{"id":5205,"date":"2019-02-22T10:33:36","date_gmt":"2019-02-22T09:33:36","guid":{"rendered":"http:\/\/www.teeweg.de\/blog\/?p=5205"},"modified":"2019-02-22T10:33:36","modified_gmt":"2019-02-22T09:33:36","slug":"knapp-am-nobelpreis-vorbei","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.teeweg.de\/blog\/knapp-am-nobelpreis-vorbei\/","title":{"rendered":"Knapp am Nobelpreis vorbei!"},"content":{"rendered":"\n<p>Als junger Mann arbeitete ich am Max Planck Institut f\u00fcr Plasmaphysik in Garching bei M\u00fcnchen. Ich untersuchte die Diagnosem\u00f6glichkeiten des Plasmas mit Sonden. Ein Plasma ist eine Mischung von ionisierten und neutralen Atomen, Protonen und Elektronen. Man findet es in Leuchtstofflampen oder auch in der Sonne. Dort erzeugt das Plasma mit Kernverschmelzung die ungeheuren Energien der Sonne. Wir versuchten damals, die Kernverschmelzung in der Sonne als Prozess zur Energiegewinnung zu nutzen. Dazu waren aber Diagnosemethoden erforderlich, um den Zustand des Plasmas bestimmen zu k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich hatte einen einfachen Generator gebaut, der einen Plasmastrahl erzeugte, den ich mit Hochspannung beschleunigen und mit Magnetfeldern einschn\u00fcren konnte. Denn um den Prozess der Kernverschmelzung zur Energiegewinnung in Gang zu setzen, sind eine hohe Dichte des Plasmas, hohe Energie und hohe Verweilzeit im Gemisch erforderlich.<\/p>\n\n\n\n<p>Ganz bescheiden hatte ich ein Experiment aufgebaut, in dem ich Plasma mit niedriger Energie diagnostizieren konnte. Das funktionierte auch sehr gut und so begann ich mit meinen Studien, mit denen ich die Eigenschaften der Sonden erforschen wollte.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Ganz pl\u00f6tzlich und unerwartet traten sehr fremdartige Schwingungen im Plasma auf, die ich mir nicht erkl\u00e4ren konnte. Alle Untersuchungen halfen nichts: Ich verstand die Entstehung der Schwingungen nicht. Au\u00dferdem verschwanden die Schwingungen v\u00f6llig unerwartet und unkontrollierbar und waren nicht mehr reproduzierbar.<\/p>\n\n\n\n<p>An manchen Tagen traten die Schwingungen auf, an manchen waren sie mit keiner Methode wieder hervorzurufen. Der Verdacht bestand, dass ich einer sensationellen Entdeckung auf der Spur war. Immer mehr Kollegen kamen, um das merkw\u00fcrdige Ph\u00e4nomen zu begutachten. Aber was ich auch unternahm: An einem Tag war die Schwingung vorhanden, am n\u00e4chsten wollte sie sich unter keinen Umst\u00e4nden einstellen. Niemand konnte sich das Ph\u00e4nomen erkl\u00e4ren.<\/p>\n\n\n\n<p>Eines Tages war Otto Hahn, der Entdecker der Kernspaltung und Nobelpreistr\u00e4ger bei uns zu Besuch. Ich wollte ihm das Ph\u00e4nomen vorf\u00fchren, aber an diesem Tag waren keine Schwingungen des Plasma zu beobachten. Otto Hahn sagte nur: \u201eJunger Mann, ich bin nur ein einfacher Chemiker. Ich habe keine Ahnung von ihren Experimenten!\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Langsam hatte ich den Verdacht, dass mein r\u00e4tselhaftes Ph\u00e4nomen wetterabh\u00e4ngig sein k\u00f6nnte. Aber was hat das Wetter mit Plasmaphysik zu tun? An sch\u00f6nen Tagen traten die Schwingungen auf, bei Regen oder an kalten Tagen niemals. Aber das Ph\u00e4nomen war auch nicht an allen sch\u00f6nen Tagen zu beobachten. Es war einfach zum Verzweifeln. Anfangs kamen immer mehr Kollegen um den k\u00fcnftigen Nobelpreistr\u00e4ger bei seiner Arbeit zu beobachten. Aber langsam verloren sie das Interesse, denn das Ph\u00e4nomen der r\u00e4tselhaften Schwingungen war einfach nicht regelm\u00e4\u00dfig zu reproduzieren. Was auch immer ich unternahm, es schien mehr oder weniger Zufall, ob die Schwingungen auftraten oder nicht.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Zu der Zeit baute die Firma Linde einen Heliumverfl\u00fcssiger in unserer Laborhalle auf. Damit sollten die Magnetspulen gek\u00fchlt werden. Denn um ein Plasma von n\u00f6tiger Dichte zu erzeugen, sind gewaltige Magnetfelder erforderlich. Aber die Kupferspulen f\u00fcr die Elektromagneten waren derart hoch beansprucht, dass sie einfach geschmolzen sind. Immer wieder verdampften die wassergek\u00fchlten Kupferrohre unter der enorm hohen Strombelastung. Dann entstanden gewaltige Lichtb\u00f6gen mit verdampftem Kupfer, bis die Lichtb\u00f6gen dann endlich abbrachen, weil nicht mehr genug Kupfer verdampfte. Einmal kam gerade mein Mitarbeiter aus dem Untergeschoss \u00fcber die Wendeltreppe in die Halle, als die Kupferspule mit einem lauten Knattern explodierte. Wie ein gewaltiges Feuerwerk spritze fl\u00fcssiges Kupfer durch die Gegend.&nbsp; Erschrocken sprang der Kollege die Treppe wieder hinunter in den Keller. Aber dort tropfte das verfl\u00fcssigte Kupfer durch die Kabelsch\u00e4chte nach unten. Wie ein kleiner Flaschenteufel sauste er immer wider die Treppe nach oben und wieder nach unten, anstatt den Not Aus-Schalter zu bet\u00e4tigen, der direkt an der Treppe angebracht war.<\/p>\n\n\n\n<p>Aber auch der Not Aus-Schalter funktionierte nicht, denn in den Magnetspulen war noch so viel magnetische Energie gespeichert, dass es eine ganze Weile dauerte, bis der Lichtbogen, der mit einem gewaltigen L\u00e4rm explodierte, wieder verlosch.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Also sollten die Kupferrohre nicht mehr mit Wasser, sondern mit fl\u00fcssigem Helium nahe beim absoluten Nullpunkt gek\u00fchlt werden. Dann sinkt der elektrische Widerstand er Magnetspulen gegen Null und die W\u00e4rmebelastung sinkt dramatisch.<\/p>\n\n\n\n<p>Aber die Maschine, die ja riesige Mengen von fl\u00fcssigem Helium mit einer Temperatur nahe des absoluten Nullpunktes produzieren sollte, wollte nicht so recht funktionieren. Also war immer wieder einmal ein Techniker der Firma Linde anwesend, um die Maschine doch noch zum Laufen zu bringen. Er arbeitet an der Maschine und h\u00f6rte den Bayerischen Rundfunk. St\u00e4ndig dudelte sein Kofferradio. Wir waren derart genervt, dass wir einen St\u00f6rsender bastelten, der genau auf der Frequenz des BR lief, weil er einfach nicht einsah, dass er kein Radio h\u00f6ren sollte. Pl\u00f6tzlich streikte das Radio des Monteurs, gest\u00f6rt von unserem St\u00f6rsender und er schaltete es fluchend wieder aus. Aber um Radio h\u00f6ren zu k\u00f6nnen, musste er die Hallent\u00fcr unserer Laborhalle \u00f6ffnen, denn die war als faradayscher K\u00e4fig v\u00f6llig von elektrischen Strahlungen von au\u00dfen abgeschirmt. Wenn es drau\u00dfen kalt war, h\u00f6rte er kein Radio, denn der Heliumverfl\u00fcssiger stand direkt an der Au\u00dfent\u00fcr der Halle und er fror bei offener Hallent\u00fcr.<\/p>\n\n\n\n<p>Und pl\u00f6tzlich bemerkte ich, dass ich immer dann die unerkl\u00e4rlichen Schwingungen im Plasma hatte, wenn der Linde-Monteur Radio h\u00f6rte. H\u00f6rte er kein Radio, waren auch keine Plasmaschwingungen messbar.<\/p>\n\n\n\n<p>Und dann kam die gro\u00dfe Entt\u00e4uschung: Mein Plasmastrahl wirkte wie eine Antenne, die den Bayerischen Rundfunk aufnahm. War die Hallent\u00fcr offen, gab es Schwingungen, war die Hallent\u00fcr geschlossen, waren die Schwingungen niemals vorhanden.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Ich hatte niemals unmittelbar vor dem Nobelpreis gestanden: Ich hatte mit meinem Plasmastrahl einfach nur den Bayerischen Rundfunk empfangen, der nicht allzuweit seine Sendemasten aufgebaut hatte. Eigentlich schade! Vielleicht h\u00e4tte ich einen Rundfunkempf\u00e4nger aus meinem Plasmastahl bauen sollen? Aber daf\u00fcr gibt es wohl keinen Nobelpreis.<\/p>\n<div class=\"thanks_button_div\" \n                  style=\"float: left; margin-left: 0px;\"><div id=\"thanksButtonDiv_5205_1\" style=\"background-image:url(http:\/\/www.teeweg.de\/blog\/wp-content\/plugins\/thanks-you-counter-button\/images\/thanks_large_blue.png); background-repeat:no-repeat; float: left; display: inline;\"\n                onmouseover=\"javascript:thankYouChangeButtonImage('thanksButtonDiv_5205_1', true);\" \n                onmouseout=\"javascript:thankYouChangeButtonImage('thanksButtonDiv_5205_1', false);\"\n                onclick=\"javascript:thankYouChangeButtonImage('thanksButtonDiv_5205_1', false);\" >\n                <input type=\"button\" onclick=\"thankYouButtonClick(5205, 'You left &ldquo;Thanks&rdquo; already for this post')\" value=\"Danke 153\"\n                  class=\"thanks_button thanks_large thanks_blue\"\n                  style=\"  font-family: Verdana, Arial, Sans-Serif; font-size: 14px; font-weight: normal;; color:#39b778;\"\n                  id=\"thanksButton_5205_1\" title=\"Click to leave &ldquo;Thanks&rdquo; for this post\"\/>\n             <\/div><div id=\"ajax_loader_5205_1\" style=\"display:inline;visibility: hidden;\"><img decoding=\"async\" alt=\"ajax loader\" src=\"http:\/\/www.teeweg.de\/blog\/wp-content\/plugins\/thanks-you-counter-button\/images\/ajax-loader.gif\" \/><\/div><\/div><div id=\"wp_fb_like_button\" style=\"margin:5px 5px 5px 0;float:left;height:100px;\"><script src=\"http:\/\/connect.facebook.net\/en_US\/all.js#xfbml=1\"><\/script><fb:like href=\"https:\/\/www.teeweg.de\/blog\/knapp-am-nobelpreis-vorbei\/\" send=\"false\" layout=\"standard\" width=\"450\" show_faces=\"false\" font=\"arial\" action=\"like\" colorscheme=\"light\"><\/fb:like><\/div>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Als junger Mann arbeitete ich am Max Planck Institut f\u00fcr Plasmaphysik in Garching bei M\u00fcnchen. 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