Shinjin gaku Dô -

Den WEG mit Herz und Leib lernen

(仏道は、 不道を 擬するに不て なり 不学を擬するに 転遠 なり Butsudo ha, fudo wo gisuru ni fute nari, fugaku wo gisuru ni ten on nari)

Der Weg Buddha's ist nicht zu erreichen, wenn man sich auf [ihn als] einen Nicht - Weg richtet; wenn man ihn ohne Lernen und Üben gehen will, entfernt man sich immer weiter von ihm.

WEG - Nicht-WEG / Butsudō - Fudō

Dōgen stellt dem Buddhaweg (Butsudo 仏道) den Nicht-Weg 不道 gegenüber. Ein Weg ist etwas, das man gehen muss, Schritt für Schritt. Es genügt nicht, Kenntnis von der Existenz des Weges zu haben. Wenn man den Weg nicht wirklich geht, so ist es ein Nicht-Weg. Nicht-Weg heißt auf Japanisch auch "Unvernunft, Unverschämtheit". Eine Unverschämtheit ist es, vom Weg nur zu reden und ihn nicht zu gehen. Gehen muss man ihn mit Herz und Leib.

Gleich im ersten Satz bezieht Dōgen eine völlig andere Position als abendländischen Philosophie. Ihr genügt es, die Sachverhalte zu denken, Praxis würde den reinen Geist, die reine Wissenschaft nur beschmutzen.
Einmal war ein Professor der Japanologie bei mir im Teehaus. Er war völlig fasziniert von der Atmosphäre und der Schönheit. Er kam immer wieder zu Besuch um an der Teezubereitung teilzunehmen. Dann forderte ich ihn auf, doch selbst mit der Übung des Weges zu beginnen. Er lehnte das "Ansinnen" entsetzt ab:
"Ich bin Wissenschaftler. Ich beobachte die Dinge. Wenn ich mich selbst auf den Weg begeben würde, so würde ich meine Objektivität verlieren!"
Die Objektivität vielleicht, aber er würde sich selbst auf diesem WEG begegnen. Ist das dann "subjektiv"?

Der deutsche Philosoph Husserl legte 1920 seine Ethik vor. Es wird eine Episode berichtet, dass ihn jemand fragte, ob er sich denn selbst an das hielte, was er in seiner Ethik geschrieben hatte. Husserls Antwort: "Hat man schon jemals einen Wegweiser gesehen, der den Weg geht, den er weist?"
Während des Studiums habe ich es oft erlebt, das Seminarteilnehmer mit wunderbar gesetzten Worten die Philosophie Heideggers erklärten. Sie sprachen in geschliffenen Worten und präzisen Ausdrücken, aber eben im Heidegger - Jargon. Mein Lehrer sagte dann gewöhnlich: "Das haben Sie sehr schön gesagt, aber könnten Sie das mal mit ihren eigenen Worten wiederholen!" Der Erfolg war in aller Regel ein hilfloses Stottern. Es waren zwar die Worte gelernt, aber sie wurden nur nachgeplappert. Es war keine persönliche Erfahrung dahinter.
Einmal habe ich ein im kleinen Kreis gehaltenes Seminar über Hölderlin abgebrochen. Ein Teilnehmer hatte Philosophie studiert und wußte einfach schon alles über Hegel und Hölderlin, aber er weigerte sich beharrlich, sich auf die Texte einzulassen und eigene Denkerfahrungen zu machen.

Martin Heidegger sagte einmal: "Der größte Feind des Denkens ist die Philosophie!"
Die Philosophie als Philosophie-Geschichte verstanden, kann wunderbar alle Gedanken der Denker wiedergeben, bleibt aber ganz wesentlich erfahrungslos, weil sie sich beharrlich weigert, den Denk-WEG selbst zu gehen. Eine Er-Fahrung im ursprünglichen Sinne des Wortes macht man nur, wenn man aufbricht in fremde Welten und sie er-fährt. Die altgermanischen Dialekte besitzen ein Wort für gehen, reisen, und namentlich zu Schiffe fahren (goth. ga-leiþan, alts. ags. lîðan, altnord. lîða), welches auch im Althochdeutschen als lîdan bezeugt ist. Lîdan ist nicht nur das Reisen und Unterwegs-sein, es ist zugleich das Erleiden des Heimwehs, das Leiden, das man erfährt im fremden Land. Das alte Deutsche Wort Ellende - Elend heißt dann auch außerhalb des eigenen Landes, eben im fremden Land, im Aus-Land, dem Ellend sein. Vielleicht bleibt die Philosophie deshalb erfahrungslos, weil sie sich fürchtet vor dem Ellende, das einem auf dem Weg ins Fremde zustoßen kann.

Aber nicht nur Philosophen fürchten sich vor der Erfahrung des Fremden. Immer wieder erlebt man Menschen, die zwar ungeheuer angezogen sind von den WEGEN, sich aber letztlich nicht wirklich auf den WEG einlassen. Sie tun so, als würden sie den Zen-Weg gehen, sie tun so, als würden sie den Teeweg gehen. "Wenn ich mich auf die strenge Form einlasse, so fürchte ich, dass ich meine Spontaneität verliere!"

Bei den Wegen fürchtet man, seine "Spontaneität" zu verlieren. Aber wenn wir uns auf das Feld der Mathematik begeben, so weiß jeder, dass man mit Spontaneität nicht weit kommt. Man muss eben die Regeln lernen.

Das Lernen, das auf dem Buddha-Weg erforderlich ist, unterscheidet sich von dem Lernen mathematischer Formeln oder vom Lernen dessen, was andere Philosophen vor mir gesagt oder geschrieben haben. Es ist kein blosses zur Kenntnis nehmen. Lernen, japanisch gaku zeigt das Bild eines kleinen Kindes unter einem Dach. Das Dach bildet den Schutzraum für das Lernen. Es ist ein kleines Kind, das lernt und auf dem Weg des Lernen zu einen vollwertigen Menschen heranreift.

Lernen ist nicht nur lernen von Lernstoff, den man aus-wendig lernt, das Lernen des Weges ist ein in-wendig lernen. Unser Lernen in der Schule ist viel zu sehr auf das Lernen und Vermitteln von "Lernstoff" ausgerichtet. Das Lernen, um das es hier geht ist das Lernen, ein Mensch zu werden. Auch der Schreiner "lernt" sein Handwerk. Er lernt aber nicht nur die verschiedenen Holzarten und die Funktion eines Hobels kennen. Er muss auch lernen, den Hobel richtig zu gebrauchen. Heidegger schreibt einmal, Denken lernt man nicht indem man liest, wie andere Philosophen gedacht haben, sondern indem man sich in das Element des Denkens begibt, so wie man schwimmen nur lernt, wenn man sich in das Element des Schwimmens begibt. Wir schätzen das Denken der Hand viel zu gering ein, wenn wir meinen, dass Lernen nur einen "geistigen" Aspekt hat. Wenn der Schreiner das Hobeln lernt, kann er das nur erfolgreich bewältigen, wenn er versteht, was er tut und wenn er zugleich das Verstandene verwirklichen und in Handlung umsetzen kann. Auch wenn wir den Zen 'lernen', muss die Hand, muss der Leib beteiligt sein, oder wie Dōgen sagt: shin-jin gaku dō, den WEG mit Herz UND Leib lernen.

"Der Weg Buddha's ist nicht zu erreichen, wenn man sich auf ihn als einen Nicht-Weg richtet (不道を 擬するに不て なり ). Sich richten auf, japanisch gisuru 擬する heißt "sich richten auf ..". Eine Waffe richtet man auf etwas, eine Sache sieht man an als .., aber gisuru heißt auch etwas nachahmen oder nachäffen, etwas kopieren. Sich auf den Weg als Nicht-Weg Fu-Dō zu richten ist ein Nachäffen und so tun als ob. Man ahmt die Form nach, aber es ist nur eine leere Hülse, weil man sich im Innersten weigert, sich auf das Er-fahren und Fremd-sein im Ungewohnten einzulassen. Das Ungewohnte macht einfach Angst, Angst vor der Fremdheit, die vielleicht aufbricht. Die Angst etwa vor dem Verlust der eigenen Spontaneität ist die Angst, sich auf das Neue einzulassen und den Weg wirklich zu gehen. Es könnte nämlich sein, dass ich dabei erfahre, dass ich bisher in Vorurteilen und Gewohnheiten meiner alten engen Welt gefangen war.

Nietzsche schreibt im dritten Buch der "fröhlichen Wissenschaft" von der Freiheit der unendlichen Weite. Als Bild schwebt ihm Kolumbus vor, dem das alte Land Europa zu eng geworden war und der sich aufmachte, neue Kontinente zu entdecken:

Im Horizont des Unendlichen. - Wir haben das Land verlassen und sind zu Schiff gegangen! Wir haben die Brücke hinter uns, - mehr noch, wir haben das Land hinter uns abgebrochen! Nun, Schifflein! sieh' dich vor! Neben dir liegt der Ocean, es ist wahr, er brüllt nicht immer, und mitunter liegt er da, wie Seide und Gold und Träumerei der Güte. Aber es kommen Stunden, wo du erkennen wirst, dass er unendlich ist und dass es nichts Furchtbareres giebt, als Unendlichkeit. Oh des armen Vogels, der sich frei gefühlt hat und nun an die Wände dieses Käfigs stösst! Wehe, wenn das Land-Heimweh dich befällt, als ob dort mehr Freiheit gewesen wäre, - und es giebt kein "Land" mehr!

Aber der Weg, den es zu gehen gilt, ist nicht irgend ein Weg, den wir aus eigener Kraft gehen. Die Gefahr, sich zu verlieren und in die Irre zu gehen ist sehr groß, wenn man den WEG nur aus sich allein geht. Der Weg ist eben der Buddhaweg, der Butsudō, den vor uns schon unendlich viele Buddhas und Boddhisattvas gegangen sind.

Jiriki Dō - Tariki Dō

Es sind zwei unterschiedliche Weisen, den WEG zu gehen, den Weg aus eigener Kraft, japanisch jiriki dō 自力道 und den Weg, bei dem uns Hilfe von außen zukommt, dem tariki dō 自力道. Der Weg aus eigener Kraft (jiriki 不道) ist der weitaus schwierigere von beiden. Er ist mit sehr viel Mühsal und Plage verbunden und heißt in Japan der Weg der Mühsal 難行. Wir kennen im Westen das Bild des Künstlers, der unter Mühen und Plagen seinen eigenen Weg sucht und dabei auch unter Umständen scheitert. Martin Heidegger benutzt das Bild des Weges sehr häufig für seine Denk - Wege. Eine seiner Schriftensammlungen hat den Titel 'Holzwege'. Holzwege sind Wege durch das Holz, den Wald. Nur der Waldarbeiter kennt sich im Gewirr der Wege aus, andere laufen im Kreis und in die Irre, häufig auch enden sie ganz abrupt. Hier hat einfach noch kein Waldarbeiter den Weg gebahnt und man muss wieder zurück zum Ursprung des Weges. Holzwege gehen häufig in die Irre aber sie eröffnen im Wirren des Waldes unterschiedliche Ausblicke. Holzwege sind eben keine gebahnten Strassen oder gar Autobahnen, die zielstrebig von A nach B führen. Vielleicht sind Holzwege von der Art, dass es überhaupt nicht auf das Ziel ankommt, wichtig ist, dass man sich auf dem Weg befindet und unentwegt, manchmal unter Mühen, seinen Weg fortsetzt. Allerdings weiß man nie, wohin der Weg führen wird.
Der Weg der Hilfe von Außen (tariki 自力) ist der Weg der Tradition. Wir gehen bereits gebahnte Wege und wissen sicher, wohin der Weg führt, weil ihn schon Viele vorher gegangen sind.

Allerdings sind diese Vorstellungen von den beiden Wegen sehr abendländisch gedacht. Für beide Wege gibt es in Japan eine bildhafte Vorstellung. Der jiriki dō, der Weg aus eigener Kraft entspricht dem Affenbaby, dass sich mit ganzer Kraft an der Mutter anklammert, der tariki dō, der Weg mit fremder Hilfe dem Katzenbaby, das von der Mutter im Nacken gepackt und getragen wird, ohne selbst etwas dazu zu tun.

Der Weg aus eigener Kraft ist das Affenbaby, das sich an der Mutter festklammert. Aber immerhin ist da die Mutter. Der junge Affe ist nicht allein und letztlich findet er seinen Weg auch nicht nur aus sich selsbt. Er braucht seine Kraft nicht, um sich selbst den Weg zu bahnen, das tut für ihn die Mutter. Der Affe ist nicht wie der Künstler oder Denker, der sich aus eigener Kraft auf einen unbekannten Weg begibt. Er kann immerhin noch auf die Mutter vertrauen - die weiß schon, wo es lang geht!
Auch die kleine Katze ist durchaus nicht nur passiv. Wenn sie von der Mutter im Nacken gepackt wird, verfällt sie in eine Haltung, in der sie sich vollkommen der Mutter überläßt und sich nicht dem Getragen werden sperrt. Dieser Weg setzt als eigene 'Leistung' das absolute Vertrauen voraus. Ohne dieses Vertrauen sind wir nicht in der Lage, uns auf diese Weise auf den WEG einzulassen. Hat ein japanischer Schüler einen Meister gefunden, so verfällt er in die Haltung der jungen Katze und überläßt sich in absolutem Vertrauen dem Getragen-Werden. Er kann sicher sein, dass ihn sein Meister niemals fallen läßt und dass er ihn sicher auf dem Weg weiter bringt. Andererseits verlangt der Meister auch dieses totale Vertrauen und das Sich - Überlassen ohne eigenen Willen. Wir haben im Westen keine Erfahrungen mit dieser Art von Wegen und wenn, dann durchaus nicht nur positive. Was ist, wenn der "Meister" kein echter Meister ist, sonder ein Scharlatan?


autor: g.staufenbiel   | © myōshinan chadōjō / teeweg.de