Hain weht und die Gipfel „aufregt“.
Sie sind aufgeregt, weil sie das Kommen des Neuen in der Nacht ahnen. Aber in der „lieblichen Bläue“ ist die Aufregung ganz zu Anfang bereits gestillt, ins Stille gesammelt und eingeruht. Der Gegensatz im Waffengang ist aufgehoben, gestillt ins Stille des Blühens.

In den „Anmerkungen zur Antigonä“ führt Hölderlin fort:

„die unendliche Begeisterung (ist) unendlich, das heißt in Gegensätzen, im Bewußtsein, welches das Bewußtsein aufhebt, heilig sich scheidend, sich faßt“

Die Gegensätze sind im Bewußtsein. Sie sind notwendig, damit sich das Gegensätzliche jeweils erkennt. Aber die Gegensätze werden in der unendlichen Begeisterung im Bewußtsein aufgehoben. Das Bewußtsein muß trennen in die Gegensätze, damit Erkenntnis möglich ist, es neigt aber zugleich „zur Innigkeit“, zur Aufhebung der Gegensätze.

Dennoch sind Himmel und Erde noch in ihrer Eigenheit da, aber so, daß sie nur gemeinsam das sind, was sie sind. Sie sid „heilig sich scheidend“. Das Scheidende ist nicht das Trennende, sondern es ist Heilig geschieden, es ist heil geworden, geheilt ins Innige im Gegensatz zum Zustand der vollkommenen Trennung.

Oder: Gott ist Mensch geworden – nein: Mensch ist Gott geworden

In lieblicher Bläue

Wilhelm Waiblinger hatte Hölderlin in seinem Tübinger Turm oft besucht und war mit ihm die Weinberge gegangen. Dort saß der Dichter oft stundenlang, schaute in die Landschaft und sagte nur: „Schön Herr, schön“!

Aber ganz so wahnsinnig war er wohl gar nicht, er hielt sich nur die unliebsamen Besucher vom Leibe. Waiblinger schreibt in seinem Roman über den wahnsinnigen Bildhauer Phaeton, den er nach dem Vorbild Hölderlins gestaltet hatte:

Alles, was er bekommen konnte von Papier, überschrieb er in dieser Zeit. Hier sind einige Blätter aus seinen Papieren, die zugleich einen tiefen Blick in den schrecklichen Zustand seines verwirrten Gemütes geben. In der Urschrift sind sie abgeteilt wie Verse nach pindarischer Weise.

Ja, in der Urschrift! Aber Waiblinger das „Genie“ hat halt die Verse nicht verstanden. Er dachte ja auch, Hölderlin habe gesagt: „Ich verstehe die Kamalaten-Sprache nicht!“ Das war genau zu der Zeit, als im griechischen Kalamata die Freiheitskämpfe der Griechen ihren Höhepunkt hatten. Hölderlin konnte zwar perfekt Griechisch, aber eben nur Altgriechisch. Die Sprache der Griechen aus Kalamata, das Neugriechich verstand er nicht. Naja, das ist wohl so wie mit den Schattenmorellen aus dem Chateau de Moreille. Was man nicht versteht, verdreht man.

Vielleicht – nein sicher – hat Waiblinger ja auch so manches von den Niederschriften Hölderlins nicht verstanden. Den Text „In lieblicher Bläue“ hat er vermutlich dem Dichter entwendet, der alles Papier, dessen er habhaft werden konnte, voll schrieb. Wie dem auch sei, hier der Text, wie ihn Waiblinger in seinem Roman wiedergibt – ohne Berücksichtigung der Versform in pindarischer Weise. Hoffe wir, dass Waibinger wirklich so phantasielos war, wie es sein „Roman“ zeigt. Sogar die Form des Werkes ist eine Kopie der hölderlinschen Dichtkunst. Dann hat er vermutlich, weil er es nicht besser wußte, den Text einfach abgeschrieben. Aber wissen kann man das nicht, weil das Original aus Hölderlins Hand verschwunden ist.

In lieblicher Bläue blühet mit dem metallnen Dache der Kirchturm. Den umschwebt Geschrei der Schwalben; den umgibt die rührendste Bläue. Die Sonne geht hoch darüber und färbt das Blech im Winde; aber oben stille kräht die Fahne. Wenn einer unter der Glocke dann herabgeht, jene Treppen; ein stilles Leben ist es, weil, wenn abgesondert so sehr die Gestalt ist, die Bildsamkeit herauskommt dann des Menschen. Die Fenster, daraus die Glocken tönen, sind wie Tore an Schönheit. Nämlich, weil noch der Natur nach sind die Tore, haben diese die Ähnlichkeit von Bäumen des Waldes. Reinheit aber ist auch Schönheit. Innen aus Verschiedenem entsteht ein ernster Geist. So sehr einfältig aber die Bilder, so sehr heilig sind die, daß man wirklich oft fürchtet, die zu beschreiben. Die Himmlischen aber, die immer gut sind, alles zumal wie Reiche, haben diese Tugend und Freude. Der Mensch darf das nachahmen. Darf, wenn lauter Mühe das Leben, ein Mensch aufschauen und sagen: So will ich auch sein? Ja. So lange die  Freundlichkeit noch am Herzen, die reine, dauert, mißt nicht unglücklich der Mensch sich mit der Gottheit. Ist unbekannt Gott? Ist er offenbar wie der Himmel? Dieses glaub‘ ich eher. Des Menschen Maß ist’s. Voll Verdienst, doch dichterisch, wohnt der Mensch auf dieser Erde. Doch reiner ist nicht der Schatten der Nacht mit den Sternen, wenn ich so sagen könnte, als der Mensch; der heißt ein Bild der Gottheit.

Gibt es auf Erden ein Maß? Es gibt keines. Nämlich es hemmen den Donnergang nie die Welten des Schöpfers. Auch eine Blume ist schön, weil sie blüht unter der Sonne. Es findet das Auge oft im Leben Wesen, die viel schöner noch zu nennen wären als die Blumen. O, ich weiß das wohl! Denn zu bluten an Gestalt und Herz und ganz nicht mehr zu sein, gefällt das Gott? Die Seele aber, wie ich glaube, muß rein bleiben; sonst reicht an das Mächtige auf Fittichen der Adler mit lobendem Gesange und der Stimme so vieler Vögel. Es ist die Wesenheit, die Gestalt ist’s! Du schönes Bächlein, du scheinst rührend, indem du rollst so klar wie das Auge der Gottheit durch die Milchstraße. Ich kenne dich wohl; aber Tränen quillen aus dem Auge. Ein heiteres Leben seh ich in den Gestalten mich umblühen der Schöpfung, weil ich es nicht unbillig vergleiche den einsamen Tauben auf dem Kirchhofe. Das Lachen aber scheint mich zu grämen der Menschen; nämlich ich hab ein Herz. Möcht ich ein Komet sein? Ich glaube. Denn sie haben die Schnelligkeit der Vögel; sie blühen am Feuer und sind wie Kinder an Reinheit. Größeres zu wünschen, kann nicht des Menschen Natur sich vermessen. Der Tugend Heiterkeit verdient auch gelobt zu werden vom ernsten Geiste, der zwischen den drei Säulen wehet des Gartens. Eine schöne Jungfrau muß das Haupt umkränzen mit Myrtenblumen, weil sie einfach ist ihrem Wesen nach und ihrem Gefühl. Myrten aber gibt es in Griechenland.

Wenn einer in den Spiegel sieht, ein Mann, und sieht darin sein Bild wie abgemalt; es gleicht dem Manne. Augen hat des Menschen Bild; hingegen Licht der Mond. Der König Ödipus hat ein Auge zu viel vielleicht. Die Leiden dieses Mannes, sie scheinen unbeschreiblich, unaussprechlich, unausdrücklich. Wenn das Schauspiel ein solches darstellt, kommt’s daher. Wie ist mir’s aber, gedenk ich Deiner jetzt? Wie Bäche reißt das Ende von Etwas mich dahin, das sich wie Asien ausdehnt. Natürlich dieses Leiden, das hat Ödipus. Natürlich ist’s darum. Hat auch Herkules gelitten? Wohl. Die Dioskuren in ihrer Freundschaft, haben die nicht Leiden auch getragen? Nämlich wie Herkules mit Gott zu streiten, das ist Leiden! Und die Unsterblichkeit im Neide dieses Lebens, diese zu teilen, ist ein Leiden auch. Doch das ist auch ein Leiden, wenn mit Sonnenflecken bedeckt ein Mensch, mit manchen Flecken ganz überdeckt zu sein! Das tut die schöne Sonne; nämlich die zieht alles auf. Die Jünglinge führt die Bahn sie mit Reizen ihrer Strahlen wie mit Rosen. Die Leiden scheinen so, die Ödipus getragen, als wie ein armer Mann klagt, daß ihm etwas fehle. Sohn Laios, armer Fremdling in Griechenland! Leben ist Tod, und Tod ist auch ein Leben.