{"id":48,"date":"2008-02-19T13:00:36","date_gmt":"2008-02-19T11:00:36","guid":{"rendered":"http:\/\/teeweg.de\/blog\/?p=48"},"modified":"2016-01-12T16:22:40","modified_gmt":"2016-01-12T15:22:40","slug":"abschied-rilkes-vierte-duineser-elegie","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.teeweg.de\/blog\/abschied-rilkes-vierte-duineser-elegie\/","title":{"rendered":"Abschied &#8211; Rilkes vierte Duineser Elegie"},"content":{"rendered":"<blockquote><p>.. Wir kennen den Kontur des F\u00fchlens nicht, nur was ihn formt von Au\u00dfen.<br \/>\nWer sa\u00df nicht bang vor seines Herzens Vorhang?<br \/>\nDer schlug sich auf: die Szenerie war Abschied.<br \/>\nLeicht zu verstehen. Der bekannte Garten,<br \/>\nund schwankte leise &#8230;<\/p><\/blockquote>\n<p style=\"margin-bottom: 0cm\">Diese Verse schreibt Rilke in seiner vierten Duineser Elegie.<\/p>\n<p style=\"margin-bottom: 0cm\">Das ganze Leben ist ein Abschied nehmen. Aber wir verabschieden uns nicht nur von geliebten Personen oder Weggef\u00fchrten, die f\u00fcr eine Weile gehen, um dann bald oder auch sp\u00e4ter wieder zu kommen. Der Abschied, den Rilke hier meint geschieht in unserem Herzen und es ist ein endg\u00fcltiger Abschied, es ist ein st\u00e4ndiges Abschiednehmen vom Alten und liebgewordenen, aber auch vom Verdorbenen und schal Gewordenen.<\/p>\n<p style=\"margin-bottom: 0cm\">In der Hektik des Alltags bleibt uns unser Herz mit seinem F\u00fchlen meistens verborgen wie durch einen Vorhang. Wenn wir zur Ruhe kommen, schl\u00e4gt sich der Vorhang auf und wir schauen in unser Inneres. Diese Schau ist wie die Szenerie im Theater: wir sitzen und schauen zu, was dort auf der B\u00fchne geschieht. Aber das St\u00fcck, was dort gespielt wird, ist unser eigenes Leben. Wenn der Vorhang unseres Herzens sich aufschl\u00e4gt. schauen wir unsere eigenen Empfindungen und &#8211; erschrecken.<\/p>\n<blockquote>\n<p style=\"margin-bottom: 0cm\">Wir kennen den Kontur des F\u00fchlens nicht, nur was ihn formt von au\u00dfen.<\/p>\n<\/blockquote>\n<p style=\"margin-bottom: 0cm\">Rilke schreibt &#8218;den Kontur&#8216; und nicht &#8218;die Kontur&#8216;. Er denkt die Kontur franz\u00f6sisch, gepr\u00e4gt von seiner Zeit der engen Bindung an den Bildhauer Rodin, dessen Privatsekret\u00e4r er eine Zeit lang war. In Wikipedia hei\u00dft es zu Kontur:<\/p>\n<blockquote>\n<p style=\"margin-bottom: 0cm\">In der Bildhauerei ist die Betrachtung der Kontur ein wichtiger Aspekt bei der Analyse einer Skulptur. Wird diese in starkem Gegenlicht beobachtet, sieht man nur ihre Umriss. Die Grenzlinie der Silhouette und des Hintergrundes ist die Kontur dieser Skulptur. Nun l\u00e4sst sich erkennen, ob sie   Durchblicke besitzt. Ver\u00e4ndert der Betrachter seine Position, ver\u00e4ndert sich in der Regel auch die gesehene Kontur.<\/p>\n<\/blockquote>\n<p style=\"margin-bottom: 0cm\">Wird die Skulptur im Gegenlicht betrachtet, erkennt man &#8218;den Kontur&#8216;, den \u00e4u\u00dferen Rand, die plastische Ausformung der Skulptur bleibt aber verborgen. Und sogar der Kontur \u00e4ndert sich je nach Stellung des Betrachters von Augenblick zu Augenblick.<\/p>\n<p style=\"margin-bottom: 0cm\">Genauso ergeht es uns mit unserem F\u00fchlen. Heute meine ich, mein F\u00fchlen zu erkennen, aber die genaue innere Struktur bleibt mir weitestgehend verborgen. Morgen, bei ge\u00e4nderter Stimmung erscheint mir der Kontur meines F\u00fchlens v\u00f6llig anders. Manchmal gen\u00fcgt es schon, wenn sich ein tr\u00fcbes, nebliges Wetter aufl\u00f6st und der Himmel heiter wird. Schon ist der Kontur meines F\u00fchlen ein v\u00f6llig anderer.<\/p>\n<p style=\"margin-bottom: 0cm\">Wir sitzen &#8222;bang vor dem Vorhang unseres Herzens&#8220;, weil wir nicht wissen, was sich zeigt, wenn sich dieser Vorhang \u00f6ffnet. Vielleicht suchen wir darum so oft Ablenkung und Zerstreuung, weil wir nicht mit dem konfrontiert werden wollen, was dieser Herzensvorhang verbirgt und weil wir uns davor f\u00fcrchten, dass er sich aufschl\u00e4gt?<\/p>\n<p style=\"margin-bottom: 0cm\">Wir sind es nicht, die diesen Vorhang willentlich aufschlagen: &#8222;der (Vorhang) schlug sich auf&#8220;, ganz unversehens und von allein. Das geschieht meistens dann, wenn wir allein sind und ein wenig zur Ruhe kommen. Dann zeigt sich oft noch keine bestimmte und konkrete Sache, es erscheint ein F\u00fchlen und Empfinden, das wir nur als Kontur erkennen. Es ist die Stimmung des Abschieds, die<br \/>\n&#8222;Szenerie des Abschieds&#8220;.\n<\/p>\n<p style=\"margin-bottom: 0cm\">Die Szenerie ist noch nicht das St\u00fcck, das gespielt wird, es ist die Kulisse, der Hintergrund, vor dem das St\u00fcck unseres Lebens gespielt wird. Die gesamte Szenerie des Lebens ist dieser Abschied. Wir nehmen st\u00e4ndig und stets Abschied, Abschied von lieb gewordenen Personen, Umst\u00e4nden und Situationen und Gewohnheiten. In der ersten Elegie schreibt Rilke, da\u00df die &#8222;findigen Tiere&#8220; sehr wohl merken, &#8222;da? wir nicht sehr verl\u00c3\u00e4\u00dflich zu Hause sind in der gedeuteten Welt&#8220;.<\/p>\n<blockquote><\/blockquote>\n<blockquote>\n<p style=\"margin-bottom: 0cm\">&#8222;Es bleibt uns vielleicht &#8230;  das verzogene Treusein einer Gewohnheit,<br \/>\nder es bei uns gefiel und so blieb sie und ging nicht&#8220;<\/p>\n<\/blockquote>\n<p style=\"margin-bottom: 0cm\">Die Gewohnheiten, auch wenn sie &#8222;verzogen&#8220; sind, gew\u00e4hren uns so etwas wie eine Best\u00e4ndigkeit und Sicherheit. Einer schlechten Partnerschaft oder einer qu\u00e4lenden Lebenssituation bleiben wir aus Gewohnheit treu, weil uns das immer noch besser scheint, als der Abschied. Wie oft werden an Neujahr feste Vors\u00e4tze gefa\u00dft, sich von schlechten Gewohnheiten zu verabschieden, aber dann bleiben wir ihnen doch wieder treu, aus Angst vor dem Los &#8211; Lassen und Abschied Abschied und dem Neuen.<\/p>\n<p style=\"margin-bottom: 0cm\">Die Szenerie des Abschieds ist eine urmenschliche Situation. In der Szenerie des Abschieds zeigt sich &#8222;der bekannte Garten&#8220;. Dies ist das Paradies, das wir immer schon verloren haben, noch bevor wir geboren wurden? Dennoch sehnen wir uns immer zur\u00fcck in das nie da Gewesene. Aber wenn wir uns r\u00fcckw\u00e4rts wenden, finden wir immer nur den Engel mit dem Flammenschwert, der den Zugang zum Paradies verweigert.<\/p>\n<p style=\"margin-bottom: 0cm\">F\u00fcr Rilke zeigen uns die Toten das Los-Lassen, in dem sie Ewigkeit sp\u00fcren:<\/p>\n<blockquote><\/blockquote>\n<blockquote>\n<p style=\"margin-bottom: 0cm\">Freilich ist es seltsam, &#8230;<br \/>\nkaum erlente Gebr\u00e4uche nicht mehr zu \u00fcben,<br \/>\n&#8230;. seltsam, die W\u00fcnsche nicht weiter zu w\u00fcnschen<\/p>\n<\/blockquote>\n<p style=\"margin-bottom: 0cm\">Aber diese Totsein der Toten, &#8222;das so m\u00fchsam und voller Loslassen ist&#8220; schenkt den Toten Unendlichkeit und das Offene.<\/p>\n<p style=\"margin-bottom: 0cm\">Vielleicht k\u00f6nnen wir von Ihnen das Loslassen lernen und das Offene gewinnen?<\/p>\n<div class=\"thanks_button_div\" \n                  style=\"float: left; margin-left: 0px;\"><div id=\"thanksButtonDiv_48_1\" style=\"background-image:url(http:\/\/www.teeweg.de\/blog\/wp-content\/plugins\/thanks-you-counter-button\/images\/thanks_large_blue.png); background-repeat:no-repeat; float: left; display: inline;\"\n                onmouseover=\"javascript:thankYouChangeButtonImage('thanksButtonDiv_48_1', true);\" \n                onmouseout=\"javascript:thankYouChangeButtonImage('thanksButtonDiv_48_1', false);\"\n                onclick=\"javascript:thankYouChangeButtonImage('thanksButtonDiv_48_1', false);\" >\n                <input type=\"button\" onclick=\"thankYouButtonClick(48, 'You left &ldquo;Thanks&rdquo; already for this post')\" value=\"Danke 2\"\n                  class=\"thanks_button thanks_large thanks_blue\"\n                  style=\"  font-family: Verdana, Arial, Sans-Serif; font-size: 14px; font-weight: normal;; color:#39b778;\"\n                  id=\"thanksButton_48_1\" title=\"Click to leave &ldquo;Thanks&rdquo; for this post\"\/>\n             <\/div><div id=\"ajax_loader_48_1\" style=\"display:inline;visibility: hidden;\"><img decoding=\"async\" alt=\"ajax loader\" src=\"http:\/\/www.teeweg.de\/blog\/wp-content\/plugins\/thanks-you-counter-button\/images\/ajax-loader.gif\" \/><\/div><\/div><div id=\"wp_fb_like_button\" style=\"margin:5px 5px 5px 0;float:left;height:100px;\"><script src=\"http:\/\/connect.facebook.net\/en_US\/all.js#xfbml=1\"><\/script><fb:like href=\"https:\/\/www.teeweg.de\/blog\/abschied-rilkes-vierte-duineser-elegie\/\" send=\"false\" layout=\"standard\" width=\"450\" show_faces=\"false\" font=\"arial\" action=\"like\" colorscheme=\"light\"><\/fb:like><\/div>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>.. Wir kennen den Kontur des F\u00fchlens nicht, nur was ihn formt von Au\u00dfen. Wer sa\u00df nicht bang vor seines Herzens Vorhang? Der schlug sich auf: die Szenerie war Abschied. Leicht zu verstehen. Der bekannte Garten, und schwankte leise &#8230; &hellip; <a href=\"https:\/\/www.teeweg.de\/blog\/abschied-rilkes-vierte-duineser-elegie\/\">Weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":278,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_bbp_topic_count":0,"_bbp_reply_count":0,"_bbp_total_topic_count":0,"_bbp_total_reply_count":0,"_bbp_voice_count":0,"_bbp_anonymous_reply_count":0,"_bbp_topic_count_hidden":0,"_bbp_reply_count_hidden":0,"_bbp_forum_subforum_count":0,"ngg_post_thumbnail":0,"footnotes":""},"categories":[1,6,12],"tags":[],"class_list":["post-48","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-allgemein","category-dichtung-und-philosophie","category-rilke"],"aioseo_notices":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.teeweg.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/48","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.teeweg.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.teeweg.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.teeweg.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/278"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.teeweg.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=48"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/www.teeweg.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/48\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":3030,"href":"https:\/\/www.teeweg.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/48\/revisions\/3030"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.teeweg.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=48"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.teeweg.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=48"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.teeweg.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=48"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}