Geist und Buddhanatur

Der Geist und die Buddhanatur

Hölderlin im Gespräch mit Zenmeister Dōgen

Gerade sind wir zurückgekehrt aus Kärnten.
Im Hotelresort Feuerberg haben wir zu dritt eine Woche lang Seminare gegeben. Wir haben meditiert, Teezeremonien vorgeführt und unterrichtet und über Hölderlin und Dogen philosophiert. Das Hotel liegt auf fast 1800 Metern Höhe auf dem Gerlitzen Berg.
Das altslawische Wort gorelice bedeutet ‚brennen‘. Man hat früher oben am Berg weithin sichtbare Feuer angezündet. Es gibt Funde aus keltischer Zeit, die darauf hindeuten, dass hier Opferzeremonien stattgefunden haben. Aber Herr Berger, der Besitzer des Hotels ‚brennt‘ noch immer voller Leidenschaft für sein Hotel und den geistigen Gehalt im Hause.
Wir haben dort oben einen originalen japanischen Teeraum mit einer feierlichen Zeremonie eingeweiht und auf den Namen Horai-An getauft. Der Horai-San ist der Berg, auf dem die Glücksgötter wohnen. ‚An‘ ist eine kleine Klause des Rückzuges, in der man zur Besinnung kommt und den inneren Frieden finden kann.
An den Vormittagen haben wir über Hölderlin gesprochen und am Nachmittag über Zenmeister Dogen. Vermutlich werden sich die Germanisten mit Grausen abwenden, wenn sie hören, dass da jemand Hölderlin mit einem Zenmeister in Verbindung bringt. Immerhin hat Dogen um das Jahr 1200 in Japan gelebt und Hölderlin im 18. Jhdt. in Deutschland. Wo sollten da Verbindungspunkte sein? Ja, ich habe sogar ein ganzes Buch darüber geschrieben, in dem ich mich mit dem Verständnis der Zeit bei Hölderlin und Dōgen befasse: Im Garten der Stille. Natürlich sind beide völlig unabhängig voneinander. Hölderlin hat niemals vom Zenmeister Dōgen gehört. Aber beide denken den Menschen aus seinem innersten Wesen heraus ganz und gar menschlich. Und die Menschen hatten um 1200 dieselben Sehnsüchte und Hoffnungen wie noch heute. Zu allen Zeiten sehnen sich die Menschen nach Nähe und Geborgenheit nach Ganzheit und inneren Frieden.

In einer theoretischen Schrift, die Hölderlin nicht zur Veröffentlichung gedacht hatte, in der er aber versuchte, für sich selbst seine Gedanken zu ordnen, schreibt er über den Geist. Der Text, der sich als ein einziger Satz über fast 2 Seiten hinzieht, beginnt:

»Wenn einmal der Dichter des Geistes mächtig …«

Der Geist ist kein Gespenst, das körperlos und abgehoben über allem Materiellen schwebt. Er ist nicht das ‚Ganz-Andere‘, abgehoben und abgetrennt von der Wirklichkeit des Materiellen. Wir alle SIND Geist, und zwar ganz und gar. Auch dieser `rote Klumpen Fleisch hier` wie Dōgen sagt.

Für Hölderlins Studienfreund Hegel verwirklicht sich der Geist selbst im Gang der Geschichte. ALLES ist Geist. Am ‚Anfang‘, der aber nicht historisch war sondern immer ist, ruht der Geist in sich selbst. Theologisch gesprochen ist das der Zustand im Paradies. Gott, Mensch und Natur sind Eins. Aber in einem stetigen Prozess tritt die Entfremdung ein. Mann und Frau werden getrennt. Ihnen gegenüber steht Gott, fremd und furchtbar mit seinem Verbot, vom Baum der Erkenntnis zu kosten. Aber Adam und Eva müssen notwendig vom Baum der Erkenntnis essen, damit sie Menschen werden. Und sie sahen, dass sie nackt waren. So werden sie sich selbst entfremdet und schließlich aus dem Paradies vertrieben.
Am Anfang ist der Embryo geschützt und geborgen im Mutterleib. Aber er muss heraus in die kalte Welt des Getrennt-Seins. Der Säugling ist noch ganz eins mit der Mutter. Aber später erkennt er die anderen Menschen als fremd und erlebt sie als Bedrohung. Und spätestens in der Pubertät kämpfen wir mit den Eltern, um uns aus der ‚unerträglichen‘ Nähe zu befreien und wir selbst zu werden. Aber selbst in der Entfremdung zu den Eltern bleiben wir innig miteinander verbunden: Wir tragen dieselben Gene in uns.

Aber die Sehnsucht nach dem Eins-Sein und dem Paradies sitzt uns Menschen unauslöschlich im Herzen. Kleist hat in seiner Erzählung über das Marionettentheater geschrieben, dass wir trotz aller Sehnsucht nach der ursprünglichen Einheit und dem Paradies nicht wieder zurückkönnen in den Urzustand. Der Eingang zum Paradies ist von dem Engel mit dem Flammenschwert versperrt. Der Säugling kann, selbst wenn er es wollte, nicht wieder zurück in die dunkle Geborgenheit des Mutterleibes. Wir alle müssen – aus dem Paradies der Kindheit vertrieben – im Schweiße unseres Angesichtes unser Leben verdienen. Aber vielleicht ist ja die längst verlorene Geborgenheit der Kindheit auch nur ein Traum?
Kleist sagt, dass es vielleicht eine Hintertür zum Paradies gibt, die noch offen steht. Die können wir nur erreichen, wenn wir immer weiter vorwärtsgehen, und so irgendwann wieder die Einheit gewinnen.

In der Nachfolge Hegels hat der dänische Philosoph Kierkegaard gesagt: »Der Mensch ist Geist.« Und er fragt sofort:

»Was aber ist der Geist? Der Geist ist das Selbst! Was aber ist das Selbst? Das Selbst ist ein Verhältnis, das sich zu sich selbst verhält.«

Das Selbst ist keine feste Größe, ein für allemal unveränderlich. Wir verhalten uns zu uns selbst und indem wir uns so zu uns verhalten, sind wir: Selbst. Meistens – so Kierkegaard – versuchen wir verzweifelt, Selbst zu sein. Wir spüren, dass etwas fehlt, um wirklich ganz und eins mit uns zu sein. Wir sind ver-zwei-felt und mit uns selbst ent-zweit. Wir sind uns selbst fremd.
Die Verzweiflung sieht nicht so aus, dass wir uns die Haare raufen, das Gewand zerreißen und heulend am Boden wälzen. Es ist eine ‚stille Verzweiflung‘, die sich meistens hinter einer Munterkeit verbirgt. Kierkegaard erzählt von Jonathan Swift, der als alter Mann in demselben Irrenhaus lebte, das er einmal gestiftet hatte. Den ganzen Tag stand der vor dem Spiegel, betrachtete sein Bild und sagt vor sich hin:

„Armer alter Mann! Da gehst du in einer stillen Verzweiflung!“

Swift ist `irre` geworden. Er erkennt sich selbst in der Reflexion des Spiegelbildes nicht mehr. So wie wir alle uns nicht wirklich kennen. Wir betrachten uns wie einen Fremden ohne uns zu erkennen. Manchmal versuchen wir verzweifelt, uns selbst zu verwirklichen, indem wir uns ein Auto kaufen, ein Haus bauen, viel Geld verdienen oder ein ehrenvolles Amt anstreben. Immer aber bleibt ganz tief im Herzen das Wissen, dass dies alles nicht genügt. Vielleicht geht es uns allen so wie Swift, der in seinem eigenen Irrenhaus lebt?
Die Verzweiflung nennt Kierkegaard die ‚Krankheit zum Tode‘. Diese Krankheit ist nicht tödlich, aber sie begleitet uns bis zum Tod. Es gibt kein endgültiges Heilmittel, nur die stete Bemühung, uns selbst immer wieder neu zu verwirklichen.

Im alten China gibt es die Geschichte vom Hirten, der seinen Ochsen verloren hat. Sie wird in einer Folge von Bildern, den Ochsenbildern  erzählt und ist auch in Korea und in Japan sehr bekannt. Verzweifelt sucht der Hirt nach dem Ochsen, aber er kann ihn nirgendwo da draußen in der Welt finden. Der Ochse ist das verlorene Selbst. Erst nachdem der Hirte gelernt hat, den Ochsen nicht mehr draußen zu suchen, findet er ihn endlich und bringt ihn nach Hause. Aber dann merkt er, dass er überhaupt keinen Ochsen mehr braucht: Er ist zu Hause, bei sich. Was hat sich dann für uns verändert? Eine japanische Teemeisterin hat die Geschichte vom Hirten so interpretiert: »Am Ende meiner Bemühungen bin ich erwacht und ich merke, dass ich derselbe Idiot bin wie zuvor. Aber es macht mir nichts mehr aus!«

»Wenn der Dichter einmal des Geistes mächtig ist, wenn er die gemeinschaftliche Seele, die allem gemein und jedem eigen ist, gefühlt und sich zugeeignet, sie festgehalten, sich ihrer versichert hat, …«

Der Geist ist die gemeinschaftliche Seele, die allen gemein ist. Mit Seele meint Hölderlin die Empfindung, das lebendige Gefühl. Sie ist allem gemein und jedem eigen. Die Seele muss offenbar erst angeeignet, gefühlt werden, um ihrer sicher zu sein. Man muss sie festhalten und sich ihrer versichern, man muss sie wissen, damit sie ganz zu eigen wird. Warum muss man sich ihrer versichern und sie sich aneignen, wenn sie ohnehin all-gemein ist?
Aber wie oft weichen wir den eigenen Empfindungen aus, die uns den Fehl anzeigen und betäuben uns mit dem Lärm der alltäglichen Besorgungen! Erst wenn wir die gemeinschaftliche Seele gefühlt und uns zugeeignet haben, sind wir ihrer sicher.

Zenmeister Dōgen sagt, indem er Buddha selbst zitiert:

»Alle Wesen haben voll und ganz die Buddhanatur.«

Im Chinesischen und Japanischen bedeutet das Wort ‚Haben‘ zugleich auch Sein. Wir können den Satz deshalb auch lesen als »Alle Wesen SIND Buddhanatur.« Das Schriftzeichen 有 zeigt eine Hand, die den Halbmond hält. Es ist eine Illusion, dass wir den Mond greifen und festhalten könnten. Selbst wenn wir die Hand so halten, dass sie scheinbar den vollen Mond greift, so ändert sich der Mond dennoch ständig, ja, manchmal scheint er völlig zu verschwinden. So ist es eine Illusion, dass wir immer die Selben sind und uns niemals verändern. Ebenso ist es eine Illusion, dass wir durch Besitz die Beständigkeit unseres Selbst sichern könnten. 

Wir SIND was wir HABEN? In einer Weise schon. Ein Reicher mit einem schönen Hause, einem großen Garten, einem schicken Auto und einer schönen Frau und Kindern ist anders als der Landstreicher auf der Straße. Jemand mit einem wichtigen öffentlichen Amt wird von seinem Amt geprägt, genauso wie der Landstreicher von seiner Situation geprägt wird. Aber unabhängig davon können beide entweder glücklich oder unglücklich sein. Und in beiden ist die Sehnsucht nach der Ganzheit.

Für Dōgen erhebt sich die Frage, wozu wir üben müssen, wenn doch ohnehin alles Buddhanatur ist. Genauso haben alle Menschen die Fähigkeit, zur Quelle zu gehen und Wasser zu schöpfen so wie sie die Buddhanatur `haben`. Aber wir müssen unsere Wesen verwirklichen und es TUN! Wenn wir nicht zur Quelle gehen, bleibt diese Fähigkeit ungenutzt und wir erfahren niemals das Glück, frisches Wasser aus der Quelle zu trinken. Alle Menschen SIND Buddhanatur, aber wir müssen sie leben!

Die Buddhanatur ist ebenso wie der Geist bei Hölderlin ‚allem gemein und jedem zu-eigen‘. Nicht nur ein kleiner Teil davon, sondern der volle Geist und die volle Buddhanatur. Dōgen erzählt die Geschichte eines chinesischen Beamten, der einen Zenmeister fragt:

»Ein Regenwurm wurde entzweigeschnitten. Beide Teile bewegen sich. Ich frage mich, in welchem Teil nun die Buddhanatur ist!«

Ist die Buddhanatur nur in einem der beiden Hälften oder ist in jedem nur die halbe Buddhanatur? Dōgen erklärt, dass der Regenwurm nicht ursprünglich aus einem Teil und nun aus zwei Teilen besteht. Er ist immer EINS und die Buddhanatur ist ungeteilt in Allem.

Im Kapitel Genjokōan hat Dōgen ein wunderbares Beispiel für das Erwachen:

Der Mensch erlangt Erwachen, so wie sich der Mond im Wasser aufhält. Der Mond wird nicht nass, das Wasser nicht gebrochen. … Der ganze Mond und auch der volle Himmel halten sich auf im Tau am Gras und auch in einem Tropfen Wasser.

Der Mond ist das Bild für die Buddhanatur. Es ist immer der ganze Mond im Tautropfen und nicht nur ein winziger Teil davon. Und selbst in einer schmutzigen Wasserpfütze ist der Mond, ohne dass er beschmutzt wird. So ist auch im Verbrecher die Buddhanatur, ohne dass sie davon beschmutzt würde. Sogar unser Nachbar oder Arbeitskollege, der den ganzen Tag nervt ist Buddhanatur! Wir können niemanden verachten, aber wir können ihm aber helfen, seine Buddhanatur zu leben. Aber zuvor müssen wir selbst die Buddhanatur verwirklichen, indem wir üben. Wir üben nicht, um Buddha zu werden, sondern um die Buddhanatur in ständigem Vollzug zu leben. 

Das meint auch Hölderlin in seinem Text ‚wenn einmal der Dichter ..‘:

» … wenn er die gemeinschaftliche Seele, die allem gemein und jedem eigen ist, gefühlt und sich zugeeignet, sie festgehalten, sich ihrer versichert hat …

Es ist also offenbar nötig, sich des Geistes zu versichern nachdem man ihn ‚gefühlt und zugeeignet hat. Im weiteren Text spricht Hölderlin davon, dass es einen steten Prozess gibt, in dem der Geist sich verwirklicht und notwendig wieder in die Trennung geht. Dieser Wechsel ist ein stetiger Prozess, der sich immer wiederholt. Es ist nicht so, dass der Geist, einmal angeeignet ein für alle mal mein eigen ist. Er muss immer wieder angeeignet werden.

Dōgen beendet das Kapitel Genjokōan mit einer Geschichte: Ein Mönch fragte seinen Meister, warum der seinen Fächer benutzt wo es doch die Natur der Luft ist, dass sie ohnehin überall ist. Der Meister antwortet wortlos, indem er seinen Fächer benutzt!

Wird fortgesetzt.

Termine

Übersicht über die nächsten Termine und Veranstaltungen:

Tanabata
Nach alter Tradition feiern wir wie jedes Jahr das Tanabatafest mit vielen Vorführungen und Gästen. Eigene Beiträge sind willkommen.
Tanabata Sternenfest

Myoshinan Teehaus 09.07.2016

Taiko – Japanische Trommeln – Workshop
Taiko Workshop
Rainer Rabus, Gerhardt Staufenbiel
Myoshinan Teehaus 10.07.2016

Meditatives Konzert mit Shakuhachi und Rezitationen: Blüten und Einsichten
Blüten und Einsichten
Shakuhachi: Gerhardt Staufenbiel, Texte und Rezitationen: Carola Catoni
Myoshinan Teehaus 24.07.2016

Haiku und Zen – Wege zur Achtsamkeit
Seminar am Benediktushof
Benediktushof Holzkirchen
15.07. – 17. 07. 2016

Japanreise Frühjahr 2017
Auch im nächsten Frühjahr zur Kirschblüte wird es wieder eine Reise nach Japan geben. Schwerpunkte sind die alten Kaiserstädte Kyoto und Nara und deren Umgebung. Es liegen bereits jetzt Anmeldungen vor. Kyoto ist zu dieser Zeit völlig ausgebucht, deshalb habe ich schon jetzt Unterkünfte reserviert. Aber es gibt nur eine beschränkte Anzahl von Plätzen. Bitte frühzeitig buchen!

Unterricht über Internet
Es besteht die Möglichkeit, Unterricht in Shakuhachi und / oder Teezeremonie über Internet zu bekommen. Einige Schüler, die weit vom Myoshinan entfernt wohnen, nutzen diese Möglichkeit bereits. Bei Interesse nehmen Sie bitte Kontakt mit mir auf.

Schneeflocken am Yaoshan Tempel

Wir sind nun schon wieder einige Zeit zurück von unserer aufregenden Reise nach China. Es war meine erste Reise nach China, aber manchmal war es fast eine Wiederkehr. Seit vielen Jahren beschäftige ich mich immer wieder mit dem Bi Yan Lu, der Niederschrift vor der smaragdenen Felswand. Auf dieser Reise standen wir schließlich direkt vor der smaragdenen Felswand in der Nähe des Jiashan Tempels in der Provinz Hunan. Es ist schon ein eigenartiges Erlebnis, an solch einem historischen Ort zu stehen, denn hier ist wohl die erste Zen-Schrift entstanden. Der Chan – Meister Yuan Wu (1063 – 1135) hatte 100 alte Zen-Geschichten gesammelt und aufgeschrieben. Von seinem Tempel aus konnte er eine smaragdfarbene Felswand sehen. Daher der Titel seiner Schrift. An der Felswand hängt ein Bild von Meister Yuan Wu. Davor klingt leise aus dem Lautsprechen „Om mani padme Hum“. Eine einfache Bäurin verneigte sich vor dem Bild, rezitierte den Text mit und legte einen Blumenstrauss nieder.

Bi Yan - die smaragdgrüne Felswand des Bi Yan Lu

Bi Yan – die smaragdgrüne Felswand des Bi Yan Lu


Der Jiashan Tempel hatte zu der Tagung über `Tee und Zen – Ein Geschmack` eingeladen. In der benachbarten Stadt fand im Kongresszentrum die Tagung mit vielen Vorträgen statt. Im Tempel waren dann einen ganzen Tag lang Vorführungen rund um den Tee. Viele Menschen hatten einen kleinen Stand aufgebaut und führten ihre Art der Teezeremonie vor. Es waren viele rührende und auch ganz beachtliche Versuche, die Teezeremonie in China wieder zum Leben zu erwecken. Sogar eine Urasenke Gruppe aus der Nähe von Peking führte eine Zeremonie vor. Sie bestanden darauf, dass ich ihr Gast war.

Wir fuhren dann weiter zum Yaoshan Tempel, der für chinesische Verhältnisse ganz in der Nähe liegt – etwa eine Stunde Autofahrt. Der Yaoshan shi, der Medizinkraut Berg Tempel – ist ein sehr alter und bedeutender Tempel. Der berühmteste Meister dieses Tempel nannte sich nach dem Berg, an dem dieser Tempel liegt Yaoshan. Er ist immer wieder bei dem japanischen Zenmeister Dogen erwähnt. In meinem Buch über Dogen und Hölderlin (Im Garten der Stille) wird das Gedicht eines `alten Buddha` zitiert:

Ein alter Buddha sagt:

Zu einer Zeit (Ū-JI) auf dem hohen, hohen Berggipfel stehen, zu einer Zeit auf dem tiefen, tiefen Meeresgrund gehen. Zu einer Zeit der dreiköpfige, achtarmige Wächtergott, zu einer Zeit der bald sechzehn Fuß und bald acht Fuß große Buddha. Zu einer Zeit Stab und Wedel, zu einer Zeit Pfeiler und Gartenlaterne, zu einer Zeit Hinz und Kunz, zu einer Zeit große Erde und leerer Himmel.

Dieser `alte Buddha` ist niemand anders als Yakusan Igen wie er auf japanisch heißt oder mit seinem chinesischen Namen Meister Yaoshan, der seinen Namen vom Yaoshan Tempel hat.

Eines Tages saß Yaoshan auf einem Stein. Ein Mönch kam vorüber und fragte: „Was tust du da?“ Yaoshan antwortete: „Ich tue nichts!“
„Aber du sitzt doch dort auf dem Stein!“„Auf dem Stein sitzen ist: etwas tun!“ Was meinst du denn dann mit ‚Nichts tun‘? „Wenn du alle Weisen der Vergangenheit fragen würdest, sie könnten es nicht erklären!“
„Jemand der einfach nichts tut, läßt alles ganz natürlich und ohne Absicht aus sich selbst geschehen. Die Weisen der Vergangenheit könnten es nicht erklären, gewöhnliche Menschen werden es niemals verstehen!“

Dogen erwähnt den Meister Yaoshan immer wieder mit einer Geschichte, die sein Verständnis der Zen-Meditation erhellt.

Eines Tages saß Meister Yaoshan / Yakusan auf seinem Meditationssitz. Ein Mönch fragte ihn: „Was denkst du wenn du so wie ein ehrwürdiger Berg da sitzt?“ „Ich denke das Nicht-denken!“ „Wie denkst du das Nicht-Denken?“ „(Indem ich) Nicht-denke!“

Der Yaoshan Tempel bestand einst aus einer ganzen Reihe von prächtigen Gebäuden, die sich über zwei Berge hinzogen. In der Kulturrevolution unter Mao wurden der Tempel vollkommen zerstört. Heute existiert nur noch eine einzige Steinstele mit einer alten Inschrift. In den achtziger Jahren hat die Gemeinde recht hilflos versucht, den Tempel wieder aufzubauen. Davon zeugt nur noch ein brüchiger Betonbau, der mühselig versucht, wie ein Tempel auszusehen. Nichteinmal ein Dach war auf der Bauruine. Hinter einem notdürftig aus alten Holzbalken und Bambus zusammengenagelten Tor liegen ein paar primitive Betonbauten. In unserem Schlafsaal waren immerhin Heizdecken auf den Matratzen. Wenn wir im Teeraum beim Tee saßen und mit Meister Mingying diskutierten, sagte er oft: „Lass uns nach draussen gehen, es ist zu kalt!“ Draussen schien immerhin die Wintersonne.

Der Yaoshan heute - lange nach der Kulturrevolution

Der Yaoshan heute – lange nach der Kulturrevolution

An einem Tag führte uns Meister Mingying vor den Tempel auf die Reisfelder. Dort bauen er und die Mönche den eigenen Reis und das eigene Gemüse an. Alles ohne Chemie und ganz natürlich. Das Essen im Tempel war einfach aber immer köstlich. Weit hinter dem Reisfeld lagen die ersten Häuser der kleinen Stadt. Mingying erklärte uns: „Dort wo die Ortschaft beginnt, war früher das Tempeltor. Dort freute sich der ehrwürdige Laienbruder Pang an den fallenden Schneeflocken! In naher Zukunft werden wir dort wieder das neue Tempeltor bauen.“

Die Begegnung von Meister Yaoshan mit dem Laienbruder Pang wird im 42. Beispiel des Bi Yan Lu erzählt. Pang war einige Tage im Tempel zu Besuch gewesen. Meister Yaoshan schickte zehn Mönche zu seiner ehrenvollen Begleitung. Als sie am Tempeltor ankamen, fielen wunderschöne Schneeflocken vom Himmel. Pang zeigte auf die Schneeflocken, die durch die Luft wirbelten und rief: „(Diese) schönen Schneeflocken! (Sie) Fallen nicht an einen anderen Ort!“

Der Laienbruder Pang war hoch angesehen. Er verkehrte mit den berühmtesten Chan – Meistern seiner Zeit, so auch mit Shi Tou, der auch ein Lehrer von Yaoshan gewesen war. Nach einem Gesoräch mit Shi Tou schrieb Pang sein berühmtes Gedicht, das auch im Teeweg oft zitiert wird. Shi Tou hatte Pang nach seinen Tätigkeiten gefragt, die er vor ihrer Begegnung ausübte. Pang schämte sich ein wenig und meinte, dass er nur ganz alltägliches getan hatte. Plötzlich erwachte er und schrieb sein berühmtes Gedicht, in dem er die `alltäglichen Verrichtungen` geradezu als `göttlich` bezeichnete (神通 jap. jinzu).

Mein alltägliches Tun: nichts Ungewönliches.
Aber ich bin in Harmonie damit.
Nichts begehrend nichts ablehnend.
Überall weder Hindernis noch Streit
Wozu purpur und rot.
Blaue Berge ohne den geringsten Schmutz und Staub.
Übernatürliche Kräfte und wunderbares Tun:
Wasser holen und Brennholz sammeln.

Der Laienbruder Pang lehnte jedes öffentliche Amt ab obwohl er sehr gebildet war. Purpur und rot sind die Farben der kaiserlichen Beamten. Sie waren zwar wohlhabend und einflussreich, aber immer auch Striet und Neid ausgesetzt. Pang zog ein einfaches Leben in der Natur vor. Ihm genügten die ganz alltäglichen Verrichtungen: Wasser holen und Brennholz sammeln. Mit dieser Auffassung wurde er zum Vorbild für die japanischen Teemeister, die den Teeweg aus dem Geist des Zen üben wollten.

Auch Yaoshan hatte ein Gespräch mit dem Meister Shi Tou. Im nördlichen Zen studierte man die Sutren und hoffte dadurch, zum Erwachen zu kommen. Yaoshan war damit nicht zufrieden, denn er hatte vom plötzlichen Erwachen in der südlichen Schule gehört. Shi Tou empfahl ihm, den Meister Ma Tsu zu sprechen. Wir waren ein paar Tage vorher im Tempel des Ma-Tsu gewesen und hatten sein Grabmahl zusammen mit zwei Zen-Meistern, die uns begleiteten dreimal ehrfürchtig umschritten. Dogen berichtet von Ma-Tsu, der sich in die Berge zurückgezogen hatte um dort den ganzen Tag mit der Zenmeditation im Sitzen zu verbringen. Sein Meister besuchte ihn und fragte, wozu er denn so angestrengt im Sitzen meditiere. „Ich will durch Sitzen ein Buddha werden!“ Der Meister nahm einen Ziegelstein und begann, ihn am Felsen zu reiben. Verwundert fragte Ma-Tsu: „Was tust du da?“ „Ich poliere den Stein um daraus einen Spiegel zu machen!“ „Man kann doch nicht durch polieren aus einem simplen Stein einen Spiegel machen!“ „Und du kannst nicht durch Sitzen zu einem Buddha werden!“

Ma-Tsu's Grab - Nach der Kulturrevolution aus den Bruchstücken wieder zusammen gefügt.

Ma-Tsu’s Grab – Nach der Kulturrevolution aus den Bruchstücken wieder zusammen gefügt.


Ma-Tsu hat offenbar einen würdigen Nachfolger bekommen. Der Zenmeister des Tempels zeigt uns hinter der Tempelmauer, direkt gegenüber vom Grabmahl des Ma-Tsu eine kleine Hütte. „Dort lebt ein Mönch, der den ganzen Tag meditiert. Wir haben ihn seit einem halben Jahr nicht mehr gesehen. Wir stellen ihm Essen hin und holen das leere Geschirr wieder ab. Also muss er wohl noch dort sein!“

Ma-Tsu pflegte seine Schüler mit unerwarteten Aktionen zu überraschen um damit ein plötzliches Erwachen zu erreichen. Einmal packte er den Schüler an der Nase und drehte sie herum. Oft stieß er laute Schreie aus. Sein Aussehen muss sehr merkwürdig gewesen sein. In einer alten Chronik wird er beschrieben:
„Er schritt einher wie ein Ochse und schaute herum wie ein Tiger. Wenn er die Zunge ausstreckte, reichte sie ihm bis über die Nase hinaus. Den Fußsohlen waren zwei Kreise eingeprägt.“ Yaoshan fragte Ma-Tsu nach dem plötzlichen Erwachen. Der antwortete: „Manchmal bitte ich Jemanden, die Augenbrauen hochzuziehen, manchmal mit den Augenliedern zu zwinken und manchmal tue ich das nicht. Manchmal ist das richtig und manchmal nicht.“ Yaoshan verstand und verließ Ma-Tsu.

Mit Meister Minying am Stausee

Mit Meister Mingying am Stausee


Im Yaoshan Tempel baut Meister Mingying derzeit oben in den Bergen mitten in dichten Bambuswäldern ein neues Meditations- und Studienzentrum. Die Gebäude liegen oberhalb eines Sees mit klarem Wasser. Ein größerer Saal ist schon fertig. Dort haben wir stundenlang Tee getrunken und über Zen diskutiert. Von dort aus sind wir immer wieder zu kleinen Spaziergängen durch den Bambuswald aufgebrochen um uns nach den langen Gesprächen wieder ein wenig zu erholen. Mingying meinte, dass es für die Zenstudien absolut wichtig ist, nicht nur zu üben, sondern auch die Schriften zu studieren und zu verstehen. Er erzählte, dass er sehr gerne auf dem Feld arbeitet und Reis und Gemüse anbaut. Aber als Zenmeister hat er dazu nicht allzuviel Zeit. Er muss Vorträge halten und auch die Menschen im Ort, die keine Mönche sind mit seinen Lehrreden erreichen.
Ich hatte dann die Ehre, oben im neuen Zentrum einen Vortrag über meine Zen-Erfahrungen aus dem Geist des Teeweges zu halten und mit Michael Teezeremonie vorzuführen. Die Bürger aus dem Ort aber auch Gäste, die bis von Peking angereist kamen waren dort um den „Physiker und Meister des japanischen Teeweges aus dem Heimatland von Karl Marx“ über Zen sprechen zu hören. Anschließend gab es heiße Diskussionen über das Verhältnis von Wissenschaft und Chan / Zen. Man spürt den Hunger der Chinesen nach geistigen Wegen, die aus der Sackgasse des Konsums, des ungebremsten wirtschaftlichen Wachstums herausführen. „Wir bewegen uns in einem rasend schnellen Aufzug in die neue Zeit!“ Auch die Bürgermeisterin war dort. Nach dem Vortrag war sie ganz begeistert und erklärte, dass sie den Chan und den Tempel für absolut wichtig für ihre Stadt hält. Sie wird die Entwicklung des Tempels in Zukunft nach Kräften fördern. Ein junger Mönch war so fasziniert von der Shakuhachi, dass er unbedingt das Spiel auf dieser Zen-Flöte lernen will. Ich werde ihm eine Shakuhachi bauen und nach China schicken.

Der Chan / Zen in China ist mitten in einem neuen Aufbruch. Wir haben so viele liebe und freundliche Menschen getroffen, fröhliche Zenmeiter und liebenswerte Mönchen und Laien. Wir sind nicht zum letzten mal in China gewesen!
Und zwei von den Chinesinnen, die wir getroffen haben und die uns durch China geleitet haben, werden uns auf unserer nächsten Japanreise begleiten. Aber dieses mal bin ich der Führer. In Japan kenn ich mich halt besser aus als sie.

Shakuhachi in China

Wir waren einige Tage zu Gast im Yaoshan Tempel in der Provinz Hunan. Dort haben wir mit Meister Mingying diskutiert, Gedanken ausgetauscht und sind mit ihm in den Bergen gewandert.
Der Yaoshan Tempel ist sehr alt und wird ausführlich in der alten Zenschrift von der smaragdenen Felswand, dem Bi-Yän-Li oder japanisch Hekiganroku erwähnt. Während der Kulturrevolution wurde er vollkommen zerstört. Nur noch ein einziger Stein mit einer Inschrift erinnert an die alten Zeiten des Tempels. Meister Mingying und seine Mönche sammeln Geld und werden den Tempel in den nächsten Jahren wieder so aufbauen wie er einmal gewesen ist. Schon im April 2016 wird in den Bergen in einem Bambuswald ein neues Meditationszentrum fertig werden.
Dort gibt es bereits jetzt einen modernen Saal, in dem ich einen Vortrag gehalten und ein wenig Shakuhachi gespielt habe. Zusammen mit Michael haben wir dann auch eine Teezeremonie vorgeführt. Es waren Besucher aus der Stadt aber sogar auch aus dem weiten Peking angereist.

Ein junger Mönch war ganz besonders von der Shakuhachi begeistert. Er spielt sehr schön eine chinesische Flöte

Flöte im Yaoshan

Im Yaoshan Tempel / Hunan – China

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Beim Tee saßen wir zusammen und Michael tauschte seine Shakuhachi mit der Flöte des jungen Mönches und beide versuchten dem fremden Instrument Töne zu entlocken.

Flötenkonzert im Yaoshan Tempel - Hunan - China

Flötenkonzert im Yaoshan Tempel – Hunan – China

Aber die Shakuhachi kommt zwar ursprünglich aus China, aber vermutlich kann sie sich daran nicht mehr erinnern. Denn so sehr sich der junge Mönch auch bemühte, es kam kein Ton!

Die Shakuhachi schweigt!

Die Shakuhachi schweigt!

Nach vielen Versuchen kam dann doch noch der eine oder andere Ton. Der junge Mönch ist so fasziniert von der Shakuhachi, dass er unbedingt das Instrument erlernen will. Ich werde ihm eine Shakuhachi bauen müssen und als Geschenk nach China schicken. Unterricht kann man dann ja mit modernen Mitteln machen. So gibt es in China das Portal „WeChat“ (Facebook oder WhatsApp sind dort zensiert und nicht zugänglich!).
Mal sehen was daraus wird. Vielleicht übernimmt ja jemand die ‚Patenschaft‘ für den jungen Mönch und seine neue Shakuhachi?

Alt und Neu

Einst und jetzt

Einst und jetzt in China


Shanghai. Vor nicht allzu langer Zeit ein kleines Fischerdorf, heute eine Metropole mit über 14 Millionen Einwohnern. Fast ein fünftel der Einwohner im gesamten Deutschland. Kein Wunder, dass der bronzene Shishi misstrauisch und erstaunt auf den Partner aus der neuen Zeit schaut.
Wir reiben uns nach unserer Rückkehr aus China auch immer noch verwundert die Augen. War das ein Traum oder Wirklichkeit?

Aber jetzt ist das Neue Jahr angebrochen und wir versuchen wieder, in der heutigen Wirklichkeit anzukommen. Jetzt und Hier!

Herbsttag: Drachengesang

Ryūgin – Gesang der Drachen
Draußen vor dem Fenster liegt dichter Nebel.
Das Dorf und die Kirche sind verschwunden, nur die Glocken klingen gedämpft und fern.
Direkt vor meinem Fenster der knorrige Stamm des toten Apfelbaumes, dahinter verhangen im Nebel die Felsenbirne mit ihrem feurig roten Herbstlaub.
Rundherum: reine Stille!
Es ist, als wäre die ganze Welt verschwunden. Ich werde still und staune!

Im Zen sagt man, dass nun die Zeit des Goldenen Windes kommt. Der Goldene Wind weht das farbige Herbstlaub zu Boden. Die reine Leere erscheint und bald stehen kahle Bäume in winterlichen Weiß. Sie gleichen toten Holzpfählen, die leblos im Nebel stehen. Hölderlin dichtet in einem kleinen Gedicht, das er als Letztes noch selbst veröffentlicht hat:

Der Winkel von Hahrdt
Hinunter sinket der Wald,
Und Knospen ähnlich, hängen
Einwärts die Blätter, denen
Blüht unten auf ein Grund,
Nicht gar unmündig.

Der Winkel von Hardt ist eine Felsformation im Wald beim Dorf Hardt, am Hang gegenüber von Hölderlins Heimatstadt Nürtingen. Wer einmal dort gewesen ist, spürt eine geradezu magische Anziehungskraft dieses versteckten, ‚gesparten‘ Ortes. Der Wald sinkt hinunter. Es ist genau die Zeit des Goldenen Windes. Langsam ziehen die Bäume ihren Lebenssaft zurück und sammeln ihre Kraft in den Wurzeln. Die Blätter werden welk und hängen ‚einwärts‘, ganz in sich zurückgezogen. Aber es ist nicht die Trauer des Abschieds oder des Todes. Sie blühen auf – ‚Blüten gleich‘ – in der vollen und atemberaubenden Schönheit des Herbstes. Bald lösen sie sich, und beim leisesten Windstoß fallen sie ganz von allein. Aber sie fallen nicht in einen bodenlosen Abgrund. Ihnen ‚blüht unten auf ein Grund‘ in prachtvollen Herbstfarben. Die blütengleichen Blätter und der aufblühende Grund neigen sich einander zu in tiefer Zu-Neigung und schenken sich gegenseitig die prachtvoll leuchtenden Farben des Herbstes. Aber es ist die Farbe des Weg-Ganges. Was bleibt, sind die kahlen Bäume des Winters und das farblose Weiß.

Einmal fragte ein Mönch seinen Zenmeister (Tōsu Daidō 819 – 914): »Gibt es den Gesang der Drachen in den kahlen Bäumen oder nicht?« Drachen singen in kahlen Bäumen? Der Meister antwortete: »Ich sage: Es ist das Brüllen des Löwen in Totenschädeln!« Die trockenen und kahlen Bäume sind wie die Totenschädel, der Gesang des Drachen ist wie das Gebrüll des Löwen? Das ist umso verwunderlicher, als die Wendung shishi-ku, Löwengebrüll für die Predigt des Buddha gebraucht wird, mit der er die Möglichkeit der Befreiung vom Leiden kündet. Der Gesang des Drachen im kahlen Holz ist nicht anderes als die frohe Botschaft, dass es die Befreiung vom Leiden gibt?!

Zenmeister Dōgen sagt (Dōgen: Shōbōgenzō, Kapitel 65, Ryūgin.):

»Es gibt Bäume in den Bergen und Tälern, auf den Reisfeldern und in den Dörfern!
Die Bäume in den Bergen und Tälern sind Kiefern und Eichen, die Bäume auf den Reisfeldern und den Dörfern sind himmlische Wesen und Menschen.«

Auch die Menschen sind Bäume. Sie wurzeln im Boden der Tradition und der Überlieferung. Sie tragen Früchte, und die Lebenskraft fließt von den Wurzeln bis in den Himmel und lässt Blüten und Früchte wachsen. Manchmal scheint die Lebenskraft zu schwinden und der Baum wird wie trockenes Holz. Alles Leben, alle Freude scheint gewichen zu sein.
Jemand, der bewegungslos in tiefer Meditation sitzt, sieht aus wie ein lebloser trockener und toter Baum oder ein Totenschädel, der sich nicht mehr bewegt. Er ist scheinbar abgestorben und wie totes Holz oder kalte Asche. Aber wer das so sieht, hat niemals die Stille und die Kraft in der Meditation erfahren. »Solche Menschen denken, kahle Bäume seien völlig ausgetrocknet und würden den Frühling niemals mehr erleben«, sagt Dōgen. Das bewegungslose Sitzen aber ist wie die Rückkehr in die Wurzeln, der Kontakt mit dem Ursprung des Lebens. Wer so austrocknet, dass er im Frühling keine Blüten mehr treibt, der hat niemals den Gesang der Drachen vernommen.

Einst versorgte eine alte Frau einen jungen Mönch, damit er in seinen Übungen Fortschritte machen könnte. Nach 20 Jahren Übung saß er wie totes Holz oder kalte Asche. Aber die alte Frau war misstrauisch und schickte ihm eine junge schöne Frau. Die schmiegte sich wie eine blühende Ranke an ihn, während er in Meditation saß. Aber er rührte sich nicht und sprach nur die Worte:

Ein alter Baum wächst auf einem Fels im Winter.
Nirgends eine Spur von Wärme!

Als die alte Frau das hörte, wurde sie sehr zornig, ging zur Hütte des Mönches und brannte sie nieder. Wenigstens auf diese Weise kam Wärme in seine Empfindungen!
Zenmeister Ikkyū (Ikkyū Sōjun 1394 – 1481) dichtete als Antwort auf diese alte chinesische Geschichte:

Wollte sich mir / heute Nacht / eine schöne Frau versprechen, / die verdorrte Weide / würde Knospen treiben / wie im Frühling.

Die Zenmeister des alten China haben offenbar sehr oft über den Gesang der Drachen in den dürren Bäumen gesprochen. Jedenfalls überliefert der japanische Zenmeister Dōgen viele ihrer Gespräche über den Drachengesang.

Ein Mönch fragte den Meister:
»Was ist der wahre WEG?«
»In einem kahlen Baum singt ein Drache!«

Aber der Gesang der Drachen ist nicht mit den Ohren zu hören. Dōgen sagt, der Gesang der Drachen stammt nicht aus der Welt der fünf Töne. Die Fünf Töne sind die Tonleiter der pentatonischen Tonleiter. Sie bilden den gesamten Kosmos ab. Es sind keine Stimmen oder Töne, die den Gesang bilden. Eigentlich ist die Wendung Gesang nicht ganz richtig. Das Wort Gin 吟 bezeichnet vielerlei Geräusche vom Singen, Rezitieren, Ächzen, Stöhnen bis hin zum Brüllen und Heulen. Der Gesang in Noh-Theater, der für unsere westlichen Ohren nicht gerade schön und melodisch klingt, wird damit bezeichnet.

Der Drachengesang ist nicht immer schön und lieblich. Gerade die kahlen Bäume des Winters sind der Gesang der Drachen. Die Kahlheit zeigt den Rückgang zu den Wurzeln. Von außen gesehen ist es die Kargheit oder gar der Tod. Aber wer Augen hat zu sehen, weiß, dass es die Rückkehr zum Ursprung ist. Nicht nur der Rückgang in den Ursprung ist der Drachengesang. Dōgen sagt: »Das Keimen des Samens ist auch der Gesang der Drachen!« Das gesamte Leben ist Drachengesang. Auch der kleine Hund zu meinen Füßen, der im Schlaf bellt, weil er im Traum mit anderen Hunden spielt, ist Drachengesang.

Der chinesische Meister Zhuangzi beschreibt, wie der Meister Nanguo Ziqi – Meister ‚Buntgescheckt vom Südweiler‘ – in Meditation auf seine Armlehne gestützt zum Himmel aufschaut, langsam ausatmet und sich leer macht. Plötzlich war er in tiefer Meditation versunken und hatte scheinbar jedes Bewusstsein seines Ich-Begleiters, seines Ego verloren.
Meister Yan Cheng Zi-You – nach einer Übersetzung heißt er ‚Herr Wanderer von völliger Gemütsruhe – der vor ihm stand und ihm aufwartete, war erstaunt, als er den Meister sah, wie dessen Herz oder Geist »wie tote Asche oder trockenes Holz« wurde. Alle Leidenschaften und persönlichen Gefühle, Ängste und Sorgen waren von ihm abgefallen und er sprach:

Gerade habe ich mich selbst verloren. Du magst die Flöten der Menschen gehört haben, aber nicht die Flöten der Erde. Du magst die Flöten der Erde gehört haben, aber nicht die Flöten des Himmels.

Herr Wanderer verstand nicht, was die Flöten des Himmels sein sollen. Er kannte nur die Flöten der Menschen, die wie »aufgereihte Bambusrohre« sind. Je lauter diese Flöten klingen und ihren Lärm verbreiten, desto weniger vermag man die Flöten des Himmels zu vernehmen. Bevor ihm Meister Nanguo die Flöten des Himmels erklärte, schilderte er ausführlich eine andere Art von Musik, die Flöten der Erde:

Der Große Klumpen – die Erde – stößt einen Lebensatem (Ki) aus, den man Wind nennt. Solange er nicht bläst, geschieht nichts. Hebt er jedoch zu blasen an, dann beginnen Myriaden Löcher zu heulen. Hast du nie sein Seufzen gehört?
Die Spalten und Klüfte der aufsteilenden Berge, die Löcher und Hohlräume der riesigen Bäume von hundert Spannen Umfang: Sie sind wie Nasenlöcher, wie Münder, wie Ohren, wie Sockel, wie Becher, wie Mörser, wie die Kuhlen, in denen sich Pfützen und Teiche bilden. Der Wind bläst über sie hinweg und macht das Geräusch von sprudelndem Wasser, von sirrenden Pfeilen, schreiend, keuchend, rufend, weinend, lachend, grollend. Die erste Böe singt Ayii, der folgende Windstoß singt Houuu. Eine leichte Brise ruft eine kleine Antwort hervor, ein heftiger Sturm lässt einen mächtigen Chor erschallen. Verebbt das Stürmen, so sind alle Höhlungen still. Hast du nicht die Blätter gesehen, wie sie in tönendem Nachhall erzittern?

Meister Nanguo beschreibt ganz offenbar den Gesang der Drachen. Der ist nicht wie der Gesang der Menschen. Aber wer die Drachen gehört hat, singt fortan anders. Dōgen sagt: »Die Menschen, die das Singen der Drachen hören, und auch selbst singen können, unterscheiden sich sowohl von einem singenden Drachen als auch von einem singenden Menschen! Die Melodie ihres Gesanges ist der Drachengesang selbst. In einem kahlen Baum und in einem Totenschädel gibt es kein Innen und kein Außen – kein Selbst und keine Anderen! Hier ist das Jetzt der Ewigkeit!« Wer den Drachengesang gehört hat, wird Eins mit Allem! Er singt fortan aus dieser Einheit, in der es keine Angst vor dem Anders-Sein, kein Misstrauen und keine Missgunst mehr gibt.

So hatte auch Meister Nanguo seinen Ich-Begleiter, sein Selbst verloren. Er war Eins geworden mit dem Hören der Töne des Himmels. Aber die sind noch anders als das Tönen der Erde, die er vorher beschrieben hatte. Die Flöten des Himmels klingen unhörbar und tonlos! Der Herr Wanderer, der dem Meister Nanguo Ziqi aufwartete, fragte denn auch noch einmal nach:

Die Töne der Erde – di lai – sind keine anderen als all jene Höhlungen, die ihr beschrieben habt. Die Töne der Menschen – ren lai – sind die der aufgereihten Bambusröhren. Darf ich fragen, was die Töne des Himmels – tien lai – sind?

Das Leer-Werden ist die Voraussetzung dafür, dass die Töne in dieser Leere klingen können. Sind die Höhlungen und Öffnungen der Erde angefüllt, so klingen sie nicht. Die Töne der Erde sind die Geräusche, die der Lebensatem, der Wind erzeugt, wenn er über die Höhlungen fährt. Die Frage ist, welche Höhlungen tönen, wenn es um die Musik des Himmels geht. Die Wendung tien lai wird auch für wunderschöne Poesie verwendet. Die Poesie ist wie der Gesang des Lebensatems, des Windes am Himmel. Der Meister Nanguo Ziqi beantwortet die Frage nach dem Ursprung der Himmels-Töne mit einer entscheidenden Wendung:

Die Töne des Himmels – tien lai – blasen auf 10 000 verschiedene Weise und sie bewirken sich selbst – zi ji. All dies ergibt sich selbst – zi qu, wer sollte dies betreiben?

Die Töne des Himmels sind von selbst so! Da ist niemand und nichts, was sie erzeugen oder betreiben würde, sie sind einfach. Die Töne der Erde sind die Antwort auf den Lebensatem, die Töne des Himmels sind einfach da. Eigentlich sind die Töne des Himmels auch überhaupt nicht hörbar. Wir hören immer nur die Töne des Menschen, die oft so laut sind, dass sie alles andere übertönen. Verstummen die Töne des Menschen, so fliehen wir oft in das laute Getön des alltäglichen Getriebes, weil wir die Stille, die sich dann auftut, nicht mehr ertragen können. Die Stille spricht nicht mehr zu uns, weil wir durch das tägliche Getöse taub geworden sind.

Im Gesang »Der Archipelagos« schildert Hölderlin, wie die Menschen in rastlosem Treiben gefangen sind und sich selbst in gewaltigem Lärm des rastlosen Machen-Müssens betäuben:

Aber weh! es wandelt in Nacht, es wohnt, wie im Orkus,
Ohne Göttliches unser Geschlecht. Ans eigene Treiben
Sind sie geschmiedet allein und sich in der tosenden Werkstatt
Höret jeglicher nur und viel arbeiten die Wilden
Mit gewaltigem Arm, rastlos, doch immer und immer
Unfruchtbar, wie die Furien, bleibt die Mühe der Armen.

Die Menschen sind ‚allein‘ also ausschließlich ans eigene Treiben geschmiedet und dadurch ‚allein‘ und einsam. Sie sind unfrei und ausschließlich an ihr rastloses Treiben gekettet. Dadurch sind sie allein, ohne echte Bindung an die Anderen oder das Göttliche. Der tosende Lärm der rastlos tobenden Werkstatt übertönt nicht nur die Töne der Erde, sondern auch die unhörbaren Töne des Himmels. Wie sollten die Menschen da in der Lage sein, das Singen des Drachen zu vernehmen?
So fragte auch einst ein Mönch ganz besorgt den Meister Sōzan:

»Ich frage mich, ob es einen Menschen gibt, der das Singen des Drachen hören kann!«
Sōzan antwortete:
»Auf der ganzen Erde gibt es niemanden, der es nicht hört!«

Erstaunlich! Wenn die Menschen mit ihrem eigenen Getöse die tonlosen Töne des Himmels und des Drachengesanges übertönen, gibt es dennoch nicht einen einzigen Menschen, der den Drachengesang nicht hört? So erstaunlich das klingen mag, aber der Gesang des Drachen ist das Strömen des Atems und das Fließen des Blutes. Bei einer Gelegenheit antwortete ein Meister auf die Frage:

»Was ist das Singen des Drachen in einem kahlen Baum?«
»Das Blut des Lebens versiegt niemals!«

Wieder ein anderer Mönch fragte:
»Was singt der Drache in einem kahlen Baum?«
»Immer mehr Freude!«

Das Singen der Drachen ist das natürliche Wirken von Wasser und Wolken, das Fließen des Lebens und die Luft, die durch die Nasenlöcher strömt. Die zehntausend Melodien, die der Drache singt, sind nicht ein Reden über Prinzipien und die Wahrheit, es ist »das Quaken der Frösche, dass Freude bleibt und das Singen der Würmer, dass es ein Wissen gibt. Das Singen der Drachen ist immer und überall, aber wir können es nur wirklich mit unserem ganzen Wesen hören, wenn wir zuvor den Schritt zurück aus dem rasenden Machen in die Stille wagen.

Am Sonntag den 25. Oktober spielt das Trio Drachengesang bei einer Sonntagsmatinee unter anderen das Stück „Ryugin Koku – Gesang der Drachen im leeren Himmel“. Eintrittskarten Myoshinan – Eintrittskarten