{"id":3859,"date":"2017-03-18T14:29:54","date_gmt":"2017-03-18T13:29:54","guid":{"rendered":"http:\/\/www.teeweg.de\/blog\/?p=3859"},"modified":"2017-03-29T09:28:45","modified_gmt":"2017-03-29T08:28:45","slug":"viereinhalb-matten-der-kiefernwind","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.teeweg.de\/blog\/viereinhalb-matten-der-kiefernwind\/","title":{"rendered":"Viereinhalb Matten &#8211; Der Kiefernwind"},"content":{"rendered":"<p>Ich habe einen kleinen Beitrag geschrieben zu dem Teeraum am <a href=\"http:\/\/www.hotel-feuerberg.at\/de\/sommer\/aktiv\/spirit-am-berg\/teeraum\/\" target=\"top\">Feuerberg<\/a>.<\/p>\n<p>Im Norden der alten Kaiserstadt Kyoto liegt verborgen hinter hohen Kamelienb\u00fcschen der \u201aSilberne Pavillon\u2018. Dort residierte der Sh\u014dgun Yoshimasa (15. Jhdt.), der mitten in schrecklichen Zeiten von Krieg und Hungersn\u00f6ten den Frieden seines Herzens suchte. Da berichtete ihm sein Beraten von einem Teemeister mit dem Namen Murata Juk\u014d:<\/p>\n<blockquote><p>Das Singen des siedenden Teekessels beneidet den Wind in den Kiefern und erfreut zu allen Jahreszeiten das Herz.<br \/>\n Neuerdings h\u00f6rt man von einem gewissen Murata Juk\u014d, der sich ganz dem Tee gewidmet hat und in dieser Kunst \u00e4u\u00dferst bewandert ist.<\/p><\/blockquote>\n<p>Der Sh\u014dgun lie\u00df sich einen Teeraum mit viereinhalb Matten errichten und forthin fand er beim Singen des Teekessels seinen Frieden.<br \/>\nDie viereinhalb Matten sind Matten aus Binsengras, die mit gewebtem Reisstroh \u00fcberzogen sind. Sie haben das Standartma\u00df von 95 x 190 cm. Alle traditionellen H\u00e4user in Japan sind von diesem Modul gepr\u00e4gt. Die viereinhalb Matten bilden einen Raum von gerade einmal 8 qm und dennoch sind sie ein Abbild des gesamten Kosmos. Sie bilden ein Quadrat mit einer vollkommenen Harmonie, die genau den Regeln des Fengshui folgen. <\/p>\n<p>Zur Zeit Buddhas lebte der Kaufmann Vimalakirti. Er verlie\u00df seine Heimat und zog sich zur Meditation in eine winzige H\u00fctte in den Bergen zur\u00fcck. Nach der Tradition hatte sie eine Grundfl\u00e4che von 5 Fu\u00df im Quadrat. Das entspricht genau der Fl\u00e4che der viereinhalb Tatami. In dieser schlichten H\u00fctte fand Vimalakirti seinen Frieden und kehrte in seine Heimat zur\u00fcck. Dort lebte er als erfolgreicher Kaufmann, der viele gute Taten vollbrachte. Als er krank wurde, schickte Buddha seine Sch\u00fcler zu ihm, aber keiner wagte es, Vimalakirti zu besuchen, weil er viel gr\u00f6\u00dfer war als sie selbst. Er verwirklichte seinen Frieden mitten im allt\u00e4glichen Leben. Buddhas J\u00fcnger dagegen fanden ihn nur im R\u00fcckzug in die Abgeschiedenheit.<\/p>\n<p>Nach dem Vorbild Vimalakirtis hatte sich der japanische Dichter Kamo no Ch\u014dmei im 13. Jahrhundert in die Berge zur\u00fcckgezogen, um sich in einer kleinen H\u00fctte von 5 Fu\u00df im Quadrat der Musik und Poesie zu widmen.<\/p>\n<blockquote><p>Nun habe ich mein sechzigstes Jahr erreicht, und mein Leben scheint dahinzuschwinden wie ein Tautropfen. So habe ich mir noch einmal eine Behausung f\u00fcr die letzten Jahre meines Daseins gebaut gleich einem Wanderer, der sich f\u00fcr eine Nacht einen Unterschlupf herrichtet, gleich einer alternden Seidenraupe, die sich einen Kokon spinnt. <\/p><\/blockquote>\n<p>Die H\u00fctte ist &#8211; wie die H\u00fctte Vimalakirtis &#8211; nicht prachtvoll und mit Gold und dem Glanz des Reichtums ausgestattet. Sie soll lediglich vor Wind und Wetter sch\u00fctzen und ist aus einem bewussten Verzicht auf die Pracht der Pal\u00e4ste nur f\u00fcr den Augenblick errichtet. <\/p>\n<p>Als der Haikudichter Bash\u00f4 (17. Jhdt.) in der Einsamkeit der abgeschiedenen Berge unterwegs war, traf er auf die H\u00fctte, die sich einst sein alter Zen-Lehrer Butch\u00f4 gebaut hatte. Butch\u00f4 hatte diese H\u00fctte nicht als komfortable Unterkunft gebaut, dazu ist der Aufenthalt viel zu fl\u00fcchtig. An die Wand der H\u00fctte hatte er mit einem verkohlten Holzst\u00fcck geschrieben:<br \/>\n<div class=\"column-group columns-2\"><br \/>\n<div class=\"column column-number-1 column-span-1\"><p>\nTateyoko no<br \/>\nGoshaku ni taranu<br \/>\nKusa no io<br \/>\nMusubu mo kuyashi<br \/>\nAme nakeriseba<\/p>\n<\/div><br \/>\n<div class=\"column column-number-2 last column-span-1\"><p>\nIn L\u00e4nge und Breite<br \/>\nmi\u00dft diese Grash\u00fctte kaum<br \/>\nf\u00fcnf Fu\u00df! \u2013 H\u00e4tte ich mich<br \/>\nabgem\u00fcht, sie zu errichten,<br \/>\nwenn es den Regen nicht g\u00e4be?<\/p>\n<\/div><br \/>\n<\/div><br \/>\nIn den \u00bbAufzeichnungen des M\u00f6nches Namb\u014d\u00ab erkl\u00e4rt der gro\u00dfe Teemeister des 16. Jhdt. Sen No Riky\u016b das Wesen des Teeweges:<\/p>\n<blockquote><p>Sich an der gro\u00dfartigen Konstruktion eines Hauses und an dem Geschmack erlesener Speisen zu freuen, ist eine sehr weltliche Angelegenheit. Uns gen\u00fcgt ein Haus, durch dessen Dach es nicht regnet, und ein Mahl, bei dem gerade der Hunger gestillt ist. Das entspricht der Lehre Buddhas und dem wahren Geist der Teekunst. Man bringt Wasser herbei, sammelt Brennholz, erhitzt das Wasser und bereitet Tee. Dann bringt man ihn dem Buddha dar, reicht ihn den anderen und trinkt ihn auch selbst. Man arrangiert Blumen und entz\u00fcndet Weihrauch. Durch all dies formen wir uns selbst nach den Taten Buddhas und der vergangenen Meister zu wandeln.  Alles andere musst du aus Dir selbst verstehen lernen.<\/p><\/blockquote>\n<p>Namb\u014d war ein buddistischer M\u00f6nch. Aber man muss nicht der Lehre Buddhas folgen, um den Segen des Teeweges zu erleben. Auch die Jesuiten, die im 16. Jhdt. in Japan missionierten, \u00fcbten begeistert und flei\u00dfig die Teezeremonie. In jeder Missionsstation gab es einen Teeraum. Noch heute erinnern viele Bewegungen bei der Teezeremonie an die katholische Messfeier. Die gemeinsame Feier des Tees ist eine Feier des Lebens, unabh\u00e4ngig von Herkunft, Religion, Geschlecht oder gesellschaftlicher Stellung. Denn alle Menschen sind nach der Philosophie des Teeweges im Teeraum gleich.<\/p>\n<p>Kamo No Ch\u014dmei vergleicht seine winzige H\u00fctte mit dem Kokon einer Seidenraupe. Der Kokon ist nicht nur eng, er bildet auch den Schutz, in dem sich die Raupe in einen wundervollen Schmetterling verwandelt. Und so ist auch der Teeraum ein Ort der Verwandlung. Es ist kein endg\u00fcltiger R\u00fcckzug aus dem Leben, sondern ein Ort der Sammlung und Besinnung. Gest\u00e4rkt kehrt man dann wieder aus der Stille in den Alltag zur\u00fcck, der sich aber hoffentlich verwandelt und den hektischen Andrang der Dinge verloren hat.<\/p>\n<p>Im Teeraum versammeln sich der Gastgeber und seine G\u00e4ste, um nach einem alten Ritual den Tee aus gemahlenem Teepulver und hei\u00dfem Wasser zu bereiten und zu genie\u00dfen. Schweigend bereitet der Gastgeber die Teeger\u00e4te vor, die er zun\u00e4chst achtsam und rituell reinigt. Diese Reinigung dient zugleich dazu, alle Hektik des Alltags auszublenden und in die Stille zu finden. Bewegung und Atmung bilden eine Einheit und in gemessenen Bewegungen \u201atanzt\u2018 der Teemeister den Tee. Unmerklich gleiten die G\u00e4ste, geleitet vom Tee-Tanz in die Stille, die der Gastgeber schon im Vorbereitungsraum einge\u00fcbt hat. Der Duft des frisch aufgebr\u00fchten Tees erf\u00fcllt den Raum, der Teekessel singt sein Lied der Stille und die Blume leuchtet in der Schmucknische und zeigt die Jahreszeit an. Einer meiner Lehrer &#8211; ein amerikanischer Jesuit, der in Japan zum Teemeister \u201akonvertiert\u2018 war &#8211; hat einmal gesagt: \u00bbSogar ein Idiot w\u00fcrde in einem solchen Raum in die Stille finden!\u00ab<\/p>\n<p>Der Dichter Bash\u014d war sein ganzes Leben auf Wanderschaft, denn er verstand das Leben als eine unentwegte Wanderung. Bis auf das Sterbebett bleibt der Wunsch nach urspr\u00fcnglicher Geborgenheit. Ganz besonders aber im Herbst, wenn das Laub f\u00e4llt und der Winter naht, sehnt sich das Herz nach Geborgenheit, die in der Stille der viereinhalb Matten des Teeraumes ihren Frieden findet:<br \/>\n<div class=\"column-group columns-2\"><br \/>\n<div class=\"column column-number-1 column-span-1\"><p>\nAki chikaki<br \/>\nkokoro no yoru ya<br \/>\nyo jo han<\/p>\n<\/div><div class=\"column column-number-2 last column-span-1\"><p>\nDer Herbst kommt heran.<br \/>\ndas Herz erf\u00fcllt von Sehnsucht:<br \/>\nviereinhalb Matten!<\/p>\n<\/div><br \/>\n<\/div><br \/>\nDer Teeraum auf dem Feuerberg hat &#8211; wie es sich f\u00fcr einen japanischen Teeraum geh\u00f6rt &#8211; auch einen traditionellen Namen: H\u014drai-An. Der H\u014drai-San ist der G\u00f6tterberg der japanischen und chinesischen Mythologie. Er liegt ganz weit im Nordosten. Dort wohnen die Gl\u00fccksg\u00f6tter und sie senden ihre Gaben auf einem Schatzschiff zu den Menschen. Die Gaben sind langes Leben, Weisheit, Sch\u00f6nheit und Harmonie, Musikalit\u00e4t, Tapferkeit und Wohlergehen. \u201aAn\u2018 ist eine kleine Klause, in die man sich zur\u00fcckzieht, um dort bei Studien, Musik und Poesie den inneren Frieden zu finden. Ein klein wenig ist ja auch der Feuerberg ein Ort der Stille und des R\u00fcckzugs von der Hektik des Alltags. Was passt also besser zu dem Teeraum am Feuerberg als \u00bbKlause am G\u00f6tterberg\u00ab.<br \/>\nIn der Schmucknische h\u00e4ngt die Schrift eines alten Zenmeisters aus dem Daitokuji Tempel, die er im Alten von 90 Jahren geschrieben hat: <\/p>\n<blockquote><p>DOKU SA DAI JU H\u014c &#8211; Allein  sitzen auf dem Gipfel des Dai-J\u016b Berges.<\/p><\/blockquote>\n<p>Der Dai-j\u016b Gipfel liegt in einer zerkl\u00fcfteten Gebirgsgegend Chinas. W\u00f6rtlich bedeutet der Name Dai-J\u016b: Gro\u00dfer Held. Damit wird Buddha selbst bezeichnet. Nahe des Gipfels hatte sich der Zenmeistern Hyakuj\u014d seine winzige H\u00fctte neben einem m\u00e4chtigen Wasserfall gebaut. Hyakuj\u014d hatte den Namen des Berges angenommen, denn das ist ein anderer Name des Dai-J\u016b Berges. Ein M\u00f6nch fragte den Meister Hyaku-J\u016b \/ Dai-J\u016b: \u00bbWas ist das gr\u00f6\u00dfte Wunder?\u00ab Der Meister antwortete: \u00bbAllein auf dem Gipfel des Berges sitzen!\u00ab Jeder Ort, an dem wir in die Stille kommen, wird zum Dai-J\u016b Gipfel. Dazu muss man nicht nach China reisen.<br \/>\nNichts Besonderes: Einfach nur sitzen! Fern von jeder Hektik gemeinsam die Stille genie\u00dfen und den Stimmen der Natur lauschen! Vielleicht auch einfach beim Gesang des Teekessels und einer Schale Tee.<\/p>\n<div class=\"thanks_button_div\" \n                  style=\"float: left; margin-left: 0px;\"><div id=\"thanksButtonDiv_3859_1\" style=\"background-image:url(http:\/\/www.teeweg.de\/blog\/wp-content\/plugins\/thanks-you-counter-button\/images\/thanks_large_blue.png); background-repeat:no-repeat; float: left; display: inline;\"\n                onmouseover=\"javascript:thankYouChangeButtonImage('thanksButtonDiv_3859_1', true);\" \n                onmouseout=\"javascript:thankYouChangeButtonImage('thanksButtonDiv_3859_1', false);\"\n                onclick=\"javascript:thankYouChangeButtonImage('thanksButtonDiv_3859_1', false);\" >\n                <input type=\"button\" onclick=\"thankYouButtonClick(3859, 'You left &ldquo;Thanks&rdquo; already for this post')\" value=\"Danke 138\"\n                  class=\"thanks_button thanks_large thanks_blue\"\n                  style=\"  font-family: Verdana, Arial, Sans-Serif; font-size: 14px; font-weight: normal;; color:#39b778;\"\n                  id=\"thanksButton_3859_1\" title=\"Click to leave &ldquo;Thanks&rdquo; for this post\"\/>\n             <\/div><div id=\"ajax_loader_3859_1\" style=\"display:inline;visibility: hidden;\"><img decoding=\"async\" alt=\"ajax loader\" src=\"http:\/\/www.teeweg.de\/blog\/wp-content\/plugins\/thanks-you-counter-button\/images\/ajax-loader.gif\" \/><\/div><\/div><div id=\"wp_fb_like_button\" style=\"margin:5px 5px 5px 0;float:left;height:100px;\"><script src=\"http:\/\/connect.facebook.net\/en_US\/all.js#xfbml=1\"><\/script><fb:like href=\"https:\/\/www.teeweg.de\/blog\/viereinhalb-matten-der-kiefernwind\/\" send=\"false\" layout=\"standard\" width=\"450\" show_faces=\"false\" font=\"arial\" action=\"like\" colorscheme=\"light\"><\/fb:like><\/div>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ich habe einen kleinen Beitrag geschrieben zu dem Teeraum am Feuerberg. 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