Bashō’s Jisei

der letzte Apfel am Baum
Tabi ni yan-de
yume wa kare no o
kake-meguru.
Krank auf der Reise
wandern die Träume dennoch
über dürres Feld.

Basho war auf seiner letzten Reise erkrankt und er fühlte sein Ende nahen.
Noch auf dem Krankenbett schrieb er dieses Haiku. Reisen und Dichten waren für ihn nicht irgend eine Beschäftigung unter anderen, sie waren sein Leben. Seine Schüler baten ihn, sein letztes Gedicht vor dem Tod, sein Jisei zu schreiben, wie es in Japan üblich war.
Aber Basho antwortete:

Wenn irgend jemand nach meinem Jisei – meinem Todesgedicht fragt, so sagt ihm, dass jedes meiner Gedichte mein Jisei war.

Für den Dichter gab es keinen Augenblick in seinem Leben, der ihm nicht sein letzter hätte sein können. Er hatte jedes Gedicht mit dem solchem Ernst geschrieben, dass es sein letztes sein könnte.
Im Teeweg gibt es das Wort

Ichi Go – ichi E
Eine Zusammenkunft – eine Situation

Leben wir so, dass jeder Augenblick unseres Lebens der letzte sein könnte! Verschieben wir unser Leben nicht auf später, leben wir jetzt! Sonst könnte die Situation eintreten, dass wir fragen müssen: „Gibt es ein Leben vor dem Tode?“

Auf Wunsch seiner Schüler schrieb Basho dennoch, weil es die Sitte so verlangt, sein Jisei, sein Todesgedicht:

Heizei sunawachi jisei-nari.
Nanigoto zo kono setsu ni aran ya
Das Alltägliche Gedicht ist das Jisei!
Was könnte in diesem Augenblick Anderes sein?
Basho schieb dieses Gedicht zwei Tage vor seinem Tod.

Herbstabend – Matsuo Bashō

Herbst  im Myoshinan
Meigetsu no
hana ka to mie-te
wata-bataka

Unter dem Herbstmond
sah ich Blumen auf dem Feld –
ach, es war nur Stroh!

Meigetsu ni
fumoto no kiri ya
ta no kumori.

Unter dem Herbstmond
Nebel am Fuß der Hügel.
Die Felder im Dunst.

Herbstabend im Myoshinan
kono michi ya
yuku-hito nashi ni
aki no kure.

Dieser schmale Weg!
Nicht ein einziger Mensch kommt
in dieser Herbstnacht.

Das Leben – nichts als eine Reise

Bashō auf der Wanderschaft
Tsukihi wa hakutai
no kakaku ni shite
yukikau toshi mo
mata tabibito nari.Fune no ue ni
shogai wo ukabe
uma no kuchi wo
toraete oi wo
mukauru mono wa,
hibi tabi ni shite
tabi wo sumika to su. 

Sonne-Mond: sind unterwegs seit hunderten Generationen
– auch die ziehenden Jahre sind Reisende.
So auch diejenigen, die ihr Leben in Booten verbringen,
oder die Zügel des Pferdes in der Hand dem Alter entgegen ziehen:
das Reisen ihr einziger Aufenthalt – Tag für Tag.

Mit diesen ergreifend schönen, im Japanischen wunderbar rhythmisierten Worten beginnt die Dichtung „Oku no hosomichi“ – Die Reise auf schmalen Pfaden durch das Hinterland des Haiku – Dichters Bashō.

Tsukihi – Mond und Sonne – sind sowohl der Mond und die Sonne selbst, die in ihren Wandelgang am Himmel ziehen als auch die Monate und Tage. Sie ziehen ihre Bahnen seit ‚Haku-dai‚, hundert Generationen. Aber dies ist ein Synonym dafür, dass sie schon immer und auch in Zukunft weiter ihre Beständigkeit nur im steten Reisen haben.

Auch die Menschen sind stets und beständig auf der Reise. Die einen schaukeln auf Booten, die anderen führen das Pferd am Zügel. Beide meinen, sie hätten ihr Leben fest am Zügel, so wie man das Pferd führt.

Aber die Reise führt unaufhaltsam dem Alter und dem Ende zu. Für Basho ist die Reise eine Lebensform, aber sicher ist es nicht nur die tatsächliche Reise, zu der er aufbricht und die seine letzte Reise werden sollte. Das ganze Leben ist nichts als eine Reise, in der wir langsam dem Alter entgegen ziehen. Jetzt, im Herbst, der Zeit der fallenden Blätter spürt man die Trauer aber auch die Schönheit, die der Vergänglichkeit innewohnt und wir sehnen uns nach Wärme und Geborgenheit.

Aki chikaki
kokoro no yoru ya
yo jo han 

Der Herbst kommt heran.
Das Herz erfüllt von Sehnsucht:
Viereinhalb Matten

Die viereinhalb Matten des Teeraumes vermitteln Bashō die ersehnte Geborgenheit und Wärme.Der Herbst ist eine wunderbare Zeit des Reisens.
Auch Basho hat in dieser Jahreszeit seine letzte Reise angetreten. Am 12. Tag des 10. Monats verließ er diese Welt.

Leuchtender Herbst

Leuchtender Herbstag.
Shakuhachi klingt leise.
Unten rauscht der Bach.

Glockenspiel im Wind.
Eichhörnchen sammelt Nüsse.
Sonne spielt im Laub.

An Röhren von Holz
reife Beeren wie Korall.
Gelenke von Licht!

Reif sind, in Feuer getaucht, gekochet
die Früchte und auf der Erde geprüfet und ein Gesetz ist,
Daß alles hineingehet, Schlangen gleich,
Prophetisch träumend auf
den Hügeln des Himmels.

Friedrich Hölderlin, Mnemosyne

Ikkyu und der Mond

Ikkyu Ikkyū Sōjun –
Die verrückte Wolke:
Der Zenmeister Ikkyu lebte von 1394 bis 1481.
Er sagte von sich selbst:

Dieser Dichter ist ein halb ertrunkener Schwimmer in einem Fluß von Sake!

Er schrieb ein schönes Gedicht über den Mond:

Ein einziger Mond scheint leuchtend klar
am unbedeckten Himmel.

Doch wir tappen immer noch im Dunkeln

Naja, es ist schon lange her, daß Ikkyu dieses Gedicht geschrieben hat.
Heute sind wir ja – Gott sei Dank – viel weiter als die Menschen zu seiner Zeit!

Oder?!