{"id":576,"date":"2010-12-11T22:16:12","date_gmt":"2010-12-11T21:16:12","guid":{"rendered":"http:\/\/www.teeweg.de\/blog\/?p=576"},"modified":"2016-03-06T15:11:04","modified_gmt":"2016-03-06T14:11:04","slug":"bluhende-steine","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.teeweg.de\/blog\/bluhende-steine\/","title":{"rendered":"Bl\u00fchende Steine"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: center;\"><img decoding=\"async\" class=\"aligncenter\" src=\"http:\/\/alivenkickn.files.wordpress.com\/2010\/12\/snow711.jpg\" alt=\"\" width=\"500\" \/><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">Aufnahme \u00a9 Wolfgang Kirsch <a href=\"http:\/\/alivenkickn.wordpress.com\/2010\/12\/11\/der-teeweg-im-dezember\/\">alivenkickn<\/a><\/p>\n<table class=\"k\" cellspacing=\"25\" align=\"center\">\n<tbody>\n<tr>\n<td colspan=\"2\">\u767d\u96ea\u306e\u3068\u3053\u308d\u3082\u308f\u304b\u305a\u3075\u308a\u3057\u3051\u3070\u3044\u306f\u307b\u306b\u3082\u3055\u304f\u82b1\u3068\u3053\u305d\u898b\u308c<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td>shirayuki no<br \/>\ntokoro ma wakazu<br \/>\nfurishikeba<\/p>\n<p>iwao ni mo saku<br \/>\nhana to koso mire<\/td>\n<td>Wei\u00dfer Schnee<br \/>\nf\u00e4llt gleichm\u00e4\u00dfig<br \/>\nauf alles,<\/p>\n<p>und so scheint es denn,<br \/>\nals ob Steine Bl\u00fcten trieben.<\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<p>Dieses Gedicht aus dem &#8222;K\u014dkin waka sh\u016b&#8220; habe ich im newsletter aus dem Teehaus My\u014dshinan zitiert. Eine ganze Reihe von Reaktionen darauf veranlassen mich nun doch, noch ein paar Worte dazu zu schreiben.<\/p>\n<p>Das Gedicht ist kein Haiku, sondern ein Waka.  Der Name Kokin wakashu bedeuted: \u53e4 ko: alt, \u4eca kin: jetzt, \u548c\u6b4c waka, eigentlich wa-uta oder Yamato &#8211; uta &#8218;japanisches Lied&#8216; und \u96c6 shu: Sammlung.<\/p>\n<p>Die Sammlung aus dem fr\u00fchen Heian Zeitalter Japans (um 1000) entstand als vorbildliche Mustersammlung von Gedichten oder &#8218;Ges\u00e4ngen&#8216; &#8211; uta \u6b4c im japanischen Stil im Gegensatz zu den &#8222;alten&#8220; chinesischen Gedichten. Sie dr\u00fccken ein damals neues, japanisches Lebensgef\u00fchl aus.<\/p>\n<p>Die meisten Wa-uta bzw Wa-ka haben die Form eines Tanka. Ein Tanka hat keine Reime, sondern wird durch der Zahl der verwendeten Silben  gebildet. Die \u00fcbliche Form des Tanka sind 5 &#8211; 7 &#8211; 5 \/ 7 &#8211; 7 Silben. Damit hat das waka eine Kopfform mit 5 &#8211; 7 &#8211; 5 Silben und eine Schlu\u00dfwendung mit 7 &#8211; 7 Silben.<\/p>\n<table class=\"k\" cellspacing=\"15\" align=\"center\">\n<tbody>\n<tr>\n<td>shi ra yuki &#8211; no<br \/>\nto ko ro &#8211; ma &#8211; wa ka zu<br \/>\nfu ri shi ke ba<\/p>\n<p>i wa o &#8211; ni &#8211; mo  &#8211; sa ku<br \/>\nha na &#8211; to &#8211; ko so &#8211; mi re<\/td>\n<td>5<br \/>\n7<br \/>\n5<\/p>\n<p>7<br \/>\n7<\/td>\n<td>wei\u00dfer Schnee<br \/>\nf\u00e4llt gleichm\u00e4\u00dfig<br \/>\nund h\u00fcllt alles ein.<br \/>\nFelsen treiben<br \/>\nBl\u00fcten (es sieht so aus)\n<\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<p>Im Japan der Heian-Zeit wurden oft Uta &#8211; awase &#8211; Wettstreite im Verfassen von Gedichten &#8211; veranstaltet. Dabei konnte dann eine Person die Kopf-Verse des Waka vortragen und eine andere Person antwortete spontan mit den Schlu\u00dfversen. Wir k\u00f6nnten uns also das Gedicht als eine Art von Dialog vorstellen. Jemand stellt in der Form 5 &#8211; 7 &#8211; 5 eine These auf und erh\u00e4lt eine Antwort in der Form 7 &#8211; 7 Verse.<\/p>\n<p>Die &#8222;These&#8220; unseres Gedichtes:<\/p>\n<p>Wei\u00dfer Schnee f\u00e4llt gleichm\u00e4\u00dfig und deckt Alles zu.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Es ist tiefer Winter. Der Schnee f\u00e4llt und h\u00fcllt alles in einer wei\u00dfen Decke ein. Wei\u00df ist im Kokinshu die Farbe des Winters, des Alters und des Todes. Im Fr\u00fchjahr erleben wir die rauschhafte F\u00fclle der Kirschbl\u00fcten, im Herbst die Explosion des feurig roten Ahorn und des goldenen Ginko. Aber dann kommt das Wei\u00df.<br \/>\nZun\u00e4chst ist es noch nicht der Schnee, sondern der erste Raureif, der alles wei\u00df f\u00e4rbt. Es ist die raue und k\u00fchle N\u00fcchternheit des Sp\u00e4therbstes, wenn die Ernte eingebracht ist. Der Raureif ist die N\u00fcchternheit des Alters, das zu Ruhe gekommen ist und die Ernte des Lebens schon eingefahren hat.<br \/>\nAber was ist das? Der Raureif, der am fr\u00fchen Morgen auf den Wiesen und B\u00e4umen liegt schwindet, und nun f\u00e4rben sich die B\u00e4ume in ihren tausendf\u00e4ltigen Farben. Diese Farben kommen erst zum Vorschein, wenn die N\u00e4chte kalt werden und der erste Raureif liegt. Wir waren in diesem Jahr Ende Oktober und Anfang November in Japan, aber es gab noch kaum Laubf\u00e4rbung &#8211; es war einfach zu warm!<br \/>\nEbenfalls im Kokinshu hei\u00dft es:<\/p>\n<blockquote><p>Wei\u00dfer Tau \/ hat nur eine Farbe &#8211;<br \/>\nwie kann er denn \/ das Herbstlaub \/ in tausend Farben tauchen?<\/p><\/blockquote>\n<p>Aber die Zeit ist weiter fortgeschritten: jetzt f\u00e4llt Schnee. Alles wird wei\u00df, nicht nur vor\u00fcbergehend am fr\u00fchen Morgen, sondern bleibend. Der Schnee deckt wie ein wei\u00dfes Tuch gleichm\u00e4\u00dfig alles zu. Jede Farbe ist endg\u00fcltig verschwunden und nur noch das winterliche Wei\u00df bleibt. Das ist das endg\u00fcltige Absterben aller Vegatation, aber auch  aller Leidenschaften und Emotionen. Das ist der Tod!<br \/>\nSo erleben wir es gerade draussen vor dem Fenster: der wei\u00dfe Schnee h\u00fcllt alles ein, jede Farbe ist verschwunden. Die Tage werden immer k\u00fcrzer und die Dunkelheit nimmt von Tag zu Tag zu.<br \/>\nAber da geschieht etwas sonderbares. <\/p>\n<p>Der zweite Teil des Waka ist wie eine Antwort auf die Landschaft des Todes und der Stille. Er zeigt die Felsen, die bisher scheinbar kalt und tot inmitten der lebensvollen F\u00fclle der Farben und der Vegatation lagen, die nun aufzubl\u00fchen scheinen.<\/p>\n<blockquote><p>iwao ni mo saku \/ hana to koso mire  &#8211; Es sieht aus, als w\u00fcrden Felsen Bl\u00fcten treiben<\/p><\/blockquote>\n<p>Aber diese Bl\u00fcten sind nicht farbenfroh wie die Kirschbl\u00fcte oder der rote Ahorn, sie sind rein wei\u00df: es sind die Bl\u00fcten der Farblosigkeit.<\/p>\n<p>Im Kokin wakashu ist angemerkt, dass Ki no Akimine dieses waka schrieb, als er den Shiga &#8211; Pass \u00fcberschritt. Das ist sicher eine genaue Ortsangabe. Aber dar\u00fcber hinaus ist es die Angabe eines inneren Ortes. Das \u00dcberschreiten des Passes f\u00fchrt in die H\u00f6hen des Gebirges, weitab vom lauten Getriebe der T\u00e4ler. Der Hirt, der seinen Ochsen &#8211; also sein Selbst &#8211; verloren hat, findet die Spur des Ochsen erst, als er aus den Ebenen \u00fcberw\u00e4rts steigt.<br \/>\nDas Bild vom \u00dcbersteigen des Passes ist ein altes buddhistisches Bild f\u00fcr das Frei-Werden von fruchtlosen Tr\u00e4umen und W\u00fcnschen. Das Iroha, das japanische Silben &#8211; &#8222;Alphabet&#8220; ordnet alle f\u00fcnfzig Solben in einem Gedicht:<\/p>\n<blockquote><p>iro.ha nioedo chirinuru.o<br \/>\nwa.ga yo tare zo tsune naran<br \/>\nui.ga yo tare zo tsune naran<br \/>\nui.no oku yama ky\u00f4 koete<br \/>\nasaki yume miji ehi.mo sezu<\/p>\n<p>Die Farben sind noch frisch, doch sind die Bl\u00e4tter, ach, schon abgefallen!<br \/>\nWer denn in unserer Welt wird unverg\u00e4nglich sein?<br \/>\nDie Berge fernab von den Wechself\u00e4llen (des Lebens) heute \u00fcberschreitend,<br \/>\nWerde ich keinen seichten Traum mehr tr\u00e4umen, bin auch nicht berauscht.\n<\/p><\/blockquote>\n<p>Die Bl\u00fcten, die jetzt mitten im Winter aufbl\u00fchen, sind die reinen, farblosen Bl\u00fcten des Erwachens aus Traum und Rausch. Sie sind von reiner, wei\u00dfer Farblosigkeit und klarer, n\u00fcchternen Geistigkeit.<\/p>\n<p>Friedrich H\u00f6lderlin hat in seiner Zeit im T\u00fcbinger Turm ein Wintergedicht geschrieben, das eine \u00e4hnliche Erfahrung zeigt.<br \/>\nH\u00f6lderlin unterzeichnet das Gedicht nicht mit seinem Namen, sondern mit dem Psedonym Scardanelli. Manche meinen, das sei ein Zeichen seiner Ver-r\u00fccktheit. Aber am H\u00f6lderlinturm stand einmal geschrieben: H\u00f6lderlin is it vruckt gwehn! Aber er war sicher ver-r\u00fcckt in dem Sinne, dass er nicht mehr mitgespielt hat in all den Spielen, die Menschen f\u00fcr so wichtig halten. Er war vielleicht angekommen in der gro\u00dfen Klarheit und deshalb nicht mer &#8222;er selbst&#8220;. Er hat sein Selbat aufgegeben, um zu h\u00f6ren, was die Natur sagt und es in den einfachen Melodien der Hirtenfl\u00f6te wieder zu sagen:<\/p>\n<p><strong>Der Winter<\/strong><br \/>\nWenn sich das Laub auf Ebnen weit verloren,<br \/>\nSo f\u00e4llt das Wei\u00df herunter auf die Thale,<br \/>\nDoch gl\u00e4nzend ist der Tag vom hohen Sonnenstrahle,<br \/>\nEs gl\u00e4nzt das Fest den St\u00e4dten aus den Toren.<\/p>\n<p>Es ist die Ruhe der Natur, des Feldes Schweigen,<br \/>\nIst wie des Menschen Geistigkeit, und h\u00f6her zeigen<br \/>\nDie Unterschiede sich, dass sich zu hohem Bilde<br \/>\nSich neiget die Natur, statt mit des Fr\u00fchlings Milde.<\/p>\n<p>   &nbsp;  d. 25. Dezember 1841.<br \/>\n   &nbsp;&nbsp;&nbsp;     Dero<br \/>\n   &nbsp;&nbsp;&nbsp; &nbsp;     untert\u00e4nigster<\/p>\n<p>     &nbsp;&nbsp;  &nbsp;&nbsp;  &nbsp;&nbsp;      Scardanelli<\/p>\n<div class=\"thanks_button_div\" \n                  style=\"float: left; margin-left: 0px;\"><div id=\"thanksButtonDiv_576_1\" style=\"background-image:url(http:\/\/www.teeweg.de\/blog\/wp-content\/plugins\/thanks-you-counter-button\/images\/thanks_large_blue.png); background-repeat:no-repeat; float: left; display: inline;\"\n                onmouseover=\"javascript:thankYouChangeButtonImage('thanksButtonDiv_576_1', true);\" \n                onmouseout=\"javascript:thankYouChangeButtonImage('thanksButtonDiv_576_1', false);\"\n                onclick=\"javascript:thankYouChangeButtonImage('thanksButtonDiv_576_1', false);\" >\n                <input type=\"button\" onclick=\"thankYouButtonClick(576, 'You left &ldquo;Thanks&rdquo; already for this post')\" value=\"Danke 2\"\n                  class=\"thanks_button thanks_large thanks_blue\"\n                  style=\"  font-family: Verdana, Arial, Sans-Serif; font-size: 14px; font-weight: normal;; color:#39b778;\"\n                  id=\"thanksButton_576_1\" title=\"Click to leave &ldquo;Thanks&rdquo; for this post\"\/>\n             <\/div><div id=\"ajax_loader_576_1\" style=\"display:inline;visibility: hidden;\"><img decoding=\"async\" alt=\"ajax loader\" src=\"http:\/\/www.teeweg.de\/blog\/wp-content\/plugins\/thanks-you-counter-button\/images\/ajax-loader.gif\" \/><\/div><\/div><div id=\"wp_fb_like_button\" style=\"margin:5px 5px 5px 0;float:left;height:100px;\"><script src=\"http:\/\/connect.facebook.net\/en_US\/all.js#xfbml=1\"><\/script><fb:like href=\"https:\/\/www.teeweg.de\/blog\/bluhende-steine\/\" send=\"false\" layout=\"standard\" width=\"450\" show_faces=\"false\" font=\"arial\" action=\"like\" colorscheme=\"light\"><\/fb:like><\/div>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Aufnahme \u00a9 Wolfgang Kirsch alivenkickn \u767d\u96ea\u306e\u3068\u3053\u308d\u3082\u308f\u304b\u305a\u3075\u308a\u3057\u3051\u3070\u3044\u306f\u307b\u306b\u3082\u3055\u304f\u82b1\u3068\u3053\u305d\u898b\u308c shirayuki no tokoro ma wakazu furishikeba iwao ni mo saku hana to koso mire Wei\u00dfer Schnee f\u00e4llt gleichm\u00e4\u00dfig auf alles, und so scheint es denn, als ob Steine Bl\u00fcten trieben. 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