Rakushisha – Hütte der fallenden Persimonen.

Auf unserer Japanreise vor ein paar Jahren sind wir auch zum Rakushisha, der ‚Hütte der fallenden Persimonen‘ gekommen. Dort lebte der Haiku Dichter Mukai Kyorai, ein enger Freund von Bashō, der dort oft zu Besuch war. Der hat dort auch sein Buch ‚Saga no nikki‘ Tagebuch aus Saga geschrieben. Saga ist ein ländlicher Ortsteil von Kyoto, fast ganz verborgen in den westlichen Hügeln der Hauptstadt. Hier lebte und dichtete Kyorai, hierher kam Bashō dreimla zu Besuch.
Kyorai, ein ehemaliger Samurai lebte ärmlich in seiner Hütte wie ein einfacher Bauer und widmete sich der Haiku Dichtung. In einem Herbst wuchsen wunderbare Persimonen auf den Bäumen rund um seine Hütte, die er auf dem Markt verkaufen wollte. Damit wäre sein Überleben für den nächsten Winter gesichert. Aber in der Nacht vor dem Erntetag tobte ein gewaltiger Taifun und keine einzige Persimone blieb oben auf den Bäumen. Am Morgen sah Kyorai, dass seine gesamte Ernte vernichtet war. Aber seine Verzweiflung wich schon bald einer ruhigen Gelassenheit, die aus seinem Leben im Zen entsprang.

Rakushisha

Küche des Rakushisha

Die strohgedeckte Hütte liegt direkt hinter einem Reisfeld. Wenn man das kleine Tor durchschreitet, erreicht man eine Welt der Stille im Gedenken an den Haikudichter.

Die Nachtigall singt.
Keine Persimone fällt!
Die tiefe Stille!

Nur ein Shishiodoshi, das Bambusrohr, das immer wieder mit Wasser gefüllt wird, kippt und entleert das Wasser mit einem ‚Platsch‘ und schlägt dann mit einem lauten Ton auf einen Stein. Das durchbricht die Stille, die durch den Laut noch viel tiefer zu werden scheint.

shishiodoshi

Shishiodoshi des Rakushisha


Das Bambusrohr fällt.
Der Klang zerteilt die Stille.
Die Nachtigall singt.

Aber was ist das? Im Zuflußrohr aus Bambus sitzt unberührt vom lauten ‚Klack‘ ein winziger Laubfrosch und genießt das Wasser.

Frosch

Frosch im Rohr

Da der kleine Frosch
sitzt mitten im Wasserrohr!
Shishiodoshi!

Frosch im Shishiodoshi


Der stille Garten!
Bashō sitzt im Wasserrohr –
aber er springt nicht!

Fremde im Garten
versuchen sich in Haiku-
Bashō lacht sich tot!

Sommertag

Seit Wochen schon liegt eine drückende Hitze über dem Land.
Selbst in Griechenland sind die Temperaturen niedriger.
Bald schon wird mich mein Weg ins geliebte Land der Griechen führen.
Dort auf der Insel weht immer frische Wind und die Wellen des Meeres spenden Kühle.

Das Meer der Griechen!
Oh! Mein Herz ruft sehnsuchtsvoll:
Archipelagos!

Aber noch sitze ich auf der Terrasse und versuche, die Hitze zu überstehen.
Wann wird es wohl endlich kühler werden?

Zwetschen im August

Heißer Sommertag.
Nebelblaue Zwetschen
erwarten den Herbst.

In Japan hat der August den Beinamen „Monat der fallenden Blätter“. Aber nicht nur die Blätter fallen gelb zu Boden. Auch die grünen Sommeräpfel geben in der Hitze auf und fallen.

Fallende Blätter.
Grüne Äpfel am Boden.
Bienen laben sich!

Äpfel auf dem Weg heim

Nutzlos gefallen
kehren die Äpfel zurück –
heim zum Uralten.

Haiku am Benediktushof

Am letzten Wochenende haben wir wieder ein Seminar über Haiku und Zen am Benediktushof gehabt. Dabei sind viele neue Haiku entstanden.

Am Benediktushof führt eine alte Steinbrücke über den Bach zum Klosterhof. In der Mitte der Brücke, über dem eilig murmelnden Bach wacht still die steinerne Figur des Heiligen Nepomuk, der schon seit Jahrhunderten die Wege der Mönche zum Gebet geleitet hat.
Ich gehe den Bach entlang und steige die Stiege zum uralten Fachwerkbau empor.
Drinnen führt eine moderne Treppe bis zum Seminarraum unterm Dach, direkt unterhalb des Glockenturms. Die Glocke wird nur noch selten geläutet, etwa zu Hochzeiten oder Taufen in dem barocken Kirchenbau von Balthasar Neumann, der auch die Würzburger Residenz erbaut hat.
Schon als ich das Treppenhaus betrete, duftet es nach japanischen Räucherstäbchen, die eine ganz fremde Welt in diesem christlichen Klosterbau wachrufen. Gespannt steige ich die moderne Stiege empor, die den Wandel der Zeiten anzeigt.
Da, in der Mitte des Treppenhauses auf einem Tischen steht ein Blumengesteck, davor ein einziges Räucherstäbchen. Die duftenden Wolken steigen empor und begrüßen die wuchtigen Pinselstriche eines chinesischen Meisters auf der Hängerolle an der Wand darüber:
Buddha!
Ich folge dem Duft nach oben bis in den Seminarraum: Haiku und Zen!

Buddha

Buddha


Duftende Wolken
Unter der Hängerolle
Künden von Budda.
Steile Treppenstufen
Bis hinauf zum Glockenturm.

Neues von Bashō’s Frosch.

Bashō’s Frosch

   Furu ike ya                  Alter Teich!
   Kawazu tobikomu     ein Frosch springt hinein in –
  Mizu no oto                Geräusch des Wassers.

An einem Frühlingstag im April saß der Dichter Bashō mit seinem Dichterfreund Kikaku in seiner Hütte am Fluss nördlich der Hauptstadt Edo. Die Papierschiebetüren waren weit geöffnet und gaben den Blick auf den Garten frei.
Es war ein milder Tag und es hatte geregnet. Das Moos im Garten leuchtete nass und grün wie das kühle Feuer eines Smaragds. Tautropfen glitzerten auf dem dichten Moos wie Mondperlen. Alte, immergrüne Kiefern gaben tiefen Schatten. Still und verträumt lag der alte Teich. Er gab das Geheimnis seiner Tiefe nicht preis. Sein dunkles Wasser spiegelte den Himmel mit seinen silbernen Wolken. Man schaut hinunter ins Wasser und sieht den Himmel hoch oben. Je tiefer man in das Wasser schaut, desto höher erhebt sich das Herz zum Himmel.

Am Teichrand begannen gerade die Bergrosen zu blühen. Sie gaben den einzigen Farbfleck in der Symphonie von Grün.

Unweit der Hütte, in der die Dichterfreunde auf der Veranda saßen, stand die alte Bananenstaude, die gerade die ersten frischen Blätter trieb. Der Regen tropfte noch von den Bananenblättern, aber sonst tönte die absolut tonlose Stille.

Schweigend und meditierend saßen die beiden Freunde in der Hütte und lauschten der tiefen Stille, die den Garten erfüllte. Kein Geräusch war zu hören. 

»Diese Stille erinnert mich an damals, als wir den Bergtempel in der Provinz Yamagata besucht haben. Dort herrschte die wunderbare Stille in der Felsenlandschaft. Und du hast damals diese Stille beschrieben:

‚Shizukasa ya / iwa ni shimi-iru /semi no Koe
Stille …! / Tief bohrt sich in den Fels / das Sirren der Zikaden.«

»Nein!«, erwiderte Bashō. »Das war eine ganz andere Stille! Ist dir aufgefallen, wie viel mal ich das ‚I‘ in dem Haiku verwendet hatte? Das imitiert das Sirren der Grillen in der Hitze der Felslandschaft. Dieses Stille durchbohrt Felsen.

Aber die Stille hier tönt völlig anders. Es ist die Stille der kühlen Mooslandschaft eines alten Gartens mit einem alten Teich! Es ist die kühle Stille eines taubedeckten Pfades, eines Roji,  in der die Leidenschaften zum Stillstand gekommen sind. Es ist wie der kühle Pfad, der zum Teehaus führt, jenseits der Welt der feurigen Leidenschaften:

Roji wa tada / ukiyo no hoka no
Michi naru ni / kokoro no chiri no nado chirasan

Da der taubedeckte Pfad / nichts anderes ist
als ein Weg abseits des Weltgetriebes,
Wird er das Herz wohl von seiner Unreinheit befreien.

Schweigend nickte Kikaku, weil er nun die Stille nicht mehr durch ein fremdes Geräusch stören wollte. Beide saßen in tiefer Versenkung und lauschten der Stille. Und da! Plötzlich: Platsch!
Unwillkürlich sprach Bashō:

Kawazu tobikomu – Mizu no oto
Ein Frosch springt in – den Ton des Wassers!

Kikaku rief überrascht: „Das erinnert mich an dein Haiku von damals, als wir mit dem Pferd unterwegs waren:

‚Da! Am Wegesrand die Hibiskusblüte! Und schon hat sie mein Pferd gefressen!‘

Was für ein Augenblick der überraschenden Vergänglichkeit. Und was du eben vom Frosch gesagt hast, sind ja die beiden letzten Zeilen eines Haiku! Genau sieben und fünf Silben!«.

»Was soll ein Haikudichter in einem solchen Augenblick der Überraschung anders sprechen als ein Haiku?«, erwiderte Bashō. »Aber du sagst nicht, dass der Frosch ins Wasser gesprungen ist, sondern in den Ton? Denn Mizu no oto ist nicht das Wasser – mizu, sondern der Ton – oto des Wassers.«

»Hast du gesehen, wie der Frosch ins Wasser gesprungen ist? Oder hast du nur den Ton des Wassers gehört?«

»Schon, ich habe auch nur einen Ton gehört. Aber woher willst du wissen, dass es ein Frosch war, der ins Wasser – oder vielmehr in den Ton – gesprungen ist? Es ist ja überhaupt kein Frosch zu sehen!« »Woher willst du wissen, dass ich nicht weiß, dass ein Frosch gesprungen ist? Hinter dem Zaun Hörner sehen und schon wissen, dort weiden Rinder. Hinter dem Berg Rauch sehen und schon wissen, dort brennt ein Feuer. Den Ton des Wassers hören und schon wissen, dort war ein Frosch. Das ist das täglich Brot des Zen-Menschen!«

Die beiden Freunde haben keinen Frosch gesehen, der am Teichrand sitzt, und dann – nach reiflicher Überlegung – in das Wasser springt, das jetzt als Folge einen Ton erzeugt. Zuerst ist überhaupt nur der Ton, der wach macht. Da! Ein Ton im Wasser! Das muss ein Frosch gewesen sein. Aber der Frosch ist schon längst wieder verschwunden.
Bashō’s Freund Kikaku sagte: »Du warst derart in den Ton versunken, dass ich fast sagen möchte, nicht der Frosch ist gesprungen, sondern Bashō:

Bashō wa tabikomu – mizu no oto
Basho sprang in den Ton des Wassers.

»Hast du etwa gesehen, wie ich gesprungen bin?« »Nein, du hast ganz still gesessen und nur plötzlich den Kopf gehoben. Aber dein Gesicht war ganz verklärt, als würdest du in einer anderen Welt weilen!«

»Du hast recht, ich war tatsächlich ganz plötzlich mit einem Sprung hellwach! Es ist schon merkwürdig: Du hörst einen Ton und schon ist er wieder verschwunden. Aber wie ein Echo klingt er noch lange nach. Nicht draußen im Garten, aber drinnen im Herzen. ‚Auch wenn man mit Leib und Herz gesammelt Farben anschaut oder Töne vernimmt, ist es nicht, so nahe man sie auch erfasst, wie wenn ein Speigel das Spiegelbild aufnimmt, nicht so, wie der Mond im Wasser. Während die eine Seite sich erweist, bleibt die andere dunkel.‘  Du hörst den schon längst vergangenen Ton nur, wenn du wie der Mond im Wasser bist. Du musst ganz hineinspringen!«

Erst, wenn der Ton erklingt, bemerkt man, daß da ein Frosch gewesen sein muss, ja, dass da überhaupt ein Teich ist! Der Ton macht wach und ruft in das Erleben! – Der alte Teich in tiefer Stille. Plötzlich: Platsch! Was war das? Ach, ein Frosch ist ins Wasser gesprungen.

Die gesamte Szenerie des Gartens konzentriert sich in diesem einen Ton. Sie wäre ohne ihn nicht bewusst geworden. Der Ton des Wassers hebt jede Trennung von Subjekt und Objekt auf. Er ist wie ein plötzliches, blitzartiges Wachwerden, wie ein Satori! Es ist wie das Klatschen der einen Hand von Zenmeister Hakuin. Da! – Ein Frosch1

Im mizu no oto, dem Geräusch des Wassers, bricht das Herz auf, Subjekt und Objekt werden Eins und alle »Farben« des Herzens verschwinden und verwandeln sich zu dem einen Ton, der Alles enthält. Ganz wach stehen wir und lauschen dem Ton, der schon nicht mehr tönt. Wir wissen, da muss ein Frosch gewesen sein, aber der ist schon längst verschwunden. Jetzt ist nur noch Stille!  Aber wir stehen ganz wach und staunen!

»Gut, aber ich habe noch eine Frage!«, sprach Kikaku.  »Warum hast du den Frosch mit dem Wort ‚Kawazu‘ und nicht mit dem umgangssprachlichen ‚Kaeru‘ genannt?«

»Das Wort ‚kaeru‘ ist mir zu vieldeutig. Sagen wir nicht auch zum Frühling ‚Kaeru‘? Es ist zwar heute ein Frühlingstag, aber der Frühling ist nicht gesprungen. Der Frosch ist dorthin gesprungen, wo er herkommt, in seinen Ursprung. Und auch das heißt ja ‚kaeru‘!«  »Dann war das also kein Sprung, sondern ein Ur-Sprung?«

»Ja, so kannst du es sagen! Und auch ich bin gesprungen. In den unmittelbaren Augenblick, an dem ich ganz und gar beim Ton war und mich selbst völlig vergessen habe. Sagt Dogen nicht: ‚Den Buddhaweg lernen heißt sich selbst lernen. Sich selbst lernen heißt sich selbst vergessen! Im Hören des Tones habe ich mich völlig vergessen!«

»Gut, das verstehe ich. Aber wir reden um den Ton herum und haben immer noch keine erste Zeile für das Haiku. Schau dort, die Bergrosen beginnen zu blühen. Darum schlage ich vor:
‚Die Bergrose blüht.‘«

»Nein, das sind zwar fünf Silben, aber das passt nicht! Die Bergrose hat nichts mit dem Ton des Wassers zu tun. Außerdem bringt sie mir zuviel Farbe in das Bild. Alles ringsherum ist Grün. Der Teich, das Moos, die Bäume und vermutlich auch der Frosch, der gesprungen ist!  Ich habs:

‚Furu Ike ya! – Alter Teich!

Das ist wie ein Ruf der Überraschung, denn das ya ist nur wie ein Ruf. Das bereitet den überraschenden Sprung in den Ton vor. Damit haben wir eine Einheit vom Teich und vom Ton! Und keine zusätzliche Farbe. Das ist die Farblosigkeit des wabi, so wie es das alte Gedicht sagt:

Miwataseba
Hana mo momiji mo
Nakarikeri
ura no tomaya no
aki no yûgure

So weit man auch schaut
weder Kirschblüten noch roten Ahorn
gibt es da
bei der flüchtigen Hütte am Strand
in der Abenddämmerung des Herbstes «

Die beiden Freund saßen noch lange schweigend und schauten in den Garten und auf den Teich. Langsam färbte sich der Himmel im Abendlicht golden rot und das Grün leuchtete warm und friedlich.  Die Luft war lau und feucht vom Regen.

Und da: Ganz plötzlich, wie auf ein Kommando setzte ein gewaltiger Lärm ein. Eine ganze Heerschar von Fröschen stimmte ein Konzert an und ihr Quaken klang weithin in die beginnende Nacht.

Nachtrag

Der Frosch ist schon ein respektloses Wesen. Er platzt ohne jede Ehrfurcht mitten in die heilige Stille. Unbekümmert um Konventionen und Vorschriften. Er springt, wenn er springt und er quakt, wenn er quakt. Er ist immer schon im Ursprung und eins mit sich selbst. Vielleicht sollten wir alle werden wie die Frösche?

Sengai- meditierender Frosch

 

Zenmeister Gibbon Sengai hat in einer berühmten Zeichnung dem Frosch seine Reverenz erwiesen. Mit breitem Grinsen hockt er da. Die krakelige und ironisch unordentliche Inschrift auf der Zeichnung besagt: „Ja, wenn der Mensch durch Sitzen Buddha werden kann …..!“. Da sitzt ihr nun ihr Zenmönche und bemüht euch ernsthaft und mit aller Aufrichtigkeit und Strenge, durch die Übung des Sitzens die Buddhaschaft zu erreichen und in den Ursprung der Dinge zurückzukehren! Das habe ich, der dumme Frosch sowieso! Schon mein Name kaeru sagt, dass ich immer schon zurückgekehrt bin in den Ursprung. Und außerdem kann ich viel besser und schmerzfreier sitzen als ihr alle!

Der Frosch ist zwar ein respektloses Wesen, aber er ist zugleich ein Buddha, denn er kann besser sitzen als alle Mönche zusammen.

 

Dies ist ein Auszug aus der neu bearbeiteten Version der alten Japanischen Legenden in „Mukashi mukashi“.
Die Neuauflage wird in diesem Herbst erscheinen.
PS:

Das Buch ist erschienen: Vor langer Zeit – Mukashi mukashi / Verlag
Buch kaufen beim Autor auf Wunsch mit persönlicher Widmung und japanischem Kalligrafie-Stempel

Viereinhalb Matten

Über den Teeraum und das neue Schwimmbad am Feuerberg habe ich eine kleine Meditation geschrieben. Hier der Text:

Viereinhalb Matten.
Aki chikaki
kokoro no yoru ya
yo jo han

Der Herbst kommt heran.
Das Herz erfüllt von Sehnsucht:
Viereinhalb Matten

Der japanische Dichter Bashō, der sein Leben dem Zen und der Haiku- Dichtung geweiht hatte, schrieb dieses kleine Meisterwerk. In den knappen 5 / 7 / 5 Silben eines Haiku beschwört er die Sehnsucht nach Geborgenheit und Frieden.
Sein Leben war eine stete Wanderschaft. Er lebte dieses Wanderleben, um zu zeigen, dass unser aller Leben nichts ist als eine Wanderung zwischen Geburt und Tod. Aber die Sehnsucht nach Geborgenheit und Ruhe wohnt tief in unserem Herzen.

Die viereinhalb Matten sind der Teeraum in seiner idealen »Größe«.
Draußen beginnen die Herbststürme zu toben. Aber drinnen glüht das sanfte Holzkohlenfeuer und das Singen des Teekessels wärmt das Herz. Der Tee duftet und alle Sinne werden erfrischt und klar. Der enge Raum weitet sich und die ganze Welt ist versammelt in einer Schale Tee.
Yo-Jo Han ist ursprünglich nicht der Teeraum, sondern ein Flächenmaß von kaum 10 Quadratmetern. Aber dieser winzige Raum ist so weit wie der offene Himmel.
»Das Singen des Teekessels beneidet den Wind in den Kiefern«, so hatte im 15. Jahrhundert einmal ein Berater des Shogun Yoshimasa gesagt. Der Wind in den Kiefern streift frei durch die offene Weite des Himmels und das Singen des Teekessels bringt diese Weite in den kleinen Raum. Selbst der mächtigste Mann Japans sehnte sich nach der Stille und dem Frieden im Teeraum.

Zur Zeit Buddhas lebte ein Mann mit dem Namen Vimalakirti. Er war in die Berge gegangen und hatte dort zurückgezogen in einer Hütte von genau Yo-Jo Han – 10 Fuß im Quadrat – meditiert und war zum Buddha geworden. Seine Buddhaschaft aber lebte er tätig mitten im Leben eines reichen und wohltätigen Kaufmannes. Als er krank wurde, wollte Buddha einen seiner Jünger zu Vimalakirti schicken. Aber einer nach dem anderen lehnte ab. Sie waren nicht würdig, denn sie konnten ihre Buddhaschaft nur in der Einsamkeit oder der Geborgenheit eines Klosters verwirklichen, aber nicht wie Vimalakirti mitten im tätigen Leben.

Der japanische Dichter Kamo hatte sich im 13. Jahrhundert nach dem Vorbild Vimalakirtis in eine solch kleine Hütte in den Bergen zurückgezogen. Der Teeraum in seiner schlichten Gestaltung und Größe folgt dem Vorbild Kamo’s. Seine Hütte »war kaum größer als der Kokon einer Seidenraupe«. Aber die Seidenraupe verwandelt sich im Kokon zu einem wunderschönen Schmetterling. So schenkt auch die Enge des Teeraumes eine solche stille Verwandlung.

In der chinesischen Mythologie gibt es irgendwo weit im Ostmeer eine Insel der Götter. Sie ist genau 10-tausend Fuß im Quadrat. Der Teeraum mit seinen 10 Fuß im Quadrat ist wie ein Spiegel dieser Götterinsel. Dort empfangen alle Götter ihre ‚Urkunde des Lebensursprungs‘. Der Name dieser Insel lautet auf Japanisch Ho-Jo. Der Lebensursprung spiegelt sich im Teeraum und im Herzen der Menschen. Das offene Herz ist genauso weit wie die riesige Götterinsel. Wahre Größe hat ihren Ursprung im Herzen, nicht in der Größe und Pracht gewaltiger Räume.

Der indische Prinz Boddhidharma hatte den Zen nach China gebracht. Auf seinem Weg begegnete er dem Kaiser Wu Di. Der fragte ihn nach der höchsten Wahrheit des Buddhismus. Boddhidharma antwortete nur: »Offene Weite. Nichts Heiliges.«
Später saß er neun Jahre mit dem Gesicht zur Wand in einer Höhle und meditierte. Als er müde wurde und ihm die Augen zufielen, riss er sich die Lieder ab und warf sie zu Boden. Daraus entstand der Teestrauch. Seine Blätter helfen nun, bei der Meditation wach zu bleiben. Nach neun Jahren verließ Boddhidharma seine Höhle. Nun war er verwandelt wie der Embryo im Mutterleib.

Die offene Weite verwirklicht sich nicht nur in weiten und großen Räumen oder an ‚heiligen‘ Orten. Vielleicht gerade in der Konzentration eines schlichten Teeraumes gibt es die offene Weite. Die offene Weite kann man aber auch im neuen Schwimmbad erleben.
Man erlebt die Weite des Himmels und sieht die Wolken ziehen, zehntausend Fuß über der Menschheit‘. Die offene Weite ist nicht außen, sondern im Herzen. Alle Sorgen verschwinden und ziehen weiter wie die Wolken. Das Herz wird frei und leicht wie ein Vogel. Das ist Zen mitten im Leben.