{"id":786,"date":"2011-07-20T07:56:15","date_gmt":"2011-07-20T06:56:15","guid":{"rendered":"http:\/\/www.teeweg.de\/blog\/?p=786"},"modified":"2016-01-12T16:25:57","modified_gmt":"2016-01-12T15:25:57","slug":"agios-thomas-erfahrung-gegen-glauben","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.teeweg.de\/blog\/agios-thomas-erfahrung-gegen-glauben\/","title":{"rendered":"Agios Thomas: Erfahrung gegen Glauben"},"content":{"rendered":"<p>Unweit von Lachania liegt am Eingang einer tiefen Schlucht mit einem Wasserfall am Ende die winzige Kapelle des heiligen Thomas, die schon ganz in die Erde eingesunken scheint. Rund um diese winzige Kapelle ein \u00fcberraschend gro\u00dfer Festplatz mit gemauerten Tischen und B\u00e4nken und einem runden Tanzplatz. Sogar eine gemauerte Trib\u00fcne f\u00fcr die Musiker ist dort. Am Festtag des heiligen Thomas kommen M\u00f6nche aus dem Kloster in den Bergen, f\u00fchren eine Liturgie durch und anschlie\u00dfend wird den ganzen Tag gegessen, getanzt und gefeiert. Daran sieht man, welche Bedeutung der Heilige in dieser Region hat.<\/p>\n<div id=\"attachment_787\" style=\"width: 508px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"http:\/\/www.teeweg.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2011\/07\/thomas-fresko.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-787\" class=\"size-full wp-image-787\" title=\"thomas fresko\" src=\"http:\/\/www.teeweg.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2011\/07\/thomas-fresko.jpg\" alt=\"Der heilige Thomas mit seinem Evangelium - Fresko in der Thomas-Kapelle Lachania xx\" width=\"498\" height=\"473\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-787\" class=\"wp-caption-text\">Der heilige Thomas mit seinem Evangelium - Fresko in der Thomas-Kapelle Lachania Neben ihm auf dem Altar (?) - Tisch Brot und Wein: er erkennt das Mysterium der Verwandlung an!<\/p><\/div>\n<p>Wer war eigentlich dieser Thomas, von dem man sonst kaum etwas h\u00f6rt? In der kleinen Kapelle wird er in der Apsis als Altarbild mit einer Schriftrolle dargestellt, auf dem Tisch neben ihm Brot und Wein. Die Schriftrolle ist das lange verschollene und unbekannte apokryphe Evangelium, das Thomas geschrieben haben soll. Es ist niemals in die Reihe der kanonischen Schriften aufgenommen worden und deshalb \u201eapokryph\u201c, au\u00dferhalb der festgeschriebenen \u00dcberlieferung.<br \/>\nErst vor nicht allzu langer Zeit wurde das Evangelium in einer H\u00f6hle in \u00c4gypten gefunden. Es war sorgf\u00e4ltig verpackt und in Tonkr\u00fcgen eingesiegelt. Offenbar wollte man es vor der Zerst\u00f6rung bewahren und f\u00fcr die Nachwelt sichern.<br \/>\nDas Thomasevangelium enth\u00e4lt keine Geschichten, sondern besteht nur aus einer Sammlung von Spr\u00fcchen. In der theologischen Forschung geht man davon aus, dass die Evangelien, die ja erst sehr viel sp\u00e4ter entstanden sind, auf eine gemeinsame Quelle zur\u00fcckgehen, die ebenfalls nur eine Sammlung von \u201eHerrenspr\u00fcchen\u201c war. Erst die Evangelisten, die ja alle Jesus nicht mehr gekannt haben, kleideten diese Spr\u00fcche in Geschichten, die nicht historisch gedacht waren. Sie sollten den Inhalt der Spr\u00fcche lebendiger machen.<\/p>\n<div id=\"attachment_789\" style=\"width: 560px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"http:\/\/www.teeweg.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2011\/07\/kimisis-fresko1.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-789\" class=\"size-full wp-image-789\" title=\"kimisis-fresko\" src=\"http:\/\/www.teeweg.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2011\/07\/kimisis-fresko1.jpg\" alt=\"Kimisis tis Theotokou\" width=\"550\" height=\"367\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-789\" class=\"wp-caption-text\">Tod und Verwandlung der Gottesmutter - Fresko aus der Kirche in Askleipiou bei Lachania<br \/>\nThomas im Vordergrund ist nur schwer zu erkennen<\/p><\/div>\n<p>Wir kennen den heiligen Thomas nur als den \u201eungl\u00e4ubigen Thomas\u201c. Er wollte nicht glauben, sondern selbst erfahren. Die Auferstehung Christi wollte er auch nicht glauben, es sei denn, er k\u00f6nnte seine H\u00e4nde in die Wundmale des lebendigen Jesus legen. In der byzantinischen Zeit wurde Thomas nur dargestellt im Zusammenhang mit der leibhaften Himmelfahrt der Gottesmutter. Maria liegt auf dem Sterbebett, umringt von allen Aposteln. Hinter ihr steht der verkl\u00e4rte Christus in einem mandelf\u00f6rmigen Lichtschein, der Mandorla. Im Arm h\u00e4lt er den Leib seiner Mutter, die wie ein Wickelkind dargestellt ist. Das ist die genaue Umkehrung der Gottesmutter mit dem Kind. Christus ist nun im Begriff, dem Leib seiner Mutter mit in das Himmelreich aufzunehmen. Einzig Thomas kniet gesondert von allen anderen vor dem Sterbebett. Zwei Engel schlagen ihm mit dem Schwert die erhobenen H\u00e4nde ab.<\/p>\n<div id=\"attachment_790\" style=\"width: 405px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"http:\/\/www.teeweg.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2011\/07\/kimisis-ikone.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-790\" class=\"size-full wp-image-790\" title=\"kimisis-ikone\" src=\"http:\/\/www.teeweg.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2011\/07\/kimisis-ikone.jpg\" alt=\"Kimisis tis Theotokou\" width=\"395\" height=\"450\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-790\" class=\"wp-caption-text\">Kimisis tis Theotoku - Ikone aus der Kimisis - Kirche in Askleipiou bei Lachania<\/p><\/div>\n<p>Dieses Mysterium der leibhaften Himmelfahrt Mariens kann man nicht mit H\u00e4nden greifen, deshalb werden Thomas die H\u00e4nde abgeschlagen. Dieses Mysterium, das die M\u00f6glichkeiten des Verstandes und jeder Erfahrung sprengt, kann man nur im Glauben verwirklichen, der ein \u201efest &#8211; f\u00fcr &#8211; wahr &#8211; Halten\u201c gegen jedes intellektuelle Begreifen ist. Es ist ein derart gegen den Intellekt gehendes Glauben, dass erst Pius der XII sich durchringen konnte, dieses Mysterium auch f\u00fcr die katholische Kirche als fest zu Glaubendes Dogma festschrieb. Und das \u00fcbersteigt die M\u00f6glichkeiten eines Thomas, weil es jede Erfahrbarkeit \u00fcbersteigt. Darum wurde allm\u00e4hlich jede Erinnerung an Thomas, der eine eigene Erfahrung forderte gel\u00f6scht.<br \/>\nRhodos und besonders der abgelegene S\u00fcden war weitestgehend von den Diskussionen innerhalb der Orthodoxie, des \u201ewahren Glaubens\u201c abgeschnitten. Zun\u00e4chst sa\u00dfen hier die katholischen Kreuzritter, die nicht an theologischen Problemen der Orthodoxie interessiert waren, sp\u00e4ter die T\u00fcrken. So blieb die Erinnerung an einen einst bedeutenden Apostel bis heute erhalten.<\/p>\n<p>Thomas ist ein griechisches Wort und bedeutet der \u201eZwilling\u201c. Thomas galt als Zwillingsbruder Jesu. Upps? Waren das zwei in der Grippe? Hatte man das einfach immer \u00fcbersehen? Warum gibt es keine Kindheitsgeschichten vom Zwillingsbruder? Hinzu kommt ein schwerwiegendes historisches Problem. Die Existenz von Jesus ist au\u00dferhalb biblischer Quellen nirgendwo nachweisbar. Nur in der Schrift \u00fcber den \u201eJ\u00fcdischen Krieg\u201c von Josephus Flavius findet sich eine einzige kurze Erw\u00e4hnung. Josephus, zun\u00e4chst ein Anh\u00e4nger der Zelotischen Partei, die auf die unmittelbare Ankunft des Messias wartete, wenn man nur selbst anfangen w\u00fcrde, die R\u00f6mer aus dem Land zu jagen. Aber die r\u00f6mische Kriegsmaschinerie war den aufst\u00e4ndischen Zeloten weit \u00fcberlegen und so versank allm\u00e4hlich das gesamte Land in Schutt und Asche. Josephus erkannte, dass der Widerstand das Land zerst\u00f6ren w\u00fcrde und wechselte auf die R\u00f6mische Seite. Die Erw\u00e4hnung von Jesus in seinem Werk kommt nur in einer einzigen Abschrift vor und wird allgemein f\u00fcr eine F\u00e4lschung gehalten.<br \/>\nDagegen ist die Existenz von Thomas sehr gut belegt. Thomas lebte in seinen sp\u00e4teren Jahren nach Indien. Noch heute existieren in Goa die Thomaschristen, die auf seine Missionsarbeit zur\u00fcckgehen.<br \/>\nAu\u00dferdem gibt es eine Menge hinduistischer Schriften, in denen Thomas mit indischen Swamis und Brahmanen diskutiert und immer die Oberhand beh\u00e4lt. Seine Grundthese ist immer, dass es nicht darum geht, Dinge fest zu glauben, sondern eigene religi\u00f6se Erfahrungen zu machen. Das ist durchaus eine alttestamentliche Denkweise. Wenn im Prinzip jeder Mann und jede Frau jederzeit selbst die Stimme Gottes h\u00f6ren kann, dann braucht es keine Priester oder Stellvertreter Gottes, weil Gott selbst spricht.<br \/>\nThomas bedeutet Zwilling, aber das ist ein griechisches Wort. Warum wird ein Jude mit einem griechischen Wort genannt?<br \/>\nIn der Sp\u00e4tantike gab es die religi\u00f6se Bewegung der Gnosis. Die Grundlage des gnostischen Denkens bildet die Geschichte der Sohphia, der Weisheit. Es gibt nach gnostischer Auffassung zwei parallele Welten, die Welt des Lichtes und die der Finsternis. Die Lichtwelt ist erf\u00fcllt von k\u00f6rperlosen g\u00f6ttlichen Wesen, in der Welt der Finsternis herrscht die dunkle Materie. Sophia ist neugierig und schaut \u00fcber den Rand der Lichtwelt hinunter in die Finsternis. Weil sie sich in ihrer Neugier zu weit vorbeugt, st\u00fcrzt sie ab und rei\u00dft ganz viele Lichtfunken mit sich. Sie st\u00fcrzen in die Welt der Finsternis und werden nun im Gef\u00e4ngnis eines Leibes fest gehalten. Manche Lichtfunken haben durch den Sturz vollst\u00e4ndig die Erinnerung an die Lichtwelt verloren, andere sehnen sich zur\u00fcck in ihre Heimat in die sie aber nur gelangen k\u00f6nnen, wenn sie nach langer \u00dcbung endlich den Leib ablegen k\u00f6nnen. Diese Lichtfunken sind wie Zwillinge der leibhaften Menschen, eben ein Thomas. K\u00f6nnte es dann sein, dass Thomas niemand anderes ist, als der Zwilling von Jesus, bzw. der Lichtfunke im Leib von Jesus? Oder anders gesagt, Thomas ist Jesus, der, nachdem er wie auch immer die Kreuzigung \u00fcberlebt hatte nach Indien ging und dort die ersten christlichen Gemeinden gr\u00fcndete.<\/p>\n<p>Wie dem auch sein, der heilige Thomas steht f\u00fcr die Erfahrung, die man selbst machen soll. In den Kirchen hat sich die andere Richtung, in der es um das Glauben als fest f\u00fcr wahr halten durchgesetzt. Damit kann man besser Machtstrukturen aufbauen.<br \/>\n\u201eReligi\u00f6se Erfahrung? Da k\u00f6nnte ja jeder kommen, so wie das Reserl von Konnersreuth!\u201c So das Wort, das ich einmal von einem Theologen geh\u00f6rt habe. Religi\u00f6se Erfahrung ist schon l\u00e4ngst abgeschlossen. Man kann heute keine eigenen Erfahrungen machen, das w\u00fcrde die Einheit der Kirche st\u00f6ren. Die Erfahrungen aus der alten Zeit werden von den Theologen und letztlich dem Stellvertreter Christi ausgelegt. Nun wei\u00df jeder, was er zu glauben hat.<\/p>\n<p>Im Zen und den Zenk\u00fcnsten geht es nicht um Glauben. Der einzige Glaube, der gefordert wird, ist das Vertrauen auf den Lehrer. Aber der spricht \u2013 wenn er ein echter Lehrer ist \u2013 nicht aus der \u00dcberlieferung, sondern aus der eigenen Erfahrung, die er auf seinen Weg vor mir gemacht hat. Darum ist er der Sen-Sei, derjenige, der ein wenig fr\u00fcher die Erfahrung gelebt hat. Der hier geforderte Glauben ist das Vertrauen, dass ich mich der F\u00fchrung eines Erfahreneren anvertrauen, ihm glauben kann.<\/p>\n<div class=\"thanks_button_div\" \n                  style=\"float: left; margin-left: 0px;\"><div id=\"thanksButtonDiv_786_1\" style=\"background-image:url(http:\/\/www.teeweg.de\/blog\/wp-content\/plugins\/thanks-you-counter-button\/images\/thanks_large_blue.png); background-repeat:no-repeat; float: left; display: inline;\"\n                onmouseover=\"javascript:thankYouChangeButtonImage('thanksButtonDiv_786_1', true);\" \n                onmouseout=\"javascript:thankYouChangeButtonImage('thanksButtonDiv_786_1', false);\"\n                onclick=\"javascript:thankYouChangeButtonImage('thanksButtonDiv_786_1', false);\" >\n                <input type=\"button\" onclick=\"thankYouButtonClick(786, 'You left &ldquo;Thanks&rdquo; already for this post')\" value=\"Danke 0\"\n                  class=\"thanks_button thanks_large thanks_blue\"\n                  style=\"  font-family: Verdana, Arial, Sans-Serif; font-size: 14px; font-weight: normal;; color:#39b778;\"\n                  id=\"thanksButton_786_1\" title=\"Click to leave &ldquo;Thanks&rdquo; for this post\"\/>\n             <\/div><div id=\"ajax_loader_786_1\" style=\"display:inline;visibility: hidden;\"><img decoding=\"async\" alt=\"ajax loader\" src=\"http:\/\/www.teeweg.de\/blog\/wp-content\/plugins\/thanks-you-counter-button\/images\/ajax-loader.gif\" \/><\/div><\/div><div id=\"wp_fb_like_button\" style=\"margin:5px 5px 5px 0;float:left;height:100px;\"><script src=\"http:\/\/connect.facebook.net\/en_US\/all.js#xfbml=1\"><\/script><fb:like href=\"https:\/\/www.teeweg.de\/blog\/agios-thomas-erfahrung-gegen-glauben\/\" send=\"false\" layout=\"standard\" width=\"450\" show_faces=\"false\" font=\"arial\" action=\"like\" colorscheme=\"light\"><\/fb:like><\/div>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Unweit von Lachania liegt am Eingang einer tiefen Schlucht mit einem Wasserfall am Ende die winzige Kapelle des heiligen Thomas, die schon ganz in die Erde eingesunken scheint. 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