Der BR und der Teeweg

Heute sind im BR in den „Gedanken zum Tag“ Zitate aus meinem Buch „Im Garten der Stille“ gesendet worden.

BR: Gedanken zum Tag

Ich hoffe doch, dass ich aus dem BR die Zitate aus meinem Buch hier wiedergeben darf ohne gegen ein copyright zu verstossen? Schließlich stammen ja die Zitate von mir selbst! Nur die Auswahl ist vom BR.

BR: Gedanken zum Tag

Montag, 31. August 2015
Sogar der ganz alltägliche Gruß lautet in Japan nicht „Guten Tag!“, sondern ganz einfach „Konnichi wa!“ (…). Und das bedeutet wörtlich nichts anderes als „Dieser Tag ist es!“ Genau dieser Tag! Und es ist wie eine Mahnung: Lebe in diesem Tag und nicht in der Vergangenheit oder der Zukunft, sei ganz im Augenblick! Das Leben im Jetzt und ganz im Augenblick ist nicht nur eine tiefe Zen Übung, es ist der Weg Buddhas. Aber der ist weder ein Gott noch ein Heiliger, sondern einfach ein Mensch, der isst, wenn er hungrig ist und der schläft, wenn er müde ist. Wir anderen leben nicht nach diesem Prinzip: Wir leben nach den Vorgaben der Uhr und der Dienstpläne. Wir haben Hunger, wenn im Betrieb die Glocke zu Mittag läutet und wir arbeiten, wenn die Dienstzeiten das von uns verlangen. Wir unterscheiden zwischen Arbeit und Freizeit. (…) Wir waren einmal zu Gast bei einem (…) Schneider in Griechenland. Nach dem Kirchbesuch am Sonntagvormittag war er regelmäßig in seiner Werkstatt anzutreffen. Dort werkelte er vor sich hin, während Freunde und Bekannte seiner Werkstatt füllten. Der neueste Klatsch wurde ausgetauscht und lebhafte Diskussionen wurden ausgetragen. Auf unsere Frage an den Schneider, ob er denn niemals einen freien Tag nehmen würde, antwortete er verwundert: „Was soll ich denn dann tun? (…) Hier ist mein Leben!“

Entnommen aus: Gerhardt Staufenbiel „Im Garten der Stille. Hölderlin im Gespräch mit Zenmeister Dogen“, tredition, 2015

Sommerhitze

Die Hitze in den Hundstagen war in diesem Jahr schon sehr groß. Der alte griechische Dichter Hesiod hat diese Zeit in seinen »Werken und Tagen« besungen:

Wenn zur Blüte die Distel nun kommt, und die schwirrende Grille
aus dem Verstecke des Baums nie lässig das tönende Liedchen
Unter den Schwingen zur Zeit des erschlaffenden Sommers herabgießt,
Dann sind Ziegen bei weitem am fettesten, Trauben am besten,
Weiber verlangender dann, obschon am schwächsten die Männer,
da ja Sirios ihnen das Haupt und die Kniee versenget,
Dass von der Hitze der Leib ganz ausdörrt.

Selbst in der Nacht gibt es keine Erholung, denn die Hitze lastet weiter. In der Sammlung Kokinwakashu aus der Zeit um 1000 in Japan entstanden heißt es:

Kaum habe ich mich hingelegt
in dieser Sommernacht –
da kommt schon mit dem Ruf des Kuckucks
das erste Morgenlicht.

Der Kuckuck heißt in Japan Hototogisu, weil sein Ruf für Japaner wie »Hototo – hototo« klingt. Er ruft – wie auch bei uns – seinen eigenen Namen. Wenn im späteren August die Kuckucksblume, der Hototogisu aufblüht, geraten Japaner in Verzückung, fast so wie bei der Kirschblüte oder den roten Ahornblättern, denn diese Blume verspricht, dass bald die große Hitze vorbei sein wird.

In Italien ist der 15. August der Ferragosto. Die großen Ferien beginnen und alle zieht es unwiderstehlich ans Meer. Darum ist Ferragosto eine der schönsten Zeiten des Jahres.

Aber schon heute am frühen Morgen lag die Sonne hinter einem dichten Dunstschleier verborgen und die Luft duftete schon ein ganz klein wenig herbstlich. Und so ist Ferragosto zugleich die Zeit des Umschlages in den Herbst. Am Wochenende waren wir am Benediktushof zu einem Seminar »Zen und Haiku«. Im Zengarten waren schon die ersten Ahornblätter an den Spitzen rot gefärbt.

Über den Felsen
der erste rote Ahorn.
Bote des Herbstes.

Hier im Myoshinan sind wir fleißig damit beschäftigt, unser Sommerkonzert vorzubereiten. Wir haben uns inzwischen zu der Gruppe Drachengesang zusammeng getan. Drachengesang. Zwei Mitglieder des Drachengesanges, Gerhardt Staufenbiel und Rainer Rabus bestreiten dieses Sommerkonzert mit Shakuhachi, Taiko Trommeln, Gongs und Handpan.
Die Shakuhachi, die japanische Trommel und die moderne Handpan werden die Zeit des Überganges vom Sommer zum Herbst feiern. Es wird auch noch eine echt fränkische Überraschung auf die Zuhörer warten. Damit wird das Programm wieder recht bunt: klassische Stücke der Zen-Shakuhachi, Trommeln, Teezeremonie und Lyrik bieten viel Abwechslung. Im zweiten Teil werden wir den Herbst feiern, der die große Ernte und den Gang in die Stille bringt.

Herbsttag

HERR: es ist Zeit. Der Sommer war sehr groß.
Leg deinen Schatten auf die Sonnenuhren,
Und auf den Fluren lass die Winde los.

Befiehl den letzten Früchten voll zu sein;
Gib ihnen noch zwei südlichere Tage,
Dränge sie zur Vollendung hin und jage
Die letzte Süße in den schweren Wein.

Wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr.
Wer jetzt allein ist, wird es lange bleiben,
wird wachen, lesen, lange Briefe schreiben
Und wird in den Alleen hin und her
Unruhig wandern, wenn die Blätter treiben.

Rainer Maria Rilke

Zen und Haiku

Ich hatte alle Teilnehmer des Seminars am Benediktushof eingeladen, ihre Haiku im Forum Haiku einzustellen.
Also schnell noch ein update für den WordPress – Blog machen und schon – funktioniert es nicht mehr!
Man kann sich nicht mehr zum Bearbeiten der Beiträge anmelden. Lange Forschungen im Internet und Ausprobieren ergab die Lösung:
Die Software für das Forum innerhalb des Blogs ist offenbar nicht mit dem Update für WordPress kompatibel und verhindert das Einloggen!

Wieder kein Haiku!
Die Tücken des Internets
verschlucken Alles!

Es bleibt nur noch das Warten
auf ein neueres update!

Das ist zwar nicht schön, aber immerhin ist es ein Waka in der Form
5 – 7 – 5
7 – 7

Ich bitte also Alle, entweder immer mal wieder zu versuchen sich anzumelden oder einfach die Haiku per email zu schicken.
Ich baue sie dann, wenn es wieder geht in das Forum ein.

Offenbar hat das Internet irgend eine Abneigung gegen Haiku, denn schon beim letzten Seminar war es ähnlich: Das Anmelden im Forum hat nicht geklappt. Dann ein ganzes Jahr keine Probleme. Da muss irgendwo eine Haiku – Warnsystem eingebaut sein!

Internet Abmahnungen – Nachtrag

Neuerdings scheinen die Gerichte eingesehen zu haben, dass eine regelrechte Abmahn-Industrie entstanden ist. Entsprechend häufiger wird zu Gunsten der Abgemahnten entschieden.
Nach einem Urteil des Amtsgerichtes Halle richtet sich die Höhe des Streitwertes danach, ob die Nutzung in kommerzieller Absicht erfolgt ist.
Bei den geltend gemachten anwaltlichen Gebührenansprüchen greift, soweit dessen Voraussetzungen – keine gewerbliche Nutzung und/oder kein wiederholter Zugang einer Abmahnung – vorliegen die am 09.10.2013 neu in Kraft getretene In dieser Vorschrift der Bundesregierung wird die Höhe der Abmahngebühr bei nicht gewerblicher Nutzung auf 100 Euro beschränkt.

Eine kommerzielle Nutzung liegt nur dann vor, wenn die Bereitstellung zur Erlangung eines wirtschaftlichen und kommerziellen Vorteils erfolgt, was zu einer Erhöhung des Streitwertes führt. Dafür sind indes keine Anhaltspunkte gegeben. Das Bild wurde nicht verwendet, um damit Verkäufe zu tätigen oder irgend einen anderen wirtschaftlichen Vorteil aus der Nutzung zu ziehen. Es geht also überhaupt nicht darum, ob die gesamte Webseite als »Gewerblich« oder privat anzusehen ist. Der Teil der Seite, auf dem das fragliche Bild verwendet worden ist, dient lediglich zur Information über ein kulturelles Thema ohne jede Gewinnabsicht.

Der Zenmeister und der Pflaumenbaum

An diesem Wochenende mit Haiku und Zen haben wir am Benediktushof die Geschichte von dem Mönch diskutiert, der sich mit den Zähnen am Ast eines hohen Baumes festhält. Der Mönch kann weder mit den Händen noch den Füßen irgend einen Halt im Baum finden. Da kommt ein anderer Mönch vorbei und fragt nach dem Sinn des Kommens von Bodhidharma in den Osten. Wenn der Mönch nicht antwortet ist er unhöflich. Antwortet er, so weiß man nicht, was passieren wird. Ganz sicher aber wird er fallen.
Diese Geschichte habe ich in meinem Buch Mukashi mukashi erzählt.

Barbara hat mir ihre Version der Geschichte geschickt:

Der sich da mit den Zähnen an einem Ast festhält
ist ein bekannter Zenmeister.
Offenbar hat er Pflaumen gepflückt, denn er hat noch beide Hände voll davon,
und er will sie nicht loslassen.
Der Wanderer , der selbst ein Zen-Erfahrener ist,
packt die Gelegenheit beim Schopf und fragt ihn nach dem Sinn , der Buddhaschaft.
Antwortet er nicht, ist er unhöflich, antwortet er erst, wenn er den Ast losgelassen hat, wäre sein Fallen die Antwort;
denn im Zen geht es immer um das gelebte momentane So-Sein und nicht um ein „wenn – dann“ Ziel etwa wie: erst musst Du loslassen, dann kannst Du Deine Buddhanatur erkennen.

Mit Zähnen am Ast hängen
die Antwort zwischen Zähnen
krrr krrr krrr krrr krrr

Mit Zähnen am Ast
Loslassen ist ein Konzept
Antwort ist krrr krrr

„Festhalten hat seine Zeit und Loslassen hat seine Zeit“, im So-Sein befinden sich alle Antworten des Fragenden Lebens.
Barbara

Mir ist dazu eine Antwortgeschichte eingefallen:

Der Zenmeister und die Pflaumen.

Eines Tages kam ein berühmter Zenmeister an einem hohen Pflaumenbaum vorbei, als ihn ein Lüstchen auf reife Pflaumen überkam.
Aber er erkannte sofort: Der Baum ist viel zu hoch!
»Einen Pflaumenbaum sehen und schon wissen: Der ist zu hoch!
Daneben einen Apfelbaum sehen und sofort wissen: Die sind auch schon reif! Ist der tägliche Reis des Kuttenbruders« dachte er bei sich.
Nahm einen Apfel vom Baum der Erkenntnis und zog singend und tanzend seiner Wege.

Kurze Zeit später kam ein Mönch am Pflaumenbaum vorbei.
Verwundert dachte er bei sich: »Komisch, eigentlich sollte hier ein reifer Zenmeister hängen!?«
Aber wenn es keine reifen Zenmeister gibt, dann nehm‘ ich eben einen süßen Apfel.«
Nahm den Apfel, biss herzhaft hinein und zog weiter.

Bald darauf kam ein anderer Mönch vorbei.
»Da ist ein hoher Pflaumenbaum! Da reifen sicher einmal verrückte Zenmeister!«
Er setzte sich mit dem Rücken an den Apfelbaum und wartete.
Er wartete und wartete und er merkte nicht, dass die Pflaumen immer reifer wurden, und eine nach der anderen vom Baum abfielen.
Aber es wurden keine Zenmeister.
Der Mönch merkte kaum, wie es immer kälter wurde und schließlich Eis und Schnee den Pflaumenbaum bedeckten.
Als es allmählich Frühling wurde und der Pflaumenbaum wunderbar blühte, dachte der Mönche:
»Jetzt ist es bald so weit, jetzt wachsen da sicher reife Zenpflaumen heran!«

Allmählich wurde er älter und älter.
Er magerte ganz und gar ab, weil er die wunderbaren Äpfel an dem Baum, unter dem er auf den Zenmeister wartete, überhaupt nicht bemerkte.
Er spürte nicht einmal, wie die Äpfel zu Boden fielen, so sehr war er mit seiner Erwartung bei den Pflaumen.
Langsam wurde es dunkel um ihn und er wusste nicht, ob die Nacht herankam oder ob ihn seine Kräfte verließen.
Dann im gleißenden Licht eines Wintertages erkannte er mit letzter Kraft:
»Das sind keine Pflaumenblüten, das sind Eiskristalle meiner erstarrten Hoffnung!
Zenmeister, die an Bäumen hängen, sind nichts anderes als Pflaumen!«

Glücklich, dass er am Ende seines Lebens doch noch zur Erkenntnis gekommen war, tat er seinen letzten Atemzug
und ging hinüber auf die andere Seite als klar und hell Erleuchteter.
Gya tei gya tei!

Zenmeister am Baum:
ist nichts als eine Pflaume!
Wie gut sind Äpfel!

Nachtrag:

Ursel meinte zu der Geschichte, dass es vermutlich keine Pflaumen sondern Kokosnüsse waren.
Das glaube ich nicht, denn dann müsste ja der Zenmeister ein Affe gewesen sein? Aber der hat ja nicht mit den Nüssen oder Pflaumen geworfen.
Die sind abgefallen weil sie reif waren.
Ganz von selbst!
Und der Baum der Erkenntnis hat weder in China noch Japan gestanden. Das war ganz woanders.

Aber ihr Haiku (leicht von mir abgeändert) ist sehr schön:

Wo ist die (Kokosnuss-)Pflaume?
Alles was hängt muß fallen.
Da ist kein Meister.
   Ursel