{"id":41,"date":"2007-11-20T11:03:33","date_gmt":"2007-11-20T09:03:33","guid":{"rendered":"http:\/\/teeweg.de\/blog\/?p=41"},"modified":"2016-01-12T16:22:40","modified_gmt":"2016-01-12T15:22:40","slug":"wer-wenn-ich-schrie-horte-mich-denn-aus-der-engel-ordnungen-oder-die-aprioritat-des-individuellen-uber-das-allgemeine-deutung-von-gedichten","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.teeweg.de\/blog\/wer-wenn-ich-schrie-horte-mich-denn-aus-der-engel-ordnungen-oder-die-aprioritat-des-individuellen-uber-das-allgemeine-deutung-von-gedichten\/","title":{"rendered":"Wer, wenn ich schrie, h\u00f6rte mich denn aus der Engel Ordnungen.."},"content":{"rendered":"<p>Oder:<\/p>\n<p><strong>Die Apriorit\u00e4t des Individuellen \u00fcber das Allgemeine. &#8211; Deutung von Gedichten<\/strong><\/p>\n<p>Im Internet habe ich eine sehr gelehrte Seite \u00fcber Rilkes Duineser Elegien gefunden.<\/p>\n<p>Als Kommentar zu dem ersten Vers der Elegien steht eine Erkl\u00e4rung \u00fcber die Ordnungen der Engel in der christlichen Tradition. Das ist so schon in Ordnung. Aber ist damit der Vers gedeutet?<br \/>\nWas will der Dichter \u00fcberhaupt mit seinem Werk? Will er uns etwas mitteilen \u00fcber die Engel und deren Ordnungen oder \u00fcber den inneren Zustand und die Situation, in der sich der Herr Rilke befand, als er sich im Schloss Duino aufhielt.<\/p>\n<p>Unsere Aufgabe w\u00fcrde im ersten Fall darin bestehen, \u00fcber die Tradition der Engeldeutung nachzudenken, im zweiten Fall m\u00fc\u00dften wir die Biografie Rilkes genauer untersuchen.<br \/>\nDie philologische Auslegung von Werken begn\u00fcgt sich damit, etwas \u00fcber den Dichter und dessen Zeit herauszufinden. War der Herr Rilke vielleicht homosexuell oder hatte er etwas mit der Gr\u00e4fin Soundso?<\/p>\n<p>Aber warum schreibt der Herr Rilke so komplizierte Verse, wenn es nur darum geht, seinen inneren Zustand zu schildern? Kann er nicht so reden, wie jeder andere auch?<\/p>\n<p>Im sp\u00e4ten Werk H\u00f6lderlins findet sich der Satz:<\/p>\n<blockquote><p>&#8222;die Apriorit\u00e4t des Individuellen \u00fcber das Allgemeine&#8220;.<\/p><\/blockquote>\n<p>Die Apriorit\u00e4t ist das Erste, das was ganz am Anfang da ist. Alles andere folgt danach.<br \/>\nDer Dichter oder der Denker kann nicht zuerst das Allgemeine sehen. Das Erste in seiner unmittelbaren Erfahrung ist das Individuelle, das ganz pers\u00f6nliches Schicksal.<br \/>\nJeder von uns erlebt zun\u00e4chst und immer nur sein eigenes Geschick und seine eigenen Erfahrungen.<\/p>\n<p>Dieses Schicksal ist zugleich aber eingebettet in das Geschick einer ganze Generation, einer ganze Epoche. Mein Geschick ist &#8211; in individueller Auspr\u00e4gung &#8211;  zugleich das einer ganzen Epoche.<br \/>\nAber auch diese Sicht ist noch zu kurz.<\/p>\n<p>Rilke oder auch H\u00f6lderlin reden nicht (nur) \u00fcber das Geschick ihrer Zeitgenossen, sondern \u00fcber das, was allen Menschen zu allen Zeiten und in allen Kulturen gemein ist.<\/p>\n<p>Der Engel ist der Bote aus einer anderen Welt, aus der Welt der Sch\u00f6nheit und grenzenlosen Freiheit. Er kommt aus der offenen Weite der Unendlichkeit.<br \/>\nIn unserer allt\u00e4glichen Beschr\u00e4nkung sehnen wir uns nach Offenheit und Freiheit, nach Sch\u00f6nheit und Unendlichkeit. Darum brechen wir immer wieder aus in Erfahrungen und Bereiche, die unsere Beschr\u00e4nkungen aufbrechen und das Ungeheure erfahren lassen.<br \/>\nWir fliegen vielleicht auf die Malediven. Dort ist die Freiheit und das ganz Andere, das unsere allt\u00e4gliche Enge ins Gro\u00dfe und Gewaltige ver\u00e4ndern wird.<\/p>\n<p>Oder wir begeben uns auf einen \u00dcbungsweg, wie vielleicht den Teeweg. Dort ist alles ganz Anders, als im allt\u00e4glichen Leben. Dort wartet die &#8222;Erleuchtung&#8220; auf uns.<\/p>\n<p>Und was kommt dann?<\/p>\n<p>Wir schrecken zur\u00fcck vor dem Unbekannten. Es ist viel zu gef\u00e4hrlich, sich auf die neue Erfahrung einzulassen &#8211;  sie k\u00f6nnte, nein sie m\u00fc\u00dfte unsere engen Grenzen sprengen. Und was kommt dann? Die Angst vor dem Unbekannten! Und dann \u00c3\u00e4gern wir uns lieber dar\u00fcber, dass an dem neuen Ort alles ganz anders ist, als zu Hause und richten uns alles so ein, dass uns garantiert keine andersartige Erfahrung treffen kann. Rilke &#8211; und jede gro\u00dfe Dichtung &#8211; redet nicht \u00fcber das Individuelle des Dichters!<\/p>\n<p>Sie spricht \u00fcber UNS, uns, den Leser, der bereit ist, die Botschaft zu h\u00f6ren.<br \/>\nDann aber ist Dichtung die Aufforderung, unser kleines, allt\u00e4gliches Leben zu \u00e4ndern, uns zu \u00f6ffnen f\u00fcr das Unendliche.<\/p>\n<p>Aber das macht Angst. Das Gewohnte und Gew\u00f6hnliche grenzt nicht nur eng ein, es schenkt auch Sicherheit. Nichts Ungew\u00f6hliches kann passieren, das unsere engen Grenzen sprengen k\u00f6nnte.<\/p>\n<p>Gro\u00dfe Dichtung ist wie ein Wink, ein Fingerzeig, der uns in das Unendliche winkt und leitet. Am Ende m\u00fcssen wir die Dichtung und ihre Worte loslassen, um uns selbst auf den Weg zu begeben. In Japan sagt man, &#8222;wenn du den Mond gefunden hast, vergiss den Finger&#8220;. Der Finger ist nicht der Mond, er zeigt nur den Weg. Gro\u00dfe Dichtung besteht  nicht aus Worten. Die Worte zeigen nur. Sie sind Winke.<br \/>\nAber wir m\u00fcssen bereit sein, uns in unserer Existenz anreden und ersch\u00fcttern zu lassen und den Weg, den die Worte zeigen selbst zu gehen. Dann ist es nicht mehr das Individuelle oder Zeitbedingte des Dichters, dann ist es unser eigener Weg.<\/p>\n<div class=\"thanks_button_div\" \n                  style=\"float: left; margin-left: 0px;\"><div id=\"thanksButtonDiv_41_1\" style=\"background-image:url(http:\/\/www.teeweg.de\/blog\/wp-content\/plugins\/thanks-you-counter-button\/images\/thanks_large_blue.png); background-repeat:no-repeat; float: left; display: inline;\"\n                onmouseover=\"javascript:thankYouChangeButtonImage('thanksButtonDiv_41_1', true);\" \n                onmouseout=\"javascript:thankYouChangeButtonImage('thanksButtonDiv_41_1', false);\"\n                onclick=\"javascript:thankYouChangeButtonImage('thanksButtonDiv_41_1', false);\" >\n                <input type=\"button\" onclick=\"thankYouButtonClick(41, 'You left &ldquo;Thanks&rdquo; already for this post')\" value=\"Danke 2\"\n                  class=\"thanks_button thanks_large thanks_blue\"\n                  style=\"  font-family: Verdana, Arial, Sans-Serif; font-size: 14px; font-weight: normal;; color:#39b778;\"\n                  id=\"thanksButton_41_1\" title=\"Click to leave &ldquo;Thanks&rdquo; for this post\"\/>\n             <\/div><div id=\"ajax_loader_41_1\" style=\"display:inline;visibility: hidden;\"><img decoding=\"async\" alt=\"ajax loader\" src=\"http:\/\/www.teeweg.de\/blog\/wp-content\/plugins\/thanks-you-counter-button\/images\/ajax-loader.gif\" \/><\/div><\/div><div id=\"wp_fb_like_button\" style=\"margin:5px 5px 5px 0;float:left;height:100px;\"><script src=\"http:\/\/connect.facebook.net\/en_US\/all.js#xfbml=1\"><\/script><fb:like href=\"https:\/\/www.teeweg.de\/blog\/wer-wenn-ich-schrie-horte-mich-denn-aus-der-engel-ordnungen-oder-die-aprioritat-des-individuellen-uber-das-allgemeine-deutung-von-gedichten\/\" send=\"false\" layout=\"standard\" width=\"450\" show_faces=\"false\" font=\"arial\" action=\"like\" colorscheme=\"light\"><\/fb:like><\/div>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Oder: Die Apriorit\u00e4t des Individuellen \u00fcber das Allgemeine. &#8211; Deutung von Gedichten Im Internet habe ich eine sehr gelehrte Seite \u00fcber Rilkes Duineser Elegien gefunden. 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