{"id":758,"date":"2011-06-14T16:41:20","date_gmt":"2011-06-14T15:41:20","guid":{"rendered":"http:\/\/www.teeweg.de\/blog\/?p=758"},"modified":"2016-01-12T16:25:07","modified_gmt":"2016-01-12T15:25:07","slug":"die-reissende-zeit-und-die-stille","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.teeweg.de\/blog\/die-reissende-zeit-und-die-stille\/","title":{"rendered":"Die reissende Zeit und die Stille"},"content":{"rendered":"<p>Im Monatsbrief vom April habe ich \u00fcber die &#8222;reissende Zeit&#8220; und die Ver\u00e4nderungen geschrieben.<br \/>\nDie &#8222;reissende Zeit&#8220; ist ein Wort H\u00f6lderlins. Im Hymnos an den Archipelagos, das Meer der Griechen spricht H\u00f6lderlin das Griechenmeer an:<\/p>\n<blockquote><p>T\u00f6ne mir in die Seele noch oft, da\u00df \u00fcber den Wassern<br \/>\nFurchtlosrege der Geist, dem Schwimmer gleich, in der Starken<br \/>\nFrischem Gl\u00fccke sich \u00fcb` und die G\u00f6ttersprache das Wechseln<br \/>\nUnd das Werden versteh`<\/p><\/blockquote>\n<p>Das Wechseln und das Werden in der Zeit reisst alles weg und bringt Neues hervor, ob wir es wollen oder nicht.<br \/>\nDer japanische Zen Meister und Philosoph Zen Meister D\u014dgen schreibt:<\/p>\n<blockquote><p>Da der Buddhaweg urspr\u00fcnglich \u00fcber den Unterschied von F\u00fclle und Kargheit hinausgeht, gibt es Leben, Geburt und Entstehen und gibt es Sterben und Vergehen, gibt es Erwachen und Irren, gibt es leidende Wesen und Buddhas. Die Bl\u00fctenbl\u00e4tter fallen nur in unseren Neigungen und das Gras wuchert nur in unserem \u00c4rger!&#8220;<\/p><\/blockquote>\n<p>Gut, wenn wir uns \u00e4rgern, wenn die Bl\u00fctenbl\u00e4tter fallen oder das Gras wuchert, sind wir selber schuld. Aber manchmal sind die Ver\u00e4nderungen schon etwas heftiger und die Zeit ist eben doch reissend, so dass &#8222;die Not und das Irrsal unter den Menschen&#8220; zu gross wird.<\/p>\n<blockquote><p>Wenn die rei\u00dfende Zeit mir<br \/>\nZu gewaltig das Haupt ergreift und die Not und das Irrsal<br \/>\nUnter Sterblichen mir mein sterblich Leben ersch\u00fcttert,<br \/>\nLa\u00df der Stille mich dann in deiner Tiefe gedenken.<\/p><\/blockquote>\n<p>Die Stille ist die Stille in der Tiefe des Griechenmeeres. Oben toben die St\u00fcrme und reissen die Wellen alles fort, aber unten in der Tiefe ist die unersch\u00fctterliche Stille. Zwar leben wir Menschen nicht in dieser Stille, aber wir k\u00f6nnen ihrer &#8222;gedenken&#8220; und ein wenig gelassener werden. Ein wenig st\u00fcrmisch und reissend war die Zeit hier im Myoshinan schon, darum galt es, der Stille zu gedenken. Darum haben wir draussen auf der Terrasse einen Meditationssitz gebaut.<br \/>\nAber Stille und Meditation in Zeiten des st\u00fcrmischen Wechsels? Muss man da nicht handeln anstatt still rum zu sitzen?<br \/>\nIn seinem sogenannten Brief \u00fcber den Humanismus schreibt Heidegger:<\/p>\n<blockquote><p>Wir bedenken das Wesen des Handeln noch lange nicht entschieden genug. Man kennt das Handeln nur als das Bewirken einer Wirkung. Deren Wirklichkeit wird gesch\u00e4tzt nach ihrem Nutzen.<br \/>\nAber das Wesen des Handeln ist das Vollbringen. Vollbringen hei\u00dft: etwas in die F\u00fclle seines Wesens entfalten&#8220;<\/p><\/blockquote>\n<p>Das allt\u00e4gliche Handeln ist oft ein blindes Rasen und bewirken Wollen, ein in den Griff bekommen Wollen. \u00dcber dieses blinde und w\u00fctige Machen schreibt schon H\u00f6lderlin im Archipelagos:<\/p>\n<blockquote><p>Aber weh! es wandelt in Nacht, es wohnt, wie im Orkus,<br \/>\nOhne G\u00f6ttliches unser Geschlecht. Ans eigene Treiben<br \/>\nSind sie geschmiedet allein und sich in der tosenden Werkstatt<br \/>\nH\u00f6ret jeglicher nur und viel arbeiten die Wilden<br \/>\nMit gewaltigem Arm, rastlos, doch immer und immer<br \/>\nUnfruchtbar, wie die Furien, bleibt die M\u00fche der Armen.<\/p><\/blockquote>\n<p>Ans eigene Treiben sind sie geschmiedet, das hei\u00dft unfrei und in Ketten gebunden. Je hektischer und heftiger sie das eigene Treiben betreiben, desto unfreier und gefesselter an ihr Treiben sind sie. Das eigene Treiben ist ohne das Licht der Einsicht, es ist wie das Wandeln in der Nacht oder im Abgrund des Orkus, der dunkeln Unterwelt. Ans eigene Treiben geschmiedet sind sie &#8222;allein&#8220;, das hei\u00dft nicht nur allein an das Treiben gefesselt, sondern im blinden Treiben ist zugleich jeder allein und f\u00fcr sich. &#8222;Und SICH&#8220; h\u00f6ret jeglicher nur, die Wilden, die reglos ihren Arm bewegen, aber stets fruchtlos bleiben. Erst der Schritt zur\u00fcck und die Besinnung auf die Stille l\u00e4sst uns wieder in die Harmonie mit dem Ganzen einkehren. Darum ist es gerade in Zeiten des heftigen Wechsels wichtig, den Schritt zur\u00fcck ins Nicht &#8211; Tun und in die Stille zu machen.<\/p>\n<p>Unser Meditationssitz, der nun auch\u00a0 auch allen G\u00e4sten des Myoshinan zur Verf\u00fcgung steht, ist gesch\u00fctzt vor den heftigen Winden, die vom Norden her von der Hochebene der fr\u00e4nkischen Alp wehen. Tags\u00fcber heizt die Sonne die Hausmauer auf und nachts kann man gesch\u00fctzt in der W\u00e4rme der Mauern sitzen und der Stille lauschen.Gott sei Dank liegt das Myoshinan weitab vom Verkehrsl\u00e4rm und anderen L\u00e4mrquellen. Nur hin und wieder h\u00f6rt man ein Auto oder den Nachbarn, der das Heu einf\u00e4hrt.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/teeweg.de\/graphik\/blog\/sitz-ganz.jpg\" alt=\"Meditationssitz im Myoshinan\" \/><\/p>\n<p>Vom Sitz aus hat man einen wunderbaren Blick in die Landschaft und auf die Kirche mit Kirchhof.<br \/>\nNeben dem Sitz steht der Zitronenbusch mit herrlich duftenden Bl\u00fcten.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/teeweg.de\/graphik\/blog\/mado-zitrone.jpg\" alt=\"Marumado mit Zitrone\" \/><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Abends, wenn die Welt still wird, beginnen die V\u00f6gel zu singen. Sie werden immer lauter &#8211; oder scheint das nur so, weil die Welt stiller wird? Die Zitronenbl\u00fcten duften und dann rauscht der Bach. Seltsamerweise ist er tags\u00fcber kaum zu h\u00f6ren Oder ist es auch, weil die Welt stiller wird? Der Bach murmelt immer lauter und schlie\u00dflich verstummen auch die V\u00f6gel. Nur noch &#8211; STILLE!<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/teeweg.de\/graphik\/blog\/meditation.jpg\" alt=\"Meditation\" \/><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">Stilll!<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">Ward nicht die Welt soeben vollkommen?<br \/>\nDie Wiesen und der Zitronenbaum duften.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">Die Glocken riefen zum Abendgebet,<br \/>\ndie V\u00f6gel singen sich in den Schlaf.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">Der Bach murmelt sein ewiges Lied &#8211; wie Sarasvati:<br \/>\nOM MANI PADME HUM.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">Der Himmel ist weit und leer.<br \/>\nDas Licht sinkt hinunter.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">Still!<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">Soben ward die Welt vollkommen!<\/p>\n<div class=\"thanks_button_div\" \n                  style=\"float: left; margin-left: 0px;\"><div id=\"thanksButtonDiv_758_1\" style=\"background-image:url(http:\/\/www.teeweg.de\/blog\/wp-content\/plugins\/thanks-you-counter-button\/images\/thanks_large_blue.png); background-repeat:no-repeat; float: left; display: inline;\"\n                onmouseover=\"javascript:thankYouChangeButtonImage('thanksButtonDiv_758_1', true);\" \n                onmouseout=\"javascript:thankYouChangeButtonImage('thanksButtonDiv_758_1', false);\"\n                onclick=\"javascript:thankYouChangeButtonImage('thanksButtonDiv_758_1', false);\" >\n                <input type=\"button\" onclick=\"thankYouButtonClick(758, 'You left &ldquo;Thanks&rdquo; already for this post')\" value=\"Danke 0\"\n                  class=\"thanks_button thanks_large thanks_blue\"\n                  style=\"  font-family: Verdana, Arial, Sans-Serif; font-size: 14px; font-weight: normal;; color:#39b778;\"\n                  id=\"thanksButton_758_1\" title=\"Click to leave &ldquo;Thanks&rdquo; for this post\"\/>\n             <\/div><div id=\"ajax_loader_758_1\" style=\"display:inline;visibility: hidden;\"><img decoding=\"async\" alt=\"ajax loader\" src=\"http:\/\/www.teeweg.de\/blog\/wp-content\/plugins\/thanks-you-counter-button\/images\/ajax-loader.gif\" \/><\/div><\/div><div id=\"wp_fb_like_button\" style=\"margin:5px 5px 5px 0;float:left;height:100px;\"><script src=\"http:\/\/connect.facebook.net\/en_US\/all.js#xfbml=1\"><\/script><fb:like href=\"https:\/\/www.teeweg.de\/blog\/die-reissende-zeit-und-die-stille\/\" send=\"false\" layout=\"standard\" width=\"450\" show_faces=\"false\" font=\"arial\" action=\"like\" colorscheme=\"light\"><\/fb:like><\/div>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Im Monatsbrief vom April habe ich \u00fcber die &#8222;reissende Zeit&#8220; und die Ver\u00e4nderungen geschrieben. 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