Ich lerne noch!

Kürzlich waren wir mit dem Trio Drachengesang im Hotel Feuerberg in Kärnten. Dort trugen die Lehrlinge bis zum 2. Lehrjahr einen Button mit der Aufschrift: „Ich lerne noch!“
Mir war sofort klar: den Button muss ich haben. Aber mir wurde gesagt, das Lehrlinge ab dem dritten Jahr diesen Button nicht mehr tragen dürfen. Also fragte ich Herrn Berger, den Hotelbesitzer und Chef, ob ich nicht einen solchen Button bekommen könnte. „Klar doch!“

Ich lerne noch

Ich lerne noch!


Schließlich ist es das Wesen der Zen Wege, dass wir unterwegs bleiben bis ans Ende unseres Lebens. Wir werden niemals fertig mit lernen. Wer nicht mehr lernt, ist tot!
Seither trage ich den Button mit Stolz und Freude.
Am Samstag waren wir in Garmisch und haben dort die Einweihungsfeier der neuen Räume des Sunmudo Schule Felsentor in Garmisch gestaltet. Der Gründer und Vorstand der Schule, Axel Zeman ist dritter Dan des Zen – Kampfweges Sunmudo nach der Tradition des Golgulsa Tempels in Südkorea. Obwohl er dritter Dan ist, übt er zugleich bei mir immer noch den Teeweg als Teeschüler.

Am Beginn der Feiern kam ein alter Herr zu mir und fragte ganz schüchtern, warum ich als Teemeister in meinem Alter noch einen solchen Button trage, und wie alt ich denn sei. Na, ich bin so etwa zwei Monate jünger als er! Er war ganz glücklich: „Ja wenn das ganze Leben Lernen ist, dann muss ich mich nicht mehr schämen, dass ich in meinem Alter noch anfange Sunmudo zu lernen!“

An der Volkshochschule fragte einmal eine alte Dame den Dozenten für Chinesisch: „Meinen sie, dass es sich für mich noch lohnt, Chinesisch zu lernen?“
Klar doch, sie war dann auch eine der besten Lernenden im Chinesisch. Sie war ja erst neuzig Jahre alt.

Der Hirnforscher Gerald Hüter hat einmal gesagt: „Ein Achtzigjähriger wird blitzschnell Chinesisch lernen, wenn er sich zum Beispiel in eine junge hübsche sechzigjährige Chinesin verliebt und in ihrem Dorf leben möchte!“

Wenn wir aufhören zu lernen, geben wir uns selbst auf! Wenn ich schon alles kann und weiß, begegnet mit nichts Neues mehr. Dann wird das Leben öd und fad.
Dann kann ich ja gleich ins Grab sinken!

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Vor langer Zeit: Die Nonne Kenreimon’In

Ein neues Buch aus dem Teehaus Myoshinan


Derzeit arbeite ich an der Fertigstellung eines neuen Buches mit Geschichten und Legenden aus dem alten Japan. Ich hoffe, dass es Anfang Oktober gedruckt vorliegen wird. Das Buch kann jetzt schon bei mir vorbestellt werden. Es wird ca. 300 Seiten stark sein und ca. 20 € kosten. Vorbesteller bekommen einen guten Rabatt.
Hier ein kleiner Auszug. Es ist die Geschichte der Kenreimon-in, der Mutter des Kindkaisers Antoku. Im 12. Jahrhundert tobte ein heftiger Krieg zwischen dem Geschlecht der Minamoto / Genji und den Heike. Der Krieg endete mit eine gewaltigen Seeschlacht, bei der nahezu das gesamte Geschlecht der Heike vernichtet wurde. Nur Kenreimon-in blieb übrig.

Der Text orientiert sich nahe am Epos Heike-Monogatari und er ist erstmalig in deutscher Sprache im Buch zu finden.

Nachtrag:
Das Buch ist erschienen und kann bei mir direkt bestellt werden unter: Vor langer Zeit – Mukashi mukashi

Die Nonne Kenreimon-In

Die Mutter des Kindkaisers Antoku war eine Tochter von Taira Kiyomori, dem ehrgeizigen Oberhaupt der Heike Familie. Im Alter von fünfzehn Jahren kam sie an den kaiserlichen Hof, mit sechzehn wurde sie die Gemahlin des Tennō. Im Alter von siebzehn Jahren adoptierte sie der Exkaiser Go-Shirakawa. Mit zweiundzwanzig gebar sie einen Sohn, der im Alter von zwei Jahren auf den Tennō-Thron gesetzt wurde.[Fußnote 1] Nun war sie auch die Mutter des Tennō. Das Glück schien ihr hold zu sein.

Als sie aber bei der Seeschlacht von Dan no ura miterleben musste, wie ein Schiff der Taira nach dem anderen sank, wollte sie sich zusammen mit ihrem kleinen Sohn, dem Kaiser Antoku ertränken. Aber sie wurde an ihren schönen langen Haaren wieder aus dem Meer gezogen und gerettet. Nur ihr Sohn, der Kindkaiser ertrank. Sie war eine der Wenigen aus dem Geschlecht der Taira, die den Krieg überlebt hatten.

Sie zog sich in die Einsamkeit zurück und legte die Gelübbde als Nonne ab. Sie lebte in einer Unterkunft, die einst einem Mönch gehört hatte. Das Gras wucherte im Garten und dichte Farne wuchsen am Dach. Die Schiebefenster hingen in Fetzen und gaben die Schlafkammer dem Wind und dem Regen preis. Obwohl Blumen in allen Farben wuchsen, gab es keinen Grund, sich an ihnen zu erfreuen. Obwohl das Mondlicht in die Kammer schien, gab es dort niemand, sein Schwinden in der Morgendämmerung zu bemerken. Wie traurig ist es, zu sehen, wie eine Hofdame, die Vorhänge aus Seidenbrokat in einem Jadepalast gewohnt war, in dieser ärmlichen Umgebung ihr Leben verbringt. Sie glich einem Fisch, den das Schicksal ans Land geworfen hat oder einem Vogel, der aus dem Nest gefallen ist. Ihre Gedanken weilten bei den fernen Wolken des westlichen Ozeans, weit hinter den grenzenlosen blauen Wellen. Ihre Tränen strömten, als sie im Mondlicht den moosbedeckten Garten der flüchtigen Hütte weit in den östlichen Bergen sah.

Am fünften Tag des fünften Monats schor sie sich die Haare und wurde Nonne. Aber ihr Kummer wollte nicht weichen, obwohl sie die fließende Welt verlassen und den ewigen Pfad betreten hatte. Niemals konnte sie das Antlitz ihres Sohnes, des Tennō vergessen. Niemals, wie einer ihrer Verwandten nach dem anderen in den Tiefen der wogenden See verschwand. Warum gebar ihre taugleiche Existenz solche schweren Sorgen? Sie brütete unentwegt über das grausame Schicksal und die Tränen hörten nicht auf zu fließen.

Die Nächte waren kurz, dennoch konnte sie kaum die Dämmerung erwarten. Nicht nur in ihren nächtlichen Träumen, auch in ihrem stetig schweifenden Gedanken wiederholte sie die Vergangenheit. Immer und immer wieder. Trübe schien das fade Licht der Lampe auf der Wand. Einsam klang der trostlose Regen am Fenster die ganze Nacht.

Draußen duftete die frische Blüte eines Orangenbaumes. Vielleicht hatte ein früherer Bewohner den Baum gepflanzt, weil der Duft ihn an einen geliebten Menschen aus längst vergangenen Zeiten erinnert hatte.[Fußnote 2]

»satsuki matsu/ hanatachibana no / Ka o kageba / mukashi no hito no / Sode no Ka zo suru.«
Beim Duft der Mandarinenblüte, / die auf den Wonnemonat wartet, /rieche ich den Duft des Ärmels / eines Menschen aus längst vergangenen Zeiten.

Zwei oder dreimal rief der Kuckuck seinen sehnsüchtigen Ruf und Kinreimon‘in nahm den Pinsel und schrieb in den Deckel ihres Tuschekastens:

hototogisu / hanatachibana no / Ka o tomete / naku wa mukashi no / hito ya koishiki
Kuckuck, erhebst du deine Stimme beim Duft der Tachibana,[Fußnote 3] weil du dich an einen Menschen aus
vergangen Zeiten erinnerst?

Im siebten Monat zerstörte ein Erdbeben die ziegelgedeckte Lehmmauer ihres Zufluchtsortes, und sie fühlte sich in ihrer Abgeschiedenheit und Einsamkeit gestört. Schließlich hörte sie von dem halb verfallenen Tempel Jakkō-In weit draußen in den Bergen nahe dem Dorf Ohara.[Fußnote 4] Sie wanderte spät im neunten Monat in die Berge, um zum Tempel zu gelangen. Das Abendlicht warf dichte Schatten über die buntgefärbten Blätter der Bäume. Die Abendglocke eines entfernten Tempels in den Feldern tönte und dichter
Nebel verhüllte ihren Weg und nässte die tränengetränkten Ärmel ihres Gewandes. Ein starker Wind wirbelte die bunten Blätter herum und ein plötzlicher Regenschauer fiel aus den schwarzen Wolken des Himmels. In der Ferne schrie ein einsamer Hirsch, und die melancholische Stimmung des Ortes ergriff ihr Herz. Schließlich erreichte sie den Jakkō-In, der mit moosbedeckten Felsen die Atmosphäre einer uralten und ewigen Stille ausstrahlte. Sie betrat den Tempel und betete zu Buddha: »Möge der Geist des Sohnes des Himmels[Fußnote 5] vollkommene Weisheit erlangen und möge die plötzliche Erleuchtung geschehen!«
Während sie betete, sah sie das Antlitz des Sohnes, des Kindkaisers unmittelbar vor sich. Würde sie jemals diesen Anblick vergessen können?[Fußnote 6]

Direkt unterhalb des Tempels errichtete sie eine Zehn-Fuß-im Quadrat Einsiedelei.[Fußnote 7] Dort verbrachte sie betend und meditierend ihre einsamen Tage. An einem Abend des zehnten Monats hörte sie Schritte draußen vor der Hütte. »Wer sollte sich in die Abgeschiedenheit dieser verborgenen Behausung verirren?« Aber es war nur ein Hirsch, der in der Nacht vorbeizog . Tränenüberströmt schrieb sie an die Schiebetür neben dem Fenster:

iwane fumi / tare wa towamu / nara no ha no / soyogu wa shika no /wataru nerikeri.
Wer sollte wohl kommen, schreitend auf Felsen nach mir rufend? Der Besucher, dessen Schritte im
Laub klangen – ach, es war nur ein Hirsch, der in der Nacht vorbeizog!

Allmählich erkannte sie an ihrem Ort viele Dinge, die Buddha gelehrt hatte. Die Bäume, die ihr Dach säumten, waren wie die sieben Baumkreise, die das reine Land Buddhas umsäumen, das Wasser, das sie zwischen den Felsen sammelte, erschien ihr wie das Wasser der acht Tugenden. Die Vergänglichkeit aller weltlichen Dinge glich den Blütenblättern, die der Frühlingswind zu Boden weht. Die Kürze des menschlichen Lebens schien wie der Herbstmond, der hinter dunklen Wolken verschwindet.

Nach einer Weile, im Frühjahr des zweiten Jahres hatte der Ex-Kaiser Go-Shirakawa, der Adoptivvater von Kenreimon’in, Sehnsucht nach seiner Tochter und er wünschte sie zu besuchen. Aber heftige Stürme wüteten und das kalte Wetter wollte nicht weichen. Der Schnee färbte die Berggipfel weiß und das Eis war noch nicht geschmolzen. So ging das Frühjahr vorüber und der Sommer begann. Eines Nachts, es war noch dunkel, brach der Exkaiser auf um den Jakkō-In und Kinreimon‘in zu besuchen. Obwohl er ohne Zeremonie reiste, begleiteten ihn in seinem Gefolge sechs Männer aus dem Hochadel, acht hochrangige Hofbeamte und etliche Wächter und Diener. Er besuchte zunächst mehrere prächtige Tempel, aber schließlich erwies sich eine einsame Hütte mit einem winzigen Tempel, vollkommen versteckt in den westlichen Bergen, als der gesuchte Jakkō-In.

Die weißen Wolken auf den fernen Hügeln waren nun die verstreuten Kirschbäume, die noch in den Bergen blühten. Das frische Grün der Blätter leuchtete als sicheres Zeichen, dass nun der Frühling vergangen war. Die Wipfel der Bäume waren scharf gezeichnet, wie mit einem Wimpernstift nachgezogen. Kein Maler hätte die ländliche Szene besser malen können. Es war ein erster milder Sommertag und der Ex-Kaiser, der noch niemals so weit außerhalb seines Palastes gewesen war, erkannte verwundert, dass er an einem Ort angekommen war, der nur selten von Menschen aufgesucht wurde.

Der einsame Ort mit einem buddhistischen Tempel weitab in den Bergen musste der Jakkō-In sein. Der geschmackvoll angelegte Garten mit dem kleinen Teich und dem alten Wäldchen zeugte von einer vornehmen Vergangenheit.

Die Dachziegeln sind zerbrochen, der Nebel bildet den ewigen Weihrauch. / Die Türen sind
gestürzt und Strahlen des Mondes leuchten als ewiges Licht.

Wucherndes Gras bedeckte den Garten, biegsame Weidenzweige wehten im Wind und die grünen Wasserlinsen auf dem Teich wirkten wie kostbarer Brokat, der gerade zum Waschen ausgelegt ist. Tiefe Stille herrschte im Tempel. Der Exkaiser rief mit lauter Stimme: »Ist niemand hier?«, aber es gab keine Antwort. Nach langer Zeit näherte sich langsam und gebeugt eine alte Nonne. »Wohin ist die kaiserliche Dame?«, fragte der Ex-Kaiser. »Sie ist in die Berge gewandert, um Blumen zu sammeln.« »Hätte das nicht jemand anders für sie besorgen können?« »Sie erträgt ihr jetziges hartes Leben, weil ihr gutes Karma zu Ende gekommen ist. Der Prinz Siddhartha verließ im Alter von neunzehn Jahren den Palast und bedeckte seine Nacktheit mit Gewändern aus Laub. Er sammelte Brennholz und er trug Wasser herbei und erlangte schließlich durch all seine Entbehrungen die vollkommene Befreiung.«

Der Ex-Kaiser betrachtete die alte Nonne genauer. Er konnte nicht erkennen, ob die Flicken auf ihrem Gewand aus abgeschabter Seide oder einem anderen billigen Material bestanden. »Es ist merkwürdig, dass eine so armselig gekleidete Person solch kluge und wohlgesetzte Worte spricht!«, dachte er und er fragte: »Wer seid ihr?«

Die alte Nonne brach in Tränen aus und konnte lange Zeit nicht sprechen. Dann begann sie: »Mein Vater war Priester am kaiserlichen Hof und meine Mutter eine Hofdame des zweiten Ranges. Mein Name ist Awa-no-naishi und Ihr seid früher, als ich noch im Palast lebte, immer sehr gütig zu mir gewesen!« Nicht nur der Kaiser, sondern auch die Begleiter des Hochadels waren erschüttert: »Niemals hätte eine einfache Nonne solch wohlgesetzten Worte sprechen können! Aber nun erweist sich, dass sie das Leben am kaiserlichen Hof gewohnt war! Sehr wohl erinnern wir uns an ihre liebe Gestalt. Aber in dieser ärmlichen Gewandung hätte sie wohl niemand mehr erkannt«.

Der Ex-Kaiser begann nun einen Rundgang durch den Tempel. Der erste Raum war gestaltet wie die winzige Zehn-Fuß-im Quadrat-Hütte Vimalakirtis, die aber trotz ihrer Beengtheit Platz für zweiunddreißigtausend Buddhas bot. In ihm war ein Bild des Fugen Bosatsu aufgehängt, der auf seinem Elefanten mit sechs Stoßzähnen ritt. Darunter lagen die acht Schriftrollen des Lotos-Sutra[Fußnote 8] und eine Sammlung von Lehrschriften berühmter Meister.

In der Schlafkammer sah er eine schlichte Robe aus Hanf. An Bambusstangen hing eine Zudecke aus Papier. Es schien wie ein Traum, dass die Bewohnerin einst in Seide und kostbarem Brokat gelebt hatte.

Oben auf dem steinigen Pfad, der vom Gipfel des Berges zum Tempel führte, erschienen zwei Nonnen in schichten schwarzen Roben. »Wer sind diese beiden Nonnen?«, fragte der Exkaiser. Die alte Nonne versuchte, ihre Tränen zu unterdrücken: »Die eine, die in einem Korb Bergazaleen trägt, ist die kaiserliche Dame, diejenige, die das Feuerholz auf ihrem Rücken trägt, ist die ehemalige kaiserliche Amme.« Als die kaiserliche Nonne näher kam und ihren Adoptivvater erblickte, wäre sie vor Scham fast verschwunden. Nonne oder nicht, es war zu erbärmlich, dass der Ex-Kaiser sie in dieser ärmlichen Umgebung sah. Sie stand hilflos und schockiert und die Tränen flossen reichlich. Weder konnte sie die Einsiedelei betreten noch zurück in die Berge fliehen. Verzweifelt versuchte sie, ihre tränennassen Ärmel zu verbergen, die sie erst in der nächtlichen Zeremonie des Wasserschöpfens und dann im morgendlichen Tau auf den Bergpfaden durchnässt hatte.

Nach einem langen Gespräch über die Vergänglichkeit der Dinge und die mögliche Erlösung in Gebet und Übung verließ der Exkaiser Kinreimon’in und ihre hochadligen Mit-Nonnen.

Der dunkle und mächtige Klang der Glocke des Jakkō-In kündigte den Abend an. Unter Tränen nahmen der Ex-Kaiser und die Nonne Abschied voneinander: »Möge der Geist des Sohnes des Himmels
und die Totengeister der gefallenen Heike-Krieger die vollkommene Weisheit und die plötzliche Befreiung erlangen. Dafür werde ich beten bis an mein Ende!« Damit verabschiedete sie sich vom
Exkaiser, der in seinen Palast zurückkehrte. Kinreimon’in aber blieb im Tempel bis ans Ende ihres Lebens.

Schließlich wurde sie krank und rezitierte den ganzen Tag und die ganze Nacht die Anrufungen Buddhas. Zu ihrer Rechten und zur Linken saßen die beiden kaiserlichen Mit-Nonnen und beteten: »Tathagata! Namu Amida Butsu[Fußnote 9] – Herr des westlichen Reinen Landes! Geleite mich hinüber in das westliche Paradies!«. Als ihre Stimmen von den Rezitationen müde und schwach geworden waren, erhob sich im Westen eine purpurfarbene Wolke. Köstlicher Duft durchströmte die Kammer und wunderbare Musik
ertönte vom Himmel her. Das menschliche Leben ist endlich wie ein Tautropfen am Gras bei den ersten morgendlichen Sonnenstrahlen. Im zweiten Monat des zweiten Jahres Kenkyū[Fußnote 10] verließ Kenreimon’in diese Welt.

Die beiden Nonnen waren niemals in ihrem Leben von ihrer Seite gewichen. Sie wussten nun nicht, wohin sie sich wenden sollten. So blieben sie im Tempel und verrichteten die Gedenkfeiern bis zu ihrem Ende. Die Bewohner des Dorfes berichteten, dass sie Beiden schließlich friedlich in das reine Land hinübergegangen
waren.

Nachtrag:

Ich habe den kleinen Tempel Jakkō-In oft besucht. Früher lebte dort noch eine alte Nonne, die in direkter Linie von Kenreimon-In abstammte. Wenn Besucher in den Tempel kamen, sang sie mit ihren neunzig Jahren immer noch begeistert mit ihrer brüchigen Stimme die Geschichte der Kenreimon-In aus dem Heike monogatari. Eines Nachts im Mai zweitausend achtete sie wohl nicht auf das Feuer und der Tempel brannte völlig nieder. Vielleicht war es auch nicht ihre Unachtsamkeit, sondern eine Brandstiftung.

Auch die uralte Statue des Jizo – Buddha, die noch aus der Nara-Zeit stammen soll, verbrannte fast völlig. Dabei kamen Unmengen winziger Buddhastatuetten zum Vorschein, die im Inneren des großen Buddha verborgen lagen. Deshalb hieß die Statue die Rokumantai-Jizoson, die Sechzigtausend Jizo Statue. In einem Seitenschrein stand die Figur der Kenreimon’in, die des Antoku und die der Awa-no-naishi, deren Gewand noch von Kenreimon’in stammen sollte. Ihr Umschlagtuch soll das Tuch gewesen sein, in dem der Kindkaiser Antoku einst getragen wurde. Auch das ist im Feuer verbrannt.

Auch der uralte Gingkobaum auf der Vorderseite des Tempels, den Kenraimon-In noch gesehen hatte, verbrannte. Er schlug wunderbarerweise noch ein paarmal im Frühling aus, aber schließlich starb er endgültig. Sein toter Stamm steht noch heute vor dem Tempel und erinnert an die alten Zeiten.
Mujō -Nichts ist beständig!

Der Tempel ist wieder aufgebaut worden und der Jizo neu angefertigt. Er strahlt in farbigem Glanz, so wie er wohl schon zur Zeit der Kenreimon’in nicht mehr gestrahlt hat. Immer noch erzählt man im Tempel die Geschichte aus dem Heike Monogatari.

[Fußnote 1] Antoku, so der kaiserliche Name des Kindes, war der zweitjüngste Tennō Japans. Der Tennō sollte kultisch rein sein und
durfte deshalb keine politische Macht ausüben. Es war deshalb oft das Bestreben des amtierenden Tennō, sich so bald
als möglich aus dem Amt zurückzuziehen und ein Kind auf den Thron zu setzen. Als Ex-Kaiser konnte er dann im
Namen des amtierenden Kindkaisers Politik betreiben. So handelte auch Go-Shirakawa.

[Fußnote 2] Anspielung auf ein Gedicht aus dem Kokin wakashū Nr 139. Satsuki ist der fünfte Monat, der ‚Wonnemond‘. Er wurde
als zweiter Sommermonat gerechnet.

[Fußnote 3] Tachibana ist eine kleine Orange, ähnlich der Mandarine. Sie wurde wegen ihrer duftenden Blüten geschätzt.

[Fußnote 4] Die Abgeschiedenheit des Bergtales von Ohara hatte schon viele Adlige jener Zeit angezogen. Sie flohen dorthin aus
dem Getriebe der Kaiserstadt, vor den Intrigen und den Kriegswirren, um dort in einer Art mönchischem Leben ihre
Übungen in Meditation oder den Künsten zu pflegen.

[Fußnote 5] Sohn des Himmels: Tennō

[Fußnote 6] Noch heute stehen im Tempel die Figuren von Kinreimon’in und Antoku.

[Fußnote 7] Zehn Fuß im Quadrat: Hō-jō ist nach dem Vorbild der Hütte von Vimalakirti errichtet. Vimalakirte war ein Kaufmann zur
Zeit Shakyamuni Buddhas. Er zog sich in die Berge in eine winzige Hütte zurück. Nachdem er erwacht war, ging er
zurück in die Stadt und lebte sein Leben als Kaufmann. Er ist das Vorbild für den erwachten Buddhisten, der den Alltag
leben kann.Auch Kamo no Chōmei hatte sich eine solche Hütte errichtet. Dort schrieb er die Aufzeichnungen aus der
Hütte, die Hō Jō Ki. Diese Hütte wird später das Vorbild für das japanische Teehaus für die Teezeremonie.

[Fußnote 8] Fugen Bosatsu, der Boddhisattva der guten Praxis und des Mitleids. Er schützt besonders das Lotos-Sutra, das im
Tendai Buddhismus, zu dem der Jakkō-In gehört, studiert wird. Er erscheint den Menschen, die inbrünstig das
Lotossutra rezitieren. Dafür müssen sie in besonderer Weise die sechs Sinne (Augen, Ohren, Nase, Geschmack, Leib
und Gedanken) reinigen. Er erlöst auch Frauen – was im alten Buddhismus nicht selbstverständlich war. Er erscheint oft
auf einem weißen Elefanten mit sechs Stoßzähnen, die für die sechs Sinne stehen.

[Fußnote 9] Namu Amida Butsu – etwa: Vertrauen auf Amida Buddha. Amida herrscht im reinen Land. Ruft man ihn mit reinem
Herzen im Sterben an, so erscheint er und holt den Sterbenden ins Reine Land.

[Fußnote 10] Die japanische Zeitrechnung richtet sich nach Nengō, Devisen, die vom Kaiser ausgegeben werden. Das 2. Jahr Kenkyū
ist das Jahr 1191.

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Stumpf werden

Nach langer Pause beschäftige ich mich einmal wieder mit Teemeister Rikyu’s Lehrgedichten zum Teeweg.
Früher habe ich einmal versucht, eine Übersetzung der Gedichte mit Interpretationen einem Verlag anzubieten. Aber man meinte, das Thema sei zu speziell und nur für Teeleute geeignet. Ich denke aber, dass zwar viele der Lehrgedichte speziell auf den Weg des Tee zielen, dass sie aber die Erfahrungen auf einem WEG allgemein wiedergeben. Darum habe ich wieder einmal angefangen, die Gedichte zu übersetzen und zu interpretieren.
Einige kurze Interpretationen finden sich auf meiner Webseite. Ein Beispiel möchte ich hier herausgreifen. Es geht um das „stumpf“ werden“, das ’namaru‘. Ein Schwert wird stumpf, dann kann man es nicht mehr zum Täten benutzen. Es wird ’nutzlos‘. Ohne Nutzen ist der buddhistische Ehrenname von Rikyu – Ruhen des Nutzens. Das ‚Stumpf Werden‘ ist das höchste Ideal im Teeweg. Hier der kurze Text:

Rikyū Hyakushū Nr 84
なまる とは 手つづき 早くまた遅くところどころのそろわぬをいう。
Namaru toha te tsuzuki o hayaku mata osoku tokorodokorono sorowanu o iu.
Namaru – Stumpf werden – der Hand, fort und fort: (das ist) früher schnell, später langsam, eins nach dem anderen. So wird gesagt.

Dieses Hyakushū ist eines der schwierigsten in der Sammlung und hat zu vielen Fehldeutungen geführt. Das Gedicht erläutert den Begriff Namaru – stumpf werden. Die Hand wird stumpf und fortwährend immer stumpfer. Das Stumpf werden ist kein Abstumpfen und somit ein Fehler, der dadurch entsteht, dass die Bewegung anfangs schnell und am Ende langsam wird. Vielmehr ist das Stumpf-werden die höchste Vollendung der Teekunst. Mein Teelehrer Yoshinori Kawasaki hatte als junger Mann wundervolle Bewegungen voller Grazie und Stil. Er ist nach einer schweren Krankheit, die ihn nie wieder verlassen hat, nach Japan zurück gekehrt. Bei den Trauerfeierlichkeiten für die Frau des Großmeisters habe ich ihn wiedergetroffen und er hat mir einen Tee bereitet. Seine Bewegungen waren ganz schlicht geworden. Keine Kunst mehr – einfach nur Tee bereiten. Aber zwischen uns ist dabei eine innige Stimmung entstanden, wie ich sie vorher bei ihm noch nie erlebt hatte. Seine Kunst hatte die vollkommene Stumpfheit erlangt. Nichts besonderes mehr! Einfach nur Tee schlagen. Das ist die höchste Kunst der Kunstlosigkeit.

Es gibt ein Papier, das als Rikyū’s Testament bezeichnet wird, das Ein-Blatt-Testament.
Es orientiert sich am Ein-Blatt-Testament von Hōnen, der den Buddhismus des reinen Landes populär gemacht hatte. Hōnen war ein hochgelehrter Meister des Tendai Buddhismus. Aber er hatte später die Meinung, dass es genügt, ein einziges Mal den Namen Amida Buddhas mit vollkommen reinem Herzen anzurufen. Das übertrifft alle Gelehrsamkeit bei Weitem.

In Rikyū’s Testament heißt es: Wer sich dem Weg (Dō oder Michi) anvertraut – mag er auch feine Geräte, sowohl einheimische als auch chinesische erworben haben – wird ein verarmter Mensch, der so ist, als würde er nicht einen einzigen geschriebenen Buchstaben kennen. Er ist ganz wie eine alte Frau, die religiöse Weisungen angenommen hat, während sie zu Hause lebt und die, ohne sich wie eine suki – Person zu gebärden, einfach mit ganzem Herzen Wasser erhitzt.
Einfach nur mit ganzem Herzen Wasser erhitzen, ohne Stolz und ohne Gelehrsamkeit.
Für einen gelehrten und hochgeübtenMenschen eine der schwersten Übungen!

Wie wird das Stumnpf-werden erreicht? Indem die Bewegung Anfangs schnell und am Ende langsam wird. Das Langsam und schnell ist im Gedicht ein einziges Wort, nämlich 早く hayaku, früh oder schnell, eilig. Osoku 遅く dagegen ist spät, langsam.Jede Bewegung hat einen Anfang und ein Ende. Bewegt man die Hand zum Teelöffel, so kann die Bewegung recht schnell beginnen. Kommt man aber in die unmittelbare Nähe des Löffels, wird die Bewegung immer langsamer und achtsamer, damit der Löffel nicht angestoßen wird und fällt. Langsam entfernt sich dann die Hand mit dem Teelöffel von der Teedose und wird schneller. Die andere Hand nähert sich zunächst schnell der Teedose und wird dann immer langsamer und vorsichtiger. Durch diesen Wechsel entsteht ein Rhythmus von schnell und langsam und der Tee beginnt zu ‚tanzen‘.

Wenn wir achtsam werden, ist diese Art der Bewegung keineswegs auf die Kunst des Teeweges beschränkt. Auch in den einfachsten alltäglichen Handlungen verfahren wir so. Wenn ich Kaffe trinke und die Tasse wieder auf ihrer Untertasse abstelle, beginnt diese Bewegung zunächst schnell und wird dann ganz langsam. Andernfalls kann es sein, dass ich die Tasse so heftig abstelle, dass der Kaffee herausspritzt oder mindestens das Geschirr laut klappert. Es sind diese ganz kleinen, kaum merklichen Veränderungen in der Geschwindigkeit, die unsere Bewegungen achtsam erden lassen und die den Geist zur Ruhe kommen lassen. Weg von der Gehetztheit des unachtsamen Alltags.

Eigentlich ist es auch nicht die Hand, die „greift“. Wir machen Tee, ohne auch nur ein Einziges Mal die Hand zu benutzen. Wenn sie „stumpf“ geworden ist, greift sie nicht mehr. Der gesamte Körper atmet, geht nach vorne und der Hand bleibt nichts anderes übrig, als mitzugehen. Wir hören auf, zu tun. Der Körper führt die Hand und der Teelöffel zieht sie förmlich an wie ein Magnet. Ohne jede Muskelspannung und ohne festzuhalten liegt der Löffel in der Hand. Und jetzt diese Hand, dann die andere, im steten Wechsel von Yin und Yang. Das ist das Nicht-Tun, das Wu-Wei des Daodejing.
Und derjenige der so den Tee tanzt, vergisst sich selbst in diesem Tanz. Er wird stumpf und verliert jede Aufmerksamkeit auf das Außen. Er ist nur noch Tee. Wie eine alte Frau, die einfach nur Wasser erhitzt.

(vergl Hyakushu Nr 9)

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Neues von Bashō’s Frosch.

Bashō’s Frosch

   Furu ike ya                  Alter Teich!
   Kawazu tobikomu     ein Frosch springt hinein in –
  Mizu no oto                Geräusch des Wassers.

An einem Frühlingstag im April saß der Dichter Bashō mit seinem Dichterfreund Kikaku in seiner Hütte am Fluss nördlich der Hauptstadt Edo. Die Papierschiebetüren waren weit geöffnet und gaben den Blick auf den Garten frei.
Es war ein milder Tag und es hatte geregnet. Das Moos im Garten leuchtete nass und grün wie das kühle Feuer eines Smaragds. Tautropfen glitzerten auf dem dichten Moos wie Mondperlen. Alte, immergrüne Kiefern gaben tiefen Schatten. Still und verträumt lag der alte Teich. Er gab das Geheimnis seiner Tiefe nicht preis. Sein dunkles Wasser spiegelte den Himmel mit seinen silbernen Wolken. Man schaut hinunter ins Wasser und sieht den Himmel hoch oben. Je tiefer man in das Wasser schaut, desto höher erhebt sich das Herz zum Himmel.

Am Teichrand begannen gerade die Bergrosen zu blühen. Sie gaben den einzigen Farbfleck in der Symphonie von Grün.

Unweit der Hütte, in der die Dichterfreunde auf der Veranda saßen, stand die alte Bananenstaude, die gerade die ersten frischen Blätter trieb. Der Regen tropfte noch von den Bananenblättern, aber sonst tönte die absolut tonlose Stille.

Schweigend und meditierend saßen die beiden Freunde in der Hütte und lauschten der tiefen Stille, die den Garten erfüllte. Kein Geräusch war zu hören. 

»Diese Stille erinnert mich an damals, als wir den Bergtempel in der Provinz Yamagata besucht haben. Dort herrschte die wunderbare Stille in der Felsenlandschaft. Und du hast damals diese Stille beschrieben:

‚Shizukasa ya / iwa ni shimi-iru /semi no Koe
Stille …! / Tief bohrt sich in den Fels / das Sirren der Zikaden.«

»Nein!«, erwiderte Bashō. »Das war eine ganz andere Stille! Ist dir aufgefallen, wie viel mal ich das ‚I‘ in dem Haiku verwendet hatte? Das imitiert das Sirren der Grillen in der Hitze der Felslandschaft. Dieses Stille durchbohrt Felsen.

Aber die Stille hier tönt völlig anders. Es ist die Stille der kühlen Mooslandschaft eines alten Gartens mit einem alten Teich! Es ist die kühle Stille eines taubedeckten Pfades, eines Roji,  in der die Leidenschaften zum Stillstand gekommen sind. Es ist wie der kühle Pfad, der zum Teehaus führt, jenseits der Welt der feurigen Leidenschaften:

roji wa tada / ukiyo no hoka no
Michi naru ni / kokoro no chiri no nado chirasan

Da der taubedeckte Pfad / nichts anderes ist
als ein Weg abseits des Weltgetriebes,
Wird er das Herz wohl von seiner Unreinheit befreien.«

Schweigend nickte Kikaku, weil er nun die Stille nicht mehr durch ein fremdes Geräusch stören wollte. Beide saßen in tiefer Versenkung und lauschten der Stille. Und da! Plötzlich: Platsch!
Unwillkürlich sprach Bashō:

Kawazu tobikomu – Mizu no oto 
Ein Frosch springt in – den Ton des Wassers!
»A≈†d unterwegs waren:

»Da! Am Wegesrand die Hibiskusblüte! Und schon hat sie mein Pferd gefressen!«

Auch was du eben vom Frosch gesagt hast, sind ja die beiden letzten Zeilen eines Haiku! Genau sieben und fünf Silben!«, sprach Kikaku.

»Was soll ein Haikudichter in einem solchen Augenblick der Überraschung anders sprechen als ein Haiku?«, erwiderte Bashō. »Aber du sagst nicht, dass der Frosch ins Wasser gesprungen ist, sondern in den Ton? Denn Mizu no oto ist nicht das Wasser – mizu, sondern der Ton – oto des Wassers.«

»Hast du gesehen, wie der Frosch ins Wasser gesprungen ist? Oder hast du nur den Ton des Wassers gehört?«

»Schon, ich habe auch nur einen Ton gehört. Aber woher willst du wissen, dass es ein Frosch war, der ins Wasser – oder vielmehr in den Ton – gesprungen ist? Es ist ja überhaupt kein Frosch zu sehen!« »Woher willst du wissen, dass ich nicht weiß, dass ein Frosch gesprungen ist? Hinter dem Zaun Hörner sehen und schon wissen, dort weiden Rinder. Hinter dem Berg Rauch sehen und schon wissen, dort brennt ein Feuer. Den Ton des Wassers hören und schon wissen, dort war ein Frosch. Das ist das täglich Brot des Zen-Menschen!«

Die beiden Freunde haben keinen Frosch gesehen, der am Teichrand sitzt, und dann – nach reiflicher Überlegung – in das Wasser springt, das jetzt als Folge einen Ton erzeugt. Zuerst ist überhaupt nur der Ton, der wach macht. Da! Ein Ton im Wasser! Das muss ein Frosch gewesen sein. Aber der Frosch ist schon längst wieder verschwunden.
Bashō’s Freund Kikaku sagte: »Du warst derart in den Ton versunken, dass ich fast sagen möchte, nicht der Frosch ist gesprungen, sondern Bashō:

Bashō wa tabikomu – mizu no oto
Basho sprang in den Ton des Wassers.

»Hast du etwa gesehen, wie ich gesprungen bin?« »Nein, du hast ganz still gesessen und nur plötzlich den Kopf gehoben. Aber dein Gesicht war ganz verklärt, als würdest du in einer anderen Welt weilen!«

»Du hast recht, ich war tatsächlich ganz plötzlich mit einem Sprung hellwach! Es ist schon merkwürdig: Du hörst einen Ton und schon ist er wieder verschwunden. Aber wie ein Echo klingt er noch lange nach. Nicht draußen im Garten, aber drinnen im Herzen. ‚Auch wenn man mit Leib und Herz gesammelt Farben anschaut oder Töne vernimmt, ist es nicht, so nahe man sie auch erfasst, wie wenn ein Speigel das Spiegelbild aufnimmt, nicht so, wie der Mond im Wasser. Während die eine Seite sich erweist, bleibt die andere dunkel.‘  Du hörst den schon längst vergangenen Ton nur, wenn du wie der Mond im Wasser bist. Du musst ganz hineinspringen!«

Erst, wenn der Ton erklingt, bemerkt man, daß da ein Frosch gewesen sein muss, ja, dass da überhaupt ein Teich ist! Der Ton macht wach und ruft in das Erleben! – Der alte Teich in tiefer Stille. Plötzlich: Platsch! Was war das? Ach, ein Frosch ist ins Wasser gesprungen.

Die gesamte Szenerie des Gartens konzentriert sich in diesem einen Ton. Sie wäre ohne ihn nicht bewusst geworden. Der Ton des Wassers hebt jede Trennung von Subjekt und Objekt auf. Er ist wie ein plötzliches, blitzartiges Wachwerden, wie ein Satori! Es ist wie das Klatschen der einen Hand von Zenmeister Hakuin. Da! – Ein Frosch1

Im mizu no oto, dem Geräusch des Wassers, bricht das Herz auf, Subjekt und Objekt werden Eins und alle »Farben« des Herzens verschwinden und verwandeln sich zu dem einen Ton, der Alles enthält. Ganz wach stehen wir und lauschen dem Ton, der schon nicht mehr tönt. Wir wissen, da muss ein Frosch gewesen sein, aber der ist schon längst verschwunden. Jetzt ist nur noch Stille!  Aber wir stehen ganz wach und staunen!

»Gut, aber ich habe noch eine Frage!«, sprach Kikaku.  »Warum hast du den Frosch mit dem Wort ‚Kawazu‘ und nicht mit dem umgangssprachlichen ‚Kaeru‘ genannt?«

»Das Wort ‚kaeru‘ ist mir zu vieldeutig. Sagen wir nicht auch zum Frühling ‚Kaeru‘? Es ist zwar heute ein Frühlingstag, aber der Frühling ist nicht gesprungen. Der Frosch ist dorthin gesprungen, wo er herkommt, in seinen Ursprung. Und auch das heißt ja ‚kaeru‘!«  »Dann war das also kein Sprung, sondern ein Ur-Sprung?«

»Ja, so kannst du es sagen! Und auch ich bin gesprungen. In den unmittelbaren Augenblick, an dem ich ganz und gar beim Ton war und mich selbst völlig vergessen habe. Sagt Dogen nicht: ‚Den Buddhaweg lernen heißt sich selbst lernen. Sich selbst lernen heißt sich selbst vergessen! Im Hören des Tones habe ich mich völlig vergessen!«

»Gut, das verstehe ich. Aber wir reden um den Ton herum und haben immer noch keine erste Zeile für das Haiku. Schau dort, die Bergrosen beginnen zu blühen. Darum schlage ich vor:
‚Die Bergrose blüht.‘«

»Nein, das sind zwar fünf Silben, aber das passt nicht! Die Bergrose hat nichts mit dem Ton des Wassers zu tun. Außerdem bringt sie mir zuviel Farbe in das Bild. Alles ringsherum ist Grün. Der Teich, das Moos, die Bäume und vermutlich auch der Frosch, der gesprungen ist!  Ich habs:

‚Furu Ike ya! – Alter Teich!

Das ist wie ein Ruf der Überraschung, denn das ya ist nur wie ein Ruf. Das bereitet den überraschenden Sprung in den Ton vor. Damit haben wir eine Einheit vom Teich und vom Ton! Und keine zusätzliche Farbe. Das ist die Farblosigkeit des wabi, so wie es das alte Gedicht sagt:

Miwataseba
Hana mo momiji mo
Nakarikeri
ura no tomaya no
aki no yûgure

So weit man auch schaut
weder Kirschblüten noch roten Ahorn
gibt es da
bei der flüchtigen Hütte am Strand
in der Abenddämmerung des Herbstes «

Die beiden Freund saßen noch lange schweigend und schauten in den Garten und auf den Teich. Langsam färbte sich der Himmel im Abendlicht golden rot und das Grün leuchtete warm und friedlich.  Die Luft war lau und feucht vom Regen.

Und da: Ganz plötzlich, wie auf ein Kommando setzte ein gewaltiger Lärm ein. Eine ganze Heerschar von Fröschen stimmte ein Konzert an und ihr Quaken klang weithin in die beginnende Nacht.

Nachtrag

Der Frosch ist schon ein respektloses Wesen. Er platzt ohne jede Ehrfurcht mitten in die heilige Stille. Unbekümmert um Konventionen und Vorschriften. Er springt, wenn er springt und er quakt, wenn er quakt. Er ist immer schon im Ursprung und eins mit sich selbst. Vielleicht sollten wir alle werden wie die Frösche?

Sengai- meditierender Frosch

 

Zenmeister Gibbon Sengai hat in einer berühmten Zeichnung dem Frosch seine Reverenz erwiesen. Mit breitem Grinsen hockt er da. Die krakelige und ironisch unordentliche Inschrift auf der Zeichnung besagt: „Ja, wenn der Mensch durch Sitzen Buddha werden kann …..!“. Da sitzt ihr nun ihr Zenmönche und bemüht euch ernsthaft und mit aller Aufrichtigkeit und Strenge, durch die Übung des Sitzens die Buddhaschaft zu erreichen und in den Ursprung der Dinge zurückzukehren! Das habe ich, der dumme Frosch sowieso! Schon mein Name kaeru sagt, dass ich immer schon zurückgekehrt bin in den Ursprung. Und außerdem kann ich viel besser und schmerzfreier sitzen als ihr alle!

Der Frosch ist zwar ein respektloses Wesen, aber er ist zugleich ein Buddha, denn er kann besser sitzen als alle Mönche zusammen.

 

Dies ist ein Auszug aus der neu bearbeiteten Version der alten Japanischen Legenden in „Mukashi mukashi“.
Die Neuauflage wird in diesem Herbst erscheinen.
PS:

Das Buch ist erschienen: Vor langer Zeit – Mukashi mukashi / Verlag
Buch kaufen beim Autor auf Wunsch mit persönlicher Widmung und japanischem Kalligrafie-Stempel

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Viel sind Erinnerungen – Das zerrissene Herz

Hier das Einleitungskapitel meines neuen Buches:

Viel sind Erinnerungen!

Es ist das Vorrecht der Alten, sich zu erinnern.
Erinnerungen sind eine merkwürdige Sache. Anders als das Gedächtnis, das Daten und Fakten speichert, er-innern wir oft nur Bilder, Klänge oder Gerüche. Meistens ist es eine ganz bestimmte, isolierte Situation, die wir erinnern und nicht die großen und bedeutenden Ereignisse der Geschichte. Es sind die ganz kleinen, scheinbar alltäglichen Dinge aus dem Augenblick, die sich ganz lebendig für immer einprägen. Die großen Ereignisse der Geschichte gehören in die Geschichtsbücher, die kleinen Dinge sind für das Herz.

Ich erinnere mich noch an einen gewaltigen Regen in meiner Kindheit. Ich holte zusammen mit meiner Mutter einen selbstgebackenen Kuchen vom Bäcker ab. Man konnte damals die Kuchenbleche zum Bäcker bringen. Wenn dann das Brot gebacken war, wurden die Kuchen der Kunden in den noch heißen Ofen geschoben. Meine Mutter hatte gerade das Blech mit dem duftenden Kuchen genommen, als ein fürchterlicher Platzregen losbrach. Wir standen in einem Hauseingang und warteten. Schnell bildeten sich große Pfützen. Die dicken Regentropfen schlugen riesige Luftblasen auf den Pfützen, die immer größer wurden und dann mit einem kleinen Knall zerplatzten. Ich habe nie wieder solch große Luftblasen auf Regenpfützen gesehen. Oder waren die Blasen nur deshalb so groß, weil ich so klein war? Der Regen prasselte, die Regentropfen tanzten und die Blasen schlugen den Takt dazu. Es war ein faszinierendes Schauspiel der Lust am vergänglichen Augenblick.

Unvergesslich ist mir auch das strahlende Morgenlicht, das durch die dunklen Schatten der Bäume eines Waldes fällt. Der Boden ist mit dichtem, hell weißen Nebelschwaden bedeckt und die Sonnenstrahlen dringen kalt leuchtend durch den Nebel. Ich friere, denn es ist bitterkalt. Es war der helle Morgen nach einer dunklen Nacht, in der ein russischer Soldat nach uns gesucht und wild mit seiner Maschinenpistole durch den Wald geschossen hatte. Aber wir waren am Leben! Ich sehe nur das helle Morgenlicht im Nebel. Da ist kein Russe. Aber irgendwo weiß ich, dass er da gewesen sein muss. Und da ist auch noch die Erinnerung an die Schüsse in der Dunkelheit der Nacht. Dann ist nur noch Dunkelheit. Ich habe die Nacht völlig Vergessen, es gibt keinerlei Erinnerung mehr an sie. Es sind zwei völlig voneinander losgelöste Erinnerungen, die dennoch untrennbar zusammengehören.

Die Erinnerung unterscheidet nicht zwischen wichtig und unwichtig. Sie bewahrt Eindrücke, die uns in einem bestimmten Augenblick tief in unserem Inneren berührt haben. Das sind die Augenblicke, in denen wir wirklich leben. Was uns nicht tief im Inneren berührt, versinkt gnädig im Dunkel des Vergessens.
Erinnerungen sind wie die Räume eines unendlichen Herrenhauses. Kaum öffnet man eine Tür und betritt einen Raum der Erinnerungen, schon öffnen sich weitere und weitere Türen, die in immer neue Räume führen. Manchmal stoßen wir auf Türen, die fest verschlossen sind, manchmal öffnet eine neue Tür eine Unzahl von Räumen. Die Räume sind das Labyrinth unserer Erinnerungen, in denen wir wandern, in denen wir uns aber auch völlig verlieren können. Wo ist das alles gespeichert? Im Gehirn? Oder in jeder Zelle des Körpers? Aber Zellen sterben ab und neue Zellen bilden sich. Unser Körper ist stets ein anderer, aber die Erinnerungen bleiben. Ist es nicht wunderbar, wie und wo solche Mengen an Erinnerungen gespeichert werden können?

Ich fühle mich genötigt, Geschichten aus meiner Kindheit mitten im zerrissenen grünen Herzen Deutschlands zu erzählen. Niemand zwingt mich dazu, aber nach einer Reise in die alte Heimat wurden die Erinnerungen so drängend, dass sie aufgeschrieben werden wollten. Geschichten von meinem Vater, der – seit er tot ist – innen in mir in meinen Erinnerungen Angst hat, tiefe Angst. Und der am gebrochenen Herzen starb, weil er nie das sein durfte, was er war. Oder von meinem Großvater, der immer davon träumte, als armer Müllerssohn ein Königreich zu erringen, wenn schon nicht ein ganzes, so doch wenigstens ein halbes. Innen in seinem Herzen hatte er das Königreich gefunden. Und von Großmutter, die ihn nie fühlen ließ, daß er kein König, sondern nur ein armer Bauer war.

Es sind Geschichten aus einer Zeit, in der Deutschland noch nicht geteilt war und Geschichten aus der Zeit der Teilung. Schöne Geschichten von einer behüteten Jugend und schreckliche Erlebnisse aus Krieg und der Zeit der Teilung.
Es sind Geschichten, so wie ich mich erinnere. Vielleicht ist manches falsch erinnert und manches auch einfach nur geträumt. Aber ich will ja auch kein Geschichtsbuch schreiben, sondern einfach Geschichten aus der Erinnerung erzählen.

Junge Menschen leben in der Gegenwart für ihre Zukunft. Aber im Alter wird die Zukunft immer weniger und zugleich unbedeutender oder gar ängstigender. Dafür wird die Gegenwart immer wichtiger. Es ist das Glück des Alters, dass man ganz und gar in der Gegenwart leben darf. Aber die Gegenwart ist geprägt durch alles, was wir erlebt und erfahren haben. Auch unsere Hoffnungen für die Zukunft werden aus der Vergangenheit geprägt. Aber die Zukunft der Alten ist weniger wichtig als für junge Menschen, die ja noch kaum Vergangenheit, dafür aber ihre ganze Zukunft vor sich haben. So können wir den Augenblick genießen und uns des Lebens freuen. Die Jungen mögen ihre Zukunft planen, aber meistens geschieht alles wie von einer fremden Macht gesteuert.

Rilke sieht in den Duineser Elegien unser Leben wie ein Theaterstück. Wir sitzen gespannt vor dem Vorhang des Lebens und warten, bis sich der Vorhang hebt – und die Szenerie ist Abschied. Abschied von dem, was bisher war und Abschied von unseren Hoffnungen und Plänen. Wir sind wie Marionetten, die an Drähten geführt werden. Am glücklichsten ist derjenige, der weiß, dass ein Engel die Regie führt und die Drähte zieht und nicht ein böser Schicksalsdämon. Wir werden gespielt und sind zugleich die Zuschauer des Stückes, das unser Leben bedeutet. Gespannt schauen wir zu, wie das Theaterstück des Lebens weiter geht.

Ich sitze hier auf meiner Terrasse und genieße die Stille. Es ist ein herrlicher Sommernachmittag und die Vögel singen. Unten auf dem Friedhof versammeln sich Menschen und geleiten einen alten Freund auf seinem letzten Weg. Der Posaunenchor spielt das Lied vom alten Kameraden. Der Vorhang ging auf und die Szenerie war – Abschied.

Manche Alten leben nur noch in der Vergangenheit. Als junger Mensch habe ich einmal einen alten Herrn kennen gelernt, der damals schon dreiundneunzig Jahre alt war. Er war immer noch am Zeitgeschehen interessiert, deshalb musste man ihm jeden Tag die Zeitung vorlesen. Aber das hatte er oft schon wenige Minuten später wieder vergessen. Er hörte nur noch sehr schlecht und das Hörgerät konnte er kaum bedienen. Nur wenn man über ein Thema sprach, das ihn interessierte und das seine Erinnerungen berührte, war sein Gedächtnis und seine Hörfähigkeit brillant. Einmal erzählte ich in seiner Gegenwart von Martin Buber, den ich sehr verehrte. »Ja, das war ein schöner Jud!«, sprach er. »Aber Großvater, du kennst doch Martin Buber überhaupt nicht!« »Doch doch! Der hat vor einem Jahr im Fernsehen aus seiner Bibelübersetzung gelesen!«
Und dann begann er minutiös die Geschichte seiner Einschulung in Prag um die Jahrhundertwende von 1900 zu erzählen.
Sein Onkel war der ehrwürdige Rektor der Schule. Er saß mit dem gesamten Lehrerkollegium hoch auf einem Podest. Alle waren feierlich im Frack gekleidet, ihre prächtigen gepflegten Bärte ragten über den gesteiften Hemdkragen und die Monokel blitzen streng. Jeder neue Schüler musste vor das Ehrfurcht einflößende Gremium treten und wurde nach Name, Familie und Religion gefragt. Mit Schrecken stellte unser alter Herr fest, dass er keine Ahnung hatte, was Religion war. Manche der zukünftigen Schüler sagten »katholisch«, manche »protestantisch«. Katholisch klang in seinen Ohren ziemlich schrecklich und protestantisch kam überhaupt nicht in Frage. Er wollte einfach nicht protestieren. Die meisten der Schüler aber sagten »mosaisch!« Das klang ganz sympathisch. Der alte Herr kannte noch jeden Namen der Schüler vor ihm. Langsam rückte der Zeitpunkt immer näher, dass er nach seiner Religion gefragt wurde. Schließlich beugte sich sein Onkel, der Rektor mit strengem Blick zu ihm hinunter und donnerte: »Religion?« Er nahm sich seinen ganzen Mut zusammen und sagte: »Mosaisch!« Das Lehrerkollegium erstarrte, denn allle wussten, dass die Familie protestantisch war. Was für ein aufsässiger Geist wuchs da heran, der seinen Glauben verleugnete und sich freiwillig zum Judentum bekannte?

Ich habe niemals derart in der Vergangenheit gelebt. Ja, meine Herkunft und meine Vergangenheit haben mich so gut wie gar nicht beschäftigt. Immer waren meine Gedanken in den fremden Kulturen des alten Griechenland oder Japans und Chinas befasst. Ich habe die alten Geschichten und Erlebnisse nicht vergessen oder gar verdrängt. Es war einfach keine Zeit, sich damit zu befassen.

Aber nun war ich, eigentlich fast zufällig in meiner alten Heimat, der grünen Mitte Deutschlands. Dort bin ich den Erinnerungen aus den Kriegs- und Nachkriegszeiten begegnet, die mich plötzlich sehr gefangen genommen haben. Ist das ein Zeichen des Alters? Muss ich mich mit diesen individuellen Erlebnissen einer schrecklichen Zeit auseinandersetzen? Oder sind viele von meinen Erlebnissen wie ein Muster des gesamtdeutschen Schicksals?

Wie dem auch sei, eine innere Stimme zwingt mich, meine Erinnerungen aufzuschreiben. Mögen sie dazu beitragen, dass sich solche Ereignisse nie wiederholen!

Es sind die Erinnerungen eines Kindes. Unvollständig, ungeordnet und oft unverstanden. Aber sie sollen so aufgeschrieben werden, wie ich sie ganz subjektiv als Kind erlebt habe. Ohne wissenschaftliche Ordnung und weitgehend ohne Deutung. Die Ortsnamen und die Begebnisse sind so erzählt, wie ich sie in Erinnerung habe, nur manchmal sind einige Namen geändert. Ich hätte auch alle Ortsnamen ändern und durch frei erfundene Namen ersetzen können. Aber ganz bewusst habe ich alle Ortsnamen so erhalten, wie sie wirklich sind. Damit sind alle Ereignisse konkret in der Mitte unseres Landes lokalisiert. Aber sie könnten genau so überall in Deutschland geschehen sein.

Oft kann ich die Ereignisse nicht mehr korrekt in den historischen Ablauf einordnen. Aber ich habe bewusst darauf verzichtet, die Zeiten exakt zu ermitteln. Es sind Geschichten aus einem deutschen Kinderleben in den Umbruchszeiten des Krieges und der deutschen Trennung.

Diese Erinnerungen sind wieder so lebendig geworden, nachdem ich das Grenzmuseum im Schifflergrund nahe Bad Soden Allendorf besucht hatte. Das Grenzmuseum steht an einer Stelle, an der der originale Grenzzaun mit seinen Selbstschussanlagen erhalten geblieben ist. Er trennt das thüringische Eichsfeld vom hessischen Allendorf. Mein Großvater war oft in Allendorf und mein Onkel hatte Arbeit in einer Fabrik in Allendorf. Dorthin fuhr er mit dem Fahrrad, bis er eingezogen wurde und in Russland für immer verschwand.
Hinter dem Grenzzaun mit seinen Selbstschussanlagen liegt in einem tiefen natürlichen Graben ein auch heute noch sorgfältig gepflügter und geeggter Streifen Land. So konnte man immer leicht frische Fußspuren entdecken. Hinter dem geeggten Streifen erhebt sich ein steiler Hang. Oben verläuft eine regionale kleine Straße in Hessen. Die Grenze im Westen ist lediglich durch die Leitplanke geschützt, die Autos vor dem Sturz in den Hang sichert. Das letzte Grenzdorf Asbach-Sickingen auf der thüringischen Seite hatte bis zum Wanfrieder Abkommen noch zu Hessen gehört.
Bei einer Grenzbereinigung, die im Wanfrieder Abkommen besiegelt wurde, kam das Dorf zum russisch besetzten Thüringen.

Heinz-Josef Große war einer von denen, die dem offiziell nicht existierenden Schießbefehl zum Opfer fielen. Die Stelle, an der er am 29. März 1982 versuchte, mit Hilfe eines Frontladers über den Grenzzaun und den Hügel hinauf zu fliehen, ist vom Ausblick des Museums gut zu sehen. Am Straßenrand gegenüber, oberhalb des Hangs – erst dort begann »der Westen« – ist ein Denkmal aufgestellt. Hier mussten drei Zollbeamte mit ansehen, wie Große nach neun Kalaschnikow-Schüssen am Hang verblutete, denn dieser gehörte, obwohl jenseits des Grenzzauns gelegen, noch zum Territorium der DDR. Die Stelle, an der Große starb, ist mit einem einfachen Holzkreuz aus Birkenholz gekennzeichnet.
Große war mit seinem Frontlader zur Arbeit an einem Grenzpfosten eingeteilt. Nachdem ihn die Soldaten der NVA eingewiesen hatten, verließen sie den Ort. Große fuhr mit seinem Frontlader bis zum Grenzzaun mit den Selbstschussanlagen und hob die Schaufel über den Zaun. Über den Ausleger und die Schaufel sprang er über den Zaun und rannte den gegenüberliegenden Hang hinauf. Kurz bevor er die Leitplanke oben am Hang erreichte, die die Grenze zwischen dem Warschauer Pakt und dem Westen bildete, wurde er erschossen. Der Frontlader von Heinrich Große steht noch heute im Grenzmuseum.

Wäre das Dorf nicht im Wanfrieder Abkommen auf die russische Seite geschlagen worden, sondern im amerikanisch besetzten Hessen geblieben, dann würde Große heute vielleicht noch leben.
Unzählige Menschen haben die Flucht in den Westen versucht. Vielen ist sie gelungen, aber viele haben bei dem Versuch ihr Leben gelassen. Und nicht immer war der Westen Deutschlands das erhoffte Paradies.

In Japan habe ich einen der Flüchtlinge aus der DDR getroffen, denen die Flucht gelungen war. Aber Westdeutschland war ihm auch zu eng. Die Menschen jagten nur den wirtschaftlichen Erfolg hinterher. Das Nachkriegs – Westdeutschland war ihm zu spießig und eng. Aus irgend einem Grund zog es ihn nach Japan.
Ich wohnte damals für ein paar Wochen in einem buddistischen Tempel. Im Tempel lebten keine Mönche. Er wurde nur ein paarmal im Jahr von Priestern besucht, die sich versammelten und einige Tage lang ihre religiösen Gesänge und Sutren rezitierten. Der Tempel wurde verwaltet von einer alten Dame mit dem schönen Namen Shizuka. Der Name wird mit zwei Schriftzeichen geschrieben, die einzeln ‚still, friedlich, ruhevoll‘ und ‚Duft‘ bedeuten – ‚duftender Frieden‘. Eines Tages sagte Shizuka: »Heute kommt ein junger Deutscher. Er spielt wundervoll die Zen-Flöte Shakuhachi und er beherrscht das klassische Noh-Theater. Er macht heute im Steingarten im Tempelinnenhof eine Performance.«

Nennen wir den jungen Mann der Einfachheit halber Uwe. Der Name ist kurz und einprägsam und nimmt mit seinen drei Buchstaben nicht so viel Platz weg. Uwe baute rund um den Tempelgarten Lautsprecher auf, ein Cello und mehrere Shakuhachi lehnten an den Felsen und eine professionelle, computergesteuerte Beleuchtungsanlage wurde aufgebaut. Die Nacht kam und nur ein dämmriges Licht ließ den Kies, die Felsen und die spärlichen Pflanzen im Garten aufleuchten. Rund um den Innenhof saßen viele Japaner in der Dunkelheit und warteten gespannt auf die Performance. Man konnte nur undeutlich ihre Schatten wahrnehmen, denn es herrschte eine gespannte Stille. Dann erschien Uwe. Er tanzte sein Leben bis zu diesem Augenblick in Japan. Er tappte suchend durch die Felsen, tanzte seine Flucht aus der DDR und zeigte sein ruhelos suchendes Herz, das auch in Westdeutschland nicht satt wurde. Er spielte klassische Musik auf seinem Cello, die sich allmählich tastend und suchend zu Rockmusik verwandelte. Dann tanzte er Japan. Er kam suchend in einen buddhistischen Tempel, lernte die Lehre Buddhas kennen und fand hier endlich seinen Frieden, den er wunderbar mit seiner Zen-Shakuhachi darstellte. Ich war tief beeindruckt. Vor allem hatte es mit der dunkle Klang der Shakuhachi angetan, mit der Uwe den Frieden und die duftende Stille darstellte. Das war Shizuka!

Uwe lebte inzwischen in einem kleinen japanischen Bergdorf. Er war mit einer Japanerin verheiratet und im Tempel des Ortes lernte er die Shakuhachi und das klassische Noh-Theater. Tagsüber baute er sein Gemüse und seinen Reis an und lebte das Leben eines japanischen Bauern. Viele Jahre später besuchte mich Uwe in meiner fränkischen Teeklause und wir spielten Shakuhachi und saßen bei der Teezeremonie zusammen und schwiegen.

Heimat und Shizuka ist dort, wo wir unseren inneren Frieden finden und ganz im Augenblick leben.


Dies ist das Einleitungskapitel meines neuen Buches: Das zerrissene Herz.
Es sind Erinnerungen aus dem grünen Herzen Deutschlands, das durch eine unmenschliche Grenze zerrissen war.
Das Buch kann hier erworben werden.
Auf Wunsch auch mit einer Signatur.

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