{"id":56,"date":"2008-05-08T13:09:20","date_gmt":"2008-05-08T11:09:20","guid":{"rendered":"http:\/\/teeweg.de\/blog\/?p=56"},"modified":"2020-07-29T09:17:54","modified_gmt":"2020-07-29T07:17:54","slug":"in-lieblicher-blaue-reflektion-und-innigkeit","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.teeweg.de\/blog\/in-lieblicher-blaue-reflektion-und-innigkeit\/","title":{"rendered":"In lieblicher Bl\u00e4ue &#8211; Reflektion und Innigkeit"},"content":{"rendered":"<p>Das Gedicht &#8222;In lieblicher Bl\u00e4ue&#8220; beginnt im naiven Tonfall und endet mit dem tragisch leidenden Oidipus, der ein Fremdling in Griechenland ist.<br \/>\nDas Naive ist wie die Schilderung eines Paradieses:<\/p>\n<blockquote><p>In lieblicher Bl\u00e4ue bl\u00fchet mit metallenem Dache der Kirchturm.<br \/>\nDen umschwebet Geschrei der Schwalben, den umgibt die r\u00fchrendste Bl\u00e4ue.<br \/>\nDie Sonne gehet hoch dar\u00fcber und f\u00e4rbet das Blech, im Winde aber oben stille kr\u00e4het die Fahne.<\/p><\/blockquote>\n<p>Das metallene Dach des Kirchturms bl\u00fcht? Im mittleren Teil des Gedichtes hei\u00dft es:<br \/>\nAuch eine Blume ist sch\u00f6n, weil sie bl\u00fchet unter der Sonne. Das metallene Dach des Kirchturms bl\u00fcht, weil die Sonne es &#8222;f\u00e4rbt&#8220;. Das Licht der Sonne, die hoch dar\u00fcber geht, f\u00e4rbt das Dach, weil das Dach das Licht der Sonne reflektiert. Von der Reflektion ist mehrfach im Gedicht die Rede:<\/p>\n<blockquote><p>Wenn einer in den Spiegel siehet, ein Mann, und siehet darin sein Bild, wie abgemalt; es gleicht dem Manne. Augen hat des Menschen Bild, Licht hingegen der Mond.<\/p><\/blockquote>\n<p>Die Reflektion ist die Spiegelung. Der Kirchturm mit seinem metallenen Dach spiegelt das Licht der Sonne, so wie auch der Mond das Sonnenlicht spiegelt. Das Licht ist die Vermittlung zwischen Himmel und Erde. In einem Brief an Leo von Seckendorf schreibt H\u00f6lderlin \u00fcber ein demn\u00e4chst erscheinendes Buch mit &#8222;pittoresken Ansichten des Rheins&#8220;. H\u00f6lderlin ist &#8222;begierig&#8220;, wie sie ausfallen werden, ob sie &#8222;rein und einfach aus der Natur gehoben sind&#8220; und ob<\/p>\n<blockquote><p>&#8222;Die Erde sich in gutem Gleichgewicht gegen den Himmel verh\u00e4lt, so da\u00df auch das Licht, welches dieses Gleichgewicht in einem besonderen Verh\u00e4ltnis bezeichnet, nicht schief und reizend t\u00e4uschend sein mu\u00df&#8220;<\/p><\/blockquote>\n<p>Wenn das Licht &#8222;reizend&#8220; ist, so ist es aufreizend und erregend. Es ist interessant und reizend gestaltet, damit das Interesse des Betrachters geweckt werde. Dann ist aber die Ansicht nicht rein aus der Natur gehoben, sondernd reizend t\u00e4uschend &#8211; es gibt anderes vor, als in Wirklichkeit da ist. Die Reflektion ist dann nicht rein, sondern durch besondere Effekte &#8222;interessanter&#8220; , reizend und eben auch t\u00e4uschend.<br \/>\nDer Mensch ist in ganz besonderer Weise das Wesen, das reflektiert. Wir schauen st\u00e4ndig in den Spiegel im Versuch, uns selbst zu erkennen. Aber wir sehen immer nur das Bild. Wird die Reflektion &#8222;rein und aus der Natur gehoben&#8220;, so zeigt sich das Spiegelbild rein und einfach. Aber wie oft verschauen wir uns, wenn wir uns anschauen. So geht es auch Oidipus, der &#8222;ein Auge zuviel vielleicht&#8220; hat.<\/p>\n<p>Der Kirchturm mit dem metallenen Dache bl\u00fcht in lieblicher Bl\u00e4ue, weil er rein und unverf\u00e4lscht von der r\u00fchrendsten Bl\u00e4ue des Himmels gef\u00e4rbt ist. Damit ist die Erde im &#8222;guten Gleichgewicht&#8220; mit dem Himmel. Beide brauchen einander &#8211; die Sonne damit sie sich im Dach des Kirchturms spiegeln kann, der Kirchturm, der mit seinem Dach dem Himmel entgegenstrabt bracuht den Himmel, damit er &#8222;bl\u00fchen&#8220; kann. Aber keiner von beiden hat das \u00dcbergewicht gegen\u00fcber dem Anderen, keiner \u00fcberwindet das Andere, um es ganz und gar in sich einzuverwandeln.<\/p>\n<p>Der Kirchturm strebt mit seinem Dach gegen den Himmel. Er ist fast wie der Mensch, der aufschaut und sagt: &#8222;So will ich auch sein!&#8220; Aber der Kirchturm ist ohne Eingennutz, ganz im Gegensatz zum Menschen, dem die &#8222;Freundlichkeit, die Reine am Herzen&#8220; abgeht. So sehr der Kirchturm nach oben streben mag, so sehr ruht er doch auf der Erde:<\/p>\n<blockquote><p>Wenn einer unter der Glocke dann herabgeht, jene Treppen, ein stilles Leben ist es, weil, wenn abgesondert so sehr die Gestalt ist, die Bildsamkeit dann herauskommt des Menschen.<\/p><\/blockquote>\n<p>Der Mensch, der dieses stille Leben &#8222;unter den Glocken&#8220; f\u00fchrt ist bildsam. Er ist gebildet nach dem Bilde, dass er schaut, wenn er aufschaut zum Himmel und sagt: &#8222;So will ich auch sein&#8220; und er ist &#8222;ein Bild der Gottheit&#8220;. Aber wie sieht das Bilde der Gottheit aus? H\u00f6lderlin sagt:<\/p>\n<blockquote><p>Doch reiner ist nicht der Schatten der Nacht mit den Sternen, wenn ich so sagen k\u00f6nnte, als der Mensch, der hei\u00dfet ein Bild der Gottheit.<\/p><\/blockquote>\n<p>Der Schatten der Nacht? Das Bild des Gedichtanfangs mit dem im Sonnenlicht bl\u00fchenden Dach des Kirchturms hat sich ins Dunkle gewandelt. Was ist der Schatten der Nacht? Der Schatten, den die Dinge im Dunkel der Nacht werfen oder der Schatten, den die Nacht selbst wirft? Der Schatten der Nacht ist das Dunkle im Dunklen, das Nichts!<br \/>\nDer letzte Satz des Gedichtes lautet:<\/p>\n<blockquote><p>Leben ist Tod und Tod ist auch ein Leben<\/p><\/blockquote>\n<p>Leben und Tod sind zwar Gegens\u00e4tze, aber sie geh\u00f6ren zusammen. Leben ist Tod meint, dass alles Lebende stets und jeden Augenblick auch stirbt. Das Leben spiegelt den Tod, der Tod spiegelt das Leben.<br \/>\nIn den &#8222;Anmerkungen zur Antigon\u00c3\u00a4&#8220; schreibt H\u00f6lderlin einen schwierigen Satz:<\/p>\n<blockquote><p>Die tragische Darstellung beruht &#8230; darauf, da\u00df der unmittelbare Gott, ganz Eines mit dem Menschen &#8230; und der Gott in der Gestalt des Todes gegenw\u00e4rtig ist.<\/p><\/blockquote>\n<p>Der &#8222;unmittelbare Gott&#8220; ist nicht der Gott, der durch Vermittlung erfahren wird, also etwa durch den Verstand erfa\u00dft, reflektiert und verstanden und so erfahren wird als das ganz Andere. Der unmittelbare Gott wird erfahren in der &#8222;unendlichen Begeisterung&#8220;. In der Be-Geisterung wird der Mensch vom Geist durchdrungen, er wird be-geistert.<br \/>\nDas Unendliche ist in der H\u00f6lderlinschen Sprache dasjenige, bei dem sich die beiden Enden in der Reflektion derart spiegeln, da\u00df Jeder sich vollkommen im Anderen spiegelt und beide Enden sich derart durch die Spiegelung ver\u00e4ndern, da\u00df sie in der Spiegeling nicht mehr das Selbe sind wie vorher. Der Himmel spiegelt sich im Dach des Kirchturms, der Kirchturm spiegelt sich in der lieblichen Bl\u00c3\u00a4ue. Der Himmel wird erst als Himmel erfahren, indem er sich im Turm spiegelt, der Turm ist erst der Turm, wenn er mit seinem Dach bl\u00fcht. So heben sich die beiden Enden ineinander auf, sie heben sich auf, indem sie nicht mehr so sind wie vorher und sie heben sich auf, indem sie jetzt aufgehoben sind zu einem h\u00f6heren Sein. Sie heben sich auch auf, indem sie enander bewahren, aber nicht mehr im Sinne des eigensinnigen Bestehens auf das Eigene. Sie haben, w\u00fcrde man im Zen sagen, ihr Selbst verloren.<\/p>\n<p>Der Kirchturm bl\u00fcht mit dem metallenen Dach. Das Metall weist ebenso wie der Hahn, der oben auf dem Turm kr\u00e4ht auf das kriegerische, das Revolution\u00e4re. Der Hahn kr\u00e4ht und zeigt mit seinem Kr\u00e4hen den neuen Tag an, den Tag der Revolution und der kriegerischen Erneuerung. Das Metal ist das Metall der Waffen.<\/p>\n<p>Aber der Kirchturm hat sich ebenso wie die Wetterfahne verwandelt. er klirrt nicht mehr im metallischen Galnz der Waffen, er bl\u00fcht. Auch der Hahn, die Wetterfahne ist gestillt:<\/p>\n<blockquote><p>&#8222;im Winde aber droben stille kr\u00e4het die Fahne&#8220;.<\/p><\/blockquote>\n<p>Der Wind ist es, der die Fahne zum kr\u00e4hen bringt. Es ist der Geist, der weht. In Brot und Wein hei\u00dft es:<\/p>\n<blockquote><p>Jetzt auch kommet ein Wehn und regt die Gipfel des Hains auf.<\/p><\/blockquote>\n<p>Das Wehn ist der Othem Gottes, das im heiligen Hain weht und die Gipfel &#8222;aufregt&#8220;.<br \/>\nSie sind aufgeregt, weil sie das Kommen des Neuen in der Nacht ahnen. Aber in der &#8222;lieblichen Bl\u00e4ue&#8220; ist die Aufregung ganz zu Anfang bereits gestillt, ins Stille gesammelt und eingeruht. Der Gegensatz im Waffengang ist aufgehoben, gestillt ins Stille des Bl\u00fchens.<\/p>\n<p>In den &#8222;Anmerkungen zur Antigon\u00e4&#8220; f\u00fchrt H\u00f6lderlin fort:<\/p>\n<blockquote><p>&#8222;die unendliche Begeisterung (ist) unendlich, das hei\u00dft in Gegens\u00e4tzen, im Bewu\u00dftsein, welches das Bewu\u00dftsein aufhebt, heilig sich scheidend, sich fa\u00dft&#8220;<\/p><\/blockquote>\n<p>Die Gegens\u00e4tze sind im Bewu\u00dftsein. Sie sind notwendig, damit sich das Gegens\u00e4tzliche jeweils erkennt. Aber die Gegens\u00e4tze werden in der unendlichen Begeisterung im Bewu\u00dftsein aufgehoben. Das Bewu\u00dftsein mu\u00df trennen in die Gegens\u00e4tze, damit Erkenntnis m\u00f6glich ist, es neigt aber zugleich &#8222;zur Innigkeit&#8220;, zur Aufhebung der Gegens\u00e4tze.<\/p>\n<p>Dennoch sind Himmel und Erde noch in ihrer Eigenheit da, aber so, da\u00df sie nur gemeinsam das sind, was sie sind. Sie sid &#8222;heilig sich scheidend&#8220;. Das Scheidende ist nicht das Trennende, sondern es ist Heilig geschieden, es ist heil geworden, geheilt ins Innige im Gegensatz zum Zustand der vollkommenen Trennung.<\/p>\n<p>Oder: Gott ist Mensch geworden &#8211; nein: Mensch ist Gott geworden<\/p>\n<div class=\"thanks_button_div\" \n                  style=\"float: left; margin-left: 0px;\"><div id=\"thanksButtonDiv_56_1\" style=\"background-image:url(http:\/\/www.teeweg.de\/blog\/wp-content\/plugins\/thanks-you-counter-button\/images\/thanks_large_blue.png); background-repeat:no-repeat; float: left; display: inline;\"\n                onmouseover=\"javascript:thankYouChangeButtonImage('thanksButtonDiv_56_1', true);\" \n                onmouseout=\"javascript:thankYouChangeButtonImage('thanksButtonDiv_56_1', false);\"\n                onclick=\"javascript:thankYouChangeButtonImage('thanksButtonDiv_56_1', false);\" >\n                <input type=\"button\" onclick=\"thankYouButtonClick(56, 'You left &ldquo;Thanks&rdquo; already for this post')\" value=\"Danke 6\"\n                  class=\"thanks_button thanks_large thanks_blue\"\n                  style=\"  font-family: Verdana, Arial, Sans-Serif; font-size: 14px; font-weight: normal;; color:#39b778;\"\n                  id=\"thanksButton_56_1\" title=\"Click to leave &ldquo;Thanks&rdquo; for this post\"\/>\n             <\/div><div id=\"ajax_loader_56_1\" style=\"display:inline;visibility: hidden;\"><img decoding=\"async\" alt=\"ajax loader\" src=\"http:\/\/www.teeweg.de\/blog\/wp-content\/plugins\/thanks-you-counter-button\/images\/ajax-loader.gif\" \/><\/div><\/div><div id=\"wp_fb_like_button\" style=\"margin:5px 5px 5px 0;float:left;height:100px;\"><script src=\"http:\/\/connect.facebook.net\/en_US\/all.js#xfbml=1\"><\/script><fb:like href=\"https:\/\/www.teeweg.de\/blog\/in-lieblicher-blaue-reflektion-und-innigkeit\/\" send=\"false\" layout=\"standard\" width=\"450\" show_faces=\"false\" font=\"arial\" action=\"like\" colorscheme=\"light\"><\/fb:like><\/div>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das Gedicht &#8222;In lieblicher Bl\u00e4ue&#8220; beginnt im naiven Tonfall und endet mit dem tragisch leidenden Oidipus, der ein Fremdling in Griechenland ist. 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