{"id":3960,"date":"2017-07-21T10:19:42","date_gmt":"2017-07-21T09:19:42","guid":{"rendered":"http:\/\/www.teeweg.de\/blog\/?p=3960"},"modified":"2017-07-21T10:26:27","modified_gmt":"2017-07-21T09:26:27","slug":"viel-sind-erinnerungen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.teeweg.de\/blog\/viel-sind-erinnerungen\/","title":{"rendered":"Viel sind Erinnerungen &#8211; Das zerrissene Herz"},"content":{"rendered":"<p><strong>Hier das Einleitungskapitel meines neuen Buches:<\/strong><\/p>\n<p><strong>Viel sind Erinnerungen!<\/strong><\/p>\n<p>Es ist das Vorrecht der Alten, sich zu erinnern.<br \/>\nErinnerungen sind eine merkw\u00fcrdige Sache. Anders als das Ged\u00e4chtnis, das Daten und Fakten speichert, er-innern wir oft nur Bilder, Kl\u00e4nge oder Ger\u00fcche. Meistens ist es eine ganz bestimmte, isolierte Situation, die wir erinnern und nicht die gro\u00dfen und bedeutenden Ereignisse der Geschichte. Es sind die ganz kleinen, scheinbar allt\u00e4glichen Dinge aus dem Augenblick, die sich ganz lebendig f\u00fcr immer einpr\u00e4gen. Die gro\u00dfen Ereignisse der Geschichte geh\u00f6ren in die Geschichtsb\u00fccher, die kleinen Dinge sind f\u00fcr das Herz.<\/p>\n<p>Ich erinnere mich noch an einen gewaltigen Regen in meiner Kindheit. Ich holte zusammen mit meiner Mutter einen selbstgebackenen Kuchen vom B\u00e4cker ab. Man konnte damals die Kuchenbleche zum B\u00e4cker bringen. Wenn dann das Brot gebacken war, wurden die Kuchen der Kunden in den noch hei\u00dfen Ofen geschoben. Meine Mutter hatte gerade das Blech mit dem duftenden Kuchen genommen, als ein f\u00fcrchterlicher Platzregen losbrach. Wir standen in einem Hauseingang und warteten. Schnell bildeten sich gro\u00dfe Pf\u00fctzen. Die dicken Regentropfen schlugen riesige Luftblasen auf den Pf\u00fctzen, die immer gr\u00f6\u00dfer wurden und dann mit einem kleinen Knall zerplatzten. Ich habe nie wieder solch gro\u00dfe Luftblasen auf Regenpf\u00fctzen gesehen. Oder waren die Blasen nur deshalb so gro\u00df, weil ich so klein war? Der Regen prasselte, die Regentropfen tanzten und die Blasen schlugen den Takt dazu. Es war ein faszinierendes Schauspiel der Lust am verg\u00e4nglichen Augenblick.<\/p>\n<p>Unvergesslich ist mir auch das strahlende Morgenlicht, das durch die dunklen Schatten der B\u00e4ume eines Waldes f\u00e4llt. Der Boden ist mit dichtem, hell wei\u00dfen Nebelschwaden bedeckt und die Sonnenstrahlen dringen kalt leuchtend durch den Nebel. Ich friere, denn es ist bitterkalt. Es war der helle Morgen nach einer dunklen Nacht, in der ein russischer Soldat nach uns gesucht und wild mit seiner Maschinenpistole durch den Wald geschossen hatte. Aber wir waren am Leben! Ich sehe nur das helle Morgenlicht im Nebel. Da ist kein Russe. Aber irgendwo wei\u00df ich, dass er da gewesen sein muss. Und da ist auch noch die Erinnerung an die Sch\u00fcsse in der Dunkelheit der Nacht. Dann ist nur noch Dunkelheit. Ich habe die Nacht v\u00f6llig Vergessen, es gibt keinerlei Erinnerung mehr an sie. Es sind zwei v\u00f6llig voneinander losgel\u00f6ste Erinnerungen, die dennoch untrennbar zusammengeh\u00f6ren.<\/p>\n<p>Die Erinnerung unterscheidet nicht zwischen wichtig und unwichtig. Sie bewahrt Eindr\u00fccke, die uns in einem bestimmten Augenblick tief in unserem Inneren ber\u00fchrt haben. Das sind die Augenblicke, in denen wir wirklich leben. Was uns nicht tief im Inneren ber\u00fchrt, versinkt gn\u00e4dig im Dunkel des Vergessens.<br \/>\nErinnerungen sind wie die R\u00e4ume eines unendlichen Herrenhauses. Kaum \u00f6ffnet man eine T\u00fcr und betritt einen Raum der Erinnerungen, schon \u00f6ffnen sich weitere und weitere T\u00fcren, die in immer neue R\u00e4ume f\u00fchren. Manchmal sto\u00dfen wir auf T\u00fcren, die fest verschlossen sind, manchmal \u00f6ffnet eine neue T\u00fcr eine Unzahl von R\u00e4umen. Die R\u00e4ume sind das Labyrinth unserer Erinnerungen, in denen wir wandern, in denen wir uns aber auch v\u00f6llig verlieren k\u00f6nnen. Wo ist das alles gespeichert? Im Gehirn? Oder in jeder Zelle des K\u00f6rpers? Aber Zellen sterben ab und neue Zellen bilden sich. Unser K\u00f6rper ist stets ein anderer, aber die Erinnerungen bleiben. Ist es nicht wunderbar, wie und wo solche Mengen an Erinnerungen gespeichert werden k\u00f6nnen?<\/p>\n<p>Ich f\u00fchle mich gen\u00f6tigt, Geschichten aus meiner Kindheit mitten im zerrissenen gr\u00fcnen Herzen Deutschlands zu erz\u00e4hlen. Niemand zwingt mich dazu, aber nach einer Reise in die alte Heimat wurden die Erinnerungen so dr\u00e4ngend, dass sie aufgeschrieben werden wollten. Geschichten von meinem Vater, der &#8211; seit er tot ist &#8211; innen in mir in meinen Erinnerungen Angst hat, tiefe Angst. Und der am gebrochenen Herzen starb, weil er nie das sein durfte, was er war. Oder von meinem Gro\u00dfvater, der immer davon tr\u00e4umte, als armer M\u00fcllerssohn ein K\u00f6nigreich zu erringen, wenn schon nicht ein ganzes, so doch wenigstens ein halbes. Innen in seinem Herzen hatte er das K\u00f6nigreich gefunden. Und von Gro\u00dfmutter, die ihn nie f\u00fchlen lie\u00df, da\u00df er kein K\u00f6nig, sondern nur ein armer Bauer war.<\/p>\n<p>Es sind Geschichten aus einer Zeit, in der Deutschland noch nicht geteilt war und Geschichten aus der Zeit der Teilung. Sch\u00f6ne Geschichten von einer beh\u00fcteten Jugend und schreckliche Erlebnisse aus Krieg und der Zeit der Teilung.<br \/>\nEs sind Geschichten, so wie ich mich erinnere. Vielleicht ist manches falsch erinnert und manches auch einfach nur getr\u00e4umt. Aber ich will ja auch kein Geschichtsbuch schreiben, sondern einfach Geschichten aus der Erinnerung erz\u00e4hlen.<\/p>\n<p>Junge Menschen leben in der Gegenwart f\u00fcr ihre Zukunft. Aber im Alter wird die Zukunft immer weniger und zugleich unbedeutender oder gar \u00e4ngstigender. Daf\u00fcr wird die Gegenwart immer wichtiger. Es ist das Gl\u00fcck des Alters, dass man ganz und gar in der Gegenwart leben darf. Aber die Gegenwart ist gepr\u00e4gt durch alles, was wir erlebt und erfahren haben. Auch unsere Hoffnungen f\u00fcr die Zukunft werden aus der Vergangenheit gepr\u00e4gt. Aber die Zukunft der Alten ist weniger wichtig als f\u00fcr junge Menschen, die ja noch kaum Vergangenheit, daf\u00fcr aber ihre ganze Zukunft vor sich haben. So k\u00f6nnen wir den Augenblick genie\u00dfen und uns des Lebens freuen. Die Jungen m\u00f6gen ihre Zukunft planen, aber meistens geschieht alles wie von einer fremden Macht gesteuert.<\/p>\n<p>Rilke sieht in den Duineser Elegien unser Leben wie ein Theaterst\u00fcck. Wir sitzen gespannt vor dem Vorhang des Lebens und warten, bis sich der Vorhang hebt &#8211; und die Szenerie ist Abschied. Abschied von dem, was bisher war und Abschied von unseren Hoffnungen und Pl\u00e4nen. Wir sind wie Marionetten, die an Dr\u00e4hten gef\u00fchrt werden. Am gl\u00fccklichsten ist derjenige, der wei\u00df, dass ein Engel die Regie f\u00fchrt und die Dr\u00e4hte zieht und nicht ein b\u00f6ser Schicksalsd\u00e4mon. Wir werden gespielt und sind zugleich die Zuschauer des St\u00fcckes, das unser Leben bedeutet. Gespannt schauen wir zu, wie das Theaterst\u00fcck des Lebens weiter geht.  <\/p>\n<p>Ich sitze hier auf meiner Terrasse und genie\u00dfe die Stille. Es ist ein herrlicher Sommernachmittag und die V\u00f6gel singen. Unten auf dem Friedhof versammeln sich Menschen und geleiten einen alten Freund auf seinem letzten Weg. Der Posaunenchor spielt das Lied vom alten Kameraden. Der Vorhang ging auf und die Szenerie war &#8211; Abschied.<\/p>\n<p>Manche Alten leben nur noch in der Vergangenheit. Als junger Mensch habe ich einmal einen alten Herrn kennen gelernt, der damals schon dreiundneunzig Jahre alt war. Er war immer noch am Zeitgeschehen interessiert, deshalb musste man ihm jeden Tag die Zeitung vorlesen. Aber das hatte er oft schon wenige Minuten sp\u00e4ter wieder vergessen. Er h\u00f6rte nur noch sehr schlecht und das H\u00f6rger\u00e4t konnte er kaum bedienen. Nur wenn man \u00fcber ein Thema sprach, das ihn interessierte und das seine Erinnerungen ber\u00fchrte, war sein Ged\u00e4chtnis und seine H\u00f6rf\u00e4higkeit brillant. Einmal erz\u00e4hlte ich in seiner Gegenwart von Martin Buber, den ich sehr verehrte. \u00bbJa, das war ein sch\u00f6ner Jud!\u00ab, sprach er. \u00bbAber Gro\u00dfvater, du kennst doch Martin Buber \u00fcberhaupt nicht!\u00ab \u00bbDoch doch! Der hat vor einem Jahr im Fernsehen aus seiner Bibel\u00fcbersetzung gelesen!\u00ab<br \/>\nUnd dann begann er minuti\u00f6s die Geschichte seiner Einschulung in Prag um die Jahrhundertwende von 1900 zu erz\u00e4hlen.<br \/>\nSein Onkel war der ehrw\u00fcrdige Rektor der Schule. Er sa\u00df mit dem gesamten Lehrerkollegium hoch auf einem Podest. Alle waren feierlich im Frack gekleidet, ihre pr\u00e4chtigen gepflegten B\u00e4rte ragten \u00fcber den gesteiften Hemdkragen und die Monokel blitzen streng. Jeder neue Sch\u00fcler musste vor das Ehrfurcht einfl\u00f6\u00dfende Gremium treten und wurde nach Name, Familie und Religion gefragt. Mit Schrecken stellte unser alter Herr fest, dass er keine Ahnung hatte, was Religion war. Manche der zuk\u00fcnftigen Sch\u00fcler sagten \u00bbkatholisch\u00ab, manche \u00bbprotestantisch\u00ab. Katholisch klang in seinen Ohren ziemlich schrecklich und protestantisch kam \u00fcberhaupt nicht in Frage. Er wollte einfach nicht protestieren. Die meisten der Sch\u00fcler aber sagten \u00bbmosaisch!\u00ab Das klang ganz sympathisch. Der alte Herr kannte noch jeden Namen der Sch\u00fcler vor ihm. Langsam r\u00fcckte der Zeitpunkt immer n\u00e4her, dass er nach seiner Religion gefragt wurde. Schlie\u00dflich beugte sich sein Onkel, der Rektor mit strengem Blick zu ihm hinunter und donnerte: \u00bbReligion?\u00ab Er nahm sich seinen ganzen Mut zusammen und sagte: \u00bbMosaisch!\u00ab Das Lehrerkollegium erstarrte, denn allle wussten, dass die Familie protestantisch war. Was f\u00fcr ein aufs\u00e4ssiger Geist wuchs da heran, der seinen Glauben verleugnete und sich freiwillig zum Judentum bekannte?<\/p>\n<p>Ich habe niemals derart in der Vergangenheit gelebt. Ja, meine Herkunft und meine Vergangenheit haben mich so gut wie gar nicht besch\u00e4ftigt. Immer waren meine Gedanken in den fremden Kulturen des alten Griechenland oder Japans und Chinas befasst. Ich habe die alten Geschichten und Erlebnisse nicht vergessen oder gar verdr\u00e4ngt. Es war einfach keine Zeit, sich damit zu befassen.<\/p>\n<p> Aber nun war ich, eigentlich fast zuf\u00e4llig in meiner alten Heimat, der gr\u00fcnen Mitte Deutschlands. Dort bin ich den Erinnerungen aus den Kriegs- und Nachkriegszeiten begegnet, die mich pl\u00f6tzlich sehr gefangen genommen haben. Ist das ein Zeichen des Alters? Muss ich mich mit diesen individuellen Erlebnissen einer schrecklichen Zeit auseinandersetzen? Oder sind viele von meinen Erlebnissen wie ein Muster des gesamtdeutschen Schicksals?<\/p>\n<p>Wie dem auch sei, eine innere Stimme zwingt mich, meine Erinnerungen aufzuschreiben. M\u00f6gen sie dazu beitragen, dass sich solche Ereignisse nie wiederholen!<\/p>\n<p>Es sind die Erinnerungen eines Kindes. Unvollst\u00e4ndig, ungeordnet und oft unverstanden. Aber sie sollen so aufgeschrieben werden, wie ich sie ganz subjektiv als Kind erlebt habe. Ohne wissenschaftliche Ordnung und weitgehend ohne Deutung. Die Ortsnamen und die Begebnisse sind so erz\u00e4hlt, wie ich sie in Erinnerung habe, nur manchmal sind einige Namen ge\u00e4ndert. Ich h\u00e4tte auch alle Ortsnamen \u00e4ndern und durch frei erfundene Namen ersetzen k\u00f6nnen. Aber ganz bewusst habe ich alle Ortsnamen so erhalten, wie sie wirklich sind. Damit sind alle Ereignisse konkret in der Mitte unseres Landes lokalisiert. Aber sie k\u00f6nnten genau so \u00fcberall in Deutschland geschehen sein.<\/p>\n<p>Oft kann ich die Ereignisse nicht mehr korrekt in den historischen Ablauf einordnen. Aber ich habe bewusst darauf verzichtet, die Zeiten exakt zu ermitteln. Es sind Geschichten aus einem deutschen Kinderleben in den Umbruchszeiten des Krieges und der deutschen Trennung.<\/p>\n<p>Diese Erinnerungen sind wieder so lebendig geworden, nachdem ich das Grenzmuseum im Schifflergrund nahe Bad Soden Allendorf besucht hatte. Das Grenzmuseum steht an einer Stelle, an der der originale Grenzzaun mit seinen Selbstschussanlagen erhalten geblieben ist. Er trennt das th\u00fcringische Eichsfeld vom hessischen Allendorf. Mein Gro\u00dfvater war oft in Allendorf und mein Onkel hatte Arbeit in einer Fabrik in Allendorf. Dorthin fuhr er mit dem Fahrrad, bis er eingezogen wurde und in Russland f\u00fcr immer verschwand.<br \/>\nHinter dem Grenzzaun mit seinen Selbstschussanlagen liegt in einem tiefen nat\u00fcrlichen Graben ein auch heute noch sorgf\u00e4ltig gepfl\u00fcgter und geeggter Streifen Land. So konnte man immer leicht frische Fu\u00dfspuren entdecken. Hinter dem geeggten Streifen erhebt sich ein steiler Hang. Oben verl\u00e4uft eine regionale kleine Stra\u00dfe in Hessen. Die Grenze im Westen ist lediglich durch die Leitplanke gesch\u00fctzt, die Autos vor dem Sturz in den Hang sichert. Das letzte Grenzdorf Asbach-Sickingen auf der th\u00fcringischen Seite hatte bis zum Wanfrieder Abkommen noch zu Hessen geh\u00f6rt.<br \/>\nBei einer Grenzbereinigung, die im Wanfrieder Abkommen besiegelt wurde, kam das Dorf zum russisch besetzten Th\u00fcringen.<\/p>\n<p>Heinz-Josef Gro\u00dfe war einer von denen, die dem offiziell nicht existierenden Schie\u00dfbefehl zum Opfer fielen. Die Stelle, an der er am 29. M\u00e4rz 1982 versuchte, mit Hilfe eines Frontladers \u00fcber den Grenzzaun und den H\u00fcgel hinauf zu fliehen, ist vom Ausblick des Museums gut zu sehen. Am Stra\u00dfenrand gegen\u00fcber, oberhalb des Hangs \u2013 erst dort begann \u00bbder Westen\u00ab &#8211; ist ein Denkmal aufgestellt. Hier mussten drei Zollbeamte mit ansehen, wie Gro\u00dfe nach neun Kalaschnikow-Sch\u00fcssen am Hang verblutete, denn dieser geh\u00f6rte, obwohl jenseits des Grenzzauns gelegen, noch zum Territorium der DDR. Die Stelle, an der Gro\u00dfe starb, ist mit einem einfachen Holzkreuz aus Birkenholz gekennzeichnet.<br \/>\nGro\u00dfe war mit seinem Frontlader zur Arbeit an einem Grenzpfosten eingeteilt. Nachdem ihn die Soldaten der NVA eingewiesen hatten, verlie\u00dfen sie den Ort. Gro\u00dfe fuhr mit seinem Frontlader bis zum Grenzzaun mit den Selbstschussanlagen und hob die Schaufel \u00fcber den Zaun. \u00dcber den Ausleger und die Schaufel sprang er \u00fcber den Zaun und rannte den gegen\u00fcberliegenden Hang hinauf. Kurz bevor er die Leitplanke oben am Hang erreichte, die die Grenze zwischen dem Warschauer Pakt und dem Westen bildete, wurde er erschossen. Der Frontlader von Heinrich Gro\u00dfe steht noch heute im Grenzmuseum.<\/p>\n<p>W\u00e4re das Dorf nicht im Wanfrieder Abkommen auf die russische Seite geschlagen worden, sondern im amerikanisch besetzten Hessen geblieben, dann w\u00fcrde Gro\u00dfe heute vielleicht noch leben.<br \/>\nUnz\u00e4hlige Menschen haben die Flucht in den Westen versucht. Vielen ist sie gelungen, aber viele haben bei dem Versuch ihr Leben gelassen. Und nicht immer war der Westen Deutschlands das erhoffte Paradies.<\/p>\n<p> In Japan habe ich einen der Fl\u00fcchtlinge aus der DDR getroffen, denen die Flucht gelungen war. Aber Westdeutschland war ihm auch zu eng. Die Menschen jagten nur den wirtschaftlichen Erfolg hinterher. Das Nachkriegs &#8211; Westdeutschland war ihm zu spie\u00dfig und eng. Aus irgend einem Grund zog es ihn nach Japan.<br \/>\nIch wohnte damals f\u00fcr ein paar Wochen in einem buddistischen Tempel. Im Tempel lebten keine M\u00f6nche. Er wurde nur ein paarmal im Jahr von Priestern besucht, die sich versammelten und einige Tage lang ihre religi\u00f6sen Ges\u00e4nge und Sutren rezitierten. Der Tempel wurde verwaltet von einer alten Dame mit dem sch\u00f6nen Namen Shizuka. Der Name wird mit zwei Schriftzeichen geschrieben, die einzeln \u201astill, friedlich, ruhevoll\u2018 und \u201aDuft\u2018 bedeuten &#8211; \u201aduftender Frieden\u2018. Eines Tages sagte Shizuka: \u00bbHeute kommt ein junger Deutscher. Er spielt wundervoll die Zen-Fl\u00f6te Shakuhachi und er beherrscht das klassische Noh-Theater. Er macht heute im Steingarten im Tempelinnenhof eine Performance.\u00ab <\/p>\n<p>Nennen wir den jungen Mann der Einfachheit halber Uwe. Der Name ist kurz und einpr\u00e4gsam und nimmt mit seinen drei Buchstaben nicht so viel Platz weg. Uwe baute rund um den Tempelgarten Lautsprecher auf, ein Cello und mehrere Shakuhachi lehnten an den Felsen und eine professionelle, computergesteuerte Beleuchtungsanlage wurde aufgebaut. Die Nacht kam und nur ein d\u00e4mmriges Licht lie\u00df den Kies, die Felsen und die sp\u00e4rlichen Pflanzen im Garten aufleuchten. Rund um den Innenhof sa\u00dfen viele Japaner in der Dunkelheit und warteten gespannt auf die Performance. Man konnte nur undeutlich ihre Schatten wahrnehmen, denn es herrschte eine gespannte Stille. Dann erschien Uwe. Er tanzte sein Leben bis zu diesem Augenblick in Japan. Er tappte suchend durch die Felsen, tanzte seine Flucht aus der DDR und zeigte sein ruhelos suchendes Herz, das auch in Westdeutschland nicht satt wurde. Er spielte klassische Musik auf seinem Cello, die sich allm\u00e4hlich tastend und suchend zu Rockmusik verwandelte. Dann tanzte er Japan. Er kam suchend in einen buddhistischen Tempel, lernte die Lehre Buddhas kennen und fand hier endlich seinen Frieden, den er wunderbar mit seiner Zen-Shakuhachi darstellte. Ich war tief beeindruckt. Vor allem hatte es mit der dunkle Klang der Shakuhachi angetan, mit der Uwe den Frieden und die duftende Stille darstellte. Das war Shizuka! <\/p>\n<p>Uwe lebte inzwischen in einem kleinen japanischen Bergdorf. Er war mit einer Japanerin verheiratet und im Tempel des Ortes lernte er die Shakuhachi und das klassische Noh-Theater. Tags\u00fcber baute er sein Gem\u00fcse und seinen Reis an und lebte das Leben eines japanischen Bauern. Viele Jahre sp\u00e4ter besuchte mich Uwe in meiner fr\u00e4nkischen Teeklause und wir spielten Shakuhachi und sa\u00dfen bei der Teezeremonie zusammen und schwiegen. <\/p>\n<p>Heimat und Shizuka ist dort, wo wir unseren inneren Frieden finden und ganz im Augenblick leben.<\/p>\n<hr \/>\n<p>Dies ist das Einleitungskapitel meines neuen Buches: Das zerrissene Herz.<br \/>\nEs sind Erinnerungen aus dem gr\u00fcnen Herzen Deutschlands, das durch eine unmenschliche Grenze zerrissen war.<br \/>\n<a href=\"http:\/\/myoshinan.com\/honya\/?product=das-zerrissene-herz\" target=\"_blank\">Das Buch kann hier erworben werden.<\/a><br \/>\nAuf Wunsch auch mit einer Signatur.<\/p>\n<div class=\"thanks_button_div\" \n                  style=\"float: left; margin-left: 0px;\"><div id=\"thanksButtonDiv_3960_1\" style=\"background-image:url(http:\/\/www.teeweg.de\/blog\/wp-content\/plugins\/thanks-you-counter-button\/images\/thanks_large_blue.png); background-repeat:no-repeat; float: left; display: inline;\"\n                onmouseover=\"javascript:thankYouChangeButtonImage('thanksButtonDiv_3960_1', true);\" \n                onmouseout=\"javascript:thankYouChangeButtonImage('thanksButtonDiv_3960_1', false);\"\n                onclick=\"javascript:thankYouChangeButtonImage('thanksButtonDiv_3960_1', false);\" >\n                <input type=\"button\" onclick=\"thankYouButtonClick(3960, 'You left &ldquo;Thanks&rdquo; already for this post')\" value=\"Danke 62\"\n                  class=\"thanks_button thanks_large thanks_blue\"\n                  style=\"  font-family: Verdana, Arial, Sans-Serif; font-size: 14px; font-weight: normal;; color:#39b778;\"\n                  id=\"thanksButton_3960_1\" title=\"Click to leave &ldquo;Thanks&rdquo; for this post\"\/>\n             <\/div><div id=\"ajax_loader_3960_1\" style=\"display:inline;visibility: hidden;\"><img decoding=\"async\" alt=\"ajax loader\" src=\"http:\/\/www.teeweg.de\/blog\/wp-content\/plugins\/thanks-you-counter-button\/images\/ajax-loader.gif\" \/><\/div><\/div><div id=\"wp_fb_like_button\" style=\"margin:5px 5px 5px 0;float:left;height:100px;\"><script src=\"http:\/\/connect.facebook.net\/en_US\/all.js#xfbml=1\"><\/script><fb:like href=\"https:\/\/www.teeweg.de\/blog\/viel-sind-erinnerungen\/\" send=\"false\" layout=\"standard\" width=\"450\" show_faces=\"false\" font=\"arial\" action=\"like\" colorscheme=\"light\"><\/fb:like><\/div>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Hier das Einleitungskapitel meines neuen Buches: Viel sind Erinnerungen! 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