{"id":85,"date":"2009-10-14T14:13:55","date_gmt":"2009-10-14T13:13:55","guid":{"rendered":"http:\/\/teeweg.de\/blog\/?p=85"},"modified":"2016-01-12T16:24:21","modified_gmt":"2016-01-12T15:24:21","slug":"besuch-in-der-synagoge","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.teeweg.de\/blog\/besuch-in-der-synagoge\/","title":{"rendered":"Besuch in der Synagoge"},"content":{"rendered":"<p>K\u00fcrzlich haben wir die j\u00fcdische Synagoge in Ermreuth besucht. Ein pr\u00e4chtiger und sch\u00f6ner Bau in einem kleinen fr\u00e4nkischen Dorf.<br \/>\n<img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/teeweg.de\/graphik\/blog\/Ermreuth-Synagoge.jpeg\" alt=\"\" \/><\/p>\n<p>Obwohl Ermreuth in der Fr\u00e4nkischen Schweiz, ganz in der Nachbarschaft des My\u00f4shinan nur ein kleines Dorf ist, besitzt es dennoch eine pr\u00e4chtige j\u00fcdische Synagoge, die einzige erhaltene l\u00e4ndliche Synagoge Deutschlands. In Ermreuth bestand eine j\u00fcdische Gemeinde bis 1938, heute ist die Synagoge nur noch ein Museum und eine Gedenkst\u00e4tte.<\/p>\n<p>Schon fr\u00fch waren Juden nach Ermreuth gekommen, weil ihnen die Ansiedlung n N\u00fcrnberg untersagt war.\u00a0\u00a0 Die Entstehung der j\u00fcdischen Gemeinde in Ermreuth geht in die Zeit des 16. Jahrhunderts zur\u00fcck. Erstmals werden 1554 Juden am Ort genannt. Die ritterlichen Landsherren in Ermreuth nahmen j\u00fcdische Familien gegen Bezahlung von &#8222;Schutzgeldern&#8220; auf. Bereits im 17. Jahrhundert lebten die j\u00fcdischen Familien vor allem vom Handel mit Vieh und Pferden.<\/p>\n<p>Die Landherren von Ermreuth residierten im Ermreuther Schlo\u00df, dem zweiten gro\u00dfen Bau in diesem kleinen Dorf.\u00a0 Nach dem ersten Weltkrieg hatte die Organisation &#8222;Der Stahlhelm&#8220; im Schloss ihr Domizil. Auch der F\u00fchrer dieser Organisation, Luden\u00addorff, hat das Schloss besucht. Im 3. Reich war im Schloss eine Kreisf\u00fchrerschule der NSDAP untergebracht. Dennoch lebten Juden und Christen eintr\u00e4chtig im Dorf zusammen. Im November 1938 wurde dennoch die Synagoge gesch\u00e4ndet und das Gemeindemitglied Max Wassermann derart vom NSDAP Gauleiter misshandelt, dass er kurz darauf starb. 1939 gelang es einer j\u00fcdischen Ermreuther Familie nach USA zu fliehen. Sie wurden sogar von den Dorfbewohnern bis nach N\u00fcrnberg begleitet.\u00a0 Alle anderen wurden deportiert und ermordet.<\/p>\n<p>Im dritten Buch Mose (Leviticus 19) gibt es einen Text, der sehr beachtenswert ist:<\/p>\n<blockquote><p>Wenn ein Gastsasse bei dir in eurem Land gastet, plackt ihn nicht,<br \/>\nwie ein Spross von Euch sei der Gastsasse, der bei euch gastet,<br \/>\nhalte lieb ihn, dir gleich,<br \/>\ndenn Gastsassen wart ihr im Lande \u00c4gypten.<\/p>\n<p>\u00dcbersetzung: Martin Buber<\/p><\/blockquote>\n<p>Waren die Juden Gastsassen in unserem Land?<\/p>\n<p>Einmal hatte ich ein Gespr\u00e4ch mit Waldemar, einem Juden, der aus Russland wieder nach Deutschland zur\u00fcckgekommen ist.<br \/>\nEr sagte: &#8222;Ich bin Deutscher und hei\u00dfe Waldemar.&#8220; Seine j\u00fcdischen Br\u00fcder lachten: &#8222;Er hei\u00dft Vladimir und ist Russe!&#8220; &#8222;Nein, ich bin in Deutschland geboren und bin Deutscher und hei\u00dfe Waldemar. Man hat mich in Ru\u00dfland Vladimir genannt, aber das ist nicht mein Name!&#8220;<\/p>\n<p>Waldemar schilderte sein Leben:<\/p>\n<p>&#8222;Ich bin in Deutschland geboren, dann kam Hitler. So bin ich nach Ru\u00dfland geflohen. Aber dort mochte man keine Juden. Ich wurde nach Sibirien deportiert. Dann kam ich nach Tschernobil. Jetzt bin ich hier. Das war mein Leben!&#8220;<br \/>\nZwei Jahre sp\u00e4ter war Wlademar tot. Krebs.<\/p>\n<p>Waldemar wollte Deutsch lernen. Das setzte er mir in einem langen Gespr\u00e4ch auseinander. &#8222;Aber wir reden doch die ganze Zeit Deutsch miteinander!&#8220; &#8222;Nein, das ist Jiddisch!&#8220; Aber was ist Jiddisch? Ein mittelhochdeutscher Dialekt.<\/p>\n<p>Die Juden in Deutschland waren keine G\u00e4ste, sie waren Deutsche. Sie dachten Deutsch, sie f\u00fchlten Deutsch und sie haben heldenhaft im 1. Weltkrieg als deutsche Soldaten gedient.\u00a0 In Russland durften sie nicht Deutsch &#8211; nein Jiddisch &#8211; reden, sonst w\u00c3\u00a4ren sie erschossen worden erkl\u00e4rte mit Waldemar &#8211; Vladimir.<\/p>\n<p>Wenn sie G\u00e4ste gewesen w\u00e4ren, w\u00e4ren sie vielleicht besser behandelt worden.<\/p>\n<p>In Ermreuth gab es nicht nur die Synagoge, sondern auch das Herrenhaus, das Ermreuther Schlo\u00df, das seine unr\u00fchmliche Geschichte aus dem dritten Reich nach dem Krieg fortsetzte.<br \/>\nAuf einer Ermreuther homepage hei\u00dft es, dass das Schloss an &#8222;eine Privatperson&#8220; verkauft wurde.<br \/>\nDiese Privatperson war Karl-Heinz Hoffmann, der Leiter und Gr\u00fcnder der Wehrsportgruppe Hoffmann<br \/>\nDie Wehrsportgruppe Hoffmann nutzte das Schlo\u00df als Unterkunft.<\/p>\n<p>Am 26. September, kurz nach dem Verbot der Wehrsportgruppe ver\u00fcbte ein Mitglied der Gruppe den Sprengstoffanschlag auf das M\u00fcnchner Oktoberfest.\u00a0 Am 19. Dezember 1980 wurde in Erlangen, nicht weit von Ermreuth der j\u00fcdische Verleger Shlomo Levin von einem Mitglied der Gruppe erschossen.<br \/>\nHeute demonstrieren Neonazis sehr zum \u00c4rger der dortigen B\u00fcrger regelm\u00e4\u00dfig in der kleinen Stadt Gr\u00e4fenberg, kaum 10 km von Ermreuth entfernt.<br \/>\nIm November 1989, 51 Jahre nach der Pogromnacht, gr\u00fcndeten der Landkreis Forchheim einen Zweckverband zur Sanierung und Erhaltung der Synagoge in Ermreuth. 1992 wurde mit der Restaurierung des Hauses begonnen. Am 19. Juni 1994 fand die feierliche Wiedereinweihung des Gotteshauses statt. Die Restaurierung wurde anhand von Befunduntersuchungen, Jugenderinnerungen j\u00fcdischer und Ermreuther Mitb\u00fcrger, sowie einiger Archivalien so gut als m\u00f6glich, getreu dem Original, vollzogen.<\/p>\n<p>Bei unserem Besuch hat uns Rajaa Nadler gef\u00fchrt und die Geschichte der Synagoge nahe gebracht. Aber dann begann sie, den Thora-Schrein zu erl\u00e4utern. Ich habe noch nie solch begeisterte Ausf\u00fchrungen \u00fcber die kabbalistische Ausdeutung der Thora geh\u00f6rt, wie von Dr. Nadler. Mit gro\u00dfer Leidenschaft erkl\u00e4rte sie uns, wie die Thorarolle geschrieben und wie sie gelesen wird. Sie erkl\u00e4rte, dass die Reinigungen im j\u00fcdischen Glauben eine gro\u00dfe Rolle spielen und dass es darum geht, das Wort der Schrift ins Leben umzusetzen.<\/p>\n<p>Rajaa Nadler ist keine J\u00fcdin, sie ist katholische Christin. Sie ist promovierte Orientalistin und stammt aus Syien.<br \/>\nVerheiratet ist sie mit einem fr\u00e4nkischen Protestanten. Aber sie ist in der Gemeinde Neunkirchen zust\u00e4ndig f\u00fcr die Synagoge und sie \u00fcbt dieses Amt mit Leidenschaft aus.<\/p>\n<p>Das ist gelebte Toleranz und Freiheit des Geistes!<br \/>\nIch habe ihr geschrieben, dass mich Ihre Ausf\u00fchrungen sehr ber\u00fchrt haben.<br \/>\nMorgen kommt sie zu uns ins Teehaus. Dort werden wir im Zeichen des Geistes, der \u00fcberall weht, der Offenheit und der Toleranz eine Schale Tee teilen.<\/p>\n<div class=\"thanks_button_div\" \n                  style=\"float: left; margin-left: 0px;\"><div id=\"thanksButtonDiv_85_1\" style=\"background-image:url(http:\/\/www.teeweg.de\/blog\/wp-content\/plugins\/thanks-you-counter-button\/images\/thanks_large_blue.png); background-repeat:no-repeat; float: left; display: inline;\"\n                onmouseover=\"javascript:thankYouChangeButtonImage('thanksButtonDiv_85_1', true);\" \n                onmouseout=\"javascript:thankYouChangeButtonImage('thanksButtonDiv_85_1', false);\"\n                onclick=\"javascript:thankYouChangeButtonImage('thanksButtonDiv_85_1', false);\" >\n                <input type=\"button\" onclick=\"thankYouButtonClick(85, 'You left &ldquo;Thanks&rdquo; already for this post')\" value=\"Danke 4\"\n                  class=\"thanks_button thanks_large thanks_blue\"\n                  style=\"  font-family: Verdana, Arial, Sans-Serif; font-size: 14px; font-weight: normal;; color:#39b778;\"\n                  id=\"thanksButton_85_1\" title=\"Click to leave &ldquo;Thanks&rdquo; for this post\"\/>\n             <\/div><div id=\"ajax_loader_85_1\" style=\"display:inline;visibility: hidden;\"><img decoding=\"async\" alt=\"ajax loader\" src=\"http:\/\/www.teeweg.de\/blog\/wp-content\/plugins\/thanks-you-counter-button\/images\/ajax-loader.gif\" \/><\/div><\/div><div id=\"wp_fb_like_button\" style=\"margin:5px 5px 5px 0;float:left;height:100px;\"><script src=\"http:\/\/connect.facebook.net\/en_US\/all.js#xfbml=1\"><\/script><fb:like href=\"https:\/\/www.teeweg.de\/blog\/besuch-in-der-synagoge\/\" send=\"false\" layout=\"standard\" width=\"450\" show_faces=\"false\" font=\"arial\" action=\"like\" colorscheme=\"light\"><\/fb:like><\/div>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>K\u00fcrzlich haben wir die j\u00fcdische Synagoge in Ermreuth besucht. 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