{"id":657,"date":"2011-01-04T14:07:16","date_gmt":"2011-01-04T13:07:16","guid":{"rendered":"http:\/\/www.teeweg.de\/blog\/?p=657"},"modified":"2017-07-12T13:08:59","modified_gmt":"2017-07-12T12:08:59","slug":"ware-tada-tare-shiru-genugsamkeit-und-gluck","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.teeweg.de\/blog\/ware-tada-tare-shiru-genugsamkeit-und-gluck\/","title":{"rendered":"ware tada tare shiru &#8211; Gen\u00fcgsamkeit und Gl\u00fcck"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: left;\">Im Ryoanji Tempel in Kyoto steht das ber\u00fchmte Tsukubai, das Reinigungsbecken f\u00fcr die Teezeremonie.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><img decoding=\"async\" class=\"aligncenter\" src=\"http:\/\/teeweg.de\/graphik\/buddh\/ryoan-tsukubai.jpg\" alt=\"Ryoanji Tsukubai\" \/><\/p>\n<p>Dieses schlichte Steinbecken, das f\u00fcr die Reinigung der H\u00e4nde und des Mundes bei der Teezeremonie benutzt wird, ist wegen seiner Inschrift so ber\u00fchmt, die viele R\u00e4tsel f\u00fcr das Verst\u00e4ndnis aufgibt.<\/p>\n<p>Die Inschrift besteht aus vier Schriftzeichen, die um eine quadratische \u00d6ffnung angeordnet sind. Die gro\u00dfe Kunst der Reduktion besteht darin, dass die \u00d6ffnung selbst ein Schriftzeichen bildet, das als Wurzelzeichen Bestandteil aller vier Schriftzeichen ist. Dieses Zeichen bedeutet &#8222;\u00d6ffnung, Mund&#8220; \u53e3. Eine \u00d6ffnung, die in der Form eines Schriftzeichens geformt ist, das &#8222;\u00d6ffnung&#8220; bedeuted!<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Die vier Schriftzeichen, die jeweils aus dem Zeichen f\u00fcr &#8222;\u00d6ffnung&#8220; und einem weiteren Zeichen zusammengesetzt sind hei\u00dfen<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><img decoding=\"async\" class=\"aligncenter\" src=\"http:\/\/teeweg.de\/graphik\/buddh\/tsukubai_ware tada_schrift.gif\" alt=\"ware tada\" \/><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><i>ware tada taru shiru<\/i><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><span style=\"font-size: 12pt;\">\u543e<\/span> <em>ware<\/em> &#8211; &#8222;ich&#8220; &#8211; hat die Wurzel &#8218;Guchi&#8216; \u53e3, \u00d6ffnung unten,   <em>tada <\/em> <span style=\"font-size: 12pt;\">\u552f<\/span> -\u3000&#8220;nur&#8220; &#8211;  hat das Wurzelzeichen links,  <em>taru<\/em> <span style=\"font-size: 12pt;\">\u8db3<\/span> &#8211; &#8222;ausreichen, gen\u00fcgen&#8220;  hat es oben und <em>shiru<\/em> <span style=\"font-size: 12pt;\">\u77e5<\/span>&#8211; &#8222;wissen&#8220; rechts.<br \/>\nDas Wurzelzeichen wird nur ein einziges Mal geschrieben &#8211; alle Zeichen teilen sich dieses Wurzelzeichen. Und dieses Wurzelzeichen, das &#8222;\u00d6ffnung&#8220; bedeutet, ist zugleich die \u00d6ffnung des Wasserbeckens. Eine Sparsamkeit und Gen\u00fcgsamkeit bis zum \u00c4u\u00dfersten!<br \/>\nDieses Tsukubai ist derart Popul\u00e4r, dass es immer wieder zitiert wird.<\/p>\n<p>\n<img decoding=\"async\" class=\"aligncenter\" src=\"http:\/\/teeweg.de\/graphik\/buddh\/ryoanji-tsukubai-tafel.jpg\" alt=\"Tafel: ware tada ..\" \/><br \/>\nHier ist die Inschrift auf einer Holztafel geschnitzt, daneben stehen die Schriftzeichen Fuku: Gl\u00fcck und Kotobuki: langes Leben. Links davon ein Gedicht. Die Verbindung mit den beiden Zeichen f\u00fcr Gl\u00fcck und langes Leben zeigt, wie man in der Tradition das Tsukubai deutet. Es ist auf jedenfall mit der Vorstellung von Gl\u00fcck verbunden.<\/p>\n<p>Was bedeuted aber nun die Inschrift wirklich? Die vier Schriftzeichen k\u00f6nnen nach der Tradition von oben nach unten und von rechts nach links gelesen werden als<\/p>\n<blockquote><p><i>ware tada shiru taru<\/i> &#8211; Ich einfach wissen ausreichen<\/p><\/blockquote>\n<p>Die eigenwilligste Interpretation, die ich gelesen habe war:\u00a0 &#8222;Nur Ich wei\u00df, dass ich gl\u00fccklich bin&#8220;. Oder: &#8222;Nur durch das Wissen bin ich gl\u00fccklich&#8220;.<\/p>\n<h4> \u543e<em> WARE<\/em> &#8211; Das Egolose &#8218;Ich&#8216;<\/h4>\n<p>Aber von Gl\u00fcck ist nicht die Rede. Und auch nicht von einem <strong>Ego<\/strong>, das \u201eIch\u201c sagen w\u00fcrde.<br \/>\n<span style=\"font-size: 12pt;\">\u543e<\/span> <em>ware<\/em> kann zwar in der \u00e4lteren japanischen Sprache \u201eich\u201c hei\u00dfen, es wird aber auch als Anrede f\u00fcr eine andere Person gebraucht, die rangm\u00e4\u00dfig niedriger steht. Genau besehen gibt es im Japanischen \u00fcberhaupt kein Personalpronom, sondern nur Worte, die etwas im Raum befindliches nennen, eben &#8222;Das hier, das spricht&#8220; oder &#8222;Dasjenige dort dr\u00fcben, das angesprochen ist&#8220;. Zugleich gibt es eine F\u00fclle von solchen Worten, die zugleich die soziale Rangstellung des Sprechenden oder des Angesprochenen zeigen. Das Wort &#8222;chin&#8220; wurde nur vom Tenno gebraucht und bedeutet w\u00f6rtlich: &#8222;Dieses hier, der Kaiser, der von sich selbst spricht&#8220;. &#8222;Anata&#8220; wird zwar als Anrede f\u00fcr ein h\u00f6hergestelltes Gegen\u00fcber benutzt, aber wenn eine Frau die Aufmerksamkeit ihres Ehemannes m\u00f6chte, sagt sie zu Ihm :&#8220;Anata!&#8220; &#8211; &#8222;He Das da, schau mal r\u00fcber zu Diesem hier!&#8220;<br \/>\n&#8222;Ware&#8220; bezeichnet dann etwas, das sich genau an der Stelle des Sprechenden befindet, das sich aber zugleich nicht so wichtig nimmt und eher einen niedrigen Rang einnimmt. <i>Ware<\/i> konnte auch gebraucht werden als Anrede f\u00fcr eine andere Person, die im sozialen Rang niedriger stand, als der Sprechende, etwa wie das &#8222;Ihr&#8220; als Anrede f\u00fcr Dienstpersonal.<\/p>\n<h4>EINS &#8211; ALLES<\/h4>\n<p>Im Zen geht es aber gerade darum, das Ego abzulegen und \u201eein Mensch ohne Rang\u201c zu werden. Ein Mensch ohne Rang braucht kein Amt und keine W\u00fcrden, um ganz bei sich zu sein. Er ist nicht durch das Amt oder den Besitz definiert. &#8222;Ware&#8220;: &#8222;der Mensch ohne Rang, der von sich selbst spricht&#8220;. Vielleicht meint  das <i>ware<\/i> auch ein WIR, die wir nicht so wichtig sind. Die gemeinsame Nutzung des Zeichens f\u00fcr Mund, \u00d6ffnung deutet auf das Teilen und das Gemeinsam-sein hin. Die ALLE teilen sich alles und werden dadurch EINS. EINS &#8211; ALLES!\u3000Darum hat auch das Tsukubai eine Kreisform und ist au\u00dfen mit einem Kreis umrahmt. Der Kreis fasst die vier Hauptrichtungen zusammen in EINS, er eint die ALLE. Der Kreis, der Enso ist ja im Zen ein beliebtes Sinnbild f\u00fcr die Leere und das Eins.<\/p>\n<h4>\u8db3 <em>TARU<\/em> &#8211; Der gen\u00fcgsame Grund<\/h4>\n<p>Das untere der vier Zeichen, auf dem die ganze Gruppe &#8222;steht&#8220; bedeutet w\u00f6rtlich den Fu\u00df. Dann wird es allerdings gelesen als &#8222;ashi&#8220;. Der Fu\u00df oder die F\u00fc\u00dfe\u00a0 sind das, worauf man steht und geht.\u00a0 Ohne Fu\u00df keinen festen Stand. Gelesen als \u8db3\u308b\u3000 &#8218;<em>taru<\/em>&#8218;\u00a0 bedeutet es auch : ausreichen, gen\u00fcgen. Die Redewendung \u8db3\u308b\u3092\u77e5\u308b\u3000&#8220;<em>taru o shiru&#8220;<\/em> bedeuted &#8222;sich zufrieden geben mit dem, was man hat&#8220;. Wenn das gen\u00fcgt, was man hat, so gewinnt man einen sicheren Stand im Leben. Wenn uns das nicht gen\u00fcgt, sind wir st\u00e4ndig auf der Suche nach mehr und immer unzufrieden, ja hadern mit dem Leben, weil Andere mehr haben, als wir selbst. In der Redewendung ist das dritte der Schriftzeichen, <em>shiru<\/em> &#8211; wissen enthalten. Es gen\u00fcgt nicht nur, ausreichend zu haben, man muss das auch wissen und akzeptieren.<\/p>\n<h4>\u77e5 <em>SHIRU<\/em> &#8211; Wissen<\/h4>\n<p>Das Wissen, um das es hier geht, ist nicht eine Ansammlung von intelektuell gelernten Dingen. Es ist ein Wissen, das man zwar &#8222;gelernt&#8220; hat, aber nicht nur mit dem Verstand, sondern mit dem ganzen K\u00f6rper und dem ganzen Sein.Der deutsche Philosoph Husserl hat eine Ethik verfasst. Jemand fragte ihn, ob er sich denn selbst an die aufgestellten Regeln halte. Husserl antwortete mit einer Gegenfrage: &#8222;Haben Sie schon einmal einen Wegweiser gesehen, der den Weg geht, den er weist?&#8220; Ganz anders in den japanischen Wegen. Es gen\u00fcgt nicht, nur zu &#8222;wissen&#8220;. Das ist das Wesentliche aller japanischen WEGE. Nicht nur &#8218;wissen&#8216; wie es geht, sondern mit dem K\u00f6rper lernen. Erst wenn der K\u00f6rper gelernt hat und &#8222;wei\u00df&#8220;, dann hat man nicht mehr das Wissen, dann IST man das Wissen selbst, weil man es verk\u00f6rpert und lebt. Was nutzt es, sich verstandesm\u00e4\u00dfig zu sagen, dass wir zufrieden sind, wenn uns der Neid oder die Angst vor Verlust oder das Haben-wollen innerlich zerfrisst.<\/p>\n<p>\nIn der Kombination der beiden Zeichen \u77e5\u8db3 werden sie gelesen als chi-soku, die Gen\u00fcgsamkeit, die auch als daoistische Tugend gilt.<\/p>\n<h4>\u552f <em>TADA<\/em> &#8211; Das All-t\u00e4gliche<\/h4>\n<p>Gegen\u00fcber vom Zeichen f\u00fcr Wissen steht <em>tada<\/em>, oft interpretiert als &#8222;nur&#8220;. Aber so einfach funktioniert die japanische Sprache nicht. <em>Tada<\/em> kann zwar &#8217;nur&#8216; bedeuten, es ist aber auch: umsonst, unentgeltlich, gratis, gew\u00f6hnlich, normal einfach.\u00a0 nichts als. <em>Tada<\/em> ist das, was man umsonst bekommt, weil es das ganz gew\u00f6hnliche und allt\u00e4gliche ist, das uns immer und jederzeit zu F\u00fc\u00dfen liegt. Es ist so gewohnt, dass es als das Gew\u00f6hnliche \u00fcberhaupt nicht mehr wahr-genommen wird. Sehen wir die Sch\u00f6nheit des Allt\u00e4glichen, das uns jeden Tag wieder begenet? Rilke dichtete in den Duineser Elegien:<\/p>\n<blockquote><p>die findigen Tiere merken es schon,<br \/>\nda\u00df wir nicht sehr verl\u00e4\u00dflich zu Haus sind<br \/>\nin der gedeuteten Welt. Es bleibt uns vielleicht<br \/>\nirgend ein Baum an dem Abhang, da\u00df wir ihn t\u00e4glich<br \/>\nwieders\u00e4hen; es bleibt uns die Stra\u00dfe von gestern<br \/>\nund das verzogene Treusein einer Gewohnheit,<br \/>\nder es bei uns gefiel, und so blieb sie und ging nicht. &#8230;<\/p>\n<p>Das alles war Auftrag.<br \/>\nAber bew\u00e4ltigtest du&#8217;s? Warst du nicht immer<br \/>\nnoch von Erwartung zerstreut,<\/p><\/blockquote>\n<p>Wir sind nicht verl\u00e4\u00dflich zu Hause in der gedeuteten Welt, weil unsere Erwartungen immer in das Unbekannte und Gro\u00dfe gehen. Der Baum, an dem wir t\u00e4glich vor\u00fcbergehen, sehen wir \u00fcberhaupt nicht. Rilke schreibt denn auch, &#8222;dass wir ihn t\u00e4glich wieder s\u00e4hen&#8220;. Es ist wie ein Auftrag, dem wir uns beharrlich entwinden.\u00a0 Die kleinen Dinge des Lebens, der Bam am Abhang, die Stra\u00dfe, die wir t\u00e4glich gehen, die Geige am offenen Fenster nehmen wir nicht wahr, weil wir immer bei unseren Erwartungen sind. Wenn es uns gelingt, ganz anzukommen im Hier und im Augenblick, und den Baum am Abhang wirklich SEHEN, dann sind wir auf dem Boden angekommen, auf dem wir leben und sterben. Dann stehen wir wirklich auf unseren F\u00fc\u00dfen. Es ist das Wissen um das Geringe, das bewu\u00dft wahr genommen wird, das uns den ganzen Reichtum unseres Lebens schenkt.<\/p>\n<p>Die Mittelzeile des Tsukubai &#8222;\u77e5\u00a0 \/ \u552f\u3000- <em>shiru \/ tada<\/em>\u00a0 &#8211;\u00a0 Wissen \/ das Geringe&#8220; ist wie der Wagebalken, der unser Leben ins Gleichgewicht bringt. Dann steht die Achse &#8222;\u543e \/ \u8db3 &#8211;\u00a0 <em>ware <\/em>\/ <em>taru<\/em>\u00a0 &#8211; &#8218;Ich&#8216; \/ gen\u00fcgen&#8220; aufrecht und gerade in sich selbst.<\/p>\n<p>Das ist in der Form einer alten 1 Yen M\u00fcnze gestaltet. Das ist nicht viel, aber es gen\u00fcgt, wenn man um die Gen\u00fcgsamkeit <b>wei\u00df<\/b>, einen festen Stand\u00a0 und ein reich erf\u00fclltes Leben zu gewinnen.<\/p>\n<div class=\"thanks_button_div\" \n                  style=\"float: left; margin-left: 0px;\"><div id=\"thanksButtonDiv_657_1\" style=\"background-image:url(http:\/\/www.teeweg.de\/blog\/wp-content\/plugins\/thanks-you-counter-button\/images\/thanks_large_blue.png); background-repeat:no-repeat; float: left; display: inline;\"\n                onmouseover=\"javascript:thankYouChangeButtonImage('thanksButtonDiv_657_1', true);\" \n                onmouseout=\"javascript:thankYouChangeButtonImage('thanksButtonDiv_657_1', false);\"\n                onclick=\"javascript:thankYouChangeButtonImage('thanksButtonDiv_657_1', false);\" >\n                <input type=\"button\" onclick=\"thankYouButtonClick(657, 'You left &ldquo;Thanks&rdquo; already for this post')\" value=\"Danke 5\"\n                  class=\"thanks_button thanks_large thanks_blue\"\n                  style=\"  font-family: Verdana, Arial, Sans-Serif; font-size: 14px; font-weight: normal;; color:#39b778;\"\n                  id=\"thanksButton_657_1\" title=\"Click to leave &ldquo;Thanks&rdquo; for this post\"\/>\n             <\/div><div id=\"ajax_loader_657_1\" style=\"display:inline;visibility: hidden;\"><img decoding=\"async\" alt=\"ajax loader\" src=\"http:\/\/www.teeweg.de\/blog\/wp-content\/plugins\/thanks-you-counter-button\/images\/ajax-loader.gif\" \/><\/div><\/div><div id=\"wp_fb_like_button\" style=\"margin:5px 5px 5px 0;float:left;height:100px;\"><script src=\"http:\/\/connect.facebook.net\/en_US\/all.js#xfbml=1\"><\/script><fb:like href=\"https:\/\/www.teeweg.de\/blog\/ware-tada-tare-shiru-genugsamkeit-und-gluck\/\" send=\"false\" layout=\"standard\" width=\"450\" show_faces=\"false\" font=\"arial\" action=\"like\" colorscheme=\"light\"><\/fb:like><\/div>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Im Ryoanji Tempel in Kyoto steht das ber\u00fchmte Tsukubai, das Reinigungsbecken f\u00fcr die Teezeremonie. 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